Archiv der Kategorie: # Ansprachen beim Parkgebet

Ansprache beim Parkgebet am 21. Januar 2016 von Pfarrer i.R. Gunther Leibbrand

Liebe Parkgebetsgemeinde,
am Montag dieser Woche, als ich diese Ansprache schrieb, lautete die Herrnhuter Tageslosung folgendermaßen:

„So spricht der Herr, der einen Weg bahnt im Meer und einen Pfad in mächtigen Wassern …
Seht, ich schaffe Neues, schon sprießt es, erkennt ihr es nicht?“ (Jesaia 43,16)

In diesem schönen Wort vom Sprießen des Neuen, das die Angesprochenen in ihrer aktuellen Not so schwer nur erkennen können, verbindet der Prophet Jesaja das Heute mit einer uralten Erfahrung seines Volkes: Als sein Gott ihm aus der Sklaverei wundersam herausgeholfen hatte, indem er ihm einen Fluchtweg, selbst durch ein Meer hindurch, bahnte, bis zu dem es hatten fliehen können, das es jetzt aber endgültig aufzuhalten drohte. So wäre es beinahe den Streitwagen des Pharao zum Opfer zu fallen. Aber so weit kam es nicht, weil Gott dem Mose die Wundermacht verlieh, die Wasser des Meeres zu teilen, sodass das Volk Israel weiterfliehen konnte. Aber nicht nur das: Als es gerade hindurchgekommen war und die Ägypter, ihnen nach, auch über den vormaligen Grund des Meeres, es fast erreicht hatten, ließ Mose das Meer wieder zurückströmen, sodass die Streitmacht jämmerlich von den Wassermassen ersäuft wurde.
Kein zimperliches Bild, sondern ein höchst dramatisches, für nicht wenige Menschen auf dieser Erde ein sehr realistisches Bild.

Ich bin froh, dass wir eine solche Losung heute vorgelegt bekommen. Denn auch wir – die wir nicht das Volk Israel sind – aber eines, das eingeladen ist, sich im Namen dieses Volkes von dessen Gott Segen erbitten zu dürfen, können von seiner Erfahrung lernen. Auch wir brauchen immer wieder ein Trostwort, das uns aufbaut. Ein Zeichen, an das wir uns erinnern könnten, oder wenigstens eines aus der Jetzt-Zeit, das wir eigentlich sehen könnten, das uns Mut machen könnte, wenn wir es bloß richtig zu deuten verstünden!
Ich will versuchen, Ereignisse aus unserem heutigen Zusammenhang, die es tatsächlich gibt, als Zeichen eines Neuen zu deuten, mit denen Gott uns Mut machen will:

– Zum ersten ist da der Beschluss des Verwaltungsgerichts Stuttgart vom 18. November 2015, der die brutale Polizeigewalt am 30.9.2010 gegen berechtigten Bürgerprotest als ungesetzlich feststellte.

– Dann ist da die Entscheidung von Land und Stadt, die gegen diesen Gerichtsbeschluss Revision hätten beantragen können, dieses bemerkenswerter Weise nicht zu tun.

– Und dann ist da noch eine andere bemerkenswerte Entwicklung: Der Herrenknecht-Bohrer hat den Rückzug vor der berüchtigten, aber bisher in ihrer Gefährlichkeit von den Betreibern und Befürwortern von S 21 verharmlosten, Gipsschicht angetreten!

Noch sind wir nicht so weit, dass Frau Merkel das gegen viele geltende Gesetze von ihr durchgeboxte Projekt S 21 beendet hätte. Aber Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 24. November 2015 von Pfarrer i.R. Gunther Leibbrand

Jutta liest Euch heute vor, was ich eigentlich selber tun wollte. Leider bin ich wegen einer zeitgleich sich treffenden Arbeitsgruppe der AnStifter verhindert – wegen unserer Solidarität mit Sant‘Anna di Stazzema. Aber ich bin in Gedanken und im Gebet und eben durch die hier vorgetragenen Überlegungen ganz bei Euch.

Am Dienstag dieser Woche saß ich deshalb an meinem Schreibtisch. Und deshalb auch unter dem Lehrtext zur Herrnhuter Tageslosung, der so lautete:
„und erlöse uns von dem Bösen“.
Es ist „das Böse“, das damals am 30.9.2010 wahrlich erschreckende Bilder heraufbeschwor – einschließlich des obligaten Chores der verharmlosenden Beschwichtigung im Sprachgebrauch fast aller Großkopferter, die darüber reden und schreiben, hier sei etwas „aus dem Ruder gelaufen“.
Das Gegenteil ist nun gerichtlich festgestellt: Am Schwarzen Donnerstag wurde das Recht von staatlichen Stellen eindeutig gebrochen.

Dieter Reicherter hat auf der Montagdemonstration dieser Woche hierfür klare und nüchterne Worte gefunden. Ich zitiere, wie er anhob:
„Liebe Freundinnen und Freunde der Gerechtigkeit,
manchmal geschehen doch noch Zeichen und Wunder! Zwar hatten wir auch schon in der Vergangenheit immer wieder Erfolge bei Stuttgarter Gerichten, was viele vergessen oder verdrängt hatten. Man denke nur an Entscheidungen zu den von der Versammlungsbehörde missbilligten Orten für unsere Demos, Baustopps, Freisprüche bei Nötigungsvorwürfen, Aufhebung von polizeilichen Maßnahmen beim Blockadefrühstück.
Jetzt aber hat das Stuttgarter Verwaltungsgericht für juristische Klarheit und Aufmerksamkeit in der ganzen Republik gesorgt. Alles, was vom polizeilichen Vorgehen am 30.9.2010 zur gerichtlichen Überprüfung anstand, wurde ohne Wenn und Aber für rechtswidrig erklärt: Platzverweise, Androhung des unmittelbaren Zwangs, Einsatz von Pfefferspray und Wasserwerfern. Von Schlagstockeinsätzen war keiner der Kläger betroffen, doch waren diese ebenso rechtswidrig“

Lassen Sie mich diese ruhigen Ausführungen Dieter Reicherters an „die Freundinnen und Freunde der Gerechtigkeit“, die ja auch heute Abend hier wieder zusammengekommen sind, mit ähnlich ruhigen und zugleich festen und wahrhaft souveränen Worten dieses Lehrtextes in Beziehung setzen. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 15. Oktober 2015 von Pfarrer Martin Poguntke

Bitte hier klicken, um die Ansprache als pdf-Datei herunterzuladen:
Parkgebet, 151015, Heilung des Gelähmten

Liebe Parkgebetsgemeinde,

Eberhard Dietrich hatte letztes Mal zufällig über genau diesen Psalm 32 gesprochen, den wir vorhin gebetet haben – und er hat sehr Wichtiges dazu gesagt. Nämlich, dass in Stuttgart der Rechtsfrieden gestört ist, weil die Verantwortlichen für den 30.9. sich noch immer nicht zu ihrer Schuld bekannt haben. Unvergebene Sünden stehen noch im Raum.
Auch im Predigttext vom vergangenen Sonntag – in der Geschichte von der Heilung eines Gelähmten aus Markus 2, Vers 1 bis 12 – spielt diese Sündenvergebung eine Rolle. Ich will deshalb heute ein wenig mit Ihnen über diese Geschichte nachdenken.

Ich bin ja der Überzeugung, dass die biblischen Schriftsteller die Wundergeschichten vor allem deshalb weitererzählt haben, weil sie und ihre LeserInnen selber darin vorkommen.
Deshalb will ich mich heute Abend mit Ihnen, liebe Parkgebetler, auf die Suche machen: Wo kommen wir denn in der Geschichte vor? Ich erzähle sie kurz:
Jesus war wieder zurück nach Kapernaum gekommen. Nicht nur die Frommen strömten herbei, sondern auch all die Neugierigen, die einfach bloß sehen und hören wollten, was dieser Wanderprediger wohl sagen und tun würde.
Und ein paar Freunde eines gelähmten Mannes versuchten nicht nur, selbst zu Jesus vorzudringen, sondern für ihren gelähmten Freund vielleicht die Chance seines Lebens zu nutzen. Aber es gab kein Durchkommen, die vielen Leute verstopften die Eingänge und machten keinen Platz für sie.
Da nahmen sie die Matratze, auf der sie den Gelähmten hergetragen hatten, und stiegen den Leuten buchstäblich aufs Dach – das muss man manchmal tun, auch auf Bahnhofsdächern–, räumten oben ein paar Ziegel ab und seilten ihren auf Heilung Hoffenden direkt vor Jesu Füße ab.
Und Jesus macht nun etwas ganz Überraschendes: Er heilt den Gelähmten nicht, sondern er sagt zu ihm: Deine Sünden sind dir vergeben.
Jesus vergibt dem Gelähmten die Sünden, und eigentlich nur nebenbei – weil die Leute glauben, es sei schwieriger einen Gelähmten zu heilen als Sünden zu vergeben – nur so als Ergänzung sagt schließlich Jesus zu dem Mann in der Mitte: Nimm deine Matratze und geh heim. Und der geht tatsächlich heim – geheilt von seiner Lähmung.
Und die Leute scheinen nicht zu erkennen, was für eine tiefe Heilung hier geschehen ist. Sie nehmen nur die Sensation wahr: „Wow, so etwas haben wir ja noch nie gesehen!“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Parkgebetsgemeinde. Aber ich fühle mich schon auch immer wieder wie gelähmt, dabei zum Zusehen verdammt, wie sie da unsere Stadt und einen der besten Bahnhöfe Deutschlands ruinieren. All mein Tun kommt mir dann vor wie das hilflose Fuchteln des Gelähmten, der dadurch doch nicht vom Fleck kommt.
Ohne die Hilfe der anderen geht gar nichts. Und das Schlimme: Sind nicht die anderen hier in Stuttgart alle gleich gelähmt wie ich? Sind nicht die einzigen Nicht-Gelähmten die Betreiber und Unterstützer von S21? Sie handeln doch Tag um Tag! Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 1.10.2015 zu Psalm 32,1-5 von Pfr. i. R. Eberhard Dietrich

V. 1 Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist.
V. 2 Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Betrug ist.
V. 3 Denn als ich es wollte verschweigen,
verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.
V. 5 Darum bekannte ich dir meine Sünde
und meine Schuld verhehlte ich nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen.Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünden.
Liebe Parkgemeinde

1.Der Psalm und seine Bedeutung
Wenn ich heute diesen ungewöhnlichen Bibeltext der Ansprache zugrunde lege, will ich ein paar einleitende und erklärende Worte voranschicken. Psalm 32 ist der zweite von sieben „Bußpsalmen“ der Kirche. Er ist in der Lutherbibel überschrieben:
„Vom Segen der Sündenvergebung“.
Der Anfangsvers nimmt uns gleich in diesen Gedanken hinein:
„Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist!
Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Betrug ist!“

Zuerst wollte der Beter seine Sünde verschweigen, doch er merkte, wie sich die Sünde wie ein Virus in seinem Körper auswirkte. Und er merkte die Hand Gottes, die schwer auf ihm lag. Wir würden heute sagen: Er hatte ein schlechtes Gewissen.
Das brachte ihn dazu Gott seine Sünde und
Schuld zu bekennen und er erfuhr Vergebung und Befreiung und ein erleichtertes Gewissen. Auf diese Weise ist dieses ganz intime Bekenntnisse der Schuld vor Gott zugleich auch Modell und Vorbild für andere, mit ihrer eigenen Schuld umzugehen.

2.Die öffentliche Dimension ihrer Taten: Störung des Rechtsfriedens. Wer zu den Tätern gehört
Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, wie die Täter vom 30. 9. mit ihrer Schuld vor Gott umgehen oder umgegangen sind. Das würde bedeuten, ihre Schuld einfach auf ihr Privatleben zu beschränken, und damit wäre ihr Tun für die Öffentlichkeit irrelevant.
Das Verhalten der Täter, ihr Tun und Agieren hat den Rechtsfrieden in unserer Bürger und Zivilgesellschaft empfindlich verletzt. Darüber wollen und müssen wir sprechen. An diese persönliche Schuld der Täter wollen wir erinnern.
Täter, um das noch einmal zu wiederholen, das sind für mich die Polizisten auf allen Stufen der Hierarchie, aber auch die Akteure im Hintergrund in der Politik, nicht nur damals vor fünf Jahren, sondern in gleicher Weise bis heute. Keiner der Verantwortlichen hat bis heute ein solches Schuldeingeständnis gemacht.

Was am 30. September 2010 passierte, war kein Tsunami, der über den Schlossgarten hereinbrach. Hier waren Menschen beteiligt. Alles war von langer Hand vorbereitet und geplant. Dabei wurde billigend in Kauf genommen, dass Menschen verletzt wurden, ja vielleicht nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern mit Absicht. Denn warum hat man die Sanitäter nicht in den Schlossgarten gelassen?

Jeder einzelne von den Tätern hätte anders gekonnt.
Der Polizeipräsident hätte den Einsatz abbrechen können.
Die Täter in den Reihen der Polizisten hätten nur ihre Vorschriften beachten müssen.
Die Politiker und Justiz hatten fünf Jahre Zeit, ihre Pflicht zu tun und das Strafrecht anzuwenden.
Aber sie haben es nicht getan. Das ist ihre Schuld.
Was wir fordern und erwarten ist nicht eine oberflächliche Entschuldigung, wie wir es uns im Alltag angewöhnt haben mit den Worten: „Ach Entschuldigung“, eine Floskel, die wir letztlich gar nicht ernst meinen. Oder wie viele sagen: „Schwamm drüber“, so als wenn man früher auf einer Schiefertafel einfach einen Fehler wegwischte.
Wir fordern von den Tätern und Verantwortlichen das Eingeständnis ihrer individuellen Schuld, die Reue und die Bitte um Vergebung bei den Opfern. Erst dann ist Vergebung möglich. Und wir werden nicht müde werden, daran zu erinnern, bis der Rechtsfrieden wieder hergestellt ist.
Es ist unsere Aufgabe, die Gewissen zu schärfen, nicht sie einzulullen. Es ist unsere Aufgabe beharrlich das Unrecht zu benennen
und Vergebung zu verweigern.

3. Warum wir nicht vergessen dürfen
Warum aber soll man Schuld nach so langer Zeit thematisieren und daran erinnern?
Müssen wir uns als Christen nicht für Versöhnung und Vergebung stark machen? Als Christen müssen wir auch mal einen Schlussstrich unter Vergangenes ziehen. In der Tat, das müssen wir. Aber wie wir im Psalm gelernt haben, steht vor der Vergebung und Versöhnung und dem guten Gewissen das Eingeständnis der Schuld. Auch von der Psychologie her wissen wir, dass man Schuld nicht einfach unter den Teppich des Verdrängens und Vergessens kehren darf.

Und ich erinnere an eine kleine Szene aus dem Leidensgeschichte Jesu. Als während des Verhörs vor dem Hohenpriester einer der Soldaten ihn grundlos ins Gesicht schlägt, stellt er ihn zur Rede. „Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich recht geredet, was schlägst du mich? (Joh. 18,23)
Das heißt für mich: Wir dürfen das Unrecht beim Namen nennen und den Täter an seine böse Tat erinnern.

Wenn wir uns gegen das Vergessen aussprechen, dann aus zwei Gründen:
Der Rechtsfrieden muss wieder hergestellt werden. Ein gedeihliches Zusammenleben in unserer Stadt, in unserer Bürger- und Zivilgesellschaft kann es nicht geben, solange offensichtliches Unrecht ungesühnt bleibt, solange Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Wenn wir das Unrecht einfach vergessen, dann rechtfertigen wir die Täter und geben ihnen im Nachhinein Recht und ein gutes Gewissen.

Nicht nur als Christen wissen wir um die unheilvolle Macht des Bösen. Und dieses Böse, diese Schuld muss vergeben werden, erst dann ist ein Neuanfang möglich. Um zu vergeben, muss der Täter seine Schuld einsehen, anerkennen und um Vergebung bitten
und sofern es möglich ist, wieder gut machen und sühnen. Erst dann ist Vergebung keine billige wohlfeile Gnade, so nach dem Motto eines Spötters über den christlichen Glauben der sagte: Der Beruf des lieben Gottes ist es eben zu vergeben. Und er wollte damit wohl sagen: Jetzt können wir Menschen eben tun und lassen, was wir wollen, es hat keine Konsequenzen weder bei Menschen noch bei Gott.

Wir stemmen uns zweitens gegen das Vergessen um der Opfer willen. Das sind wir auch den Opfern gegenüber schuldig. Viele von uns wurden verletzt an Leib und Seele. Wenn wir das Böse einfach vergessen, machen wir sie erneut zu Opfern. Dann nehmen wir ihre Verletzungen nicht ernst und erwarten von ihnen, wenn auch unausgesprochen, das alles einfach wegzustecken.
Wir wollen uns nicht scheuen, das als Unrecht, als Böses zu benennen, auch wenn es vielleicht ein weltlicher Richter anders sieht oder entschuldigt.
Das Tun der Täter ist nicht einfach blindes Geschick oder Schicksal, sondern persönliche Schuld. Sie hätten auch anders gekonnt, wenn sie gewollt hätten. Gestörter Rechtsfrieden ist gestörte Gemeinschaft und die kann nur durch die Gemeinschaft wieder geheilt werden. Nur so ist ein Neuanfang möglich.
4.Gegen alle Selbsttäuschung
Und damit kommen wir zu einem letzten Gedanken unseres Psalmes. „Wohl dem Menschen, in dessen Geist kein Betrug ist.
Wir erleben es gerade im Hinblick auf den Schwarzen Donnerstag, wie gewissenlos Menschen im Umgang mit ihren Mitmenschen sein können. Warum können sie so handeln? Der Psalm spricht von Betrug, Täuschung, wir könnten auch sagen: Ausreden, Rationalisierungen..

Kaschieren von Gewalt. Auskosten von Macht. Ich erinnere an die kleine Szene aus dem Markusevangelium, wo Jesus vor denen warnt, die bei den Menschen als die Herrscher gelten und die ihre Völker nieder halten und ihnen Gewalt antun. (Mk 10,42)

Der Polizeipräsident hat z.B. ein halbes Jahr später in der Hospitalkirche eine Plattform bekommen, sich zu rechtfertigen und er stellte sein Tun unter das Motto: „Wieviel Sicherheit braucht unser Zusammenleben?“
Perverser geht es wohl nicht mehr. Als wenn die Sicherheit für die Stadt von einer friedlichen Schülerdemo gefährdet worden wäre.

Vielleicht werden Menschen erst zu solchen Taten fähig, weil sie sich etwas vormachen, sich selbst betrügen, weil sie Gottes Gebote missachten, ihren Gehorsam gegen Befehle als höchsten Wert ihres Lebens sehen, ihre Karriere nicht gefährden wollen oder einfach feige sind.
Über die Motive der Täter kann man trefflich spekulieren.
Wir aber messen sie an ihren Taten.
Wir wollen nicht mehr aber auch nicht weniger als dass das Unrecht erkannt und gesühnt wird. „Wohl dem Menschen, in dessen Geist kein Betrug ist.“

Rede beim Parkgebet am 18.6.15 von Heinz Wienand

Impulstext
Farin Urlaub, Deine Schuld

(Text und Musik auch im Kirchentags-Liederbuch Nr. 107)

Hast du dich heute schon geärgert, war es heute wieder schlimm?
Hast du dich wieder gefragt, warum kein Mensch was unternimmt?
Du musst nicht akzeptieren, was dir überhaupt nicht passt,
wenn du deinen Kopf nicht nur zum Tragen einer Mütze hast.

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

Glaub keinem, der dir sagt, dass du nichts verändern kannst.
Die, die das behaupten, haben nur vor Veränderung Angst.
Es sind dieselben, die erklären, es sei gut so, wie es ist.
Und wenn du etwas ändern willst, dann bist du automatisch Terrorist.

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.
Weil jeder, der die Welt nicht ändern will, ihr Todesurteil unterschreibt.

Lass uns diskutieren, denn in unserm schönen Land
sind zumindest theoretisch alle furchtbar tolerant.
Worte wollen nichts bewegen, Worte tun niemandem weh.
Darum lasst uns drüber reden, Diskussionen sind okay.
Nein, geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstriern,
denn wer nicht mehr versucht zu kämpfen, kann nur verliern.
Die dich verarschen, die hast du selbst gewählt,
darum lass sie deine Stimme hörn, denn jede Stimme zählt.

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

Liebe Parkgemeinde!

„Das Gewurschtel am Bahnhof finde ich gar nicht so schlimm“, meinte ein Kirchentagsbesucher, als ich ihm vor einer Schule den Flyer „kann denn Bahnhof Sünde sein …“ entgegenstreckte. Er kam hörbar nicht aus dem Ländle. Vermutlich hatte er auf dem Weg vom Durchgang zur Bahn-hofshalle seinen Kopf durch eines der Fenster gestreckt und in eine der Baugruben geschaut. Den Flyer lehnte er dankend ab.

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag ist Geschichte. Das Programm wies – sage und schreibe – über 2.000 Veranstaltungen auf! 95.000 Dauergäste nahmen teil. Landesbischof July und der Präsident des Kirchentags, Professor Barner, lobten die Vielfalt der Themen und die Lockerheit der Teilnehmenden. OB Fritz Kuhn lobte den Kirchentag über den grünen Klee und bezeichnete ihn als ein „Geschenk für Stuttgart“.

Im Programm des Kirchentags spielte Stuttgart 21 so gut wie keine Rolle. Obwohl das Präsidium im Jahr 2011 Stuttgart als Ort des 35. Kirchentags auserkor mit der Begründung, die baden-württembergische Landeshauptstadt habe im Streit um das Projekt Stuttgart 21 neue Formen offener und öffentlicher Debatte erlebt. Nachhaltiger Protest und zivilgesellschaftliches Engagement hätten eine Diskussion über die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Entscheidungen in der Demokratie ausgelöst. In diesem Kontext habe der Kirchentag die Einladung nach Stuttgart besonders gern angenommen. So die offizielle Verlautbarung.

Dennoch war das Thema Stuttgart 21 präsent. Weiterlesen

Rede beim Parkgebet am 16.4.15 von Heinz Wienand

Liebe Parkgemeinde!

Am 9. April 1945, also vor 70 Jahren, wurde Dietrich Bonhoeffer von den Nationalsozialisten in Flossenbürg hingerichtet. Er war erst 39 Jahre alt. Er wurde als sechstes von acht Kindern am 4. Februar 1906 in Breslau geboren und wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Kirche und Religion tauchten im Alltag der Bonhoeffers zwar auf. Aber, wie Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge schreibt: „Das christliche Wesen war in diesem evangelischen Haus mehr hinter- und unter-gründig zu spüren.“ Das Verhältnis der Familie zum Glauben war freundlich bis distanziert. „Zu schade für Dich“, befand der Vater, als sein Sohn vom Entschluss zum Theologiestudium berich-tete. Später korrigierte er sich seinem Sohn gegenüber mit den Worten er habe sich „gröblich getäuscht“.
Schon als Theologiestudent setzte sich Dietrich für Frieden und Gerechtigkeit ein. Bald nach der Machtübertragung von Reichspräsident Hindenburg an Adolf Hitler schloss sich Bonhoeffer der Bekennenden Kirche an.

Die Bekennende Kirche verstand sich als Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen die Versuche einer Gleichschaltung von Lehre und Organisation, wie sie von den Nazis durchgesetzt wurde. Die Nationalsozialisten setzten kurzerhand den Reichsbischof Müller ein, der die Leitung der sog. „Deutschen Christen“ übernahm. In der berühmten „Barmer Erklärung“ von Mai 1934 widersetzte sich die Bekennende Kirche gegen die Gleichschaltung und erklärte, sie sei die einzige rechtmäßige Vertretung der evangelischen Christen Deutschlands. Mit der Ablehnung der „Deutschen Christen“ lehnte sie zugleich den Nationalsozialismus ab und wandte sich gegen staatliche und innerkirchliche Übergriffe auf das christliche Glaubensbekenntnis. Damit war die Spaltung der evangelischen Kirche in der Haltung zu Hitler besiegelt.

Dietrich Bonhoeffer, einer der führenden Köpfe der Bekennenden Kirche, war seitdem der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. Er kritisierte den Antisemitismus in einer Weise, die Geschichte machte. Als ihm 1937 die Lehrerlaubnis entzogen wurde, schloss er sich dem Widerstand an und unterstützte die Attentatspläne gegen Hitler. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 2. April 2015 von Pf.i.R. Gunther Leibbrand

Liebe Parkgemeinde,
heute ist Gründonnerstag. Ein Tag, an dem Christen sich an Jesu bevorstehendes Leiden und Sterben erinnern.
Wir tun dies als Christinnen und Christen, die sich hier unter Protest an einer der Baugruben versammeln, die einen funktionierenden Bahnverkehr zu Grabe tragen wollen.

Es würde den Rahmen sprengen, all die Einzelheiten erwähnen zu wollen, die unseren Protest bis zum heutigen Tage nicht erlahmen lassen. Aber eine Hauptsache soll genannt werden: Die Kräfte, die hier am Werke sind, missachten sowohl geltendes Recht, das den Rückbau von Infrastrukturmaßnahmen wie den Schienenverkehr in Deutschland mit Steuermitteln ausdrücklich verbietet. Genauso, wie die Art und Weise der Durchsetzung ihrer fraglichen Absichten nicht konform geht mit einschlägigen Vorschriften rechtsstaatlicher Polizeiarbeit.

Wie können wir diese Dinge zusammenbringen mit dem Gedenken an das Leiden und Sterben Jesu?
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Ansprache beim Parkgebet am 5.3.2015 zu Mt 4,8-10 von Friedrich Gehring

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan, denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ (Mt 4,8-10)

Liebe Parkgebetsgemeinde,
wer ist dieser Teufel, der Jesus die Weltherrschaft anbieten kann unter der Bedingung, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten? Weiterlesen

Parkgebetansprache von Gunther Leibbrand am 20.11.14

 

Liebe Parkgebetsgemeinde,

wir stünden nicht hier, wenn es nicht schlecht bestellt wäre um
– die soziale Gerechtigkeit,
– eine unparteiische Rechtsprechung
– und eine gesetzestreue Regierung, die dem Wohl des Volkes verpflichtet ist – und nicht der Verwandlung von allem und jedem in eine Ware, mit der Geld zu machen ist.

Alles miteinander konkretisiert sich beispielhaft in dem, was unter der Bezeichnung ‚Stuttgart 21′ vor unseren Augen inszeniert und in die Tat umgesetzt wird.

Ich möchte nicht zum 1001. Male die traurigen Einzelheiten benennen, sondern vielmehr unsere Aufmerksamkeit auf die Quelle lenken, aus der sich weiterhin unsere Empörung speist und unser Widerspruch seine Kraft schöpft. Weiterlesen

Parkgebetansprache von Friedrich Gehring am 6.11.2014

Jesaja, Kapitel 5, Verse 1 bis 8: Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen!

Schon etwa 750 v. Chr. warnt Jesaja die Reichen seiner Zeit, die immer mehr wirtschaftliche Macht erstreben, um diese zu missbrauchen, und sagt ihrem Treiben den Untergang voraus. Seine Unheilsweissagung ist heute hochaktuell. Weiterlesen

Parkgebet-Ansprache von Heinz Wienand am 10. Juli 2014

Epheser-Brief, Kapitel 5, Verse 6-7 und 10-11
6 Lasst euch von niemandem verführen, der euch durch sein leeres Geschwätz einreden will, dass dies alles harmlos sei. Gottes Zorn wird alle treffen, die ihm nicht gehorchen. 7 Darum meidet solche Leute. […] 10 Prüft in allem, was ihr tut, ob es Gott gefällt. 11Lasst euch auf keine finsteren Machenschaften ein, die keine gute Frucht hervorbringen; im Gegenteil: helft sie aufzudecken.

Liebe Parkgemeinde!

Seit fast 4 Jahren versammeln wir uns hier im Stuttgarter Schlossgarten zum Gebet im Park, anfänglich wöchentlich, dann zweiwöchentlich bei jedem Wetter und äußern unseren Protest gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21. Viele von uns besuchen Woche für Woche die Montagsdemo und beteiligen sich an den sich anschließenden Demozügen. Außerdem besuchen sie die zahlreichen Veranstaltungen zum Thema S21 bzw. K21, um sich schlau zu machen und sich über aktuelle Vorgänge um das unnütze Projekt zu informieren. Sie tun das, um gewappnet zu sein in der Auseinandersetzung mit den Befürwortern des Projekts, sofern es überhaupt dazu kommt und vom Gegenüber stattdessen nicht nur ein Kopfschütteln oder ein müdes Lächeln geboten wird.

Wir haben es zu oft erlebt, dass wir getäuscht und belogen wurden. Ja, dass versucht worden ist und dauernd versucht wird, uns hinters Licht zu führen, uns zu verführen und dem leeren Geschwätz Glauben zu schenken. Aber wir haben widerstanden, sind nicht auf die falschen Versprechungen und Lügen hereingefallen.

Das Neue Testament ermahnt uns im Epheser-Brief im Kapitel 5, Vers 11, wo es heißt: „Lasst euch auf keine finsteren Machenschaften ein, die keine gute Frucht hervorbringen, im Gegen-teil: helft sie aufzudecken!“ Wäre nicht schon so Vieles aufgedeckt worden von unseren Experten, wo stünden wir heute bei dem Bahnprojekt?

In der letzten Woche gab es eine Pressekonferenz des Projektbüros für S 21. Dietrich, Penn und Wörn stellten stolz die „Fortschritte“ des Bahnprojekts vor, mussten allerdings zugeben, dass es um 3 Jahre in Verzug geraten ist. Lag das am Protest der Gegner?
Nein – es lag an der miserablen Planung der Bahn! Über die zahlreich anstehenden Probleme verloren die 3 Projektplaner in der Pressekonferenz kein Wort.

Wir sind nicht „schaumgeborene“ Spinner, wie uns ein Mitglied des Regierungspräsidiums Stuttgart in übelster Weise bezeichnete. Wir sind es auch heute nicht, an dem Tag, an dem am Fasanenhof der 3.Tunnelanstich mit viel Prominenz groß gefeiert wurde. Was mich besonders ärgert? Dass, wie bei den früheren Anstichen, mit der „Taufe“ des Fildertunnels der kirchliche Segen erteilt und die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Mineure, für das unnütze und aufgezwungene Projekt S 21 in Anspruch genommen wurde.

Die Stuttgarter Zeitung, die schon immer für S 21 ist, hat in ihrer gestrigen Ausgabe ihre Kommentarspalte überschrieben mit: „Der Tunnelblick ist überholt“ und lässt ihren Kommentator Christian Milankovic ausführen: „Die Schlachten um das Ob des Bahnhofsumbaus sind geschlagen. Nun kann es nur noch darum gehen, den maximalen Nutzen für die Stadt aus dem Vorhaben zu ziehen. Verbale Scharfmachereien auf beiden Seiten müssen dann aber der Vergangenheit angehören. Dasselbe gilt auch für den verengten Tunnelblick von fanatischen Befürwortern oder Gegnern, der längst nicht mehr taugt.“ (Ende des Zitats).

Hier handelt es sich natürlich nicht um den „Tunnelblick“ der Esslinger, der uns immer wertvolle Beiträge liefert.

Im gleichen Kommentar wird OB Fritz Kuhn, der heute bei dem feierlichen Tunnelanstich dabei war, gelobt als Grüner, der einen pragmatischen Blick für die Realitäten habe. Wenn sich S 21 nicht mehr verhindern lasse, so interpretiert der Kommentator der Stuttgarter Zeitung die Teilnahme des OB, dann soll S 21 „wenigstens mit den geringst-möglichen Beeinträchtigungen für die Stadtbevölkerung über die Bühne gehen.“ Die Beeinträchtigungen bekommen zur Zeit in massiver Weise die Bewohner und Bewohnerinnen des Nordbahnhof-Viertels mit durch den Baustellenverkehr zur zentralen Logistikfläche. Das ist nur ein Beispiel.

Stadt- und Naturzerstörung für ein unnützes Bahnprojekt, das einen Leistungsrückbau darstellt, das in Wirklichkeit, wie Egon Hopfenzitz zurecht sagt, ein Immobilienprojekt ist und Baukonzerne nur darauf warten, dass das Gleisfeld abgebaut wird und sie endlich anfangen können, und das mit dem Segen von Politikern von Schwarz bis Grün und auf Kosten von Einwohnern, Steuerzahlern und kommenden Generationen.

Wir lassen uns nicht blenden und erliegen nicht der Faszination der Technik, Herr Herrenknecht! Es ist noch nicht aller Tage Abend, ihr Planer und Befürworter! Wir kämpfen weiter und beherzigen den Spruch von Bert Brecht: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Um es mit einem Bibelvers zu sagen: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim., Vers 7)

In diesem Sinne bleiben wir oben.

Andacht zum Parkgebet am 15.5.2014 (von Dorothea Ziesenhenne-Harr)

(Hier die Ansprache als pdf-Datei: Andacht zum Parkgebet am 15.5.2014)

Matthäus 7,7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

Liebe Freundinnen und Freunde des Parks und des Kopfbahnhofes,

das liest sich so leicht, die Worte aus der Bibel. So hätte ich es auf jeden Fall gerne und immer: ich bitte Gott um etwas, und dann geschieht das auch, was ich mir wünsche. Und irgendwie suggerieren diese Worte scheinbar, dass meine Wünsche und Bitten immer in Erfüllung gehen. Gott, der Helfer, der immer offen für meine Anliegen ist und sich ihrer annimmt, sobald ich ihn darum bitte.

Meine Frage dabei ist: was tun, wenn meine Bitten, Wünsche nicht erfüllt werden?

Wenn ich mir vorstelle, wie oft wir hier im Park und sicherlich auch zuhause alleine oder im kleinen Kreis schon um Veränderungen gebeten haben. Wir haben Gott angefleht, dass er die Bäume im Park erhält. Dass er den Politikerinnen und Politikern Weisheit und Vernunft schenkt, damit sie von dem irrsinnigen Vorhaben des Kellerbahnhofs ablassen.

Wir haben Gott gebeten, dass die Vorstände der Bahn auf unsere guten Argumente hören und sie beachten. Wir haben für die Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart und Baden-Württemberg gebetet, dass sie erkennen, was der Bau eines Kellerbahnhofs für fürchterliche Folgen hat für die Menschen im verschiedenen Alter, für die Schöpfung, für Stadtarchitektur und so weiter. Wir haben für die Polizei gebetet, dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst ist und nicht einfach als Befehlsempfänger/innen agieren.

Und der vielen Bespiele mehr.

Wenn wir genauer hinsehen, dann wurden unsere Bitten nicht erfüllt. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 6. März 2014 von Heinz Wienand

Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin bei dir. (Apostelgeschichte 18,9)

Liebe Parkgemeinde!

Der Apostel Paulus, so berichtet die Apostelgeschichte im Neuen Testament, stößt in der griechischen Stadt Korinth auf Ablehnung und Anfeindung, weil er den Menschen dort von Jesus Christus erzählt.

Gott macht ihm Mut und sagt ihm, er solle sich nicht fürchten, sondern reden und nicht schweigen trotz aller Widerwärtigkeiten.

Manchmal geht es mir wie Paulus, wenn ich sehe, wie unsere Stadt zerstört wird wegen eines unnützen und aufgezwungenen Milliardenprojekts, das sich Stuttgart 21 nennt. Alles Reden und Appellieren an die Vernunft der Projektbetreiber scheint vergeblich. Dann gibt es Tage, an denen ich mir sage: Geh’ weiter auf die Straße, besuche die Montagsdemos und die informativen Veranstaltungen der K21-Experten und mache Dich kundig. Das tue ich und  mit mir viele andere, die die Hoffnung auf eine Beendigung des S21-Projekts nicht aufgeben.

Des Öfteren müssen auch wir eine abwehrende Handbewegung, ein Kopfschütteln, ein müdes Lächeln, Häme oder Anfeindung ertragen, wenn uns Projektbefürworter mit dem Button: „Oben bleiben – kein Stuttgart 21“ sehen.

Vor kurzem ist mir Folgendes passiert: Ich war in einem Copyshop, um ein Plakat für eine Veranstaltung abzugeben. Ein etwas untersetzter Mann, vielleicht ein Architekt oder Bauingenieur, der Baupläne kopieren ließ, musterte mich wiederholt. Nachdem er meinen Button, den ich an der Jacke trug, registriert hatte, meinte er ziemlich abschätzig: „Na, heute keine Demo?“ Nein, sagte ich, die nächste, die 210., werde am nächsten Montag stattfinden. Darauf er: „Schonen Sie lieber Ihre Nerven, sonst werden Sie noch krank.“ – „Da kennen Sie mich aber schlecht!“, entgegnete ich ihm. Ohne mich anzuschauen, packte er seine Kopien zusammen, zahlte, und verließ den Copyshop. Welch bedauernswerte Kreatur mag er gedacht haben. Sei’s drum. Ich habe mich an Einiges gewöhnt und schaffe mir mehr und mehr ein dickes Fell an.

Als Parkschützer Jürgen Hugger auf der 211. Montagsdemo den Kampagnen-Start: „Für unsere Stadtbahn!“ vorstellte, leitete er seine Rede ein mit einem Zitat aus Dostojewskys Roman „Schuld und Sühne“. Er lässt Raskolnikov, die Hauptfigur des Romans, sagen: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt.

Dann fuhr Jürgen Hugger fort: „In Anlehnung daran könnte man sagen: Wenn es die Wahrheit nicht gibt, wird die Lüge zur normalen Ausdrucksform.“ Aber: Wenn es Gott gibt, ist nicht alles erlaubt.

Und ich bin davon überzeugt, dass die Wahrheit sich letztlich durchsetzen wird. Die Wahrheit wird sozusagen die Lüge Lügen strafen.

Der Ministerpräsident dieses Landes betont bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit: Mehrheit sei nicht Wahrheit. Punkt! – und trägt diesen Spruch wie ein Schild vor sich her. Aber Mehrheit entscheidet. Projektsprecher Dietrich rechnet sich zur Mehrheit und fordert: „Das Ding zu Ende bauen!“

Aber, aber, Herr Dietrich, Sie haben doch noch nicht wirklich angefangen zu bauen!

Der Fraktionssprecher der SPD im Landtag, Schmiedel, behauptete, auf dem Projekt Stuttgart 21 ruhe Gottes Segen. Wer – wie Schmiedel – meint, sich göttlichen Beistand holen zu müssen, der hat es nötig, um von menschlichem Tun und Verantwortung abzulenken. Damit macht er Gott zum Lückenbüßer für menschliches Versagen, wenn das Projekt scheitert.

Fürchte dich nicht, heißt es in der Apostelgeschichte. Lass den Mut nicht sinken und die Hoffnung nicht sterben!

Vaclav Havel, Bürgerrechtler, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Präsident der Tschechischen Republik tritt uns zur Seite, indem er weise feststellt:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal, wie es ausgeht.“

Wir sind davon überzeugt, dass die Alternative zu S 21, nämlich K 21, der sanierte Kopfbahnhof, dem geplanten Tiefbahnhof weit überlegen ist. Mag Projektsprecher Dietrich auch noch so sehr gegen die Alternative wettern.

Sie, Freundinnen und Freunde, die sie für den Erhalt des Kopfbahnhofs immer wieder auf die Straße gehen und Ihren Protest zum Ausdruck bringen, die Montagsdemos besuchen, sich dort informieren und die Solidarität im Kampf um die bessere Lösung erfahren, Flyer verteilen, Infoveranstaltungen besuchen und selber solche organisieren und Einiges mehr tun, Sie haben den Befürwortern, darunter den vielen Un-Informierten, die immer noch mit dem längst unterlaufenen Volksentscheid argumentieren, viel voraus.

Die Architektinnen und Architekten für K 21 haben in einer eindrucksvollen Ausstellung gezeigt, wie die Zukunft des Stuttgarter Hauptbahnhofs und seines Umfeldes aussehen könnte. Als die Bäume im Mittleren Schossgarten noch standen, haben sie ihre Visionen auf Großplakaten am Bauzaun vorgestellt und mussten es erleben, dass die 12 Bilder beschmiert, eingerissen oder abgerissen  wurden von denen, die um jeden Preis das so genannte „Jahrhundertprojekt“  durchsetzen wollten.

Fürchte dich nicht! Dieser Appell an den Apostel Paulus soll auch uns gelten. Und wenn wir gleich das Lied singen: „Lass uns in Deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun“, dann möge Er uns den Mut geben, voll Glauben heute und morgen zu handeln.

Amen. So soll es sein.

Ansprache beim Parkgebet am 28.11.13, Gunther Leibbrand

Die Ansprache als pdf-Datei: Parkgebet, 28.11.13, Leibbrand

Liebe Parkgemeinde,

als ich das letzte Mal zu Ihnen sprach, am 1. August, hatte ich so geendet:
Wir stehen vor dem Jahrhundertprojekt, den Gebrauchswert der Dinge zum Leben wieder in Erinnerung zu bringen.
Dann hatte ich gesagt, dass es uns Christen um’s Leben geht, um das Leben vor dem Tod. Auch um ein Leben nach dem Tod, aber eben auch um ein wirklich gutes Leben vor dem Tod.
Und dass wir solche großen Aufgaben mit Gottes Hilfe anpacken können.

Heute möchte ich Ihnen ein Beispiel nennen von Menschen, die sich ihre Würde nicht nehmen lassen, obwohl sie wenig Erfolg haben bei der Durchsetzung ihrer wichtigen Ziele.
Ich möchte uns Mut verschaffen durch den Blick auf Leute, die seit bald sieben Jahrzehnten dafür kämpfen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfahre und nicht weiterhin Unrecht, ja Desinteresse und Zynismus.
Ich möchte von Enrico Pieri und Enio Mancini erzählen und den anderen Überlebenden eines der fürchterlichsten deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg in Italien.

  • Wie haben es Menschen geschafft, gegen den Triumpf der Gewalt seit beinahe 70 Jahren nicht zu verstummen? Mehr noch:
  • Wie schafften sie es zu überlegenen Menschen zu werden, die nicht hassen, sondern ganz ruhig und fest nur Gerechtigkeit einfordern?
  • Wie kann es sein, dass diese damals noch im Kindesalter Stehenden nicht in der Scham über das ihnen widerfahrene Leid reaktiv ihrerseits zu Gewalttätern geworden sind, sondern zu Menschen, die ihren Schmerz authentisch zeigen können und für eine gemeinsame Zukunft mit uns Deutschen in einem friedfertigen Europa eintreten?

In einem bis auf den letzten Platz gefüllten Theaterhaus hat Enrico Pieri am 10. November bei der Verleihung des 11. Stuttgarter Friedenspreises der AnStifter  sich von seinem Sohn, einem Wirtschaftspädagogen eines Basler Gymnasiums, übersetzen lassen,  und eigentlich nur den einen Satz gesagt (ich zitiere sinngemäß): Geht zur Wahl und stimmt bei den kommenden Europawahlen für ein friedfertiges und soziales Europa. Das ist für mich die Konsequenz aus meinem Kampf für einen Prozess gegen die Mörder meiner Familie und so vieler anderer Familien meines Dorfes Sant’Anna di Stazzema. Dieser Prozess wird uns bis zum heutigen Tage in Deutschland verweigert. Aber wir werden nicht aufgeben, weil wir nicht wollen, dass sich ein solches Verbrechen in meinem Land wiederholen kann. Es wiederholt sich schon viel zu oft bis zum heutigen Tage weltweit. Kämpfen wir für ein politisches Klima, das solche Verbrechen ächtet.

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Parkgebet am 14.11.2013, MartinPoguntke

(hier als pdf-Datei: Parkgebet, 14.11.13, Martin Poguntke)

Liebe Parkgebetsgemeinde!
Ich möchte heute mit Ihnen ein bisschen darüber nachdenken, was es mit dem Segen Gottes auf sich hat, mit der Kraft Gottes. Wo wirkt Gottes Kraft, wo nicht? Wie kommt man an sie dran? Was kann man dafür tun? Welche Rolle spielen unsere Gebete und Gottesdienste dabei?
Claus Schmiedel hat ja in einer seiner denkwürdigen Reden gesagt, auf dem Projekt Stuttgart 21 liege Gottes Segen. Nun, die bisherige Geschichte des Projekts lässt einen daran sehr zweifeln.
Ein bisschen klang es aber damals auch wie ein Beschwörungsversuch von Schmiedel: Irgendwie wollte er wohl auch – so ein bisschen magisch – die guten Kräfte beschwören und auf sein Lieblingsprojekt lenken. Nicht bewusst – er findet sicher, dass er als Sozi eher atheistisch sein müsse – aber irgendwie unbewusst.
Jetzt fragen wir uns aber mal ganz selbstkritisch: Tun wir womöglich was ganz Ähnliches? Wenn wir uns hier zu Parkgebeten versammeln – versuchen wir dann womöglich auch, die guten Kräfte des Schöpfers und der Schöpfung auf unseren Widerstand zu lenken? Parkgebete so ein bisschen als Zaubertrank, wie bei Asterix und Obelix?
Lassen wir die Antwort noch ein bisschen offen und gehen noch einmal von einer ganz anderen Seite dran. Da gibt es nämlich einen ganz störenden Ausspruch von Jesus. Der Mann kannte ja kein Pardon, der hat ja ständig unsere vertrauten religiösen Orientierungsmarken durcheinander gebracht.
Ich denke gerade an den Satz Jesu, den Matthäus in die Bergpredigt mit eingebaut hat: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“.
Ich möchte nicht verhehlen, dass es für mich immer wieder eine kleine Zumutung ist, das den „Bösen“ und „Ungerechten“ zuzugestehen, dass auch sie rundum von der göttlichen Kraft versorgt werden. Nur wenn ich mich selbst beim Bösesein ertappe, höre ich den Satz mit etwas Erleichterung, dass Gott die Sonne auch für die Bösen scheinen lässt.
Aber es scheint so zu sein, dass der Gott, wie Jesus ihn glaubte, nicht nur für die Guten da ist, sondern auch für die Bösen. Wenn wir das weiter denken, müssen wir sagen: Ja, auch Schmiedel und seine ganzen S21-Befürworter – alle haben sie Anteil an dieser unendlichen göttlichen Kraft – genauso, wie auch wir Gegner des Projekts.
Mit welcher anderen Kraft sollten sie auch ihre Lügen in die Welt tragen und sich den Geldhaien andienen? Es gibt ja keine andere Kraft in der Welt als die eine göttliche Kraft. Es gibt ja keine zwei Götter: einen guten und einen bösen. Und auch das, was manche „Teufel“ nennen, wird in der Bibel als gefallener Engel gesehen – also als ebenfalls vom einen Gott stammender Störenfried.
Wozu feiern wir dann eigentlich Gottesdienste? Ist es denn so, dass dann auf der einen Seite die Gegner und auf der anderen Seite die Befürworter jeweils ihre Gottesdienste feiern und damit jeweils versuchen, Gott für sich zu reklamieren und ihn mit seiner Kraft auf ihre Seite zu ziehen? Weiterlesen

Andacht zum Parkgebet am 19.09.2013 von Dorothea Ziesenhenne-Harr

Psalm 27,1+5+14
1 Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?
5 Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes und erhöht mich auf einen Felsen.
14 Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

Liebe Freundinnen und Freunde des Parks und des Kopfbahnhofes,

manchmal haben wir eine schwere Durststrecke zu bewältigen. Wo es mühsam wird, dran zu bleiben. Wie bei einer Bergbesteigung.

Hoch und schier unerreichbar ragt da der Gipfel über uns auf. Wolken verhangen und im dichten Nebel ist er fast nicht mehr zu erkennen. Wie abweisend und unnahbar ist das Ziel entfernt.

Da ist dann unser Durchhaltevermögen gefragt. Weiter kommen wir nur, wenn wir mit Ausdauer und Beharrlichkeit dran bleiben. Und uns auch Pausen gönnen, Erholung und Vergewisserung. Ein Auftanken unter Freundinnen und Freunden, so wie heute Abend. Und wir brauchen es, dass wir nicht alleine gehen, sondern immer zu mehreren. Wer einen steilen Berg erklimmen will, braucht eine Seilschaft, Menschen, die mit klettern, die wenn nötig, fest halten, die absichern. Mit dem Seil in Kontakt bleiben heißt: ich gehöre dazu und trage zum Gelingen bei.

Ich habe für heute ein rotes Seil mitgebracht, wie ein roter Faden, an den wir uns jetzt symbolisch und doch ganz greifbar zu einer Seilschaft verbinden können.
Ich gebe das Seil weiter und wer will, kann sich dran festhalten, die Verbindung spüren.

So ein Moment der Ruhe dient auch dazu, die eigene Befindlichkeit wahrzunehmen und die Festigkeit der Verbindung zu überprüfen. Denn wer mit am Seil hängt, der/die ist in erster Linie für sich selbst verantwortlich, dass es ihr/ ihm selbst gut geht. Habe ich genug zu essen und zu trinken dabei? Wie ist meine körperliche Kondition? Habe ich die angemessene Kleidung an, die trittfesten Bergschuhe? Wie sieht es mit meinem Durchhaltevermögen aus, gerade auch bei einer langen Durststrecke?
Nur wenn ich gut auf mich achte und vorbereitet bin, bin ich auch eine gute Teilnehmerin/ein guter Teilnehmer der Seilschaft. Denn die anderen halten mich nur, wenn ich in Not gerate.

So eine Ruhepause dient zum Kräfte sammeln. Und auch dazu, mich zu fragen: bin ich weiterhin überzeugt, dass ich wirklich weiter klettern will. Ist das immer noch der passende Berggipfel für mich oder nicht?
Bin ich abhängig davon, dass die anderen mich am Seil mitziehen oder bin ich überzeugt davon, dass das Ziel für mich immer noch gilt und ich deshalb auch weiter die Energie aufbringe, dabei zu sein, das Seil zu halten und Schritt für Schritt einen Fuß vor den anderen zu setzen. Auch wenn es mühsam ist, auch wenn es Schweiß und manchmal auch Tränen kostet?
Solche Zeiten der Vergewisserung sind für uns z.B. die Kundgebungen, die Demonstrationen, die Parkgebete und all die vielen anderen Veranstaltungen rund um das Projekt, den Kopfbahnhof in Stuttgart zu erhalten. Unseren Berggipfel.

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Parkgebet-Ansprache am 18.07.2103 Guntrun Müller-Enßlin

Liebe Freundinnen und Freunde,
dieser Tage jährt sich zum dritten Mal der Protestsommer 2010. Wir erinnern uns: Aus Demonstrantenzahlen, die immer so um die dreitausend herumschwappten, wurden auf einmal fünfstellige, Anfang August war das, und dann wurden aus 10.000 erst 20- und dann 30.000, und in der ganz hohen Zeit unseres Protests versammelten sich bis zum 60.000 Menschen im Park, auf dem Schlossplatz, zogen in riesigen Bandwürmern über den Cityring. So mancher von uns, glaubte damals zu träumen und hat gedacht, es würde nun immer so weiter gehen und es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis das Maulwurfprojekt gestoppt sei. Dieser Sommer 2010 hatte, bei all seiner Dramatik um das Wüten der Bahn auch etwas von einem Märchen, es ging immer höher mit uns hinaus, unsere Bewegung wurde bekannt, über Stuttgart, übers Ländle, schließlich über ganz Deutschland und noch weiter hinaus. Die Medien berichteten über uns, wir haben gedacht, es tut sich was, wir können was verändern, es lohnt sich, sich einzusetzen für die Stadt, für das Gemeinwesen, in dem wir leben.
Das alles – war einmal. In letzter Zeit greift an vielen Stellen der Frust um sich, auch innerhalb der Bewegung. Die Auseinandersetzungen auf unseren Blogs künden davon. Auch ich selber habe mich vor kurzem an das Märchen „Der Fischer und seine Frau“ erinnert gefühlt. Uns geht es wie den beiden. Wie der Fischer und seine Frau machten wir die Erfahrung, dass wir hoch hinaus wollten damals vor drei Jahren und das auch konnten, wir meinten, alles erreichen zu können. Am Ende sitzen der Fischer und seine Frau wieder in ihrer alten Kate, ihrer alten Fischerhütte, umgeben vom Gewohnten, als wäre nichts geschehen. Auch wir meinen manchmal, einmal im Kreis gelaufen zu sein und fragen uns, was ist anders geworden?
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Ansprache beim Parkgebet am 1.8.13 von Gunther Leibbrand

Liebe Parkgemeinde,

ich versuche immer, ein aktuelles Ereignis oder Ergebnis von Überlegungen aus unserer Bewegung gegen S 21 im Lichte unseres biblischen Glaubens zu bedenken. Heute möchte ich das zu einer Überlegung tun, die das „Dritte Europäische Forum über unnütze und aufgezwungene Großprojekte“ herausgearbeitet hat – in einer Debatte am vergangenen Sonntagmorgen über „Ökonomische Hintergründe von Großprojekten“, an der ich auch teilgenommen habe: Großprojekte werden nicht gebaut, obwohl sie viel Geld verschlingen, sondern weil sie viel Geld verschlingen. Denn die herrschende Wirtschaftsweise hat ja zum Ziel, Geld zu machen, mehr Geld. Und deshalb zählt bei einem Projekt nicht die Steigerung des Gebrauchswertes einer Sache, sondern ihres Warenwertes. Wie schmerzlich uns diese Wahrheit hier bewusst wird, zeigt die nach oben offensichtlich offene Summe, die „Stuttgart 21“ einmal kosten  wird. Es ist sozusagen oberste Tugend im Kapitalismus, möglichst immer mehr zur Ware zu machen, die immer schneller zirkuliert. Und besonders effektiv sind hierfür natürlich Großprojekte.

Die am Gebrauchswert einer Sache orientierte Vernunft geht nicht zusammen mit dem immer schneller finanziell zu verwertenden Geldwert einer Sache. Dabei entsteht immer mehr Geld, das wieder investiert werden will, damit es zu noch mehr Geld wird. Neulich hat mir jemand gesagt, dass gerade in der Bauwirtschaft neue Häuser erst gar nicht mehr so erbaut werden würden, dass sie viele Jahre halten. Von elektronischen Geräten wissen wir, dass sie immer öfter innerhalb der Garantiezeit schon kaputt gehen, weil Soll-Bruch-Stellen planmäßig eingebaut werden.

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Parkgebet am 4. Juli 2013, Ansprache von Martin Poguntke

(Ansprache als pdf-Datei: Parkgebet, Spielregeln ändern, 130704)

Liebe Parkgebetsgemeinde!
„Sonne der Gerechtigkeit“ haben wir vorhin gesungen. Dieses Lied fällt mir immer ein, wenn ich Dinge wie das Folgende höre:
„Wir müssen jetzt bauen, bauen und noch mal bauen“, sagte S21-Sprecher Dietrich vor einer oder zwei Wochen. „Über die Kosten reden wir dann, wenn sie eintreten.“
In bemerkenswerter Offenheit sagt der Mann damit: Uns geht es jetzt ausschließlich ums Faktenschaffen. Die Finanzierung gibt sich dann schon, weil ja entweder die öffentliche Hand des Landes zahlt oder die öffentliche Hand des Bundes: Das Land zahlt, wenn sich die sogenannte „Sprechklausel“ als Verpflichtung des Landes herausstellt, auch Mehrkosten von S21 zahlen zu müssen. Der Bund zahlt, wenn die Bahn auf den Kosten sitzen bleibt, weil die Bahn gehört ja dem Bund. Zahlen wird auf jeden Fall der Steuerzahler, so kalkuliert Dietrich. Ob er das über das Land oder über den Bund tut, ist Dietrich egal.
Was ist das für ein Spiel?, fragen wir uns. Was sind das für Spielregeln, nach denen derart brutales Erpressen offenbar kein Foulspiel ist? Weiterlesen

Parkgebet, 23. Mai 2013, Ansprache von Waltraud Müller-Hartmann

Hier gibt’s die Ansprache als pdf-Datei: Parkgebet, Ansprache, wmh, 130523

Liebe denkende, betende, streitbare Gemeinde!

Ein Bursch aus dem Schwarzwald, Köhler seines Zeichens, also der Kohlenmunkpeter, wünscht sich ein besseres Leben und lässt sich mit dem Glasmännlein ein und ruft zu diesem Behufe den Schatzhauser im grünen Tannenwald herbei. (Einen Schatzhauser nennen wir heute ganz profan einen Ökonomen.) „Peter, wünsch dir Verstand!“, rät das gute und fromme Geistlein immer wieder. Ja, mit Bildung, Bildung, Bildung kommt man weiter, das wissen wir heute genau. Aber was wünscht sich Peter Munk? Geschickt will er sein wie der Tanzbodenkönig und immer so viel Geld in der Tasche haben wie der dicke Ezechiel: Peter will das schnelle Geld, Reichtum und Ansehen. Das Glasmännlein lässt es dem Sonntagskind hingehen – und ist besorgt. Als aber der Spieler und Spekulant Ezechiel, mit dem Peter gleichziehen will, nichts mehr in der Tasche hat, hat auch der Kohlenmunkpeter verloren. Aber er hat beim Glasmännlein noch einen Wunsch frei – falls es ein vernünftiger ist. Wir Montagsdemonstranten sind längst so klug und besonnen wie das Glasmännlein. Wir Bildungsbürger setzen schließlich schon seit zwanzig, zehn oder drei Jahren bei unseren Wünschen und politischen Forderungen auf Argumente, Vernunft und Verstand. Jede Woche besuchen wir die größte Openair-Volkshochschule und lernen alles über Denkmalschutz, Architektur, Ingenieurskunst, Geologie, Finanzen, Wirtschaft, Bankenwesen, Recht, Justiz, Ökologie und Ethik, ergänzt um Kulturbeiträge jeglicher Art. Wir haben Teilerfolge erlebt, Rückschläge eingesteckt – und an Selbstbewusstsein und Ansehen gewonnen. Doch im Ganzen lähmt uns, etwa seit dem beginnenden Wahlkampf ab März, die Ohnmacht: Dass es auf Verstand und Bildung nicht ankommt; dass Argumente nicht ziehen und Vernunft nichts gilt, sofern sie nicht dem Machterhalt, den Interessen des Großkonzerns Bahn und der Kapitalverwertung dienen. Sind wir damit verloren? Weil wir an unseren Kräften zu zweifeln beginnen?
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Parkgebetansprache, Gründonnerstag 2013, Lukas 22, 24-34, Gunther Leibbrand

Liebe Parkgemeinde,
wir versammeln uns als Christinnen und Christen an dieser Stelle, weil wir nicht der Meinung sind, dass es mit Stuttgart 21 schon seine Richtigkeit habe. Ganz im Gegenteil.
Weil wir eins und eins zusammenzählen können, wissen wir, dass drei nicht die richtige Antwort ist. Aber es braucht noch mehr: Wir kommen hier regelmäßig auf wichtige religiöse Texte zu sprechen, die uns in Beziehung setzen zu den Quellen der Kultur, die durch dieses Projekt mit Füßen getreten wird: Wenn der Fernsehturm für Besucher gesperrt werden muss, dann ist auch S 21 nicht genehmigungsfähig.
Ich lese Lukask 22, 24-34:
24 Es erhob sich auch ein Zank unter ihnen, welcher unter ihnen sollte für den Größten gehalten werden. 25 Er aber sprach zu ihnen: Die weltlichen Könige herrschen, und die Gewaltigen heißt man gnädige Herren. 26 Ihr aber nicht also! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Vornehmste wie ein Diener.
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Ansprache zu Lk 14,28-30 im Parkgebet am 14.02.2013 (Gunther Leibbrand)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

wir haben gerade den folgenden Text schon als Psalmgebet miteinander gesprochen, um ihn uns besser anzueignen – als wenn wir ihn nur vorgelesen bekämen:

„Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.

Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, es hinauszuführen, – damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten? Und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen?

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Predigt zu Lk 19,1-10 beim Parkgebet am 31.1.2013 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Der Zöllner Zachäus ist ein Steuereintreiber im Dienst des römischen Kaisers, der sich Palästina und dessen Bevölkerung mit militärischer Gewalt unterworfen hat und nun durch Steuern ausbeutet, nicht zuletzt um die Soldaten bezahlen zu können, mit denen er das Volk unterdrückt. Beim Volk ist Zachäus deshalb eine der meist gehassten Persönlichkeiten seiner Zeit. Nicht nur, dass er in dieser Funktion mit dem Unterdrücker zusammenarbeitet und so seinen Lebensunterhalt verdient, er nutzt seine Macht auch noch, um zu betrügen, d. h. mehr in seine Tasche zu wirtschaften als ihm der Kaiser rechtmäßig zugesteht. Für beides hat er sich bewusst entschieden, für den Dienst beim Ausbeuter ebenso wie für den Betrug. Dafür trägt er persönlich die Verantwortung und bezahlt dafür mit Ausgrenzung und Einsamkeit, er muss den Hass seiner Mitmenschen ertragen. Sein Leben in materiellem Wohlstand ist zugleich ein Leben in der sozialen Isolierung. Schon Kinder im Kindergarten oder in der Grundschule können wissen, wie sich so etwas anfühlt.

Aber nun kommt Jesus in seine Nähe. Das ist faszinierend für ihn. Denn Jesus eilt der Ruf voraus, dass er anders ist als die anderen, weil er nicht von einem strafenden, sondern von einem barmherzigen Gott spricht. Weiterlesen

Über die menschliche Hybris beim Projekt S21

Liebe Parkgebets-Gemeinde,

man wirft uns GegnerInnen von Stuttgart 21 immer wieder gerne vor, wir seien technikfeindlich. Zumindest für meine Person kann ich das sehr deutlich zurückweisen. Das Gegenteil ist der Fall: Ich bin – obwohl ich von Beruf Pfarrer bin – fast ein bisschen ein verhinderter Ingenieur. Mich fasziniert das, was Technik heute alles kann: Computer-Technik, Straßen- und Schienenbautechnik, Medizin-, Energie-, Werkstofftechnik und, und, und… Nein, ich bin ein großer Bewunderer guter Ingenieurleistungen – und hasse schlechte.
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Parkgebet 12.07.2012: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir“

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Parkgemeinde !

Vielen unter uns wird der Trauergottesdienst sicherlich noch in Erinnerung sein, den wir im März dieses Jahres nach dem Massaker an unserem geliebten Schlossgarten miteinander feierten. Wir alle standen damals noch mehr oder weniger stark unter Schock angesichts der unfassbaren Erfahrung, wie in einem barbarischen Akt innerhalb zweier Tage Hunderte gesunder Bäume, kategorisiert in K und T und V, entweder gefällt, ausgerissen, verhäkselt oder irgendwohin verschleppt wurden und dieser schöne Parkgarten mitten in der Stadt in eine Wüstenei ohnegleichen verwandelt wurde. Und das ohne zwingende Notwendigkeit und obwohl klar war, dass hier über längere Zeit kein Bahnhofstrog würde gebaut werden können, wenn überhaupt. Weiterlesen

Parkgebet 28.06.2012: „Suchet der Stadt Bestes !“

Liebe Parkgebets-Gemeinde!
Sie kennen vermutlich diesen Satz des alttestamentlichen Propheten Jeremia. Auf ihn hat man sich auch schon mehrfach auf Demonstrationen gegen Stuttgart 21 bezogen.
Gemeint war dann: Es ist Aufgabe von uns Christen, der Stadt Bestes zu suchen, dazu beizutragen, dass es nicht nur der Kirchengemeinde, sondern auch der bürgerlichen Gemeinde gut geht.
Mehr noch war gemeint: Es ist Aufgabe der Christen, sich auch politisch einzumischen, dazu beizutragen, dass politisch ein guter Weg für die Stadt und überhaupt für die Welt gegangen wird.
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Ansprache beim Parkgebet am 14.06.2012

Liebe Parkgebetsgemeinde,
heute um die Mittagszeit stolperte ich über eine im Boden eingelassene Steckdose in einem Lokal.
Genauer gesagt, der elektrische Teil der Steckdose war in den Boden eingelassen, nicht aber ihre Abdeckung. Wie ein Schildkrötenpanzer erhob sie sich und geriet mir zur Stolperfalle. Ich stürzte nicht, kickte aber diese Abdeckung ca. 7 Meter weit durch den Raum. Erfreulicherweise war da niemand, dem ich sonst diese Abdeckung unbeabsichtigter Weise zwischen die Füße geschossen hätte …

Wieso erzähl ich dieses kleine Erlebnis?
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Ansprache beim Parkgebet am 22.03.2012

Liebe Parkgebetgemeinde,

vor zwölf Tagen waren viele von uns auch bei dem Trauergottesdienst. Damals ließen wir uns Mut zusprechen von dem Gotteswort nach Paulus: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ (2. Korinther 12,9).  Zum Schluss wurden wir alle eingeladen, Gott darum zu bitten, er möge uns die Zerstörungen an der heilsamen Natur in unserem Schlossgarten und an der erhebenden Kultur unseres denkmalsgeschützten Bahnhofs verwandeln in die unübersehbare Aufforderung, umso entschiedener und grundsätzlicher und nachhaltiger einzutreten für die Bewahrung
– des Respekts vor der Rechtsordnung,
– der natürlichen Lebensgrundlagen und
– eines Lebens in Freiheit und Menschenwürde.
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Damoklesschwert über dem Park – Ansprache beim Parkgebet am 9.02.2012

Wie ein Damoklesschwert hängt die Baumfällung über diesem Park und seinen Bewohnern in den Bäumen. Schon sind die Baggerzähne gewetzt und die Sägen geschliffen und die Bagger stehen für ihr Vernichtungswerk bereit.
Aber noch können wir hier unser Parkgebet abhalten, auch wenn uns das Herz bei all diesen Gedanken schwer wird und uns eher zum Heulen zumute ist. Noch stehen die Bäume, um die wir kämpfen. Sehr tröstlich hat am letzten Freitag Schwester Inge Singer aus Gaildorf auf der Parkschützerseite aus der Tageslosung ein Wort von Dietrich Bonhoeffer zitiert:
Alles hat seine Zeit und die Hauptsache ist,
dass man mit Gott Schritt hält.
Und ihm nicht immer schon einige Schritte vorauseilt,
allerdings auch keinen Schritt zurückbleibt.
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„Wir sind das wütende Pack“

Nach wohltuender Stille nun ein paar Gedanken, die mich umtreiben als Christenmenschen und als evangelischen Pfarrer im Ruhestand. Nicht nur mich, sondern eine Reihe von Menschen, mit denen ich in den letzten Monaten, Wochen und Tagen gesprochen habe.
Auf einem Plakat bei einer Demo las ich: We are the angry mob. Wir sind das ärgerliche Pack.
Ärgerlich – aufgebracht – wütend – jede und jeder mag „angry“ übersetzen, wie ihr / ihm zumute ist. Mein Eindruck: Der Protest entwickelt sich deutlich von ärgerlich hin zu wütend. Warum?
Die Gründe sind zahlreich und die Motive der Vielen haben unterschiedliche Schwerpunkte. Einige will ich nennen.
Nicht als „verkehrspolitischer Experte“. Wie könnte ich auch eine Kompetenz beanspruchen, die die Bischöfe unserer beiden großen Kirchen für sich ausdrücklich in Abrede stellen?
Also:  Jenseits verkehrspolitischen und juristischen Spezialistentums gibt es sehr wohl Gründe, Motive für den Unmut, den Zorn, die Wut. Man muss nur genauer hinschauen.

Wie wurden und werden diejenigen beurteilt, diffamiert, die nicht in die Lobeshymnen auf „Das neue Herz Europas“ einstimmen können?
Ja – wie es der eben zitierte Spruch einer Gegnerin ironisch aufgreift – als „Mob“. Als „Eventdemonstranten“ oder als „ewig Gestrige“, die nicht ganz bei Trost sind. Als „Randalierer“, als „Freizeitpunks“ u.a.m. Am vorigen Mittwoch beklagten sich nach dem Gebet hier zwei ältere, gut-bürgerliche Damen: „Stellen Sie sich vor, uns wird nachgesagt, wir würden für unseren Protest bezahlt.“
Der Autor Heinrich Steinfest, der in Stuttgart lebt und zur Zeit an einem Kriminalroman mit dem Thema „Stuttgart 21“ arbeitet, sagt dazu:
„Die Stuttgarter definieren den Begriff der Demokratie neu. Es wird immer gesagt, Stuttgart 21 sei demokratisch legitimiert. Aber die Leute schauen sich genau an, wie dieser Legitimationsprozess erfolgt ist. Politiker haben aufgrund eines Fraktionszwangs einer Sache zugestimmt, über die sie nicht restlos informiert gewesen sind. Eine Lücke, welche die Protestierenden nun selber füllen.“
Und seine Einschätzung: „Ich habe noch nie eine Demonstration erlebt, wo die Leute so viel analysieren. Die haben tatsächlich Ahnung.“
Warum merken andere das nicht? Warum hören sie was anderes? Schwadronieren von „unreflektierter Agitation“, von „Schwarz-weiß-Schemata“ und „Halbwahrheiten“ ?
So z.B. der Pfarrer der Stuttgarter Stiftskirche im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg Nr. 37/2010.
Schlagworte – im wahrsten Sinn! Man merkt die Absicht und man ist verstimmt. Und gewiss nicht im Sinne der Presseerklärung der Bischöfe, in der sie betonen: „Wir nehmen in diesem Konflikt Partei für die Menschenwürde und für einen Umgang in der inhaltlichen Auseinandersetzung, der dem sozialen Frieden dient.“

Befürworter des Großprojekts könnten an dieser Stelle einwenden: „Und was ist mit ‚Lügenpack’? Ist das etwa in Ordnung?“ Nein – ist es grundsätzlich auch nicht. Aber ich erlaube mir, nach Ursache und Wirkung zu fragen.
Niemand – auch niemand im Kirchenamt – sollte auf der einen Seite mit der Goldwaage hantieren, auf der anderen aber in vornehm-zurückhaltender „Neutralität“ schweigen.
Wer absichtsvoll provoziert wird,
– etwa durch die Verweigerung eines Baustopps,
– etwa durch Abbrucharbeiten abends zwischen 18 und 19 Uhr während einer Montagsdemo,
– etwa durch Gesprächsverweigerung (bisher zumindest),
– etwa durch Drohungen und Einschüchterungsversuche,
um nur einige Beispiele zu nennen – wer so behandelt wird, dem platzt auch mal der Kragen.

Ich darf aus der Bibel zitieren:  „Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt! Weh euch, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! Von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht. Ihr Schlangen, ihr Otternbrut!“ (Mt.23, 24-33 i.A.)
Alles andere als eine wohltemperierte Rede. Vielmehr die Sprache des Machtlosen, der Zorn eines, der gegen die Arroganz der Macht aufbegehrt.
Dass bei den Sondierungsgesprächen, die jetzt – auf Vermittlung des katholischen Stadtdekans – doch in Gang zu kommen scheinen, ein moderater Ton vorherrschen möge, versteht sich von selbst.

Ein Zweites: In nahezu jedem Interview, das von einem der Stuttgart21-Akteure gegeben wird, ist von Unumkehrbarkeit die Rede.
Mir ist in menschlichen Verhältnissen nichts, aber auch gar nichts bekannt, das nicht umkehrbar wäre. Selbst vom Tod, dem scheinbar Unumkehrbaren, bekennen Christen: Seine Macht ist aufgehoben.
Umkehr ist eine der ganz grundlegenden Optionen menschlicher Existenz. Die Möglichkeit zur Umkehr gehört konstitutiv zu dem Menschenbild, das uns in christlicher Tradition überliefert ist. Umkehr hat mit Freiheit zu tun.
Diese Freiheit zu bestreiten, ist anmaßend. Sie zu bestreiten, obwohl man um die Option der Umkehr weiß, zielt auf Resignation und Einschüchterung.
Wenn die Kirchenleitungen von Menschenwürde sprechen: Warum erheben sie an dieser Stelle nicht vehement Widerspruch?
Redet uns nicht von Unumkehrbarkeit! Beraubt die Bürger nicht der Freiheit, die sie haben!

Meinen dritten Punkt möchte ich überschreiben:  An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen!
Es wird ja immer wieder behauptet, der ganze Protest gegen das Projekt Stuttgart 21, das zutreffender „Babel 21“ heißen müsste, sei Folge eines Vermittlungsproblems. Die einzige Selbstkritik der Betreiber:  Man habe versäumt, den Bürgerinnen und Bürgern die Vorzüge der schönen neuen Bahnhofswelt nahe zu bringen.
Ist da was dran?
Nein – es wurde ja auf vielfältige Weise geworben:
Anfangs: „Paris – ein Vorort von Stuttgart“. Ironisch-schillernd zwar, hat aber nicht funktioniert.
Dann wurde „Unser schönstes Geschenk“ präsentiert und „Das neue Herz Europas“. (Und manche von der Elite des Fortschritts laufen jetzt tatsächlich mit so einem Herz-Button herum – wie einfallsreich!) Und dann noch: „Das schaffen nur wir.“
Angesichts solch ebenso deplazierter wie großmundig-dämlicher Sprüche – warum kam da nicht deutlich die Reaktion: Einspruch! Insbesondere von denen, die eine gepflegte, menschenwürdige Kommunikation anmahnen?

Und wenn OB Schuster in einem Offenen Brief – bereitwillig verbreitet von den örtlichen Presseorganen – beteuert:
„Wir sind für Sie alle da“ und Bahnchef Grube tönt:  „Wir wollen den Stuttgartern doch etwas Gutes tun.“
Jeder, der ein Gespür für Worte hat, hört in diesem Gesäusel die schiefen, falschen Töne. Man muss sich gar nicht an einen erinnern, der 1989 in Verkennung der Situation so geredet hat – und ausgelacht wurde. Man muss nur aufmerksam hören. An ihrer großspurigen, verlogenen Sprache müsstet ihr sie erkennen!

Ein vierter und letzter Punkt – ganz kurz:
Wenn es an Sprachsensibilität fehlt: Warum erkennen die Wächter der Menschenwürde nicht, mit welcher Art von Projekt wir es zu tun haben?
Größer – weiter – schneller – teurer ist die Devise.
Aber:  Mehr und mehr Menschen, nicht nur die offen protestierenden, glauben dieser Heilslehre des grenzenlosen Fortschritts nicht mehr. Zumal wenn er so zerstörerisch daherkommt. Sie haben gute Gründe aus schlechten Erfahrungen.
Der Geist eines solchen Projekts, der Geist des Größer-weiter-schneller-teurer ist als Ungeist erkannt worden. Lebensqualität wird heute von vielen an anderen Werten gemessen.
Dabei geht es nicht – zumindest nicht nur – um einen Stellvertreterkonflikt, wie der evangelische Stadtdekan meint.
Der Widerstand gegen Stuttgart 21 kennzeichnet vielmehr am konkreten Fall – wo auch sonst? – die Abkehr von dieser Art Machbarkeits- und Größenwahn. – Wenn das kein Thema für die Kirchen ist!
Abkehr von den Tunnelbauten zu Babel, das ist alles andere als rückwärts gewandt. Wache und informierte, ideenreiche und verantwortungsbewusste Bürger – nicht der Mob – machen sich frei von eingeredeten Ängsten, auch von der Angst, abgehängt zu werden.
Frei-werden von Ängsten, die manche haben mögen, die von anderen instrumentalisiert werden: Kein Thema für die Kirchen? Oder merken sie wieder einmal nicht, dass sich mit dem Widerstand gegen das Babel-Projekt Menschen Gehör verschaffen, die umkehren?
Sie kehren um zu einer menschen- und umweltfreundlichen Lebensweise, in einer ebensolchen, in ihrer Stadt.
Sie kehren um in die Zukunft. Und nicht wenige von ihnen fragen: Seid ihr – Kirche – lediglich Hüter einer Gesprächskultur? Oder „Salz der Erde und Licht der Welt“?

Ansprache von Karl Martell, Pfarrer i.R.,
beim „Gebet im Schlossgarten“ am 22. Sept. 2010

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