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Brief 2 / Stuttgart 21 und der Kirchentag

Heute Morgen wurde per newsletter das Geheimnis gelüftet. Die Orte des Stuttgarter Kirchentags sind die Innenstadt und der „Neckarpark“ – und nicht die Messe Stuttgart.
Man fragt sich, naiv wie unsereins ist, warum so eine aufwendige Messe gebaut wurde, wenn sie für eine Großveranstaltung wie den Kirchentag nicht geeignet ist. Die Messe auf dem Killesberg war es ehedem gewesen.
Vielleicht ist es ja doch nicht so, wie Claus Schmiedel, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag und eingefleischte S 21-Befürworter, vollmundig behauptete, nämlich dass Gottes Segen auf der Stuttgarter Messe ruhe und so wie er auf der Messe ruhe, so liege er auch auf Stuttgart 21. Das nur mal so am Rande zur Erinnerung.
Interessant an der heutigen Nachricht ist, dass uns mitgeteilt wird, dass das Band des Schlossgartens geeignet sei, ampelfrei zu Fuß oder Fahrrad sich zwischen den beiden Zentren von Innenstadt und Neckarpark zu bewegen. Ganz ehrlich: Wer wandern will, braucht dazu keinen Kirchentag. Diese Mitteilung ist das Eingeständnis, dass der Stuttgarter Verkehr nicht imstande sein wird, für einen sicheren und halbwegs zügigen Transport der zu erwartende Menschenmassen zu sorgen.
Man wird darauf angewiesen sein, sich mit eigenen Kräften fortzubewegen. Schon ohne Stuttgart 21 ist die Stuttgarter Verkehrssituation überaus angespannt. Die Topographie Stuttgarts ist eben, wie sie ist mit ihrer Kessellage. Dazu kommen die elende S-Bahn-Engführung zwischen Hauptbahnhof und Schwabstrasse – und dann noch Stuttgart 21 – und dann noch der Kirchentag!!
Wer da glaubt, halbwegs pünktlich und sicher zu den angesteuerten Veranstaltungen kommen zu können, weiß nicht, was hier los ist.
Was in der heutigen Mitteilung verschwiegen wird, ist, dass der besagte Schlossgarten an seiner wichtigsten Stelle, nämlich wo man in die Innenstadt überwechselt, eben nicht mehr vorhanden ist. Dort ist nur noch das Nadelöhr eines Asphaltwegs entlang den Bauzäunen der Wüstenei von Stuttgart 21. Schon bei der Vorstellung, dort zwischen dicht gepressten Menschenmassen durch zu müssen, löst bei mir Beklemmungen aus.
Und man fragt sich, was wohl passiert, wenn der Druck der gepressten Menschenmassen dazu führt, dass die Bauzäune nicht mehr standhalten und die Menschenmassen die Baubrache einnehmen? Stehen und liegen dann schon die Wasserwerfer und Pfeffersprays bereit, um die öffentliche Unordnung in dieser Stadt wiederherzustellen?
Man muss deutlich sagen: Wer mobilitätseingeschränkt, gehbehindert, gebrechlich ist, zu Platzangst in gepressten Menschenmassen und dunklen Kellern neigt, sollte sich in dieser Zeit lieber etwas anderes vornehmen. Der Bayrische Wald hat seine schönen Ecken.
Wer fit, sportlich und abenteuerlustig ist, kann es als Abenteuerurlaub nehmen, auf den Stuttgarter Kirchentag zu kommen und – das ist wichtig – diese Veranstaltung zur 5-tägigen Dauerdemonstration gegen unverantwortliche Bauprojekte und schweigsame Kirchenleitungen machen.
Egal wo man auf dem Kirchentag sein wird: Für eine Anti-S 21-Demo wird immer der richtige Ort und Moment sein.

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Trauergottesdienst am 10. März 2012 im Schlossgarten

CamS21 hat den Gottesdienst mitgeschnitten. Hier sind die drei Links:

Gottesdienst, Teil 1 (erste 43 Minuten)
Gottesdienst, Teil 2 (Austeilung Samenkörner – Fürbitten)
Gottesdienst, Teil 3 (Schlussteil)

Trauergottesdienst am 10. März 2012 im Schlossgarten – die Predigt

die Ansprache als pdf-Datei

Liebe Mittrauernden!

Es mag sein, wir gewinnen den Streit, wie wir eben gesungen haben. Aber das fällt uns heute schwer zu glauben.
Wir stehen hier am Rande der Brache und suchen immer noch nach Worten, weil wir es einfach nicht fassen können. Wir sehen um uns, und hinter diesem hässlichen Zaun erstreckt sich eine noch ungleich hässlichere Fläche, Ödland, eine Mondlandschaft. Was haben sie aus unserem Park gemacht?!

Bis zum Schluss hatten wir gehofft. Gehofft, es gebe terminliche Probleme – wegen der Vegetationsperiode oder wegen der bundesweiten Polizeieinheiten. Gehofft, es gebe politischen Druck auf die Bahn, der sie hindern würde – zumal sie ja ohnehin noch nicht graben kann hier. Gehofft, die Schlichtervereinbarung, dass die gesunden Bäume verpflanzt werden müssten, würde das Elend aufhalten. Gehofft, gehofft, gehofft.

Gehofft auf Menschen, auf die Regierung, auf das Glück, auf Gott. Alles vergeblich!

In der Nacht vom 14. auf den 15. Februar haben wir uns hier im Park zu mehreren Tausend denen entgegen gestellt, die den Park frei machen sollten, damit die Bahn ihr Zerstörungswerk beginnen kann. Aber sie haben sich durch uns nicht hindern lassen. Schon am nächsten Tag haben sie einen unvorstellbaren Kahlschlag angerichtet. Und wir waren zum Zuschauen verdammt. Schweigend oder schreiend, weinend oder diskutierend immer neu unsere guten Argumente austauschend mussten wir mit ansehen, wie uns und den vielen hier lebenden Tieren Baum um Baum dieser wichtige Teil des Schlossgartens genommen wurde.

Und heute stehen wir nun hier und wissen nicht, wohin mit unseren Gefühlen und Gedanken. Wut und Enttäuschung, über die Politik und über uns selbst, empörte Anklagen, stille Trauer.

Wir hatten sie unterschätzt, die Mächte, die dieses Wahnsinnsprojekt wollen. Wir hatten es uns nicht wirklich vorstellen können, dass sie diese wunderbaren Bäume und ihre tierischen Bewohner auf dem Altar des Neoliberalismus opfern würden und auf dem Altar der Staatsräson, die klar stellen musste, dass man sich der Wirtschaft nicht in den Weg stellen darf. Auch deshalb musste aus ihrer Sicht unser Widerstand unbedingt gebrochen werden – selbst wenn dieses Projekt gar nicht zu Ende gebaut werden kann, wie viele Fachleute fest annehmen.

Es hat unsere Vorstellungskraft gesprengt, dass sie diese Brutalität wirklich begehen würden. Und es sprengt unsere Vorstellungskraft, dass wir ihnen das jemals verzeihen könnten. – Aber uns selbst sollten wir es verzeihen. Bloß wie?

Natürlich fragt in dieser Situation manch einer nach Gott? Wer wollte uns das verübeln, wenn wir angesichts dieses Elends heute fragen, wo da Gott ist? Dass Menschen uns enttäuschen, ja, wir selbst, das mag noch angehen. Aber Gott?! Müsste der nicht dreinschlagen? – Wenn es ihn denn gäbe!

Und da mutet uns der Apostel Paulus mit dem einen Satz, der dieses Jahr zur Jahreslosung geworden ist, zu, dass wir unser Bild von Gott auf den Kopf stellen, indem Paulus Jesus sagen lässt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ – Dieses kleine Sätzchen über die göttliche Kraft stellt die Welt auf den Kopf: Es wirft unsere kindliche Vorstellung von dem Gott, der unberührbar mächtig über den Dingen steht, über den Haufen. Genauso wie unsere gesellschaftliche Erfahrung, dass die Wirtschaftsmächtigen und Kriegstreiber und Rambos sich eben doch immer durchsetzen.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das ist eine Zumutung, weil uns mit einem Schlag die Hoffnungen aus der Hand geschlagen werden, wir bräuchten nur eine genügend starke Regierung, müssten uns nur mit den Mächtigen verbinden, müssten nur recht große Mehrheiten hinter uns versammeln – dann würde es schon voran gehen mit der Welt.

Stattdessen mutet uns dieser Satz zu: Das, was diese Welt im Innersten zusammenhält, das, was die Quelle aller Kräfte und Mächte der Welt und der Natur ist – Gott – dieser Gott wirkt nicht auf die Weise der Despoten und Herrscher, sondern durch die Schwachen. Nicht von oben, sondern von unten. Nicht mit Gewalt, sondern in der Weise der Graswurzeln, unter der Erde, unsichtbar, scheinbar vernachlässigbar, verlacht von den Wichtigen, übersehen von den Erfolgreichen. In den Schwachen liegt die Verheißung, dass die Welt durch sie zu einem guten Ziel gelangt.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Paulus mutet uns mit diesem Satz zu, unsere Hoffnungen nicht auf einen Gott zu setzen, in den wir unsere Machtphantasien projizieren können, nicht in einen Gott, den wir als ins Positive gewendeten Herrscher sehen, den wir aus der Überhöhung unserer – von Ohnmacht geprägten – Alltagserfahrung gewinnen. Sondern wir sollen diese Gewalterfahrungen unseres Alltags auf den Kopf stellen, als Protest gegen die Welt, wie sie ist. So entsteht ein Gottesbild, das ein Gegenbild unserer Gesellschaft ist.

Diese Zumutung, dass wir uns das Gelingen der Welt nicht von den Starken erhoffen sollen, nicht von unserer Wirtschaftsstärke, nicht von eindrucksvollen politischen Parteien, nicht von denen, die so gekonnt mit den Mächtigen verkehren – diese Zumutung ist auch eine wunderbare Verheißung: Was eure scheinbare Schwäche ist, dass ihr die Mächtigen nicht auf eurer Seite habt, das ist in Wahrheit eure Stärke: Denn so, wie wir Christen Gott glauben, verändert er die Welt durch die Macht der Ohnmächtigen, durch den Kampf der Friedliebenden, durch den Druck der Gewaltlosen durch den Reichtum der Habenichtse.

Und diese Zumutung und Verheißung – sie ist auch eine Verpflichtung: Seht euch vor vor denen, die mit den Mächtigen kungeln! Werdet nicht wie sie! Glaubt nicht ihren Versprechungen! Erhofft euch nicht von ihnen die Lösung der wichtigen Fragen, gar die Heilung der Welt! Sondern setzt euch ein für die Opfer der Gesellschaft, für die Menschen, die unter die Räder kommen, für die Natur, die unterworfen wird – indem wir uns auf diese Weise auf der Seite der Schwachen engagieren, gilt auch für uns diese Verheißung, dass Gott durch die Schwachen mächtig ist.

Und wenn da irre geleitete hochmütige Menschen rufen: „Wir sind die Guten.“ Dann antworten wir nicht(!): „Nein, wir(!) sind die Guten!“ Denn Gottes Kraft ist nicht in uns mächtig, weil wir die besseren Menschen wären, moralisch stärker, überlegene Strategen oder weil wir gar die Mehrheit hinter uns hätten. Sondern Gottes Kraft ist in uns mächtig – so glauben’s wir Christen – gerade, weil wir nicht annähernd so sind, wie wir sein sollten. Weil wir unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, weil wir ängstlicher sind als es uns recht ist, weil wir unserer eigenen Überzeugungen nicht sicher sind, weil wir selbst enttäuschend sind, weil wir ganz durchschnittliche schwache Menschen sind, die natürlich den Park nicht schützen konnten.

Aus all diesen Gründen gilt für uns die Verheißung: In euch Schwachen ist Gottes Kraft mächtig, gerade weil ihr nicht auf euch selbst und auf Macht vertraut, sondern weil ihr erstens auf Machtmittel verzichtet und zweitens euch auf die Seite der Ohnmächtigen stellt, der machtlosen Menschen und der machtlosen Natur – deshalb könnt ihr die Hoffnung nähren, dass genau durch euch eine ganz besondere Kraft wirkt. Die Kraft nämlich, die aus einem einzelnen Samenkorn einen mächtigen Baum wachsen lässt. Die Kraft nämlich, die aus unterschätzten Hausfrauen und resignierten Couch-Potatoes wache Menschen macht, mit ungeahnt widerständigem Mut. Die Kraft, die aus 4 Leuten auf der ersten Montagsdemo zig Tausende macht. Die Kraft, die wirtschafthörige Regierungen zu Fall bringt und die auch den Opportunismus der Nachfolger zu Fall bringen kann.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Diese Überzeugung birgt die lebendige Hoffnung, dass sich die Siege der Mächtigen eines Tages gegen sie selbst wenden werden. Dass die Niedergeschlagenen aufgerichtet werden. Dass die vermeintlich so zukunftsorientierte Mehrheit das Nachsehen hat. Dass sich die Siege der Geldgläubigen eines Tages umkehren werden in ihre große Niederlage.

Wir brauchen nicht an uns selbst zu zweifeln oder gar zu ver-zweifeln, denn unsere Trauer über die verlorenen Bäume und Tiere – das glaube ich fest – sie ist eine Kraftquelle, mit der die Übeltäter nicht gerechnet hatten. Die (wirkliche und vermeintliche) Schwäche unserer Trauer ist es – das glaube ich fest – aus der wir eine Kraft gewinnen werden, die Wirkung hat, weit über das Projekt Stuttgart 21 hinaus.

Und deshalb: Lasst uns heute unsere Trauer nicht wegschieben, nicht verleugnen, nicht verdrängen. Sondern lasst uns gemeinsam traurig sein, weil unsere heutige Trauer wie ein Samenkorn die Kraft in sich trägt, von der Paulus sagt, sie sei Gottes Kraft. In unserer Trauer wirkt die Kraft, die die Bäume hat wachsen lassen, von denen wir hier nur noch die Stümpfe sehen. Die Bäume und Tiere sind weg. Aber die Kraft in ihnen und hinter ihnen – das glaube ich fest – die werden sie nicht totkriegen, denn es ist die Kraft, von der die ganze Welt herkommt, die Kraft, die diese Welt zusammen und am Leben hält, die Kraft, die dieser Welt Zukunft gibt – es ist Gottes Kraft in unserer Trauer – die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Amen.

(Martin Poguntke)

Trauergottesdienst am 10. März 2012 im Schlossgarten – die Texte

Begrüßung (Friedrich Gehring)
Liebe Freundinnen und Freunde des Schlossgartens, ich begrüße Sie und achte Ihren Mut, hierher zu kommen und öffentlich zu trauern um die gefällten Bäume. Es braucht Mut, sich in diesen Tagen als Parkschützerinnen und Parkschützer nicht verschämt zu verkriechen. Allerhand Häme klingt noch in unseren Ohren. Mit unserer öffentlichen Trauer wollen wir zusammenstehen und uns gegenseitig Halt geben, und wir wollen zeigen, dass nicht wir, sondern die Täter sich schämen müssen.

In diesen Tagen der Zerstörung ist bekannt geworden, dass wir während des Parkgebets observiert werden; sogar der Gefahrenstufe 5 werden wir zugeordnet. Welch ein Widerspruch: Während wir uns als ohnmächtig erfahren, wirken wir auf andere eher bedrohlich!

Wir wollen in dieser Situation auf die Jahreslosung hören, die genau von diesem Widerspruch handelt. In ihr spricht Paulus von der Zusage Gottes an ihn: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. In der Verheißung und Zumutung dieses Wortes wollen auch wir heute Trost und neuen Mut suchen und beginnen unseren Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Zumutungen (Dorothea Ziesenhenne-Harr)
Nein, nein, das kann nicht sein!!!
Ich bin empört, zutiefst empört!!
Mein Blut erhebt sich.
Wie ist das möglich???
„Frevel, Schandtat!“ schreie ich laut, mit all meiner Kraft.
„Ihr Barbaren, Baummörder, Vandalen, ihr machtgeilen Nichtse!!!“
Meine Schreie gellen über die Brache. Da, wo vorher der Park war.
Die prachtvollen Bäume. Das erholsame Grün der Wiesen.
Jetzt ist dort die wunderbare, atmende, schützende Hülle der Erde weggerissen. Eine klaffende Wunde.

BRACHE.
In meiner Kehle drängen Flüche. Flüche, die die Täter treffen und vernichten sollen. So, wie sie das Leben im Park vernichtet haben. Mein Fluch soll sie treffen bis ins 4. und 5.Glied. So, wie dieser Park über Jahrzehnte, Jahrhunderte zerstört ist.

HALT! Halt ein! Halt inne!
Besinne dich!
Eine innere Stimme eindringlich.
Ich atme tief durch, mehrmals, langsam.
Die Flüche lösen sich auf.
Mein Blut: voller Sauerstoff à lebendig, pulsierend.
Ich wende mich an dich, Gott: Was mutest du mir zu?!

WAS FÜR EINE ZUMUTUNG!!! Diese Barbarei mit ansehen zu müssen.
WAS FÜR EINE ZUMUTUNG: der Zerstörung, dem Tod die Hoffnung und den Glauben auf neues Leben entgegen zu setzen.
WAS FÜR EINE ZUMUTUNG: die Gewalt mit Liebe zu überwinden.
WAS FÜR EINE ZUMUTUNG: dem Gegner die Hand der Vergebung zu reichen.
WAS FÜR EINE ZUMUTUNG: im Kampf Frieden zu leben.
Was  mutest du mir/ uns zu, Gott? Wie soll ich, wie sollen wir das aushalten?
Woher die Kraft nehmen zur Liebe und Versöhnung?
Gott, du mutest uns etwas zu. Du ermutigst uns, auf dem Weg des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zu bleiben.
So, wie du es dir selbst, in Jesus Christus, zugemutet hast. Du bist der Botschaft der Liebe treu geblieben. Du hast mit deiner Liebe den Tod/ die Vernichtung überwunden. Bei dir ist die Zerstörung, der Tod nicht das letzte Wort.
Du mutest uns zu, dir darin zu vertrauen und dir zu folgen.
Das fällt mir nicht leicht und doch spüre ich, weiß ich tief in mir: das ist der Weg.

Danke, dass du mir/ uns dabei zur Seite stehst. Dass deine Kraft in den Schwachen mächtig ist.
Danke, dass wir immer wieder erleben dürfen: Vergebung, Versöhnung getragen von der Liebe ist die größte Macht in unserer Welt. Sie ist die Antwort auf Gewalt, die ist es, die Gewalt wirklich überwindet.
Gott, mit dir zusammen und in der Gemeinschaft von uns Menschen finden wir diese Kraft. Denn du hast uns zugesagt: wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Ich schaue mich um. Ich spüre die Nähe der Menschen, der Gemeinschaft. Wir sind zusammengerückt in dieser Zeit, in unserer Fassungslosigkeit, unserer Trauer.
Gemeinsam stellen wir uns der Zumutung. Von der Zuversicht getragen, dass Gott mit uns trauert und mit uns hofft. So kann die Liebe kraftvoll in uns Raum gewinnen.
Die Liebe, die alles überwindet und mächtiger ist als der Tod.
Mein Körper richtet sich auf. Ich bin da und mit mir die Erinnerung an die Bäume, den Park. Ich bleibe da und spüre ein Stück weit die Kraft der Bäume in mir. Ich nehme ihre aufrechte Haltung, ihre starken Wurzeln wahr und bleibe dankbare Zeugin ihres Lebens.

Eingangsgebet (Eberhard Dietrich, Wolfgang Schiegg)
Gott, wir sind zusammengekommen, um uns unserem Schmerz zu stellen. Gemeinsam treten wir vor dich: sei in unserer Mitte, trage mit uns unsere Trauer, teile mit uns unsere Tränen.
Wir wollen glauben, dass du mitten unter uns bist; hilf unserem Unglauben.
Während wir am Ort der Zerstörung stehen, können wir die Wut über diese Schandtat spüren. Und unsere große Traurigkeit, dass wir unseren Park, die Bäume nicht schützen können. Manchen kommt es vielleicht wie eine Niederlage vor. Als hätten wir versagt.
Dabei waren wir da, viele sogar Tag und Nacht. Mit unserer ganzen Kraft haben wir uns gegen die Zerstörung gestemmt. Und nun  müssen wir erkennen und uns der Gegenwart stellen:
wir haben einen uns so wertvollen Teil des Parks, die Bäume in ihrer wunderbaren Pracht verloren.
Gott, vor dir und in der Gemeinschaft wollen wir heute unserer Trauer Ausdruck geben.
Wir bitten dich: sprich jetzt zu uns und schenke uns Trost und Halt bei dir. Amen

Stilles Gebet:
In der Stille kann jetzt jede/r das vor Gott bringen, was persönlich gesagt sein will:

Stille…

Gott, du sagst uns zu, dass du unsere Gebet hörst. Darauf vertrauen wir. Amen

Psalm 10,1 ff
Warum, Herr, bist du so fern, warum verbirgst du dich in Zeiten der Not?
Hochmütige Menschen, die Gott ablehnen, verfolgen die Wehrlosen und bringen sie durch ihre Intrigen zu Fall.
Diese Gottlosen prahlen auch noch damit, dass ihre Gier keine Grenzen kennt.1 In ihrer Habsucht verspotten sie den Herrn und verachten ihn.
Stolz behaupten sie: »Gott kümmert sich sowieso nicht um das, was wir tun! Es gibt ja gar keinen Gott!« Weiter reichen ihre Gedanken nicht.
Sie reden sich ein: »Uns bringt nichts zu Fall, kein Unglück wird uns jemals treffen, auch nicht in künftigen Generationen.«
Wenn sie fluchen, betrügen und erpressen, sind sie um Worte nicht verlegen; was sie von sich geben, bringt anderen Unheil und Schaden.
Steh auf, Herr! Gott, erhebe deine ´mächtige` Hand! Vergiss die nicht, die erlittenes Unrecht geduldig ertragen!
Warum dürfen diese Gottlosen Gott verachten und sich einreden, dass du dich sowieso um nichts kümmerst?
Du hast doch alles genau gesehen! Du achtest doch darauf, ob jemand Not leidet oder Kummer hat, und nimmst das Schicksal dieser Menschen in deine Hände! Die Armen und die Verwaisten dürfen dir ihre Anliegen anvertrauen, denn du bist ihr Helfer.

Klage und Dank (Guntrun Müller-Enßlin)
Bei der nun folgenden Klage um die Zerstörung von Gottes Schöpfung mitten in unserer Stadt bitte ich Sie und Euch nach jeder Klage einzustimmen in den Gebetsruf:
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Unser Gott,
wir trauern um unsere Freunde, die Bäume und alle lebende Kreatur, die mit ihnen zu Schaden gekommen ist.
Um die Kastanien mit ihrem wundervoll duftenden Laub, den feierlichen Kerzen und  glänzenden Früchten.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die Platanen trauern wir mit ihren gefleckten Stämmen und den mächtigen Kronen, mit denen sie dem Himmel näher waren als alle anderen Bäume.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die große Säuleneiche mit ihrer charakteristischen Y-Form trauern wir und um ihre jüngeren Geschwister.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die Silberpappeln mit ihrem flirrenden Laub trauern wir und um die Akazien mit ihren weißen Blütenschleiern und dem betäubenden Duft.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die Buchen trauern wir, deren hellgrüne Blätter im Frühling manchmal den Eindruck machten, es sei Licht in sie hinein gewirkt.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die Blutbuche, die Königin des Parks trauern wir, deren Laub im Abendsonnenlicht schimmerte wie dunkle Schokolade.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Und jeder kann jetzt hier in Gedanken seinen Baum hinzufügen, der ihm besonders lieb gewesen ist.

Stille ….

Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Wenn wir uns  nun verabschieden von diesem Stück zerstörter Schöpfung in unserer Stadt, bitte ich Sie einzustimmen in den Gebetsruf:
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Wir nehmen Abschied von unseren Bäumen und sagen Danke für alles, was sie für uns waren und uns Gutes getan haben.
Für Schatten und Kühle, die sie uns und unseren Vorfahren an heißen Tagen gespendet haben.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Für den Sauerstoff, den sie für uns Stadtbewohner aus der stickigen, staubigen Großstadtluft herausgefiltert haben, damit wir atmen konnten.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Für Heimstatt und Speicher- und Rastplatz, den sie jahrhundertelang unzähligen Tieren geboten haben, den Vögeln, den Eichhörnchen, Siebenschläfern, den Käfern und Insekten.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Für die Ruhe und den Rückzugsraum, den sie uns Menschen geschenkt haben im Trubel und der Hektik unserer Stadt.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Für die Schönheit, in der unsere Bäume alle zusammen Parkoase für uns waren, wo wir uns mitten in Stuttgart treffen und erholen, nachdenken, diskutieren, spielen, Sport treiben, essen und trinken, Feste feiern und beten konnten.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Und noch einmal eine kurze Pause, in der sich jede und jeder von Euch in der Stille für das bedanken kann, was er von den Bäumen Gutes erfahren hat.

Stille….

Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Fürbittegebet (Eberhard Dietrich, Wolfgang Schiegg)
Lasst uns in dieser Stunde der Trauer und des Schmerzes,
der Klage und der Anklage
beten zu Gott, der allen Menschen in ihrer Trauer nahe kommt
und unser aller Klage hört und sich zu Herzen nimmt.
1. Lasst uns beten für alle, die trauern
um die Tiere und die Bäume im Park,
um enttäuschte Hoffnungen und Erwartungen,
dass sie ihre Trauer zulassen und sich Zeit dafür nehmen,
dass sie darüber aber nicht verstummen,
sondern nach der Zeit der Trauer, wieder Worte finden
zur Anklage und zum Protest.
2. Lasst uns beten für alle,
die in ihrem Glauben erschüttert sind,
weil sie sich fragen: Wo ist Gott,
hat er keine Macht, seine Bäume und Tiere zu schützen?
Dass sie trotz allem ihr Vertrauen nicht verlieren,
ihre Hoffnung nicht aufgeben,
und in ihrer Liebe zu Gott und den Menschen nicht nachlassen,
weil uns verheißen ist, dass seine Kraft in den Schwachen mächtig ist.
3. Lasst uns beten für alle,
die in ihrer Enttäuschung und Wut
und ihrer Erfahrung von Ohnmacht
erstarren und sich enttäuscht abwenden,
dass sie zu neuer Hoffnung, zu neuem Mut
und zu neuer Tatkraft finden,
einfach weil sie wissen:
Gott hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit in der Welt zu tun.
Einfach weil sie wissen:
Wir selbst sind Gottes Botschaft, in Wort und Tat.
4. Lasst uns beten für alle,
die eine Aufgabe haben in Presse, Rundfunk und Fernsehen,
dass sie in ihrer Berichterstattung und Arbeit
Achtung und Ehrfurcht von einem jeden Menschen zeigen,
und dass sie auch abweichende und störende Meinungen
ehrlich und unverfälscht zu Worte kommen lassen.
5. Lasst uns beten für uns alle,
dass wir fest daran glauben
und es erfahren, immer wieder neu:
Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig,
dass diese Worte uns trösten und ermutigen
und wir als Gemeinschaft im Widerstand
fest zusammenstehen.
Amen.

Trauer über die Zerstörung im Schlossgarten

Sieben Tage und Nächte schwiegen die Freunde Hiobs in Trauer mit ihm. Sieben Tage sind nun vergangen in der Trauer um die gefällten Bäume im Schlossgarten. Noch ist die Wucht dieses Frevels nicht ganz bei mir angekommen. Noch wirkt eine Art Narkotisierung der Seele, die den Schmerz dämpft. Aber nun ist die Zeit, das Trauma zu bearbeiten.
Nach dem 2. Weltkrieg haben viele Deutsche gefragt: „Wie konnte Gott das zulassen?“ Sie meinten nicht den Krieg, sondern die Niederlage. Aus dem Abstand der späten Geburt habe ich zu fragen gelernt: „Wie konnten so viele Deutsche bei diesem Krieg so begeistert mitmachen?“ So frage ich auch jetzt nicht: „Wie konnte Gott die Rodung im Schlossgarten zulassen?“ Ich versuche zu begreifen, warum diese sinnlose Zerstörung möglich wurde.
Ich möchte bei allem Schmerz unsere Gegner verstehen. Das Verstehen der Gegner erscheint mir als ein erster Schritt der Feindesliebe. Zugleich ist dieses Verstehen Voraussetzung für ein gelingendes Widerstehen.

Warum musste die DB AG in dieser Eile vorgehen? Warum musste unsere Regierung den Weg dazu ebnen mit dem Gestattungsvertrag und der Bereitstellung der Polizeikräfte?

Die Bahn

Die Bahn steht bei der Durchführung des Projekts Stuttgart 21 schon seit längerem mit dem Rücken an der Wand. Nicht einmal das Technikgebäude am abgerissenen Nordflügel erscheint technisch machbar, noch viel weniger die Unterführung des Nesenbachs, erst recht hat die Bahn noch nicht einmal eine Einschätzung, wie viel Grundwasser abzupumpen ist. Als Damoklesschwert über der Grundstücksspekulation und der Finanzierung schwebt nach Bau des Tiefbahnhofs die Übernahme des Kopfbahnhofs und seiner Zufahrtsgleise durch die Stuttgarter Netz AG.
All dies spricht dafür, dass die Bahn gar kein Interesse mehr am Bau von Stuttgart 21 hat. Die Rodung im Schlosspark war das einzige Signal, das für die scheinbare Bauwilligkeit noch gesetzt werden konnte. Die Bahn fühlte sich dem neoliberalen Mainstream verpflichtet, der behauptet, wenn einige wenige Wirtschaftmächtige völlig frei Hand bekommen, würde alles gut. Sie wollte Mut machen, das Projekt komme voran und die neoliberalen Heilsversprechen würden schon noch eintreffen. Aber damit ist nur das Eingeständnis hinausgeschoben worden, dass das Projekt sinnlos und nicht machbar ist.

Wenn all dies auch nur annähernd zutrifft, dann war die Rodung zugleich ein gemeiner Racheakt. Rache setzt voraus, dass Schmerz zugefügt wurde, der vergolten wird. Welchen Schmerz könnten die Parkschützer der Bahn zugefügt haben? Spätestens seit der Schlichtung sind die Unzulänglichkeiten des Projekts in einer Art und Weise aufgedeckt worden, die für die neoliberalen Planer äußerst peinlich sein mussten. Die Unzulänglichkeiten des Stresstests konnten zwar vor der Volksabstimmung unter den Tisch gekehrt werden, aber sie blieben den Projektbetreibern selbst natürlich nur allzu schmerzhaft bewusst, denn im künftigen Betrieb würden sie täglich sichtbar werden. Selten waren scheinbare Sieger derart blamiert.

Die Landesregierung

Bleibt noch die Frage nach der Landesregierung: Warum hat sie bei diesem üblen und zugleich aussichtslosen Spiel mitgemacht? Auch die Landesregierung will sich dem neoliberalen Mainstream anbiedern. Staatssekretär Murawski war in seinem Brief an die Bahn nur scheinbar an der Befriedung von Stadt und Land interessiert, es ging ihm vor allem um den Nachweis, dass nicht die Regierung das angeblich so segensreiche Projekt behindert, sondern die Bahn selbst. Beide, Bahn und Regierung, wollten sich den Neoliberalen gegenüber im besten Licht darstellen.

Konsequenzen

Wenn dies alles auch nur annähernd zutrifft, dann ist klar, was zu tun ist: Wir werden unsere Trauer nicht verstecken, sondern öffentlich zeigen und dabei die Zerstörungskraft des neoliberalen Projekts anprangern. Wir werden unsere Finger in die Wunden legen, wo immer sich die Gelegenheit bietet. Das klingt vordergründig unchristlich, aber bei uneinsichtigen Alkoholsüchtigen z. B. muss Leidensdruck aufgebaut werden, um sie zur Therapie zu bewegen. Dasselbe gilt bei Machtsüchtigen. Wir werden die Rückschrittlichkeit des Projekts, seine Nutzlosigkeit und Geldverschwendung und nicht zuletzt seine Gefährlichkeit an die Öffentlichkeit zerren, bis die Bürger der Stadt und des Landes erkennen, wie sie mit diesem Projekt betrogen werden. Stuttgart 21 wird in die Geschichte eingehen als ein warnendes Beispiel für die Gier einer Clique von Mensch und Natur verachtenden Profiteuren.

Friedrich Gehring

Damoklesschwert über dem Park – Ansprache beim Parkgebet am 9.02.2012

Wie ein Damoklesschwert hängt die Baumfällung über diesem Park und seinen Bewohnern in den Bäumen. Schon sind die Baggerzähne gewetzt und die Sägen geschliffen und die Bagger stehen für ihr Vernichtungswerk bereit.
Aber noch können wir hier unser Parkgebet abhalten, auch wenn uns das Herz bei all diesen Gedanken schwer wird und uns eher zum Heulen zumute ist. Noch stehen die Bäume, um die wir kämpfen. Sehr tröstlich hat am letzten Freitag Schwester Inge Singer aus Gaildorf auf der Parkschützerseite aus der Tageslosung ein Wort von Dietrich Bonhoeffer zitiert:
Alles hat seine Zeit und die Hauptsache ist,
dass man mit Gott Schritt hält.
Und ihm nicht immer schon einige Schritte vorauseilt,
allerdings auch keinen Schritt zurückbleibt.
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Friedensappell: Offener Brief an Winfried Kretschmann

Tragen Sie bitte zum Frieden im Land bei!
Genehmigen Sie keinen Polizeieinsatz für das Projekt „Stuttgart 21“,
bevor alle entscheidenden Fragen geklärt sind!

 Stuttgart, 11.12.2011

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident! Lieber Herr Kretschmann!

ich schreibe Ihnen als Mitglied der Initiative „Theolog/innen gegen Stuttgart 21“. Wir haben im Dezember 2010 in unserer von inzwischen über 1200 ChristInnen unterzeichneten „Gemeinsamen Erklärung“ (www.s21-christen-sagen-nein.org/gemeinsame-erklarung-von-theologinnen/) unsere vielfältigen Bedenken gegen das Projekt „Stuttgart 21“ zum Ausdruck gebracht. Daran hat sich durch den Volksentscheid nichts geändert. Im Gegenteil.

Mit großer Sorge nehme ich die Vorbereitungen der Polizei auf den Abriss des Südflügels und die Fällung der Schlossgartenbäume wahr. Das ist zurzeit weder rechtlich angemessen noch politisch klug. Es wird die demokratische Kultur im Lande nachhaltig beschädigen und unabsehbare Folgen für den Frieden in der Stadt und im Land haben.

Ich bitte Sie dringend: Lassen Sie das nicht zu! Tragen Sie zum Frieden im Lande bei!

Sie wissen doch: Die rechtliche Zukunft von S21 ist völlig ungewiss:

  • Das zentrale Interesse der Stadt Stuttgart an S21, dass die Gleisanlagen des Kopfbahnhofs abgebaut und das Gelände überbaut werden darf, ist gerichtlich noch völlig ungeklärt. Vielmehr muss damit gerechnet werden, dass mindestens ein Teil der Kopfbahnhofgleise bestehen bleiben muss.
  • Ob die Mischfinanzierung von S21 durch Stadt, Land und Bahn      verfassungsgemäß ist, muss noch gerichtlich überprüft werden.
  • Für den Bau der Grundwassermanagement-Anlage besteht – nachdem die Wasserentnahmemenge mehr als verdoppelt werden soll – noch keine Genehmigung. Sie wurde dort illegal errichtet.
  • Für den Abstell- und Wartungs-Bahnhof Untertürkheim ist das Planfeststellungsverfahren noch nicht abgeschlossen.
  • Für die gesamten Anlagen auf der Filder ist ein Genehmigungsverfahren noch nicht einmal eingeleitet.
  • Nicht zuletzt ist immer noch nicht geklärt, wer ggf. die (unbestreitbar entstehenden) über 4,5 Mrd. hinaus gehenden Kosten trägt.

In einer rechtlich derart offenen Situation – von den unverändert katastrophalen Mängeln des Projekts selbst ganz zu schweigen – ohne Not ein Baurecht der Bahn mit massivem Polizeieinsatz durchzusetzen, dient auf keinen Fall dem Frieden, sondern stellt eine unangemessene Verschärfung der ohnehin labilen Situation dar.

Denn auch der Volksentscheid hat ja keineswegs eine klare Mehrheit für den Weiterbau ergeben. Vielmehr hat sich landesweit fast die Hälfte der Abstimmenden dagegen ausgesprochen.

Und das, obwohl der Volksentscheid eben gerade kein Beispiel für gelungene Demokratie war. Vielmehr werden auch Sie sagen müssen: So etwas darf nie wieder vorkommen:

  • dass ein Volksentscheid mit Millionenbeträgen aus der Wirtschaft      beeinflusst wird,
  • dass in unglaublichem Umfang öffentliche Körperschaften (Rathäuser, Gemeinderäte, Landratsämter, Regionalparlamente) mit einseitigen und falschen Darstellungen Einfluss auf die Abstimmung nehmen,
  • dass selbst von staatlicher Seite aus eine Lüge zum Hauptargument der Abstimmung erhoben wird (die Behauptung, die Ausstiegskosten betrügen für den Steuerzahler 1,5 Milliarden).

Deshalb fordere ich Sie so dringend wie herzlich auf, die Durchsetzung des Baurechts der Bahn zu verschieben, bis alle erforderlichen Fragen gerichtsfest geklärt sind – zumindest aber, bis mit rechtsgültiger Unterschrift die Frage der Übernahme von Mehrkosten definitiv geregelt ist.

Das Baurecht – zumal, wenn es nur zu einem kleinen Teil überhaupt besteht – ist nicht das höchste Recht eines Landes, dem sich alle andern Rechte unterzuordnen hätten (z.B. das des Landes auf Kostenklarheit und -wahrheit). Zumindest hat es zurück zu stehen, wenn es nicht auf für einen demokratischen Rechtsstaat angemessene Weise durchzusetzen ist. Und das ist in der aktuellen Situation nicht gegeben. Eine Landesregierung hat auch eine Verantwortung für den Frieden im Land. Nehmen Sie bitte diese Verantwortung wahr!

Mit freundlichen Grüßen
Martin Poguntke

PS:  Dieser Brief wird mit unterstützt von:
Friedrich Gehring, Michael Harr, Dieter Hemminger, Annette Keimburg, Gunther Leibbrand, Guntrun Müller-Enßlin, Wolfgang Schiegg, Martin Schmid-Keimburg, Dorothea Ziesenhenne-Harr.
Er geht an einen breiten Presseverteiler und an verschiedene Internetseiten.