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Ansprache beim Parkgebet am 8. Februar 2018 zu Amos 5, 21–24 von Pfarrer Martin Poguntke

(hier als pdf-Datei)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 2012 – nächsten Donnerstag ist es 6 Jahre her – haben sie unseren Park endgültig zerstört. Sie haben die herrlichen, teils 200-jährigen Bäume geschreddert, eine Mondlandschaft hinterlassen. Eine böse, unsinnige Aktion, denn erst viel, viel später wurde begonnen mit dem Bau des schlechtesten Bahnhofs Deutschlands. Und die Bauarbeiten gehen zurzeit immer langsamer voran, weil die technischen, rechtlichen und finanziellen Probleme immer größer werden.

Wir haben das alles schon damals geahnt. Und gut drei Wochen später haben wir am Rande dieser Baustellen-Wüste einen Trauer-Gottesdienst gefeiert (https://s21-christen-sagen-nein.org/2012/03/10/trauergottesdienst-am-10-marz-2012-im-schlossgarten/), einen Gottesdienst, der mich noch heute ergreift, wenn ich an unsere damalige Seelenverfassung denke. – Was diesem Gottesdienst damals seine Kraft und Bedeutung gegeben hat, darum soll es heute gehen.

Ich möchte Ihnen dazu ein wenig vom Propheten Amos erzählen.

Amos war – wie alle biblischen Propheten – kein Hellseher, sondern ein Mensch mit „Durchblick“. Ein Mensch, der – weil er einen tiefen Glauben hatte – dem Alltag mehr ansah als die andern. Und so sah er mit seinem buchstäblichen „Durchblick“, wie moralisch verkommen das Israel seiner Zeit geworden war und wie falsch deshalb auch die Gottesdienste waren. Und deshalb wandte er sich mit großer Wortgewalt und schonungsloser Direktheit an seine Zeitgenossen und rief ihnen zu – ich zitiere aus Amos 5, Vers 21 bis 24, dem Predigttext vom vergangenen Sonntag:

So spricht Gott: „Ich hasse eure Feiertage und verurteile sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Die Gottesdienstbesucher waren schockiert. Sie fanden diese Vorwürfe nicht nur empörend, sondern auch völlig unverständlich. Denn ihre Lieder waren ausgesprochen schön – keineswegs „Geplärr“. Und die Harfenmusik, mit der sie begleitet wurden, war kunstvoll und auf hohem Niveau. Auch die Dank- und Speiseopfer, die sie in ihren Gottesdiensten darbrachten, waren keineswegs kritisierenswert.

Und in der Tat, die Kritik, die Amos an diesen Gottesdiensten übte, war auch keine an der Liturgie. Sondern es war eine Kritik an der inneren Haltung ihrer Besucher. Weil die Gottesdienste nämlich eines nicht leisteten: Sie veränderten die Menschen nicht; Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 25.1.18 zu Offb. 21,6 von Pfr. i. R. Gunther Leibbrand

(hier als pdf-Datei)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

ich will uns die evangelische Losung für das Jahr 2018 auslegen, damit sie uns helfe, „oben“ zu bleiben – mit unserem Bahnhof, mit unserem Kopf und Herzen – für unsere Kinder, für unsere Gesellschaft, für ein friedliches Miteinander.

Die Losung steht im Buch Offenbarung 21,6 und heißt:

Und er [der auf dem Thron saß] sagte zu mir:
/ Es ist geschehen.
Ich bin das Alpha und das Omega
/ der Anfang und das Ende.
Ich werde dem Dürstenden von der Quelle des Lebenswassers zu trinken geben
/ umsonst.

Unser Losungswort ist eine Aufforderung, aus der Quelle des Lebenswassers zu trinken, um Energie zu schöpfen für die schier übermenschlichen Anstrengungen, die es zu stemmen gilt: Unter anderen: Den Umstieg 21 hinzubekommen, um das Trauerspiel Stuttgart 21 endlich zu beenden. Nächste Gelegenheit: Morgen bei der Bahn-Aufsichtsratssitzung in Berlin: Alternativen zu prüfen als Ergebnis käme fast schon dem gleich, was der dynamische französische Staatspräsident Emmanuel Macron am 17. Januar mit dem hoch umstrittenen Groß-Flughafenbau Notre-Dame des Landes bei Nantes hinbekommen hat: ihn aufzugeben. Unsere Gruppe Theologinnen und Theologen gegen S21 hat unserer geschäftsführenden Bundeskanzlerin, Frau Dr. Merkel, einen entsprechenden Brief geschrieben. Ich denke, dass es auch für Frau Merkel eine ans Übermenschliche grenzende Anstrengung wäre: Sie müsste über ihren langen Schatten springen! Obwohl: Sie hatte schon die Kraft, – ich zitiere aus unserer Erklärung vor vier Tagen – „den Atomausstieg einzuleiten… die deutsche Flüchtlingspolitik zu öffnen.“ (Quelle: Offener Brief – Denkpause für Stuttgart 21! Umkehr zur Wahrheit!“, 21.1.2018)

Das neue Jahreslosungswort ermutigt mich also – über alle Maßen! und: außergewöhnlich! – Volker Lösch fände gewiss noch weitere zwanzig Wörter, um die hervorragende Sprachgestalt dieser wenigen Sätze aus Off. 21,6 zu qualifizieren.

Dieses Wort will uns auch als Bürgerbewegung stärken! Für diese Bürgerbewegung hat Volker Lösch bei der 400. Montagsdemonstration wunderbare Worte gefunden!
Ich zitiere:
„Diese Bürgerbewegung ist dafür, dass zerstörerische Großprojekte abgewickelt werden!
Sie ist dafür, dass Bürgerinnen und Bürger frei sind von der Angst um die eigenen Lebensverhältnisse.
Sie ist dafür, dass Demokratie und Sozialstaat zusammengehören.
Sie ist dafür, dass eine wirtschaftspolitische Umkehr stattfindet.
Sie ist dafür, dass der Kapitalismus dem Gemeinwohl untergeordnet wird.
Sie ist dafür, dass Demokratie auf der Selbstbestimmung autonomiefähiger Bürgerinnen und Bürger besteht.
Diese Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21 ist dafür, dass die Zukunft eine Zukunft hat.“

Um solche Ziele zu erreichen, bedarf es wahrlich einer unerschöpflichen Wegzehrung: Es bedarf – in der Sprache des Buches der Bücher – des „Lebenswassers“. Und des beständigen Sprudelns desselben: Es braucht die „Quelle“ selbst. Denn es ist, weil wir Menschen sind, nicht nur mit einem Schluck aus dieser Quelle getan, Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 7.12.17 zu Mt 10, 34-35 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Meinet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Menschen mit seinem Vater zu entzweien und eine Tochter mit ihrer Mutter.

Jesus hat im Garten Gethsemane entschlossen abgelehnt, zu seiner Verteidigung das Schwert einzusetzen. „Wer zum Schwert greift, der wird durchs Schwert umkommen“ (Mt 26,52), sagt er dem Petrus, der noch nicht begreift, dass sein Schwert mehr gefährdet als schützt. Jesus ist auch bewusst auf einem Esel in Jerusalem eingeritten: Er will nicht der Anführer eines Aufstandes gegen die römische Besatzung sein. Ein Heerführer reitet auf einem Pferd, auf einem Esel macht er sich lächerlich.

Jesus redet hier vom Schwert im übertragenen Sinne. Er spricht von der Auseinandersetzung um den rechten Weg. Auch der Keimzelle des gesellschaftlichen Lebens, der Familie, kann dieser Streit nicht erspart bleiben. Auch unter Familienangehörigen werden Entscheidungen für oder gegen das von Jesus verkündete Reich Gottes fallen. Es werden Familienangehörige sich für das faire Teilen entscheiden und andere für das gierige Raffen. Da werden auch unter nahen Menschen sich die Wege gelegentlich trennen.

Dies von Jesus zu hören ist hart, gerade in der Advents- und Weihnachtszeit, in der die Familie für jung und alt so etwas wie der letzte bleibende Ort der Geborgenheit darstellt. Die Hochschätzung der familiären Geborgenheit führt nicht selten zu einer Konfliktscheu, die diese heile Welt nicht gefährden will. Aber erfahrungsgemäß rettet Konfliktscheu den Familienfrieden eben nicht, sondern sorgt nur dafür, dass Konflikte unter den Teppich gekehrt werden. So entstehen Konfliktberge, die am Ende zu Trennungen zwingen, weil zu lange zu viele Verletzungen ertragen wurden um eines scheinbaren Friedens willen. Seit Jahrzehnten verschenke ich zu Trauungen das Buch mit dem Titel: „Streiten verbindet“. Und im Religionsunterricht habe ich zum Thema „Konfliktaustrag in Partnerschaften“ 10 Regeln für fairen Streit entwickelt. Denn die Stabilität von familiären Beziehungen hängt vorrangig von vernünftigem Konfliktaustrag ab, der faire Kompromisse sucht. Wenn diese nicht gelingen, sind getrennte Wege oft besser als ein fauler Frieden.

Jesus ist nicht das konfliktscheue Lamm, das sich ohne Widerworte zur Schlachtbank führen lässt. Er kann hin stehen und Konflikte aushalten. Das hat er in der eigenen Familie praktiziert, schon als 12-Jähriger im Jerusalemer Tempel (Lk 2, 41-50) und auch als junger Mann. Da erklärten ihn seine Verwandten für verrückt (Mk 3,21) und er distanzierte sich von ihnen, weil sie in seinen Augen nicht den Willen Gottes taten (Mk 4,31-34). Das war nur die eine Seite: Auch im Konflikt mit der römischen Besatzungsmacht war Jesus ein Widerständler. Es war – wie gesagt – kein militärischer Widerstand, sondern ein gewaltfreier. Das ist sehr bald nach Jesus unter den Tisch gefallen, weil man meinte, sich mit der römischen Gewaltherrschaft arrangieren zu müssen. Als das Christentum schließlich um 400 n. Chr. zur Staatsreligion im römischen Reich aufgestiegen war, blieb keinerlei Bewusstsein vom Widerständler Jesus zurück. Aber wie die Archäologie durch das Abheben von Erdschichten Ursprüngliches freilegen kann, so kann die Theologie in der Bibel das verschüttete Widerständlertum Jesu wieder sichtbar machen.

„Wer dich auf den rechten Backen schlägt, dem biete auch den andern dar.“ Dieser Satz ist zum Inbegriff für totale konfliktscheue Unterwerfung geworden, meint aber ursprünglich das Gegenteil: Wenn ein Sklave von seinem Sklavenhalter auf die rechte Wange geschlagen wurde, war das noch nicht strafbar in Israel. Wenn der aber mit der Rückhand auf die andere Wange schlug, konnte er vor Gericht gestellt werden. Das Anbieten der anderen Wange war also alles andere als eine Unterwerfung, sondern ein Hinweis auf die Eingrenzung der Gewalt des Sklavenhalters. Ein von Eltern geohrfeigtes Kind, das dann die andere Wange hinhält, werden wir als aufmüpfig empfinden. Es lässt sich nicht einschüchtern.

Dazu gehört natürlich Leidensfähigkeit. Mahatma Gandhi und Martin Luther-King haben die Leidensfähigkeit der Unterdrückten als politisches Kampfmittel erfolgreich eingesetzt. Gandhi hat bei der Besetzung des Salzwerks an der indischen Küste einen Reporter engagiert, der die brutale Gewalt der Besatzungsmacht weltweit angeprangert und sie damit schwer blamiert hat. Luther-King hat für die Farbigen in den USA große Erfolge errungen.

„Wer dich nötigt, eine Meile weit zu gehen, mit dem gehe zwei“. Auch dies klingt zunächst nach zuvorkommender Konfliktscheu. Aber Jesus spielt dabei darauf an, dass römische Besatzer von der Bevölkerung Gepäcktransporte äußerstenfalls für eine Meile verlangen konnten. Wer darüber hinaus Leistungen in Anspruch nahm, konnte angezeigt werden. Auch hier handelt es sich um eine Einhegung der Macht, diesmal gegenüber den Besatzern. Jesus ist also nicht für einen faulen Frieden, der auf militärischer Unterwerfung beruht. Er stellt sich gegen den sog. „römischen Frieden“, der sagt: „Si pacem vis, bellum infer“. (Wenn Du Frieden willst, trag Krieg ins Land). So machen es die Römer. Sie überfallen fremde Völker, unterdrücken sie mit harter Hand, bis jeder Widerstand gebrochen ist, dann ist Frieden, wie ihn Rom wünscht. Jesus skandalisiert diese Sorte Frieden.

Der heutige neoliberale Friede ist von derselben Sorte. Spätestens seit dem „Schwarzen Donnerstag“ wissen wir Kritiker des Projekts S 21 davon. Dies hat unsere Leidensfähigkeit auf eine harte Probe gestellt. Aber wir haben schließlich doch den neoliberalen Friedensbringern juristisch nachgewiesen, dass der Polizeieinsatz rechtswidrig war, und damit die neoliberalen Regierenden blamiert. Unsere Kirchenleitung hat sich angesichts des begangenen Unrechts weitgehend zurückgehalten und in traditioneller lutherischer Konfliktscheu schon früh auf die Seite der faulen Friedensbringer geschlagen. Wir aber werden in der Nachfolge Jesu nicht nachlassen, die sinnlose Veruntreuung von Milliarden anzuprangern, bis auch deren Rechtswidrigkeit gerichtlich festgestellt ist. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 9.11.2017 zu Lk 16,9 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

„Ich Sage euch: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit sie, wenn er euch ausgeht, euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“
Jesus rät dies seinen Jüngern, nachdem er ihnen eine lebensnahe Begebenheit geschildert hat: Ein Gutsverwalter hat seinem Gutsbesitzer Geld verschleudert, muss nun seine Machenschaften offenlegen und wird gekündigt. Der Verwalter nutzt nun die letzte Gelegenheit, seine Zukunft zu sichern und lässt die Schuldscheine der Schuldner seines Herrn zu deren Gunsten fälschen, um für die Zeit seiner Arbeitslosigkeit von den Begünstigten unterstützt zu werden. Jesus lobt die Schläue des veruntreuenden Verwalters.

Seit Jahrzehnten bekomme ich auf Predigten zu diesem Text gerade von frommen, gewissenhaften Christen entrüstete Reaktionen: Wie kann Jesus einen solchen Kriminellen als Vorbild hinstellen? Diese Entrüstung ist verständlich aus der Froschperspektive von Familie, Freundeskreis, Verein oder Handwerksbetrieb. Da erscheint solches Verhalten tatsächlich asozial. Aber Jesus als genialer Wirtschaftswissenschaftler weitet unseren Blick. Er sieht, was der Mammon weltweit anrichtet. Er weiß vom „Mammon der Ungerechtigkeit“. Er sieht das System des Mammon, das von unten nach oben verteilt. Brecht bringt es entsprechend in der Dreigroschenoper auf den Punkt mit der Frage: Was ist schon ein Banküberfall gegenüber der Gründung einer Bank. Allein die Deutsche Bank hat über 6000 Gerichtsverfahren am Hals, dies illustriert das Urteil von Jesus wie das von Brecht.

Schauen wir also mit Jesus einmal genauer hin: Einer Kassiererin, die einen Pfandbon für 0,3 € veruntreut, darf fristlos gekündigt werden. Auch höchste deutsche Gerichte muten einem Chef nicht zu, mit einer solchen Mitarbeiterin weiter zusammenzuarbeiten. Der Airberlin-Chef Thomas Winkelmann hat sich im Februar 2017 ein jährliches Gehalt von 950000 € bis 2021 vertraglich gesichert. Er sorgt wie der veruntreuende Verwalter im Beispiel Jesu auf fremde Kosten für die Zeit seiner absehbaren Arbeitslosigkeit vor, und dies enorm dreist. Aber selbst der Kommentator einer so kritischen Zeitung wie der Frankfurter Rundschau findet das gut. Er sagt: Sonst bekäme man ja für insolvenzbedrohte Firmen keine Chefs mehr. Hier fehlt genau jene Empörung, die in der Froschperspektive des Pfandbons gegenüber der Kassiererin auch höchstrichterlich sofort entsteht. Diese doppelte Moral und diese Umverteilung von unten nach oben prangert Jesus als „ungerechten Mammon“ an. Die wirtschaftlich Mächtigen sind selbst das Gesetz. Im weltweiten Neoliberalismus geben ihnen gewählte Abgeordnete und Richter die Freiheiten und Schlupflöcher, durch die sie ihren Profit steigern und ihre Gewinne vor dem Fiskus in Steueroasen verstecken können. Nach den „Panamapapers“ sind nun die „Paradisepapers“ bekannt. Der Verwalter im Beispiel Jesu dagegen verteilt von oben nach unten. Er hofft auf die Verheißung: „Glücklich sein werden die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren“ (Mt5,7). Dafür lobt ihn Jesus.

Das Projekt Stuttgart 21 bietet eine besonders delikate Anschauung für Ungerechtigkeit des Mammon. Als Anfang 2013 die Unwirtschaftlichkeit des Projekts offensichtlich wurde und eine Weiterführung nach Aktienrecht als Veruntreuung der Gelder der DB-AG gelten musste, befand die Berliner Staatsanwaltschaft unter der Weisungsgebundenheit eines CDU-Justizsenators, es handle sich beim Weiterbau tatsächlich um Untreue, das hätten die Aufsichtsräte aber nicht erkennen können. Damit wurde ihnen bescheinigt, für die Führung der DB-AG zu dumm zu sein, aber dass der Grundsatz: „Dummheit schützt vor Strafe nicht“ für sie nicht gilt. Wenn es um Milliarden für Bauaufträge geht, ist das natürlich etwas ganz anderes als bei einem Pfandbon. Deshalb spricht Jesus vom „Mammon der Ungerechtigkeit“. Die Kleinen werden gehängt, die Großen lässt man laufen

Wir sind natürlich als S 21-Umstiegsbefürworter sehr gespannt, was unter dem grünen Berliner Justizsenator mit den Ermittlungen wegen Untreue in Sachen S 21 wird. Die Luft für die dummen Veruntreuer wird dünner. Roland Pofalla, der nachweislich im Auftrag der Kanzlerin zur Untreue angestiftet hat, lässt nun den Schlamassel S 21 erneut prüfen. Vertuschen wird schwieriger: Das Bundesverfassungsgericht hat jüngst das Auskunftsrecht des Parlaments im Blick auf S 21 gestärkt.
Es hat ausdrücklich festgestellt, dass die Regierung Auskunft geben muss über die Rentabilität von S 21. Möge die Luft für Pofalla noch dünner werden, wenn die Grünen in den Verhandlungen um eine Jamaikakoalition erfolgreich für eine vernünftige Verkehrspolitik eintreten, wie es unser Mitstreiter Martin Poguntke in seiner jüngsten Petition fordert. Und möge der Stuhl für die Kanzlerin heißer werden, die ja als Hauptanstifterin zur Untreue in Sachen ihres Lieblingsprojekts S 21 gelten darf. Anstiftung zur Untreue ist ein eigener Straftatbestand (§ 266 in Verbindung mit § 26 StGb) und wird bestraft wie die Untreuehandlung selbst.

Wenn wir uns von Jesus den Blick weiten lassen auf die Ungerechtigkeiten des Mammon, werden wir weiter unverdrossen diese Ungerechtigkeiten skandalisieren. Vor allem aber werden wir nicht den Heilspropheten des Mammon auf den Leim gehen, die uns vorgaukeln, wenn wir nur den Mammon ungezügelt walten lassen, dann würden wir alle davon profitieren. Wir werden nicht müde, Stück für Stück nachzuweisen, dass die Gewinne der Mammonsjünger von den Armen geholt werden. Die Exporterfolge der deutschen Wirtschaft sind erkauft durch das Lohndumping der Agenda 2010 und die unweigerlich folgende Altersarmut. Die Gewinne von stromfressenden Konzernen werden subventioniert durch die Umlage für erneuerbare Energien auf der Stromrechnung von allein erziehenden Hartz-IV-Empfängerinnen, die deren Kinder noch ärmer macht. Die Gewinne der Autokonzerne werden erwirtschaftet auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung. Die sinnlosen Bauaufträge bei S 21 werden bezahlt von den Bahnkunden oder den Steuerzahlern. Wir werden in der Nachfolge Jesu nicht aufhören, den neoliberalen Heilspropheten die Maske der Menschenfreundlichkeit herunterzureißen und die Fratze der zerstörerischen Gier sichtbar zu machen. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 18.9.2017 zu Römer 13 von Pf. Martin Poguntke

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Liebe Parkgebetsgemeinde,

hängt Ihnen auch noch das Wahlergebnis in den Knochen? Fast 13 % AfD, fast 11 % FDP in der Opposition und eine vermutliche Jamaika-Koalition an der Regierung, die von der CSU mit Obergrenze-Forderungen für Flüchtlinge und ähnlichem erpresst werden wird. Was soll daraus Gutes werden?

Ob vielleicht die SPD sich in der Opposition nun ihrer Wurzeln besinnt und wieder richtig sozial-demokratisch wird? Wir wissen es nicht.

Vorhin, im Psalm, haben wir ja gesagt: „Verlasst euch nicht auf Menschen, die können ja nicht helfen.“ Und im anschließenden Lied haben wir unsere Zuversicht auf die Mächte gestärkt, die wirklich helfen können. „Auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Im Vertrauen auf die Kraft, die in unserem Glauben steckt, werden wir uns weiterhin einmischen in die Politik. Unsere wunderbare Stuttgarter Bürgerbewegung wird sich weiterhin aktiv daran beteiligen, wie es weitergehen wird in der Stadt und im Land.

Ich habe die Wahl für mich zum Anlass genommen, mir noch einmal klar zu machen, wie das eigentlich ist mit der Obrigkeit und dem christlichen Glauben. Sind das zwei getrennte Welten? Müssen sich Christen aus der Politik heraushalten oder sich ihr unterwerfen oder zu ihr in Opposition gehen? Wie wird das denn in Bibel und überhaupt in der Theologie gesehen?

Christ und Obrigkeit in der Bibel – sehr unterschiedlich

Beim Für und Wider taucht eine Bibelstelle immer wieder auf: Römer 13. Da schreibt Paulus – Sie kennen’s vielleicht: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit … denn sie ist von Gott angeordnet.“

Andererseits sagt der Apostel Petrus in der Apostelgeschichte: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen.“

Und dann findet man im letzten Buch des Neuen Testaments, in der Offenbarung, eine schroffe Ablehnung der weltlichen Obrigkeit: Obrigkeit ist vom Teufel. Allerdings wurde dieses Bibelbuch auch gänzlich unter dem Eindruck der ersten Christenverfolgungen geschrieben, die damals durch die römischen Kaiser grausam veranstaltet wurden – diese (römische) Obrigkeit war wahrlich des Teufels.

Und geradezu das Gegenteil davon passierte im 4. Jahrhundert, als die christliche Kirche zu einer Quasi-Staatskirche des römischen Reichs wurde. Die Kirche selbst war nun zu einem Teil der Obrigkeit geworden. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 27.7.2017 zu Amos 9,7 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

„Seid ihr Kinder Israel mir nicht gleichwie die Mohren?“ spricht der Herr. „Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland geführt und die Philister aus Kaphtor und die Aramäer aus Kir?“

Diese schlichten Fragen aus dem Buch des Propheten Amos stellten 750 v. Chr. eine theologische Revolution dar. Amos nimmt die zentrale Gotteserfahrung der Israeliten auf, die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Diese Erfahrung hatte in Israel zu dem Erwählungsglauben geführt, Gott gebe diesem Volk eine privilegierte Stellung in der Völkerwelt. Daraus hat sich dann der Anspruch entwickelt, andere Völker gering zu schätzen und unterdrücken zu dürfen. Wie auch andere Propheten musste Amos die Erwählungsgläubigen daran erinnern, dass Gott das versklavte Volk Israel befreit hatte mit dem Auftrag, niemals andere zu versklaven. Dass Gott auch andere versklavte Völker befreit und damit der Gott aller Völker ist, war für die Erwählungsgläubigen ein schwerer Schock. Ich denke, wir können das im Blick auf unsere deutsche Geschichte gut nachempfinden: So müssen sich alle, die „Deutschland über alles“ gesungen hatten, nach dem 8. Mai 1945 gefühlt haben.

Ich erinnere an diesen theologischen Wendepunkt im Alten Testament, um unseren Blick über die Probleme mit Stuttgart 21 hinaus auszuweiten. Verglichen mit der Not in den Kriegs- und Hungergebieten der gegenwärtigen Welt erscheint unsere Not mit Stuttgart 21 fast wehleidig. Gewiss gibt es einen Zusammenhang zwischen den Kräften, die Stuttgart 21 am schwarzen Donnerstag mit Mitteln einer Diktatur durchzusetzen versuchten, und den Kräften, die weltweit Krieg und Hunger verursachen. Die neoliberale Gier der Mächtigen in Wirtschaft und Politik hat einst die Polizeigewalt hier in den Schlosspark gebracht, aber noch viel mehr bringt diese Gier Elend und Tod in die Kriegs- und Hungergebiete der gesamten Welt. Jesus bezeichnet diese zerstörerische Macht als den Götzen Mammon. Wer diesem Götzen dient, kann nicht zugleich dem barmherzigen Gott Jesu dienen (Mt 6,24). Und wer dem Gott Jesu dienen will, muss dem Götzen Mammon Widerstand leisten.

Was können wir als kleine Gruppe von Parkgebetsleuten da ausrichten? Ich kann zu dieser Frage nur an die Handvoll Menschen beim Leipziger Friedensgebet nach dem Scheitern des Widerstands gegen die Natonachrüstung im Jahr 1984 erinnern. Aus dieser kleinen Zelle wuchs die christliche Bewegung, die den „Kalten Krieg“ im Zusammenwirken mit dem Atheisten Gorbatschow überwand. Auch wenn die Chancen dieser Entwicklung seit 1989 zu wenig genutzt wurden, so bleibt uns doch nichts anderes übrig, als wie die Handvoll der Betenden von Leipzig unbeirrt die Vision einer barmherzigen und friedlichen Welt festzuhalten, auch in Zeiten von Führungsfiguren wie Trump, Xi Jinping, Putin, Macron, May und Merkel.

Was lässt uns hoffen? Nachdem die lutherischen Kirchen fünf Jahrhunderte hindurch die Verweigerung des Kriegsdiensts verdammten und aktiv Kriegstreiberei begingen, haben sich nun in Württemberg Synode und Kirchenleitung wenigstens verpflichtet, gegen den Export von mörderischen Kleinwaffen und für die Umwandlung von Rüstungsproduktion in friedliche Produktion einzutreten. Ein kleiner Schritt, aber doch ein erstaunlicher, nachdem Württembergs Landesbischof von Keler noch 1983 vor der Landessynode Atomwaffen befürwortete, obwohl er im gleichen Atemzug eingestand, dass sie die Freiheit, die sie angeblich verteidigen, in Wirklichkeit zerstören. Und immerhin ist unsere Landeskirche damit schon etwas weiter als unsere Bundesregierung, die allenfalls Rüstungsausfuhren in die Türkei einschränken will. Unser Gebet muss ergänzt werden durch entschlossene politische Überzeugungsarbeit.

Ich war letzte Woche beim Tag der Schulen in einer Bruchsaler Kaserne. Es waren Schulklassen da, die hautnah Bundeswehr erleben sollten. Ich kam mit Soldaten ins Gespräch. Ich sehe ihre Entscheidung für den Militärdienst kritisch, aber noch kritischer stehe ich der Militärpolitik der Regierung gegenüber. So fragte ich Soldaten, ob sie sich nicht z. B. in Afghanistan verheizt fühlten in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Sie verneinten. Ich erinnerte an den Backnanger Gefreiten Menz, der sich dort als Entwicklungshelfer verstand und wenige Tage vor seiner Rückkehr von einem als Soldat verkleideten Terroristen beim Panzerreinigien erschossen wurde. Ich verwies auf Art. 24 (2) GG, dass Deutschland sich einem „System gegenseitiger kollektiver Sicherheit“ anschließen darf, was 1949 nicht die Nato meinte, die nur Bündnispartner sichert durch brutales Faustrecht. „Kollektive Sicherheit“ denkt an alle möglichen Konfliktpartner, auch an die Taliban und den IS, verwirklicht also Feindesliebe. Dass die Leute vom IS zwar schlimm sind, aber nicht schlimmer als unsere Freunde in Saudi Arabien. Dass der Sieg über den IS im Irak und Syrien nur bedeutet, dass der asymmetrische Krieg der Terroristen nun noch mehr in unser Land kommt. Die Soldaten waren total überrascht von diesen Gedanken, wohl ebenso wie die Israeliten, die zur Zeit des Amos an ihre privilegierende Erwählung glaubten.

Einer rechtfertigte die Kriegseinsätze als demokratisch legitimiert. Ich wandte ein, dass die UNO eine Organisation von fünf Feudalherrschaften ist, die die Welt untereinander aufteilen und einander gewalttätig gewähren lassen. Demokratisch sei allenfalls der Beschluss der 122 Länder, die jüngst die Atomwaffen ächteten. Da fiel beim obersten Offizier für Öffentlichkeitsarbeit der Groschen: „Es müsste also die Vollversammlung entscheiden und nicht der Sicherheitsrat“. Ich bestätigte, dann könnten sie als Soldaten die Weltpolizei sein, die an Recht und Gesetz gebunden ist und die wir brauchen. Am Ende meinte der Offizier, wir sollten im Gespräch bleiben. Er hatte von der Zeit geschwärmt, als die afghanischen Kinder den deutschen Soldaten noch freudig zugewinkt hatten. Beim nächsten Gespräch werde ich versuchen mit ihm zu ergründen, warum sie schließlich nicht mehr gewinkt haben.

Diese kleinen Mühen in der Überzeugungsarbeit können natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den Kriegs- und Hungergebieten weiterhin unsäglich gelitten wird. Das Festhalten an der Vision einer gerechteren und friedlicheren Welt und der Einsatz für eine solche hilft aber, nicht in Resignation zu versinken. Der Gott des Friedens und der Barmherzigkeit schenke uns den Mut und die Ausdauer, in seinem Dienst nicht zu verzagen. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 29.6.2017 zu 1. Mose 11,1-8 (Ausschnitt) von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die Menschen hatten damals noch eine einzige, allen gemeinsame Sprache. … Sie sagten: „Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt und einen Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann werden wir in aller Welt berühmt. Dieser Bau wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Welt zerstreut werden.“ Der Herr kam vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. Denn er sagte sich: „Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt. Ans Werk! Wir Steigen hinab, und verwirren ihre Sprache, damit keiner mehr den andern versteht!“ So zerstreute sie der Herr über die ganze Erde, und sie mussten ihre Pläne aufgeben.

Auch noch die Bibelübersetzung in heutigem Deutsch von 1982 setzt über die Turmbauerzählung die Überschrift: „Die Menschheit will es mit Gott aufnehmen“. Das ist die klassische Deutung der Erzählung: Die bösen Menschen müssen vom guten Gott in Schach gehalten werden, damit sie nicht allen Unsinn treiben können, der ihnen einfällt. Vor 46 Jahren bekam ich diesen Text zur Auslegung bei meiner Prüfungspredigt zum 2. Examen. Bei der Vorbereitung entdeckte ich, dass das so gar nicht dastand. Die Menschen wollen nicht Gott vom Thron stoßen, sie wollen nur für den Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft miteinander bauen. Alle, die einmal an einem Privathaus, einem Vereinsheim oder einer Kirche gemeinsam gebaut haben, wissen, wie das zusammenschweißt. Das Problem sind hier nicht die solidarisch zusammenarbeitenden Menschen, sondern der sehr menschlich auf seine Macht bedachte Gott, dem die Menschen zu mächtig werden. Das für mich Erschreckende war, dass diese 3000 Jahre alte Gottesvorstellung in meiner gegenwärtigen Kirche die beherrschende war. Sie war seit alters die Rechtfertigung dafür, dass die gute Obrigkeit das böse Volk in Schach halten muss. Ich forderte deshalb die Gemeinde auf, diesem Gottesbild abzusagen und zum barmherzigen Gott Jesu zurückzukehren. Denn dieser hat keine Angst vor zusammen haltenden Menschen, er will ihre Solidarität, er hält sie nicht für grundsätzlich böse, sondern als seine guten Geschöpfe zum Guten fähig. Auch wenn sie gelegentlich Fehler machen, hält er sie für zur Umkehr fähig. Auf diese Predigt hin wurde ich an eine Sonderschule für Verhaltensgestörte versetzt, um dort alles zu unterrichten, nur nicht Religion – ein Beweis, welcher Gott in meiner Kirche herrschte, obwohl dies natürlich geleugnet wurde.

Es ist der Gott der Guten, die bei Rundflügen hoch am Himmel Tiefbahnhöfe beschließen und dann hernieder fahren, um mit Wasserwerfern und Tränengas das böse Volk auseinandertreiben, das solidarisch seine Interessen vertritt. Denn, so sagen sie, wenn es dem Volk gelingt, dieses Großprojekt zu verhindern, dann werden sie alle schönen Großprojekte zu Fall bringen, die ihren Interessen entgegen stehen. Das wäre das Ende unserer demokratisch verbrämten Lobbykratie. Ich will nicht verschweigen, dass diese meine Deutung auch heute noch in meiner Kirche umstritten ist.
Ich fordere aber auch heute noch dazu auf, die Überschrift und den Text der Turmbauerzählung genau zu vergleichen und daraus die Schlüsse für den Weg von uns Christen von heute zu ziehen, auch im Blick auf Projekte wie Stuttgart 21.

Ich mache darauf aufmerksam, dass die Idee für den Bau von Stadt und Turm nicht von einem Feudalherrn oder einem gewählten Stadtparlament ausgeht, sondern einen Basisbeschluss darstellt, der mit nichts als der blanken Kraft der Argumente vorgetragen wird und überzeugt. Weil die Bürger von Babel überzeugt sind, dass die Bauten ihren Interessen dienen, machen sie mit. Auf diese Weise ist die Idee vom Umstieg 21 entstanden: Fachleute aus dem Volk haben sich Gedanken gemacht, was der Bevölkerung von Stuttgart und Umgebung hilfreich sein könnte. Sie wenden sich an die Öffentlichkeit und an die Entscheidungsträger in der repräsentativen Demokratie und der Führung der Deutschen Bahn AG mit nichts als der blanken Macht der Argumente. Nachdem Politik und Bahn AG die hilfreichen Ideen ausgeschlagen haben, wenden sie sich nun an die Staatsanwaltschaft in Berlin und versuchen dort Überzeugungsarbeit zu leisten, um auf diese Weise die Entscheidungsträger in der Politik und der Bahnführung zur Einsicht zu bringen. Sie dienen damit nicht mehr dem Gott der angeblich guten Profiteure, die sich das Land wie Feudalherren unter den Nagel reißen und das böse widerstrebende Volk Mores lehren wollen, sondern dem Gott, der gewaltfrei dem Wohl der Allgemeinheit dienen will.

Indem wir dabei mitmachen, dienen wir dem barmherzigen Gott Jesu, der sehr wohl weiß, dass nicht nur das Volk böse sein kann, sondern auch die Herrschenden, die durch ihre Macht noch viel mehr Böses anrichten können. Das wird in unserer Kirche leider immer wieder vergessen, dass Jesus sagt: „Wie ihr wisst, unterdrücken die Herrscher ihre Völker, und die Großen missbrauchen ihre Macht. Aber so soll es bei euch nicht sein. Wer von Euch etwas Besonderes sein will, soll den anderen dienen, und wer von euch an der Spitze stehen will, soll sich allen unterordnen“ (Mk 10, 42-44). Parteien, die behaupten christlich zu sein, müssten das vor allem beherzigen. Es reicht eben nicht aus, wenn eine Kanzlerin einer sich als christlich bezeichnenden Partei einfach behauptet: „Sie kennen mich, uns allen geht es gut“, dann aber nicht nur in Griechenland, sondern auch im Inland eine Politik der Verarmung betreibt, die immer mehr Menschen betrifft. Auch bei ihrem Lieblingsprojekt Stuttgart 21 muss sie lernen zu fragen, was der Bevölkerung insgesamt dient und nicht nur wenigen Profiteuren. Wenn sie dies verweigert, dann muss die Staatsanwaltschaft angerufen werden, um sie wegen Anstiftung zur Untreue zu belangen. Und sie muss im Wahlkampf zu spüren bekommen, dass die Verschwendung öffentlicher Gelder für die Verschlechterung des Bahnverkehrs abgestraft wird. Wir lassen uns nicht beirren. Unser Glaube an den barmherzigen Gott ruft uns dazu, die Dinge beim Namen zu nennen und mit nichts als der blanken Macht der Argumente Überzeugungsarbeit zu leisten. Der barmherzige Gott schenke uns den Mut und die Kraft dazu. Amen.

Ansprache zum Parkgebet an Himmelfahrt 2017 von Pfr. i.R. Wolfgang Schiegg

Hier: die Ansprache als pdf-Datei

Liebe Parkgemeinde, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter!

Heute findet das Parkgebet nicht an einem normalen Donnerstag statt. Heute ist zugleich Feiertag. Christi Himmelfahrt. Der biblische Hintergrund des Festes ist schnell erzählt: Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Ölberg nahe Jerusalem. Er sagt ihnen den Empfang des heiligen Geistes zu, bestätigt sie als seine Zeugen, wo immer sie leben und – entschwindet vor ihren Augen in einer Wolke zum Himmel. Diese Geschichte markiert das Ende seines diesseitigen, irdischen Lebens.

Mit der Himmelfahrt ist Jesus in eine neue Daseinsweise eingetreten. Die Himmelfahrt erscheint so als seine Thronbesteigung. Er hat nun die Herrschaft über Himmel und Erde übernommen.

Und die Bedeutung von Himmelfahrt für uns?

Christi Himmelfahrt richtet an uns die Frage, wem wir Christen heute die Herrschaft in unserem Leben einräumen wollen, wen und was wir heute für unser Leben als maßgeblich anerkennen wollen und wie Jesus heute für uns zur Autorität werden kann.

 Wer regiert die Welt? Die große ganze und unsere kleine persönliche Welt? Wer hält die Macht in Händen?
Das ist die Kardinalfrage an Himmelfahrt.

 Vor einigen Jahren erschien ein Buch des Journalisten Christian Nürnberger, das dieser Frage nachgeht und viel Beachtung fand. Es trägt den Titel „Machtwirtschaft“. Schon beim Hören des Begriffs erkennt man das Wortspiel: Marktwirtschaft / Machtwirtschaft.

Die Grundbotschaft des Buches lautet, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, wer in den einzelnen Ländern an der Regierung sei, weil die eigentliche Macht längst nicht mehr bei der Politik liegt, sondern in der Wirtschaft. Nicht die Politikerinnen und Politiker regierten unser Land, sondern Unternehmer, Manager und vor allem Großaktionäre. Investoren und Aufsichtsräte dirigierten uns alle, einschließlich unserer Politiker. Das haben auch wir in den letzten Jahren beim Milliardenprojekt S 21 schmerzlich feststellen müssen. Die „Shareholder“, also die Anteilseigner großer Konzerne, und da die oft anonymen Großaktionäre, die niemand namentlich kennt, seien die geheimen Machthaber dieser Welt, nach denen sich alles zu richten habe. Sie seien es auch, die die Politik bestimmten.

 Wer regiert diese Welt?

Dies ist eine politische Frage und zugleich ein Glaubensthema.
Schon allein deshalb, weil diejenigen, die mit ihrer Wirtschaftsmacht die Welt regieren, auf ihre eigene Weise gläubige Menschen sind. Allerdings glauben sie nicht an Gott, sondern an den Markt, an den freien Markt, dem man möglichst freien Lauf lassen müsse. Sie sagen: Würden alle gesetzlichen Einschränkungen aus dem Weg geräumt oder vermieden – etwa ein gesetzlich festgelegter Mindestlohn, eine höhere Besteuerung von Vermögenden und Unternehmen und eine steuerliche Entlastung der mittleren und niederen Einkommen (im Grunde alles, was eine Marktwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft macht), dann und nur dann werde die Wirtschaft weiter wachsen und unseren Wohlstand sichern, weil die Tüchtigen belohnt würden und davon würden dann auch die weniger Tüchtigen und die sozial Schwachen profitieren. So etwa lautet zusammen gefasst das Glaubensbekenntnis der Marktgläubigen, der heute sog. Neoliberalen. Weiterlesen

Ansprache zum Parkgebet am 11.5.2017 zu Hes 34, 2-10 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

So spricht der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden. Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? … Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern. Ich will ein Ende machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen nicht mehr sich selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen. (Hes 34,2-10 in Auswahl)

Diese Sätze des Propheten Hesekiel vor etwa 2500 Jahren wirken wie eine hochaktuelle Analyse der Verhältnisse unserer Tage. Es ist nur wenige Monate her, dass sich die baden-württembergischen Landtagsabgeordndeten besonders schöne Ruhegehälter beschlossen und sich damit selbst geweidet haben. Aber nur 14 Tage später ist, theologisch gesprochen, der Herr so an die Hirten gegangen, dass sie sich nicht mehr selbst weiden konnten, und das Selbtbedienungsgesetz wieder aufheben mussten. Wie hat der barmherzige Gott, der gute Hirte seiner Herde, dieses Wunder geschafft? Er hat unter seiner Herde eine solche öffentliche Empörung aufkommen lassen, dass die sich selbst weidenden Hirten sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurück besinnen mussten, die Herde zu weiden.

Leider werden die selbstbezogenen Hirten unserer Tage nicht immer so schnell ausgebremst. Wir als Befürwortende des Umstiegs 21 denken hier insbesondere an Roland Pofalla, den ehemaligen Staatssekretär im Kanzleramt. Er hat als willfähriger Erfüllungsgehilfe der Bahnprivatisierung und der Profiteure von Stuttgart 21 der Kanzlerin geholfen, ihr völlig unrentables und vollkommen unsinniges Lieblingsprojekt vor dem Abbruch zu bewahren, indem er 2013 die Bahn-Aufsichtsräte beschwatzte, das Projekt gegen das Aktienrecht und auf die Gefahr der eigenen Schadenshaftung durchzuwinken. Solche Macht haben die selbstbezogenen Hirten aus der Bahnbaubranche, dass sie mit ihrem Lobbyismus die politische Führung auf ihren Kurs bringen und gegen Recht und Gesetz in ihre Tasche wirtschaften können. Das besonders schlimme daran ist, dass die politischen Hirten in vorlaufendem Gehorsam den Interessen dieser Bauhirten dienen, weil sie nach ihrer politischen Karriere von den Konzernhirten hochdotierte Posten erwarten können für ihren vorlaufenden Gehorsam. Das Vorgehen von Roland Pofalla ist ein Musterbeispiel dafür, auch wenn er kürzlich noch nicht gleich Bahnchef werden konnte.

Der barmherzige Gott sieht nicht nur die falschen Hirten in Politik und Wirtschaft, sondern auch die in der Justiz. Die verantwortlichen Staatsanwälte in Berlin, die der Veruntreuung der Bahnaufsichtsräte beim Projekt Stuttgart 21 entgegentreten müssten, weiden bisher nicht die Herde, sondern die Bahnbaukonzerne. Sie sagten zunächst: Die Aufsichtsräte sind zu dumm, um die Untreue zu bemerken. Warum sagen sie so etwas? Sie sind in ihren Herzen gefangen vom Götzen Mammon, der ihnen einflüstert: Wenn die Konzerne, die 30 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung erbringen, gute Geschäfte machen, dann sind auch eure Ruhegehälter als Staatsanwälte sicher. Das stimmt natürlich nicht. Ihre Gehälter wären auch dann sicher, wenn die Milliarden nicht bei Stuttgart 21 veruntreut, sondern vernünftig eingesetzt würden, z. B. für den Umstieg 21. Möglicherweise flüstert ihnen der Mammon auch ein: Wenn ihr euch unterwürfig der herrschenden Politik anpasst, dann steigen eure Aufstiegschancen. Das stimmt natürlich auch nicht, denn wenn sich alle unterwürfig anpassen, gibt es trotzdem nicht mehr höhere Posten. Die entscheidende Frage ist: Wie können die juristischen Hirten von den verlogenen Einflüsterungen des Götzen Mammon befreit werden?

Das ist natürlich nicht so einfach wie bei den Landtagsabgeordneten, die alle vier Jahre wenigstens die wählende Herde fürchten und entsprechende Rücksichten nehmen müssen. Aber auch gegenüber den juristischen Hirten geht es darum, dass die Herde sich nicht vom Götzen Mammon fangen lässt, sondern sein zerstörerisches Treiben skandalisiert und die Mehrheit der Herde überzeugt. So ist es bisher gelungen, beinahe eine Zweidrittelmehrheit zu gewinnen für die Prüfung des Konzepts Umstieg 21. Wir müssen daran erinnern, dass nicht nur die Konzerne selbst, sondern auch diejenigen, die die weiteren 70 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung erbringen, einen öffentlichen Nahverkehr brauchen, der die Mitarbeiter rechtzeitig an den Arbeitsplatz bringt. So kann den konzernhörigen Hirten in der Justiz klar gemacht werden, dass sie mit ihrer bisherigen Weigerung, wegen Untreue zu ermitteln, auch den Konzernen schaden. Nicht zuletzt muss an den Rest von Gewissen und Verstand appelliert werden, den die staatsanwaltlichen Verantwortlichen bei der Unterwerfung unter den Götzen Mammon noch bewahrt haben. Sie müssen durch beharrliche Strafanzeigen daran erinnert werden, wen sie zu weiden haben. Eisenhart von Loeper und Dieter Reicherter haben sich jüngst erneut darum verdient gemacht und die zuständige Staatsanwältin muss nun die Vorwürfe der Untreue gegen verschiedene Bahnverantwortliche prüfen, um sich nicht der Strafvereitelung im Amt schuldig zu machen.

Wir kommen hier regelmäßig zum Parkgebet zusammen, weil wir uns beharrlich weigern, den Einflüsterungen des Mammon zu folgen und damit sein zerstörerisches Werk zu unterstützen. Wir bestärken uns gegenseitig durch Gebete und durch das Hören auf die Botschaft des barmherzigen Gottes darin, die Alternative zum Mammon zu leben. Deshalb bestehen wir darauf, dass die Hirten im Lande der Herde und nicht dem Mammon zu dienen haben. Wenn wir zu verzagen drohen, weil unserem Bemühen wenig Erfolg vergönnt zu sein scheint, dann erinnern wir uns daran, dass schon vor über 2500 Jahren die Propheten Israels diesen Kampf gegen den Mammon gekämpft haben. So kann es auch heute lange währen, bis der barmherzige Gott, der wahre Hirte, zusammen mit der Herde an die falschen selbstbezogenen Hirten gehen wird. Der feste Glaube an den barmherzigen Gott schenke uns die Ausdauer, die falschen Hirten beim Namen zu nennen, ihr Treiben zu skandalisieren und darauf zu pochen, dass sie der Herde zu dienen haben. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 16.3.2017 von Pf. Martin Poguntke

Hier als pdf-Datei: Andacht als pdf-Datei zum Herunterladen

Vom jüdischen Sabbat zum grundgesetzlich geschützten Sonntag

Liebe Parkgebetsgemeinde!

Jetzt möchte ich doch einmal mit Ihnen gemeinsam über den Sonntag nachdenken. Über den Sonntag, der an den S21-Baustellen so regelmäßig missachtet wird.

Das ist ja schon eine ausgesprochen erstaunliche Sache, dass es diesen freien Tag in der Woche überhaupt gibt. Man muss sich das mal vorstellen: Es muss wohl so um die 1000 vor Christus gewesen sein, als das – vor wenigen hundert Jahren erst sesshaft gewordene – Nomadenvolk Israel auch so modern sein wollte wie seine Nachbarvölker und auch einen König haben wollte, nicht mehr dieses rückständige ehemalige Viehtreiber-Image haben wollte. Ausgerechnet in dieser Zeit, als man sich der Mehrheit der Nachbarvölker anpassen wollte, da schuf sich Israel eine Einrichtung, mit der es sich von allen anderen unterschied: einen freien siebten Tag. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Judentums: Nur die Juden haben sich diesen Ruhetag alle sieben Tage geschaffen.

Die Ruhe des siebten Tages als Höhepunkt der Schöpfung

Und von Anfang an haben sie diesen freien Tag nicht nur als irgendeine von Menschen gemachte und von Menschen auch wieder veränderbare Regelung verstanden, wie die vielen sonstigen Rechtsvorschriften. Sondern von Anfang an haben sie den freien Tag als nicht diskutierbar aufgefasst und das ausgedrückt in der Geschichte, dass Mose auch dieses Gebot direkt von Gott erhalten hat. Der freie siebte Tag hat damit höchste Autorität bekommen.

Und einige hundert Jahre später – als Israel als Quittung für seine Großmachtträume im babylonischen Exil gelandet war – da hatte dieser freie siebte Tag bereits eine so hohe Bedeutung erlangt, dass man die ganze jüdische Theologie um diesen Gedanken herum strickte und z.B. den Feiertag gewissermaßen als Bauprinzip der Schöpfung festzurrte: Man legte der damaligen Schöpfungserzählung diesen 7-Tage-Rhythmus zugrunde, sodass auch Gott am siebten Tage ruhte.

Was für ein sensationeller Gedanke: Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 24.11.2016 zu Johannes 14,6;16,12 von Pf.i.R. Hans-Eberhard Dietrich

Liebe Parkgemeinde,

Joh 14,6: Jesus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Joh 16,12: Wenn aber der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten.

  1. Die „gefühlte“ Temperatur

wenn ich mein Smartphone nach der Temperatur von morgen frage, so kommt da z.B. die Angabe 9 Grad Celsius, drunter steht dann: gefühlt wie 6 Grad. Eigentlich wollte ich nicht wissen, wie irgendein Wetterfrosch sich fühlt, sondern wie kalt oder warm es wirklich wird. Das hat sich bei uns irgendwie eingebürgert, von einer gefühlten Wirklichkeit zu sprechen. Eigentlich ist das banal, kaum der Rede wert, Nebensache. Aber könnte es nicht auch Ausdruck einer ganz neuen Denkweise sein? Ein Denken jenseits der Wirklichkeit, jenseits aller Wahrheit? Auf Neudeutsch heißt das dann „postfaktisches Zeitalter“?

  1. Das postfaktische Zeitalter

Liebe Parkgemeinde, ehrlich gesagt, vor ein paar Monaten kannte ich diesen furchtbarbaren Begriff noch nicht: „postfaktisches Zeitalter“. Aber plötzlich las ich ihn immer wieder und stellte fest, er hat es bis in das Feuilleton seriöser Zeitungen geschafft.

Und jetzt las ich in der Zeitung: Es ist das Wort des Jahres. Die Jury begründete es so: „Das Adjektiv beschreibe Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch das Hervorrufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst werde. Angetrieben von dem Aufstieg der sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden, habe das Konzept des Postfaktischen seit einiger Zeit an Boden gewonnen.“

Ich möchte es mit meinen eigenen Worten sagen: Die Menschen machen sich die Wirklichkeit zurecht, wie es ihnen gefällt, wie sie sich gerade fühlen. Für sie zählt Wahrheit, zählen Fakten nicht, sondern nur eine gefühlte Wirklichkeit. Man muss sie nur häufig genug behaupten und wiederholen, es wird genügend Menschen geben, die sie glauben. Schlimmer noch, es wird immer genügend Menschen geben, die sie glauben wollen, weil diese Art der Wirklichkeit ihren eigenen Illusionen entspricht. Es zählen nicht die besseren Argumente. Es zählt nur der starke Auftritt, die perfekte Inszenierung. Fakten sind weder richtig noch falsch, richtig sind sie nur, wenn sie der eigenen Sache dienlich sind.

Und wer auf Fakten besteht, der wird noch als Verlierer verhöhnt: „Fakten sind die Krücke der Verlierer, mit denen sie durchs Leben humpeln.“ (Zeit, 29.9.2016 S. 48) Sieger brauchen keine objektiven Fakten, sie schaffen sich ihre Welt, wie es ihnen gefällt. Wahr ist allein das Faktum der Macht, die ist echt. Und es gibt viele Menschen, denen das gefällt, die darauf reinfallen. Oder sollen wir lieber sagen; die gerne darauf reinfallen wollen?

  1. Postfaktische Zeitalter, leider auch unsere Wirklichkeit in Stuttgart

Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor? Wir müssen gar nicht nach Amerika schauen, wo Donald Trump das gerade perfekt und mit viel Beifall praktiziert hat und damit zum Entsetzen der ganzen Welt auch einen Wahlsieg erzielt hat.

Das erleben wir hier in Stuttgart zur Genüge, seit Jahr und Tag. Jüngstes Beispiel: Beharrlich weigerte sich der Oberbürgermeister, gestützt von der Mehrheit des Stadtrates, einen Faktencheck zu S21 zu machen. Weiterlesen

Parkgebet, 27. Oktober 2016, Pf.i.R. Gunther Leibbrand

(über Losung und Lehrtext zum Tage: Sacharja 7,10 und 1Kor 12,21f)
als pdf-Datei: hier klicken!

Liebe Parkgemeinde,
wir sind hier versammelt, um uns vom Wort Gottes her sagen zu lassen, was Sache ist. Orientierung von dem, der Himmel und Erde gemacht hat. Der auch der Herr der Geschichte ist. Das zeigt Er uns an seinem Verhältnis zu dem Volk, das Er sich auf besondere Weise erwählt hat. Ich sage solche Dinge, weil ich von der Losung für den heutigen Tag her spreche: „Keiner ersinne in seinem Herzen Unheil gegen seinen Bruder“. (Sacharja 7,10)

Diese bis in die persönliche Herzensregung hineinreichende Empfehlung steht direkt nach der Empfehlung, Witwen und Waisen zu schützen, steht im Zusammenhang der Ablehnung jeglichen Gottesdienstes, der auf die rein religiöse Handlung beschränkt bleibt und sich eben nicht auch auf die skrupulöse Beachtung des Rechts ausdehnt. Dieses intime Wort an das Gewissen eines Menschen, seinem Bruder kein Unheil zu wünschen, steht in einem Prophetenbuch, das sozusagen die Lehre aus der totalen äußerlichen wie kulturellen Vernichtung eines Landes zieht: Diese Vernichtung wird hier bedacht und verarbeitet. Ergebnis: Die Zerstörung Jerusalems und seines Tempels und die fast 50 Jahre dauernde Deportation seiner Intelligenz und Führungsschicht nach Babylon im 6. vorchristlichen Jahrhundert sind eingegangen in die biblische Überlieferung als Strafe Gottes für die andauernde Missachtung Seines Willens. Aus ihr werden nun die Konsequenzen gezogen – bis hinein in die persönlichsten Dinge.

Der Lehrtext, in dem Paulus über die Beziehung aller Glieder und Organe eines Leibes nachdenkt, nimmt den Gedanken der Rücksichtnahme auf die – anscheinend schwächsten Glieder und Organe auf: „Das Auge kann nicht zur Hand sagen, ich brauche dich nicht, auch nicht der Kopf zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind eben jene Glieder des Leibes, die als besonders schwach gelten, umso wichtiger.“ Im Hintergrund steht der Streit in der Gemeinde in Korinth zwischen reichen und armen Christen in der Gemeinde. diese Geschichte hat ja dazu geführt, dass es traditionell beim Abendmahl im Gottesdienst nur Brot und Wein gibt – wenn überhaupt –, weil damals die Reichen ihr gutes mitgebrachtes Essen nicht teilen wollten. Deshalb sind hier auch Auge und Kopf als wichtige Organe und Hand und Füße als weniger wichtige vorgestellt!

Liebe Freundinnen und Freunde im anhaltenden Protest gegen „Stuttgart 21“:
Es hat mich angerührt, als ich vor einiger Zeit in Esslingen bei einem Vortrag von Klaus Gebhard zu „Umstieg 21“ (siehe: http://www.umstieg-21.de) die Bemühung um das Ganze spürte. Es hat mich die darin deutlich werdende Versöhnung ganz unmittelbar angesprochen. Es war da keine Arroganz über die Fehler unserer politischen Gegner, sondern ich spürte, sah und konnte überzeugt werden von seinem Bemühen, dass aus dem, was da inzwischen gegraben und gebohrt worden ist, dennoch etwas zu machen sei, was für die echten Verkehrsprobleme unserer ganzen Region einen Schritt nach vorne bedeuten könnte.

Heute Morgen schrieb ich diese Andacht, nachdem ich die dreiviertels Seite in der Stuttgarter Zeitung zum Bericht aus dem gestern tagenden Unterausschuss des Gemeinderates gelesen hatte: „OB Kuhn verteidigt S 21: Kein Rückbau“. Natürlich müssen sich diejenigen unter uns besonders ärgern, ihm damals ihre Stimme gegeben zu haben, als vor seiner Wahl er gelobte, S 21 kritisch begleiten zu wollen. Aber, meine Lieben, da ist mehr als diejenigen, die uns enttäuschen. Wir befinden uns unter den Augen Gottes, der uns danach beurteilt, wie inbrünstig wir unsere Feinde lieben, d.h., uns um sie bemühen, sie nicht aufgeben. Nicht unsere Freunde. Diese zu lieben, ist eigentlich keine Kunst.

Was ich sagen will: Was „Umstieg 21“ vorgelegt hat, ist ein ungemein sachlicher Beitrag zum Gemeinwohl. Für Leute, die ihrer Zeit voraus waren, war das Leben nie einfach, es war vielleicht sogar schwer bis gelegentlich unerträglich, zum Hinschmeißen schwer. In den allermeisten Zeiten hätte es für Leute wir uns keinen Platz gegeben. Wenn ich mir überlege, wie lange ein Mann wie Werner Wölfle gebraucht hat, bis er endlich bereit war, als Krankenhausbürgermeister an der ehemaligen Kinderklinik in der Türlenstraße ein Schild zu erlauben, dass hier in der Nazizeit Kinder ermordet worden sind vom Klinikpersonal, nach über 71 Jahren nach der Befreiung von der Nationalsozialistischen Terrorherrschaft, wie es auch ganz staatstragend seit dem 8. Mail 1985 heißen darf. Erst 71 Jahre nach 1945 fängt es recht mühsam an zu dämmern – in Sachen des Hitlerreiches.

Wenn ich mir solche Sachen klarmache, dann grenzte es ja an ein Wunder, wenn der Herr Oberbürgermeister sich bei Stuttgart 21 in weniger Opportunismus ergehen würde. Eigentlich schlechterdings nicht zu erwarten!?

Aber wir hier sind nicht der Herr Oberbürgermeister.
Unser Geschäft ist es, aus unserem Glauben und Wissen heraus, es mit dem Herrn aller Herren zuerst zu tun zu haben, auf sachdienliche Weise Wege in die Zukunft zu suchen und zu finden. Dass „Umbau 21“ hier ganz Außerordentliches vorgelegt hat, wird die Zukunft erweisen – so oder so.

Im Übrigen: Es waren nur manchmal die gut bestallten und dafür bezahlte Menschen, die die Welt vorangebracht haben. Im Normalfall musste der Fortschritt hart erkämpft werden.

Also: Was da alles noch kommen mag: Wir bleiben weiterhin friedlich, bringen unsere exzellenten Umstiegsüberlegungen in Gesprächen und Versammlungen unter die Leute und warten ab, bis man uns ruft. Was nicht geschehen wird! Oder irgendwann doch? Eher wird geschehen, dass die entsprechenden Damen und Herren klammheimlich abschreiben und abkupfern werden. Gewusst haben sie ja noch nie etwas. Ich wünsche uns das Bewusstsein, ein Zentimeter im Roten Faden zu sein, der nach Ernst Bloch (Atheismus im Christentum) die Geschichte durchzieht. Dazu gehört zu wissen, dass der Hass auf die Juden vor allem daher kommt, weil aus ihrer Tradition das herkommt, was man „Selbstkritik“ nennt. Die Einsicht, dass es Gründe dafür gab, warum die Dinge schiefgegangen sind. Und die jüdische Überlieferung selbst davon berichtet, dass kaum jemand im Volk das hören wollte. Nur einige wenige sogenannte Propheten des einzig Lebendigen und Ewigen haben es, obwohl es auch ihnen schwerfiel, gesagt und immer wieder gesagt.

Was macht man denn mit Leuten, die den Finger in die Wunde legen und sie als eine Strafe Gottes erklären? Wer will hören, dass er etwas falsch macht, dass er umkehren muss, damit es nicht noch schlimmer wird?
Wenige! Aber, wem sage ich das!?

Wenn etwas in diese Welt Licht bringt, dann sind es Worte dieses Einzig Lebendigen und Ewigen – und diejenigen, die diese Worte für das Allerwichtigste halten – und sich entsprechend verhalten. Und es gibt auch kein Recht, das diesen Namen auch nur annähernd verdiente, das nicht den Kriterien für Recht dieses Einen entspräche.

Wir haben also die wichtigste Aufgabe, die es überhaupt auf der Welt gibt: Die anderen Menschen, die Tiere und auch die Pflanzen an unseren Worten und an unserem Verhalten abspüren zu lassen, dass wir uns stets vor diesem Ewigen wissen.

„Umstieg 21“ weist Wege aus den Sackgassen. Wir sollten sie kennen und jederzeit in‘s Gespräch bringen können. Auch dann haben die Leute, die ein Jahr lang dafür sich den Kopf zerbrochen haben, nicht umsonst gearbeitet. Aber nicht nur dann: Allein schon, dass sie sich Gedanken über Wege aus der Gefahr gemacht haben, wäre es wert gewesen. Sie haben etwas Gute versucht und geschafft – erst auf dem Papier, aber das ist nicht wenig, sondern zunächst das Entscheidende.
Das bleibt, auch wenn die direkten Adressaten davon noch lange nichts werden wissen wollen.

Aber der Ewige ist auch Herr der Zeit dieser Leute, vergessen wir das nicht. Dann verzweifeln wir auch nicht. Sondern sind dankbar darüber, dass wir nicht so versucht werden wie diese, die meinen, nur sich selber bzw. ihren kurzfristigen Profitinteressen verpflichtet sein zu können.

Amen und oben bleiben!

Liste der umnutzbaren Stuttgart 21-Baulose: hier klicken!

Parkgebet, 13. Oktober 2016, Martin Poguntke

Epheser 6, Vers 10 bis 17
Predigttext zum 21. S. n. Tr. (16. Oktober 2016)

(Zum Herunterladen und Ausdrucken: parkgebet-161013-ansprache)

Liebe Parkgebetsgemeinde,
ich möchte heute ein paar Gedanken über den Predigttext sagen, der am kommenden Sonntag von den evangelischen Kanzeln gepredigt werden wird. Ich finde, er trifft unsere Situation als Christen in einem so heftigen Kampf, wie dem um Stuttgart 21, ausgesprochen gut. Ich lese ihn dann vor. Aber erst noch ein paar vorbereitende Gedanken:
Es hätte für mich nicht mehr des heutigen Nicht-Beschlusses bei der Aufsichtsratssitzung der Bahn gebraucht, um sagen zu können, was ich in der ganzen langen Zeit, die wir inzwischen gegen dieses Wahnsinnsprojekt kämpfen wissen gelernt habe:
Bei unserer Auseinandersetzung um S21 geht es nicht einfach um einen Bahnhof oder um ein paar Milliarden, sondern um eine ganz grundsätzliche Auseinandersetzung über ganz grundsätzliche Wertentscheidungen. Die Kräfte, mit denen wir es in dieser Auseinandersetzung zu tun haben, sind von solcher Gewalt und Rücksichtslosigkeit, dass wir sie gar nicht gefährlich genug einschätzen können.
Ich zögere etwas, dafür ein zu großes Wort zu wählen. Aber ich meine, dass wir das mit ziemlichem Recht „Mächte des Bösen“ nennen können, was uns da begegnet. Nicht die Menschen, die da handeln, sind böser als wir. Auch unsere Gegner sind nicht weniger liebevolle Familienväter oder -mütter, engagieren sich in ihrem Privatleben vielleicht nicht weniger als wir für Spielplätze, Flüchtlinge oder Umweltschutz. Nicht die Menschen selbst sind das Böse, auch nicht der Tiefbahnhof selbst, sondern der Geist, der in unseren Gegnern wirkt. Weiterlesen

Parkgebet am 9. Juni 2016 zu 1. Timotheus 2 Vers 1–3 von Eberhard Dietrich

Liebe Parkgemeinde,

1. Gebet für die Stadt, unter diesem Motto stehen unsere Gottesdienste alle zwei Wochen hier im Schlossgarten. Gebet, das ist für die meisten zunächst etwas ganz privates, ja Intimes zwischen mir und Gott. Ein „Reden des Herzens mit Gott“, wie es Martin Luther in seiner Erklärung zum Gebet ausdrückte. Darin schütte ich Gott mein Herz aus, was mir Sorge macht, was ich von ihm erhoffe, aber ich sage auch Danke für so vieles in meinem Leben, womit ich immer wieder neu beschenkt werde und was mich reich macht.

Gebet für die Stadt, das geht nun über diesen ganz privaten Bereich hinaus. Hier kommen unsere Mitmenschen in den Blick, die Gemeinschaft, die Gesellschaft, die Kommune.

Und das ist dann nicht nur eine Rede des Herzens mit Gott, sondern eine Sache, die man mit anderen Menschen gemeinsam macht. Aber nicht privat, so unter Freunden und Gleichgesinnten, sondern öffentlich. Dafür wird eingeladen, es ist für jedermann und jede Frau zugänglich.

Mit einem solchen Gebet stellen wir uns hinein in eine alte christliche Tradition, die es schon am Ende des ersten Jahrhunderts gab. Ich lese dazu ein paar Verse aus dem 1.Timotheusbrief des Paulus an seinen getreuen Missionsgehilfen Timotheus.

Predigttext: 1.Tim. 2 Vers 1-3
(1)So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.
(2)Für die Könige und alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stillen Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
(3)Das ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

2. Liebe Parkgemeinde, ich weiß nicht wie es Ihnen geht, manche Wendungen dieser Verse hören sich recht spießbürgerlich an: z.B. das mit dem „ruhigen und stillen Leben führen in aller Ehrbarkeit“.

Das soll uns aber nicht daran hindern, auf die Botschaft zu hören: Wir werden aufgefordert: öffentliches Gebet für die Obrigkeit.

Obrigkeit, das ist für uns nicht mehr ein König oder Fürst von Gottes Gnaden, sondern das sind für uns alle Menschen, die in unserer Gesellschaft Verantwortung tragen, die Parlamente und in unserer Stadt die Stadträte und Bürgermeister. Ihnen gehorcht man auch nicht mehr einfach, weil sie Obrigkeit sind. So hat man es früher oft verstanden, und so denken viele Menschen heute auch noch. Wer Verantwortung trägt, tut es für die Gemeinschaft und wird hoffentlich auch von der Öffentlichkeit einer mündigen Bürgergesellschaft kontrolliert.

Ich denke, wir alle hier sind ein Teil dieser kritischen Öffentlichkeit. Und deshalb werden wir auch nicht müde, z.B. S21 zu kritisieren.

Diese Kontrolle und Kritik ist kein Selbstzweck. Es hat zum Ziel, dass auch „sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“

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Parkgebet am 14.4.16 zu 1. Joh. 5,4b von Martin Poguntke

Ansprache als pdf-Datei

Liebe Parkgebetsgemeinde!

Es ist schon eine gewaltige Wucht, mit der die S21-Betreiber scheinbar unaufhaltsam ihren Weg vorangehen. Mit welcher Rücksichtslosigkeit sie zerstören! Mit welcher Leichtigkeit sie Lügen verbreiten und Gesetze bis zum Zerbrechen biegen zu ihrem Vorteil! Mit welcher Beharrlichkeit so viele Menschen, die es besser wissen könnten und vermutlich auch besser wissen – mit welcher Beharrlichkeit sie ihresgleichen unterstützen, decken, verteidigen!

Ich frage mich immer wieder: Warum tun die das? Warum machen sich Menschen so verbissen zu Werkzeugen der Zerstörung und des Betrugs?

Als Versuch einer Antwort darauf ist in mir in den letzten Jahren die Überzeugung gereift: Das ist eine Glaubensfrage. Diese Leute haben einen ganz anderen Glauben. Sie dienen – ohne sich dessen bewusst zu sein – einem ganz anderen Gott.

Ich will heute anhand eines Satzes – des Kernsatzes – aus dem Predigttext vom kommenden Sonntag der Frage nachgehen, was unseren Glauben ausmacht. Und im Umkehrschluss: was wohl den Glauben dieser S21-Verteidiger ausmacht.

Dieser Kernsatz des Predigttextes steht im 1. Johannesbrief, Kapitel 5, dort am Ende von Vers 4, und er lautet:

 „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Bevor ich frage, was das für ein Glaube ist, von dem da so Großes gesagt wird, möchte ich ein wenig auffächern, was mit diesem Satz gesagt ist. – Wenn ich’s richtig sehe, dreierlei:

1. Unser Glaube ist der Sieg, der dazu führt, dass uns das Treiben der Welt nicht mehr gefangen hält.

Mit dem Treiben der Welt meine ich in erster Linie diesen kapitalistischen Zwang zum immer weiteren Wachstum, egal, wodurch, und koste es, was es wolle. Das ist ja der einzige Sinn von Stuttgart 21: dass Geld in die Wirtschaft gepumpt wird, damit auf Teufel komm raus die Wirtschaft wachsen kann. Ob das Projekt am Ende funktioniert, ist völlig egal – Hauptsache, die Wirtschaft wird angekurbelt. Und wenn man hinterher teure Korrekturen und Ergänzungen machen muss – umso besser: dann kann man noch mehr Geld in die Wirtschaft lenken.

Aber so widersinnig und absurd einem dieses Treiben erscheinen mag – es hat eine ungeheure Kraft: Wir können uns diesem System nicht wirklich entziehen. Unmerklich und ohne es verhindern zu können, werden wir alle zu Teilen dieses Systems. Wir tragen es mit durch unsern Konsum. Wir tragen es mit, weil wir durch unser ganzes Leben Teil dieses weltweit zerstörenden Ausbeutersystems sind.

Wir können uns dieser Welt nicht entziehen, aber: Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 21. Januar 2016 von Pfarrer i.R. Gunther Leibbrand

Liebe Parkgebetsgemeinde,
am Montag dieser Woche, als ich diese Ansprache schrieb, lautete die Herrnhuter Tageslosung folgendermaßen:

„So spricht der Herr, der einen Weg bahnt im Meer und einen Pfad in mächtigen Wassern …
Seht, ich schaffe Neues, schon sprießt es, erkennt ihr es nicht?“ (Jesaia 43,16)

In diesem schönen Wort vom Sprießen des Neuen, das die Angesprochenen in ihrer aktuellen Not so schwer nur erkennen können, verbindet der Prophet Jesaja das Heute mit einer uralten Erfahrung seines Volkes: Als sein Gott ihm aus der Sklaverei wundersam herausgeholfen hatte, indem er ihm einen Fluchtweg, selbst durch ein Meer hindurch, bahnte, bis zu dem es hatten fliehen können, das es jetzt aber endgültig aufzuhalten drohte. So wäre es beinahe den Streitwagen des Pharao zum Opfer zu fallen. Aber so weit kam es nicht, weil Gott dem Mose die Wundermacht verlieh, die Wasser des Meeres zu teilen, sodass das Volk Israel weiterfliehen konnte. Aber nicht nur das: Als es gerade hindurchgekommen war und die Ägypter, ihnen nach, auch über den vormaligen Grund des Meeres, es fast erreicht hatten, ließ Mose das Meer wieder zurückströmen, sodass die Streitmacht jämmerlich von den Wassermassen ersäuft wurde.
Kein zimperliches Bild, sondern ein höchst dramatisches, für nicht wenige Menschen auf dieser Erde ein sehr realistisches Bild.

Ich bin froh, dass wir eine solche Losung heute vorgelegt bekommen. Denn auch wir – die wir nicht das Volk Israel sind – aber eines, das eingeladen ist, sich im Namen dieses Volkes von dessen Gott Segen erbitten zu dürfen, können von seiner Erfahrung lernen. Auch wir brauchen immer wieder ein Trostwort, das uns aufbaut. Ein Zeichen, an das wir uns erinnern könnten, oder wenigstens eines aus der Jetzt-Zeit, das wir eigentlich sehen könnten, das uns Mut machen könnte, wenn wir es bloß richtig zu deuten verstünden!
Ich will versuchen, Ereignisse aus unserem heutigen Zusammenhang, die es tatsächlich gibt, als Zeichen eines Neuen zu deuten, mit denen Gott uns Mut machen will:

– Zum ersten ist da der Beschluss des Verwaltungsgerichts Stuttgart vom 18. November 2015, der die brutale Polizeigewalt am 30.9.2010 gegen berechtigten Bürgerprotest als ungesetzlich feststellte.

– Dann ist da die Entscheidung von Land und Stadt, die gegen diesen Gerichtsbeschluss Revision hätten beantragen können, dieses bemerkenswerter Weise nicht zu tun.

– Und dann ist da noch eine andere bemerkenswerte Entwicklung: Der Herrenknecht-Bohrer hat den Rückzug vor der berüchtigten, aber bisher in ihrer Gefährlichkeit von den Betreibern und Befürwortern von S 21 verharmlosten, Gipsschicht angetreten!

Noch sind wir nicht so weit, dass Frau Merkel das gegen viele geltende Gesetze von ihr durchgeboxte Projekt S 21 beendet hätte. Aber Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 24. November 2015 von Pfarrer i.R. Gunther Leibbrand

Jutta liest Euch heute vor, was ich eigentlich selber tun wollte. Leider bin ich wegen einer zeitgleich sich treffenden Arbeitsgruppe der AnStifter verhindert – wegen unserer Solidarität mit Sant‘Anna di Stazzema. Aber ich bin in Gedanken und im Gebet und eben durch die hier vorgetragenen Überlegungen ganz bei Euch.

Am Dienstag dieser Woche saß ich deshalb an meinem Schreibtisch. Und deshalb auch unter dem Lehrtext zur Herrnhuter Tageslosung, der so lautete:
„und erlöse uns von dem Bösen“.
Es ist „das Böse“, das damals am 30.9.2010 wahrlich erschreckende Bilder heraufbeschwor – einschließlich des obligaten Chores der verharmlosenden Beschwichtigung im Sprachgebrauch fast aller Großkopferter, die darüber reden und schreiben, hier sei etwas „aus dem Ruder gelaufen“.
Das Gegenteil ist nun gerichtlich festgestellt: Am Schwarzen Donnerstag wurde das Recht von staatlichen Stellen eindeutig gebrochen.

Dieter Reicherter hat auf der Montagdemonstration dieser Woche hierfür klare und nüchterne Worte gefunden. Ich zitiere, wie er anhob:
„Liebe Freundinnen und Freunde der Gerechtigkeit,
manchmal geschehen doch noch Zeichen und Wunder! Zwar hatten wir auch schon in der Vergangenheit immer wieder Erfolge bei Stuttgarter Gerichten, was viele vergessen oder verdrängt hatten. Man denke nur an Entscheidungen zu den von der Versammlungsbehörde missbilligten Orten für unsere Demos, Baustopps, Freisprüche bei Nötigungsvorwürfen, Aufhebung von polizeilichen Maßnahmen beim Blockadefrühstück.
Jetzt aber hat das Stuttgarter Verwaltungsgericht für juristische Klarheit und Aufmerksamkeit in der ganzen Republik gesorgt. Alles, was vom polizeilichen Vorgehen am 30.9.2010 zur gerichtlichen Überprüfung anstand, wurde ohne Wenn und Aber für rechtswidrig erklärt: Platzverweise, Androhung des unmittelbaren Zwangs, Einsatz von Pfefferspray und Wasserwerfern. Von Schlagstockeinsätzen war keiner der Kläger betroffen, doch waren diese ebenso rechtswidrig“

Lassen Sie mich diese ruhigen Ausführungen Dieter Reicherters an „die Freundinnen und Freunde der Gerechtigkeit“, die ja auch heute Abend hier wieder zusammengekommen sind, mit ähnlich ruhigen und zugleich festen und wahrhaft souveränen Worten dieses Lehrtextes in Beziehung setzen. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 15. Oktober 2015 von Pfarrer Martin Poguntke

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Parkgebet, 151015, Heilung des Gelähmten

Liebe Parkgebetsgemeinde,

Eberhard Dietrich hatte letztes Mal zufällig über genau diesen Psalm 32 gesprochen, den wir vorhin gebetet haben – und er hat sehr Wichtiges dazu gesagt. Nämlich, dass in Stuttgart der Rechtsfrieden gestört ist, weil die Verantwortlichen für den 30.9. sich noch immer nicht zu ihrer Schuld bekannt haben. Unvergebene Sünden stehen noch im Raum.
Auch im Predigttext vom vergangenen Sonntag – in der Geschichte von der Heilung eines Gelähmten aus Markus 2, Vers 1 bis 12 – spielt diese Sündenvergebung eine Rolle. Ich will deshalb heute ein wenig mit Ihnen über diese Geschichte nachdenken.

Ich bin ja der Überzeugung, dass die biblischen Schriftsteller die Wundergeschichten vor allem deshalb weitererzählt haben, weil sie und ihre LeserInnen selber darin vorkommen.
Deshalb will ich mich heute Abend mit Ihnen, liebe Parkgebetler, auf die Suche machen: Wo kommen wir denn in der Geschichte vor? Ich erzähle sie kurz:
Jesus war wieder zurück nach Kapernaum gekommen. Nicht nur die Frommen strömten herbei, sondern auch all die Neugierigen, die einfach bloß sehen und hören wollten, was dieser Wanderprediger wohl sagen und tun würde.
Und ein paar Freunde eines gelähmten Mannes versuchten nicht nur, selbst zu Jesus vorzudringen, sondern für ihren gelähmten Freund vielleicht die Chance seines Lebens zu nutzen. Aber es gab kein Durchkommen, die vielen Leute verstopften die Eingänge und machten keinen Platz für sie.
Da nahmen sie die Matratze, auf der sie den Gelähmten hergetragen hatten, und stiegen den Leuten buchstäblich aufs Dach – das muss man manchmal tun, auch auf Bahnhofsdächern–, räumten oben ein paar Ziegel ab und seilten ihren auf Heilung Hoffenden direkt vor Jesu Füße ab.
Und Jesus macht nun etwas ganz Überraschendes: Er heilt den Gelähmten nicht, sondern er sagt zu ihm: Deine Sünden sind dir vergeben.
Jesus vergibt dem Gelähmten die Sünden, und eigentlich nur nebenbei – weil die Leute glauben, es sei schwieriger einen Gelähmten zu heilen als Sünden zu vergeben – nur so als Ergänzung sagt schließlich Jesus zu dem Mann in der Mitte: Nimm deine Matratze und geh heim. Und der geht tatsächlich heim – geheilt von seiner Lähmung.
Und die Leute scheinen nicht zu erkennen, was für eine tiefe Heilung hier geschehen ist. Sie nehmen nur die Sensation wahr: „Wow, so etwas haben wir ja noch nie gesehen!“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Parkgebetsgemeinde. Aber ich fühle mich schon auch immer wieder wie gelähmt, dabei zum Zusehen verdammt, wie sie da unsere Stadt und einen der besten Bahnhöfe Deutschlands ruinieren. All mein Tun kommt mir dann vor wie das hilflose Fuchteln des Gelähmten, der dadurch doch nicht vom Fleck kommt.
Ohne die Hilfe der anderen geht gar nichts. Und das Schlimme: Sind nicht die anderen hier in Stuttgart alle gleich gelähmt wie ich? Sind nicht die einzigen Nicht-Gelähmten die Betreiber und Unterstützer von S21? Sie handeln doch Tag um Tag! Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 1.10.2015 zu Psalm 32,1-5 von Pfr. i. R. Eberhard Dietrich

V. 1 Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist.
V. 2 Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Betrug ist.
V. 3 Denn als ich es wollte verschweigen,
verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.
V. 5 Darum bekannte ich dir meine Sünde
und meine Schuld verhehlte ich nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen.Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünden.
Liebe Parkgemeinde

1.Der Psalm und seine Bedeutung
Wenn ich heute diesen ungewöhnlichen Bibeltext der Ansprache zugrunde lege, will ich ein paar einleitende und erklärende Worte voranschicken. Psalm 32 ist der zweite von sieben „Bußpsalmen“ der Kirche. Er ist in der Lutherbibel überschrieben:
„Vom Segen der Sündenvergebung“.
Der Anfangsvers nimmt uns gleich in diesen Gedanken hinein:
„Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist!
Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Betrug ist!“

Zuerst wollte der Beter seine Sünde verschweigen, doch er merkte, wie sich die Sünde wie ein Virus in seinem Körper auswirkte. Und er merkte die Hand Gottes, die schwer auf ihm lag. Wir würden heute sagen: Er hatte ein schlechtes Gewissen.
Das brachte ihn dazu Gott seine Sünde und
Schuld zu bekennen und er erfuhr Vergebung und Befreiung und ein erleichtertes Gewissen. Auf diese Weise ist dieses ganz intime Bekenntnisse der Schuld vor Gott zugleich auch Modell und Vorbild für andere, mit ihrer eigenen Schuld umzugehen.

2.Die öffentliche Dimension ihrer Taten: Störung des Rechtsfriedens. Wer zu den Tätern gehört
Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, wie die Täter vom 30. 9. mit ihrer Schuld vor Gott umgehen oder umgegangen sind. Das würde bedeuten, ihre Schuld einfach auf ihr Privatleben zu beschränken, und damit wäre ihr Tun für die Öffentlichkeit irrelevant.
Das Verhalten der Täter, ihr Tun und Agieren hat den Rechtsfrieden in unserer Bürger und Zivilgesellschaft empfindlich verletzt. Darüber wollen und müssen wir sprechen. An diese persönliche Schuld der Täter wollen wir erinnern.
Täter, um das noch einmal zu wiederholen, das sind für mich die Polizisten auf allen Stufen der Hierarchie, aber auch die Akteure im Hintergrund in der Politik, nicht nur damals vor fünf Jahren, sondern in gleicher Weise bis heute. Keiner der Verantwortlichen hat bis heute ein solches Schuldeingeständnis gemacht.

Was am 30. September 2010 passierte, war kein Tsunami, der über den Schlossgarten hereinbrach. Hier waren Menschen beteiligt. Alles war von langer Hand vorbereitet und geplant. Dabei wurde billigend in Kauf genommen, dass Menschen verletzt wurden, ja vielleicht nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern mit Absicht. Denn warum hat man die Sanitäter nicht in den Schlossgarten gelassen?

Jeder einzelne von den Tätern hätte anders gekonnt.
Der Polizeipräsident hätte den Einsatz abbrechen können.
Die Täter in den Reihen der Polizisten hätten nur ihre Vorschriften beachten müssen.
Die Politiker und Justiz hatten fünf Jahre Zeit, ihre Pflicht zu tun und das Strafrecht anzuwenden.
Aber sie haben es nicht getan. Das ist ihre Schuld.
Was wir fordern und erwarten ist nicht eine oberflächliche Entschuldigung, wie wir es uns im Alltag angewöhnt haben mit den Worten: „Ach Entschuldigung“, eine Floskel, die wir letztlich gar nicht ernst meinen. Oder wie viele sagen: „Schwamm drüber“, so als wenn man früher auf einer Schiefertafel einfach einen Fehler wegwischte.
Wir fordern von den Tätern und Verantwortlichen das Eingeständnis ihrer individuellen Schuld, die Reue und die Bitte um Vergebung bei den Opfern. Erst dann ist Vergebung möglich. Und wir werden nicht müde werden, daran zu erinnern, bis der Rechtsfrieden wieder hergestellt ist.
Es ist unsere Aufgabe, die Gewissen zu schärfen, nicht sie einzulullen. Es ist unsere Aufgabe beharrlich das Unrecht zu benennen
und Vergebung zu verweigern.

3. Warum wir nicht vergessen dürfen
Warum aber soll man Schuld nach so langer Zeit thematisieren und daran erinnern?
Müssen wir uns als Christen nicht für Versöhnung und Vergebung stark machen? Als Christen müssen wir auch mal einen Schlussstrich unter Vergangenes ziehen. In der Tat, das müssen wir. Aber wie wir im Psalm gelernt haben, steht vor der Vergebung und Versöhnung und dem guten Gewissen das Eingeständnis der Schuld. Auch von der Psychologie her wissen wir, dass man Schuld nicht einfach unter den Teppich des Verdrängens und Vergessens kehren darf.

Und ich erinnere an eine kleine Szene aus dem Leidensgeschichte Jesu. Als während des Verhörs vor dem Hohenpriester einer der Soldaten ihn grundlos ins Gesicht schlägt, stellt er ihn zur Rede. „Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich recht geredet, was schlägst du mich? (Joh. 18,23)
Das heißt für mich: Wir dürfen das Unrecht beim Namen nennen und den Täter an seine böse Tat erinnern.

Wenn wir uns gegen das Vergessen aussprechen, dann aus zwei Gründen:
Der Rechtsfrieden muss wieder hergestellt werden. Ein gedeihliches Zusammenleben in unserer Stadt, in unserer Bürger- und Zivilgesellschaft kann es nicht geben, solange offensichtliches Unrecht ungesühnt bleibt, solange Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Wenn wir das Unrecht einfach vergessen, dann rechtfertigen wir die Täter und geben ihnen im Nachhinein Recht und ein gutes Gewissen.

Nicht nur als Christen wissen wir um die unheilvolle Macht des Bösen. Und dieses Böse, diese Schuld muss vergeben werden, erst dann ist ein Neuanfang möglich. Um zu vergeben, muss der Täter seine Schuld einsehen, anerkennen und um Vergebung bitten
und sofern es möglich ist, wieder gut machen und sühnen. Erst dann ist Vergebung keine billige wohlfeile Gnade, so nach dem Motto eines Spötters über den christlichen Glauben der sagte: Der Beruf des lieben Gottes ist es eben zu vergeben. Und er wollte damit wohl sagen: Jetzt können wir Menschen eben tun und lassen, was wir wollen, es hat keine Konsequenzen weder bei Menschen noch bei Gott.

Wir stemmen uns zweitens gegen das Vergessen um der Opfer willen. Das sind wir auch den Opfern gegenüber schuldig. Viele von uns wurden verletzt an Leib und Seele. Wenn wir das Böse einfach vergessen, machen wir sie erneut zu Opfern. Dann nehmen wir ihre Verletzungen nicht ernst und erwarten von ihnen, wenn auch unausgesprochen, das alles einfach wegzustecken.
Wir wollen uns nicht scheuen, das als Unrecht, als Böses zu benennen, auch wenn es vielleicht ein weltlicher Richter anders sieht oder entschuldigt.
Das Tun der Täter ist nicht einfach blindes Geschick oder Schicksal, sondern persönliche Schuld. Sie hätten auch anders gekonnt, wenn sie gewollt hätten. Gestörter Rechtsfrieden ist gestörte Gemeinschaft und die kann nur durch die Gemeinschaft wieder geheilt werden. Nur so ist ein Neuanfang möglich.
4.Gegen alle Selbsttäuschung
Und damit kommen wir zu einem letzten Gedanken unseres Psalmes. „Wohl dem Menschen, in dessen Geist kein Betrug ist.
Wir erleben es gerade im Hinblick auf den Schwarzen Donnerstag, wie gewissenlos Menschen im Umgang mit ihren Mitmenschen sein können. Warum können sie so handeln? Der Psalm spricht von Betrug, Täuschung, wir könnten auch sagen: Ausreden, Rationalisierungen..

Kaschieren von Gewalt. Auskosten von Macht. Ich erinnere an die kleine Szene aus dem Markusevangelium, wo Jesus vor denen warnt, die bei den Menschen als die Herrscher gelten und die ihre Völker nieder halten und ihnen Gewalt antun. (Mk 10,42)

Der Polizeipräsident hat z.B. ein halbes Jahr später in der Hospitalkirche eine Plattform bekommen, sich zu rechtfertigen und er stellte sein Tun unter das Motto: „Wieviel Sicherheit braucht unser Zusammenleben?“
Perverser geht es wohl nicht mehr. Als wenn die Sicherheit für die Stadt von einer friedlichen Schülerdemo gefährdet worden wäre.

Vielleicht werden Menschen erst zu solchen Taten fähig, weil sie sich etwas vormachen, sich selbst betrügen, weil sie Gottes Gebote missachten, ihren Gehorsam gegen Befehle als höchsten Wert ihres Lebens sehen, ihre Karriere nicht gefährden wollen oder einfach feige sind.
Über die Motive der Täter kann man trefflich spekulieren.
Wir aber messen sie an ihren Taten.
Wir wollen nicht mehr aber auch nicht weniger als dass das Unrecht erkannt und gesühnt wird. „Wohl dem Menschen, in dessen Geist kein Betrug ist.“

Rede beim Parkgebet am 18.6.15 von Heinz Wienand

Impulstext
Farin Urlaub, Deine Schuld

(Text und Musik auch im Kirchentags-Liederbuch Nr. 107)

Hast du dich heute schon geärgert, war es heute wieder schlimm?
Hast du dich wieder gefragt, warum kein Mensch was unternimmt?
Du musst nicht akzeptieren, was dir überhaupt nicht passt,
wenn du deinen Kopf nicht nur zum Tragen einer Mütze hast.

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

Glaub keinem, der dir sagt, dass du nichts verändern kannst.
Die, die das behaupten, haben nur vor Veränderung Angst.
Es sind dieselben, die erklären, es sei gut so, wie es ist.
Und wenn du etwas ändern willst, dann bist du automatisch Terrorist.

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.
Weil jeder, der die Welt nicht ändern will, ihr Todesurteil unterschreibt.

Lass uns diskutieren, denn in unserm schönen Land
sind zumindest theoretisch alle furchtbar tolerant.
Worte wollen nichts bewegen, Worte tun niemandem weh.
Darum lasst uns drüber reden, Diskussionen sind okay.
Nein, geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstriern,
denn wer nicht mehr versucht zu kämpfen, kann nur verliern.
Die dich verarschen, die hast du selbst gewählt,
darum lass sie deine Stimme hörn, denn jede Stimme zählt.

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

Liebe Parkgemeinde!

„Das Gewurschtel am Bahnhof finde ich gar nicht so schlimm“, meinte ein Kirchentagsbesucher, als ich ihm vor einer Schule den Flyer „kann denn Bahnhof Sünde sein …“ entgegenstreckte. Er kam hörbar nicht aus dem Ländle. Vermutlich hatte er auf dem Weg vom Durchgang zur Bahn-hofshalle seinen Kopf durch eines der Fenster gestreckt und in eine der Baugruben geschaut. Den Flyer lehnte er dankend ab.

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag ist Geschichte. Das Programm wies – sage und schreibe – über 2.000 Veranstaltungen auf! 95.000 Dauergäste nahmen teil. Landesbischof July und der Präsident des Kirchentags, Professor Barner, lobten die Vielfalt der Themen und die Lockerheit der Teilnehmenden. OB Fritz Kuhn lobte den Kirchentag über den grünen Klee und bezeichnete ihn als ein „Geschenk für Stuttgart“.

Im Programm des Kirchentags spielte Stuttgart 21 so gut wie keine Rolle. Obwohl das Präsidium im Jahr 2011 Stuttgart als Ort des 35. Kirchentags auserkor mit der Begründung, die baden-württembergische Landeshauptstadt habe im Streit um das Projekt Stuttgart 21 neue Formen offener und öffentlicher Debatte erlebt. Nachhaltiger Protest und zivilgesellschaftliches Engagement hätten eine Diskussion über die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Entscheidungen in der Demokratie ausgelöst. In diesem Kontext habe der Kirchentag die Einladung nach Stuttgart besonders gern angenommen. So die offizielle Verlautbarung.

Dennoch war das Thema Stuttgart 21 präsent. Weiterlesen

Rede beim Parkgebet am 16.4.15 von Heinz Wienand

Liebe Parkgemeinde!

Am 9. April 1945, also vor 70 Jahren, wurde Dietrich Bonhoeffer von den Nationalsozialisten in Flossenbürg hingerichtet. Er war erst 39 Jahre alt. Er wurde als sechstes von acht Kindern am 4. Februar 1906 in Breslau geboren und wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Kirche und Religion tauchten im Alltag der Bonhoeffers zwar auf. Aber, wie Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge schreibt: „Das christliche Wesen war in diesem evangelischen Haus mehr hinter- und unter-gründig zu spüren.“ Das Verhältnis der Familie zum Glauben war freundlich bis distanziert. „Zu schade für Dich“, befand der Vater, als sein Sohn vom Entschluss zum Theologiestudium berich-tete. Später korrigierte er sich seinem Sohn gegenüber mit den Worten er habe sich „gröblich getäuscht“.
Schon als Theologiestudent setzte sich Dietrich für Frieden und Gerechtigkeit ein. Bald nach der Machtübertragung von Reichspräsident Hindenburg an Adolf Hitler schloss sich Bonhoeffer der Bekennenden Kirche an.

Die Bekennende Kirche verstand sich als Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen die Versuche einer Gleichschaltung von Lehre und Organisation, wie sie von den Nazis durchgesetzt wurde. Die Nationalsozialisten setzten kurzerhand den Reichsbischof Müller ein, der die Leitung der sog. „Deutschen Christen“ übernahm. In der berühmten „Barmer Erklärung“ von Mai 1934 widersetzte sich die Bekennende Kirche gegen die Gleichschaltung und erklärte, sie sei die einzige rechtmäßige Vertretung der evangelischen Christen Deutschlands. Mit der Ablehnung der „Deutschen Christen“ lehnte sie zugleich den Nationalsozialismus ab und wandte sich gegen staatliche und innerkirchliche Übergriffe auf das christliche Glaubensbekenntnis. Damit war die Spaltung der evangelischen Kirche in der Haltung zu Hitler besiegelt.

Dietrich Bonhoeffer, einer der führenden Köpfe der Bekennenden Kirche, war seitdem der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. Er kritisierte den Antisemitismus in einer Weise, die Geschichte machte. Als ihm 1937 die Lehrerlaubnis entzogen wurde, schloss er sich dem Widerstand an und unterstützte die Attentatspläne gegen Hitler. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 2. April 2015 von Pf.i.R. Gunther Leibbrand

Liebe Parkgemeinde,
heute ist Gründonnerstag. Ein Tag, an dem Christen sich an Jesu bevorstehendes Leiden und Sterben erinnern.
Wir tun dies als Christinnen und Christen, die sich hier unter Protest an einer der Baugruben versammeln, die einen funktionierenden Bahnverkehr zu Grabe tragen wollen.

Es würde den Rahmen sprengen, all die Einzelheiten erwähnen zu wollen, die unseren Protest bis zum heutigen Tage nicht erlahmen lassen. Aber eine Hauptsache soll genannt werden: Die Kräfte, die hier am Werke sind, missachten sowohl geltendes Recht, das den Rückbau von Infrastrukturmaßnahmen wie den Schienenverkehr in Deutschland mit Steuermitteln ausdrücklich verbietet. Genauso, wie die Art und Weise der Durchsetzung ihrer fraglichen Absichten nicht konform geht mit einschlägigen Vorschriften rechtsstaatlicher Polizeiarbeit.

Wie können wir diese Dinge zusammenbringen mit dem Gedenken an das Leiden und Sterben Jesu?
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Ansprache beim Parkgebet am 5.3.2015 zu Mt 4,8-10 von Friedrich Gehring

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan, denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ (Mt 4,8-10)

Liebe Parkgebetsgemeinde,
wer ist dieser Teufel, der Jesus die Weltherrschaft anbieten kann unter der Bedingung, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten? Weiterlesen

Parkgebetansprache von Gunther Leibbrand am 20.11.14

 

Liebe Parkgebetsgemeinde,

wir stünden nicht hier, wenn es nicht schlecht bestellt wäre um
– die soziale Gerechtigkeit,
– eine unparteiische Rechtsprechung
– und eine gesetzestreue Regierung, die dem Wohl des Volkes verpflichtet ist – und nicht der Verwandlung von allem und jedem in eine Ware, mit der Geld zu machen ist.

Alles miteinander konkretisiert sich beispielhaft in dem, was unter der Bezeichnung ‚Stuttgart 21′ vor unseren Augen inszeniert und in die Tat umgesetzt wird.

Ich möchte nicht zum 1001. Male die traurigen Einzelheiten benennen, sondern vielmehr unsere Aufmerksamkeit auf die Quelle lenken, aus der sich weiterhin unsere Empörung speist und unser Widerspruch seine Kraft schöpft. Weiterlesen

Parkgebetansprache von Friedrich Gehring am 6.11.2014

Jesaja, Kapitel 5, Verse 1 bis 8: Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. Weh denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen!

Schon etwa 750 v. Chr. warnt Jesaja die Reichen seiner Zeit, die immer mehr wirtschaftliche Macht erstreben, um diese zu missbrauchen, und sagt ihrem Treiben den Untergang voraus. Seine Unheilsweissagung ist heute hochaktuell. Weiterlesen

Parkgebet-Ansprache von Heinz Wienand am 10. Juli 2014

Epheser-Brief, Kapitel 5, Verse 6-7 und 10-11
6 Lasst euch von niemandem verführen, der euch durch sein leeres Geschwätz einreden will, dass dies alles harmlos sei. Gottes Zorn wird alle treffen, die ihm nicht gehorchen. 7 Darum meidet solche Leute. […] 10 Prüft in allem, was ihr tut, ob es Gott gefällt. 11Lasst euch auf keine finsteren Machenschaften ein, die keine gute Frucht hervorbringen; im Gegenteil: helft sie aufzudecken.

Liebe Parkgemeinde!

Seit fast 4 Jahren versammeln wir uns hier im Stuttgarter Schlossgarten zum Gebet im Park, anfänglich wöchentlich, dann zweiwöchentlich bei jedem Wetter und äußern unseren Protest gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21. Viele von uns besuchen Woche für Woche die Montagsdemo und beteiligen sich an den sich anschließenden Demozügen. Außerdem besuchen sie die zahlreichen Veranstaltungen zum Thema S21 bzw. K21, um sich schlau zu machen und sich über aktuelle Vorgänge um das unnütze Projekt zu informieren. Sie tun das, um gewappnet zu sein in der Auseinandersetzung mit den Befürwortern des Projekts, sofern es überhaupt dazu kommt und vom Gegenüber stattdessen nicht nur ein Kopfschütteln oder ein müdes Lächeln geboten wird.

Wir haben es zu oft erlebt, dass wir getäuscht und belogen wurden. Ja, dass versucht worden ist und dauernd versucht wird, uns hinters Licht zu führen, uns zu verführen und dem leeren Geschwätz Glauben zu schenken. Aber wir haben widerstanden, sind nicht auf die falschen Versprechungen und Lügen hereingefallen.

Das Neue Testament ermahnt uns im Epheser-Brief im Kapitel 5, Vers 11, wo es heißt: „Lasst euch auf keine finsteren Machenschaften ein, die keine gute Frucht hervorbringen, im Gegen-teil: helft sie aufzudecken!“ Wäre nicht schon so Vieles aufgedeckt worden von unseren Experten, wo stünden wir heute bei dem Bahnprojekt?

In der letzten Woche gab es eine Pressekonferenz des Projektbüros für S 21. Dietrich, Penn und Wörn stellten stolz die „Fortschritte“ des Bahnprojekts vor, mussten allerdings zugeben, dass es um 3 Jahre in Verzug geraten ist. Lag das am Protest der Gegner?
Nein – es lag an der miserablen Planung der Bahn! Über die zahlreich anstehenden Probleme verloren die 3 Projektplaner in der Pressekonferenz kein Wort.

Wir sind nicht „schaumgeborene“ Spinner, wie uns ein Mitglied des Regierungspräsidiums Stuttgart in übelster Weise bezeichnete. Wir sind es auch heute nicht, an dem Tag, an dem am Fasanenhof der 3.Tunnelanstich mit viel Prominenz groß gefeiert wurde. Was mich besonders ärgert? Dass, wie bei den früheren Anstichen, mit der „Taufe“ des Fildertunnels der kirchliche Segen erteilt und die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Mineure, für das unnütze und aufgezwungene Projekt S 21 in Anspruch genommen wurde.

Die Stuttgarter Zeitung, die schon immer für S 21 ist, hat in ihrer gestrigen Ausgabe ihre Kommentarspalte überschrieben mit: „Der Tunnelblick ist überholt“ und lässt ihren Kommentator Christian Milankovic ausführen: „Die Schlachten um das Ob des Bahnhofsumbaus sind geschlagen. Nun kann es nur noch darum gehen, den maximalen Nutzen für die Stadt aus dem Vorhaben zu ziehen. Verbale Scharfmachereien auf beiden Seiten müssen dann aber der Vergangenheit angehören. Dasselbe gilt auch für den verengten Tunnelblick von fanatischen Befürwortern oder Gegnern, der längst nicht mehr taugt.“ (Ende des Zitats).

Hier handelt es sich natürlich nicht um den „Tunnelblick“ der Esslinger, der uns immer wertvolle Beiträge liefert.

Im gleichen Kommentar wird OB Fritz Kuhn, der heute bei dem feierlichen Tunnelanstich dabei war, gelobt als Grüner, der einen pragmatischen Blick für die Realitäten habe. Wenn sich S 21 nicht mehr verhindern lasse, so interpretiert der Kommentator der Stuttgarter Zeitung die Teilnahme des OB, dann soll S 21 „wenigstens mit den geringst-möglichen Beeinträchtigungen für die Stadtbevölkerung über die Bühne gehen.“ Die Beeinträchtigungen bekommen zur Zeit in massiver Weise die Bewohner und Bewohnerinnen des Nordbahnhof-Viertels mit durch den Baustellenverkehr zur zentralen Logistikfläche. Das ist nur ein Beispiel.

Stadt- und Naturzerstörung für ein unnützes Bahnprojekt, das einen Leistungsrückbau darstellt, das in Wirklichkeit, wie Egon Hopfenzitz zurecht sagt, ein Immobilienprojekt ist und Baukonzerne nur darauf warten, dass das Gleisfeld abgebaut wird und sie endlich anfangen können, und das mit dem Segen von Politikern von Schwarz bis Grün und auf Kosten von Einwohnern, Steuerzahlern und kommenden Generationen.

Wir lassen uns nicht blenden und erliegen nicht der Faszination der Technik, Herr Herrenknecht! Es ist noch nicht aller Tage Abend, ihr Planer und Befürworter! Wir kämpfen weiter und beherzigen den Spruch von Bert Brecht: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Um es mit einem Bibelvers zu sagen: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim., Vers 7)

In diesem Sinne bleiben wir oben.

Andacht zum Parkgebet am 15.5.2014 (von Dorothea Ziesenhenne-Harr)

(Hier die Ansprache als pdf-Datei: Andacht zum Parkgebet am 15.5.2014)

Matthäus 7,7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

Liebe Freundinnen und Freunde des Parks und des Kopfbahnhofes,

das liest sich so leicht, die Worte aus der Bibel. So hätte ich es auf jeden Fall gerne und immer: ich bitte Gott um etwas, und dann geschieht das auch, was ich mir wünsche. Und irgendwie suggerieren diese Worte scheinbar, dass meine Wünsche und Bitten immer in Erfüllung gehen. Gott, der Helfer, der immer offen für meine Anliegen ist und sich ihrer annimmt, sobald ich ihn darum bitte.

Meine Frage dabei ist: was tun, wenn meine Bitten, Wünsche nicht erfüllt werden?

Wenn ich mir vorstelle, wie oft wir hier im Park und sicherlich auch zuhause alleine oder im kleinen Kreis schon um Veränderungen gebeten haben. Wir haben Gott angefleht, dass er die Bäume im Park erhält. Dass er den Politikerinnen und Politikern Weisheit und Vernunft schenkt, damit sie von dem irrsinnigen Vorhaben des Kellerbahnhofs ablassen.

Wir haben Gott gebeten, dass die Vorstände der Bahn auf unsere guten Argumente hören und sie beachten. Wir haben für die Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart und Baden-Württemberg gebetet, dass sie erkennen, was der Bau eines Kellerbahnhofs für fürchterliche Folgen hat für die Menschen im verschiedenen Alter, für die Schöpfung, für Stadtarchitektur und so weiter. Wir haben für die Polizei gebetet, dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst ist und nicht einfach als Befehlsempfänger/innen agieren.

Und der vielen Bespiele mehr.

Wenn wir genauer hinsehen, dann wurden unsere Bitten nicht erfüllt. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 6. März 2014 von Heinz Wienand

Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin bei dir. (Apostelgeschichte 18,9)

Liebe Parkgemeinde!

Der Apostel Paulus, so berichtet die Apostelgeschichte im Neuen Testament, stößt in der griechischen Stadt Korinth auf Ablehnung und Anfeindung, weil er den Menschen dort von Jesus Christus erzählt.

Gott macht ihm Mut und sagt ihm, er solle sich nicht fürchten, sondern reden und nicht schweigen trotz aller Widerwärtigkeiten.

Manchmal geht es mir wie Paulus, wenn ich sehe, wie unsere Stadt zerstört wird wegen eines unnützen und aufgezwungenen Milliardenprojekts, das sich Stuttgart 21 nennt. Alles Reden und Appellieren an die Vernunft der Projektbetreiber scheint vergeblich. Dann gibt es Tage, an denen ich mir sage: Geh’ weiter auf die Straße, besuche die Montagsdemos und die informativen Veranstaltungen der K21-Experten und mache Dich kundig. Das tue ich und  mit mir viele andere, die die Hoffnung auf eine Beendigung des S21-Projekts nicht aufgeben.

Des Öfteren müssen auch wir eine abwehrende Handbewegung, ein Kopfschütteln, ein müdes Lächeln, Häme oder Anfeindung ertragen, wenn uns Projektbefürworter mit dem Button: „Oben bleiben – kein Stuttgart 21“ sehen.

Vor kurzem ist mir Folgendes passiert: Ich war in einem Copyshop, um ein Plakat für eine Veranstaltung abzugeben. Ein etwas untersetzter Mann, vielleicht ein Architekt oder Bauingenieur, der Baupläne kopieren ließ, musterte mich wiederholt. Nachdem er meinen Button, den ich an der Jacke trug, registriert hatte, meinte er ziemlich abschätzig: „Na, heute keine Demo?“ Nein, sagte ich, die nächste, die 210., werde am nächsten Montag stattfinden. Darauf er: „Schonen Sie lieber Ihre Nerven, sonst werden Sie noch krank.“ – „Da kennen Sie mich aber schlecht!“, entgegnete ich ihm. Ohne mich anzuschauen, packte er seine Kopien zusammen, zahlte, und verließ den Copyshop. Welch bedauernswerte Kreatur mag er gedacht haben. Sei’s drum. Ich habe mich an Einiges gewöhnt und schaffe mir mehr und mehr ein dickes Fell an.

Als Parkschützer Jürgen Hugger auf der 211. Montagsdemo den Kampagnen-Start: „Für unsere Stadtbahn!“ vorstellte, leitete er seine Rede ein mit einem Zitat aus Dostojewskys Roman „Schuld und Sühne“. Er lässt Raskolnikov, die Hauptfigur des Romans, sagen: Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt.

Dann fuhr Jürgen Hugger fort: „In Anlehnung daran könnte man sagen: Wenn es die Wahrheit nicht gibt, wird die Lüge zur normalen Ausdrucksform.“ Aber: Wenn es Gott gibt, ist nicht alles erlaubt.

Und ich bin davon überzeugt, dass die Wahrheit sich letztlich durchsetzen wird. Die Wahrheit wird sozusagen die Lüge Lügen strafen.

Der Ministerpräsident dieses Landes betont bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit: Mehrheit sei nicht Wahrheit. Punkt! – und trägt diesen Spruch wie ein Schild vor sich her. Aber Mehrheit entscheidet. Projektsprecher Dietrich rechnet sich zur Mehrheit und fordert: „Das Ding zu Ende bauen!“

Aber, aber, Herr Dietrich, Sie haben doch noch nicht wirklich angefangen zu bauen!

Der Fraktionssprecher der SPD im Landtag, Schmiedel, behauptete, auf dem Projekt Stuttgart 21 ruhe Gottes Segen. Wer – wie Schmiedel – meint, sich göttlichen Beistand holen zu müssen, der hat es nötig, um von menschlichem Tun und Verantwortung abzulenken. Damit macht er Gott zum Lückenbüßer für menschliches Versagen, wenn das Projekt scheitert.

Fürchte dich nicht, heißt es in der Apostelgeschichte. Lass den Mut nicht sinken und die Hoffnung nicht sterben!

Vaclav Havel, Bürgerrechtler, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Präsident der Tschechischen Republik tritt uns zur Seite, indem er weise feststellt:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal, wie es ausgeht.“

Wir sind davon überzeugt, dass die Alternative zu S 21, nämlich K 21, der sanierte Kopfbahnhof, dem geplanten Tiefbahnhof weit überlegen ist. Mag Projektsprecher Dietrich auch noch so sehr gegen die Alternative wettern.

Sie, Freundinnen und Freunde, die sie für den Erhalt des Kopfbahnhofs immer wieder auf die Straße gehen und Ihren Protest zum Ausdruck bringen, die Montagsdemos besuchen, sich dort informieren und die Solidarität im Kampf um die bessere Lösung erfahren, Flyer verteilen, Infoveranstaltungen besuchen und selber solche organisieren und Einiges mehr tun, Sie haben den Befürwortern, darunter den vielen Un-Informierten, die immer noch mit dem längst unterlaufenen Volksentscheid argumentieren, viel voraus.

Die Architektinnen und Architekten für K 21 haben in einer eindrucksvollen Ausstellung gezeigt, wie die Zukunft des Stuttgarter Hauptbahnhofs und seines Umfeldes aussehen könnte. Als die Bäume im Mittleren Schossgarten noch standen, haben sie ihre Visionen auf Großplakaten am Bauzaun vorgestellt und mussten es erleben, dass die 12 Bilder beschmiert, eingerissen oder abgerissen  wurden von denen, die um jeden Preis das so genannte „Jahrhundertprojekt“  durchsetzen wollten.

Fürchte dich nicht! Dieser Appell an den Apostel Paulus soll auch uns gelten. Und wenn wir gleich das Lied singen: „Lass uns in Deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun“, dann möge Er uns den Mut geben, voll Glauben heute und morgen zu handeln.

Amen. So soll es sein.

Ansprache beim Parkgebet am 28.11.13, Gunther Leibbrand

Die Ansprache als pdf-Datei: Parkgebet, 28.11.13, Leibbrand

Liebe Parkgemeinde,

als ich das letzte Mal zu Ihnen sprach, am 1. August, hatte ich so geendet:
Wir stehen vor dem Jahrhundertprojekt, den Gebrauchswert der Dinge zum Leben wieder in Erinnerung zu bringen.
Dann hatte ich gesagt, dass es uns Christen um’s Leben geht, um das Leben vor dem Tod. Auch um ein Leben nach dem Tod, aber eben auch um ein wirklich gutes Leben vor dem Tod.
Und dass wir solche großen Aufgaben mit Gottes Hilfe anpacken können.

Heute möchte ich Ihnen ein Beispiel nennen von Menschen, die sich ihre Würde nicht nehmen lassen, obwohl sie wenig Erfolg haben bei der Durchsetzung ihrer wichtigen Ziele.
Ich möchte uns Mut verschaffen durch den Blick auf Leute, die seit bald sieben Jahrzehnten dafür kämpfen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfahre und nicht weiterhin Unrecht, ja Desinteresse und Zynismus.
Ich möchte von Enrico Pieri und Enio Mancini erzählen und den anderen Überlebenden eines der fürchterlichsten deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg in Italien.

  • Wie haben es Menschen geschafft, gegen den Triumpf der Gewalt seit beinahe 70 Jahren nicht zu verstummen? Mehr noch:
  • Wie schafften sie es zu überlegenen Menschen zu werden, die nicht hassen, sondern ganz ruhig und fest nur Gerechtigkeit einfordern?
  • Wie kann es sein, dass diese damals noch im Kindesalter Stehenden nicht in der Scham über das ihnen widerfahrene Leid reaktiv ihrerseits zu Gewalttätern geworden sind, sondern zu Menschen, die ihren Schmerz authentisch zeigen können und für eine gemeinsame Zukunft mit uns Deutschen in einem friedfertigen Europa eintreten?

In einem bis auf den letzten Platz gefüllten Theaterhaus hat Enrico Pieri am 10. November bei der Verleihung des 11. Stuttgarter Friedenspreises der AnStifter  sich von seinem Sohn, einem Wirtschaftspädagogen eines Basler Gymnasiums, übersetzen lassen,  und eigentlich nur den einen Satz gesagt (ich zitiere sinngemäß): Geht zur Wahl und stimmt bei den kommenden Europawahlen für ein friedfertiges und soziales Europa. Das ist für mich die Konsequenz aus meinem Kampf für einen Prozess gegen die Mörder meiner Familie und so vieler anderer Familien meines Dorfes Sant’Anna di Stazzema. Dieser Prozess wird uns bis zum heutigen Tage in Deutschland verweigert. Aber wir werden nicht aufgeben, weil wir nicht wollen, dass sich ein solches Verbrechen in meinem Land wiederholen kann. Es wiederholt sich schon viel zu oft bis zum heutigen Tage weltweit. Kämpfen wir für ein politisches Klima, das solche Verbrechen ächtet.

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Parkgebet am 14.11.2013, MartinPoguntke

(hier als pdf-Datei: Parkgebet, 14.11.13, Martin Poguntke)

Liebe Parkgebetsgemeinde!
Ich möchte heute mit Ihnen ein bisschen darüber nachdenken, was es mit dem Segen Gottes auf sich hat, mit der Kraft Gottes. Wo wirkt Gottes Kraft, wo nicht? Wie kommt man an sie dran? Was kann man dafür tun? Welche Rolle spielen unsere Gebete und Gottesdienste dabei?
Claus Schmiedel hat ja in einer seiner denkwürdigen Reden gesagt, auf dem Projekt Stuttgart 21 liege Gottes Segen. Nun, die bisherige Geschichte des Projekts lässt einen daran sehr zweifeln.
Ein bisschen klang es aber damals auch wie ein Beschwörungsversuch von Schmiedel: Irgendwie wollte er wohl auch – so ein bisschen magisch – die guten Kräfte beschwören und auf sein Lieblingsprojekt lenken. Nicht bewusst – er findet sicher, dass er als Sozi eher atheistisch sein müsse – aber irgendwie unbewusst.
Jetzt fragen wir uns aber mal ganz selbstkritisch: Tun wir womöglich was ganz Ähnliches? Wenn wir uns hier zu Parkgebeten versammeln – versuchen wir dann womöglich auch, die guten Kräfte des Schöpfers und der Schöpfung auf unseren Widerstand zu lenken? Parkgebete so ein bisschen als Zaubertrank, wie bei Asterix und Obelix?
Lassen wir die Antwort noch ein bisschen offen und gehen noch einmal von einer ganz anderen Seite dran. Da gibt es nämlich einen ganz störenden Ausspruch von Jesus. Der Mann kannte ja kein Pardon, der hat ja ständig unsere vertrauten religiösen Orientierungsmarken durcheinander gebracht.
Ich denke gerade an den Satz Jesu, den Matthäus in die Bergpredigt mit eingebaut hat: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“.
Ich möchte nicht verhehlen, dass es für mich immer wieder eine kleine Zumutung ist, das den „Bösen“ und „Ungerechten“ zuzugestehen, dass auch sie rundum von der göttlichen Kraft versorgt werden. Nur wenn ich mich selbst beim Bösesein ertappe, höre ich den Satz mit etwas Erleichterung, dass Gott die Sonne auch für die Bösen scheinen lässt.
Aber es scheint so zu sein, dass der Gott, wie Jesus ihn glaubte, nicht nur für die Guten da ist, sondern auch für die Bösen. Wenn wir das weiter denken, müssen wir sagen: Ja, auch Schmiedel und seine ganzen S21-Befürworter – alle haben sie Anteil an dieser unendlichen göttlichen Kraft – genauso, wie auch wir Gegner des Projekts.
Mit welcher anderen Kraft sollten sie auch ihre Lügen in die Welt tragen und sich den Geldhaien andienen? Es gibt ja keine andere Kraft in der Welt als die eine göttliche Kraft. Es gibt ja keine zwei Götter: einen guten und einen bösen. Und auch das, was manche „Teufel“ nennen, wird in der Bibel als gefallener Engel gesehen – also als ebenfalls vom einen Gott stammender Störenfried.
Wozu feiern wir dann eigentlich Gottesdienste? Ist es denn so, dass dann auf der einen Seite die Gegner und auf der anderen Seite die Befürworter jeweils ihre Gottesdienste feiern und damit jeweils versuchen, Gott für sich zu reklamieren und ihn mit seiner Kraft auf ihre Seite zu ziehen? Weiterlesen