Pfingstgottesdienst am 1.6.2020, mit Pfr.i.R. Friedrich Gehring

Liebe Freundinnen und Freunde des Parkgebets,

hier kommt der digitale Pfingsgtottesdienst
– mit einer Ansprache von Pfr.i.R. Friedrich Gehring.

Der Link zum Video lautet:

Und hier ist die Ansprache zum Nachlesen:
https://s21-christen-sagen-nein.org/2020/06/01/pfingstmontagspredigt-fuer-den-1-6-2020-zu-apg-2-1-7-ausschnitt-von-pfr-i-r-f-gehring/

Pfingstmontagspredigt für den 1.6.2020 zu Apg 2, 1-7 (Ausschnitt) von Pfr. i. R. F. Gehring

(hier als pdf-Datei)

Als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel … und sie wurden voll des heiligen Geistes und fingen an zu predigen … . Es waren aber Juden da auf dem Weg nach Jerusalem … , gottesfürchtige Männer aus allerlei Volk, … die verwunderten sich und sprachen: „Sind nicht alle, die da reden, Galiläer? Wie kommt es, dass wir sie alle in hebräischer Schriftsprache hören?“

Pfingsten gilt als der Geburtstag der christlichen Kirche, deren Ausbreitung die Grenzen Israels überschreitet und weltumspannend wird. Sinnenfällig wird dies durch das Sprachwunder. Juden aus verschiedensten Ländern, die durch Galiläa nach Jerusalem pilgern, können sich mit Galiläern auf Hebräisch verständigen. Diese waren für sie bisher sprachlich und kulturell fremd und religiös nicht koscher. Aber der barmherzige Gott, den Jesus seine Jünger lehrt, ist nicht nur ein Gott der Israeliten, sondern aller Menschenkinder. Propheten wie Amos (9,7) und Jesaja (2,1-5) hatten schon 750 Jahre zuvor darauf hingewiesen, nun wird dies in der Überwindung der Sprachgrenzen erfahrbar: Der Fluch der babylonischen Sprachverwirrung ist aufgehoben. Der barmherzige Gott will die Menschen nicht mehr an solidarischer Zusammenarbeit hindern, indem er aus Angst vor der Macht der Menschen diese trennt und beherrscht. Er begleitet menschliches Wirken voll Vertrauen, auch wenn dabei Fehler gemacht werden. Denn er kann vergeben und nach Versagen neu anfangen. Dies traut er auch den Menschenkindern untereinander zu.

Wir hören diese Botschaft an diesem Pfingstfest 2020 in einer Weltlage, in der es ganz besonders darauf ankommt, dass internationale Solidarität gelingt. Die Pandemiekrise kann zu verschärftem nationalem Egoismus führen oder zu globalem Zusammenhalt. Wir in Deutschland müssen dankbar bekennen, dass wir im weltweiten Vergleich bisher noch glimpflich davon gekommen sind. Aus dieser Dankbarkeit muss solidarische Hilfsbereitschaft erwachsen mit denen, die schwerer getroffen sind. Dies kann nicht nur in Europa gelten, es muss weltweit geschehen. Dabei müssen die Sünden, die gerade wir als hoch industrialisiertes Land in der Vergangenheit auf uns geladen haben, beim Namen genannt werden, um neue Verhältnisse zu schaffen. Das Infektionsgeschehen unter den ausländischen Beschäftigten in Großschlächtereien hat in den Blickpunkt gerückt, welcher Ausbeutung und welch unsäglichen Lebensbedingungen wir billiges Fleisch in unseren Läden verdanken. Hinzu kommt, wie an den Tieren in der Massentierhaltung gesündigt wird um des schnöden Mammons willen. Diese Sünden bei der Tierhaltung rächen sich beim Missbrauch von Antibiotika: Resistente Keime werden gezüchtet, die in unseren Krankenhäusern jährlich geschätzt über 30.000 Tote fordern. Um mit Papst Franziskus zu sprechen: Diese Wirtschaft tötet. Sie tötet auch dort, wo in armen Ländern für uns Kleidung und andere Konsumgüter hergestellt werden zu Hungerlöhnen und unter fatalen Bedingungen. Dies sollte uns auffallen nicht erst, wenn Atemmasken oder Medikamente fehlen, deren Produktion aus Profitsucht ausgelagert wurde. Die tötende Wirtschaft zeigt sich auch dort, wo Rohstoffgewinnung für unsere Handys und E-Autos die Ärmsten noch weiter ins Elend stürzt. Unsere Waffenexporte bilden die Spitze des Skandals.

Die Pandemiekrise ruft uns zur Umkehr. Im Inland erleben wir, wie Millionen wirtschaftlichen Ruin erleiden. Die Schwarze Null ist Geschichte, mit riesiger Verschuldung soll schwer Getroffenen über die Runden geholfen werden. Bei der Schuldentilgung sind Megareiche endlich angemessen heran zu ziehen. Ein Promille der Deutschen, das sind etwa 80.000, besitzen ein Viertel des deutschen Privatvermögens, nämlich 1.500 Milliarden €. So viel etwa wird im Bundeshaushalt in 4-5 Jahren ausgegeben. Ein Lastenausgleich von nur 30 Prozent dieses Vermögens kann innerhalb von 10 Jahren 450 Milliarden € umverteilen. Dieses Geld in den Händen der Ärmeren wird sehr schnell wieder ausgegeben. Dies kurbelt die Wirtschaft schnell an. Dabei ist sehr darauf zu achten, dass der notwendige Wandel gelingt weg von militärischer und umweltschädlicher Produktion hin zu Waren und Dienstleistungen, die die Welt wirklich braucht und die den Klimawandel bremsen. Auch eine erhöhte Erbschaftssteuer und höhere Steuerprogression sind für die Wirtschaftstransformation nötig.
Staatliche Hilfen müssen an klare Kriterien gebunden werden, auch bei der staatseigenen Bahn. Vor weiteren Hilfen muss die Bahn ihre aufgekauften Unternehmen wieder abstoßen, die mit dem Bahnverkehr, der Kernaufgabe, nichts zu tun haben. Zudem muss das unrentable und gefährliche Projekt Stuttgart 21 dem Umstieg 21 weichen. Nie war dies dringlicher als jetzt. Weil das Geld fehlt und riesige Brandkatastrophen drohen, muss ein schnelles Ende einen Schrecken ohne Ende verhindern. Unser entschlossener und ausdauernder Widerstand ist jetzt besonders gefordert, da die bisherigen Selbstverständlichkeiten neoliberaler Politik ins Wanken geraten. Für diese Politik gilt Stuttgart 21 nach Aussage unserer Kanzlerin als Schlüsselprojekt. Aber nicht an der Fertigstellung, sondern am Ende dieses Projekts und dieser Politik entscheidet sich, ob Deutschland Zukunft hat. Deutschland braucht keine Prämien für Spritfresser, sondern Fördergelder für Schienenverkehr.

Wenn wir im Inland diese Umkehr einleiten, dann werden wir auch Sorge tragen müssen dafür, dass in der globalen Wirtschaft ein neuer Geist einzieht. Handelsabkommen, die internationale Großkonzerne zu den neuen Feudalherren und die Armen zu den neuen Sklaven machen, sind zu kündigen. Lieferketten dürfen nicht mehr auf freiwilliger Basis überprüft werden, sondern sind unabhängigen Kontrolleuren zu unterwerfen, um faire Löhne und Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Statt Waffen zu liefern müssen Hilfen finanziert werden für eine gewaltfreie Konfliktregulierung, die Söldner zu Bauern macht. Alle Entwicklung muss dazu dienen, den Klimawandel auf zu halten und Gottes Schöpfung zu bewahren. Möge das Pfingstfest 2020 diesen neuen Geist in möglichst vielen Menschen wecken und zu einem heilsamen Wandel helfen. Amen.

Anhang: Mail an Winfried Kretschmann zum Autogipfel am 2.6.2020

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,

das Drängen der Autoländer auf Kaufprämien für Spritfresser ist der Wählerschaft nicht mehr zu vermitteln. Gerade Sie als grüner Verantwortlicher sollten deshalb für die Autokonzerne folgende Rettung propagieren:

1. Für PS-starke Spritfresser wird eine zeitlich gestaffelte Luxus- und Umweltstrafsteuer erhoben: Je länger die Kaufentscheidungen aufgeschoben werden, umso teurer werden die Fahrzeuge. Dies hilft jetzt schnell, den Stau produzierter Fahrzeuge aufzulösen. Diese Autos können gar nicht teuer genug werden, da sie weniger Fahrzeuge sind als vielmehr Statussymbole: Je teurer sie werden, um so mehr erfüllen sie den Zweck, mit Reichtum zu protzen.  

2. Den Konzernen wird die Ankündigung empfohlen, die Herstellung von Spritfressern werde zunehmend abgebaut wegen der kommenden EU-Strafzahlungen. Wer noch haben wolle, müsse sich beeilen. Auch dies wird die Konjunktur ankurbeln.

3. Kaufprämien werden den Konzernen – entsprechend dem Verfahren bei Hartz IV – ausschließlich bei Nachweis der Bedürftigkeit gewährt (Verbrauch der Rücklagen, Verzicht auf Dividenden und Boni für Managment und Mitarbeiterschaft), und zwar ausschließlich für besonders sparsame Fahrzeuge, zB kleine 6d Temp-Diesel-Hybride, getriebelos mit rekuperierenden Radnabenmotoren und ausreichend Kofferraum für Familien wie der erste Honda Jazz ab 2002. Die vielen Teile erhalten Arbeitsplätze, der Verbrauchsrückgang bremst den Klimawandel, während zugleich zunehmend Verkehr auf die Schiene kommen muss, etwa durch den Umstieg 21 statt Stuttgart 21.

Mit freundlichen Grüßen

Friedrich Gehring
Am Krähenhorst 8
71522 Backnang

Bibelarbeit zu 5. Mose 22, Vers 8

„Wenn du ein neues Haus baust, so mache ein Geländer ringsum auf deinem Dache, damit du nicht Blutschuld auf dein Haus lädst, wenn jemand herabfällt.“

Wer in der Bibel nach dem Wort „Bahnhof“ oder „Stuttgart 21“ sucht, wird dabei ganz bestimmt nicht fündig. Das ist ebenso bei Worten wie „Pränataldiagnostik“ oder „Pandemie“. Diese simple Feststellung enthebt uns nicht der Aufgabe, für dringende ethische Fragen und aktuelle Problemstellungen angemessene Antworten bei den Weisungen der Bibel zu suchen. Wenn eine Gruppe sich „Theolog/innen gegen Stuttgart 21“ nennt, dann beansprucht sie damit, dass die Auseinandersetzungen um „Stuttgart 21“ eine theologische Bedeutung haben und nicht nur eine politische Fragestellung sind, die ethisch irrelevant ist wie zum Beispiel die Frage, ob die Müllabfuhr am Dienstag oder am Mittwoch kommt.

Wenn wir in der Bibel nach Antworten zu dieser Problematik suchen, dann findet sich dieser oben angeführte aufschlussreiche Text aus dem 5. Buch Mose / Deuteronomium, der das Thema „Bausicherheit“ erörtert und zu einem Thema der göttlichen Weisung und damit der Ethik macht. Dabei kann es sehr konkret werden. In diesem Kapitel des 5. Buches Mose werden auf dem Hintergrund der Gesellschaft des alten Israels verschiedene lebenspraktische Fragen erörtert und geregelt.

Hinter dieser Weisung zu Geländern auf Dächern steht die Architektur Israels, die aufgrund des trockenen Klimas Flachdächer baute.  Solche Dächer konnten als Wohnraum oder hauswirtschaftlich oder in anderer Weise genutzt werden und waren daher zugänglich. Durch die Zugänglichkeit entstand die Gefahr, dass Menschen ganz einfach hinabfielen, wenn sie nicht aufpassten, und dabei ganz erheblichen Schaden erleiden konnten. Daher war es nicht nur sinnvoll, sondern auch dringend geboten, solche Flachdächer mit einem Geländer zu versehen. Dabei ist noch zu beachten, dass besonders Kinder und unachtsam Menschen auf ungesicherten Dächern in Gefahr geraten konnten.

Nun war ein solches Geländer so ziemlich das letzte, was an einem Flachdachbau zu erstellen war. Wenn alles sonst fertig war, dann ging es an dieses Geländer – oder eben auch nicht. Es wird auch in der Antike nicht anders gewesen sein als heutzutage, dass sich während des Baus allzu oft die Kosten erhöhten und man dann am Ende überlegte, wo man sparen kann und auf was man verzichten kann. Es dürfte für so manche Bauherrschaft nahe gelegen haben, auf dieses Geländer zu verzichten. Schließlich konnte man sich ja sagen, dass die Leute, die auf das Dach gehen, aufpassen sollen und wer das nicht tut und dann hinunterfällt, selbst schuld ist.

Solchen Ausreden wird von diesem biblischen Gebot ein klarer Riegel vorgeschoben. Wer ein Haus baut, ist auch für die nötige Sicherheit verantwortlich. Wer dafür die Bereitschaft oder das Geld nicht hat, darf nicht bauen. Wer baut ohne für die nötige Sicherheit zu sorgen, lädt im Schadensfall Blutschuld auf sich. Wer kein Geländer baut, ist dafür verantwortlich, wenn jemand herunterfällt, und ist dafür zur Rechenschaft zu ziehen.

Nun müssen wir bei den Regelungen des Alten Testaments immer auch die Frage stellen, wie sie im Licht des Neuen Testaments und im Licht der Botschaft Jesu Christi zu betrachten sind. Haben sie für uns noch in dieser Weise einen bindenden Charakter oder gehören sie einer anderen Epoche in der Geschichte Gottes mit seinem Volk an? Zu den Regelungen, die für uns keine unmittelbar bindende Bedeutung haben, gehören etwa die Regelungen, die den Tempelgottesdienst betreffen. Sie sind für uns zu verstehen im Licht dessen, dass nicht mehr im Jerusalemer Tempel, sondern in der Person Jesu Christi die Gegenwart Gottes in unserer Welt zu suchen und zu finden ist. Dazu gehören auch Regelungen zum Komplex „Rein – Unrein“, die zu verstehen sind im Licht dessen, dass in Jesus Gott anfängt, seine Welt und seine Menschen neu zu heiligen und zu reinigen.

Bei dieser Regelung zum Thema „Geländer auf Flachdächern“ muss es somit um die Frage gehen, ob dieses Gebot lebensdienlich ist und dem Gebot der Nächstenliebe entspricht. Es dürfte unstrittig sein, dass im Licht der Erscheinung und Botschaft Jesu dieses Gebot in ungebrochener Bedeutung weiterbesteht und Geltung entfaltet. Die Verantwortung für die Mitmenschen gebietet nach wie vor, Flachdächer, die man als Lebens- und Wirtschaftsraum nutzt, auch mit einem Geländer zu versehen. Ja, wir müssen feststellen, dass das Gebot der Bausicherheit sich nicht nur auf Flachdächer bezieht, sondern analog für Bauwerke aller Art zu gelten hat. Wer wissentlich die Sicherheit dessen, was er baut, missachtet und so baut, dass damit erhebliche Gefahren geschaffen werden, macht sich schuldig und wird verantwortlich für die Schäden, die Menschen erleiden.

Zum Thema Stuttgart 21 ist möchte ich daher einen Feuerwehrkommandanten der Region Stuttgart zitieren: „Das mit dem Brandschutz bei Stuttgart 21 ist ganz einfach. Die ganzen Diskussionen und Überlegungen sind alle völlig überflüssig. Es ist einfach so: Wenn es da unten brennt, kommt niemand mehr heraus und wir von der Feuerwehr gehen da auch nicht runter. Wir warten ab, bis sich der Rauch verzogen hat und holen dann die Leichen heraus. Damit ist zum Brandschutz von Stuttgart 21 alles gesagt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Auch im Licht biblischer Weisung fällt uns dazu schon noch etwas ein, was es dazu zu sagen gibt: „Oben bleiben!!“

Pfr.i.R. Michael Harr

Parkgebet am 14. Mai 2020 zu Apg 5,29 von Pfr.i.R. Friedrich Gehring

Liebe Freundinnen und Freunde des Parkgebets,

hier kommt das dritte Parkgebet digital mit einer Ansprache von Pfr.i.R. Friedrich Gehring.

Hier ist der Link zum ganzen Parkgebet mit allen Text- und Musikteilen:
https://c.web.de/@823176437937739474/Bsyu-Y-oRaKYkf0LP63enQ
Ihr könnt Euch durch das Parkgebet durchklicken. Und gerne könnt Ihr bei Euren Rundmails zum Besuch des virtuellen Parkgebets einladen 😉

Und hier ist die Ansprache: (hier die Ansprache als pdf-Datei)

Ansprache zum Parkgebet am 14.5.20 zu Apostelgeschichte 5, Vers 29 von Pfr.i.R. Friedrich Gehring.

Wenige Tage nach dem 8. Mai 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung vom Naziregime, biete ich unserem Nachdenken einen Satz aus Apg 5,29 an: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Vor dem 8. Mai 1945 galt es in Deutschland 12 Jahre lang, einem Menschen mehr zu gehorchen als dem barmherzigen Gott. Viele Christen hatten dabei kein Problem, weil der Irrglaube weit verbreitet war, alle Obrigkeit sei von Gott eingesetzt (Röm 13,1-7), auch der umjubelte Führer. Ihm zu gehorchen hieß demnach Gott gehorchen. Nur wenige Christen bemerkten, dass sie keinem Menschen, auch nicht dem Führer, einen Treueeid schwören können. Mit dem Kriegsende war das noch keineswegs allen klar. Es war ein Prozess der Entnazifizierung nötig. Dieser Prozess wurde unter Adenauer teilweise rückgängig gemacht, als er den Naziintensivtäter Globke zu seiner rechten Hand machte und als erste Aufgabe ihn ein Amnestiegesetz verfassen ließ. So kamen viele alte Nazis wieder in Amt und Würden.

Am 2. Juni 1967 beim Mord an Benno Ohnesorg und erst recht nach dem Freispruch seines Mörders wurde  mir und vielen anderen klar, wie dringend es immer noch war, dem barmherzigen Gott mehr zu  gehorchen als den Machthabern, auch den demokratisch legitimierten. Trotz der Veränderungen, die der 1968er-Generation bei der weiteren Entnazifizierung gelangen, kam es zu den Morden der RAF wie der Neonazis und Deutschland trat gegen Verfassung und Völkerrecht in den Balkankrieg ein. Auch der schwarze Donnerstag und die Beobachtung unseres Parkgebets durch den Verfassungsschutz markieren einen Rückfall in die Diktatur. Deshalb halten wir auch in der Coronakrise das Parkgebet, nur eben in anderer Form.

Dies ist derzeit umso dringender, als die Ingenieure 22 dankenswerterweise die Einsichtnahme in die Brandschutzunterlagen für den Fildertunnel gerichtlich erzwingen konnten. Bei der Lektüre sind äußerst grobe Fehleinschätzungen entdeckt worden, die verheimlichen wollen, dass so gut wie niemand einen Tunnelbrand überleben wird. Um nur einige zu benennen: Es wurde der günstigste Fall eine Brandhalts angenommen. Ein echtes Brandschutzkonzept muss aber zwingend für den schlimmsten Fall vorsorgen. Es wurde mit völlig unrealistisch hohen Fluchtgeschwindigkeiten gerechnet. Es wurde mit keinem Wort erwähnt, dass der Rauch viel schneller sein wird als die Fahrgäste, die nahezu alle auf der Flucht ersticken werden. Der Tunnel wird zur Gaskammer, ein Bild wie in Grafeneck oder in den Konzentrationslagern.

Warum wird bei diesem Projekt der Tod von bis zu 1700 Menschen bewusst in Kauf genommen und das ganze noch durch falsche Gutachten verschleiert? Die Antwort hängt eng mit der Kostenlüge zusammen. Die Tunnel mussten mit Ausnahmegenehmigung eng dimensioniert werden und es musste auf einen Rettungsstollen mit Fluchttüren in geringen Abständen verzichtet werden, um geringe Kosten vorgaukeln zu können und die Unwirtschaftlichkeit des Projekts zu verdecken. Sonst hätte es nie begonnen werden dürfen. Das neoliberale Bodenspekulationsprojekt hätte von vorneherein seine mangelnde Rentabilität und verkehrliche Unsinnigkeit offenbart. Nun zeigt es sich auch noch, dass für die mammonsfixierten  Profiteure über Leichen gegangen wird. Die geltende Tunnelrichtlinie bestimmt aus nachvollziehbarem Grund ausdrücklich, dass die Einzelheiten des Rettungskonzepts vor Einleitung der Planfeststellung festgelegt sein müssen. Was jedem Laien unmittelbar einleuchtet, ist allerdings in unserem Land vor Gericht sehr schwer durchsetzbar. Ein neuer juristischer Versuch wird jetzt dennoch unternommen.

Dietrich Bonhoeffer hat im April 1933 das Bild geprägt, Christen müssten bei eklatantem Versagen der Regierung „dem Rad in die Speichen fallen“. Als er damit ernst machte und dem Widerstand beitrat, wurde er von der Fürbitteliste der bekennenden Kirche gestrichen. Zu sehr waren auch die bekennenden Christen dem falschen Menschengehorsam verhaftet. Dies darf sich nicht mehr wiederholen. Deshalb halten wir weiter das Parkgebet. Es gilt, dem barmherzigen Gott mehr zu gehorchen als Menschen, die um des Mammons willen über Leichen gehen. Der barmherzige Gott schenke uns Mut und Ausdauer, im gewaltfreien Widerstand nicht nach zu lassen. Amen.

Pressemitteilung zum S21-„Todes-Tunnel“

(hier als pdf-Datei)

 

 

 

 

Theolog*innen gegen Stuttgart 21 fordern:

S21-„Todes-Tunnel“ darf nicht in Betrieb gehen

Nachdem ein Experten-Team der „Ingenieure22“ eklatante Fehler und Vertuschungsversuche beim Brandschutzkonzept der Bahn aufgedeckt hat, kann am Fildertunnel unmöglich weitergebaut werden, als wäre nichts geschehen. Die ökumenische Initiative „Theolog*innen gegen Stuttgart 21“ zeigt sich nach Veröffentlichung entsprechender Details tief betroffen. Ihr Sprecher, Pfarrer i.R. Martin Poguntke: „Jedes einzelne Menschenleben ist von unendlichem Wert – jedes vermeidbare Todesopfer ist eines zu viel. Nachdem zurecht im Hinblick auf die Corona-Gefahr alles unternommen wird, um Menschenleben nicht zu gefährden, darf dies beim Bau eines Eisenbahn-Tunnels nicht anders sein.“

Die Bahn hatte sich über zwei Gerichtsinstanzen hinweg geweigert, Einblick in das Brandschutzkonzept zu gewähren. Jetzt wird deutlich, warum: Sie arbeitet mit falschen Annahmen und falschen Zahlen, um – irreführend – den Eindruck zu erwecken, bei einem Brand im Fildertunnel könnten die Fahrgäste eines ICE sich in Sicherheit bringen: doppelt so hohe Fluchtgeschwindigkeit, wie vom Regelwerk vorgesehen, ein Drittel zu wenig Fahrgäste an den Schleusen zum Rettungsstollen berücksichtigt, Fluchtleitern an jedem Ausgang angenommen, die in Wahrheit nur in jedem dritten Wagen zu finden sind, weiträumige ICE-Züge ohne Sitze, aus denen die Flüchtenden in 1,2 Sekunden pro Person über 90 cm tiefe Ausstiege entkommen – und kein Wort darüber, dass der giftige Rauch in dem (wegen einer Sondergenehmigung) besonders engen Tunnelquerschnitt schneller vorankommt als die Flüchtenden und sie mit tödlicher Gewissheit einholen wird.

Der Skandal ist aus Sicht der kritischen Theologen ein doppelter: Es ist nicht nur ethisch völlig inakzeptabel, Menschen sehenden Auges einer solchen Gefahr auszusetzen – es ist auch besonders verwerflich, dass die Bahn dies vertuschen wollte.

Die Arbeiten an dem Tunnel, aus dem im Brandfall kein einziger Fahrgast lebendig entkommen wird, müssen sofort eingestellt werden. Stattdessen müssen Wege geprüft werden, den im Rohbau fast fertiggestellten Tunnel auf andere Weise zu nutzen als für Bahnverkehr. Zudem muss ein Untersuchungsausschuss klären, wie es zu diesem geradezu kriminellen Brandschutzkonzept kommen konnte und wer Verantwortliche und Mitwisser waren.

Wir fordern OB Fritz Kuhn und MP Winfried Kretschmann als Vertreter der Projektpartner der Bahn auf, unverzüglich auf die Bahn einzuwirken, damit keine weiteren Arbeiten und Vergaben für diesen „Todestunnel“ (so in einer Pressemitteilung des „Aktionsbündnisses gegen S21“) vorgenommen werden.

Parkgebet-digital am 30.4.2020 zu Johannes 15,5 von Pf. i. R. Martin Poguntke

Vom verlorenen Vertrauen und den Lügen der Politik

Liebe Freundinnen und Freunde des Parkgebets,

hier kommt das zweite Parkgebet digital mit Ansprache von Pfarrer i.R. Martin Poguntke und von Ulrich Ebert zusammengestellter Musik.

Hier ist der Link zum ganzen Parkgebet mit allen Text- und Musikteilen:
https://c.web.de/@823176437937739474/Cvei9G8aS76lbLmVsFxJQQ

Ihr könnt Euch durch das Parkgebet durchklicken. Und gerne könnt Ihr bei Euren Rundmails zum Besuch des virtuellen Parkgebets einladen 😉

 

Und hier ist die Ansprache: (hier die Ansprache als pdf-Datei):

Ansprache zum Parkgebet-digital am 30. April 2020 von Pfr.i.R. Martin Poguntke

Christus spricht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“, Johannes 15, Vers 5 (aus dem Predigttext vom kommenden Sonntag)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

wie gerne hätte ich Sie alle direkt vor mir gesehen, wenn ich zum Einstieg meiner Ansprache meiner tiefen Sorge Ausdruck gegeben hätte, meiner Sorge auch um unsere gemeinsame Bewegung – aber in Coronazeiten ist das nicht zu verantworten.

Meine Sorge ist, dass ein Gift sich verbreitet, es die Herzen und Gehirne von immer mehr Menschen vergiftet. Und ich weiß überhaupt keine einfache Lösung dagegen. Auch der Satz aus dem Johannesevangelium, um den es heute gehen soll, ist keine einfache Lösung: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Denn: Wie macht man das „in ihm bleiben“?

Das Gift, das ich meine, ist das Gift des zerbrochenen Vertrauens. Wir Stuttgart 21-Gegner:innen haben über so viele Jahre miterleben müssen, wie wir und die ganze Gesellschaft unglaublich gründlich belogen wurden und es weiterhin werden. Unser Vertrauen in „die Politik“ hat schweren Schaden gelitten. Und immer mehr von uns denken deshalb inzwischen über Äußerungen und Entscheidungen von Politikern gar nicht mehr wirklich nach, sondern sagen reflexhaft: Ist doch eh alles Lüge und Betrug. Ganz absurde Behauptungen werden geglaubt – einfach, weil sie in unser festes Bild passen: Die Politiker belügen uns doch alle.

Ein wenig scheint es mir wie in einer Partnerschaftsbeziehung: Weiterlesen

Ostergottesdienst-digital, am Ostermontag, 13.4.2020 mit Friedrich Gehring, Pfr.i.R.

Dieser Gottesdienst wurde von den Beteiligten – mit ausreichendem Abstand – in einzelnen Teilen (von Jürgen Gangl, dem wir sehr danken) aufgezeichnet und ist hier als Zusamamenschnitt zu sehen:

Für die musikalischen Beiträge herzlichen Dank an Ulrich Ebert von Parkblech!

Die folgende Ansprache zu Lk 24,30-31 von Pfr.i.R. Friedrich Gehring ist hier als pdf zu öffnen.

Als der Mann mit ihnen zu Tische saß, brach er das Brot, sprach das Dankgebet darüber, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihnen die Augen aufgetan und sie erkannten Jesus.

Nach den furchtbaren Erfahrungen der Kreuzigung Jesu verkrochen sich die Jünger. Aber nach dem Sabbat wagen sich die ersten wieder hinaus. Zwei von ihnen wandern in das Dorf Emmaus, treffen einen Fremden, essen mit ihm und erkennen in ihm plötzlich den Auferstandenen. Von da an wird ihnen klar, dass ihnen in allen Notleidenden Jesus selbst begegnet (Mt 25,40). Wenn sie sich ihnen barmherzig zuwenden und ihr Brot mit ihnen teilen, dann bauen sie am Reich Gottes und Jesus ist als der Auferstandene mitten unter ihnen. Mit dieser Kultur des Dienens treten sie in kritische Distanz zum Machtmissbrauch des Kaisers und seiner Statthalter, die Kritiker am Kreuz verstummen lassen wollen (Mk 10, 42-44). 300 Jahre lang werden die Christen eine bisweilen blutig verfolgte Opposition. Sie fallen nicht vor Kaiserbildern nieder  und verweigern den Kriegsdienst für Rom.

Auch unsere Kritik an der Haltestelle Stuttgart 21 hatte ihre Karfreitagserlebnisse, etwa am schwarzen Donnerstag oder bei der verlogenen Volksabstimmung. Nicht wenige haben sich danach verkrochen, aber andere sind doch immer wieder hinausgegangen zu den montäglichen Demonstrationen, zur Mahnwache oder zu den Parkgebeten und haben Widerstand geleistet mit Publikationen oder juristischen Mitteln. So hatte auch unsere Bewegung ihre Ostererlebnisse, etwa als die Gesetzwidrigkeit des Polizeieinsatzes am schwarzen Donnerstag gerichtlich festgestellt wurde. Bei unserem bald zehnjährigen Widerstand mussten wir erkennen, dass wir wie die ersten Christen einem systematischen Machtmissbrauch gegenüberstehen. Es wird zwar nicht mehr an Kreuzen zu Tode gefoltert wie einst, aber unsere neoliberal globalisierte Wirtschaft tötet auf vielfältige Weise, wie Papst Franziskus zurecht anklagt. Und wer die Nachrichten über den Umgang mit dem Widerständler Julian Assange wahrnimmt, ist durchaus an Todesfolter erinnert. Wenn der Machtmissbrauch der Wirtschafts- und Militärmacht USA samt ihrer Vasallen wie Großbritannien öffentlich angeprangert wird, geht man über Leichen wie einst Rom. Weiterlesen