Ansprache zu Lk 14,28-30 im Parkgebet am 14.02.2013 (Gunther Leibbrand)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

wir haben gerade den folgenden Text schon als Psalmgebet miteinander gesprochen, um ihn uns besser anzueignen – als wenn wir ihn nur vorgelesen bekämen:

„Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.

Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, es hinauszuführen, – damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten? Und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen?

Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen anderen König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein. Das Salz ist etwas Gutes; wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit soll man würzen? Es ist weder für den Acker noch für den Mist zu gebrauchen, sondern man wird’s wegwerfen. Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

Weil ich die Verse Lk 14,28-30, diejenigen von dem, der einen Turm bauen will und dem schon das Geld ausgeht, nachdem er gerade einmal die Baugrube ausgehoben hat, seit dem 26.1. dreimal in unseren Kreisen des Protestes gegen Stuttgart 21 sehr eindrucksvoll vorgetragen gehört habe, entschloss ich mich, sie für uns im Zusammenhang zu lesen und zu bedenken.

Zunächst einmal sind sie zweifelsohne schwerer Tobak für die Befürworter des unsäglichen Immobilienprojekts, das sich als Bahnverkehrsmodernisierungsprojekt tarnt und in Wirklichkeit ein Rückbauprojekt für den Bahnverkehr in Baden-Württemberg darstellt. Darauf wurde sehr eindrücklich verwiesen durch den Hauptredner bei der letzten Montagsdemo am Rosenmontag, Johannes Hauber, Betriebsratsvorsitzender beim Waggon-Hersteller Bombardier. Mit Grube als ehemaligem Lastwagenbau-Manager hat man selbstredend den Bock zum Gärtner gemacht. Er tut, was er sollte. Fragt sich nur, wie lange noch!

Wer etwas zu bauen beginnt, ohne wirklich die Kraft zu haben, es auch bezahlen zu können, geschweige denn technisch zu bewältigen, braucht sich nicht zu wundern, wenn er mit Hohn und Spott überhäuft wird. Ganz klar.

Aber diese Worte vom Turmbauer geben innerhalb des Zusammenhanges, in dem sie stehen, noch viel mehr her:

Sie sind zweifelsfrei bezogen auf Menschen, die Jesus nachfolgen wollen. Wir sind auch solche Menschen. Weil aber Jesus durch die ihm bereitete furchtbar qualvolle und beschämende Ermordung am Kreuz nicht aus der Welt zu schaffen war, spricht er heute noch, eben auch heute Abend zu uns. Prüft euch, ob ihr die Mittel und Entschlossenheit zur Nachfolge habt, denn sie beinhaltet das Kreuz – auch für euch! Das ist die Hauptaussage. Jesus nachzufolgen ist eine Riesenaufgabe. Sie wird veranschaulicht an dem, der einen Turm, nicht nur ein Haus, bauen wollte, und dem schon die Mittel ausgehen, nachdem er nur die Grube ausgehoben und das Fundament gelegt hatte. So soll es euch nicht gehen, will Jesus uns sagen.

Ganz konkret als Parkgebetsgemeinde angesprochen: Es geht um unsere Kraft und unsere Bereitschaft, unsere Kreuze in der Nachfolge Jesu im Angesicht der wild entschlossenen und mit allen Wassern gewaschenen Immobilienspekulanten auf uns zu nehmen. Werden wir die Kraft aufbringen, nicht zu weichen? Auch uns nicht gegeneinander ausspielen zu lassen?

Es sind ja fünf Bilder, die Jesus hier nach Lukas seinen möglichen Jüngern prüfend vor Augen stellt:

Das erste Bild spricht von der radikalen Selbständigkeit (gegenüber dem Vater, der Mutter, dem Ehepartner, den Kindern, den eigenen Brüdern und Schwestern, ja gegenüber sich selbst – mit all den eigenen Zweifeln oder Bedürfnissen –) und der hingegen notwendigen ausschließlichen Bezogenheit auf IHN, den Auferstandenen.

Das zweite Bild ist das vom eigenen Kreuz: Jesus würde sein Kreuz zu tragen haben. Aber seine Jünger auch, – das jeweils ihrige in ihrer Zeit (Petrus war nicht in der Lage dazu, er leugnete mehrfach, Jesus überhaupt zu kennen.) Denken wir an all die Schrecklichkeiten, mit denen Menschen belegt und belastet wurden, die Gott mehr gehorchten als den Menschen, die ihnen als jeweilige Gewalttäter entgegentraten, oft das Leben nahmen! Wie weit die Macht der SS heute noch reicht, sehen wir am Verhalten der Strafverfolgungsorgane ihren früheren Untaten gegenüber wie gegenüber den Untaten ihrer gelehrigen Schülerinnen und Schüler des so genannten „NSU“ in unserer Zeit.

Das dritte Bild vom Turmbauer habe ich schon besprochen.

Dann das vierte Bild vom König, der in den Krieg ziehen soll, und die notwendige Streitmacht nicht hat, um ihn gewinnen zu können. Besser er macht Frieden und unterwirft sich seinem Feind.

Zuletzt das Bild von dem Salz, das entweder salzt oder völlig unnütz ist. Hoffen wir, dass das nicht das Schicksal der Amtskirchen ist, die sich hier und überall, wo es etwas „Kreuz“ kostet, zurückhalten.

Also lauter Worte Jesu, die uns in großer Ernsthaftigkeit befragen wollen nach unserer Entschlossenheit, nach unserem Mut, nach unserer Zähigkeit und unserer Ausdauer, auch nach unserer Fähigkeit zur Selbstkritik und realistischen Selbsteinschätzung, auch nach unserer Klugheit und nach unserer Sanftmut und Wahrhaftigkeit! „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“ (Mt 10,16).

In dieser kommenden Nacht vor einem Jahr haben wir unsere Sache nicht verraten, haben friedlich demonstriert und uns von der Polizei, die sich allerdings auch erhebliche Mühe gegeben hatte, ohne Gegengewalt zu leisten aus dem Park drängen lassen. Kleinere Zusammenstöße sind vorgekommen, wurden aber nicht eskaliert. So hat sich die Polizei stillschweigend von ihrem katastrophalen Fehlverhalten am 30.9.2010 distanziert. Juristisch aufgearbeitet ist die Sache nach bald zweieinhalb Jahren aber immer noch nicht.

Dafür klafft die dadurch durchgesetzte Baugrube immer gähnender und peinlicher – für die, die sie bald zuschütten und dann neu bepflanzen werden müssen. Ihre Schande wird noch Jahrhunderte zu sehen sein.

Ich habe Ihnen den Text dieser Andacht gleich ausgeteilt, weil ich denke, dass wir so das Wort Gottes als unsere Kraftquelle schwarz auf weiß nach Hause tragen können, um nochmals nachlesen zu können, aus welcher Kraft heraus wir in aller Ruhe keine Ruhe geben können.

Oben bleiben – mit dem Bahnhof, mit dem Kopf, mit dem Herzen – im Gebet!

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Eine Antwort zu “Ansprache zu Lk 14,28-30 im Parkgebet am 14.02.2013 (Gunther Leibbrand)

  1. „… und ließe meinen Leib brennen“, es wäre nichts nütze!
    Gut, dass es im Protest gegen S21 ganz überwiegend nicht verquast und verquollen, irr und wirr zugeht.

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