Archiv der Kategorie: Schiegg

Spiritualität des Widerstands

Dieser Tage stieß ich per Zufall auf einen Abschnitt aus der Enzyklika „laudato si’“ – „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ von Papst Franziskus. Seine Aussagen fassen prägnant meine Erfahrungen der letzten Jahre, die u.a. vom Kampf gegen „Stuttgart 21“ geprägt waren, zusammen. Der unmittelbare Kontext des Abschnitts steht unter der Überschrift: „Liebe im zivilen und politischen Bereich“:
„232. Nicht alle sind berufen, direkt in der Politik zu arbeiten, doch im Schoß der Gesellschaft keimt eine zahllose Vielfalt von Vereinigungen auf, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, indem sie die natürliche und städtische Umwelt schützen. Sie kümmern sich zum Beispiel um ein öffentliches Objekt (ein Bauwerk, einen Brunnen, ein verwahrlostes Denkmal, eine Landschaft, einen Platz), um etwas, das allen gehört, zu schützen, zu sanieren, zu verbessern oder zu verschönern. In ihrer Umgebung entwickeln sich Bindungen oder werden solche zurückgewonnen, und es entsteht ein neues örtliches soziales Gewebe. So befreit sich eine Gemeinschaft von der konsumorientierten Gleichgültigkeit. Das schließt die Bildung einer gemeinsamen Identität ein, einer Geschichte, die bleibt und weitergegeben wird. Auf diese Weise wird für die Welt und für die Lebensqualität der Ärmsten gesorgt, mit einem solidarischen Empfinden, das zugleich das Bewusstsein ist, in einem gemeinsamen Haus zu wohnen, das Gott uns anvertraut hat. Diese gemeinschaftlichen Aktionen können, wenn sie Ausdruck einer hingebungsvollen Liebe sind, zu intensiven spirituellen Erfahrungen werden.“
Im übrigen ist natürlich die gesamte (Umwelt-) Enzyklika ausgesprochen lesenswert (ca. 200 Seiten lang), auch wenn vieles darin dem wachen Zeitgenossen (besonders wenn er / sie Theologe/in ist) vertraut und selbstverständlich ist. Der Wortlaut der Enzyklika lässt sich im Internet leicht finden und als PDF herunterladen.

Wolfgang Schiegg

Vorsicht, Satire!

Liebe Kirchentagskids!
Schaut mal her, ich hab Euch etwas mitgebracht. Nämlich eine ganz tolle Botschaft, speziell für Euch: „Stadtgarten und Universität Stuttgart werden das Zentrum Kinder beherbergen.“ (aus der Homepage des Kirchentags)
Ja, was soll denn das heißen? Genau das will ich Euch jetzt erklären.
Damit es Euch beim Kirchentag nicht langweilig wird, gibt es extra für Euch ein „Zentrum Kinder“. Das ist so eine Art Kita. Dort geben Eure Eltern Euch am Morgen ab. Das kennt Ihr ja von zuhause. Dann gehen sie den Tag über in den Neckarpark. Das ist aber kein echter Park mit Wiesen und Bäumen und schönen Blumen, wie Ihr jetzt vielleicht denkt. Sondern ein großes, stinklangweiliges Gelände am Neckarfluss, auf dem riesige Zelte und große Gebäude stehen. Man sagt hier in Stuttgart halt Neckarpark dazu, weil Park so schön klingt. Oder Eure Eltern gehen in eine Kirche in der Stadt, was sie zuhause wahrscheinlich nur an Weihnachten machen. Aber beim Kirchentag gehen sie ausnahmsweise mal öfter in eine Kirche. Weil es dort berühmte Politiker und andere kluge Köpfe gibt, die Reden halten. Das sind Leute, die so tun können, als ob sie ganz arg gescheit wären und für jedes Problem eine Lösung wüssten. Und das finden Eure Eltern toll. Ihr könnt das sicher gut verstehen. Ihr findet es ja auch ganz toll, wenn Euch jemand Märchen erzählt. Und deshalb gehen Eure Eltern da jeden Tag hin und zahlen viel Geld dafür. Und das nennt man Kirchentag.
Und bis Eure Eltern Euch am Abend wieder abholen, seid Ihr in der Kita im Stadtgarten oder in der Universität Stuttgart. Ich verspreche Euch: Eine so tolle Kita habt Ihr noch nie erlebt. Vielleicht denkt Ihr jetzt, ein Stadtgarten ist aber nichts Besonderes. Das gibt es bei uns zuhause auch. Aber Ihr habt ja jetzt schon gelernt, dass in Stuttgart manches anders heißt, als was es in Wirklichkeit ist. Der Stadtgarten in Stuttgart ist nämlich kein Garten, sondern eine riesige Baustelle, auf der gegraben, gebuddelt und in den Boden hinein gebohrt wird. Weiterlesen

Der letzte Brief – Vorsicht Satire

Sehr geehrter Herr Landesbischof Juli,
sehr geehrter Herr Erzbischof a.D. Zollitsch!

Noch immer von großer Freude und Dankbarkeit erfüllt schaue ich auf den Festgottesdienst am Tag der Deutschen Einheit in „meiner“ Kirche, der altehrwürdigen Stiftskirche, zurück. Auch wenn und gerade weil ich diesen Event als Höhepunkt im meinem Mesnerinnenleben betrachte (beim Festgottesdienst 1997 mit Helmut Kohl und Georges Bush war ich noch an einer anderen Kirche), kann ich nicht umhin, Ihnen einige kritische Anmerkungen zukommen zu lassen. Auch eine Mesnerin macht sich ja so ihre Gedanken, auch wenn Sie das in der Tiefe Ihres Herzens einer Frau vermutlich nicht zutrauen mögen. Ich bin mir zwar bewusst, dass ich, wenn ich diese Gedanken nun auch noch öffentlich ausspreche, damit gegen den biblischen Rat „das Weib schweige in der Gemeinde“ verstoße. Aber mit Gottes Hilfe will ich es dennoch wagen und hoffe dabei auf Ihre bischöfliche Nachsicht.

Nun zu meinen Beobachtungen und Einsichten. Da kommt mir als erstes der rote Teppich in den Sinn, der zwischen Schillerplatz und Eingangsportal ausgelegt war und auf dem die Gottesdienstbesucher feierlich zur Kirche schritten. Zunächst war ich als evangelische Mesnerin darüber etwas verwundert. Auch wenn die Gemeinde wohl ausschließlich aus hoch gestellten Persönlichkeiten und geladenen Ehrengästen bestand, ist ein Gottesdienst doch etwas grundlegend anderes als ein Staatsakt! Und vor Gott zählt schließlich weder Ansehen noch Ehre noch gesellschaftliche Position eines Menschen, sondern allein die Reinheit des Herzens. Psalm 15 ist da ganz eindeutig. Allerdings muss ich ehrlicherweise zugeben, dass ich am nächsten Tag beim Putzen den roten Teppich dann nachträglich doch noch zu schätzen wusste. Der Reinigungsaufwand war dieses Mal deutlich geringer als an den normalen Sonntagen.

Von Ihrer Predigt, verehrter Herr Erzbischof a.D., ist mir besonders die Anrede in unangenehmer Erinnerung. Anstelle der gewohnten Anrede: „liebe Gemeinde“ oder „liebe Brüder und Schwestern in Christus“ sprachen Sie zunächst direkt und namentlich die Oberhäupter des Staates an und schließlich auch die „Brüder und Schwestern“. Auch hierbei fühlte ich mich eher an die Ansprache bei einem Staatsakt erinnert oder auch an Zeiten des landesherrlichen Obrigkeitsstaates, die Gott sei Dank der Vergangenheit angehören. Und in der Anrede der Predigt sollte doch wohl schon die biblische Wahrheit zum Ausdruck kommen, die da lautet: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau. Denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“.

„Soli Deo Gloria” war, ist und bleibt das Motto unserer Gottesdienste.
Und deshalb bin ich auch ausgesprochen dankbar dafür, dass sich die Paramentenwerkstatt in der Kürze der Zeit nicht imstande sah, Antependien in unseren Nationalfarben schwarz rot gold für Altar und Kanzel zu fertigen. So gab es dann nur einen neutralen Kanzelbehang in schlichtem Rot. Vielleicht aus Ihrer Sicht ein kleiner Schönheitsfehler an diesem Tag, den unser Herrgott Ihnen aber sicher verzeihen wird.
Zwar bin ich in den langen Jahren meiner Dienstzeit so einiges an neumodischem Schnickschnack gewohnt, wie Sie sich denken können. Aber der Tanz um den Altar hat mich doch sehr befremdet. Musste das denn unbedingt sein? Jeder halbwegs bibelfeste Zuschauer und besonders ich, die Sonntag für Sonntag von Amts wegen eine Bibelstunde absolviert, musste sich erinnert fühlen an die Geschichte vom „Tanz ums Goldene Kalb“. Sie wissen ja, wie diese ausgegangen ist. Der zu Recht aufs Äußerste erzürnte Mose befahl seinen linientreu gebliebenen Leviten, ihr Schwert zu erheben und „Bruder, Freund und Nächsten“ zu erschlagen, was dann 3 000 Männern das Leben kostete. Auch wenn Sie als Bischöfe quasi selbst die Nachkommen der Leviten sind und von daher nichts zu befürchten zu haben glauben, ist es zumindest denkbar, dass sich beim Tanz ums Goldene Kalb eines Tages die Verhältnisse bei der Bestrafung der Abgefallenen umkehren könnten.

Auf jeden Fall halte ich es für angeraten, solche unseligen Assoziationen durch dem Zeitgeist geschuldete Verkündigungsformen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Wie wir wissen, lässt der Blick auf die Kirche in Geschichte und Gegenwart bei immer mehr Menschen den – natürlich völlig unbegründeten – Verdacht aufkommen, auch der Kirche gehe es nur ums Geld. Diesem falschen Eindruck ist gezielt zu wehren, was ja gerade der neue Papst Franziskus von Anfang an schon durch seine Namenswahl deutlich machte und nun auch noch dadurch, dass er das „Papamobil“ durch einen alten Renault 4 mit 360 000 Kilometern auf dem Buckel ausgetauscht hat. Wie wäre es, wenn Sie, verehrter Herr Landesbischof July, es dem Papst gleichtun und Ihre Mercedes S-Klasse etwa gegen einen 2 CV austauschen? Das war mein erstes Auto, und ich bin damit auch im Winter jede Steigung hinauf gekommen. Dies sage ich deshalb, weil Sie ja vor einiger Zeit die Befürchtung geäußert haben, ohne den Vierradantrieb Ihres Mercedes in den Wintermonaten nicht rechtzeitig zu Gottesdiensten auf die Schwäbische Alb zu kommen. Allenfalls müssten Sie eben etwas früher aufstehen, was Ihnen in Erinnerung an die früher in unserer Kirchen üblichen Frühandachten nicht schwer fallen dürfte.

Auf jeden Fall wäre ein solcher Fahrzeugwechsel ein deutliches Zeichen dafür, dass auch unsere evangelische Kirche gewillt ist, wieder etwas erkennbarer jesuanisch werden zu wollen. Immerhin hatte unser Herr, im Unterschied zu Füchsen und Vögeln, die wenigstens eine Höhle bzw. ein Nest haben, nicht einmal einen Ort, wo er sein Haupt hätte hinlegen können, geschweige denn ein Fahrzeug. Wenn man dann in einer Zeit, in der in beiden Kirchen aus Geldmangel Gehälter gekürzt, Personalstellen gestrichen, Kirchen umgewidmet oder abgerissen, diakonische Einrichtungen marktkonform geführt werden und so weiter, lesen muss, dass der Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, sich einen Protzbau für 31 Millionen Euro als Bischofssitz bauen lässt, dann muss man sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen aus der Kirche austreten.
Nach dieser kurzen Abschweifung, die ich zu entschuldigen bitte, zurück zum Festgottesdienst. Von ganzem Herzen froh bin ich darüber, dass sich die Diskussion um die Länge der Röcke des katholischen Mädchenchors schließlich in Wohlgefallen aufgelöst hat. Die Mädchen hätten ursprünglich ja auf der Sängerempore mit dem Glasgeländer singen sollen, oberhalb des Altars. Und da wäre realistischerweise zu befürchten gewesen, dass Gottesdienstbesucher ihnen unter die Röcke geschaut hätten. Dies wurde aber Gott sei Dank noch rechtzeitig erkannt. Ich will mir gar nicht vorstellen, welche neuerlichen Diskussionen das ausgelöst hätte, wenn Fernsehkameras solche Blicke eingefangen und in die Welt hinaus übertragen hätten! Der Mädchenchor wurde dann ja, mit langen Röcken züchtig verhüllt, auf die Nebenempore platziert.

Noch eine Kleinigkeit, gleichwohl erwähnenswert, möchte ich ansprechen. Wie Sie vielleicht wissen, wurden in der Unterkirche sämtliche Mitwirkende fernsehgerecht geschminkt. Die Solisten bekamen zwei Lagen Make-up mehr aufs Gesicht. Schminken und Kirche, das passt für mich nun wirklich nicht zusammen. Fernsehen hin oder her. Gott schaut ohnehin durch jede Maske, so dick sie auch sein mag. Auf jeden Fall sollte das eine Ausnahme bleiben. Im Gegensatz zum Pudern der Hände des Organisten. Herr Johannsen hat ja ganz hervorragend gespielt. Sicher haben seine gepuderten Hände ein Übriges dazu getan. Eventuell könnte das Pudern der Hände vor dem Gottesdienst in die Richtlinien für den Organistendienst aufgenommen werden. So wäre er oder sie sich stets bewusst, dass Einer ihm immer auf die Hände schaut, auch ohne Fernsehkamera. Das würde mit Sicherheit das Niveau des Orgelspiels in unseren Kirchen heben.

Sollten Sie noch an weiteren Erkenntnissen meinerseits über diesen Stuttgarter Jahrhundertgottesdienst interessiert sein, dürfen Sie mich gerne zu einem Gespräch einladen.

Einstweilen grüßt Sie hochachtungsvoll die Mesnerin der Stuttgarter Stiftskirche

Maria Martha Sauberle

Parkgebet 12.07.2012: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir“

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Parkgemeinde !

Vielen unter uns wird der Trauergottesdienst sicherlich noch in Erinnerung sein, den wir im März dieses Jahres nach dem Massaker an unserem geliebten Schlossgarten miteinander feierten. Wir alle standen damals noch mehr oder weniger stark unter Schock angesichts der unfassbaren Erfahrung, wie in einem barbarischen Akt innerhalb zweier Tage Hunderte gesunder Bäume, kategorisiert in K und T und V, entweder gefällt, ausgerissen, verhäkselt oder irgendwohin verschleppt wurden und dieser schöne Parkgarten mitten in der Stadt in eine Wüstenei ohnegleichen verwandelt wurde. Und das ohne zwingende Notwendigkeit und obwohl klar war, dass hier über längere Zeit kein Bahnhofstrog würde gebaut werden können, wenn überhaupt. Weiterlesen

Warum ich als Christ gegen Stuttgart 21 bin – Redebeitrag beim Frühstück am GWM

Warum ich gegen „Stuttgart 21“ bin
Mindestens 300 alte Großbäume mitten in unserer Feinstaub belasteten Stadt sollen abgeholzt werden, um einem Milliarden teuren, verkehrlich überflüssigen Tiefbahnhof sowie einem Immobilienprojekt Platz zu machen.
Warum eigentlich?
Antwort: „Weil es sich rechnet“ – für die großen Baukonzerne, für die Banken, für die Deutsche Bahn.
Das ist offenbar die wichtigste Frage im Leben geworden: Ob es sich rechnet?
Dem wird heutzutage alles untergeordnet: Menschen, Tiere, Pflanzen, Luft, Wasser, Erde.
Geld wird gewinnbringend vermarktet. Warum sollte man es auch zur Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse sozialer, pädagogischer, ökologischer Art nutzen, wenn man es doch zu noch mehr Geld machen kann?
Die Sozialpflichtigkeit des Eigentums steht nur noch im Grundgesetz (Art. 14,2), gleichsam wie ein vergessenes Relikt aus vergangenen Zeiten. Dass Kapitalinteressen auch sozialer Fürsorge und Verantwortlichkeit für die Schwächeren verpflichtet sind, dieser Grundsatz sozialer Marktwirtschaft ist in der Realität längst aufgegeben.
Die Ökonomie ist totalitär geworden. Alles beherrschend. Alternativlos.
Alles andere ist Nebensache geworden, Mittel zum Zweck. Lediglich Material, das gewinnbringend ausgebeutet werden kann.
Für dieses Denken steht „Stuttgart 21“ beispielhaft.

Warum ich als Christ gegen Stuttgart 21 bin
Weil die Bibel gegen eben dieses Denken und das daraus folgende Handeln Widerspruch einlegt.
Ihr Grundsatz von der ersten bis zur letzten Seite lautet: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen“ – Psalm 24,1.
„The world is not for sale“ – die Erde: Bäume, Menschen, Tiere, Pflanzen, Wasser, Luft ist kein käuflicher Gegenstand, den man wie einen Fernseher billig produzieren oder einkaufen und teuer weiter verkaufen kann.
Die Erde kommt nicht aus der Fabrik , sondern von Gott. Sie ist Gottes Schöpfung, uns und all jenen, die nach uns kommen, anvertraut als Lebensraum. Ebenso den Tieren, den gleichfalls gesegneten Geschöpfen Gottes (1. Mose 1, 22).
Die Erde gehört Gott. Wir dürfen sie nutzen.  Und wie gehen wir mit der Erde um?
Dabei sind wir Menschen sind zu Treuhändern der Schöpfung Gottes berufen.

Warum ich mich für die Teilnahme an einer Blockadeaktion entschieden habe
Weil unsere sachlichen Argumente, Einwände und Vorschläge von den Betreibern nicht gehört werden.
Weil die „guten Argumente der Befürworter“ keinem anderen Zweck dienen, als jegliche Diskussion zu unterdrücken und sie obendrein rein propagandistischen Charakter zur Durchsetzung von Kapitalinteressen haben.
Weil „Stuttgart 21“ nicht alternativlos und unumkehrbar ist („There are thousends of alternatives“ anstelle „There is no alternative“!)
Weil „laisser – faire“ und sich raushalten für mich keine christlich zu verantwortenden Haltungen sind.
Weil ich persönlich überzeugt bin, dass Jesus recht hatte, als er sagte:
„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“!

Wolfgang Schiegg

Schöpferische Nachfolge

Eine theologische Analyse zum politischen Engagement von Kirche – auch gegen Stuttgart 21

„In der Bibel finden wir keine konkrete Weisung für oben bleiben oder nach unten bauen“ – schrieb der Stuttgarter Prälat Ulrich Mack im Blick auf das umstrittene Projekt „Stuttgart 21“ in seinem Neujahrsbrief 2011 an kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Freunde und Bekannte sowie an der Kirche Interessierte.
Seit Luther ist es unter Protestanten üblich, Streitfragen sowohl bei theologisch – kirchlichen als auch bei gesellschaftlich – politischen Themen von der Bibel und schwerpunktmäßig vom Neuen Testament her, von dem, „was Christum treibet“ (Luther), zu entscheiden. Das Dilemma hierbei ist, wie so oft im theologischen Disput, dass sich alle Konfliktparteien flugs auf die Bibel berufen, um ihren Meinungen die nötige theologische Legitimation und Autorität zu verleihen.
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Das „hohe C“ der CDU – Anspruch und Wirklichkeit

Der CDU geht es wie jeder anderen Partei und im Übrigen auch den Kirchen: zwischen den selbst gesetzten Ansprüchen, Vorsätzen und Zielsetzungen und der realen Politik herrscht eine mehr oder minder große Kluft. Wenn ich mir nun das Grundsatzprogramm der CDU, beschlossen beim 21. Parteitag vom 3./4. 12. 2007, anschaue und dann einen aktuellen politischen Faktencheck durchführe, ergibt sich eine interessante Beobachtung. Viele Aussagen des Grundsatzprogramms kann ich voll unterstützen, denn da wird sehr viel Richtiges und Wertvolles über die speziellen Herausforderungen der Zeit, über Familie und Gesellschaft, über Schöpfung und Umwelt, Menschenwürde, Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit, soziale Marktwirtschaft, Bildung und Kultur gesagt, und viele dieser Aussagen beinhalten auch eine erkennbare Affinität zu Grundüberzeugungen des biblisch – christlichen Glaubens. Schaue ich mir nun aber die konkreten politischen Entscheidungen an, für die die CDU im Bereich der Bildungspolitik, Energiepolitik, Militärpolitik, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik, Entwicklungspolitik und auch bei „Stuttgart 21“ konkret steht, muss ich leider feststellen, dass es zwischen deren Positionen und Entscheidungen in den konkreten Sachfragen und den meinigen so gut wie keine Übereinstimmung gibt.
Die hehren Aussagen des Parteiprogramms spielen im politischen Alltagsgeschäft offensichtlich keinerlei entscheidende Rolle, dafür aber umso mehr die ökonomischen Interessen der „Starken“, die bedient werden.

Dies sei an zwei konkreten Beispielen belegt.
Da liest man im Grundsatzprogramm, die CDU wolle ihren „Nachkommen eine Welt bewahren und hinterlassen, die auch morgen noch lebenswert ist“, denn „die nachfolgenden Generationen haben ein Recht auf wirtschaftliche Entwicklung, sozialen Wohlstand und eine intakte Umwelt“. Zugleich steht diese Partei seit nunmehr 50 Jahren ungebrochen für Atompolitik und damit nolens volens auch für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen, deren Zerstörungsqualität alles übersteigt, was ein normaler Mensch sich vorstellen kann. Und auch die zivile Nutzung der Atomtechnik bedroht die Schöpfung wie keine andere Technik, zumal es bis zum heutigen Tag für den hochradioaktiven Atommüll kein sicheres Endlager gibt und wohl auch nie geben wird. Deshalb lässt man über Jahre den Müll im Atlantik verklappen, wo er als Zeitbombe vor sich hinmodert, oder lagert ihn z.B. in das angeblich 1000 Jahre sichere Endlager Asse in Niedersachsen ein, wo er nun – wie schnell die Zeit doch vergeht! – für über 3 Milliarden Euro auf Kosten der Steuerzahler wieder herausgeholt werden muss, nachdem nun endlich offiziell festgestellt wurde, was man im Grunde schon von an Anfang wusste, dass der Salzstock als Endlager nicht geeignet, weil nicht trocken, ist. Gutachter prognostizieren heute für den Berg, in dem 127 080 teils offene oder gebrochene Atommüllfässer, unter anderem 28,6 Kilogramm Plutonium (Halbwertzeit etwa 24000 Jahre) lagern, eine Standfestigkeit bis 2020. Seit 1988 flossen und fließen immer noch täglich 12 000 Liter Salzlauge aus dem Deckgebirge zu. Dieses Deckgebirge hat Kontakt zum Grundwasser, es gehört also zu der dem Menschen zugänglichen Biosphäre. Und schon in den 90 – er Jahren wurde in der besagten Lauge radioaktives Caesium 137 nachgewiesen, was aber vor der Öffentlichkeit zunächst verheimlicht und schließlich in seiner Gefährlichkeit heruntergespielt wurde. Damit „liegt heute die, vorsichtig formuliert, problematischste Atomanlage Deutschlands, wenn nicht gar Europas: das Atommülllager im ehemaligen Salzbergwerk Asse.“ (Quelle: Meinrad Heck, Asse im Ärmel, Wie die Öffentlichkeit von Politik und Atomlobby im Skandal um das niedersächsische Salzbergwerk planmäßig in die Irre geführt wurde, in: J.O. Freudenreich, die Taschenspieler, S. 123 ff).
Auch die andere Technik des 20. Jhdts., deren nachhaltige Gefährlichkeit ein ähnlich bedrohliches Vermächtnis für zukünftige Generationen darstellt wie die Atomtechnik, nämlich die Gentechnik, wird von der CDU offensiv vorangetrieben. Über 70 Prozent der deutschen Bevölkerung lehnt nachweislich die Gentechnik in Lebensmitteln ab. Schon dies müsste ein Grund sein, als „Volkspartei der Mitte“, die sich „an alle Menschen und alle Schichten und Gruppen in unserem Landet wendet“, hier ein restriktive Politik zu verfolgen. Das Gegenteil ist der Fall. Die CDU Niedersachsen unter dem damaligen Ministerpräsidenten Wulff etwa erklärte die Gentechnik für ethisch vertretbar, ökonomisch und ökologisch geboten. 2009 forderte der heutige Bundespräsident Wulff gegen das Ansinnen der Verbraucherministerin Ilse Aigner, die Aussaat von genmanipuliertem Mais zu verbieten, von der Bundesregierung ein klares Bekenntnis zum Einsatz der Gentechnik in Deutschland. Die Gentechnologie sei eine Zukunftstechnologie, die ihren Platz in Deutschland haben müsse.
Dazu kommt, dass die Vorbehalte der Bevölkerung gegen Gentechnik in Lebensmitteln durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts untermauert werden, das 2010 feststellte: „Mit der Möglichkeit, gezielt Veränderungen des Erbgutes vorzunehmen, greift die Gentechnik in die elementaren Strukturen des Lebens ein. Die Folgen solcher Eingriffe lassen sich, wenn überhaupt, nur schwer wieder rückgängig machen.(…) Angesichts eines noch nicht endgültig geklärten Erkenntnisstandes der Wissenschaft bei der Beurteilung der langfristigen Folgen eines Einsatzes der Gentechnik trifft den Gesetzgeber eine besondere Sorgfaltspflicht“. Der Gesetzgeber hat „in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen“. (http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg10-108)

Fazit: Eine Partei, die eine konkrete Politik betreibt, die gegen die eigenen ideellen Grundsätze verstößt und dazu noch vielfach den Willen der Bevölkerungsmehrheit missachtet (u.a. auch beim Projekt Stuttgart 21), ist schlicht unglaubwürdig und hat es verdient, wenn ihr das Vertrauen entzogen wird.

Wolfgang Schiegg, Pfarrer