Parkgebet, 23. Mai 2013, Ansprache von Waltraud Müller-Hartmann

Hier gibt’s die Ansprache als pdf-Datei: Parkgebet, Ansprache, wmh, 130523

Liebe denkende, betende, streitbare Gemeinde!

Ein Bursch aus dem Schwarzwald, Köhler seines Zeichens, also der Kohlenmunkpeter, wünscht sich ein besseres Leben und lässt sich mit dem Glasmännlein ein und ruft zu diesem Behufe den Schatzhauser im grünen Tannenwald herbei. (Einen Schatzhauser nennen wir heute ganz profan einen Ökonomen.) „Peter, wünsch dir Verstand!“, rät das gute und fromme Geistlein immer wieder. Ja, mit Bildung, Bildung, Bildung kommt man weiter, das wissen wir heute genau. Aber was wünscht sich Peter Munk? Geschickt will er sein wie der Tanzbodenkönig und immer so viel Geld in der Tasche haben wie der dicke Ezechiel: Peter will das schnelle Geld, Reichtum und Ansehen. Das Glasmännlein lässt es dem Sonntagskind hingehen – und ist besorgt. Als aber der Spieler und Spekulant Ezechiel, mit dem Peter gleichziehen will, nichts mehr in der Tasche hat, hat auch der Kohlenmunkpeter verloren. Aber er hat beim Glasmännlein noch einen Wunsch frei – falls es ein vernünftiger ist. Wir Montagsdemonstranten sind längst so klug und besonnen wie das Glasmännlein. Wir Bildungsbürger setzen schließlich schon seit zwanzig, zehn oder drei Jahren bei unseren Wünschen und politischen Forderungen auf Argumente, Vernunft und Verstand. Jede Woche besuchen wir die größte Openair-Volkshochschule und lernen alles über Denkmalschutz, Architektur, Ingenieurskunst, Geologie, Finanzen, Wirtschaft, Bankenwesen, Recht, Justiz, Ökologie und Ethik, ergänzt um Kulturbeiträge jeglicher Art. Wir haben Teilerfolge erlebt, Rückschläge eingesteckt – und an Selbstbewusstsein und Ansehen gewonnen. Doch im Ganzen lähmt uns, etwa seit dem beginnenden Wahlkampf ab März, die Ohnmacht: Dass es auf Verstand und Bildung nicht ankommt; dass Argumente nicht ziehen und Vernunft nichts gilt, sofern sie nicht dem Machterhalt, den Interessen des Großkonzerns Bahn und der Kapitalverwertung dienen. Sind wir damit verloren? Weil wir an unseren Kräften zu zweifeln beginnen?

Der Kohlenmunkpeter setzt in seiner verzweifelten Lage auf den reichen, skrupellosen Holländermichel. Ein Monopolist mit Drohpotential. (Der würde heute vielleicht Herrenknecht heißen.) Er verpasst dem Peter nicht nur neues Kapital, sondern auch ein kaltes Herz aus Stein, wie es der dicke Ezechiel, der Tanzbodenkönig, viele angesehene Amtsleute, Politiker und Bürger schon längst haben. Peter wird seiner Menschlichkeit und jeglicher Gefühle enteignet. Er wechselt die Seite und hat nun selbst auch keinerlei Skrupel mehr, er bringt es weit, beschädigt aber alle menschlichen Beziehungen, wird gewalttätig gegen die eigene Mutter, die eigene Frau. Am Ende geht Hauffs Märchen vom kalten Herzen, um 1824 geschrieben, doch noch – fast – gut aus. Wie ein protestantisches Gewissen macht sich das Glasmännlein in der Krise mächtig bemerkbar, erinnert an den noch offenen dritten Wunsch und hilft Peter, mit einer List der Vernunft wieder sein fleischernes Herz vom Holländermichel zurückzugewinnen, indem er ihn bei der Ehre seiner Allmacht packt. In seine Glashütte schlägt der Blitz ein, sein Besitz verbrennt, aber Peter und die Seinen werden wieder zu Menschen. Wie im Märchen wird Stuttgart 21 vielleicht nicht ausgehen, aber die Frage wird sein, ob und wie wir alle immer wieder zu Menschen werden, die weder in ihrer Ohnmacht noch in ihrer Verbiesterung verloren sind. Wer ruft uns heraus, wen rufen wir um Hilfe an?

„Komm, Gott, Schöpfer, Heiliger Geist,
besuch das Herz der Menschen dein…
Denn du bist der Tröster genannt,…
Zünd uns ein Licht an im Verstand,…
Dass wir deim Leiten folgen gern
Und meiden der Seelen Schad’.“
(EG 126, 1-5, einzelne Zeilen zusammengefasst)

So singt Martin Luther 1524, dreihundert Jahre vor Wilhelm Hauff in seinem Pfingstlied in seinen Krisen und Verzweiflungen. In der Kraft des Geistes hat er mit vielen anderen zusammen widerständig leben gelernt.

Im zweitausend Jahre älteren Prophetenwort des Ezechiel, Kapitel 36 (das Martin Luther und Wilhelm Hauff natürlich kannten), auch in Krisenzeiten hineingesprochen, als ein ganzes Volk an den Flüssen Babylons saß und weinte, da hören wir, wie Gott selber ruft, wie er sich bei seiner Ehre packen lässt. Er will seinen eigenen guten Ruf und Namen bei Freund und Feind wiederherstellen, denn er fühlt sich geschmäht, nicht ernst genommen, ja gekränkt. Und so beschließt er: „Ich will meinen großen Namen, der von den Heiden entheiligt ist, den ihr unter ihnen entheiligt habt, wieder heilig machen. Und dann werde ich euch vor ihren Augen zeigen, dass ich heilig bin und werde euch herausholen.“ (23)

Was zu Gott gehört und ihm entspricht, ist heilig. Und so will sich Gott vor aller Welt beweisen. Mit denen, die wie er menschlich und rettend schöpferisch tätig werden, verbündet er sich. Gottes Geist inspiriert sie. Wie soll das geschehen?

„Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben, und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben, Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“ (26 und 27)

So also sollen schöpferische Veränderungen im Diesseits einer hinfälligen Welt geschehen. Gott geht den umgekehrten Weg wie der Holländermichel. Er schenkt das fühlende Herz und nimmt das versteinerte weg, Gottes Geist durchpulst menschliches Denken und Handeln. Gott greift im Zentrum des Menschen ein, dafür steht das Herz und nicht im Kopf allein, in der Emotionalität, in Bewusstsein und Verantwortlichkeit des Menschen. Daraus gewinnen Menschen den nötigen Verstand, der dem Herzen folgt. So können wir Menschen auch in unseren Verzweiflungen und den Krisen der Gesellschaft Inspiration und Vertrauen gewinnen. So können wir unterwegs sein ohne Gewalt und Machtanspruch, dafür mit wachem Gewissen, lichtem Verstand und gegebenenfalls mit der List der Vernunft. Wir haben einen Gott, der mit uns eine neue, lebensgerechte Wirklichkeit schaffen will, Veränderung im Diesseits – sein Reich, das Reich Gottes.

Ein ökologisch verträglicher und menschenfreundlicher Bahnhof darf dazugehören.

Waltraud Müller-Hartmann, Stuttgart, Pfarrerin i. R.

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