Monatsarchiv: April 2011

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mit der Gemeinsamen Erklärung „Theologinnen und Theologen zu Stuttgart 21“

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Schöpferische Nachfolge

Eine theologische Analyse zum politischen Engagement von Kirche – auch gegen Stuttgart 21

„In der Bibel finden wir keine konkrete Weisung für oben bleiben oder nach unten bauen“ – schrieb der Stuttgarter Prälat Ulrich Mack im Blick auf das umstrittene Projekt „Stuttgart 21“ in seinem Neujahrsbrief 2011 an kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Freunde und Bekannte sowie an der Kirche Interessierte.
Seit Luther ist es unter Protestanten üblich, Streitfragen sowohl bei theologisch – kirchlichen als auch bei gesellschaftlich – politischen Themen von der Bibel und schwerpunktmäßig vom Neuen Testament her, von dem, „was Christum treibet“ (Luther), zu entscheiden. Das Dilemma hierbei ist, wie so oft im theologischen Disput, dass sich alle Konfliktparteien flugs auf die Bibel berufen, um ihren Meinungen die nötige theologische Legitimation und Autorität zu verleihen.
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Wie konnte ihr Glaube nur so blind sein ?

1. Wie konnte ihr Glaube so blind sein?
In der Rückschau fragt man oft: Wie konnte der Glaube der Christen angesichts von Unrecht, Sklaverei, sozialer Missstände, staatlicher Terror, Zerstörung der Schöpfung usw. so blind sein?
Selina Moll, eine Mitunterzeichnerin der Gemeinsamen Erklärung,  erzählt uns von einer Kirchenkonferenz reformierter Kirchen in Akkra im Jahre 2004. Die Teilnehmer machten einen Besuch in einer ehemaligen Sklavenfestung an der afrikanischen Küste. Sie schilderten ihren Eindruck: „In der Festung Elmina an der Küste Ghanas lebten die holländischen Kaufleute, Soldaten und der Gouverneur auf der oberen Etage, während die Sklaven darunter, eine Etage tiefer eingekerkert waren und auf ihren Transport nach Amerika warteten. Oben beteten die frommen Christen ihre Psalmen, während Men-schen unter ihren Füßen in Ketten gelegt im Horror jenes Verlieses schmachteten. Wer heute diese Festung besichtet, fragt sich fassungslos und verstört: Wie konnten sie ihren Glau-ben so gänzlich von ihrem Leben abspalten? Wie konnten sie ihre spirituelle Erfahrung so gänzlich von dem qualvollen körperlichen Leiden direkt unter ihren Füßen trennen? Wie konnte ihr Glaube so blind sein?“
In der Vergangenheit ist dies nicht das einzige Versagen von Kirche und Christen. Es fällt sicherlich nicht schwer, hierzu weitere Beispiele zu finden.

2. Die Botschaft der Bibel ist eindeutig
Warum haben die Christen ihren Glauben nicht ernst genommen und wirklich so gelebt, wie es dem Willen Gottes entspricht? Denken wir nur an das Doppelgebot der Liebe Matthäus 22, 37ff, oder die Bergpredigt Matthäus 5ff und Lukas 6.
Wir hören von einem Glauben, der sich in der Nächstenliebe äußern muss, sonst ist er kein rechter Glaube. Aus dem Glauben folgt das richtige Handeln. Glauben darf nicht belangloses Denken, Meinen oder Reden sein, aus dem nichts folgt, sondern er muss aus sich heraus das rechte Tun setzen. Glaube ohne Werke ist kein wirklicher Glaube. Jakobus 2,14-24: So auch der Glaube, wenn er nicht gute Werke hat, so ist er tot in sich selber. Jesus: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ein guter Baum bringt auch gute Früchte hervor. Matthäus 7,16.

3. Warum aber genügt Nächstenliebe nicht, warum sich auch noch politisch engagieren? Eine weit verbreitete Meinung – bis heute
Eine weit verbreitete Meinung lautet: die Kirchen (und die Christen) mögen sich auf religiöse Fragen und Probleme der individuellen Lebensführung beschränken, sie sollen sich unpolitisch verhalten und keine konkreten Forderungen zu politischen Gegenwartsfragen erheben. Persönlicher Glaube und Glaubensgehorsam ja, nein aber zu einer politischen Parteinahme zu Gegenwartsfragen.
Zwei Bibelstellen untermauern diese Meinung: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.“ Mark 12 Vers 13-17 und Röm 13: „Seid untertan der Obrigkeit.“
Die grundsätzliche Kritik an diesem Denken:
Hier wird die Welt unzulässigerweise in zwei Bereiche eingeteilt: Auf der einen Seite die Kirche, die sich um das Seelenheil der Menschen zu kümmern hat. Auf der ande-ren Seite der Staat, die Verwaltung, die Wirtschaft, die Banken, die Industrie. In die-sen Bereichen herrschen bestimmte Zwänge und Eigengesetzlichkeiten, wirtschaftliche Gesetze usw.
Wenn unsere Welt nach solchen ehernen Gesetzmäßigkeiten abliefe, dann wären alle ethischen Überlegungen sinnlos. Dann wäre auch der Glaube für diese Welt belanglos. Der Umgang mit Kranken, Behinderten, Minderheiten usw. wäre allein von Zweckmäßigkeiten, angeblichen Sachzwängen bestimmt, es könnten vom Staat beliebige Werte proklamiert werden, wie z.B. Blut und Rasse, Apartheid, das Recht des Stärkeren.

4. Der persönliche Glaube allein genügt nicht, wir sind auch für die Welt um uns her verantwortlich
Jeder wird zustimmen, dass Glaube im persönlichen Leben Konsequenzen haben muss. Jetzt aber die entscheidende Frage: Warum genügt es nicht, persönlich Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft zu üben? Viele Menschen denken so, sie fühlen sich nicht für mehr als ihren privaten Umkreis verantwortlich.
Nächstenliebe im Alte Testament war die Zuwendung zu den Menschen, die mir nahe stehen: Familie, Sippe, Volk. Darüber hinaus durchzieht das Bemühen um Gerechtigkeit – im heutigen Sinne soziale Gerechtigkeit – das ganze AT und kommt vor allem in der Botschaft der Propheten zum Ausdruck. Das alles bleibt im NT gültig, ohne dass es eigens thematisiert wird.
Nächstenliebe im Neuen Testament am Beispiel des Barmherzigen Samariters bedeutet: Hier wende ich mich einem zu, der nicht zu meiner Sippe, Familie, ja noch nicht einmal zu meinem Volk gehört. Ich wende mich ihm zu, weil er meine Hilfe braucht, auch wenn ich ihm ganz zufällig begegnet bin. Nächstenliebe ist universal. Sie muss hineinwirken in ökonomische, politische und gesellschaftliche Strukturen, in denen geholfen wird.
Der Wille Gottes ist nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich zu tun, sondern auch im Sozialverhalten und – was in den letzten Jahren stärker in den Blick kommt – im Verhältnis zur Schöpfung und der bedrohten Umwelt. Die Alternative zu einem rein privaten Christentum ist der Einsatz für strukturelle Gerechtigkeit, Kultur der Barm-herzigkeit, nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, Wirtschaftsordnung zum Wohle aller, nicht nur der Starken, Reichen, Leistungsfähigen usw.
Die Kirche hat die Aufgabe, die Ursachen, Bedingungen und Auswirkungen wirt-schaftlicher und sonstiger Abläufe und Geschehnisse aufzudecken, über Wege zu ihrer Beeinflussung nachzudenken und scheinbaren Sachzwängen gegenüber die Freiheit des Menschen zu verantwortlichen Entscheidungen ins Spiel zu bringen.

5. Wie konnte ihr Glaube so blind sein?
Bei Stuttgart 21 geht es nicht um einen Bahnhof, ob er oben oder unten gebaut werden soll. Diese Frage wäre wohl schnell entschieden, wenn es nur die Lösung des Tiefbahnhofs gäbe. Das aber ist nicht der Fall. Spätestens seit der sogenannten Schlichtung wissen wir: Es gibt mit Erhalt und Ertüchtigung des Kopfbahnhofs eine bessere Alternative ohne Zerstörung des Parks und seiner Tierwelt, ohne Gefährdung der Mineralquellen, ohne all die weiteren Risiken, die in den letzten Wochen und Monaten ans Tageslicht gelangt sind.

Kann christlicher Glaube all diesen Erkenntnissen gegenüber blind sein?
Es ist zu hoffen, dass man die Befürworter von S 21 im Rückblick nicht die Frage stellen muss: „Wie konnte ihr Glaube so blind sein?“

Hans-Eberhard Dietrich, Pfarrer

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