Monatsarchiv: November 2010

„Schlichtung“

Der Schlichter empfiehlt sich für weitere Aufgaben, findet die
Süddeutsche Zeitung, sogar für die schwierigste aller Schlichtungen:

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Sich einmischen – Kirche hat schon Stellung bezogen

Immer wieder wird von Verantwortlichen in unserer württembergischen Landeskirche betont: Die Kirche muss sich beim Streit um Stuttgart 21 heraus- und neutral verhalten. Dabei wird leicht vergessen, dass die Kirche schon längst in amtlichen Verlautbarungen in guter Weise Stellung bezogen und im Hinblick auf Großprojekte klare Handlungsanweisungen gegeben hat. Da diese Texte schon aus früheren Jahren stammen, sind sie vielleicht nicht mehr allen bekannt. Deshalb soll an dieser Stelle daran erinnert werden.

Schöpfung bewahren – Kirche nimmt Stellung
Aus: „Frieden in Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung.“ Text des Forums: „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung der Arbeitsgemeinschaft christliche Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) e.V. Stuttgart 1988, S. 103-106.

Worum geht es in diesen Stellungnahmen? Aus dem Glauben  an Gott als den Schöpfer der Welt folgt: Der Mensch ist ein Teil dieser Schöpfung und darf die Natur nicht einfach egoistisch ausbeuten. Vielmehr hat er die Pflicht, Verantwortung für diese Welt zu übernehmen. Das heißt z.B. Abschied nehmen von Allmachtsphantasien über die Schöpfung, Abschied nehmen vom Glauben an Wachstum ohne Grenzen und Fortschritt ohne Maß und um jeden Preis.

Im Hinblick auf S 21 sei besonders hingewiesen auf folgende Kriterien: „Vorhaben dieser Art (gemeint sind Großprojekte, Anm.d.Autors) dürfen nicht durchgeführt werden, bevor schwerwiegende Zweifel ausgeräumt sind…. Denn was alle angeht, soll auch von allen entschieden und vor allem öffentlich diskutiert  werden, insbesondere muss  die Umweltverträglichkeit geprüft werden und ob die Artenvielfalt bedroht ist.“

Was bedeutet dies für die Bewertung von S 21?
Dem Autor ist nicht bekannt, dass bei dem Bahn- und Immobilienprojekt S21 öffentlich, geschweige denn ausreichend der Interessenskonflikt im Hinblick auf die gravierenden Eingriffe in den Schlossgarten, die dortige Tierwelt und die Risiken für die Thermalquellen diskutiert wurden.

Hier ein Auszug (in kursiv wiedergegeben) aus: „Frieden in Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung.“ Text des Forums: „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) e.V. Stuttgart 1988, S. 103-106. 

Theologische Einleitung
Gott hat die Welt geschaffen und bleibt in seiner Schöpfung gegenwärtig. Ihre Be­wahrung ist allen Menschen von Gott aufgetragen (vgl. Gen 2,15). Wir Christen glauben, daß die gesamte Schöpfung von der Liebe Gottes getragen bleibt, die sich in Jesus Christus offenbart.
Christen aller Konfessionen bekennen den dreieinigen Gott als Schöpfer, Er­halter, Erlöser und Vollender der Welt. Sie preisen Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde: „Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.“(Ps 104,24) Von Jesus Christus bezeugt die Bibel: „Denn in ihm wurde alles geschaffen, im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herr­schaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand.“(Kol 1,16 f.) Alles Geschaf­fene ist vom Geist Gottes, dem Liebhaber des Lebens, durchwaltet und wird dadurch geheiligt. …
Gott hat den Menschen als Teil seiner Schöpfung erschaffen. Alle Mitgeschöpfe haben ihren eigenen Wert, der darin begründet liegt, daß sie von Gott gewollt sind. Die Ehrfurcht vor dem Leben verbietet es, Tier- und Pflanzenwelt vor­nehmlich unter dem Gesichtspunkt ihres Nutzens und der Verwertbarkeit für den Menschen zu sehen. Das gilt auch für die unbelebte Natur. Gott hat dem Menschen jedoch auch eine besondere Stellung in seiner Schöp­fung vorbehalten: Er hat ihm den Auftrag gegeben, als sein Abbild Verantwor­tung für die Mitgeschöpfe wahrzunehmen.
Unsere Schuld besteht darin, daß wir immer wieder aus egoistischen Motiven die uns gezogenen Grenzen verletzen und der Schöpfung nicht mehr behebbare Schä­den zufügen. Die Natur ist vorwiegend zum Rohstoff für eine verschwenderische Produktion von Konsumgütern geworden.
D
ie Schöpfung ist uns zur Gestaltung und zur Pflege anvertraut. Mit der An­maßung grenzenloser Herrschaft über die Natur mißachten wir unseren Auf­trag und erweisen uns so als Sünder. Zudem gefährden wir das ökologische Gleichgewicht und riskieren unsere Zukunft wie die der kommenden Genera­tionen. Mit dieser Praxis tun wir der Schöpfung Gewalt an. Umkehr zu Gott ist daher notwendig. Begründet ist diese Umkehr in der tiefen Überzeugung, daß Gott Freude an seiner Schöpfung hat und sie liebt. Es gilt, die Dankbarkeit für das Geschenk der Schöpfung wiederzugewinnen und un­sere tägliche Verantwortung für das Geschaffene so wahrzunehmen, daß wir in den Lobpreis der gesamten Schöpfung einstimmen können. Der Mensch darf die Früchte und Schätze der Erde dankbar nutzen. Aber gerade darin soll er Ab­bild Gottes sein, daß er wie Gott fürsorglich, liebevoll die Schöpfung hegt und pflegt. Das aber heißt heute, viel größere Anstrengungen zu unternehmen, um die Gewalt gegen die Schöpfung zu vermindern. …  

Wahrnehmung der Verantwortung
Wenn wir als Christen, und sei es auch nur bruchstück- und zeichenhaft, den ver­heißenen Frieden Gottes in dieser Schöpfung aufzeigen wollen, müssen wir umdenken. Ausgehend vom biblischen Schöpfungsauftrag gilt es, mit Hilfe der menschlichen Vernunft Maximen für das konkrete Handeln in der Welt zu ent­wickeln.
Wir müssen ablassen von Machtphantasien über die Schöpfung und demütig die Grenzen unseres Handlungsspielraums und unsere eigene Begrenzung anerkennen. Wir müssen Abschied nehmen von dem Glauben an ein unbe­grenztes Wachstum und an Fortschritt ohne Ende und uns am Maßstab des Lebens und dessen, was dem Leben dient, orientieren. Bei der Verwirklichung dieses Umdenkens sind wir häufig konfrontiert mit star­ken Interessenkonflikten. Oft stehen z. B. Wirtschaftlichkeit, Besitzstandswah­rung und -Vermehrung, politisches Machtstreben und Sicherung von Arbeits­plätzen gegen die Bestrebungen der Umwelterhaltung; ökonomische Interes­sen beanspruchen im allgemeinen Vorrang vor ökologischen Interessen. Als Christen können wir uns der schwierigen Aufgabe nicht entziehen, uns für ein solches Umdenken in allen Lebensfeldern, auch im politischen Bereich, einzusetzen. Dazu gehört, z. B. in Wirtschaft und Politik immer wieder auf die Überprüfung und Einhaltung der folgenden Kriterien zu drängen:

  • die Umweltverträglichkeit,
  • die Sozialverträglichkeit,
  • die Generationenverträglichkeit,
  • die internationale Verträglichkeit.

Bei größeren Planungsvorhaben sind diese Kriterien zu berücksichtigen. Schon die Entstehung von Umweltschäden gilt es zu vermeiden. Deshalb soll­ten folgende Fragen vorab geklärt werden:

  • Zieht dieses Vorhaben tiefgreifende, dauerhafte und nicht wiedergutzu­machende Schäden nach sich?
  • Sind die Auswirkungen des Vorhabens in ihrer zeitlichen und räumlichen Erstreckung übersehbar?
  • Sind Nebenfolgen so erheblich, daß sie nicht in Kauf genommen werden können?
  • Sind die Würde der Menschen und die Artenvielfalt durch dieses Vorhaben bedroht? 

… Als Anwältinnen der Schöpfung stellen Kirchen diese Fragen öffentlich. Sie dringen darauf, daß Vorhaben dieser Art nicht durchgeführt werden, bevor schwerwiegende Zweifel ausgeräumt sind.
Zu einer solchen Vorsorge zählt insbesondere die Abschätzung der Folgen für die ökologischen Kreisläufe. Diese Naturkreisläufe dürfen nicht unterbrochen oder zerstört werden. … 
Die Auswirkungen eines Vorhabens müssen in ihren zeitlichen und räum­lichen Dimensionen übersehbar bleiben. Im Sinne der Fürsorgepflicht muß die Erde auch für die nachfolgenden Generationen bewohnbar und lebenswert sein. …

Generell sind sogenannte technische und wirtschaftliche Sachzwänge darauf­hin zu überprüfen, ob sie dem Leben der Menschen und der ganzen Schöpfung dienen und den oben genannten Kriterien genügen. Bei dem Entscheidungsprozeß, in dem diese Kriterien zur Anwendung kommen, muß die gesamte Gesellschaft mit einbezogen werden. Denn was alle angeht, soll auch von allen entschieden werden.

Verfasser: Hans-Eberhard Dietrich, Pfarrer i.R.

„Stuttgart 21“ – Der Mammon und die Kirchen

Nicht erst nach dem erschreckenden Polizeieinsatz vom 30. September 2010 haben immer mehr Kirchenmitglieder erwartet, dass die Kirchen Stellung nehmen sollten zu der Auseinandersetzung um das umstrittene Bauprojekt „Stuttgart 21“. Die ersten kirchlichen Reaktionen auf solche Erwartungen waren geprägt von dem Tenor, das Evangelium biete keine Handhabe, sich in diesen parlamentarisch-demokratisch entschiedenen Streit mit einer einseitigen Stellungnahme einzumischen. Betrachtet man allerdings näher, welche Politik bei Stuttgart 21 am Werk ist, wird eine kirchliche Stellungnahme unausweichlich.

„Stuttgart 21“ als neoliberales Schlüsselprojekt
Spätestens durch die Erklärung von Kanzlerin Merkel, über „Stuttgart 21“ werde bei den Landtagswahlen im März 2011 abgestimmt, ist dieses Projekt zum Test geworden für die neoliberale Politik, die seit etwa 30 Jahren zunehmend die Welt überschattet. Die Neoliberalen behaupten, wenn man nur die mächtigen Projektgewinnler ihre Profite machen lasse, dann sei das gut für alle. Natürlich sind die schlimmen Auswirkungen dieser Politik nicht erst bei diesem Projekt sichtbar geworden. Schon die Hartz IV – Gesetze und die Weltwirtschaftskrise haben die Folgen dieser Politik schmerzhaft erfahren lassen. Aber so schlimm diese Erfahrungen waren, die Gegner des Neoliberalismus konnten bisher als realitätsferne linke Spinner abgetan werden. Das Neue im Konflikt um „Stuttgart 21“ ist, dass der Widerstand aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Das muss den Neoliberalen natürlich Angst machen, und wer Angst hat wird häufig aggressiv und reagiert so wenig souverän, wie das am 30. September im Stuttgarter Schlosspark zu sehen war.

Die Kirchen und der Mammon
Die Neoliberalen behaupten traditionell, die von ihnen betriebene Umverteilung von unten nach oben sei alternativlos. Jesus rät aber genau zu der geleugneten Alternative, nämlich zur Umverteilung von oben nach unten, wenn er empfiehlt: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.“ (Lk 16,9) Auch wenn niemand auf der Welt mehr weiß, dass der Mammon ungerecht ist, dann müssen es die Kirchen noch wissen. Der Begriff „Mammon“ bezeichnet in der Muttersprache Jesu die zerstörerische Kraft des Geldes, des Kapitals. Der Begriff war nicht ins Griechische des Neuen Testaments zu übersetzen, dort gab es keinen entsprechenden Begriff dafür, weil das Bewusstsein für diese zerstörerische Kraft bei den griechischen Sprachgestaltern nicht vorhanden war. Aber Jesus stand in der alttestamentlichen Tradition, in der schon Jesaja um 750 v. Chr. den Missbrauch der Macht durch Monopolisten geißelte und dessen verheerende Folgen ankündigte (Jes 5, 8 ff). Diese Konzentration wirtschaftlicher Macht in den Händen von Gewissenlosen wird im neoliberalen Casinokapitalismus zur Perfektion gebracht. Er ist genau das, was Jesus mit dem Begriff „Mammon“ angreift. Denn der Mammon ist die Gegenkraft, die der Botschaft Jesu vom Reich Gottes diametral gegenübersteht. Deshalb sagt Jesus: „Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen“ (Mt 6,24 par).

„Stuttgart  21“ und der Mammon
Der Bogen zu „Stuttgart 21“ ist leicht zu schlagen. Ziemlich am Anfang der Projektidee stand eine riesige Bodenspekulation. Das frei werdende Gleisgelände war zu phantastischen Preisen zu verkaufen. Bliebe der Kopfbahnhof, wäre dieser gewaltige Deal hinfällig, er müsste zu einem hohen Preis rückabgewickelt werden und enorme erhoffte Baugeschäfte wären verdorben. Die Rücksicht auf die dann leer ausgehenden Projektgewinnler hat offenbar größeres Gewicht als der Wille des Volkes, so darf eine Volksabstimmung nicht sein. So war Eile geboten, noch vor der Landtagswahl einen „point of no return“ zu erreichen. Gerade die Kirchen werden genau hinsehen müssen, für wen hier gegebenenfalls Arbeitsplätze entstehen, für tariflich bezahlte deutsche Bauhandwerker, die bisher arbeitslos waren, oder für ausgebeutete Billiglöhner aus Hungerländern. Kirchliche Achtsamkeit dürfte auch geboten sein hinsichtlich der Frage, ob die Profite der Ausbeuter am Ende auch in Kindergärten eingespart werden müssen.

Konsequenzen für die Kirchen
Der im Projekt Stuttgart 21 erkennbaren neoliberalen Regierungspolitik gegenüber, die das Christentum in seinen Grundsätzen bekämpft, kann es keine kirchliche Neutralität geben. Hier ist ein klares christliches Bekenntnis gefordert. Das mag für eine lutherische Kirche Neuland sein, weil sie sich Jahrhunderte lang den Landesherrn als ihren Geldgebern zur treuen Gefolgschaft verpflichtet gefühlt hat. Einer Partei, die sich christlich nennen will, muss kirchlicherseits klargemacht werden, dass sie dies erst dann wieder zu Recht tun kann, wenn sie sich wirksam von der bisherigen neoliberalen Mammonspolitik distanziert hat. Die Kirchen sollten den Regierungsverantwortlichen die Aufgabe des neoliberalen Schlüsselprojekts Stuttgart 21 als Chance zur Umkehr und zur Rückkehr zum Christentum anbieten.

(Eine ausführlichere Version dieses Beitrags in:
Deutsches Pfarrerblatt, Heft 11/2010, S. 609 ff)

Verfasser: Friedrich Gehring, Pfarrer i.R.

Kreuze im Schlossgarten – „aufgeräumt“

Am Bauzaun findet sich dieses Foto.  Es dokumentiert eine nachdenklich machende Installation von betroffenen und besorgten Bürgerinnen und Bürgern, die nach den Brutalitäten am 30. September errichtet worden ist. Dieses Memento ist spurlos verschwunden, „aufgeräumt“.
Gut, dass wenigstens ein Foto geblieben ist.

Immer sauber einfach pünktlich
Pflichtbewusst
Dem ganzen verantwortlich
Immer zur Stelle mit alten Hexen
Und Gaskammern
Immer nach dem Rechten sehend
Aufräumen
Da muss mal mit aufgeräumt werden
Damit muss man mal aufräumen
Ein deutsches Lieblingswort:
Aufräumen
Immer sauber einfach pünktlich

Hanns Dieter Hüsch: Aus dem Gedichtband „Das Schwere leicht gesagt“

Die Schöpfung bewahren, Aufgabe eines jeden Christen

Der biblische Auftrag
Ein Grund, sich als Theologe gegen das Projekt Stuttgart 21 zu positionieren, ist das biblische Anliegen, die Schöpfung zu bewahren. Ich spreche bewusst von Schöpfung, nicht von der Natur. Damit wird deutlich: Die ganze Natur, belebt und unbelebt, Pflanzen und Tiere samt Wasser, Land und Luft sind von Gott geschaffen. Der Mensch kann nicht einfach damit machen, was er will, sondern er ist Gott verantwortlich. Und das kann nur heißen: Er muss sorgsam mit dieser Schöpfung Gottes umgehen.

Das Anliegen, die Schöpfung zu bewahren, nimmt den Auftrag Gottes an den Menschen in der Schöpfungsgeschichte auf, wo es im 1. Buch Moses Kapitel 2 Vers 15 heißt: „Und Gott, der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“
Der Ökumenische Rat der Kirchen ruft diese Aufgabe wieder ins Bewusstsein
Im Raum der Kirche wurde in der Vergangenheit diese Aufgabe nicht immer so vordringlich gesehen. Erst die ungeheure Umweltzerstörung der letzten Jahrzehnte schufen hierfür das Bewusstsein. Federführend war der Ökumenische Rat der Kirchen. Er rief 1983 in Vancouver  auf der VI. Vollversammlung seine Mitgliedskirchen auf, in einen konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten. In vielen Gemeinden und Initiativen der Kirchen nahmen Christen diese Herausforderung an. Ein paar Jahre später, im Jahre 1990 in Seoul, wurden alle Christen der Welt aufgefordert, sich aktiv für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Nur im Zusammenspiel dieser drei sind die Herausforderungen der Gegenwart wie Hunger, Krieg, Umweltzerstörung, sozialer Unfriede usw. zu bewältigen.

In den 80er Jahren stand eher die Friedensproblematik im Vordergrund. Es war die Zeit der Hochrüstung. Gleichwohl wurde der Zusammenhang gesehen, dass es Weltfrieden und Gerechtigkeit nicht geben kann, wenn nicht zugleich die Schöpfung bewahrt wird. Immer mehr wuchs im Laufe der Zeit die Einsicht, dass die Erhaltung des politischen Friedens und die Schaffung von mehr Gerechtigkeit vergeblich bleiben, wenn die natürlichen Grundlagen des Lebens zerstört werden. So trat die Aufgabe, die Schöpfung zu bewahren, zunehmend in den Vordergrund.

Gott liebt seine Schöpfung
Die damals schon formulierten Grundüberzeugungen sind bis heute gültig: „Wir bekräftigen, dass Gott die Schöpfung liebt. Land, Wasser, Luft, Wälder, Berge und alle Geschöpfe, einschließlich der Menschen, sind in Gottes Augen „gut“. Wir werden dem Anspruch widerstehen, alle geschaffenen Dinge dienten ledig­lich dazu, vom Menschen ausgebeutet zu werden.

Deshalb verpflichten wir uns als Mitglieder der lebendigen Schöpfungsgemeinschaft, in der wir eine unter vielen Arten sind, Mitarbeiter Gottes zu sein mit der moralischen Verantwortung, die Rechte kommender Generationen zu achten und die Ganzheit der Schöpfung zu bewahren; dafür wollen wir uns einsetzen um des eigenen Wertes willen, den die Schöpfung von Gott hat, und damit Gerechtigkeit geschaffen und erhalten werden kann.

Eine weitere Grundüberzeugung, die seit Seoul gilt, lautet: „Wir bekräftigen, dass die Erde Gott gehört“. Das hat zur Konsequenz: „Der Mensch soll Boden und Gewässer so nutzen, dass die Erde regelmäßig ihre lebenspendende Kraft wie­derherstellen kann, dass ihre Unversehrtheit geschützt wird und dass die Tiere und Lebewesen den Raum zum Leben haben, den sie brauchen. Wir werden jeder Politik widerstehen, die Land als bloße Ware behandelt, die Bodenspekulation auf Kosten der Armen treibt, die Giftmüll auf das Land und ins Wasser entlädt, die Ausbeutung, ungleiche Verteilung und Vergiftung des Bodens und seiner Erzeugnisse fördert und die jenen, die unmittelbar von der Nutzung des Landes leben, die Verfügungsgewalt darüber vorenthält. Wir verpflichten uns außerdem, den ökologisch notwendigen Lebensraum anderer Lebewesen zu achten.
(Lesen Sie dazu auch: Die Kirche im konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung für Gerechtigkeit , Frieden und Bewahrung der Schöpfung. 1990. Texte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nr. 33)

Fragen an das Projekt – bisher ohne überzeugende Antwort
Gemessen an diesen Grundüberzeugungen sind an die Betreiber des Projekts Stuttgart 21 viele Fragen zu stellen:
Wie ist es zu verantworten, z.B.
–  das Fällen uralter Bäume, die für das Innenstadtklima unabdingbar sind,
–  die Gefährdung des gesamten alten Baumbestandes des ganzen Parks durch
–  das Absenken des Grundwasserspiegels,
–  der ungeheure Verbrauch an Land, insbesondere Grünflächen der Innenstadt, –  die Gefährdung der Mineralquellen in Bad Cannstatt,
–  die Vernichtung von Lebensraum von Tieren, darunter auch
artgeschützte  wie   Fledermaus und Juchtenkäfer und vom Aussterben
bedrohte Vogelarten wie Dohle, Gartenbaumläufer, Gelbkopfamazone,
Wacholderdrossel.
(Lesen Sie hierzu auch: Newsletter /2010, 8. Oktober, NABU, Gruppe Stuttgart)

Auf diese Fragen sind bisher keine Antworten bekannt. Vielmehr werden mit Stuttgart 21 Fakten geschaffen, die nicht mehr umkehrbar sind und deren Folgen nachwachsende Generationen zu tragen haben.

Verfasser: Hans-Eberhard Dietrich

Mit konservativer Grundhaltung gegen S21

Meine grundsätzlich theologisch und politisch konservative Grundeinstellung ließ mich lange zögern und Zurückhaltung üben gegenüber „Stuttgart 21“, wiewohl ich schon lange begründet gegen dieses Projekt bin. Die offensichtlich abhanden gekommene Basisverhaftung und Ignoranz dieser durch die Befürworter: Bahn, Politik und Wirtschaft, deren stures Festhalten an einem Projekt, das in der breiten Bevölkerung keine Mehrheit findet und die Unwilligkeit auf die Gegenseite überhaupt zu hören, die Gesprächsverweigerung gegenüber einer breiten bürgerlichen Bewegung und die Etikettierung als „Berufsdemonstranten“, dazu ein massiver Polizeieinsatz mit völlig unverhältnismäßigen Mitteln gegen Demonstranten im Schlossgarten, auch gegen minderjährige Schüler und alte Menschen, was alles eines demokratischen Rechtsstaates unwürdig ist, ließen mich umdenken, ohne damit meine grundsätzlich konservative Grundhaltung aufzugeben. Für meine Begriffe bedeutet die Durchführung des Projekts „Stuttgart 21“, allem Anschein nach jetzt nach dem Motto: „Augen zu und durch“, was politisches Versagen markiert: Architekturzerstörung, Demokratiegefährdung, Geologiemissachtung, Geldverschwendung, Ökologiezerstörung, Ökonomiebesessenheit, (Verkehrs)Unsicherheit, Unwirtschaftlichkeit.

Verfasser: Walter Rominger, evangelischer Theologe, Albstadt

„Suchet der Stadt Bestes“ – Jeremia 29,7