Parkgebet am 14.11.2013, MartinPoguntke

(hier als pdf-Datei: Parkgebet, 14.11.13, Martin Poguntke)

Liebe Parkgebetsgemeinde!
Ich möchte heute mit Ihnen ein bisschen darüber nachdenken, was es mit dem Segen Gottes auf sich hat, mit der Kraft Gottes. Wo wirkt Gottes Kraft, wo nicht? Wie kommt man an sie dran? Was kann man dafür tun? Welche Rolle spielen unsere Gebete und Gottesdienste dabei?
Claus Schmiedel hat ja in einer seiner denkwürdigen Reden gesagt, auf dem Projekt Stuttgart 21 liege Gottes Segen. Nun, die bisherige Geschichte des Projekts lässt einen daran sehr zweifeln.
Ein bisschen klang es aber damals auch wie ein Beschwörungsversuch von Schmiedel: Irgendwie wollte er wohl auch – so ein bisschen magisch – die guten Kräfte beschwören und auf sein Lieblingsprojekt lenken. Nicht bewusst – er findet sicher, dass er als Sozi eher atheistisch sein müsse – aber irgendwie unbewusst.
Jetzt fragen wir uns aber mal ganz selbstkritisch: Tun wir womöglich was ganz Ähnliches? Wenn wir uns hier zu Parkgebeten versammeln – versuchen wir dann womöglich auch, die guten Kräfte des Schöpfers und der Schöpfung auf unseren Widerstand zu lenken? Parkgebete so ein bisschen als Zaubertrank, wie bei Asterix und Obelix?
Lassen wir die Antwort noch ein bisschen offen und gehen noch einmal von einer ganz anderen Seite dran. Da gibt es nämlich einen ganz störenden Ausspruch von Jesus. Der Mann kannte ja kein Pardon, der hat ja ständig unsere vertrauten religiösen Orientierungsmarken durcheinander gebracht.
Ich denke gerade an den Satz Jesu, den Matthäus in die Bergpredigt mit eingebaut hat: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“.
Ich möchte nicht verhehlen, dass es für mich immer wieder eine kleine Zumutung ist, das den „Bösen“ und „Ungerechten“ zuzugestehen, dass auch sie rundum von der göttlichen Kraft versorgt werden. Nur wenn ich mich selbst beim Bösesein ertappe, höre ich den Satz mit etwas Erleichterung, dass Gott die Sonne auch für die Bösen scheinen lässt.
Aber es scheint so zu sein, dass der Gott, wie Jesus ihn glaubte, nicht nur für die Guten da ist, sondern auch für die Bösen. Wenn wir das weiter denken, müssen wir sagen: Ja, auch Schmiedel und seine ganzen S21-Befürworter – alle haben sie Anteil an dieser unendlichen göttlichen Kraft – genauso, wie auch wir Gegner des Projekts.
Mit welcher anderen Kraft sollten sie auch ihre Lügen in die Welt tragen und sich den Geldhaien andienen? Es gibt ja keine andere Kraft in der Welt als die eine göttliche Kraft. Es gibt ja keine zwei Götter: einen guten und einen bösen. Und auch das, was manche „Teufel“ nennen, wird in der Bibel als gefallener Engel gesehen – also als ebenfalls vom einen Gott stammender Störenfried.
Wozu feiern wir dann eigentlich Gottesdienste? Ist es denn so, dass dann auf der einen Seite die Gegner und auf der anderen Seite die Befürworter jeweils ihre Gottesdienste feiern und damit jeweils versuchen, Gott für sich zu reklamieren und ihn mit seiner Kraft auf ihre Seite zu ziehen?
Nein, natürlich nicht! Das wären kindliche oder magische oder heidnische Vorstellungen von Gott. Aber der Gott, wie er in der Bibel erzählt wird, der lässt sich nicht vereinnahmen, der lässt sich nicht durch glaubensstarke Gemeinden auf die eine oder andere Seite ziehen. Der biblische Gott ist kein „Göttle“, sondern ein Gott – der(!) Gott, der einzige(!) Gott. Und dieser einzige Gott ist unabhängig von allen Beeinflussungsversuchen.
Aber Achtung: So, wie er in der Bibel geglaubt wird, ist dieser Gott, dieses Geheimnis der Welt dennoch nicht unabhängig von den Menschen! Denn in der Bibel wird ja Gott als der geglaubt, der die Liebe ist. Und wer liebt, ist nicht unabhängig.
Die Unabhängigkeit des biblischen Gottes hat da eine Grenze: Er ist zwar – so wie wir ihn glauben – unabhängig von menschlichen Beeinflussungsversuchen, aber – menschlich gesprochen – völlig abhängig vom großen Ziel der Liebe und einer gerechten Welt. Gott kann nur lebensdienlich sein.
In der Bibel sind für diese aufs Leben zielende göttliche Macht alle Menschen gleich wichtig – aber: Gottes Zuwendung und Kraft ist ungleich verteilt. Seine Kraft wirkt in allen Menschen – aber: Sie hat eine Richtung, diese Kraft:
Nach biblischer Überzeugung zielt die in der Schöpfung wirkende Kraft auf die Stärkung und das Recht der Schwachen. Sie zielt auf die Erhaltung des Lebens und der Schöpfung. Sie zielt auf die Verwirklichung der Liebe. Sie zielt auf die Wahrheit, die uns frei machen wird – übrigens auch auf die Wahrheit über Stuttgart 21!
Wenn das nun aber alles so ist: dass man gar keinen Einfluss darauf nehmen kann, wann und wo die Kraft Gottes wie wirkt, sondern diese Kraft viel mehr eine feste innere Richtung hat, die wir gar nicht beeinflussen oder ändern können – was bezwecken wir dann noch mit unsern Gebeten und Gottesdiensten? Wir können uns dann ja gar nicht die göttlichen Kräfte herbei beten oder herbei feiern oder auf unseren S21-Widerstand lenken. Von gallischem Zaubertrank – wie ich anfangs fragte – keine Spur!
Die Antwort ist: Unsere Gottesdienste sind nicht dafür da, um auf Gott(!) Einfluss zu nehmen, sondern auf uns selbst(!). Die Gottesdienste sind für uns(!) da, nicht für Gott! Wir(!) brauchen sie, nicht Gott!
Uns(!) tut es gut, wenn wir uns in einem Gottesdienst in innerlicher Verbindung mit den Kräften spüren, die die Welt tragen.
Uns(!) tut es gut, wenn wir – gewissermaßen im Angesicht Gottes – nachdenken über den richtigen Weg und dabei mehr fragen als sagen.
Uns(!) tut es gut, wenn wir zusammen mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern Gemeinschaft erfahren.
Unseren eigenen(!) Gedanken tut es gut, richtet sie aus, macht sie wach und wahrnehmungsfähig, wenn wir vor dem Ganzen der Welt, vor Gott, unsere Bitten um Kraft und Hilfe aussprechen.
Es ist ja nicht so, dass wir dem Geheimnis des Kosmos etwas sagen könnten oder müssten, was ihm noch nicht bekannt ist, oder es zu irgendetwas bewegen könnten oder auch nur dürften mit unseren Gebeten. Sondern wir selbst(!) werden reicher durch unser Bitten und Danken. Unser(!) Denken wird geläutert, wenn wir es dieser unbegreiflichen Kraft vor die Füße legen.
Deshalb sind unsere Gottesdienste und Gebete für uns so wichtige Kraftquellen: Nicht, weil wir die kosmischen Kräfte herbei rufen oder herbei zaubern könnten. Sondern weil wir hier im Gebet und im Gottesdienst dieser Kraft bewusster werden, die den ganzen Kosmos und jedes Einzelne unter uns erfüllt. Und weil wir uns innerlich neu ausrichten, auch korrigieren lassen, im Kraftfeld dieses unbegreiflichen Geheimnisses der Welt, das wir so ahnungslos Gott nennen.
Wenn das auch das heutige Parkgebet mit uns macht: dass wir nachher gelassen und stark, selbstkritisch und mit neuer Hoffnung davon gehen – dann ist das geschehen, was keiner von uns machen kann: Die Gotteskraft ist für uns spürbar geworden als eine stärkende Macht. Nicht weil wir die Macht hätten, himmlische Mächte auf uns herab zu lenken, sondern weil diese Mächte einfach da sind – unsichtbar wie die Liebe –, und weil wir ihr Da-Sein erfahren haben, als tröstend und behütend erfahren haben. Weil wir ein klein wenig Gott begegnet sind.
Das wünsche ich uns allen in unserem guten Kampf gegen Stuttgart 21: immer wieder Gottes unendliche Kraft zu spüren. Die Kraft, die uns umgibt und erhält – auch wenn wir sie bisweilen nicht spüren.
Amen.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ – nach Fürbitten und Vaterunser singen wir dieses Lied.

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5 Antworten zu “Parkgebet am 14.11.2013, MartinPoguntke

  1. Also, das scheint mir alles ein bisschen durcheinander zu gehen. Wenn Jesus sagt: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“. da ist ja von Sonne und Regen die Rede, nicht von Segen. Wenn wir uns aber bewusst werden, dass wir einen sterblichen Körper haben und darinnen eine unsterbliche Seele, sieht die Sache anders aus. All das Sterbliche lebt von Sonne und Regen, ohne gut oder böse zu bevorzugen, ohne dass Gott es richtet, ohne Bewusstheit. So ist es auch mit dem Körper. Den Körper bekommen wir geschenkt von unseren Eltern, um Erfahrungen auf dieser Erde zu machen. Wer macht aber diese Erfahrungen? Es ist die Seele, es ist unsere Seele, das sind wir selbst. Warum sollte eine bewusste Seele in ihrer Freiheit nicht einen anderen, liebevolleren Kontakt zu Gott herstellen können als der unbewusste Körper, der wieder zu Erde wird? ER sagt ja selbst: „Du sollst Gott über alles lieben.“
    ER liebt uns dank seiner großen Liebe stark, besonders wenn wir ihn bitten!
    Deshalb gehen wir gesegnet und getröstet vom Gottesdienst heim.
    Dass unser Körper Sonne und Regen braucht, sehen wir daran: er braucht etwas zu trinken und etwas zu essen, das von der Sonne veredelt ist.
    Und die Seele, als des Körpers Führer, tut gut, wenn sie zwischen guten und schlechten Getränken und Speisen unterscheidet.
    In unsere Seele hinein wirkt Gott Bewusstseins bildend und wir können auf seine Liebe antworten und darum bitten! Im Körper und im sichtbaren Teil der Tier- und Pflanzenwelt wirkt Gott unbewußt. Aber auch hier können deren Seelen oder Seelenteile Gott empfinden!
    Bieneneckard

  2. Liebe/r „Bieneneckard“,

    danke für Ihren Kommentar!
    „Durcheinander“ geht es, glaube ich, nicht bei dieser Ansprache, nur vereinfacht habe ich etwas: Ich habe nicht unterschieden zwischen Gottes Kraft (womit wir das meinen, was seit jeher in der Schöpfung – auch in Sonne und Regen – wirkt) und Gottes Segen (womit wir den auf das Leben des Menschen(!) bezogenen Teil dieser Kraft meinen). Im sogenannten Alten Testament (in nomadischer Zeit) wird unter Gottes Segen sogar ausschließlich der materielle Reichtum (an Vieh, Kindern und Frauen – und deshalb auch an dafür nötigem Regen und Sonne) verstanden. Im späteren Alten und im „Neuen“ Testament wird Gottes Segen zunehmend ganzheitlicher – auch(!) auf unser seelisches Leben bezogen – gesehen.
    Ihre Hervorhebung der Seele gegenüber dem Körper bis hin zu einer differenzierten Lehre von einer – unsterblichen – Seele, scheint mir sehr spekulativ und biblisch kaum zu begründen, ist jedenfalls uns Evangelischen fremd. Wir verstehen unsere Körper nicht nur als (leider notwendige) Hüllen der Seelen (des Eigentlichen), sondern auch unsere Körper sind für uns das Eigentliche. Wir halten unsere Seelen für genauso wenig unsterblich wie unsern Körper und beides für gleich erlösungsbedürftig. Und wir halten die Nöte unseres Leibes für genauso wichtig wie die Nöte der Seele.
    Deshalb engagieren wir uns ja als Christen für den Schutz auch der Natur und sind auch politisch aktiv, weil wir (auch) dieses materielle Leben so hoch schätzen, wie es Jesus geschätzt hat. Unser Widerstand gegen „Stuttgart 21“ ist konkreter Ausdruck unserer Wertschätzung des ganzen(!) Lebens.
    Ich würde mich freuen, wenn ich mit diesen knappen Formulierungen ein wenig hätte Klarheit schaffen können.

    Martin Poguntke

  3. Frank Ordenewitz

    Lieber Herr Poguntke,
    haben Sie vielleicht einmal daran gedacht, dass SIE der Böse sind? Haben Sie vielleicht einmal daran gedacht, dass Ihr Widerstand gegen S21 grundlegend falsch ist? Wahrscheinlich nicht – vielmehr nehmen Sie sich heraus, die Wahrheit zu wissen. Solche Leute wie Sie kann man auch Ideologen nennen. Und die Geschichte hat gezeigt, dass Ideologen oft die wirklich bösen Menschen waren. Ich denke, dass Ihr Predigt auf SIE selbst bezogen ist……

  4. Frank Ordenewitz

    Schade, dass kritische Texte hier einfach zensiert werden. Sicherlich ist dieser Blog hier kein ganz öffentliche Pressemedium, sicherlich müssen die S21-Gegner auch juristisch nicht alle Kritiken der S21-Visionäre teilen und veröffentlichen – aber einfach alles zu zensieren? Schade Herr Poguntke, aber denken Sie immer daran: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. S21 wird und muss kommen! Die Demokratie wird siegen und die Zensierer (wie SIe) werden letztlich verlieren.

  5. Sehr geehrter Herr Ordenewitz,

    erst jetzt komme ich dazu, Ihre beiden Kommentare freizuschalten (Ihren ersten, auf die Parkgebetsansprache bezogenen, und Ihren zweiten, nachdem Sie befürchteten, Ihr Kommentar werde „zensiert“ – aber das haben wir nicht nötig, solange Kommentare den Regeln entsprechen). Allerdings kann ich den ersten der beiden nur gekürzt freigeben, weil er am Ende persönlich verunglimpfende Formulierungen enthält.

    Auch der übrige Text ist erschreckend emotional und immer hart an der Grenze zur persönlichen Beleidigung. Ich frage mich natürlich, wie es in Ihnen ausschaut, dass Sie sich so äußern müssen. Die emotionale Qualität erinnert mich daran, wie ich als Kind reagiert habe, wenn man meinen Vater schlecht gemacht hat. Aber auch für viele Erwachsene ist es ja kaum auszuhalten, wenn man die Rechtschaffenheit ihrer „Väter“ in Frage stellt…

    Zum Inhalt Ihres Kommentars: Haben Sie denn meine Ansprache wirklich gelesen? Konnte Ihnen dann wirklich entgehen, dass die ganze Ansprache voll von demütigen Äußerungen ist, die in den Raum stellen, dass natürlich auch wir nicht „die Guten“ sind, sondern „selbstkritisch“ sein müssen, unser Denken „geläutert“ werden muss, unsere Gedanken „ausgerichtet“ werden müssen, wir über den richtigen Weg „mehr fragen als sagen“ sollten. Natürlich halte ich alle Predigten auch für mich selbst, weil auch ich ständig der Bekehrung und des Rufs zu Glauben und rechtem Leben bedarf.

    Nur eines kann man mir „vorwerfen“: Ich habe in der Tat seit Jahren nicht mehr gedacht, dass mein „Widerstand gegen S21 grundlegend falsch“ sei. Das liegt aber nicht daran, dass wir meinen, wir wüssten die (philosophische oder göttliche) Wahrheit, sondern wir behaupten, dass wir so klare Informationen über die Mängel und Gefahren von S21 haben, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass das Projekt grundlegend falsch ist. Technische und naturwissenschaftliche Fragen sind nämlich keine Meinungs- und erst recht keine „letzten“ Fragen, sondern lassen sich sehr präzise für jeden verbindlich beantworten. Oder würden Sie auch der NASA vorwerfen, sie „meinte, sie wüsste die Wahrheit“ und sei „ideologisch“ – nur weil sie auf der Richtigkeit ihrer Berechnungen für den Flug zum Mars besteht?

    Ich kann Ihnen nur dringend empfehlen: Fragen Sie sich aufrichtig, woher denn Ihre große Wut gegen uns Gegner rührt, und setzen Sie sich in aller Ruhe mit den Argumenten von uns Gegnern auseinander (http://www.alle-gegen-s21.de/) – Sie werden entdecken, wie wichtig es ist, dass S21 nicht kommt, und wie undemokratisch das Projekt durchgesetzt wird. Hier auf dieser Seite sollten wir aber in erster Linie die theologischen und Glaubensfragen dazu diskutieren.

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