Damoklesschwert über dem Park – Ansprache beim Parkgebet am 9.02.2012

Wie ein Damoklesschwert hängt die Baumfällung über diesem Park und seinen Bewohnern in den Bäumen. Schon sind die Baggerzähne gewetzt und die Sägen geschliffen und die Bagger stehen für ihr Vernichtungswerk bereit.
Aber noch können wir hier unser Parkgebet abhalten, auch wenn uns das Herz bei all diesen Gedanken schwer wird und uns eher zum Heulen zumute ist. Noch stehen die Bäume, um die wir kämpfen. Sehr tröstlich hat am letzten Freitag Schwester Inge Singer aus Gaildorf auf der Parkschützerseite aus der Tageslosung ein Wort von Dietrich Bonhoeffer zitiert:
Alles hat seine Zeit und die Hauptsache ist,
dass man mit Gott Schritt hält.
Und ihm nicht immer schon einige Schritte vorauseilt,
allerdings auch keinen Schritt zurückbleibt.

2. Alles hat seine Zeit: Gottes Bund mit Menschen und Tieren

Und deshalb möchte ich heute Abend dem lieben Gott nicht einen Schritt vorauseilen und so tun, als gäbe es die Bäume nicht mehr. Ich will nicht die Klage anstimmen oder von der Trauer reden. Vielmehr möchte ich dem Juchtenkäfer danken, der all diese Verzögerungen verursacht hat. Nicht zu vergessen seine unermüdlichen und engagierten Mitstreiter vom BUND, Brigitte Dahlbender und Berthold Frieß.

Von einem kleinen Tier, kaum fünf Zentimeter groß, das nur wenige Wochen lebt und die meiste Zeit seines Lebens als Larve verbringt, geht eine solche Wirkung aus. Ich meine, ein solches Tier, das wohl die meisten von uns noch nie gesehen haben, muss man einfach gern haben.

Aber es geht um viel mehr: um die Fledermäuse, die Siebenschläfer und viele andere. Nicht zu vergessen die 683 Arten von Tieren und Pflanzen im Gleisvorfeld, die auch vernichtet werden sollen.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber irgendwie fühle ich mich diesen Tieren innerlich verbunden und für sie verantwortlich, möchte sie schützen, so gut es geht, auch wenn ich weiß, letztlich sind wir alle hilflos der Staatsmacht ausgeliefert, die die Interessen der Banker, der Baulöwen, der Industrie schützt und nicht die Natur.

3. Zusammengehörigkeit von Menschen und Natur

Dass wir um den Park und seine Bewohner kämpfen, ist für mich – und ich denke für ganz viele von Euch – Ausdruck eines Gefühls tiefer innerer Verbundenheit mit der Natur, mit den Tieren und Bäumen. Diese Verbundenheit gehört zu unserer Lebenseinstellung, ist ein Teil der Werte, die wir leben. Wenn wir hier kämpfen und für diese Ideale einstehen, dann leisten wir einen Beitrag für eine für Tiere und Menschen lebenswerte Welt. Wir lassen uns nicht einfach von Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsbossen vorschreiben, was wir unter „Zukunft“ und „Fortschritt“ zu verstehen haben.
Was hier in Stuttgart abgeht, ist nur die Spitze eines Eisberges der Naturzerstörung großen Stils. Es ist nur ein Teilausschnitt eines immer schneller laufenden Zerstörungsprozesses, der sich auf allen Ebenen der technischen Zivilisation abspielt. Da müssen wir uns als kritische Bürger einmischen, auch wenn wir nur eine Minderheit sind.

4. Das Gefühl und das Wissen der Zusammengehörigkeit von Mensch und Tier ist  im Glauben verankert

Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit allen Lebens ist nicht einfach Naturschwärmerei,  rückwärtsgewandtes Denken, Verweigerung des Fortschritts – oder was man uns noch so alles vorwerfen mag.
Dieses Wissen um die Zusammengehörigkeit allen Lebens ist tief in unserem christlichen Glauben verankert. Leider ist das in der Theologie und in der Kirche weitgehend vergessen worden, leider sind es viel zu wenige Christen, die so denken und ihr Leben darnach einrichten. Umso mehr müssen wir anderen immer wieder daran erinnern, was wirklich Inhalt unseres Glaubens ist.

Von einem solchen Zusammenhang wird schon auf den ersten Seiten der Bibel gesprochen, ganz am Anfang der Geschichte Gottes mit den Menschen. Ich meine das Ende der Sintflutgeschichte. Da will Gott zusammen mit der Bosheit der Menschen auch die Menschen, ja alles Leben ausrotten, lässt aber den Noah und seine Familie und ein Rest der Tierwelt am Leben. Und als sie dann alle aus der Arche steigen, ans Land kommen, da wendet sich Gott an Noah, fordert ihn auf, an den Himmel zu schauen.

5. Gottes Bund mit Mensch und Tieren am Ende der Sintflutgeschichte

Ich lese aus dem 1. Buch Mose Kapitel 8 und 9 die wunderbaren Verse vor:
„Und Gott sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um des Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse auf von Jugend. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (Genesis 8 V.21f)
„Und Gott sagte zu Noah und seinen Söhnen mit ihm: Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln und an allen Tieren des Feldes bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden. Und ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe.
Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.“ (Genesis 9 V.8-13)

Es ist schon ein sehr eigenwilliger Gedanke, das mit dem Bund Gottes mit Menschen und Tieren.

Gottes Fürsorge, sein Erbarmen und sein Bewahren vor einer Vernichtung, gehört allem Leben. Das Leben erhält so eine Art Bestandssicherung. Das ist ja nicht selbstverständlich angesichts der Bosheit der Menschen, die die Ursache der Katastrophe war.

Trotzdem darf der Mensch leben und Gott wird das Seine dazu tun, um die Lebensgrundlage zu erhalten: Saat und Ernte, Frost und Hitze und alle Jahreszeiten noch dazu. Gott als Garant des Lebens. Er wird von sich aus nichts tun, um ihren Bestand zu gefährden. Wobei wir natürlich wissen, dass im Laufe der Evolution immer wieder Arten verschwanden und andere sich neu bildeten. Aber es ist ein Unterschied, ob wir Arten einfach vernichten, oder ob die Evolution einen begrenzten Umbruch der Arten veranstaltet.

6. Dieser  Bund als Versprechen. Zeichen des Bundes: Der Regenbogen

Gott schließt einen Bund mit den Menschen. Ein solcher Bund ist aber nicht einfach ein Vertrag zwischen zwei gleichberechtigten Partnern. Wie könnten auch Mensch und Gott oder die Tiere mit Gott gleichberechtigt sein? Dieser Bund ist einseitig, ist so wie ein Versprechen. Er ist eine Selbstverpflichtung Gottes dem Leben gegenüber, Zusage von Treue, von Heil und Segen.
Als sichtbares Zeichen dieser Selbstverpflichtung stellt Gott den Regenbogen an den Himmel.

Viele von Euch werden sich noch an den Regenbogen erinnern, den wir auf einer Demo im August 2010 sahen, als der Nordflügel abgerissen wurde. Viele von uns sahen diesen Regenbogen als Hoffnungszeichen für unseren Widerstand. Er hat uns nicht verlassen. Wie wenn uns Gott seiner Treue versichern wollte. Er sagt ja zu uns, ja zu unserem Widerstand.

Wie gern hätten wir diesen Regenbogen zugleich auch gedeutet als Garantie für den Erfolg unseres Protestes.
So aber ist es nicht gekommen. Nicht bis zum heutigen Tag. Wie alles letztlich ausgeht, lässt sich heute nicht voraussagen. Vieles ist schon zerstört und über dem Park hängt das Damoklesschwert der Zerstörung am seidenen Faden.

Wenn wir im Glauben eine solche ausweglose Situation erleben, Niederlagen, Angst, Enttäuschung, Zorn, Spott der Mitmenschen – dann sprechen wir vom Kreuz. Jesus hat seinen Jüngern in der Nachfolge vorausgesagt: Wer mir nachfolgt, wird solches Kreuz erleben, muss auch bereit sein, sein Kreuz auf sich zu nehmen.

Im Glauben sein Kreuz auf sich zu nehmen, bedeutet aber nicht zu resignieren, bedeutet nicht, einfach alles hinzunehmen. Ja zum Kreuz heißt nicht Ja zu dem, was und wer dieses Kreuz verursacht. Das Kreuz bringt uns nicht vom Glauben ab. Es hält uns nicht ab, unsere Ideale einer lebenswerten Welt zu leben und dafür in der Öffentlichkeit einzutreten.

In unserem Lebensentwurf haben wir ein Denken aufgeben, in dem sich alles in der Welt nur um uns Menschen dreht. Wir haben ein Denken aufgegeben, in dem wir uns als Herren über die Natur aufspielen. In unserem Lebensentwurf machen wir ernst damit, dass Gott einen Bund mit Menschen und Tieren geschlossen hat. Auch die Tiere haben ein Recht auf Leben.

Wir wollen keine Zukunft, in der wir Menschen die Natur, die Pflanzen und Tiere allein unter dem Gesichtspunkt sehen, was sie uns nützen, wie wir sie noch mehr ausbeuten können.
Nein, alles was lebt, hat ein Recht zum Leben, auch wenn wir den Nutzen nicht oder noch nicht erkennen. Wie z.B. bei den Larven des Juchtenkäfers im Mulm der Bäume. Sie gehören zur Vielfalt der Arten und diese Vielfalt ist Grundlage unseres Lebens.

Wir wollen keinen Fortschritt, bei dem es heißt: Immer größer, immer höher, immer schneller, immer mehr, mehr Wachstum ohne Grenzen, zulasten der guten Schöpfung Gottes. Fortschritt, bei dem die Ressourcen dieser Erde bedenkenlos ausgebeutet und vernichtet werden.
Das alles ist nicht unser Lebensentwurf.
Wenn uns eine solche Überzeugung das Kreuz beschert, dann tragen wir es –  mit Protest, aber aufrecht stehend und aufrecht gehend.

Amen.

Pfarrer Hans-Eberhard Dietrich

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