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Herzliche Einladung zur 400. Montagsdemo – 15.1.18, 18 Uhr, direkt vor dem Hauptbahnhof!

Weihnachtspredigt zu Joh 3,17+19-21 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring am 26.12.2017 im Stuttgarter Schlossgarten

Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. … Darin aber besteht Gerechtigkeit, dass das Licht in die Welt gekommen ist. … Denn jeder, der Böses tut, hasst das Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott getan sind.

In unseren Advents- und Weihnachtsliedern besingen wir wie eben in dem Lied „Tochter Zion“ das Kind in der Krippe als den sehnlich erwarteten Friedefürsten. Er wird regieren in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Er wird die bösen Werke, die das Licht des Tages scheuen, mit seinem Licht beleuchten und sichtbar machen, um sie zu verhindern. Wie geschieht dies konkret?

Als das Krippenkind erwachsen geworden ist und durch Jericho zieht, beleuchtet Jesus die Werke des Zachäus. Er wird sich seiner Ausbeuterei und Betrügerei bewusst. Das Licht hilft dem Zachäus, sich von seinen bösen Werken loszusagen und ein Leben in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu wagen. So wird er aus seiner Gier und aus seiner Isolierung in der Bevölkerung gerettet (Lk 19,1-10). Als Jesus danach in Jerusalem einzieht und in die finsteren Geschäfte mit den Schuldgefühlen der Menschen im Tempel leuchtet, gelingt zwar die Rettung der Profiteure nicht, aber die auf den barmherzigen Gott vertrauen, müssen sich nun von den Profiteuren nicht mehr ausbeuten lassen. Sie wissen, dass der barmherzige Gott keine Opfer braucht (Lk 15,11-24). Das Licht Jesu rettet sie vor der Räuberhöhle, zu der der Tempel geworden ist (Mk 11,15-17).

In welche Räuberhöhlen würde Jesus heute bei uns leuchten? Der ausbeuterischen Weltmacht Rom zur Zeit Jesu entspricht heute die Weltmacht USA. Sie sichert ihre wirtschaftlichen Interessen mit hunderten von Militärstützpunkten überall auf der Welt, auch hier in Stuttgart. In Möhringen befindet sich die US-Drohnenleitstelle Afrikom, von der aus in Afrika die völkerrechtswidrigen Dohnenlynchmorde organisiert werden. Ihnen fallen immer wieder als sog. Kollateralschäden Zivilisten, auch Kinder, zum Opfer. In Vaihingen befindet sich das US-Atomkriegskommando. Von hier aus bedroht die USA alle Nationen, sofern sie gegen den Machtanspruch von „Gods own Country“ aufbegehren. Stuttgart wird also eine aktive Rolle spielen, wenn die zwei Machos Trump und Kim Jong Un die Welt in atomare Asche legen werden. Licht in diese finsteren Machenschaften zu bringen heißt, unablässig auf diesen Wahnsinn militärischer Logik hinzuweisen und ihn öffentlich zu brandmarken.

Wir stehen hier ganz nahe an einem Ort, der mit die schlimmste Konzentration von Autoabgasen in Deutschland bietet. Mit verantwortlich sind die Manager der großen Autokonzerne, die in ihrer Gier an der Abgasreinigung von Dieselfahrzeugen sparen und mit betrügerischen Motormanipulationen viele Todesopfer in Kauf nehmen. Sie haben rechtzeitig gezielte Lobbyarbeit betrieben und können jetzt behaupten, dass ihre Manipulationen legal sind, weil sie die Gesetze entsprechend formulieren durften. Die einzelnen betrogenen Autokäufer können nur sehr schwer gegen die Betrügereien klagen, weil in Deutschland Sammelklagen gesetzlich nicht vorgesehen sind. Weihnachtliches Licht in die finsteren Machenschaften der Autokonzerne zu bringen heißt, politischen Druck aufzubauen, der die Konzerne zwingt, Dieselmotoren wirksam nachzurüsten, auch wenn das die saftigen Gewinne etwas schmälert.

Wir stehen hier außerdem in unmittelbarer Nähe eines gut funktionierenden Bahnhofs, der auf dem Altar gieriger Tunnelbauer sinnlos geopfert werden soll. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG will diesen verschwenderischen Rückbau des Bahnverkehrs „finster entschlossen“ zu Ende führen. Seine Wortwahl nach seiner Einsetzung in den Chefposten der Bahn ist verräterisch. Um dieses fatale Projekt zu Ende zu bauen braucht es viel Finsternis. Es muss im Dunkel bleiben, was es schließlich kosten wird. Es muss verschleiert werden, dass es einen Engpass darstellt, der den öffentlichen Bahnverkehr massiv behindern wird, von dem wir zur Luftreinhaltung viel mehr bräuchten. Es muss vertuscht werden, dass die Tunnel im Gipskeuper ein unbeherrschbares Risiko darstellen und Brände unter der Erde ungleich gefährlicher sein werden als unter freiem Himmel.
All dieses und noch viel mehr braucht Finsternis. Als Architekt Ingenhoven die Finanzierungslügen beleuchtete, warfen ihm die Bahnchefs Inkompetenz vor. Tatsächlich fehlt im die Kompetenz zur Verschleierung, die bei der Bahn reichlich vorhanden ist, aber am Ende nicht ausreichen wird.
Das rettende Weihnachtslicht wird auch in die Räuberhöhle Stuttgart 21 hinein leuchten und das schändliche Raffen anprangern, um es schließlich zu beenden. Unsere Geduld und Ausdauer wird dabei auf eine harte Probe gestellt. Fünf Jahre hat es gedauert, bis der schändliche Polizeieinsatz am „Schwarzen Donnerstag“ gerichtlich als gesetzwidrig ans Licht der Wahrheit gezerrt war. Aber unsere Beharrlichkeit hat gesiegt, auch wenn der Skandal noch nicht gänzlich aufgearbeitet ist und z. B. Staatsanwalt in Ruhe Häussler noch zur Verantwortung zu ziehen ist.

Auch die Ermittlungen wegen Veruntreuung kamen zunächst gar nicht in Gang, weil die Berliner Staatsanwaltschaft an die Grenze der Strafvereitelung im Amt ging. Sie behauptete, die Bahn-Aufsichtsräte hätten zwar objektiv veruntreut, dies aber subjektiv nicht erkennen können. Das beharrliche Insistieren auf Fakten hat aber nun doch zu Ermittlungen gegen die Hauptbeschuldigten geführt, auch wenn Kanzlerin Merkel mit ihrer Anstiftung zur Untreue noch nicht ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten ist. Aber auch sie wird nun von dem rettenden Licht erfasst: Das Bundesverfassungsgericht hat das parlamentarische Auskunftsrecht gestärkt. Merkel kann jetzt nicht mehr behaupten, das Betriebsgeheimnis der DB AG wahren zu müssen, wenn sie deren finstere Werke verschleiern will.

Auch wenn die Fortschritte zäh errungen werden müssen, wir werden weiterhin der rettenden Kraft des Lichtes Jesu vertrauen und in seiner Nachfolge Licht ins Dunkel finsterer Machenschaften tragen. Amen.

Herzliche Einladung zum Weihnachts-Gottesdienst im Park

Am 2. Weihnachtstag (26.12.17) um 11 Uhr feiern – wie inzwischen schon richtige Tradition – die S21-Gegner einen Weihnachts-Gottesdienst.
Wie auch die 14-täglichen Parkgebete (www.s21-christen-sagen-nein.org/parkgebet) wird er im Mittleren Schlossgarten unter der großen Kastanie bei der Lustschloss-Ruine stattfinden.

Der Gottesdienst wird unter dem Motto „Weihnachtslicht in finstere Machenschaften“ stehen. Pfarrer i.R. Friedrich Gehring wird dazu eine Ansprache zu Johannes 3, Vers 17+19-21 halten und Jutta Radicke die Liturgie gestalten. Und wie gewohnt ist die musikalische Begleitung bei den Musikern der Formation „Parkblech“ in guten Händen.

So sah es Weihnachten 2010 aus:
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Herzliche Einladung
zu diesem Weihnachts-Gottesdienst, der wohl nicht in so winterlicher Atmosphäre stattfinden wird wie 2010, aber nicht weniger wohltuend und nachdenklich sein wird.

Wir sehen uns am
2. Weihnachtstag (26.12.2017) um 11 Uhr, bei der Lustschloss-Ruine!

Ansprache beim Parkgebet am 7.12.17 zu Mt 10, 34-35 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Meinet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Menschen mit seinem Vater zu entzweien und eine Tochter mit ihrer Mutter.

Jesus hat im Garten Gethsemane entschlossen abgelehnt, zu seiner Verteidigung das Schwert einzusetzen. „Wer zum Schwert greift, der wird durchs Schwert umkommen“ (Mt 26,52), sagt er dem Petrus, der noch nicht begreift, dass sein Schwert mehr gefährdet als schützt. Jesus ist auch bewusst auf einem Esel in Jerusalem eingeritten: Er will nicht der Anführer eines Aufstandes gegen die römische Besatzung sein. Ein Heerführer reitet auf einem Pferd, auf einem Esel macht er sich lächerlich.

Jesus redet hier vom Schwert im übertragenen Sinne. Er spricht von der Auseinandersetzung um den rechten Weg. Auch der Keimzelle des gesellschaftlichen Lebens, der Familie, kann dieser Streit nicht erspart bleiben. Auch unter Familienangehörigen werden Entscheidungen für oder gegen das von Jesus verkündete Reich Gottes fallen. Es werden Familienangehörige sich für das faire Teilen entscheiden und andere für das gierige Raffen. Da werden auch unter nahen Menschen sich die Wege gelegentlich trennen.

Dies von Jesus zu hören ist hart, gerade in der Advents- und Weihnachtszeit, in der die Familie für jung und alt so etwas wie der letzte bleibende Ort der Geborgenheit darstellt. Die Hochschätzung der familiären Geborgenheit führt nicht selten zu einer Konfliktscheu, die diese heile Welt nicht gefährden will. Aber erfahrungsgemäß rettet Konfliktscheu den Familienfrieden eben nicht, sondern sorgt nur dafür, dass Konflikte unter den Teppich gekehrt werden. So entstehen Konfliktberge, die am Ende zu Trennungen zwingen, weil zu lange zu viele Verletzungen ertragen wurden um eines scheinbaren Friedens willen. Seit Jahrzehnten verschenke ich zu Trauungen das Buch mit dem Titel: „Streiten verbindet“. Und im Religionsunterricht habe ich zum Thema „Konfliktaustrag in Partnerschaften“ 10 Regeln für fairen Streit entwickelt. Denn die Stabilität von familiären Beziehungen hängt vorrangig von vernünftigem Konfliktaustrag ab, der faire Kompromisse sucht. Wenn diese nicht gelingen, sind getrennte Wege oft besser als ein fauler Frieden.

Jesus ist nicht das konfliktscheue Lamm, das sich ohne Widerworte zur Schlachtbank führen lässt. Er kann hin stehen und Konflikte aushalten. Das hat er in der eigenen Familie praktiziert, schon als 12-Jähriger im Jerusalemer Tempel (Lk 2, 41-50) und auch als junger Mann. Da erklärten ihn seine Verwandten für verrückt (Mk 3,21) und er distanzierte sich von ihnen, weil sie in seinen Augen nicht den Willen Gottes taten (Mk 4,31-34). Das war nur die eine Seite: Auch im Konflikt mit der römischen Besatzungsmacht war Jesus ein Widerständler. Es war – wie gesagt – kein militärischer Widerstand, sondern ein gewaltfreier. Das ist sehr bald nach Jesus unter den Tisch gefallen, weil man meinte, sich mit der römischen Gewaltherrschaft arrangieren zu müssen. Als das Christentum schließlich um 400 n. Chr. zur Staatsreligion im römischen Reich aufgestiegen war, blieb keinerlei Bewusstsein vom Widerständler Jesus zurück. Aber wie die Archäologie durch das Abheben von Erdschichten Ursprüngliches freilegen kann, so kann die Theologie in der Bibel das verschüttete Widerständlertum Jesu wieder sichtbar machen.

„Wer dich auf den rechten Backen schlägt, dem biete auch den andern dar.“ Dieser Satz ist zum Inbegriff für totale konfliktscheue Unterwerfung geworden, meint aber ursprünglich das Gegenteil: Wenn ein Sklave von seinem Sklavenhalter auf die rechte Wange geschlagen wurde, war das noch nicht strafbar in Israel. Wenn der aber mit der Rückhand auf die andere Wange schlug, konnte er vor Gericht gestellt werden. Das Anbieten der anderen Wange war also alles andere als eine Unterwerfung, sondern ein Hinweis auf die Eingrenzung der Gewalt des Sklavenhalters. Ein von Eltern geohrfeigtes Kind, das dann die andere Wange hinhält, werden wir als aufmüpfig empfinden. Es lässt sich nicht einschüchtern.

Dazu gehört natürlich Leidensfähigkeit. Mahatma Gandhi und Martin Luther-King haben die Leidensfähigkeit der Unterdrückten als politisches Kampfmittel erfolgreich eingesetzt. Gandhi hat bei der Besetzung des Salzwerks an der indischen Küste einen Reporter engagiert, der die brutale Gewalt der Besatzungsmacht weltweit angeprangert und sie damit schwer blamiert hat. Luther-King hat für die Farbigen in den USA große Erfolge errungen.

„Wer dich nötigt, eine Meile weit zu gehen, mit dem gehe zwei“. Auch dies klingt zunächst nach zuvorkommender Konfliktscheu. Aber Jesus spielt dabei darauf an, dass römische Besatzer von der Bevölkerung Gepäcktransporte äußerstenfalls für eine Meile verlangen konnten. Wer darüber hinaus Leistungen in Anspruch nahm, konnte angezeigt werden. Auch hier handelt es sich um eine Einhegung der Macht, diesmal gegenüber den Besatzern. Jesus ist also nicht für einen faulen Frieden, der auf militärischer Unterwerfung beruht. Er stellt sich gegen den sog. „römischen Frieden“, der sagt: „Si pacem vis, bellum infer“. (Wenn Du Frieden willst, trag Krieg ins Land). So machen es die Römer. Sie überfallen fremde Völker, unterdrücken sie mit harter Hand, bis jeder Widerstand gebrochen ist, dann ist Frieden, wie ihn Rom wünscht. Jesus skandalisiert diese Sorte Frieden.

Der heutige neoliberale Friede ist von derselben Sorte. Spätestens seit dem „Schwarzen Donnerstag“ wissen wir Kritiker des Projekts S 21 davon. Dies hat unsere Leidensfähigkeit auf eine harte Probe gestellt. Aber wir haben schließlich doch den neoliberalen Friedensbringern juristisch nachgewiesen, dass der Polizeieinsatz rechtswidrig war, und damit die neoliberalen Regierenden blamiert. Unsere Kirchenleitung hat sich angesichts des begangenen Unrechts weitgehend zurückgehalten und in traditioneller lutherischer Konfliktscheu schon früh auf die Seite der faulen Friedensbringer geschlagen. Wir aber werden in der Nachfolge Jesu nicht nachlassen, die sinnlose Veruntreuung von Milliarden anzuprangern, bis auch deren Rechtswidrigkeit gerichtlich festgestellt ist. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 9.11.2017 zu Lk 16,9 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

„Ich Sage euch: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit sie, wenn er euch ausgeht, euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“
Jesus rät dies seinen Jüngern, nachdem er ihnen eine lebensnahe Begebenheit geschildert hat: Ein Gutsverwalter hat seinem Gutsbesitzer Geld verschleudert, muss nun seine Machenschaften offenlegen und wird gekündigt. Der Verwalter nutzt nun die letzte Gelegenheit, seine Zukunft zu sichern und lässt die Schuldscheine der Schuldner seines Herrn zu deren Gunsten fälschen, um für die Zeit seiner Arbeitslosigkeit von den Begünstigten unterstützt zu werden. Jesus lobt die Schläue des veruntreuenden Verwalters.

Seit Jahrzehnten bekomme ich auf Predigten zu diesem Text gerade von frommen, gewissenhaften Christen entrüstete Reaktionen: Wie kann Jesus einen solchen Kriminellen als Vorbild hinstellen? Diese Entrüstung ist verständlich aus der Froschperspektive von Familie, Freundeskreis, Verein oder Handwerksbetrieb. Da erscheint solches Verhalten tatsächlich asozial. Aber Jesus als genialer Wirtschaftswissenschaftler weitet unseren Blick. Er sieht, was der Mammon weltweit anrichtet. Er weiß vom „Mammon der Ungerechtigkeit“. Er sieht das System des Mammon, das von unten nach oben verteilt. Brecht bringt es entsprechend in der Dreigroschenoper auf den Punkt mit der Frage: Was ist schon ein Banküberfall gegenüber der Gründung einer Bank. Allein die Deutsche Bank hat über 6000 Gerichtsverfahren am Hals, dies illustriert das Urteil von Jesus wie das von Brecht.

Schauen wir also mit Jesus einmal genauer hin: Einer Kassiererin, die einen Pfandbon für 0,3 € veruntreut, darf fristlos gekündigt werden. Auch höchste deutsche Gerichte muten einem Chef nicht zu, mit einer solchen Mitarbeiterin weiter zusammenzuarbeiten. Der Airberlin-Chef Thomas Winkelmann hat sich im Februar 2017 ein jährliches Gehalt von 950000 € bis 2021 vertraglich gesichert. Er sorgt wie der veruntreuende Verwalter im Beispiel Jesu auf fremde Kosten für die Zeit seiner absehbaren Arbeitslosigkeit vor, und dies enorm dreist. Aber selbst der Kommentator einer so kritischen Zeitung wie der Frankfurter Rundschau findet das gut. Er sagt: Sonst bekäme man ja für insolvenzbedrohte Firmen keine Chefs mehr. Hier fehlt genau jene Empörung, die in der Froschperspektive des Pfandbons gegenüber der Kassiererin auch höchstrichterlich sofort entsteht. Diese doppelte Moral und diese Umverteilung von unten nach oben prangert Jesus als „ungerechten Mammon“ an. Die wirtschaftlich Mächtigen sind selbst das Gesetz. Im weltweiten Neoliberalismus geben ihnen gewählte Abgeordnete und Richter die Freiheiten und Schlupflöcher, durch die sie ihren Profit steigern und ihre Gewinne vor dem Fiskus in Steueroasen verstecken können. Nach den „Panamapapers“ sind nun die „Paradisepapers“ bekannt. Der Verwalter im Beispiel Jesu dagegen verteilt von oben nach unten. Er hofft auf die Verheißung: „Glücklich sein werden die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren“ (Mt5,7). Dafür lobt ihn Jesus.

Das Projekt Stuttgart 21 bietet eine besonders delikate Anschauung für Ungerechtigkeit des Mammon. Als Anfang 2013 die Unwirtschaftlichkeit des Projekts offensichtlich wurde und eine Weiterführung nach Aktienrecht als Veruntreuung der Gelder der DB-AG gelten musste, befand die Berliner Staatsanwaltschaft unter der Weisungsgebundenheit eines CDU-Justizsenators, es handle sich beim Weiterbau tatsächlich um Untreue, das hätten die Aufsichtsräte aber nicht erkennen können. Damit wurde ihnen bescheinigt, für die Führung der DB-AG zu dumm zu sein, aber dass der Grundsatz: „Dummheit schützt vor Strafe nicht“ für sie nicht gilt. Wenn es um Milliarden für Bauaufträge geht, ist das natürlich etwas ganz anderes als bei einem Pfandbon. Deshalb spricht Jesus vom „Mammon der Ungerechtigkeit“. Die Kleinen werden gehängt, die Großen lässt man laufen

Wir sind natürlich als S 21-Umstiegsbefürworter sehr gespannt, was unter dem grünen Berliner Justizsenator mit den Ermittlungen wegen Untreue in Sachen S 21 wird. Die Luft für die dummen Veruntreuer wird dünner. Roland Pofalla, der nachweislich im Auftrag der Kanzlerin zur Untreue angestiftet hat, lässt nun den Schlamassel S 21 erneut prüfen. Vertuschen wird schwieriger: Das Bundesverfassungsgericht hat jüngst das Auskunftsrecht des Parlaments im Blick auf S 21 gestärkt.
Es hat ausdrücklich festgestellt, dass die Regierung Auskunft geben muss über die Rentabilität von S 21. Möge die Luft für Pofalla noch dünner werden, wenn die Grünen in den Verhandlungen um eine Jamaikakoalition erfolgreich für eine vernünftige Verkehrspolitik eintreten, wie es unser Mitstreiter Martin Poguntke in seiner jüngsten Petition fordert. Und möge der Stuhl für die Kanzlerin heißer werden, die ja als Hauptanstifterin zur Untreue in Sachen ihres Lieblingsprojekts S 21 gelten darf. Anstiftung zur Untreue ist ein eigener Straftatbestand (§ 266 in Verbindung mit § 26 StGb) und wird bestraft wie die Untreuehandlung selbst.

Wenn wir uns von Jesus den Blick weiten lassen auf die Ungerechtigkeiten des Mammon, werden wir weiter unverdrossen diese Ungerechtigkeiten skandalisieren. Vor allem aber werden wir nicht den Heilspropheten des Mammon auf den Leim gehen, die uns vorgaukeln, wenn wir nur den Mammon ungezügelt walten lassen, dann würden wir alle davon profitieren. Wir werden nicht müde, Stück für Stück nachzuweisen, dass die Gewinne der Mammonsjünger von den Armen geholt werden. Die Exporterfolge der deutschen Wirtschaft sind erkauft durch das Lohndumping der Agenda 2010 und die unweigerlich folgende Altersarmut. Die Gewinne von stromfressenden Konzernen werden subventioniert durch die Umlage für erneuerbare Energien auf der Stromrechnung von allein erziehenden Hartz-IV-Empfängerinnen, die deren Kinder noch ärmer macht. Die Gewinne der Autokonzerne werden erwirtschaftet auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung. Die sinnlosen Bauaufträge bei S 21 werden bezahlt von den Bahnkunden oder den Steuerzahlern. Wir werden in der Nachfolge Jesu nicht aufhören, den neoliberalen Heilspropheten die Maske der Menschenfreundlichkeit herunterzureißen und die Fratze der zerstörerischen Gier sichtbar zu machen. Amen.

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KlimaSkandal S21: Herzliche Einladung auf Montag, 30. Oktober, 19:30 Uhr

Ansprache beim Parkgebet am 18.9.2017 zu Römer 13 von Pf. Martin Poguntke

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Liebe Parkgebetsgemeinde,

hängt Ihnen auch noch das Wahlergebnis in den Knochen? Fast 13 % AfD, fast 11 % FDP in der Opposition und eine vermutliche Jamaika-Koalition an der Regierung, die von der CSU mit Obergrenze-Forderungen für Flüchtlinge und ähnlichem erpresst werden wird. Was soll daraus Gutes werden?

Ob vielleicht die SPD sich in der Opposition nun ihrer Wurzeln besinnt und wieder richtig sozial-demokratisch wird? Wir wissen es nicht.

Vorhin, im Psalm, haben wir ja gesagt: „Verlasst euch nicht auf Menschen, die können ja nicht helfen.“ Und im anschließenden Lied haben wir unsere Zuversicht auf die Mächte gestärkt, die wirklich helfen können. „Auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Im Vertrauen auf die Kraft, die in unserem Glauben steckt, werden wir uns weiterhin einmischen in die Politik. Unsere wunderbare Stuttgarter Bürgerbewegung wird sich weiterhin aktiv daran beteiligen, wie es weitergehen wird in der Stadt und im Land.

Ich habe die Wahl für mich zum Anlass genommen, mir noch einmal klar zu machen, wie das eigentlich ist mit der Obrigkeit und dem christlichen Glauben. Sind das zwei getrennte Welten? Müssen sich Christen aus der Politik heraushalten oder sich ihr unterwerfen oder zu ihr in Opposition gehen? Wie wird das denn in Bibel und überhaupt in der Theologie gesehen?

Christ und Obrigkeit in der Bibel – sehr unterschiedlich

Beim Für und Wider taucht eine Bibelstelle immer wieder auf: Römer 13. Da schreibt Paulus – Sie kennen’s vielleicht: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit … denn sie ist von Gott angeordnet.“

Andererseits sagt der Apostel Petrus in der Apostelgeschichte: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen.“

Und dann findet man im letzten Buch des Neuen Testaments, in der Offenbarung, eine schroffe Ablehnung der weltlichen Obrigkeit: Obrigkeit ist vom Teufel. Allerdings wurde dieses Bibelbuch auch gänzlich unter dem Eindruck der ersten Christenverfolgungen geschrieben, die damals durch die römischen Kaiser grausam veranstaltet wurden – diese (römische) Obrigkeit war wahrlich des Teufels.

Und geradezu das Gegenteil davon passierte im 4. Jahrhundert, als die christliche Kirche zu einer Quasi-Staatskirche des römischen Reichs wurde. Die Kirche selbst war nun zu einem Teil der Obrigkeit geworden. Weiterlesen