Das Parkgebet feiert seinen 9. Geburtstag!

Am Donnerstag, 8. August 2019 um 18.15 Uhr im Schlossgarten bei der Lusthausruine ist es so weit: Wir feiern den 9. Geburtstag!

Eigentlich ist es kein Grund zum Feiern: dass wir seit 9 Jahren gezwungen sind, auch durch Andacht und Gebet unsern Protest gegen das Staatsverbrechen Stuttgart 21 zu zeigen und zu stärken.

Und es ist kein Grund zum Feiern: dass Politik, Wirtschaft, Behörden, Medien und Justiz in opportunistischer Verbrüderung und mafiösem Korps-Geist ein Projekt am Laufen halten, von dem jeder Informierte weiß, dass es ein unermesslicher Schaden für die Bevölkerung ist.

Und es ist kein Grund zum Feiern: Dass das Parkgebet nicht von den Kirchen organisiert wird, sondern von Ehrenamtlichen mit teils bewundernswertem Einsatz – und dass die Kirchen stattdessen leisetreterisch, konfliktscheu und staatstreu dazu schweigen.

Aber dennoch haben wir Grund zum Feiern: dass auch heute noch – nach so vielen Jahren –jeden 2. Donnerstag mehr Leute zusammenkommen als sonntags in vielen Kirchen des Landes, um für die Stadt Stuttgart zu beten.

Dennoch ist es ein Grund zum Feiern, wenn auf diese Weise alle zwei Wochen deutlich wird: (Auch) für informierte ChristInnen ist das Projekt Stuttgart 21 ein Skandal.

Und dennoch ist es ein Grund zum Feiern: Wenn auf diese Weise – ganz wie bei den biblischen Propheten – Glaube und Protest sich verbinden, wenn Glauben sich nicht auf Herzensfrömmigkeit beschränkt, sondern Verantwortung für die Welt übernimmt – und zwar ganz konkret und missbilligt von den Mächtigen.

Und so feiert das Parkgebet gerne seinen 9. Geburtstag! Denn in den vergangenen 9 Jahren seit August 2010 haben im Schlossgarten wohl um die 250 Parkgebete stattgefunden – bei jedem Wetter und immer mit ansehnlicher Besucherzahl, um für das Wohl unserer Stadt zu beten und sich auszutauschen.

Herzliche Einladung zum Jubiläums-Parkgebet, das wieder Guntrun Müller-Enßlin und Sylvia Rados gestalten werden – unterstützt wie immer von den BläserInnen des unvergleichlichen „Parkblechs“.

Ansprpache beim Parkgebet am 11. Juli 2019 zu Jesaia 2, Vers 4

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Liebe Parkgebetsgemeinde,

die heutige Tageslosung ist mir eine besondere Freude. Es ist der Jesaia-Vers, der seit Jahrzehnten die Friedensbewegung begleitet: „Der HERR wird zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.“ (Jesaja 2,4)

Das hat es doch wieder mal schön getroffen. Denn nach biblischem Verständnis ist auch unser Kampf gegen S21 wirkliche Friedensarbeit, weil wir auch mit unserem Widerstand hier an dem großen Ziel des Schalom mitarbeiten. Gemeint ist ja in der Bibel mit Schalom nicht nur das Schweigen der Waffen, sondern ein umfassender Friede, auch ein Friede mit der Schöpfung.

Wenn Jesaia die Vision eines großen Friedens hat, bei dem keine Schwerter und Spieße mehr gebraucht werden, sondern sie zu friedlichen Hilfsmitteln wie Pflugscharen und Sicheln umgeschmiedet werden, dann hat er ja eine Veränderung der ganzen Welt-Gesellschaft im Blick: eine Weltgesellschaft, in der auch z.B. Wohnungen nicht mehr gebaut werden, um damit Geld zu verdienen, sondern einfach, um so viel Wohnraum herzustellen wie benötigt wird. Handel wird nicht mehr in der Absicht betrieben, den Konkurrenten zu besiegen, sondern in der Absicht, die Menschen mit den Handelsgütern zu versorgen, die sie brauchen. Und Worte werden nicht mehr wie Schwerter genutzt, um andere zu übertrumpfen oder ihnen wehzutun, sondern als heilsames Mittel der Wahrheitsfindung und der gegenseitigen Hilfe.

Beim Beispiel Worte als Waffen könnten wir ja wirklich viele, viele Beispiele aus dem Kreis der S21-Propagandisten nennen, für die Worte offenbar immer nur eines sind: Waffen zur Durchsetzung des Projekts. Mir ist da kürzlich der Staatssekretär im Bundes-Verkehrsministerium Steffen Bilger aufgefallen. Als der SWR seine Rechercheergebnisse öffentlich gemacht hatte, dass S21 nicht für den Deutschlandtakt geeignet ist, da stellte er sich vors Mikrofon und behauptete einfach: „Das ist alles genau durchgerechnet und von der Bahn überprüft; das wird funktionieren.“ Bei so viel Dreistigkeit bleibt einem die Spucke weg.

Der Prophet Jesaia ist da aber auch nicht naiv und hofft nicht einfach, dass selbst einer wie dieser opportunistische CDU-Politiker es schon noch lernen wird, Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 13. Juni 2019 zu Mt 7, 17-21 (in Ausschnitten) von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Jeder gute Baum bringt gute Früchte, der faule Baum aber bringt schlechte Früchte. … Also werdet ihr sie an ihren Früchten erkennen. Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel kommen, sondern wer den Willen meines Vaters in den Himmeln tut.

Dieser Vergleich Jesu aus der Landwirtschaft ist unter uns sprichwörtlich geworden: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Das bedeutet übertragen auf das menschliche Zusammenleben, dass es weniger auf die großen Worte ankommt als vielmehr auf die Taten. Mit Worten mag sich ein Mensch noch verstellen können, mit seinen Taten verrät er seinen wahren Charakter. Ich habe diesen Text ausgewählt, weil unsere Bundeskanzlerin so großen Beifall erhalten hat, als sie in den USA bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde davon sprach, die Wahrheit dürfe nicht Lüge und die Lüge nicht Wahrheit genannt werden. Ich habe ihr deshalb geschrieben:

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel,
zu Ihrer mutigen Aussage aus Anlass der Verleihung der Ehrendoktorwürde in den USA, wir dürften die Lüge nicht Wahrheit und die Wahrheit nicht Lüge nennen, möchte ich Sie beglückwünschen. Diese Äußerung ist allgemein als Kritik an Präsident Trump verstanden worden. Mir fiel dabei das drastische Bildwort Jesu aus Mt 7,1-5 ein: Ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du zusehen, den Splitter aus deines Bruders Auge zu ziehen. Es reicht nicht aus, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Es kommt vielmehr darauf an, dass wir nach dieser Unterscheidung konsequent der Wahrheit dienen und nicht der Lüge. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie auf das Projekt Stuttgart 21 ansprechen. Wenn wir bei diesem Projekt Lüge und Wahrheit sauber trennen, dann sind zumindest zwei Lügen beim Namen zu nennen: Die vielfachen Kostenlügen und die vielfach wiederholte Leistungslüge. Ich setzte voraus, dass Sie über beide hinreichend informiert sind.
Spätestens seit der Aussage von Thilo Sarrazin im Juni 2018 vor dem Verkehrsausschuss des Bundestags ist unbestreitbar, dass die Unrentabilität des Projekts bereits 2001 bekannt war. Deshalb ist Ihre Einschätzung vom September 2010 hinfällig, von der Durchführung dieses Projekts hinge die Zukunftsfähigkeit Deutschlands ab. Vielmehr ist eine zukunftsfähige Bahninfrastruktur im Großraum Stuttgart nur möglich durch die Ertüchtigung des Kopfbahnhofs, der zu den genialsten Bahnhöfen Deutschlands zählt. Er ermöglicht im Gegensatz zu der schrägen Untergrundhaltestelle Stuttgart 21 den integralen Taktfahrplan. Diesem gehört nach Auskunft aller Fachleute die Zukunft. Seit 2016 liegt der Plan „Umstieg 21“ vor, bei dem der Kopfbahnhof erneuert und die Baugrube von Stuttgart 21 produktiv genutzt wird als Busbahnhof und Parkplatz für Taxis und Fahrräder. Dadurch kann anders als bei S 21 mehr Autoverkehr auf die Schiene kommen zur Erreichung der Klimaziele.

Sie haben in den USA Hermann Hesse zitiert, der einst aus verkrusteten Strukturen ausgebrochen ist zu neuen Anfängen. Der Zauber, den er dabei erlebte, war ein solcher von Neuanfängen, durchaus auch in der Form von Umkehr, wie sie einst Jesus propagierte (Mk 1,15). Sie haben die Chance, noch vor dem absehbaren Endes Ihrer Amtszeit als Kanzlerin diesen Zauber der Umkehr erneut zu erleben, indem Sie beim Projekt Stuttgart 21 der Wahrheit folgen und nicht den Lügen.

Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahren habe, fühlen sich die derzeitigen Verantwortlichen bei der Deutschen Bahn AG von der Politik behindert, das Projekt abzubrechen, um dadurch dem Vorwurf der strafbaren Untreue zu entgehen. Die Herren Grube und Lutz haben offen gesagt, sie würden aus heutiger Sicht das Projekt nicht mehr beginnen. Es liegt also an Ihnen, kraft Ihrer Richtlinienkompetenz den strafbaren Weiterbau des Projekts zu beenden und damit die Bahnführung vor drohender Strafverfolgung zu bewahren. Und nicht nur dies. Ihr Einsatz für das Projekt zu Beginn des Jahres 2013, als der Weiterbau auf der Kippe stand, könnte auch für Sie selbst bedrohlich werden. Sie könnten im Ruhestand der Anstiftung zur Untreue angeklagt werden.
Aber auch wenn die Staatsanwaltschaft davor zurückschrecken sollte, gegen Sie zu ermitteln, droht ihr politischer Lebensabend vom Projekt Stuttgart 21 überschattet zu werden. So erging es Helmut Kohl, nachdem er durch das unehrenhafte angebliche Ehrenwort nicht der Wahrheit gedient hatte, sondern der Lüge, wie durch Wolfgang Schäuble zu erfahren war. Wollen Sie sich entsprechendes antun?
Das Problem des Katastrophenschutzes bei Stuttgart 21 soll im Rahmen des Verfahrens der Inbetriebnahme gelöst werden. Dies ist mir aus dem Verkehrsministerium unter Minister Dobrindt schriftlich mitgeteilt worden. So wurde auch beim Flughafen BER verfahren. Dort ist der Termin der Fertigstellung immer noch offen. Beim Tiefbau Stuttgart 21 sind Änderungen aber nicht so einfach wie beim oberirdischen Flughafen BER. Dies bedeutet, dass Stuttgart 21 dem Schicksal des schnellen Brüters in Kalkar entgegen gehen kann. Dieser kostete viele Milliarden DM, ging aber nie ans Netz. Der internationale Spott über Stuttgart 21 kann den über den Flughafen BER um ein vielfaches übersteigen und für den Rest Ihres Lebens mit Ihrem Namen verbunden sein. Erst recht wird man sich an Ihre Befürwortung von Stuttgart 21 erinnern, wenn Gipskeuperquellungen den Bahnverkehr im Raum Stuttgart lahm legen und zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führen.

Sie haben in verschiedenen Entscheidungen, ganz besonders beim Atomausstieg, bewiesen, dass Sie von Vernunft und Verantwortung geleitet umkehren können. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Ihnen auch in Sachen Stuttgart 21 eine solche vernünftige und verantwortliche Umkehr gelingt und Sie im Ruhestand den Zauber des Neuanfangs im Stuttgarter Bahnverkehr erleben können.
Hochachtungsvoll
Friedrich Gehring, Pfr. i. R.
Ich bin mir natürlich nicht sicher, dass ich als einzelner daher gelaufener Ruhestandspfarrer bei der Kanzlerin etwas ausrichten kann. Deshalb habe ich auch noch einen entsprechenden Leserbrief an die Frankfurter Rundschau geschickt. Denn als Nachfolger Jesu kann ich die Hoffnung auf die menschliche Umkehrfähigkeit nicht aufgeben. Amen.

Leserbrief (Frankfurter Rundschau, 13.6.2019, S. 18)
Stuttgart 21 als Prüfstein für Merkel
Arno Widmanns Analyse von Angela Merkels Harvardrede trifft den Kern der Misere, dass sie zwar die nach dem Rezo-Video nötigen Fragen stellt, aber sich um Antworten drückt. Vor Trumpkritikern zu sagen, Lüge dürfe nicht Wahrheit und Wahrheit nicht Lüge genannt werden, bringt ihr wohlfeilen Beifall, noch bevor klar ist, ob sie der Lüge oder der Wahrheit dient. Als prägnantester Prüfstein dafür darf das Projekt Stuttgart 21 gelten. Von dessen Durchführung machte sie 2010 die Zukunftsfähigkeit Deutschlands abhängig. Inzwischen sind die Kostenlügen und die Leistungslügen hinreichend entlarvt. Thilo Sarrazin hat im Juni 2018 erklärt, dass das Projekt bereits 2001 als ein krasses Verlustgeschäft erkannt war. Nicht erst durch späteres Wissen, wie die Bahnchefs Grube und Lutz versicherten, sondern von Anfang an war der Bau wegen Unrentabilität nach Aktienrecht strafbare Untreue. Die Kanzlerin setzte dennoch nachweislich anfangs 2013 den strittigen Weiterbau durch. Sie wird wohl kaum im Ruhestand wegen Anstiftung zur Untreue angeklagt werden, aber das Projekt kann ihren politischen Lebensabend verdüstern wie Helmut Kohl den seinen durch sein unehrenhaftes angebliches Ehrenwort.
Angela Merkel hat noch kurze Zeit, von Vernunft geleitet umzukehren wie etwa beim Atomausstieg. Seit 2016 liegt das Konzept „Umstieg 21“ vor, das die Baugruben des Untreueprojekts S 21 nutzt für Bus-,Taxi- und Fahrradverkehr, den genialen Kopfbahnhof verbessert und gegenüber S 21 Milliarden einspart. So kann Autoverkehr zur Klimarettung vermehrt auf die Schiene kommen samt integriertem Taktfahrplan, den alle Fachleute empfehlen, der aber mit dem Engpass der schrägen Untergrundhaltestelle S 21 nicht geht. Die noch ungelösten Probleme des Katastrophenschutzes werden wie beim Flughafen BER eine Inbetriebnahme gewaltig verzögern oder dazu führen, dass S 21 endet wie der schnelle Brüter in Kalkar, der zwar fertig gebaut wurde, aber nie ans Netz ging. Aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, dass die Bahnführung sich von der Politik an vernünftigen Lösungen gehindert sieht. Es liegt also an der Kanzlerin. Im Wahlkampf 2014 sagte sie: „Sie kennen mich, uns allen geht es gut“. Aber an ihren Früchten werden wir sie nun erst richtig kennen lernen.
Friedrich Gehring, Backnang

Parkgebet 16. Mai 2019 Apg. 16, 23ff Paulus und Silas im Gefängnis Pfarrer i.R. Hans-Eberhard Dietrich

Liebe Parkgemeinde,

1. Sonntag Kantate und seine Bedeutung im Rhythmus des Kirchenjahres
„Da wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder“. Das stimmt zwar nicht ganz, warum sollen böse Menschen nicht auch auf ihre Art ihre Lieder singen. Der Satz stimmt aber, wenn wir ihn in dem Zusammenhang lesen, wie ihn der Dichter ursprünglich gemeint hat:
„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singt, da wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder.“ (Seume)

Damit haben wir das Thema heute angesprochen: Singen, so wie auch der nächste Sonntag heißt: Kantate, singt dem Herrn ein neues Lied.

Im Rhythmus des Kirchenjahres befinden wir uns in der Mitte zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen der Auferstehung Jesu und der Ausgießung des Heiligen Geistes über seine Jüngerinnen und Jünger. Diese sechs Sonntage haben (wie auch die Sonntage vor Ostern) alle ihren Namen, natürlich auf lateinisch: Quasimodogeniti, Miserikordias Domini, Jubilate, Kantate, Rogate und Exaudi. Mit dem Namen ist jeweils ein eigenes Thema verbunden: Da werden immer neue Facetten beleuchtet von dem, was es heißt, wenn wir bekennen: Christus ist auferstanden.
Da geht es um die Taufe, ums Beten, Jesus als der gute Hirte usw. Und letztlich auch ums Singen. Kantate. Singt dem Herrn ein neues Lied.

2. Die Bedeutung des Singens, auch in unserer Bewegung
Nicht nur im Glauben spielt der Gesang eine wichtige Rolle. Wir alle erinnern uns sehr gut an die Anfänge unserer Protestbewegung, da wurde noch sehr viel gesungen, kreativ wurden Lieder gedichtet, bekannte Melodien umgeschrieben usw. usw. Das Singen und die Lieder als Ausdruck der Begeisterung und des Protests. „Mit Liedern gegen Stuttgart21“, so hatten die Kopf-Bahnhof-Singers 2015 ihr Liederbuch genannt. Und sie singen noch heute nach der Montags-Demo im Bahnhof.

Und wie steht es heute neun Jahre später? Irgendwie ist das fröhliche, unbeschwerte Singen bei den Demos verstummt. Ist uns das Singen vergangen, weil unser Protest schon so lange dauert? Wir wollen es nicht beklagen. Alles Ding hat seine Zeit. Vielleicht war dieses Singen ein starker Motor, der zu Beginn unseren Protest erst richtig in Schwung gebracht hat.

3. Das Singen setzte sich fort in Aufklärung über die eigentlichen Hintergründe des Projekts
Auf die Begeisterung des Anfangs folgte notwendig die kontinuierliche Aufklärung, Erforschung und Darstellung aller Facetten und Einzelheiten dieses Projektes, die gesellschaftliche Analyse der Hintergründe, das Aufzeigen der Auswirkungen auf Verkehr und Klima usw. usw. Ich meine, darin liegt die eigentliche Leistung und wenn man will der Erfolg unseres Protestes.
Da wird in der Politik in Stadt und Land ein Projekt als alternativlos, als fortschrittlich, als zukunftsweisend, als innovativ bezeichnet und wie die ganzen Schlagwörter hießen. Und da gibt es uns, die wir sagen: Nein, es gibt Alternativen. Eure ganzen Schlagworte sind verlogen.
Und kontinuierlich weisen wir seitdem auf den Rechtsbruch, auf die Geld- und Ressourcenverschwendung hin, auf die Umweltschäden und die Beschädigung der Rechtskultur. Mit unserem Protest machen wir deutlich: Wir machen nicht länger mit bei einem unnützen und menschenverachtenden Großprojekt.

4. Eine wichtige Erkenntnis: Großprojekte als Ausgeburt des Neokapitalismus
Eine ganz wichtige Erkenntnis, die ich im Laufe der Jahre gewonnen habe, und vielleicht ist es auch vielen von Euch so ergangen, ist die: Die Triebfeder solcher Großprojekte ist der Neokapitalismus. Und der hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte als der unumschränkte Souverän und Herrscher klammheimlich in unserer Gesellschaft breit gemacht. Diese Ideologie hat sich bis in die Alltagssprache und das Denken hinein verfestigt, so dass es die meisten Menschen gar nicht mehr merken.
Ich will ein paar solcher Schlagworte nennen: Wachstum, Qualitätssicherung, Fortschritt, Innovation. Es ist nicht schlimm, falsch oder gar verwerflich, solche Wörter zu gebrauchen. Schlimm ist es, dass man sie nicht mehr hinterfragt, z.B. Fortschritt, ja wohin? Wachstum, ja wohin, wozu? In der Medizin nennt man grenzenloses Wachstum Krebs.

Unser Protest macht deutlich: Wir spielen nicht mehr mit beim neoliberalen Kapitalismus, der bedenkenlos die Erde ausplündert und die Klimakatastrophe schulterzuckend hinnimmt mit den Argumenten: Wir machen doch schon so viel, wir können nur zusammen mit Europa handeln, und wie die Ausreden alles heißen.

5. Gotteslob im Gesang an einem ungewohnten Ort: Paulus und Silas im Gefängnis
Aber zurück zum Singen im Glauben. Wir hier im Parkgebet singen noch, das Parkblech spielt noch. Es gibt ein Gotteslob auch jenseits von Hochstimmung und Aussicht auf Erfolg.
Ein schönes Beispiel wird uns aus der Frühzeit der Kirche in der Apostelgeschichte Kap. 16 erzählt. Es ist der Predigttext des nächsten Sonntag Kantate. Der Text ist zum Vorlesen zu lange, so dass ich nur das Wichtigste erzählen will.

Paulus und Silas auf Missionsreise in Philippi, in Griechenland, eine Bezirkshauptstadt des römischen Reiches. Eine kleine Gemeinde hatte sich schon gebildet. Sie haben noch keine Kirche, noch nicht einmal einen eigenen Raum, wo sie sich versammeln könnten. Nein, draußen vor der Stadt, am Fluss, kommen sie zusammen. Gottesdienst im Grünen sozusagen, auch dem Wechsel des Wetters ausgesetzt. Von der sehr langen und wunderbaren Erzählung soll uns nur das eine beschäftigen.

Da hatten die beiden Zeugen durch ihre Predigt des menschenfreundlichen Christus einigen Sklavenhändlern das Geschäft verdorben. Sie hetzen den Mob auf die beiden Apostel, die Obrigkeit leiht ihnen willfährig ihre Macht, sie werden ausgepeitscht, gegen jedes Recht und Gesetz, und ins Gefängnis geworfen.
Es ist wie so oft in unserer Welt: Wo Geld und Macht die beherrschende Rolle spielen, da bleibt das Recht auf der Strecke. Dort sitzen sie, die Hände und Beine zwischen zwei Balken gepresst, bewegungslos und mit blutenden Rücken.
Was tun sie: Sie fluchen nicht, sie wünschen ihren Peinigern und den Rechtsbrechern auch nicht alles Böse an den Hals, sie klagen auch nicht Gott ihren Schmerz. Sie haben es sicherlich erraten, was sie tun:
Mitten in der Nacht fangen sie an zu singen, sie stimmen Gott ein Loblied an.
Sie singen aus der Tiefe ihrer Not heraus, gleichsam als die letzte Möglichkeit ihrer Verkündigung des Evangeliums vom Kreuz. Das neue Lied von Ostern. In menschlich auswegloser Lage erklingt das neue Lied. Es besingt hoffnungsstark die Erfüllung von Gottes Verheißung.

Man fragt sich: Wie kommen die Apostel, wie kommen überhaupt Menschen dazu, Gott zu loben? Mir ist dazu ein Text von Hanns Dieter Hüsch eingefallen. Viele von Euch kennen ihn vielleicht:

Was macht, dass ich so fröhlich bin?
Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin
in meinem kleinen Reich?
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält?
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.
Hanns Dieter Hüsch

6. Ein bewundernswerte Gelassenheit des Glaubens, einfach zum Nachahmen
Ich finde eine solche Gelassenheit, eine solche Zuversicht und Leichtigkeit des Lebens, wie es Hüsch hier singt, bewundernswert, einfach zum Nachahmen und Einstimmen.
Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,

Ich könnte mir denken, dass die beiden Apostel Silas und Paulus im Gefängnis auch von dieser Zuversicht des Glaubens durchdrungen waren, dass sie einfach anfingen, mitten der Nacht ein Lied anstimmten,
Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

7. Der Ausgang der Geschichte
Nun, liebe Parkgemeinde, Ihr wisst vielleicht, wie die Geschichte damals in Philippi ausgegangen ist. Die Geschichte hat ein Happyend. Die Apostel werden durch ein Erdbeben befreit, ja der Gefängniswärter ist so von dem Gesang und dem Erdbeben beeindruckt, dass er zum Glauben kommt, ein neuer Mensch wird. Ich kann mir bei ihm nicht vorstellen, dass er weiterhin ein willfähriger Handlanger der Herrschenden bleibt. Leider wird uns nichts von seinem Schicksal berichtet. Nur so viel, dass er und seine ganze Familie sich taufen lassen. Ein echter Glaube setzt aus sich gute Werke heraus, wie Luther nicht müde wird zu betonen. Und ich könnte mir gut denken, dass jetzt auch der Gefängniswärter samt seiner Familie, alle einstimmen in das neue Lied des Glaubens.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Amen

Ansprache beim Parkgebet am 2. Mai 2019 zu Jer 28,5-9 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Da sprach der Prophet Jeremia zum Propheten Hananja vor den Priestern und allen Leuten, die im Hause des Herrn standen: … So sei es! Möchte der Herr das tun! Möchte der Herr deine Worte, die du geweissagt hast, erfüllen, und die Geräte des Hauses des Herrn und die Verbannten alle von Babel an diesen Ort zurück bringen. Nur höre dieses Wort, das ich dir und allem Volke zu sagen habe: Die Propheten, die vor mir und vor dir gewesen sind von alters her, die haben über viele Länder und Königreiche geweissagt von Krieg und Unheil und Pest. Wenn aber ein Prophet von Frieden weissagt, so wird man daran, dass sein Wort eintrifft, erkennen, dass in Wahrheit der Herr diesen Propheten gesandt hat.

Da kam es also zum Streit der Propheten. Hananja bietet die Heilsbotschaft, die das Volk gerne hört. Die große Schmach der Niederlage gegen die Babylonier, die Wegführung der israelischen Eliten nach Babel und der Raub der heiligen Geräte des Tempels im Jahr 597 v. Chr., das soll in Kürze alles wieder gut werden. Dazu braucht es natürlich einen neuen Krieg. Davor warnt Jeremia eindringlich und rät, sich mit der Herrschaft der Babylonier zu arrangieren statt durch einen militärischen Aufstand alles noch schlimmer zu machen. Die Situation erinnert mich an die Jahre nach 1945, als nicht wenige unbelehrbare Deutsche auf einen neuen Krieg hofften, bei dem sie sich dann auf der Seite der Sieger phantasierten. Als ob die riesigen Kriegsschäden noch nicht genug waren.
Jeremia tritt dem populistischen Heilspropheten mit einem hölzernen Joch auf den Schultern öffentlich entgegen. Er drückt damit aus: Der Gott Israels lädt euch das Joch Babels auf. Er kündigt zugleich dem Hananja an, dass er daran gemessen wird, ob seine Heilsweissagungen eintreffen. Daraufhin nimmt Hananja in einem spektakulären Akt das Joch von Jeremias Schultern und zerschmettert es. Auch nach 2600 Jahren können wir uns leicht vorstellen, wie die Menge gejohlt haben mag und wie Jeremia wie ein begossener Pudel nach Hause geschlichen ist.

Ich habe diesen Bericht für unser heutiges Parkgebet ausgewählt, weil ich von Michael Pradel, dem Bauleiter für Stuttgart 21 den Satz gelesen habe: „Die Leute, die heute noch zur Elbphilharmonie nach Hamburg pilgern, kommen dann in den Stuttgarter Hauptbahnhof, um die Architektur zu begutachten und sich daran zu erfreuen.“ Da hätte ich gerne mit Jeremia gesagt: „Dein Wort in Gottes Ohr. Es wird sich noch zeigen, ob deine Heilsweissagung eintrifft“. Der Vergleich mit der Hamburger Elbphilharmonie erschöpft sich darin, dass das Bauwerk auch um ein Vielfaches teurer wurde als geplant. Das Ziel war dort eine gute Akustik, die scheint gelungen. Das Ziel bei Stuttgart 21 ist gelingender Bahnverkehr. Danach sieht es aber nun wirklich nicht aus. Selbst in Hamburg ist noch nicht aller Tage Abend. Ich erinnere an die Berliner Kongresshalle, die wegen ihres genial geschwungenen Dachs von den Berliner „schwangere Auster“ genannt wurde. Sie hatte auch eine tolle Akustik, ich konnte das selbst 1960 kurz testen. 1980 brach das Dach ohne Vorwarnung ein. Danach wurden die statischen Planungsfehler erkannt. Ich will kein Unheilsprophet für Hamburg sein und möchte deshalb noch nicht daran denken, dass die Elbphilharmonie einmal durch den Klimawandel im Wasser stehen wird.

Aber für S 21 bleibt mir zunächst nur die Rolle des Unheilspropheten Jeremia. Ich muss Michael Pradel und anderen S 21-Fans den Vergleich mit dem Berliner Flughafen vorhalten. Er sollte 2012 in Betrieb gehen, der Brandschutz ist bis heute noch nicht fertig. Bei S 21 will man die Brandschutzprobleme im Rahmen der Inbetriebnahme lösen. Während man in Berlin manches neu bauen konnte, wird man bei S 21 die Tunnel oder die Untergrundhaltestelle nicht mehr verbreitern können, um den Anforderungen des Brandschutzes zu genügen. S 21 geht dem Schicksal des schnellen Brüters in Kalkar am Niederrhein entgegen, der Milliarden DM verschlang und dann nie ans Netz ging. Heute ist dort ein Vergnügungspark. Der Vergleich mit diesem Projekt könnte Michael Pradel recht geben. Vielleicht wird aus einem Teil der Untergrundhaltestelle noch eine Markthalle, in der die Einkaufenden die Kelchstützen begutachten können als Mahnmal gegen die neoliberale Verblendung, in der diese Haltestelle einmal als Deutschlands goldene Zukunft galt.

Ich will nicht verschweigen, dass das Schicksal des Jeremia nicht besonders ermutigend erscheint. Er sollte recht behalten. Der Aufstand der populistischen und militaristischen Elite um den König endete in der Katastrophe. Das hat aber vermutlich Jeremia nicht geholfen. Wahrscheinlich haben ihn seine Gegner nach Ägypten verschleppt, wo sich seine Spur im Dunkel der Geschichte verliert. Ich will aber in dieser nachösterlichen Zeit nicht ins Schwarzmalen verfallen. Das Geschick des Jeremia muss sich heute nicht wiederholen. Je länger sich der Bau von S 21 hinzieht, umso mehr wird seine Unsinnigkeit in breiten Bevölkerungsschichten bewusst und umso mehr werden die Bahnverantwortlichen selbst unter dem Projekt leiden. Diesen Eindruck haben die Vertreter des Aktionsbündnisses in den Gesprächen mit den Bahnvorständen. Insbesondere die Kosten werden mehr und mehr schmerzen. Irgendwann wird auch die Bundesregierung bei Wahlen den politischen Preis bezahlen müssen für das Unsinnsprojekt, das sinnvollem Bahnverkehrsausbau im Wege steht. Und umso länger bleibt der Kopfbahnhof erhalten und kann seine Überlegenheit und Zukunftsfähigkeit unter Beweis stellen.

Es mag sein, dass die Älteren unter uns den Meinungsumschwung der Verantwortlichen nicht mehr erleben werden. Aber deshalb sind wir eine Bewegung, die länger bestehen wird als die Einzelnen. Ich denke dabei an eine Szene aus Bert Brechts „Die Tage der Commune“. Als sich die Protagonisten einer neuen sozial vorbildlichen Pariser Gesellschaft angesichts des feindlichen Geschützfeuers ihrem nahen Ende konfrontiert sehen, sagt Genevieve zu Jean: Nun Jean, wir lernen. Da antwortet Jean: Das wird uns viel nützen, wenn wir ins Gras beißen. Da erwidert sie: Ich sagte wir, das sind mehr als du und ich. Tatsächlich haben sich die kühnen Vorstellungen der Pariser Commune 100 Jahre später in der europäischen Sozialgesetzgebung durchgesetzt.

Ich sehe darin etwas vom unerschütterlichen nachösterlichen Vertrauen der Jüngerschaft Jesu. Lassen wir uns auch in unseren Tagen anstecken von dieser österlichen Zuversicht. Amen.

KlimaSkandal Stuttgart 21 – Demo 11.5.19

Auch wir Theologinnen und Theologen gegen Stuttgart 21 laden herzlich ein zur Klima-Demo

am Samstag, 11. Mai, um 14 Uhr vor dem Hauptbahnhof Stuttgart

Von Beginn der Proteste gegen Stuttgart 21 an war dies ein zentraler Punkt: Der Tiefbahnhof ist eine Klima-Sünde: denn er bewältig viel zu wenig Züge und verhindert deshalb einen breiten Umstieg vom Auto auf Öffentlichen Verkehr.

Viele weitere klimaschädliche Aspekte des Tiefbahnhofs kommen dazu:
– die steilen Tunnelstrecken sind Energiefresser
– der zerstörte Schlossgarten fehlt als grüne Lunge der Stadt
– eine Bebauung des Rosenstein-Viertels stört die Frischluftströme für die City
– mit den Kopfbahnhofgleisen fehlt ein wichtiger Kühlkörper fürs Stadtzentrum
– durch die ICE-Verbindung zum Flughafen wird der Flugverkehr verstärkt
– Unmengen Beton für die Tunnels erzeugen Unmengen an CO2
– usw.

Deshalb ist es uns ein Anliegen, zusammen mit den „Fridays for future“-DemonstrantInnen für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen.

Im Blick auf Stuttgart 21 fordern wir:
sofortiger Baustopp und sofortiger Einstieg in die Planungen für die Modernisierung des Kopfbahnhofs.
Es ist noch lange nicht zu spät für „Umstieg 21“: http://www.umstieg-21.de

Ansprache beim Parkgebet am 18.4.2019 zu Mt 26, 47-52 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Und während er noch redete, siehe, da kam Judas, einer der Zwölf, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und Stöcken von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes her. Der aber, der ihn verraten wollte, hatte ihnen ein Zeichen gegeben, und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist’s, nehmet ihn fest. Und alsbald trat er auf Jesus zu und sagte: Sei gegrüßt, Rabbi! Und küsste ihn. Jesus aber sprach zu ihm: Freund, wozu bist du hier? Da traten sie hinzu, legten Hand an Jesus und nahmen ihn fest. Und siehe, einer von denen, die bei Jesus waren, streckte die Hand aus, zog sein Schwert, schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. Da sagt Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.

Am Gründonnerstag erinnern wir uns als Christen an die Nacht der Gefangennahme Jesu, der am Karfreitag seine Kreuzigung folgen wird. In diesem Augenblick wird seine tödliche Bedrohung konkret, nachdem seine Gegner schon zuvor Mordpläne geschmiedet hatten (Mk 3, 6). Die Evangelisten betonen den Konflikt Jesu mit den politischen und religiösen Autoritäten in Israel, denen Jesus die Geschäftemacherei im Tempel als Räuberei vorgeworfen hatte. Der Konflikt mit den römischen Besatzern tritt dahinter zurück. Jesus hatte den Machtmissbrauch der herrschenden Römer gebrandmarkt (Mk 10, 42-44) und zu einem Boykott römischer Währung aufgerufen (Mk 12,13-17). Der Satz: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört, war ursprünglich ein Hinweis, dass Juden das Bild des Kaisers auf den römischen Münzen als Götzenbilder nicht bei sich tragen durften. Ein Boykott römischen Geldes hätte die römische Ausbeutung der Juden zumindest erheblich erschwert. Deshalb ist Jesus auch eine Gefahr für die Römer und wird nicht von Juden gesteinigt, sondern von Römern gekreuzigt.

Die Szene der Gefangennahme hat eine besondere Bedeutung deshalb, weil auch in der tödlichen Bedrohung durch die bewaffneten Gegnern Jesus konsequent an der Gewaltlosigkeit festhält. Für seine Botschaft von der Feindesliebe und dem Frieden stiften besteht er hier die härteste Bewährungsprobe, die einem Menschen abverlangt kann. In diesem Augenblick opfert sich Jesus tatsächlich für seine Jünger, sodass Johannes ihn sagen lassen kann: „Wenn ihr also mich sucht, so lasset diese gehen“(Joh 18,8). Das bedeutet nicht, dass Jesus für die Sünden der Welt stirbt als Opferlamm, sondern dass er die Sünden der Welt verringert. Die Römer können ihn zwar töten, aber seine Botschaft nicht ausrotten. Die Botschaft vom barmherzigen und Frieden stiftenden Gott lebt weiter. Die ersten Christen praktizieren das faire Teilen und über Jahrhunderte verweigern Christen den Kriegsdienst, weil sie im Loyaltätskonflikt zwischen der römischen Staatsmacht und dem barmherzigen Friedensgott nach der Maxime leben: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“(Apg. 5,29).

Was bedeutet das für uns als Nachfolger Jesu? Ende des 18. Jahrhunderts haben Stuttgarter Pietisten eine Wehrübung auf dem Wasen verweigert und gesagt, lieber würden sie selbst sterben als dass sie im Krieg andere töten. So viel ich weiß, kamen sie ungeschoren davon. Nach zwei Weltkriegen wurde 1949 in unserem Grundgesetz das Recht auf Kriegsdienstverweigerung verbrieft. Nachdem immer mehr verweigerten wurde schließlich vor Jahren die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt und die Bundeswehr hat Nachwuchssorgen.

Auch für uns Christen, die wir gegen das Projekt Stuttgart 21 eintreten, spielt die Gewaltlosigkeit Jesu eine bedeutende Rolle. Am „Schwarzen Donnerstag“ wurde zwar versucht, den Demonstranten Steinewerferei anzuhängen, der Vorwurf wurde aber zum blamablen Bumerang. Die Gewaltlosigkeit der Demonstrierenden wurde zur Macht: Selten vorher und nachher wurde die neoliberale Politik, die Stuttgart 21 als ihr zentrales Schlüsselprojekt darstellte, derart öffentlich blamiert. Die Maske der allgemeinen Wohltätigkeit wurde abgerissen und die brutale Fratze des Mammon dahinter bloßgestellt. Die Szene erinnerte an Vorgänge im Istanbuler Gezipark und an die türkischen Machthaber, von denen man sich hierzulande gerne überheblich distanzieren möchte.
Auch wenn es fünf Jahre dauerte, so wurde am Ende doch klar, dass dieser Polizeieinsatz gesetzwidrig war und gut zu einer Diktatur passt, nämlich zu der Diktatur der Lobbyisten. Diese funktioniert, wenn die Parlamentarier ihnen um des Mammons willen in vorlaufendem Gehorsam untertan sind. Die Demonstranten konnten zwar verletzt, aber nicht besiegt werden, und unser Widerstand geht weiter.

Die Warnung Jesu: Wer zum Schwert greift, wird durchs Schwert umkommen, gilt allerdings auch für uns als Gegner von S 21. Ich denke an die Besetzung des Grundwassermanagements. Die Gewaltanwendung fand zwar auf einer niedrigen Ebene statt, dennoch haben diejenigen, die meinten, so ihre Stadt verteidigen zu müssen, zum Teil einen sehr hohen Preis bezahlt. Die Warnung Jesu hätte in diese Situation hinein übersetzt bedeutet: Wer den Gegnern in die Falle läuft und Bauzäune einreißt oder gar Fahrzeuge beschädigt, wird in unserem Land die ganze Härte der Gerichte spüren, die bisweilen auf der Seite der Mächtigen stehen. Ich sehe im Rückblick diesen Abend als eine gezielte Falle, die uns gestellt wurde, um uns kriminalisieren zu können. In eine solche sollten wir nicht mehr tappen.

Auch auf verbale Gewalt, auf Kraftworte, kann die Warnung Jesu bezogen werden. Im Schwäbischen gibt es ja den Begriff der „Schwertgosch“. Ich muss da ganz persönlich immer wieder auf mich achten. Auch mit gesprochenem oder geschriebenem Wort können wir Konflikte so eskalieren, dass dies auf uns selbst zurückfällt. Diese Sorge muss uns nicht zu Duckmäusern machen. Wir dürfen und müssen in der Nachfolge Jesu das Unrecht immer wieder beim Namen nennen. Es gilt dabei aber, Person und Sache zu trennen, nicht Personen als ganze zu verureilen, sondern nur das beanstandete Verhalten. Ich habe in kritischen Situationen die Erfahrung machen können, dass den Gegnern einen Ausweg zu lassen mir selbst genützt hat.

Der Barmherzige Gott und Vater Jesu schenke uns, dass wir beim Kampf gegen Unrecht und Machtmissbrauch die Botschaft von der Feindes- und Friedensliebe nicht verraten. Amen.