Parkgebet am 4. Juli 2013, Ansprache von Martin Poguntke

(Ansprache als pdf-Datei: Parkgebet, Spielregeln ändern, 130704)

Liebe Parkgebetsgemeinde!
„Sonne der Gerechtigkeit“ haben wir vorhin gesungen. Dieses Lied fällt mir immer ein, wenn ich Dinge wie das Folgende höre:
„Wir müssen jetzt bauen, bauen und noch mal bauen“, sagte S21-Sprecher Dietrich vor einer oder zwei Wochen. „Über die Kosten reden wir dann, wenn sie eintreten.“
In bemerkenswerter Offenheit sagt der Mann damit: Uns geht es jetzt ausschließlich ums Faktenschaffen. Die Finanzierung gibt sich dann schon, weil ja entweder die öffentliche Hand des Landes zahlt oder die öffentliche Hand des Bundes: Das Land zahlt, wenn sich die sogenannte „Sprechklausel“ als Verpflichtung des Landes herausstellt, auch Mehrkosten von S21 zahlen zu müssen. Der Bund zahlt, wenn die Bahn auf den Kosten sitzen bleibt, weil die Bahn gehört ja dem Bund. Zahlen wird auf jeden Fall der Steuerzahler, so kalkuliert Dietrich. Ob er das über das Land oder über den Bund tut, ist Dietrich egal.
Was ist das für ein Spiel?, fragen wir uns. Was sind das für Spielregeln, nach denen derart brutales Erpressen offenbar kein Foulspiel ist? – Es sind die Spielregeln der sogenannten Marktwirtschaft: Es hat nicht nur jeder das Recht, so viel wie möglich Gewinn zu machen, sondern für viele gilt: Sie haben sogar die Pflicht, so viel wie möglich Gewinn zu machen.
Das Aktionärsrecht schreibt ihnen vor: Sie müssen vor allem, allem andern auf die Vermehrung des Kapitals achten – ganz egal, mit welchen absurden Maßnahmen das geschafft wird.
In Sonntagsreden hören wir ja alle immer wieder, dass unsere Wirtschaft auch einen sozialen Auftrag habe, dass ethisches Handeln nicht vernachlässigt werden dürfe etc. Das sagen sogar knallharte Wirtschaftsvertreter. Denn sie können es gefahrlos sagen: Weil ja durch vielfältige Gesetze sicher gestellt ist, dass diese sozialen Forderungen gar niemand umsetzen darf(!). Jeder Aufsichtsrat, der – um z.B. Arbeitsplätze oder ein wichtiges Stück Natur zu erhalten – der deshalb den Gewinn einer Aktiengesellschaft auch nur weniger groß werden ließe, der würde von den Aktionären vor Gericht verklagt. Das Recht auf maximalen Gewinn ist für Aktiengesellschaften gesetzlich festgeschrieben.
Das ist die oberste Spielregel, nach der unsere Gesellschaft funktioniert. Alle sozialen und menschlichen Appelle können dagegen nichts ausrichten. Die Spielregeln bestimmen, was möglich ist.
Szenenwechsel: Fußball.
Wer von einem Fußballer in Sonntagsreden verlangen wollte, dass er bitte so spielen soll, dass er seine und die Gesundheit der anderen Spieler nicht gefährdet, sondern verbessert, wird lächelnd gesagt bekommen: Die Regeln sehen vor, dass möglichst viele Tore zu schießen sind – alles, was das behindert, mag hübsch sein, ist aber völlig unrealistisch. Ein Fußballer, der diese Regel nicht für gut hielte und sich bemühte, seine und die Gesundheit seiner Mit- und Gegenspieler so weit als möglich zu verbessern – der würde aus der Mannschaft geworfen, weil er als vereins-schädigend gelten würde. Denn die Regeln des Fußballspiels legen fest, dass möglichst viele Tore zu schießen sind.
Zurück zum Spiel der Welt:
Die Regeln(!) bestimmen das Ziel der Welt. Das ist der Grund, weshalb persönliche Rechtschaffenheit nicht genügt. Es reicht nicht, selbst anständig zu leben, sich selbst andere Regeln vorzunehmen. Es reicht auch nicht, Realpolitik in den Grenzen der gegebenen Regeln zu machen. Sondern wir müssen daran arbeiten, dass die offiziellen Regeln(!) des Spiels geändert(!) werden. Mit anderen Worten: Es reicht nicht, als Christ persönlich verantwortlich zu leben, sondern wir müssen politisch arbeiten, weil auf der politischen Ebene die Regeln gemacht werden.
Die Bibel ist voll von Aufforderungen an uns Glaubende, diese Welt nicht sich selbst zu überlassen und uns nicht an sie anzupassen. Es ist geradezu der Sinn unserer Existenz, verändernd in diese Welt einzugreifen.
Nein, eigentlich ist der Sinn unserer Existenz ein viel schönerer: Wir sollen die Welt bunt machen und mit Leben erfüllen. Kunst und Glück und Liebe sind der Sinn unserer Existenz. Aber Kunst und Glück und Liebe für alle! Und so lange diese Welt Menschen, ja ganze Länder daran hindert, in Liebe dem gemeinsamen Glück und der Kunst zu leben, so lange haben wir noch eine andere Aufgabe: Wir müssen einen ausreichend großen Teil unseres Lebens dem widmen, dass eines Tages alle(!) Menschen in diesem kreativen, bunten Frieden leben können.
Ja, es ist nicht einmal nur ein Muss, dass wir einen Teil unseres Lebens dem großen Friedensziel widmen. Sondern fragen Sie sich doch einmal selbst: Würden Sie ein Leben aushalten, in dem Sie sich nur um sich selbst kümmern – solange es Menschen gibt, die das nicht können?
Drängt es nicht jeden Christen und jede Christin, die auch nur ein kleines Stück von der befreienden Botschaft der Bibel erfahren haben, drängt es nicht jeden, etwas davon weiterzugeben? Wenn es mir gelungen ist, darauf zu vertrauen, dass ich in dieser Welt so sein darf wie ich bin und nicht dafür bezahlen muss – das ist ja die zentrale Botschaft der Vergebung – könnte ich’s dann denn aushalten, dieses Glück für mich allein zu behalten? Es drängt mich doch von ganz tief drinnen, dieser Welt etwas von meinem Glück weiterzugeben, mich für sie und ihre Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen! Wie könnte ein Christ es aushalten, unpolitisch oder angepasst zu sein?!
Das ist es doch, warum wir – seit Jahren mittlerweile – rund um den Bahnhof demonstrieren, blockieren, beten und singen: Wir halten es nicht aus, die Welt in ihrem Elend zu lassen. Wir müssen ihr einfach etwas von unserer inneren Kraft geben.
Damit uns aber die Kraft dafür nicht ausgeht – und wir auch nicht hochmütig werden mit unserem Protest und uns womöglich als bessere Menschen fühlen – ist es nötig, dass wir einander immer wieder daran erinnern: Wir haben diese Kraft nicht aus uns selbst, sondern wir haben sie geschenkt bekommen. Wir haben nichts mitgebracht auf diese Welt. Es ist nichts, was wir dieser Welt geben würden, das wir nicht zuvor bekommen hätten. Mehr können wir nicht geben, und mehr brauchen wir auch nicht zu geben. Wir brauchen uns nicht zu überfordern. Ja, wir dürfen es nicht einmal. Wir brauchen nur von dem zu geben, das wir bekommen haben.
Und wenn ich sehe, wie viele Menschen in den letzten Jahren rund um S21 wie viel gegeben haben. Dann staune ich nur ehrfürchtig, wie viel wir da offenbar bekommen haben müssen. „Das ist ein köstlich Ding, Gott danken und lobsingen seinem Namen.“ So haben wir vorhin im Psalm 92 gebetet.
Und wenn je diese S21-Verbrecher „grünen sollten wie das Gras“ – wie wir im Psalm auch gehört haben – und sie es wider alles Erwarten doch schaffen sollten, diesen Tiefbahnhof bis zu Ende zu bauen: Wir könnten dennoch glücklich und dankbar zurück sehen und feststellen: Wie viel haben wir auf diesem Weg den Menschen und der Welt geben können! So Vieles, das bleibt, gänzlich unabhängig von S21. So viel an Leben, an politischer Kultur, an Wissen, an Kontakten, an Gemeinschaft usw. Alles Schritte auf dem Weg zum großen Ziel, zum großen Ziel, eines Tages die entscheidenden Spielregeln der Welt zu verändern.
Gott schenke uns auch weiterhin die frohe Kraft, oben zu bleiben und der ganzen Welt ein Zeichen der Lebendigkeit und der Gerechtigkeit zu setzen, Schritt für Schritt auf dem großen, schwierigen, wunderbaren Weg!
Amen.

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Eine Antwort zu “Parkgebet am 4. Juli 2013, Ansprache von Martin Poguntke

  1. Lieber Martin,
    meine Gratulation zu Deiner Ansprache, mit der Du den Skandal ansprichst, den wir spätestens seit dem 5. März 2013 ständig anprangern müssten. Ich meine allerdings, dass wir in unserer Kritik noch einen Schritt weitergehen sollten. Das Projekt Stuttgart 21 hält sich doch nicht einmal an die kapitalistischen Regeln der sogenannten Marktwirtschaft. Wer in der Betriebsführung so vorgeht, wie es Projektsprecher Dietrich propagiert, wird in einer wirklich freien Marktwirtschaft über kurz oder lang den Bankrott riskieren und zur Lachnummer weden, weil er die Grundsätze kaufmännischer Vernunft außer Acht lässt, wie sie schon für Jesus selbstverständlich sind (Lk 14,28 ff). Auch wenn in einem Staatsbetrieb so verfahren wird, droht der Bankrott wie einst in der DDR, die schon Jahre vor ihrem Ende pleite war, als sie nur durch einen von Franz Josef Strauß vermittelten Milliardenkredit noch einmal flüssig wurde. Die Bahn kann mit Stuttgart 21 keine Gewinne mehr machen wie einst die DDR mit ihrer Exportwirtschaft, die dazu diente, den Parteibonzen Westautos zu verschaffen. Die Deutsche Bahn AG verstößt damit sogar gegen das kapitalistische Aktienrecht. Deshalb wohl würde selbst Bahnchef Grube das Projekt heute nicht mehr beginnen.
    In dieser Situation schrecke ich nicht mehr davor zurück, die Entscheidung vom 5.3.2013 mit der atheistischen Bonzendiktatur der DDR zu vergleichen, mit dem kleinen Unterschied, dass heute statt der Parteibonzen die Profiteure diktieren, was gemacht wird. An die Stelle der real existierenden sozialistischen Parteibonzen sind die real existierenden Bonzen der neoliberalen Ideologie getreten, die Partei übergreifend dem Bahnaufsichtsrat den Verzicht auf jedwede betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Vernunft haben durchgehen lassen. Wie lange werden wir uns als christliches Wahlvolk das noch gefallen lassen? Welche mammonskritische Partei bietet am ehesten die Gewähr, bei diesem Unsinn nicht mehr mitzumachen?

    Mit herzlichen Gruß

    Friedrich Gehring

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