Archiv der Kategorie: # Ansprachen beim Parkgebet

Ansprache beim Parkgebet am 27.7.2017 zu Amos 9,7 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

„Seid ihr Kinder Israel mir nicht gleichwie die Mohren?“ spricht der Herr. „Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland geführt und die Philister aus Kaphtor und die Aramäer aus Kir?“

Diese schlichten Fragen aus dem Buch des Propheten Amos stellten 750 v. Chr. eine theologische Revolution dar. Amos nimmt die zentrale Gotteserfahrung der Israeliten auf, die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Diese Erfahrung hatte in Israel zu dem Erwählungsglauben geführt, Gott gebe diesem Volk eine privilegierte Stellung in der Völkerwelt. Daraus hat sich dann der Anspruch entwickelt, andere Völker gering zu schätzen und unterdrücken zu dürfen. Wie auch andere Propheten musste Amos die Erwählungsgläubigen daran erinnern, dass Gott das versklavte Volk Israel befreit hatte mit dem Auftrag, niemals andere zu versklaven. Dass Gott auch andere versklavte Völker befreit und damit der Gott aller Völker ist, war für die Erwählungsgläubigen ein schwerer Schock. Ich denke, wir können das im Blick auf unsere deutsche Geschichte gut nachempfinden: So müssen sich alle, die „Deutschland über alles“ gesungen hatten, nach dem 8. Mai 1945 gefühlt haben.

Ich erinnere an diesen theologischen Wendepunkt im Alten Testament, um unseren Blick über die Probleme mit Stuttgart 21 hinaus auszuweiten. Verglichen mit der Not in den Kriegs- und Hungergebieten der gegenwärtigen Welt erscheint unsere Not mit Stuttgart 21 fast wehleidig. Gewiss gibt es einen Zusammenhang zwischen den Kräften, die Stuttgart 21 am schwarzen Donnerstag mit Mitteln einer Diktatur durchzusetzen versuchten, und den Kräften, die weltweit Krieg und Hunger verursachen. Die neoliberale Gier der Mächtigen in Wirtschaft und Politik hat einst die Polizeigewalt hier in den Schlosspark gebracht, aber noch viel mehr bringt diese Gier Elend und Tod in die Kriegs- und Hungergebiete der gesamten Welt. Jesus bezeichnet diese zerstörerische Macht als den Götzen Mammon. Wer diesem Götzen dient, kann nicht zugleich dem barmherzigen Gott Jesu dienen (Mt 6,24). Und wer dem Gott Jesu dienen will, muss dem Götzen Mammon Widerstand leisten.

Was können wir als kleine Gruppe von Parkgebetsleuten da ausrichten? Ich kann zu dieser Frage nur an die Handvoll Menschen beim Leipziger Friedensgebet nach dem Scheitern des Widerstands gegen die Natonachrüstung im Jahr 1984 erinnern. Aus dieser kleinen Zelle wuchs die christliche Bewegung, die den „Kalten Krieg“ im Zusammenwirken mit dem Atheisten Gorbatschow überwand. Auch wenn die Chancen dieser Entwicklung seit 1989 zu wenig genutzt wurden, so bleibt uns doch nichts anderes übrig, als wie die Handvoll der Betenden von Leipzig unbeirrt die Vision einer barmherzigen und friedlichen Welt festzuhalten, auch in Zeiten von Führungsfiguren wie Trump, Xi Jinping, Putin, Macron, May und Merkel.

Was lässt uns hoffen? Nachdem die lutherischen Kirchen fünf Jahrhunderte hindurch die Verweigerung des Kriegsdiensts verdammten und aktiv Kriegstreiberei begingen, haben sich nun in Württemberg Synode und Kirchenleitung wenigstens verpflichtet, gegen den Export von mörderischen Kleinwaffen und für die Umwandlung von Rüstungsproduktion in friedliche Produktion einzutreten. Ein kleiner Schritt, aber doch ein erstaunlicher, nachdem Württembergs Landesbischof von Keler noch 1983 vor der Landessynode Atomwaffen befürwortete, obwohl er im gleichen Atemzug eingestand, dass sie die Freiheit, die sie angeblich verteidigen, in Wirklichkeit zerstören. Und immerhin ist unsere Landeskirche damit schon etwas weiter als unsere Bundesregierung, die allenfalls Rüstungsausfuhren in die Türkei einschränken will. Unser Gebet muss ergänzt werden durch entschlossene politische Überzeugungsarbeit.

Ich war letzte Woche beim Tag der Schulen in einer Bruchsaler Kaserne. Es waren Schulklassen da, die hautnah Bundeswehr erleben sollten. Ich kam mit Soldaten ins Gespräch. Ich sehe ihre Entscheidung für den Militärdienst kritisch, aber noch kritischer stehe ich der Militärpolitik der Regierung gegenüber. So fragte ich Soldaten, ob sie sich nicht z. B. in Afghanistan verheizt fühlten in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Sie verneinten. Ich erinnerte an den Backnanger Gefreiten Menz, der sich dort als Entwicklungshelfer verstand und wenige Tage vor seiner Rückkehr von einem als Soldat verkleideten Terroristen beim Panzerreinigien erschossen wurde. Ich verwies auf Art. 24 (2) GG, dass Deutschland sich einem „System gegenseitiger kollektiver Sicherheit“ anschließen darf, was 1949 nicht die Nato meinte, die nur Bündnispartner sichert durch brutales Faustrecht. „Kollektive Sicherheit“ denkt an alle möglichen Konfliktpartner, auch an die Taliban und den IS, verwirklicht also Feindesliebe. Dass die Leute vom IS zwar schlimm sind, aber nicht schlimmer als unsere Freunde in Saudi Arabien. Dass der Sieg über den IS im Irak und Syrien nur bedeutet, dass der asymmetrische Krieg der Terroristen nun noch mehr in unser Land kommt. Die Soldaten waren total überrascht von diesen Gedanken, wohl ebenso wie die Israeliten, die zur Zeit des Amos an ihre privilegierende Erwählung glaubten.

Einer rechtfertigte die Kriegseinsätze als demokratisch legitimiert. Ich wandte ein, dass die UNO eine Organisation von fünf Feudalherrschaften ist, die die Welt untereinander aufteilen und einander gewalttätig gewähren lassen. Demokratisch sei allenfalls der Beschluss der 122 Länder, die jüngst die Atomwaffen ächteten. Da fiel beim obersten Offizier für Öffentlichkeitsarbeit der Groschen: „Es müsste also die Vollversammlung entscheiden und nicht der Sicherheitsrat“. Ich bestätigte, dann könnten sie als Soldaten die Weltpolizei sein, die an Recht und Gesetz gebunden ist und die wir brauchen. Am Ende meinte der Offizier, wir sollten im Gespräch bleiben. Er hatte von der Zeit geschwärmt, als die afghanischen Kinder den deutschen Soldaten noch freudig zugewinkt hatten. Beim nächsten Gespräch werde ich versuchen mit ihm zu ergründen, warum sie schließlich nicht mehr gewinkt haben.

Diese kleinen Mühen in der Überzeugungsarbeit können natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den Kriegs- und Hungergebieten weiterhin unsäglich gelitten wird. Das Festhalten an der Vision einer gerechteren und friedlicheren Welt und der Einsatz für eine solche hilft aber, nicht in Resignation zu versinken. Der Gott des Friedens und der Barmherzigkeit schenke uns den Mut und die Ausdauer, in seinem Dienst nicht zu verzagen. Amen.

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Ansprache beim Parkgebet am 29.6.2017 zu 1. Mose 11,1-8 (Ausschnitt) von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die Menschen hatten damals noch eine einzige, allen gemeinsame Sprache. … Sie sagten: „Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt und einen Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann werden wir in aller Welt berühmt. Dieser Bau wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Welt zerstreut werden.“ Der Herr kam vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. Denn er sagte sich: „Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt. Ans Werk! Wir Steigen hinab, und verwirren ihre Sprache, damit keiner mehr den andern versteht!“ So zerstreute sie der Herr über die ganze Erde, und sie mussten ihre Pläne aufgeben.

Auch noch die Bibelübersetzung in heutigem Deutsch von 1982 setzt über die Turmbauerzählung die Überschrift: „Die Menschheit will es mit Gott aufnehmen“. Das ist die klassische Deutung der Erzählung: Die bösen Menschen müssen vom guten Gott in Schach gehalten werden, damit sie nicht allen Unsinn treiben können, der ihnen einfällt. Vor 46 Jahren bekam ich diesen Text zur Auslegung bei meiner Prüfungspredigt zum 2. Examen. Bei der Vorbereitung entdeckte ich, dass das so gar nicht dastand. Die Menschen wollen nicht Gott vom Thron stoßen, sie wollen nur für den Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft miteinander bauen. Alle, die einmal an einem Privathaus, einem Vereinsheim oder einer Kirche gemeinsam gebaut haben, wissen, wie das zusammenschweißt. Das Problem sind hier nicht die solidarisch zusammenarbeitenden Menschen, sondern der sehr menschlich auf seine Macht bedachte Gott, dem die Menschen zu mächtig werden. Das für mich Erschreckende war, dass diese 3000 Jahre alte Gottesvorstellung in meiner gegenwärtigen Kirche die beherrschende war. Sie war seit alters die Rechtfertigung dafür, dass die gute Obrigkeit das böse Volk in Schach halten muss. Ich forderte deshalb die Gemeinde auf, diesem Gottesbild abzusagen und zum barmherzigen Gott Jesu zurückzukehren. Denn dieser hat keine Angst vor zusammen haltenden Menschen, er will ihre Solidarität, er hält sie nicht für grundsätzlich böse, sondern als seine guten Geschöpfe zum Guten fähig. Auch wenn sie gelegentlich Fehler machen, hält er sie für zur Umkehr fähig. Auf diese Predigt hin wurde ich an eine Sonderschule für Verhaltensgestörte versetzt, um dort alles zu unterrichten, nur nicht Religion – ein Beweis, welcher Gott in meiner Kirche herrschte, obwohl dies natürlich geleugnet wurde.

Es ist der Gott der Guten, die bei Rundflügen hoch am Himmel Tiefbahnhöfe beschließen und dann hernieder fahren, um mit Wasserwerfern und Tränengas das böse Volk auseinandertreiben, das solidarisch seine Interessen vertritt. Denn, so sagen sie, wenn es dem Volk gelingt, dieses Großprojekt zu verhindern, dann werden sie alle schönen Großprojekte zu Fall bringen, die ihren Interessen entgegen stehen. Das wäre das Ende unserer demokratisch verbrämten Lobbykratie. Ich will nicht verschweigen, dass diese meine Deutung auch heute noch in meiner Kirche umstritten ist.
Ich fordere aber auch heute noch dazu auf, die Überschrift und den Text der Turmbauerzählung genau zu vergleichen und daraus die Schlüsse für den Weg von uns Christen von heute zu ziehen, auch im Blick auf Projekte wie Stuttgart 21.

Ich mache darauf aufmerksam, dass die Idee für den Bau von Stadt und Turm nicht von einem Feudalherrn oder einem gewählten Stadtparlament ausgeht, sondern einen Basisbeschluss darstellt, der mit nichts als der blanken Kraft der Argumente vorgetragen wird und überzeugt. Weil die Bürger von Babel überzeugt sind, dass die Bauten ihren Interessen dienen, machen sie mit. Auf diese Weise ist die Idee vom Umstieg 21 entstanden: Fachleute aus dem Volk haben sich Gedanken gemacht, was der Bevölkerung von Stuttgart und Umgebung hilfreich sein könnte. Sie wenden sich an die Öffentlichkeit und an die Entscheidungsträger in der repräsentativen Demokratie und der Führung der Deutschen Bahn AG mit nichts als der blanken Macht der Argumente. Nachdem Politik und Bahn AG die hilfreichen Ideen ausgeschlagen haben, wenden sie sich nun an die Staatsanwaltschaft in Berlin und versuchen dort Überzeugungsarbeit zu leisten, um auf diese Weise die Entscheidungsträger in der Politik und der Bahnführung zur Einsicht zu bringen. Sie dienen damit nicht mehr dem Gott der angeblich guten Profiteure, die sich das Land wie Feudalherren unter den Nagel reißen und das böse widerstrebende Volk Mores lehren wollen, sondern dem Gott, der gewaltfrei dem Wohl der Allgemeinheit dienen will.

Indem wir dabei mitmachen, dienen wir dem barmherzigen Gott Jesu, der sehr wohl weiß, dass nicht nur das Volk böse sein kann, sondern auch die Herrschenden, die durch ihre Macht noch viel mehr Böses anrichten können. Das wird in unserer Kirche leider immer wieder vergessen, dass Jesus sagt: „Wie ihr wisst, unterdrücken die Herrscher ihre Völker, und die Großen missbrauchen ihre Macht. Aber so soll es bei euch nicht sein. Wer von Euch etwas Besonderes sein will, soll den anderen dienen, und wer von euch an der Spitze stehen will, soll sich allen unterordnen“ (Mk 10, 42-44). Parteien, die behaupten christlich zu sein, müssten das vor allem beherzigen. Es reicht eben nicht aus, wenn eine Kanzlerin einer sich als christlich bezeichnenden Partei einfach behauptet: „Sie kennen mich, uns allen geht es gut“, dann aber nicht nur in Griechenland, sondern auch im Inland eine Politik der Verarmung betreibt, die immer mehr Menschen betrifft. Auch bei ihrem Lieblingsprojekt Stuttgart 21 muss sie lernen zu fragen, was der Bevölkerung insgesamt dient und nicht nur wenigen Profiteuren. Wenn sie dies verweigert, dann muss die Staatsanwaltschaft angerufen werden, um sie wegen Anstiftung zur Untreue zu belangen. Und sie muss im Wahlkampf zu spüren bekommen, dass die Verschwendung öffentlicher Gelder für die Verschlechterung des Bahnverkehrs abgestraft wird. Wir lassen uns nicht beirren. Unser Glaube an den barmherzigen Gott ruft uns dazu, die Dinge beim Namen zu nennen und mit nichts als der blanken Macht der Argumente Überzeugungsarbeit zu leisten. Der barmherzige Gott schenke uns den Mut und die Kraft dazu. Amen.

Ansprache zum Parkgebet an Himmelfahrt 2017 von Pfr. i.R. Wolfgang Schiegg

Hier: die Ansprache als pdf-Datei

Liebe Parkgemeinde, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter!

Heute findet das Parkgebet nicht an einem normalen Donnerstag statt. Heute ist zugleich Feiertag. Christi Himmelfahrt. Der biblische Hintergrund des Festes ist schnell erzählt: Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Ölberg nahe Jerusalem. Er sagt ihnen den Empfang des heiligen Geistes zu, bestätigt sie als seine Zeugen, wo immer sie leben und – entschwindet vor ihren Augen in einer Wolke zum Himmel. Diese Geschichte markiert das Ende seines diesseitigen, irdischen Lebens.

Mit der Himmelfahrt ist Jesus in eine neue Daseinsweise eingetreten. Die Himmelfahrt erscheint so als seine Thronbesteigung. Er hat nun die Herrschaft über Himmel und Erde übernommen.

Und die Bedeutung von Himmelfahrt für uns?

Christi Himmelfahrt richtet an uns die Frage, wem wir Christen heute die Herrschaft in unserem Leben einräumen wollen, wen und was wir heute für unser Leben als maßgeblich anerkennen wollen und wie Jesus heute für uns zur Autorität werden kann.

 Wer regiert die Welt? Die große ganze und unsere kleine persönliche Welt? Wer hält die Macht in Händen?
Das ist die Kardinalfrage an Himmelfahrt.

 Vor einigen Jahren erschien ein Buch des Journalisten Christian Nürnberger, das dieser Frage nachgeht und viel Beachtung fand. Es trägt den Titel „Machtwirtschaft“. Schon beim Hören des Begriffs erkennt man das Wortspiel: Marktwirtschaft / Machtwirtschaft.

Die Grundbotschaft des Buches lautet, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, wer in den einzelnen Ländern an der Regierung sei, weil die eigentliche Macht längst nicht mehr bei der Politik liegt, sondern in der Wirtschaft. Nicht die Politikerinnen und Politiker regierten unser Land, sondern Unternehmer, Manager und vor allem Großaktionäre. Investoren und Aufsichtsräte dirigierten uns alle, einschließlich unserer Politiker. Das haben auch wir in den letzten Jahren beim Milliardenprojekt S 21 schmerzlich feststellen müssen. Die „Shareholder“, also die Anteilseigner großer Konzerne, und da die oft anonymen Großaktionäre, die niemand namentlich kennt, seien die geheimen Machthaber dieser Welt, nach denen sich alles zu richten habe. Sie seien es auch, die die Politik bestimmten.

 Wer regiert diese Welt?

Dies ist eine politische Frage und zugleich ein Glaubensthema.
Schon allein deshalb, weil diejenigen, die mit ihrer Wirtschaftsmacht die Welt regieren, auf ihre eigene Weise gläubige Menschen sind. Allerdings glauben sie nicht an Gott, sondern an den Markt, an den freien Markt, dem man möglichst freien Lauf lassen müsse. Sie sagen: Würden alle gesetzlichen Einschränkungen aus dem Weg geräumt oder vermieden – etwa ein gesetzlich festgelegter Mindestlohn, eine höhere Besteuerung von Vermögenden und Unternehmen und eine steuerliche Entlastung der mittleren und niederen Einkommen (im Grunde alles, was eine Marktwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft macht), dann und nur dann werde die Wirtschaft weiter wachsen und unseren Wohlstand sichern, weil die Tüchtigen belohnt würden und davon würden dann auch die weniger Tüchtigen und die sozial Schwachen profitieren. So etwa lautet zusammen gefasst das Glaubensbekenntnis der Marktgläubigen, der heute sog. Neoliberalen. Weiterlesen

Ansprache zum Parkgebet am 11.5.2017 zu Hes 34, 2-10 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

So spricht der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden. Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? … Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern. Ich will ein Ende machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen nicht mehr sich selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen. (Hes 34,2-10 in Auswahl)

Diese Sätze des Propheten Hesekiel vor etwa 2500 Jahren wirken wie eine hochaktuelle Analyse der Verhältnisse unserer Tage. Es ist nur wenige Monate her, dass sich die baden-württembergischen Landtagsabgeordndeten besonders schöne Ruhegehälter beschlossen und sich damit selbst geweidet haben. Aber nur 14 Tage später ist, theologisch gesprochen, der Herr so an die Hirten gegangen, dass sie sich nicht mehr selbst weiden konnten, und das Selbtbedienungsgesetz wieder aufheben mussten. Wie hat der barmherzige Gott, der gute Hirte seiner Herde, dieses Wunder geschafft? Er hat unter seiner Herde eine solche öffentliche Empörung aufkommen lassen, dass die sich selbst weidenden Hirten sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurück besinnen mussten, die Herde zu weiden.

Leider werden die selbstbezogenen Hirten unserer Tage nicht immer so schnell ausgebremst. Wir als Befürwortende des Umstiegs 21 denken hier insbesondere an Roland Pofalla, den ehemaligen Staatssekretär im Kanzleramt. Er hat als willfähriger Erfüllungsgehilfe der Bahnprivatisierung und der Profiteure von Stuttgart 21 der Kanzlerin geholfen, ihr völlig unrentables und vollkommen unsinniges Lieblingsprojekt vor dem Abbruch zu bewahren, indem er 2013 die Bahn-Aufsichtsräte beschwatzte, das Projekt gegen das Aktienrecht und auf die Gefahr der eigenen Schadenshaftung durchzuwinken. Solche Macht haben die selbstbezogenen Hirten aus der Bahnbaubranche, dass sie mit ihrem Lobbyismus die politische Führung auf ihren Kurs bringen und gegen Recht und Gesetz in ihre Tasche wirtschaften können. Das besonders schlimme daran ist, dass die politischen Hirten in vorlaufendem Gehorsam den Interessen dieser Bauhirten dienen, weil sie nach ihrer politischen Karriere von den Konzernhirten hochdotierte Posten erwarten können für ihren vorlaufenden Gehorsam. Das Vorgehen von Roland Pofalla ist ein Musterbeispiel dafür, auch wenn er kürzlich noch nicht gleich Bahnchef werden konnte.

Der barmherzige Gott sieht nicht nur die falschen Hirten in Politik und Wirtschaft, sondern auch die in der Justiz. Die verantwortlichen Staatsanwälte in Berlin, die der Veruntreuung der Bahnaufsichtsräte beim Projekt Stuttgart 21 entgegentreten müssten, weiden bisher nicht die Herde, sondern die Bahnbaukonzerne. Sie sagten zunächst: Die Aufsichtsräte sind zu dumm, um die Untreue zu bemerken. Warum sagen sie so etwas? Sie sind in ihren Herzen gefangen vom Götzen Mammon, der ihnen einflüstert: Wenn die Konzerne, die 30 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung erbringen, gute Geschäfte machen, dann sind auch eure Ruhegehälter als Staatsanwälte sicher. Das stimmt natürlich nicht. Ihre Gehälter wären auch dann sicher, wenn die Milliarden nicht bei Stuttgart 21 veruntreut, sondern vernünftig eingesetzt würden, z. B. für den Umstieg 21. Möglicherweise flüstert ihnen der Mammon auch ein: Wenn ihr euch unterwürfig der herrschenden Politik anpasst, dann steigen eure Aufstiegschancen. Das stimmt natürlich auch nicht, denn wenn sich alle unterwürfig anpassen, gibt es trotzdem nicht mehr höhere Posten. Die entscheidende Frage ist: Wie können die juristischen Hirten von den verlogenen Einflüsterungen des Götzen Mammon befreit werden?

Das ist natürlich nicht so einfach wie bei den Landtagsabgeordneten, die alle vier Jahre wenigstens die wählende Herde fürchten und entsprechende Rücksichten nehmen müssen. Aber auch gegenüber den juristischen Hirten geht es darum, dass die Herde sich nicht vom Götzen Mammon fangen lässt, sondern sein zerstörerisches Treiben skandalisiert und die Mehrheit der Herde überzeugt. So ist es bisher gelungen, beinahe eine Zweidrittelmehrheit zu gewinnen für die Prüfung des Konzepts Umstieg 21. Wir müssen daran erinnern, dass nicht nur die Konzerne selbst, sondern auch diejenigen, die die weiteren 70 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung erbringen, einen öffentlichen Nahverkehr brauchen, der die Mitarbeiter rechtzeitig an den Arbeitsplatz bringt. So kann den konzernhörigen Hirten in der Justiz klar gemacht werden, dass sie mit ihrer bisherigen Weigerung, wegen Untreue zu ermitteln, auch den Konzernen schaden. Nicht zuletzt muss an den Rest von Gewissen und Verstand appelliert werden, den die staatsanwaltlichen Verantwortlichen bei der Unterwerfung unter den Götzen Mammon noch bewahrt haben. Sie müssen durch beharrliche Strafanzeigen daran erinnert werden, wen sie zu weiden haben. Eisenhart von Loeper und Dieter Reicherter haben sich jüngst erneut darum verdient gemacht und die zuständige Staatsanwältin muss nun die Vorwürfe der Untreue gegen verschiedene Bahnverantwortliche prüfen, um sich nicht der Strafvereitelung im Amt schuldig zu machen.

Wir kommen hier regelmäßig zum Parkgebet zusammen, weil wir uns beharrlich weigern, den Einflüsterungen des Mammon zu folgen und damit sein zerstörerisches Werk zu unterstützen. Wir bestärken uns gegenseitig durch Gebete und durch das Hören auf die Botschaft des barmherzigen Gottes darin, die Alternative zum Mammon zu leben. Deshalb bestehen wir darauf, dass die Hirten im Lande der Herde und nicht dem Mammon zu dienen haben. Wenn wir zu verzagen drohen, weil unserem Bemühen wenig Erfolg vergönnt zu sein scheint, dann erinnern wir uns daran, dass schon vor über 2500 Jahren die Propheten Israels diesen Kampf gegen den Mammon gekämpft haben. So kann es auch heute lange währen, bis der barmherzige Gott, der wahre Hirte, zusammen mit der Herde an die falschen selbstbezogenen Hirten gehen wird. Der feste Glaube an den barmherzigen Gott schenke uns die Ausdauer, die falschen Hirten beim Namen zu nennen, ihr Treiben zu skandalisieren und darauf zu pochen, dass sie der Herde zu dienen haben. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 16.3.2017 von Pf. Martin Poguntke

Hier als pdf-Datei: Andacht als pdf-Datei zum Herunterladen

Vom jüdischen Sabbat zum grundgesetzlich geschützten Sonntag

Liebe Parkgebetsgemeinde!

Jetzt möchte ich doch einmal mit Ihnen gemeinsam über den Sonntag nachdenken. Über den Sonntag, der an den S21-Baustellen so regelmäßig missachtet wird.

Das ist ja schon eine ausgesprochen erstaunliche Sache, dass es diesen freien Tag in der Woche überhaupt gibt. Man muss sich das mal vorstellen: Es muss wohl so um die 1000 vor Christus gewesen sein, als das – vor wenigen hundert Jahren erst sesshaft gewordene – Nomadenvolk Israel auch so modern sein wollte wie seine Nachbarvölker und auch einen König haben wollte, nicht mehr dieses rückständige ehemalige Viehtreiber-Image haben wollte. Ausgerechnet in dieser Zeit, als man sich der Mehrheit der Nachbarvölker anpassen wollte, da schuf sich Israel eine Einrichtung, mit der es sich von allen anderen unterschied: einen freien siebten Tag. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Judentums: Nur die Juden haben sich diesen Ruhetag alle sieben Tage geschaffen.

Die Ruhe des siebten Tages als Höhepunkt der Schöpfung

Und von Anfang an haben sie diesen freien Tag nicht nur als irgendeine von Menschen gemachte und von Menschen auch wieder veränderbare Regelung verstanden, wie die vielen sonstigen Rechtsvorschriften. Sondern von Anfang an haben sie den freien Tag als nicht diskutierbar aufgefasst und das ausgedrückt in der Geschichte, dass Mose auch dieses Gebot direkt von Gott erhalten hat. Der freie siebte Tag hat damit höchste Autorität bekommen.

Und einige hundert Jahre später – als Israel als Quittung für seine Großmachtträume im babylonischen Exil gelandet war – da hatte dieser freie siebte Tag bereits eine so hohe Bedeutung erlangt, dass man die ganze jüdische Theologie um diesen Gedanken herum strickte und z.B. den Feiertag gewissermaßen als Bauprinzip der Schöpfung festzurrte: Man legte der damaligen Schöpfungserzählung diesen 7-Tage-Rhythmus zugrunde, sodass auch Gott am siebten Tage ruhte.

Was für ein sensationeller Gedanke: Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 24.11.2016 zu Johannes 14,6;16,12 von Pf.i.R. Hans-Eberhard Dietrich

Liebe Parkgemeinde,

Joh 14,6: Jesus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Joh 16,12: Wenn aber der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten.

  1. Die „gefühlte“ Temperatur

wenn ich mein Smartphone nach der Temperatur von morgen frage, so kommt da z.B. die Angabe 9 Grad Celsius, drunter steht dann: gefühlt wie 6 Grad. Eigentlich wollte ich nicht wissen, wie irgendein Wetterfrosch sich fühlt, sondern wie kalt oder warm es wirklich wird. Das hat sich bei uns irgendwie eingebürgert, von einer gefühlten Wirklichkeit zu sprechen. Eigentlich ist das banal, kaum der Rede wert, Nebensache. Aber könnte es nicht auch Ausdruck einer ganz neuen Denkweise sein? Ein Denken jenseits der Wirklichkeit, jenseits aller Wahrheit? Auf Neudeutsch heißt das dann „postfaktisches Zeitalter“?

  1. Das postfaktische Zeitalter

Liebe Parkgemeinde, ehrlich gesagt, vor ein paar Monaten kannte ich diesen furchtbarbaren Begriff noch nicht: „postfaktisches Zeitalter“. Aber plötzlich las ich ihn immer wieder und stellte fest, er hat es bis in das Feuilleton seriöser Zeitungen geschafft.

Und jetzt las ich in der Zeitung: Es ist das Wort des Jahres. Die Jury begründete es so: „Das Adjektiv beschreibe Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch das Hervorrufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst werde. Angetrieben von dem Aufstieg der sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden, habe das Konzept des Postfaktischen seit einiger Zeit an Boden gewonnen.“

Ich möchte es mit meinen eigenen Worten sagen: Die Menschen machen sich die Wirklichkeit zurecht, wie es ihnen gefällt, wie sie sich gerade fühlen. Für sie zählt Wahrheit, zählen Fakten nicht, sondern nur eine gefühlte Wirklichkeit. Man muss sie nur häufig genug behaupten und wiederholen, es wird genügend Menschen geben, die sie glauben. Schlimmer noch, es wird immer genügend Menschen geben, die sie glauben wollen, weil diese Art der Wirklichkeit ihren eigenen Illusionen entspricht. Es zählen nicht die besseren Argumente. Es zählt nur der starke Auftritt, die perfekte Inszenierung. Fakten sind weder richtig noch falsch, richtig sind sie nur, wenn sie der eigenen Sache dienlich sind.

Und wer auf Fakten besteht, der wird noch als Verlierer verhöhnt: „Fakten sind die Krücke der Verlierer, mit denen sie durchs Leben humpeln.“ (Zeit, 29.9.2016 S. 48) Sieger brauchen keine objektiven Fakten, sie schaffen sich ihre Welt, wie es ihnen gefällt. Wahr ist allein das Faktum der Macht, die ist echt. Und es gibt viele Menschen, denen das gefällt, die darauf reinfallen. Oder sollen wir lieber sagen; die gerne darauf reinfallen wollen?

  1. Postfaktische Zeitalter, leider auch unsere Wirklichkeit in Stuttgart

Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor? Wir müssen gar nicht nach Amerika schauen, wo Donald Trump das gerade perfekt und mit viel Beifall praktiziert hat und damit zum Entsetzen der ganzen Welt auch einen Wahlsieg erzielt hat.

Das erleben wir hier in Stuttgart zur Genüge, seit Jahr und Tag. Jüngstes Beispiel: Beharrlich weigerte sich der Oberbürgermeister, gestützt von der Mehrheit des Stadtrates, einen Faktencheck zu S21 zu machen. Weiterlesen

Parkgebet, 27. Oktober 2016, Pf.i.R. Gunther Leibbrand

(über Losung und Lehrtext zum Tage: Sacharja 7,10 und 1Kor 12,21f)
als pdf-Datei: hier klicken!

Liebe Parkgemeinde,
wir sind hier versammelt, um uns vom Wort Gottes her sagen zu lassen, was Sache ist. Orientierung von dem, der Himmel und Erde gemacht hat. Der auch der Herr der Geschichte ist. Das zeigt Er uns an seinem Verhältnis zu dem Volk, das Er sich auf besondere Weise erwählt hat. Ich sage solche Dinge, weil ich von der Losung für den heutigen Tag her spreche: „Keiner ersinne in seinem Herzen Unheil gegen seinen Bruder“. (Sacharja 7,10)

Diese bis in die persönliche Herzensregung hineinreichende Empfehlung steht direkt nach der Empfehlung, Witwen und Waisen zu schützen, steht im Zusammenhang der Ablehnung jeglichen Gottesdienstes, der auf die rein religiöse Handlung beschränkt bleibt und sich eben nicht auch auf die skrupulöse Beachtung des Rechts ausdehnt. Dieses intime Wort an das Gewissen eines Menschen, seinem Bruder kein Unheil zu wünschen, steht in einem Prophetenbuch, das sozusagen die Lehre aus der totalen äußerlichen wie kulturellen Vernichtung eines Landes zieht: Diese Vernichtung wird hier bedacht und verarbeitet. Ergebnis: Die Zerstörung Jerusalems und seines Tempels und die fast 50 Jahre dauernde Deportation seiner Intelligenz und Führungsschicht nach Babylon im 6. vorchristlichen Jahrhundert sind eingegangen in die biblische Überlieferung als Strafe Gottes für die andauernde Missachtung Seines Willens. Aus ihr werden nun die Konsequenzen gezogen – bis hinein in die persönlichsten Dinge.

Der Lehrtext, in dem Paulus über die Beziehung aller Glieder und Organe eines Leibes nachdenkt, nimmt den Gedanken der Rücksichtnahme auf die – anscheinend schwächsten Glieder und Organe auf: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen, ich brauche dich nicht, auch nicht der Kopf zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind eben jene Glieder des Leibes, die als besonders schwach gelten, umso wichtiger.“ Im Hintergrund steht der Streit in der Gemeinde in Korinth zwischen reichen und armen Christen in der Gemeinde. diese Geschichte hat ja dazu geführt, dass es traditionell beim Abendmahl im Gottesdienst nur Brot und Wein gibt – wenn überhaupt –, weil damals die Reichen ihr gutes mitgebrachtes Essen nicht teilen wollten. Deshalb sind hier auch Auge und Kopf als wichtige Organe und Hand und Füße als weniger wichtige vorgestellt!

Liebe Freundinnen und Freunde im anhaltenden Protest gegen „Stuttgart 21“:
Es hat mich angerührt, als ich vor einiger Zeit in Esslingen bei einem Vortrag von Klaus Gebhard zu „Umstieg 21“ (siehe: http://www.umstieg-21.de) die Bemühung um das Ganze spürte. Es hat mich die darin deutlich werdende Versöhnung ganz unmittelbar angesprochen. Es war da keine Arroganz über die Fehler unserer politischen Gegner, sondern ich spürte, sah und konnte überzeugt werden von seinem Bemühen, dass aus dem, was da inzwischen gegraben und gebohrt worden ist, dennoch etwas zu machen sei, was für die echten Verkehrsprobleme unserer ganzen Region einen Schritt nach vorne bedeuten könnte.

Heute Morgen schrieb ich diese Andacht, nachdem ich die dreiviertels Seite in der Stuttgarter Zeitung zum Bericht aus dem gestern tagenden Unterausschuss des Gemeinderates gelesen hatte: „OB Kuhn verteidigt S 21: Kein Rückbau“. Natürlich müssen sich diejenigen unter uns besonders ärgern, ihm damals ihre Stimme gegeben zu haben, als vor seiner Wahl er gelobte, S 21 kritisch begleiten zu wollen. Aber, meine Lieben, da ist mehr als diejenigen, die uns enttäuschen. Wir befinden uns unter den Augen Gottes, der uns danach beurteilt, wie inbrünstig wir unsere Feinde lieben, d.h., uns um sie bemühen, sie nicht aufgeben. Nicht unsere Freunde. Diese zu lieben, ist eigentlich keine Kunst.

Was ich sagen will: Was „Umstieg 21“ vorgelegt hat, ist ein ungemein sachlicher Beitrag zum Gemeinwohl. Für Leute, die ihrer Zeit voraus waren, war das Leben nie einfach, es war vielleicht sogar schwer bis gelegentlich unerträglich, zum Hinschmeißen schwer. In den allermeisten Zeiten hätte es für Leute wir uns keinen Platz gegeben. Wenn ich mir überlege, wie lange ein Mann wie Werner Wölfle gebraucht hat, bis er endlich bereit war, als Krankenhausbürgermeister an der ehemaligen Kinderklinik in der Türlenstraße ein Schild zu erlauben, dass hier in der Nazizeit Kinder ermordet worden sind vom Klinikpersonal, nach über 71 Jahren nach der Befreiung von der Nationalsozialistischen Terrorherrschaft, wie es auch ganz staatstragend seit dem 8. Mail 1985 heißen darf. Erst 71 Jahre nach 1945 fängt es recht mühsam an zu dämmern – in Sachen des Hitlerreiches.

Wenn ich mir solche Sachen klarmache, dann grenzte es ja an ein Wunder, wenn der Herr Oberbürgermeister sich bei Stuttgart 21 in weniger Opportunismus ergehen würde. Eigentlich schlechterdings nicht zu erwarten!?

Aber wir hier sind nicht der Herr Oberbürgermeister.
Unser Geschäft ist es, aus unserem Glauben und Wissen heraus, es mit dem Herrn aller Herren zuerst zu tun zu haben, auf sachdienliche Weise Wege in die Zukunft zu suchen und zu finden. Dass „Umbau 21“ hier ganz Außerordentliches vorgelegt hat, wird die Zukunft erweisen – so oder so.

Im Übrigen: Es waren nur manchmal die gut bestallten und dafür bezahlte Menschen, die die Welt vorangebracht haben. Im Normalfall musste der Fortschritt hart erkämpft werden.

Also: Was da alles noch kommen mag: Wir bleiben weiterhin friedlich, bringen unsere exzellenten Umstiegsüberlegungen in Gesprächen und Versammlungen unter die Leute und warten ab, bis man uns ruft. Was nicht geschehen wird! Oder irgendwann doch? Eher wird geschehen, dass die entsprechenden Damen und Herren klammheimlich abschreiben und abkupfern werden. Gewusst haben sie ja noch nie etwas. Ich wünsche uns das Bewusstsein, ein Zentimeter im Roten Faden zu sein, der nach Ernst Bloch (Atheismus im Christentum) die Geschichte durchzieht. Dazu gehört zu wissen, dass der Hass auf die Juden vor allem daher kommt, weil aus ihrer Tradition das herkommt, was man „Selbstkritik“ nennt. Die Einsicht, dass es Gründe dafür gab, warum die Dinge schiefgegangen sind. Und die jüdische Überlieferung selbst davon berichtet, dass kaum jemand im Volk das hören wollte. Nur einige wenige sogenannte Propheten des einzig Lebendigen und Ewigen haben es, obwohl es auch ihnen schwerfiel, gesagt und immer wieder gesagt.

Was macht man denn mit Leuten, die den Finger in die Wunde legen und sie als eine Strafe Gottes erklären? Wer will hören, dass er etwas falsch macht, dass er umkehren muss, damit es nicht noch schlimmer wird?
Wenige! Aber, wem sage ich das!?

Wenn etwas in diese Welt Licht bringt, dann sind es Worte dieses Einzig Lebendigen und Ewigen – und diejenigen, die diese Worte für das Allerwichtigste halten – und sich entsprechend verhalten. Und es gibt auch kein Recht, das diesen Namen auch nur annähernd verdiente, das nicht den Kriterien für Recht dieses Einen entspräche.

Wir haben also die wichtigste Aufgabe, die es überhaupt auf der Welt gibt: Die anderen Menschen, die Tiere und auch die Pflanzen an unseren Worten und an unserem Verhalten abspüren zu lassen, dass wir uns stets vor diesem Ewigen wissen.

„Umstieg 21“ weist Wege aus den Sackgassen. Wir sollten sie kennen und jederzeit in‘s Gespräch bringen können. Auch dann haben die Leute, die ein Jahr lang dafür sich den Kopf zerbrochen haben, nicht umsonst gearbeitet. Aber nicht nur dann: Allein schon, dass sie sich Gedanken über Wege aus der Gefahr gemacht haben, wäre es wert gewesen. Sie haben etwas Gute versucht und geschafft – erst auf dem Papier, aber das ist nicht wenig, sondern zunächst das Entscheidende.
Das bleibt, auch wenn die direkten Adressaten davon noch lange nichts werden wissen wollen.

Aber der Ewige ist auch Herr der Zeit dieser Leute, vergessen wir das nicht. Dann verzweifeln wir auch nicht. Sondern sind dankbar darüber, dass wir nicht so versucht werden wie diese, die meinen, nur sich selber bzw. ihren kurzfristigen Profitinteressen verpflichtet sein zu können.

Amen und oben bleiben!

Liste der umnutzbaren Stuttgart 21-Baulose: hier klicken!