Parkgebet am 17.6.2021 mit Pfr. i. R. Friedrich Gehring

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Ansprache zum Parkgebet am 17.6.21 zu Lk 15, 1-3+7  von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Es kamen allerlei Zöllner und Sünder zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sagten: Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen. Da sagte er zu ihnen … . Im Himmel wird mehr Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen

Die Schriftgelehrten und Pharisäer sehen es als ihre Aufgabe an, Zöllner und Sünder auszugrenzen. Sie wollen wohl die Sünde brandmarken und auf diese Weise Druck ausüben, damit unsoziales Handeln aufhört. Sie empören sich, dass Jesus den anderen Weg geht. Er versucht die Änderung des schädlichen Verhaltens zu erreichen durch positive Zuwendung. Bei dem Steuereintreiber und Betrüger Zachäus hat Jesus Erfolg (Lk 19,1-10), bei dem so genannten „reichen Jüngling“ nicht, denn dieser geht traurig weg, weil er viele Güter hat, die er nicht an die Armen abgeben will (Mk 10, 17-22). Es fällt mir allerdings auf, dass Jesus mit einer bestimmten Sündergruppe nicht isst: Den Priestern im Tempel, denen er Räuberei vorwirft, macht er öffentlich Randale (Mk 11,15-17). Den Widerspruch kann ich mir nur dadurch erklären, dass die Priester sich als Gerechte ansehen, die einer Umkehr nicht bedürfen. Es fehlt ihnen das Schuldbewusstsein. Auch in der Bevölkerung werden sie wegen ihrer ausbeuterischen Opferforderungen und der Beherrschung des Fleischmarkts nicht als Sünder angesehen. So muss Jesus  zuerst für Schuldeinsicht sorgen, bei ihnen selbst und bei den Ausgebeuteten. Deshalb betont er: Über Selbstgerechte ist im Himmel weniger Freude als über einsichtige umkehrende Sünder. Bei den allgemein verachteten Sünderinnen, den Prostituierten, muss Jesus nicht erst Schuldbewusstsein schaffen. Sie wollen ja selbst gerne umkehren aus diesem belastenden Broterwerb. Anders bei den Männern, die diese Frauen sexuell ausbeuten, ihnen muss er vorhalten: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein (Joh 8,7).  Erst daraufhin lassen sie ihre Steine fallen und kehren um, indem sie weggehen.

Wenn wir im Umgang mit Sünde Jesus nachfolgen, geht es nicht nur darum, wie bei Zachäus nett zu sein zu den Sündern, sondern auch die Sünde zu brandmarken, wo Schuldeinsicht noch fehlt. Wir müssen die Gratwanderung der kritischen Solidarität mit den Sündern versuchen. Das bedeutet, sie nicht einfach bloß auszugrenzen wir die Pharisäer, sondern uns ihnen zuzuwenden, sie als Menschen zu akzeptieren, aber zugleich nicht zu verschweigen, was wir an ihrem Verhalten kritisieren müssen. Diese Gratwanderung kann am besten gelingen, wenn wir den Rat Jesu zur Selbstkritik beherzigen: „Ziehe zuerst den Balken aus dem eigenen Auge, dann magst du zusehen, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst“ (Mt 7, 5). Wenn wir uns unseren eigenen Verfehlungen stellen und bewusst werden, dass wir der Vergebung und der Umkehr bedürfen, dann werden wir gnädiger im Umgang mit Verfehlungen anderer. Auch werden wir überzeugender in unserer Kritik, wenn wir selbstkritisch vorangehen.

Konkret heißt das etwa: Der brasilianische Präsident Bolsonaro wird bei uns vielfach kritisiert, weil er den Tropenwaldholzfällern  freie Hand lässt. Das mit uns ausgehandelte Handelsabkommen Mercosur verschärft aber die Abholzung. Mit mehr Holzverkauf kann Brasilien bei uns mehr einkaufen. Und mit unserem massiven CO2-Ausstoß tragen wir mindestens so sehr zum Klimawandel bei wie die Abholzung des Regenwalds. Wenn wir unsere eigenen Klimasünden einsehen, darf dieses Abkommen nicht in Kraft treten, auch wenn unser Export und damit unser Wohlstand nicht mehr weiter wächst oder zurückgeht. Vielmehr müssen wir von unseren Klimasünden umkehren. Wenn wir bei uns im Kleinen anfangen, unseren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, dann bekommt auch unsere Kritik größere Kraft. Dass die Union und die FDP jetzt den Grünen die Benzinpreiserhöhung in die Schuhe schieben, die von der großen Koalition durch die CO2-Preiserhöhung beschlossen wurde, können wir dann als paradoxen Wahlkampf  brandmarken, und dass die beiden jetzt den armen Mann an der Tankstelle entdecken, als Heuchelei entlarven. Wir können daran erinnern, dass die im Billiglohnsektor arm Gemachten sich ein Auto oft gar nicht leisten leisten können. Wir können Berechtigungsscheine für Treibstoff als sozial gerechte Lösung vorschlagen. Arme ohne Auto könnten diese Scheine versteigern an diejenigen, die sich Spritfresser leisten. Die Älteren unter uns werden sich noch an die Lebensmittelmarken im Mangel nach dem Krieg erinnern. Warum nicht jetzt Benzinmarken als Zahlungsmittel für die Armen, dass Obdachlose an Tankstellen ihre Benzinmarken zu Bargeld machen ohne betteln zu müssen? Das wäre echter sozialer Ausgleich im Sinne Jesu. Denn er fordert uns auf, uns Freunde zu machen mit dem ungerechten Mammon (Lk 16,9). Damit wäre Bundestagswahlkampf zu machen.

Wenn wir zuerst vor der eigenen Tür kehren, wird unsere Kritik glaubwürdiger und überzeugender  denen gegenüber, die sich noch keiner Schuld bewusst sind, wie etwa den Befürwortern von Stuttgart 21. Wir werden nicht wie Jesus im Tempel randalieren, aber dennoch beharrlich dem fehlenden Schuldbewusstsein aufhelfen. Ich war am vergangenen Wochenende bei einem Treffen meiner Abitursklasse in Nellingen, wenige Kilometer vom fertigen Bahnhof Merklingen entfernt.  Immer wieder wurde ich von einzelnen gefragt, was ich von Stuttgart 21 halte. Alle Fragenden meinten resignativ, der Unsinn werde ja nun fertig gebaut. Niemand erinnerte sich an das Kernkraftwerk Kalkar, das für Milliarden erbaut nie in Betrieb ging, weil Beherrschbarkeit des schnellen Brüters im öffentlichen Bewusstsein zu fragwürdig geworden war. Als ich daran erinnerte und von der jüngst eingereichten Klage wegen des fehlenden Rettungskonzepts berichtete, setzte Nachdenklichkeit ein, vor allem auch deswegen, weil ich auf die Umnutzungsideen verweisen konnte. Im Sprichwort heißt es: Steter Tropfen höhlt den Stein. Und Jesus macht uns Mut, auf die menschliche Einsicht zu hoffen. Umkehr ist möglich. Amen.

Ansprache zum Parkgebet am 3.6.2021 zu Jona 1,1-3a von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

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Es geschah das Wort des Herrn zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem Herrn nach Tarsis fliehen.

Jona will das prophetische Wort seines Gottes an die Stadt Ninive nicht ausrichten und versucht, sich dem Auftrag zu entziehen. Er ist damit nicht allein. Auch der Prophet Jeremia sucht eine Ausflucht und schiebt vor, er sei zu jung für das Prophetenamt (Jer 1,6). Aber er hat sich dann doch von seinem Gott überreden lassen und bekennt, wenn er das aufgetragene Wort gegen Unrecht und Gewalt verweigere, werde es in seinem Herzen wie brennendes Feuer (20, 7-9). Auf eine etwas andere Weise misslingt bekanntlich auch Jonas Flucht vor dem prophetischen Auftrag. Sein Fluchtschiff gerät in Seenot, er wird von einem Fisch wieder an Land gespien. Anders als bei Jeremia ist seine Weigerung nicht darin begründet, dass er als Prophet Erfolglosigkeit fürchtet. Jona gönnt der bösen Stadt Ninive nicht die Chance zur Umkehr durch seine prophetische Predigt. Für Christen in der Nachfolge Jesu ist diese Haltung unmöglich, denn Jesus ist gerade darin der Sohn seines barmherzigen Vaters, dass er auch so sozial schädliche Menschen wie Zachäus durch seine Zuwendung zu heilsamer Umkehr bewegt.

Der Blick auf Propheten wie Jeremia oder Jona löst bei mir die bange Frage aus: Wie steht das heute mit den prophetischen Aufträgen? Wer sind die Berufenen? Wer versucht zu fliehen aus dem prophetischen Amt? Wer nimmt den Auftrag an? Welche Bosheit, welches Unrecht, welche Gewalt müsste zur Umkehr gerufen werden?

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Digitales Parkgebet am 20.5.2021 von Pfr.i.R. Martin Poguntke

Pfingsten und der Turmbau zu Babel

Ansprache über 1. Mose 11, 1–9

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Liebe Parkgebetsgemeinde,

Am Sonntag ist Pfingsten, und der Psalm 118, der in württembergischen Gottesdiensten an Pfingsten gebetet wird, jubelt ausgelassen: „Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“ Währenddessen schlägt der Predigttext für dieses Pfingsten ganz andere Töne an. Es ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel, in der die Überheblichkeit der Menschen für die Erbauer des Turms ein böses Ende nimmt. Uns als S21-Gegner*innen liegt diese Geschichte natürlich sehr nahe, haben wir hier doch ein Musterbeispiel für solche Überheblichkeit vor Augen. Nur ist noch nicht klar, ob das Ende des Projekts für die Schuldigen, die Erbauer, böse sein wird oder für die ganze normale Bevölkerung, deren Bahnverkehr wegen S21 auf ein Minimum zusammengestrichen werden würde.

Um diese Turmbau-Geschichte richtig zu verstehen, muss man wissen: Sie ist genauso wenig wie etwa die Noah-Geschichte oder die Geschichte vom Sündenfall eine historische. Sondern all diese Geschichten am Anfang der Bibel sind ja mehr oder weniger frei erfundene Erzählungen, mit denen die Autoren theologische Aussagen über den Menschen und sein Verhältnis zu Gott plastisch machen wollten.

So hatten schon die Theolog*innen im 9. Jahrhundert vor Christus eine verwirrende Beobachtung gemacht, die irgendwie theologisch verarbeitet werden musste: Fast drei Jahrtausende vor dem, was wir heute Ökologie nennen, stellten sie immer und immer wieder fest: Der Mensch gehört irgendwie nicht richtig dazu. Er ist einerseits ein Lebewesen wie alle andern, aber andererseits hat er eine Freiheit und Macht gegenüber der übrigen natürlichen Umwelt wie kein anderes Lebewesen. Er kann fast ohne Einschränkung zerstören und bewahren, behindern und schützen – fast wie Gott. Und so heißt es dann auch in Psalm 8 über den Menschen: Gott hat ihn „wenig niedriger gemacht als Gott“.

Das macht den Menschen zu einem sehr zwiespältigen Wesen: Einerseits ist keiner besser dafür ausgestattet, die Schöpfung zu bewahren. Andererseits hat keiner so viel Macht, eben diese Schöpfung zu zerstören. Tiere haben die Macht zu beidem nicht.

In der Geschichte vom Sündenfall wird das bildhaft so beschrieben: Die Menschen haben vom Baum in der Mitte des Gartens, vom „Baum der Weisheit“ gegessen. Die Schlange hatte ihnen Lust darauf gemacht mit den Worten: „An dem Tage, da ihr von ihm esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“

Im Kern drückt diese Geschichte aus, wie man sich damals vorstellte, warum sich der Mensch aus der Tierwelt erheben und zu diesen ihn so sehr von den Tieren unterscheidenden Eigenschaften kommen konnte – weil er vom Baum der Erkenntnis aß. Wir heute wissen, dass der Mensch in einem Prozess der Evolution aus dem Tierreich entstanden ist. Für uns heute drückt die Sündenfall-Geschichte deshalb genau diesen Übergang aus: wie aus dem Wesen ohne Erkenntnis ein Wesen mit Erkenntnis wurde, also der denkende Mensch, der homo sapiens.

Der Mensch ist zwar noch Teil der Natur, aber zugleich ist er aus ihr herausgefallen, weil er sich bewusst auch gegen sie stellen kann. In diesem Graben zwischen dem Menschen und der übrigen Natur sehen Theolog*innen den Graben zwischen dem Menschen und dem Ganzen, also die Trennung zwischen dem Menschen und Gott, der ja als „das Ganze“ verstanden werden kann.

Der Mensch ist damit unwiderruflich abge-sond-ert, abge-sünd-ert vom Ganzen, von Gott. Und dieses Abge-sond-ert-Sein ist gemeint mit dem so moralisch belasteten Begriff „Sünde“. Hier liegt übrigens der Grund, warum Tiere nicht getauft zu werden brauchen: weil sie nie aus der Schöpfungsordnung gefallen sind, sondern unwissender Teil des gigantischen ökologischen Mobiles sind und bleiben – gar nicht anders können.

War es nun gut oder schlecht, dass aus dem zum Tierreich gehörenden Vor-Menschen der denken-könnende Jetzt-Mensch wurde? Die Philosophen streiten sich darüber. Die Auffassung ist verbreitet, dass der Mensch ein großes Unglück für die Welt ist, weil er sie letztlich zerstören kann und wenig darauf hinweist, dass er es nicht tun wird.

Der jüdisch-christliche Glaube ist dagegen ein Projekt, das die Überzeugung vertritt, dass die große Macht des Menschen, mit der er die Welt zerstören kann, auch die entscheidende Macht sein kann, mit der er die Welt in einen Ort verwandeln kann, an dem es auch der Natur besser geht als zuvor. Paulus spricht vom „ängstlichen Harren der Kreatur auf die Offenbarung der Kinder Gottes“.

Allerdings – und das ist die große Einschränkung, die die jüdischen und christlichen Theolog*innen machen – allerdings kann der Mensch diese positive Wirkung auf die Welt nur haben, wenn er sich in seinem Tun am Ganzen der Welt orientiert und nicht an den Interessen Einzelner, wenn er sich damit faktisch zu einem Werkzeug des Ganzen machen lässt.

Eine der beiden biblischen Erzählungen von der Erschaffung des Menschen drückt das mit der bildhaften Vorstellung aus, dass Gott den Menschen „zu seinem Bilde“ erschaffen hat. Gemeint ist: Du, Mensch, sollst dich hier auf der Welt als Abbild Gottes – des Ganzen – verhalten. Das ist deine Würde, aber auch deine Aufgabe. Du. Mensch, hast einen Auftrag in der Welt: nämlich sie immer im innerlichen Rückfragen nach dem Ganzen zu behandeln, immer zu fragen: Tut das, was ich mache, der Welt als Ganzer gut oder nicht?

Ständige Rückbindung des Menschen an den Schöpfer nennt man das theologisch – nur mit dieser Rückbindung kann der Mensch das sein, wovon die jüdisch-christliche Theologie überzeugt ist: dass der Mensch der Welt ein Segen sein kann. Nur wenn der Mensch in seinem Tun ans Ganze denkt und nicht nur an sich und seine Interessen, nur dann ist die Kraft, die er vom Ursprung der Welt bekommen hat, ein Segen für die Welt.

In der Turmbaugeschichte ist aber genau das nicht der Fall: Hier entscheiden sich die Menschen, einen Turm zu bauen, nicht im Blick auf das Wohl der ganzen Welt, sondern im bloßen Kreisen um ihre eigenen Interessen: Sie wollen sich „einen Namen machen“, wollen nicht „in alle Länder zerstreut“ werden.

Und die Autoren der Geschichte lassen Gott mit der Benennung genau dieser Gefahr antworten, die von der Macht des Menschen ausgehen kann: „Nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.“ Etwas flapsig ausgedrückt: Das haben wir jetzt von der Weisheit des Menschen: dass er zu allem fähig ist.

Natürlich ist die Turmbau-Erzählung keine realistische Erzählung. Wenn die Autoren Gott als letztes Mittel gegen die Selbstherrlichkeit des Menschen die Sprachen verwirren lassen, erweist sich die Geschichte im Grunde als ein vorwissenschaftlicher Versuch, die Vielfalt der menschlichen Sprachen zu erklären. Aber darum geht es ja nicht wirklich, sondern um die theologische Aussage: Des Menschen Weisheit ist auch eine gigantische Gefahr für die Welt.

Warum wird eigentlich über diese Geschichte ausgerechnet an Pfingsten gepredigt? – Weil es in der Pfingstgeschichte passiert, dass Menschen aus aller Herren Länder, mit völlig unterschiedlichen Sprachen das Predigen der Apostel auf dem Marktplatz verstehen. Pfingsten wird hier als eine Art Neuanfang, als ein Ausweg aus der Turmbauerzählung verstanden: Ja, die vielen Sprachen trennen uns Menschen, aber diese Trennung kann überwunden werden; es ist Verständigung über die Sprachgrenzen – und heute würde man ergänzen: und kulturellen Grenzen – hinweg möglich.

Und wodurch wird das möglich? Die Antwort ist: wieder so ein theologisches Wort: durch den Heiligen Geist. Die ersten Christ*innen haben diesen Geist als den Geist von Jesus verstanden. Sie spürten diese Kraft, die da unter ihnen wirkte, und konnten sie nur deuten als die vertraute Kraft aus der Zeit, als ihr Freund Jesus noch mit ihnen zusammen durch die Dörfer gezogen war.

Die christlichen Theolog*innen haben aber inzwischen erkannt, dass wir den Heiligen Geist nicht einfach den Juden wegnehmen und als den Geist Jesu vereinnahmen können – es muss schon unser gemeinsamer Geist sein. Deshalb sehen wir heute: Die Kraft, die die Jünger*innen dazu gebracht hatte, sich über Grenzen hinweg zu verständigen, das war der Geist Gottes. Also der Geist, der die ganze Schöpfung durchdringt.

Und jetzt schließt sich der Kreis: Dieser Geist ist der Geist, der sich am Welt-Ganzen orientiert. Wo Menschen ihr Fühlen, Denken und Handeln am Ganzen ausrichten, da geschieht Verständigung, da kommen die gefährlichen und wunderbaren Fähigkeiten des Menschen zu ihrem für die Welt guten Sinn und Ziel: zur Heilung der menschlichen Beziehungen und der ganzen Schöpfung.

Um noch einmal auf Stuttgart 21 zu sprechen zu kommen: Unser Vorwurf an die Erfinder und Betreiber dieses Großprojektes ist nicht, dass sie die Grenzen der technischen Möglichkeiten ausloten, sondern dass sie das im Interesse einer begrenzten Clique machen: ihrer Wachstums- und Geld-gläubigen Wirtschaftsklientel. Hätten sie auch nur das Ganze der Stadt Stuttgart oder des Bahnverkehrs oder des Landes Baden-Württemberg im Sinn gehabt – sie hätten es nicht beschlossen und würden es nicht durchsetzen.

Im Geist Gottes handeln, im Sinne des pfingstlichen Heiligen Geistes zu handeln, hätte aber noch viel mehr geheißen: Sie hätten fragen müssen: Was richtet das Projekt mit der Schöpfung an, mit dem Klima, dem kleinen in Stuttgart und dem im Umkippen befindlichen Weltklima?

So hätten sie sich als „Abbild Gottes“ verhalten, hätten der Schöpfung gedient, hätten Verständigung ermöglicht zwischen den verwirrten Sprachen der verschiedenen Interessengruppen. Nein, nicht sie hätten das ermöglicht, sondern die Geist-Kraft, die in der Welt wirkt, die wir an Pfingsten feiern und die uns die Hoffnung nicht verlieren lässt, dass „alles anders wird“, wie es im Lied heißt, das wir – ohne Pandemie – jetzt im Park singen würden: „Ich glaube fest, dass alles anders wird.“ Amen.

Digitales Parkgebet am 6.5.2021 von Pf.i.R. Friedrich Gehring

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Ansprache zum Online-Parkgebet am 6.5.2021 zu Mt 4,8-10 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Der Teufel führte ihn mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen“ (1. Mose 6,13).

In einer Woche feiert die Christenheit das Fest Christi Himmelfahrt. Da wird in vielen Kirchen das Lied erklingen: Jesus Christus herrscht als König. Ich habe für das heutige Parkgebet diesen Text von der Versuchung Jesu ausgewählt, um den Unterschied deutlich zu machen zwischen dem Königtum Jesu und dem weltlicher Herrscher. Weltherrschaft wird üblicherweise erreicht durch militärische Unterwerfung, die eine Ausbeutung unterworfener Völker ermöglicht. Jesus und den Evangelisten steht als plastisches Beispiel für solche Weltherrschaft der römische Machtapparat vor Augen. Die beschönigende Formulierung für das römische Machtprinzip ist der so genannte „römische Friede“ nach dem Motto: Wenn du Frieden willst, rüste auf. Heute wollen die USA diesen Frieden verwirklichen mit Militärstützpunkten in mehr als 80 Ländern, auch bei uns. Es wird nicht mehr gekreuzigt, es werden Kampfdrohen benutzt. Deutschland wirkt dabei maßgeblich mit. Am schwarzen Donnerstag haben wir die innenpolitische Variante dieses Friedens erlebt: Wenn du Frieden willst, schick Wasserwerfer in Demonstrationen.

Jesus widersetzt sich diesem teuflischen Prinzip. Er weist die versucherische Stimme von sich und lässt sich nicht vor den Karren derer spannen, die ihn gerne als den messianischen Feldherrn bei einem Aufstand gegen die Römer gesehen hätten. Deshalb reitet er nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Esel in Jerusalem ein (Mk 11,7). Im Gegensatz zum römischen Machtmissbrauch fordert Jesus von seinen Jüngern den Dienst an der Allgemeinheit (Mk 10, 42-44). Von dieser Kultur des Dienens ist die Königsherrschaft Jesu geprägt. Davon singen wir am Fest Christi Himmelfahrt.

Gerade weil dies in der Kirchengeschichte und von angeblich christlicher Politik vielfältig vergessen wurde, müssen wir daran erinnern, auch wenn wir es  abgesehen von unserer Verstrickung in die brutalen US-Weltmachtansprüche und abgesehen vom schwarzen Donnerstag innenpolitisch mit einer milderen Variante von christlicher Machtpolitik zu tun haben. Gerhart Baum, ein Mann aus der guten alten Zeit der FDP, hat es am 23.10.2020 im ZDF-Kulturmagazin Aspekte trefflich formuliert: „Die Politik ist darauf angelegt, Wahlen zu gewinnen, und da ist nicht jedes Mittel recht, aber es wird natürlich auch getäuscht, den Leuten wird etwas vorgemacht. Und das kann man umso mehr dann, wenn die Menschen Angst haben und unsicher sind. Dann sind sie anfällig für einfache Lösungen und für starke Männer und Frauen, die versprechen: Alles wird gut.“ Gerade in der Zeit der Pandemieängste haben stark wirkende Personen wie Söder enorme Umfragewerte erzielt. Er fiel zunächst auf durch besonders heftige Einschränkungen der Grundrechte, später dann durch besonderes Machtgerangel. Wir im Ländle haben die bittere Erfahrung machen müssen, dass Kretschmanns vorgetäuschte S 21-Gegnerschaft ihm an die Macht half. Diese konnte er inzwischen ausbauen, weil er ähnlich heilsbringend wie Söder auftrat, aber die erfolgreichen Tübinger Maßnahmen lange missachtete und stattdessen mehr auf Grundrechtseinschränkungen setzte.

Als Kritikern von S 21 erscheint uns nun Kretschmanns Koalitionsentscheidung besonders brisant: Der 6-gleisige Ergänzungskopfbahnhof der Grünen und der Gäubahntunnel der CDU sollen S 21 „für zusätzlichen Schienenverkehr fit“ machen, „sofern sich die Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit der Elemente erhärten“ (Südwestpresse vom 3.5.21). Dies alles obwohl bereits im Jahr 2001 Bahnfinanzvorstand Sarrazin die Unwirtschaftlichkeit des gesamten Projekts der Bahnführung gegenüber nachgewiesen hat. Die später aufgestellte Wirtschaftlichkeitsgrenze von 4,6 Mrd. € ist längst überschritten. Der Rechtsstreit über die Finanzierung ist seit Jahren ungeklärt. Die fehlende Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit ist also längst erhärtet. Grüne und CDU hoffen aber darauf, verleugnen grob die Realität wie Querdenker und wollen das Wahlvolk dreist täuschen.

Mit einem Dienst an der Allgemeinheit im christlichen Sinne hat dies nichts mehr zu tun. Darum lassen wir uns aber nichts vormachen und die querdenkerischen Koalitionäre sollen dies auch wissen.  So habe ich dieser Tage meine neuerliche Fachaufsichtsbeschwerde gegen das Eisenbahnbundesamt wegen Genehmigung von S 21 trotz fehlendem Rettungskonzept an Ministerpräsident Kretschmann gesandt. Dem Koalitionsbeschluss, die Idee des 8-gleisigen Kopfbahnhofs  und des Gäubahntunnels weiter zu unterstützen, halte ich entgegen, dass die Rentabilität des gesamten Projekts S 21 nie gegeben war und die Finanzierung immer noch gerichtlich ungeklärt ist. Ich empfehle das fehlende Rettungskonzept als Ausstiegsgrund und den Umstieg 21 oder das neue städtische unterirdische Güterlogistikonzept als Alternativen.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Report Mainz sich des unsinnigen Projekts erneut annehmen wird und dass Minister Scheuer und Staatssekretär Bilger Personen weichen, die Vernunft walten lassen dürfen. Auch hoffe ich, dass der von der Regierungskoalition geforderte Ergänzungskopfbahnhof eine Weichenstellung bedeutet hin zum Erhalt der ganzen 16 Gleise. Unsere steten Warnungen vor dem fehlenden Rettungskonzept könnten jetzt fruchten und zur Erkenntnis führen, dass die Tunnel aus Sicherheitsgründen nur einseitig befahren werden dürfen, weil immer ein Tunnel als Rettungsstollen frei bleiben muss. Dann müssen 16 Kopfbahnhofgleise bleiben. Dann kann Jesus Christus als Diener der Allgemeinheit in die Herzen der Verantwortlichen einziehen und den Götzen Mammon der Immobilienspekulanten daraus vertreiben.  Amen.

Digitales Parkgebet am 22.4.2021 von Pf.i.R. Friedrich Gehring

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In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Joh 16,33 )

Die Botschaft von Ostern ist, dass die römischen Machthaber Jesus zwar töten konnten, nicht aber seine Botschaft. Das Blut Jesu wurde zum Samen der Kirche. Der Foltermord an Jesus hat nicht Angst und das Verstummen erzeugt wie vom Kaiser erwartet. Der Mut Jesu sprang auf die Jünger über. Jesus hatte mutig provoziert und kein Blatt vor den Mund genommen. Zuerst reitet er auf einem Esel in Jerusalem ein (Mk 11,1-7) und brüskiert alle, die von ihm erwarten, er werde zum Führer einer gewaltsamen Erhebung gegen das römische Joch. Ein solcher müsste auf einem Pferd reiten. Aus Enttäuschung wird bald Wut, aus dem Hosianna der Schrei „Kreuzige ihn!“ Dann geht Jesus in den Tempel und stört die Fleischgeschäfte der Priester. Er wirft ihnen vor, den Tempel, ein Bethaus, in eine Räuberhöhle zu verwandeln. Die Geschäftemacher wollen ihn „ins Verderben bringen“ (Mk 11, 15-18). Dann legt er sich mit einer weiteren mächtigen Gruppe an, den Pharisäern. Er wirft ihnen Wichtigtuerei, Scheinheiligkeit und fromme Drückebergerei vor (Mt 23,1-36). Als sie ihn mit der Frage des Steuerzahlens an den Kaiser aufs Glatteis führen wollen, macht er ihnen klar, dass sie Götzendienst betreiben, wenn sie mit Kaisergeld umgehen, und dass sie deshalb auf den Luxus verzichten müssen, den sie mit dieser harten Währung einkaufen (Mk 12,13-17).

Jesus stellt sich damit in die Tradition der alttestamentlichen Propheten, die im Namen des Gottes Israels gesellschaftliche Missstände angeprangert haben. Es muss ihm dabei bewusst gewesen sein, welchen Gefahren er sich damit aussetzte. Jeremia  etwa wurde wegen seiner mutigen Warnungen vor militärischen Abenteuern tödlich bedroht, er entkam knapp dem Ertrinken in einer Zisterne   (Jer 38,6). Aber Jesus lässt sich davon nicht abschrecken, die Missstände beim Namen zu nennen. Auch den Kaiser und seine Statthalter bezichtigt er des Machtmissbrauchs (Mk 10,42-44). Nur wenige Menschen tun sich das an, sehr viele vermeiden die offene Kritik an den Mächtigen und Einflussreichen, weil sie deren Zorn und Rache fürchten. Jesus fasst dies zusammen in dem Satz: In dieser Welt der Machtmissbraucher habt ihr Angst. Aber er tröstet zugleich und macht Mut mit dem Nachsatz: Ich habe diese Welt überwunden, das bedeutet: Er hat die Angst vor den mächtigen Priestern, den Pharisäern, den Schriftgelehrten, den Sadduzäern, ja selbst die Angst vor dem Kaiser und seinen Statthaltern überwunden. Er ist bereit, die Leiden auf sich zu nehmen, die sie ihm zufügen können.

 

Dies ist in der Christenheit bald zugeschüttet worden dadurch, dass die priesterliche Opfertheologie den Tod Jesu aus politischen Zusammenhang gerissen und als Opfer für die Sünden der Welt gedeutet hat (Joh 1,29). Ausgerechnet Jesus, der die priesterlichen Opfer so heftig angegriffen hatte, wurde als Opferlamm hingestellt. Tragischerweise ist diese Vorstellung in der Geschichte der Kirche dominant geworden. Es war dem Nichtchristen Gandhi vorbehalten, den politischen Zusammenhang zwischen Leidensbereitschaft und politischem gewaltfreiem Widerstand erneut ins Bewusstsein zu heben. Er bestand darauf, dass Salz aus indischem Meerwasser den Indern und nicht den britischen Kolonialherren gehörte. Er ließ unbewaffnete indische Männer provokativ auf das Salzwerk zu marschieren. Sie wurden brutal niedergeknüppelt. Aber ein US-Fotoreporter machte die Brutalität weltweit bekannt. Die britische Kolonialmacht war schwer blamiert. Dies war ein enorm wichtiger Schritt auf dem Weg zur Befreiung Indiens, auch wenn bis dahin noch viele Jahre vergingen.

Martin Luther King hat dann als Christ den Zusammenhang wischen der gewaltfreien Leidensfähigkeit und der der politischen Befreiung von rassistischer Benachteiligung aufgegriffen und zum Programm erhoben. Ganz entscheidend ist dabei, dass das Leiden öffentlich gemacht wird und die Verursacher angeprangert werden. So hat 2015 das Bild eines toten Kleinkinds an einem Mittelmeerstrand eine Wende im Bewusstsein der Europäer erwirkt, die mindestens eine Zeit lang in der Flüchtlingspolitik wirksam wurde. Und ein ganz bestimmtes Bild vom „Schwarzen Donnerstag“ hat schlagartig ein breites Bewusstsein von der Skrupellosigkeit geschaffen, mit der das Projekt S 21 von der Regierung Mappus durchgedrückt werden sollte. Mappus bezahlte dafür.

So wurde die Leidensfähigkeit derer, die sich gewaltfrei den Wasserwerfern entgegen stellten, zur politischen Kraft der Veränderung. Weil die Angst vor der Welt eines Ministerpräsidenten Mappus überwunden war und das von ihr verursachte Leiden öffentlich wurde, kam es zum Machtwechsel.

 

Wir erkennen im Rückblick, dass der Machtwechsel zu einer Enttäuschung wurde, weil die Welt Kretschmanns der von Mappus zu ähnlich war. Ein Leiden wie am „Schwarzen Donnertsag“ hat sich zwar nicht wiederholen können, aber wir leiden weiter an dieser unsinnigen und gefährlichen Untergrundhaltestelle. Wir werden als Steuerzahler oder Bahnkunden alle dafür bezahlen, manche vielleicht mit dem Leben. Unser Leiden an diesem Unsinn ist oft ein heimliches und deshalb wenig wirksam. Aber gerade deshalb stehen wir hier öffentlich zusammen, um immer wieder den Finger in die Wunde zu legen und die Gefahren öffentlich zu machen. Am 30.3.21 wurde gemeldet: Die Bahn hat ein Entfluchtungsszenario ohne Feuer als Katastrophenschutznachweis ausgegeben. Der Tag wird kommen, an dem wie beim BER mit Komparsen real kontrolliert wird, ob Fluchtwege funktionieren. Ich habe deshalb eine erneute Fachaufsichtbeschwerde gegen das Eisenbahnbundesamt bei Minister Scheuer eingereicht wegen der Baugenehmigung für S 21 trotz fehlendem Rettungskonzept. Dieses geht auch an Ministerpräsident Kretschmann mit dem Hinweis, dass der Käs noch nicht gegessen ist und eine angebliche Mehrheit nicht über die Wahrheit des fehlenden Rettungskonzepts bestimmen kann. Auch Dr. Nopper warne ich vor, dass er noch als OB erleben wird, wie S 21 am Rettungskonzept scheitert. Auch hoffe ich, dass Report Mainz das Thema weiter aufgreift.

Mut macht mir, dass nach dem Scheitern des Widerstandes gegen die atomare Natonachrüstung in der Leipziger Nikolaikirche ein paar Friedenstiftende weiter gebetet haben. Sie wurden zum Kristallisationspunkt des Widerstandes, der das DDR-Regime beendete. Auch das Projekt S 21 wird seine Unsinnigkeit und Gefährlichkeit von Jahr zu Jahr weniger vertuschen können. Wir werden unseren Teil dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit und die Politik immer weniger wegsehen können, indem wir unser Leiden an diesem neoliberalen Irrsinn immer wieder laut werden lassen. Wir geben nicht auf. Amen.

Digitales Parkgebet am 8.4.2021 von Pf.i.R. Michael Harr

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(und hier alle Lieder und Texte)

Liebe Freundinnen und Freunde,

am Sonntag feierten wir Ostern und weil es so ein schönes Fest ist, reicht uns ein Tag dafür nicht aus. Darum haben wir zur freudigen Erinnerung und Feier auch noch einen Ostermontag gehabt. Ostern eröffnet für uns eine ganz andere Glaubenswelt, als sie die germanischen Vorfahren hatten und als sie viele andere Menschen in dieser Welt haben. Durch die Auferstehung von Jesus Christus tun sich ganz neue Horizonte auf. Da will eine neue Kraft, eine neue Zuversicht in unseren manchmal beklemmten und kleinmütigen Herzen lebendig werden.

Zu den Überzeugungen der alten germanischen, vorchristlichen Glaubenswelt gehörte die Erzählung von Ragnarök, von der Götterdämmerung, in der die Welt und die Götter untergehen werden. Für die alten Germanen ging alles einer großen, apokalyptischen Zerstörung entgegen. Sie lebten im Schatten des bevorstehenden Weltuntergangs, hinter dem allenfalls ahnungsweise und schattenhaft eine neue Welt sich auftun würde.

Diese Angst, dass alles dem Untergang entgegen gehe, kennen wir auch sehr gut. Wenn ich mich recht entsinne, warf Franz Alt gegen Ende der 80-er Jahre die Frage auf, ob wir Weihnachten noch erleben werden. Das war in einem Frühjahr und wir lebten damals unter dem starken Eindruck eines drohenden Atomkrieges und kurz vor der Havarie stehender Atomkraftwerke. Und das waren damals wahrlich keine unrealistischen Szenarien!

Heute sind andere Befürchtungen in den Vordergrund getreten. Da sind die Sorgen vor den Folgen des Klimawandels und vor den Folgen der Corona-Seuche. Manche treibt um, was die Corona-Maßnahmen aus unserem Staat und unserer Gesellschaft machen und noch machen werden.

Wir kennen auch solche apokalyptischen Ängste um unsere eigene Existenz, um unsere Gesundheit und um die unserer Angehörigen. Weiterlesen

Digitales Parkgebet am 25.3.2021 von Pfr.i.R. Martin Poguntke

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(und hier alle Lieder und Texte dieses Parkgebets)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

„O komm, du Geist der Wahrheit“ heißt es im Eingangslied zu diesem Parkgebet. Beim Umgang mit dem Projekt Stuttgart 21 haben wir ja traurige Erfahrungen gemacht, wie mit der Wahrheit umgegangen wird, wie sie verbogen und dann mit Wasserwerfern und überzogenen Strafverfahren durchgesetzt wird. Aber wir haben die Lügen aufgedeckt und tragen sie unermüdlich in die Medien, vor die Gerichte und auf unsere Demonstrationen.

Wir haben dabei in so vielerlei Hinsicht von Anfang an recht gehabt, dass wir in einer großen Gefahr stehen: Wir können überheblich werden und glauben, das liege daran, dass wir halt so klug oder so gut seien. Und wir beginnen womöglich zu glauben, das sei grundsätzlich so: dass wir die Dinge alle richtig durchschauen. Aber bedenken wir: Nicht, weil wir so klug oder so gut wären, haben wir S21 so gründlich durchschauen können, sondern weil S21 so konsequent verlogen war und ist. Und auch für diese Erkenntnis mussten und müssen wir sehr viel an Arbeit leisten.

Wenn aber schon die Wahrheit eines solchen Projekts nur mit großer Mühe und Disziplin zu entdecken war, wieviel mehr gilt das für „die“ Wahrheit, die Wahrheit der Welt? Denn um die geht es ja in dem Lied. Wenn schon politische oder technische oder medizinische Wahrheiten ein hohes Maß an fachkundiger und selbstkritischer Arbeit bedeuten – wieviel mehr die Wahrheit der Welt! Wie schnell „wandeln“ wir „im Rat der Gottlosen“, wie es im Psalm dieses Parkgebets heißt, wenn wir vorschnell unsere eigene kleine Wahrheit mit der Wahrheit der Welt gleichsetzen.

Ich will Sie heute einmal auf eine kleine Reise durch die Werkstatt des Theologen mitnehmen, um zu sehen: Wie gehen sie vor, um in biblischen Texten möglichst nicht lediglich die eigene Wahrheit zu entdecken, sondern die Wahrheit der Welt oder ein wenig von ihr? Wir werden dabei zunächst auf den griechischen Gott Hermes treffen. Aber keine Sorge: Wir bleiben auf dem Boden unseres christlichen Glaubens. Weiterlesen

Ansprache für das online-Parkgebet am 11.3.2021 zu Jes 28, 14-15 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

So höret nun des Herrn Wort, ihr Spötter, die ihr herrschet über das Volk… . Ihr sprecht: Wir haben Lüge zu unserer Zuflucht und Trug zu unserem Schutz gemacht.

Dieses Prophetenwort habe ich für das heutige Parkgebet ausgewählt, weil am kommenden Sonntag Winfried Kretschmann erneut zum Landesvater gewählt werden will, nachdem er 2014 uns Kritikern des Projekts Stuttgart 21 im Blick auf die Volksabstimmung vom 27.11.2012 gesagt hat, „in einer Demokratie entscheidet die Mehrheit und nicht die ‚Wahrheit’“. Ich warf ihm daraufhin vor, er mache die Lüge in unserem demokratischen Gemeinwesen hoffähig. Er ließ dies vehement zurückweisen. Als er 2018 behauptete, das Land sei an die Volksabstimmung laut Verfassung gebunden, wies ich in einem offenen Brief darauf hin, dass laut Landeswahlleiterin die Abstimmung keinerlei verfassungsrechtliche Bindungswirkung habe, weil das Quorum nicht erreicht wurde. Er ließ mir dann mitteilen, auf offene Briefe werde nicht geantwortet. So deckt er mit der Lüge über die Volksabstimmung die Lügen zu Kosten und Leistung bei S 21. Im Jahr 2018 hätte er schon daran erschrecken müssen, wie sein Motto des Vorrangs der Mehrheit vor der Wahrheit von Donald Trump perfekt umgesetzt wurde. Dieser gewann mit Hilfe eines Journalismus vom Schlage der Fox-News durch Sprachregelungen wie „alternative Fakten“ die Mehrheit der Republikaner und beinahe die der gesamten USA. Kretschmann vergisst auch, dass Nazipropaganda die Mehrheit glauben machte, die Juden seien an allem schuld und Deutschland brauche einen 2. Weltkrieg.

Verlogene Sprachregelungen finden sich auch bei S 21: Die Untergrundhaltestelle wird als Bahnhof oder gar moderne Bahninfrastruktur verkauft. Der Bergriff Bahnprojekt soll verschleiern, dass es sich in Wahrheit um ein Immobilienprojekt handelt, ersonnen von einigen Verschwörern in einem Hubschrauber und einem Weinberghäuschen. Wenn es vor 10 Jahren schon das Totschlagargument der Verschwörungstheorie gegeben hätte, wäre es uns Kritikern damals sicher um die Ohren gehauen worden, um sich der Sachdebatte zu entziehen.

Jesus sagt zu seinen jüdischen Zuhörern: „Wenn ihr in meinem Worte bleibt, seid ihr in Wahrheit meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,31f). Im Blick auf Jesajas prophetische Anklage erscheint das Wort Jesu über die Machthaber von Bedeutung: „Die als Fürsten der Völker gelten, knechten sie, und die Großen missbrauchen ihre Macht“ (Mk 10, 42). Wir haben das ja besonders schmerzlich erfahren am „Schwarzen Donnerstag“, aber auch in all den Situationen, in denen wir gewarnt haben vor den Gefahren des Projekts und dann das arrogante Wegsehen der Verantwortlichen ertragen mussten. Wenn wir Jesus folgen in seiner politischen Analyse der Macht, dann können wir erkennen, dass Kretschmanns Vorrang der Mehrheit vor der Wahrheit nur verschleiern soll, dass er die Wahrheit über S 21, die er vor Wahl 2011 sehr wohl kannte, geopfert hat auf dem Altar der Koalition mit einer neoliberalisierten SPD, um Regierungschef zu werden. Dieses Amt entschied über die Wahrheit. Aber selbst in diesem Amt hätte er der Wahrheit die Ehre geben und nach dem Erweis der Unrentabilität des Projekts aus dem Vertrag aussteigen können. Dass er diesen Weg nicht ging, kann ich mir nur erklären aus seiner falschen Sorge um den Verlust der Macht.

Nicht nur bei S 21, auch in anderen Bereichen sehe ich Jesu Warnung vor den Mächtigen berechtigt. Wolfgang Schäuble, der Bundestagspräsident, sprach Mitte Juli 2020 Jens Spahn die Fähigkeit zur Führung der CDU und der Bundesregierung zu, weil er „den Willen zur Macht“ besitze. Wenn sich Schäuble an Jesus orientieren würde, müsste er Politiker suchen, die der Wille zum Dienen auszeichnet, denn Jesus fordert von seinen Jüngern: „Wer unter euch groß sein will, sei der Knecht aller“ (Mk 10,44). Spahn nutzt seit Jahren seine Macht als Gesundheitsminister entgegen höchstrichterlicher Urteile, um schwerst Leidenden ein selbstbestimmtes Sterben zu verweigern. Er profiliert sich damit nicht als Diener, sondern als Herr über Leben und Tod. Hier erkenne ich als Nachfolger Jesu den Willen zum Machtmissbrauch des Ministers, der auch noch durch das Infektionsschutzgesetz mit der Vollmacht ausgestattet wird, Grundrechte einzuschränken.

Deshalb sehe ich mich als Jünger Jesu gezwungen, hier besonders genau hinzuschauen. Eine Juristengruppe erstritt gerichtlich die Einsicht in einen Mailwechsel von Bundesinnenministerium und RKI. Daraus geht hervor, dass das Ministerium um drastische Pandemieprognosen bat, um drastische Maßnahmen plausibel zu machen. Das RKI lieferte daraufhin scheinbar unabhängig die Prognose von 1 Million Toten ohne Lockdown (https://www.youtube.com/watch?v=ZfTy1VlPd3Y). Dies wäre wissenschaftlich nur durch einen Versuch mit Kontrollgruppe ohne Lockdown nach zu weisen. Laut RKI Stand Februar 2021 hat die lockdownfreie Kontrollgruppe Schweden (klimatisch für das Virus günstiger) 116 Coronatote auf 100000 Bewohner zu beklagen, Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland zusammen genommen 114 (FR 9.3.21, S. 26). Es werden irreführende Sprachregelungen eingesetzt: Mit dem Drostentest positiv Getestete werden als „Erkrankte“ bezeichnet, obwohl der Test auch bei toten Virenpartikeln positiv reagiert, die nicht krank machen können. Hinzu kommt die Sprachregelung der „asymptomatisch Erkrankten“. Bisher galt wissenschaftlich, dass, wer keine Grippesymptome zeigt, auch nicht an Grippe erkrankt ist. Die Verzerrung der Wahrheit wird zusammengefasst in der Sprachregelung „Inzidenz“, bei der nicht berücksichtigt wird, dass mehr Tests eine höhere „Fallzahl“ ergeben, ohne dass die Erkrankungsrate prozentual und damit die Gefährdung steigt. Das Pandemiegeschehen wird durch diese Sprachregelungen aufgebläht und die irreführenden Inzidenzzahlen sowie die Todesrate, bei der auch mit gezählt wird, wer nicht an, sondern nur mit dem Virus stirbt, machen übertriebene Angst. Diese beschert Politikern mit dem Willen zur Macht hohe Umfragewerte. Nach der politischen Analyse Jesu ist hier Machtmissbrauch erkennbar durch Vernebeln der Wahrheit.

Jens Spahn als gelernter Kaufmann hätte dienen können bei der rechtzeitigen Beschaffung von wirksamen FFP2-Masken. Seine späte übereilte Ausschreibung machte die Beschaffung zum Desaster (https://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/swr/masken-debakel-100.html), bei dem noch viel mehr Geld verschleudert wurde als durch Scheuer bei der PKW-Maut. Die jetzt bekannt gewordenen Maskengeschäfte von Unionsabgeordneten sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Kanzlerin hätte dienen können, indem sie Sorge für den Schutz der Vulnerablen getragen hätte wie in Tübingen. Aber die Umfrageergebnisse für Regierende wie Söder machten die Einschränkungen der Grundrechte für den Machtzuwachs der Union interessanter, ebenso die dazu gehörige übertriebene Panikmache.

Jesus verheißt seinen Nachfolgern: Die Wahrheit wird euch frei machen. Sie wird uns nicht von allen Ängsten befreien, aber sie kann uns helfen, realistische von unnötigen Ängsten zu unterscheiden und zu erkennen, was wirklich hilft. Amen.

Anmerkung zur Auseinandersetzung um das selbstbestimmte Sterben: Das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg hat in Ausgabe 8/2021, S. 13, meinen folgenden Leserbrief abgedruckt (Kürzung in Klammer)

Theologische Argumentation

In der kirchlichen Debatte um selbstbestimmtes Sterben vermisse ich theologische Gründe. Das traditionelle Argument „Gott allein ist Herr über Leben und Tod“ ließ im Spätmittelalter viele glauben, ärztliche Lebensverlängerung sei Blasphemie. Heute müssen wir uns mit Patientenverfügungen gegen die Medizin als Herrin über Leben und Tod wehren. Mein Gottesverhältnis ist geprägt durch Lk 15, 11 ff. Als der Sohn sich (aus unerträglichem Leben) zur Heimkehr entschließt, wird er mit offenen Armen liebend empfangen und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger des Vaters: „Ich bestimme, wann du heimkehren darfst.“

Ich bin gerne bereit zu diskutieren, von welcher theologischen Position, das heißt, von welcher Gottesvorstellung aus der Münsteraner Katholik Jens Spahn und evangelische Christen das vom Bundesverfassungsgericht zum Grundrecht erklärte Recht auf selbstbestimmtes Sterben den schwerst Leidenden verweigern wollen.

Parkgebet am 11.3.2021 mit Pfr.i.R. Friedrich Gehring

Die Lieder und Texte zum – weiterhin nur digital stattfindenden – Parkgebet sind dieses Mal ab 18.15 Uhr zu finden unter dem folgenden Link:

(bitte hier klicken!)

Wir wünschen allen Hörer*innen und Leser*innen in diesen schwierigen Krisenzeiten ein klein wenig Verbundenheit untereinander und gewinnbringende Anregungen durch die Texte und Lieder.

Die Liturgie des Online-Parkgebets vom 25.2.2021 ist zu finden unter folgendem Link:

https://c.web.de/@823176437937739474/n35baRuCRkuBOYY5UoEXtg

Ansprache zum online-Parkgebet am 25.2.2021 zu Lk 9,62 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht tauglich für das Reich Gottes.

Es ist Wahljahr. Es geht aber jetzt nicht nur um Regierungsbildungen in Baden-Württemberg oder im Herbst in der gesamten Republik. Es geht um Zukunftsgestaltung weit darüber hinaus. Immer mehr junge Menschen wollen eine Politik, die ihnen eine Existenz bis in ihr Alter sichert. Da geht es um den Klimawandel, aber auch um Jobs und eine Absicherung im Alter. Der politische Mainstream wirbt um Stimmen bei der Wählerschaft, indem eine Versöhnung von Ökologie und Ökonomie versprochen wird. Bei der schwachen Lobby für die Ökologie und der starken für die Ökonomie kommen oft Kompromisse heraus wie der durch die Intervention der Kanzlerin in Brüssel erreichte, dass schwere SUVs als klimafreundlich eingestuft werden, weil sie bezogen auf ihr Gewicht überraschend wenig Sprit fressen. Dazu fiel mir die Warnung Jesu ein mit dem Bild vom rückwärts gewandten Pflügenden. Wenn wir die Warnung Jesu ernst nehmen, müssen wir fragen: Wo wird bei uns heute rückwärts gewandt mit den Problemlösungen von gestern die Zukunft gestaltet?

Als erstes fällt mir da der Schrei in der angeblich christlichen Union nach Atomkampfbombern und Kampfdrohnen für die Bundeswehr ein. Schon die Lagerung von Atombomben ist seit 22. Januar völkerrechtlich ein Verbrechen. Wer auf den Schutz durch Atombomben vertraut, riskiert das Auslöschen unserer Lebensgrundlagen, als ob diese durch die Klimakrise nicht schon genug bedroht wären. Unsere Verteidigungsministerin, Vorsitzende einer angeblich christlichen Partei, propagierte im vergangenen Oktober Kampfdrohnen zum Schutz unserer Soldaten ausgerechnet im afghanischen Kundus. Dort tötete 2009 der deutsche Oberst Klein in der Absicht, Taliban zu töten, durch seinen Bombardierungsbefehl über 100 Zivilisten, auch Kinder. Kampfdrohnen töten regelmäßig auch Zivilisten, was dann klein geredet wird als so genannte Kollateralschäden. Die Tötung von Feinden fördert deren Rache. Vergessen wird die Warnung Jesu: Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen (Mt 26,52). Kampfdrohnen gefährden unsere Soldaten. Wahrer Friede kommt nicht durch Waffen. Die Bundeswehr ist zur Hilfsorganisation umzubauen. Den Anfang erleben wir jetzt in der Pandemie: Soldaten werden zu Gesundheitshelfern wie „Schwerter zu Pflugscharen“ (Jes 2,4). Die badische Landeskirche fordert seit Jahren diesen Umbau mit ihrem Konzept „Sicherheit neu denken“ (Snd). Dies ist ein Beispiel, die Hand an den Pflug zu legen und im Sinne Jesu nach vorne zu schauen. Die Aufrüstung mit Atombombern und Kampfdrohnen blickt zurück auf das Sicherheitskonzept, das im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege hervorbrachte.

Als zweites fällt mir die neoliberale Wirtschaftsdoktrin ein, die sich brüstet, wenn wir die fettesten Pferde gut füttern, dann würden für den Rest der Welt ordentlich Rossäpfel abfallen. Papst Franziskus spricht etwas weniger sarkastisch von der „Trickle-down-Theorie“, nach der vom Reichtum der Megareichen immer auch etwas für die Armen herabtropft. Solche Sprachregelungen verschleiern, dass im neoliberalen Wirtschaftssystem die Reichen immer reicher werden, nicht zum Wohl der Armen, sondern auf deren Kosten und zu deren Schaden. In der gegenwärtigen Pandemie wird diese Umverteilung nach oben noch verschärft. Einer der größten Skandale wird derzeit vorbereitet beim Durchdrücken des Wirtschaftsabkommens CETA. Dieses gibt großen Firmen in Europa und Kanada, aber auch US-Konzernen mit Niederlassungen in Kanada, freie Hand, die Daseinsvorsorge durch Kliniken, Pflegeheime, Wasser- und Elektrizitätswerke und natürlich auch Verkehrsbetriebe und Straßen zu privatisieren, um damit sichere Profite zu machen. Was einmal privatisiert sein wird, kann danach kaum mehr in öffentliche Hände zurück übereignet werden. Wenn etwa Klimaschutz die Gewinne der Investoren schmälert, steht diesen Schadensersatz durch uns Steuerzahler zu. Schon jetzt fordern Energieriesen Milliarden an Schadensersatz für den Atomausstieg aufgrund des Energiechartavertrags (ECT), der so schlimm ist wie CETA. Um solche Zahlungen zu vermeiden, müssen künftig Regierungen bei der Gesetzgebung darauf achten, dass der Profit der Investoren nicht leidet. So werden diese zu den neuen Feudalherren und die Parlamente entmachtet. Die politischen Verantwortlichen, die solche Handelsabkommen abnicken, weil sie sich davon wirtschaftliches Wachstum versprechen, sind Pflügenden gleich, die dabei tief ins Mittelalter zurück schauen.

Eine Versöhnung von Ökologie und Ökonomie, die nach vorne schaut, muss sich verabschieden von einer Klima schädigenden Wachstumsideologie und Verschwendungswirtschaft. Sie muss neue Produktionen finden, die unsere Welt wirklich braucht, etwa Bewässerungsmöglichkeiten für Dürregebiete, effiziente Solarenergie für die Sahara und andere Wüsten, effektives Recycling statt unersättlichem Ressourcenverbrauch. Die so entstehenden neuen Arbeitsplätze können die aus der alten Verschwendungswirtschaft ersetzen. In diesem Transformationsprozess ist Arbeitslosigkeit zu verhindern durch die Teilung von Arbeit und Lohn. Die Kosten des Wandels sind auf die Schultern der wirtschaftlich Stärksten zu legen.

Für uns Kritiker:innen des Projekts S 21 gehört dazu die Abkehr vom verschwenderischen und zerstörerischen Individualverkehr, der zunehmend auf die Schiene zu verlagern ist. Nicht, wie die Kanzlerin im September 2010 meinte, in der Fertigstellung von S 21, liegt die Zukunft Deutschlands, sondern in dessen Aufgabe. Wer verkehrspolitisch seine Hand an den Pflug legt und nach vorne schaut, wird den Umstieg 21 wagen.

Jesus warnt mit dem Bild des rückwärts gewandten Pflügenden ursprünglich Menschen, die dem Ruf in die Nachfolge ausweichen, weil sie noch Geschäfte abzuschließen haben oder abwarten wollen, was bei der Erbschaft herauskommt – das wird im Orient verschleiert mit dem Redewendung „den Vater begraben“. Nur wenn wir die Fixierung auf den Mammon überwinden, können wir vorausschauend für das Reich des barmherzigen Vaters Jesu pflügen. Amen.

Online-Parkgebet am 11. Februar 2021 von Pfr.i.R. Friedrich Gehring zu Markus 10, 15-16

(hier als pdf-Datei)
(und hier alle Lieder und Texte dieses Parkgebets)

Ansprache für das Online-Parkgebet am 11.2.2021 zu Mk 10, 15-16    Friedrich Gehring

Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen. Und er umarmte und segnete sie, indem er ihnen die Hände auflegte.

Ich habe diesen Text ausgesucht, weil mir dieser Tage eine ehemalige Klassenkameradin mailte, es wäre ihr hilfreich, sich „eine Gelegenheit vorzustellen, wo Jesus lächelt oder lacht“. Es erscheint mir nicht zufällig, dass sie danach fragt in der Pandemie, in der viele wenig zu lachen oder zu lächeln haben. Am besten kann ich mir Jesus lächelnd vorstellen bei der Kindersegnung. Die Kinder werden nicht krank oder mit schweren Schmerzen zu ihm gebracht, sondern um von ihm gesegnet zu werden. Ich gehe deshalb davon aus, dass Jesus nicht sorgenvoll auf sie geblickt hat, sondern freudig lächelnd. Er spricht dabei vom Annehmen eines Kindes im Sinne einer Adoption. Und dann zeigt er, wie wir Kindern unbedingtes Angenommensein vermitteln können, indem wir sie zärtlich in die Arme schließen. Auch Erwachsene erfahren so, dass sie geliebt sind. Und diese Urerfahrung macht Jesus zum Inbegriff des Lebens im Reich seines barmherzigen Vaters. Es gehört zu den besonderen Belastungen unter der Pandemie, dass solches gegenseitiges Annehmen durch Umarmungen allenfalls mit FFP2-Masken als ungefährlich erscheint. So müssen Umarmungen ersetzt werden durch andere Zeichen des Annehmens. Dazu gehört, dass wir einander zulächeln. So kommt heute Interesse auf, auch Jesus lächeln zu sehen.

Das mag vordergründig als schwacher Trost erscheinen. Deshalb gebe ich eine authentische Erfahrung zu bedenken: Nach der Scheidung der Eltern sind drei Töchter dem neuen Freund der Mutter ausgeliefert, der mit großer Strenge erzieht und außerdem übergriffig wird. Besonders die mittlere Tochter hat es schwer bei ihm, da sie einen Freund hat. Sie vertraut ihre Not ihrem Tagebuch an. Der Täter reißt die betreffenden Seiten heraus und droht ihr, falls sie etwas ausplaudere. Von der Verlobten ihres älteren Bruders, die Mitglied einer Freikirche ist, erfährt sie, dass Jesus uns schützt. Daraufhin wagt sie es, sich brieflich der Partnerin des Bruders anzuvertrauen. Der Bruder wendet sich an die Kriminalpolizei. Während die Mutter an Silvester in der Wohnung des Freundes ist, gelingt den Mädchen die Flucht. Der Täter kommt vor Gericht.

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Parkgebet digital am 28. Januar 2021 von Pfr.i.R. Michael Harr über Lukas 6, 36

(hier als pdf-Datei)
(und hier alle Lieder und Texte dieses Parkgebets)

Jesus Christus spricht.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Lukas 6, Vers 36

Ich möchte noch einen Text von Wolf Biermann anfügen, der uns wohl allen bekannt ist.

Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich

 

Die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 haben uns verändert. Ich will wahrlich nicht so weit gehen zu sagen, dass sie uns zu anderen Menschen gemacht haben, aber sie haben doch das Leben vieler von uns verändert. Das alles ist an unserem Seelenleben nicht spurlos vorübergegangen.

Wir haben vielleicht neu gemerkt, wie sehr wir andere Menschen brauchen – gerade auch dann, wenn wir dem Unrecht und der Korruption entgegentreten wollen. Wir haben an vielen Punkten gemerkt, dass wir gar nicht so machtlos und gegenüber den Mächtigen so hilflos sind, wie wir vielleicht immer dachten. Wir haben neue Freundschaften geschlossen und alte wiederbelebt.

Wir haben auf der anderen Seite auch Gefühle von Wut, Enttäuschung und Verbitterung in uns gespürt. Wir mussten durch dunkle Stunden wie nach der Volksabstimmung und durch Resignation hindurch.

Wir haben gemerkt und erfahren, dass es wahrlich nicht nur um einen Bahnhof geht, sondern auch um unseren Platz in der Stadt, in dieser Welt und wie wir mit den Zuständen in Politik und Gesellschaft umgehen. Und wir haben eben auch gespürt, dass das an unserem Seelenleben nicht spurlos vorübergeht.

Darum wollen wir am Beginn dieses neuen Jahres auf das Bibelwort hören, das uns als Jahreslosung für dieses Jahr gegeben ist. Es ist ein Wort, das uns in der Bergpredigt des Lukas-Evangeliums überliefert ist. Jesus sagt hier: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Ich sehe da erst einmal ein Problem, eine Schwierigkeit. Jesus gibt hier eine Anweisung: Seid barmherzig!, aber geht das denn? Kann man das anordnen? Man kann sagen: Tu dieses oder tu jenes! Hol den Krankenwagen! Spende Geld! Man kann anweisen, dass etwas getan wird, aber kann man auch anweisen, dass sich das Herz ändert? Kann man das so anordnen, dass wir nicht nur anders handeln, sondern auch zu anderen Menschen werden? Da bin ich sicher: „Man“ kann das nicht. Das geht nicht, aber Jesus hat etwas Neues in die Welt gebracht. Das ist sein Geist, das ist das Vorbild seiner Güte und vor allem ist das diese Botschaft, dieses Evangelium: Gott, euer Vater und eure Mutter, ist barmherzig, ist die Liebe, hat ein weites Herz.

Nicht Befehle und Anweisungen oder gar Drohungen und angsteinflößendes Reden von Gott verändern uns, sondern diese Kraft zum Neuen ist in dieser Verkündigung, die Jesus gebracht hat. Er stellt uns Gott neu vor und das kann uns verändern – uns und auch die anderen.

Man hat uns oft als „Wutbürger“ bezeichnet. Sicher nicht immer zu Unrecht! Wie oft haben wir eine Stinkwut gehabt. Als damals der schwarze Donnerstag war, war ich gerade in Berlin, bekam einen Anruf und hörte so, was in Stuttgart lief. Ich stand dann am Zaun vor dem Bundeskanzleramt und habe meine Wut hinausgeschrien. Ich hätte das vorher nicht für möglich gehalten, dass ich so meinen Zorn herauslassen könnte. Ich möchte aber betonen: Wir haben unserer Wut nicht freien Lauf gelassen, auch wenn Provokateure uns genau dazu verleiten sollten.

Wir hatten den langen Atem zum Widerstand gegen Stuttgart 21 nicht aus Wut heraus, sondern weil wir gute Gefühle, weil wir Verantwortung in unseren Herzen haben und hatten. Und das hoffe ich weiterhin, dass weder Wut noch Resignation unsere Herzen erfüllen, sondern der Geist Gottes, der barmherzige und gute Gedanken in uns lebendig werden lässt.

Jesus stellt uns das Vorbild Gottes vor Augen. Vor allem dazu hat er uns seine Gleichnisse wie das vom verlorenen Sohn und von dessen Bruder und Vater erzählt. Er stellt uns Bilder vor Augen, die unsere Herzen bewegen und ansprechen können – unsere Herzen und die Herzen auch der anderen, die Herzen auch derer, die diesen Irrsinn von Stuttgart 21 zu verantworten haben und so vieles andere, was in dieser Welt schlecht und böse läuft.

Vor einigen Tagen kam mir der Gedanke, wie es Donald Trump, dieser Zwittergestalt aus Despoten und Hofnarr, jetzt wohl gehe. Ich hoffe und will dafür beten, dass ihm Gedanken von Einsicht und Reue kommen.

Darum wollen wir bitten für uns und die anderen und auch die, die uns fremd und feindlich sind, dass wir der Kraft der Liebe Gottes vertrauen können – auch in diesem Jahr. Dann kann es für uns ein gesegnetes Jahr mit unserem Gott werden.

Parkgebet am 14. Januar 2021 mit Jutta Radicke – digital

(hier die Ansprache als pdf-Datei)
(und hier alle Lieder und Texte dieses Parkgebets)

Engel – Boten Gottes

In der Bibel wird von vielen Engeln berichtet. Da ist der Racheengel, der Adam und Eva den Rückweg ins Paradies versperrt, der Verkündigungsengel, der Maria ankündigt, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringen wird. Zu den Hirten auf dem Feld spricht ein Engel: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren“ mit dem Hinweis, sie werden ihn in einer Krippe finden. So sind Hirten die ersten Besucher der jungen Familie und preisen Gott. Und es gibt den Schutzengel, der auch heute noch oft anzutreffen ist, der einem in großer Gefahr beisteht und das Schlimmste verhindert.

Meist werden Engel in strahlend weißen Gewändern und mit prachtvollen Flügeln dargestellt, als Zeichen dafür, dass sie aus einer anderen Welt, der Welt Gottes, zu uns gekommen sind.

Es gibt auch sie: die Engel des Alltags, die manchmal spektakulär auftreten, viel öfter aber unscheinbar, und einfach Hand anlegen, wo es nötig ist. Das kann ein Helfer im Flüchlingslager sein, bei der Bahnhofsmission oder der Vesperkirche, der Essen ausgibt, heute aufgrund der aktuellen Pandemielage zum Mitnehmen; die Gespräche fallen notgedrungen kürzer aus als sonst. Es kann auch der junge Mann sein, der Senioren das Einkaufen abnimmt, ein Mensch, der ein Kind tröstet, das hingefallen ist, und viele mehr.

Ich muss zugeben, ich bin keine große Kirchgängerin, aber in letzter Zeit schaue ich mir gern sonntags morgens den Fernsehgottesdienst im ZDF an. Am vergangenen Sonntag ging es um Engel. Um Engel in der Bibel, aber auch um Engel, die heute im Alltag präsent sind. Eine dieser Engelgeschichten ist mir im Gedächtnis geblieben, und ich möchte sie Ihnen gerne erzählen. Dabei geht es um zwei Frauen, die einander in ganz unterschiedlicher Weise zum Engel geworden sind.

Die eine Frau, jung, sportlich, Joggerin, dreht wie jeden Morgen ihre Runde durch die Natur. Sie ist ganz konzentriert auf den gleichmäßigen Takt ihrer Schritte, sie tankt Kraft für den vor ihr liegenden Tag. Plötzlich wird sie gestört. Sie sieht eine ältere Frau, in ihrer Strickjacke viel zu leicht gekleidet für diese Jahreszeit. Am liebsten würde sie weiterlaufen, doch sie hält inne. Irgendetwas stimmt hier nicht. Sie spricht die ältere Frau an, fragt sie, woher sie kommt, wie sie heißt. Sie bekommt die Antwort: „Das können Sie mir nachher sagen.“ Aus Sorge, die alte Frau könne sich im Wald verirren, fragt die jüngere: „Darf ich Sie ein Stück begleiten?“ – „Aber ja, gerne!“ Immer wieder Begeisterungsrufe der alten Frau: „Sehen Sie die Sonnenstrahlen?“, „Ist diese Blüte nicht hübsch?“, „Was für ein schöner Schmetterling!“ So hat die junge Frau diesen Weg noch nie gesehen, ihr werden die Augen für die Schönheit der Natur geöffnet. Und es wird immer deutlicher: Die alte Frau wirkt weltfremd, hilflos. Die junge Frau verständigt mit dem Handy die Polizei und begleitet die ältere zu einer Straße. Kurz bevor der Streifenwagen eintrifft, greift die alte Frau in ihre Tasche und zeigt der jungen Frau eine laminierte Karte, auf der steht: „Ich heiße … und ich wohne in der Seniorenresidenz … . Wenn Sie mich finden, bringen Sie mich bitte dahin zurück.“ So konnte die jüngere Frau der älteren sagen, wie diese heißt, genau wie sie am Anfang ihrer Begegnung gesagt hat.

Eine unvorhergesehene Begegnung zweier Frauen, die einander zum Engel geworden sind. Die eine, indem sie dafür gesorgt hat, dass die andere unversehrt nach Hause kommt, die andere, indem sie ihr die Augen für  die Schönheit der Natur, für Gottes Schöpfung, geöffnet hat, an der sie vorher achtlos vorbeigetrabt ist.

Auch jetzt, in der Zeit der Pandemie, in der man unnötige Kontakte vermeiden muss, um der Verbreitung der Infektionen entgegenzuwirken gibt es sie, die schönen Momente, die man genießen kann, und die Gelegen­heit, anderen Menschen den Alltag zu erleichtern, Engel füreinander zu sein, auch wenn die Engel manchmal fantasievoller sein müssen als vor der Pandemie.

Es gibt für uns alle neue Herausforderungen. Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung ist noch immer ungewohnt, aber notwenig, das wird auch noch eine Weile so bleiben. Für manche scheint der Tag endlos lang. Je nach eigenen Interessen und Wetterlage bietet sich ein Spaziergang in der Natur an, fernsehen, ein Buch zur Hand nehmen, ganz altmodisch eine Schallplatte auflegen, zum Telefonhöhrer greifen und einen lieben Menschen anrufen. All das hilft. Was am meisten fehlt, ist das Zusammentreffen mit der Familie, mit Freunden. Eine Zeitlang ist das nur eingeschränkt möglich, zum eigenen Schutz und zum Schutz derer, die wir lieb haben.

Auf dem Liedblatt sind zwei Strophen des Liedes „Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen“ abgedruckt. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns in dieser schwierigen Zeit begleitet, uns immer wieder Kraft gibt und unsere Gemeinschaft untereinander stärkt, auch wenn wir uns nur in Gedanken nahe sein können.

In diesem Sinne freue ich mich auf ein Wiedersehen mit Ihnen. Bleiben Sie gesund!

Amen.

Weihnachtspredigt 2020 zu Lk 2, 10 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

Der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.

Armen kleinen Leuten wird ein Kind geboren, und das soll zum Retter der armen kleinen Leute werden. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Wie wird dieser Knabe „alles Volk“ retten, wenn er erwachsen geworden und von Gott zum Retter gesalbt ist? Die Evangelisten berichten, dass er nach dem Einzug in Jerusalem im Tempel der Priesterkaste vorwirft, das Haus Gottes zur Räuberhöhle zu machen (Mk 11, 15-18), weil sie die Schuldgefühle der kleinen Leute schüren, um durch Tieropfer ein ausbeuterisches Geschäft zu machen. Die Priester beherrschten einerseits die damalige Fleischbranche wie heute Tönnies und Co., andererseits waren sie die Gesundheitspolizei, die echte und vermeintliche Aussätzige in Quarantäne oder Dauerisolation schickte. An die Stelle der priesterlichen ausbeuterischen Form der Schuldbewältigung setzt Jesus die Verkündigung der Vergebung durch seinen barmherzigen Vater, der keine Opfer braucht und kostenlose barmherzige Vergebung unter seinen Kindern will (Lk 15,11-32). So schützt Jesus die kleinen Leute vor ihren ausbeuterischen Landsleuten.

Aber auch vor der römischen Ausbeutung schützt Jesus das Volk. Er spricht den römischen Machtmissbrauch offen an und wirbt für eine Gegenkultur des Dienens, wodurch das Reich seines barmherzigen Vaters wächst (Mk 10, 42-44). Als gewaltfreien Widerstand empfiehlt er den Boykott römischen Geldes, weil für Juden das Kaiserbild auf den Münzen ein verbotenes Götzenbild ist (2. Mose 20,4; Mk 12,13-17). Dieser Boykott konnte die Ausbeutung zumindest erschweren. Deshalb musste Jesus, der Beschützer kleiner Leute, als römischer Staatsfeind am Kreuz sterben.

Wenn wir die Weihnachtsbotschaft so in den zeitgeschichtlichen Rahmen einordnen, wird sie heute politisch hoch aktuell. Wir stehen als Gegner des Projekts Stuttgart 21 zusammen, weil hier ein Paradebeispiel für die Ausbeutung der Mehrheit durch eine kleine Zahl von Profiteuren vorliegt. Die neueste zu erwartende Kostensteigerung von über einer Mrd. € werden wir alle durch Zuschüsse der öffentlichen Hände an die Bahn sowie durch Fahrpreiserhöhungen zahlen für den Profit von Immobilienspekulanten. Dazu hin zahlen wir noch mit einer Verschlechterung des Bahnverkehrs. Um diese Verschlechterung auszugleichen, sollen für ein zweites S 21 nochmals viele Milliarden draufgelegt werden, obwohl der Katastrophenschutz immer noch ungeklärt ist. Wer Widerstand leistet, wird zwar nicht mehr wie einst gekreuzigt, aber durch illegale Polizeieinsätze abgeschreckt oder wie das Parkgebet vom Verfassungsschutz beobachtet. Dieser schützt aber nicht die Verfassung, sondern die Profiteure und die willfährigen neoliberalen Wachstumspriester in den Parlamenten, die erlauben, dass die Deutsche Bahn im Ausland statt im Inland investiert.

Wenn wir uns von Jesus sensibilisieren lassen für Ausbeuterei, dann können wir auch bei der Gesundheitsfürsorge nicht wegschauen. Wenn Eckart von Hirschhausen feststellt: „Der Mammon hat die Medizin voll im Griff“(FR 30.10.17), dann könnte er auch vom neoliberalen Privatisierungs- und Wachstumswahn in der Medizin sprechen. Das vermeidet er. Denn wer heute Neoliberale anprangert, wird schnell der Verschwörungtheorie bezichtigt von Leugnern des Neoliberalismus, die sich rationaler Argumentation entziehen wollen. Davor schützt der biblische Begriff Mammon aus der Muttersprache Jesu, der die zerstörerische Kraft der Gier nach Geld und Kapital bezeichnet, denn Jesus kann man nicht so leicht eine Verschwörungstheorie vorwerfen. Den von Jesus Sensibilisierten fällt auf, dass Experten wie Lauterbach einerseits vor den Gefahren der Pandemie große Angst machen, andererseits nach wie vor das Schließen weiterer Kliniken befürworten, was die Arbeit nicht nur in privaten profitorientierten Kliniken enorm verdichtet. Der Profit- und Kostendruck lastet schwer auf dem Personal, sodass Pflegekräfte immer knapper werden und wir jetzt mangels Personal unbelegbare Intensivbetten haben, ein Beispiel für die zerstörerische Kraft des Mammon. Ganz besonders fällt mir auf, dass erst jetzt Mitte Dezember FFP2-Masken an die besonders Gefährdeten verteilt wurden, nachdem viele Wochen lang täglich Hunderte verstarben.

Ich wage eine Erklärung und bitte alle, die sie bezweifeln, um eine bessere. Eine frühere Verteilung hätte die Masken zu einer Impfkonkurrenz gemacht und damit das Impfgeschäft geschädigt. Wer auf das Impfen fixiert ist, braucht ein gewisses Maß an Bedrohung, um Impfbereitschaft zu erzeugen. Denn laut einer seriösen Umfrage will sich rund die Hälfte gerade des Pflegepersonals nicht impfen lassen aus Sorge wegen Langzeitfolgen (https://www.mdr.de/nachrichten/panorama/ticker-corona-virus-montag-vierter-januar-100.html) , wohl weil dort die spürbare Herrschaft des Mammon skeptisch macht. Den Pflegekräften fällt wohl auf, dass nicht sie, sondern hoch Betagte und Demente zuerst geimpft werden sollen, die einerseits lange Zeit mit Ausnahme von Tübingen zu wenig geschützt wurden und bei denen andererseits Spätfolgen kaum mehr auffallen dürften. Pflegekräfte wissen auch von der englischen Notzulassung, bei der die Haftung für Impfschäden von den Herstellern auf den Staat übergeht. Ich bin erinnert an die Klausel im S 21-Vertrag, dass die Bahn bei Schädigung der Heilquellen nicht haften muss. Ich sehe hier die alte kapitalistische Masche, Profite zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren.

Das notwendige Maß der Bedrohung zugunsten des Impfgeschäfts erinnert mich an die neoliberale Regel, die Inflation müsse 2 Prozent betragen, damit die Leute schneller einkaufen aus Angst, bald werde alles teurer. Die Deflation, bei der mangels Nachfrage alles billiger wird, ist bei den neoliberalen Wachstumspriestern gefürchtet, weil Kaufentscheidungen aufgeschoben werden. Solche neoliberalen Maximen scheinen nun auch das Gesundheitswesen zu beherrschen. Die späte Verteilung von FFP2-Masken im Interesse einer impfgünstigen Bedrohungslage ist nun aus dem Ruder gelaufen. Es sterben gerade diejenigen, die wir durch den Lockdown schützen sollen, weil sie nicht geschützt wurden wie in Tübingen. Papst Franziskus ist bestätigt: „Diese Wirtschaft tötet“.

Ich wünsche uns deshalb an diesem Weihnachtsfest 2020 echt schützende Masken auch für alle armen kleinen Leute. Den Impfentwicklern wünsche ich Erfolg vor allem in den ärmeren Ländern, aber auch uns allen Fachleute, die das Impfen mit dem nötigen kritischen Blick begleiten. Denselben Erfolg wünsche ich den Entwicklern von Medikamenten gegen Coronaviren, die bisher kaum unterstützt werden. Und ich wünsche uns allen, dass, wenn unsere Lebensuhr abgelaufen ist und unser barmherziger Schöpfer uns heim ruft, wir frei von Todesangst zu ihm heimkehren können. Amen.

Anmerkung zur Wortwahl „Versuchskaninchen“ in der ursprünglichen Video-Predigtversion:

Frankfurter Rundschau vom 19.1.21, S. 8:

„An den weiterhin laufenden Studien sowohl für die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna als auch für das in Großbritannien zugelassene Vektorvakzin von Astrazeneca nahmen und nehmen nur sehr wenige Menschen über 80 teil“. Es sind „nach Angaben der Nachrichtenagentur Blomberg Stand Sonntag in Norwegen 29 Menschen wenige Tage nach ihrer ersten Covid-Impfung gestorben; alle waren älter als 75, hatten schwere Grunderkrankungen und lebten in Pflegeheimen. Die norwegische Arzneibehörde … rät jetzt zur Vorsicht bei sehr alten kranken Menschen.“

Die in den Studien offenbar gemiedene Impfung Hochbetagter wird nun bei der massenhaften Impfung der über 80-Jährigen nachgeholt. Die Toten sind offensichtlich späte Versuchskaninchen gewesen.

Online-Weihnachtsgottesdienst am 2.Weihnachtsfeiertag um 11:00 Uhr

Leider können wir aufgrund der aktuellen Situation keinen Gottesdienst im Park feiern. Stattdessen wird es einen Online-Gottesdienst im Internet geben, der ab 26.12.2020, 11:00 Uhr abrufbar ist – unter dem Link:

https://www.youtube.com/user/demofotograf/featured

Wir freuen uns, dass wir wenigstens so mit Ihnen Kontakt halten können, wenn es auch sehr viel schöner wäre, Sie persönlich zu sehen.

Mit herzlichen Grüßen und besten Weihnachtswünschen,
Ihr Parkgebets-Team.

Kein Weihnachts-Gottesdienst im Park

Liebe Mitchrist*innen, die Corona-Lage hat sich derartig verschärft, dass wir es nicht verantworten können, mit einem Gottesdienst im Schlossgarten Anlass zu bieten, dass Menschen mehr Kontakte miteinander haben als unbedingt nötig. Wir sind uns deshalb einig, dass der seit nunmehr 10 Jahren vertraute Weihnachts-Gottesdienst im Park dieses Jahr leider ausfallen muss.

Im Mittelpunkt der Weihnachtsbotschaft steht die Nächstenliebe – da darf nicht ein Weihnachts-Gottesdienst zur Gefährdung von Menschen beitragen. Wir fragen uns deshalb nicht: Was dürfen wir in dieser Situation (trotzdem) veranstalten? Sondern wir fragen: Was können wir in dieser Situation dazu beitragen, dass die Infektionszahlen im Land deutlich zurückgehen?

Deshalb werden wir lediglich versuchen, hier, auf unserer Internet-Seite, einen digitalen gottesdienstlichen Beitrag zum 2. Weihnachtstag zu bringen. (Näheres demnächst auf dieser Seite!)

Wir wissen um das Verständnis unserer Besucher*innen und wünschen ihnen schon an dieser Stelle ein – dieses Jahr auf ganz andere Weise – gesegnetes Fest.

Eberhard Dietrich, Ulrich Ebert, Guntrun Müller-Enßlin, Waltraud Müller-Hartmann, Martin Poguntke, Jutta Radicke, Sylvia Rados, Wolfgang Schiegg

Der „feurige Elias“ und die Bahnpolitik von Pf.i.R. Michael Harr

Im Privatisierungswahn der 90-er-Jahre wurde es zu einer Art volkswirtschaftlichen Dogmas erhoben, dass der Staat unfähig sei, seine Aufgaben ordentlich zu erfüllen. Daher sollte auch die Deutsche Bahn privatisiert werden. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft bekam man noch hin, aber dann ging es nicht weiter – und das war gut so. So ist nach wir vor die Bundesrepublik Deutschland Alleineigentümerin der Bahn.

Inzwischen wurde wieder deutlicher erkannt, dass öffentliche Aufgaben in öffentliche Hand gehören und nicht in die Hand Privater, die nur auf Profit aus sind. Auch die Aufgaben der Eisenbahn gehören somit in der Regel in die Hand der Allgemeinheit und damit des Staates, der dem Allgemeinwohl verpflichtet zu sein hat und nicht den wirtschaftlichen Interessen einzelner.

Die Kritik an einer Vergötzung privater Bereicherung ist durchaus nicht Neues. Daran erinnert uns eine alte volkstümliche Bezeichnung für Dampflokomotiven und ihre Eisenbahnstecken als „Feuriger Elias“. Diese Bezeichnung wurde und wird für verschiedene Bahnstrecken und Lokomotiven verwandt. Dabei dürfte kaum jemandem bewusst sein, dass uns damit biblische Geschichten in Erinnerung gerufen werden, in denen der Prophet Elias (in der Lutherbibel „Elia“) eine bedeutende Rolle spielt. Erzählt werden uns diese Geschichten im Alten Testament vom 1. Buch der Könige, Kap. 17 bis zum 2. Buch der Könige, Kap. 2. Die Zeit der Wirksamkeit des Propheten ist im 9. Jahrhundert vor Christus anzusetzen.

Das war eine Zeit, in der das alte Israel an einem Scheideweg stand. Zum einen waren im Volk die alten Traditionen lebendig. Es wurde erzählt von Jahwe, dem Gott, der das Volk Israel aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei in Ägypten geführt hatte und ihm Heimat und Ruhe in dem Land gab, das er ihm verheißen hatte. Dieser Gott erschien seinem Volk nicht in Tempeln und Götterstatuen. Das war der Gott, der mitgeht, der seine Leute führt und begleitet und sie seine Hilfe und seinen Beistand erfahren lässt. In seinem Handeln, nicht in Bildnissen ist er bei seinen Leuten.

Auf der anderen Seite standen diejenigen, die meinten, eine neue Zeit sei angebrochen. Jetzt gelte es, nicht mehr, überholte religiöse Vorstellungen zu pflegen, sondern sich den Göttern des Landes und damit den Göttern einer neuen Zeit zu öffnen. Die Götter des Landes, die Baale, – das seien die neuen Gottheiten, auf die man jetzt bauen und vertrauen müsse. In deren Kulten ging es dann vor allem um Reichtum, Wohlergehen, fette Ernten, Wohlstand und Fruchtbarkeit. Das waren Gottheiten der Reichen und Mächtigen. Die besonderen Erfahrungen der Befreiung der Geknechteten und der Führung durch die Wüste unter Mose hatten in dieser Religion keinen Platz mehr.

„Elia“ heißt zu Deutsch „Mein Gott ist Jahwe“. Dieser Name ist Programm. Wobei auch erwähnt werden soll, dass dieser Name “Jahwe“ von den Juden nicht ausgesprochen wird, um jeden Missbrauch des Namens zu vermeiden. Stattdessen wird bei der Bibellesung dort, wo dieses Wort auftaucht, „Adonai“ gesagt, zu Deutsch „Herr“. So wird dieses Wort auch in unseren Bibeln wiedergegeben und zwar mit einem großen H und einem großen E am Anfang. In den Lutherbibeln ist das deutlich. Vielleicht schauen sie einfach mal selbst nach.

Elia kämpfte für diesen Gott und seine Gebote. Er widersprach einer Religion, in der es nur um Wohlergehen, Wohlstand und Reichtum geht. Er trat dafür ein, von dem Gott, der sein Volk befreit hatte, auch das tägliche Brot zu erwarten, sowie er das Volk bei der Wüstenwanderung immer neu versorgt hatte. Dieser Gott gibt auch die Fruchtbarkeit des Landes und er steht auf der Seite der Armen und Unterdrückten.

Gegen Ende seiner Wirksamkeit übergibt Elia diesen Auftrag an seinen Schüler Elisa weiter und wird selbst in den Himmel, zu Gott entrückt und zwar wird er abgeholt von einem feurigen Wagen. Er stirbt also nicht, sondern wird auf wunderbare Weise in die andere Welt Gottes erhoben. So wurde er für Israel eine messianische Gestalt und an Jesus wurde die Erwartung herangetragen, ein neuer oder der wiedergekommene Elia zu sein. Ja, Jesus nahm selbst in seiner Verkündigung Elemente der Verkündigung und der Erinnerung an Elia auf.

Soweit zum biblischen Elia und seinen Traditionen.

Nach diesem feurigen Wagen, der Elia aus dieser Welt abholte, wurden dann Dampflokomotiven, diese neuen feurigen Wagen, als „Feuriger Elias“ benannt.

Wir haben heute in frommen Kreisen immer wieder mit Leuten zu tun, die ein „Wohlstandsevangelium“ verkünden. Deren Botschaft ist die, dass die diejenigen, die an Christus glauben und seinen Weg gehen, gesegnet werden. Das soll heißen, dass diejenigen wohlhabend und reich werden. Der Reichtum zeige, dass man auf Gottes Seite stehe. Die Armen sind darum arm, weil sie nicht den Segen Gottes empfangen können. Sie sind damit eben vor allem selbst an ihrer Lage schuld und sollen sich erst einmal bekehren. Eine wichtige Vertreterin dieses Wohlstandsevangeliums ist Paula White. Sie war die erste Frau, die als Geistliche bei der Amtseinführung eines Präsidenten, nämlich der von Donald Trump, ein Gebet sprach. Man kann sie auf einem interessanten YouTube-video sehen, wo sie um den Sieg Donald Trumps den Himmel anfleht.

Ich halte das für einen modernen Baalskult, der Gott auf der Seite der Reichen und Mächtigen verortet und nicht dort, wo es um die Verantwortung für die Gemeinschaft und um die Rechte der Armen und Arbeitenden geht. Das ist nicht der Gott, den Jesus uns verkündigte. Das ist der Baal derer, die Macht und Reichtum eigensüchtig missbrauchen.

Jesus ruft uns zur Umkehr auf einen anderen Weg.

Und damit sind wir bei Stuttgart 21: Dass man die Bahn zum Aktienunternehmen machte und damit eine öffentliche Aufgabe privatisieren wollte, war eine der Fehlentwicklungen einer dem Gemeinwohl gegenüber gleichgültigen kapitalistischen Denkweise. Leute wie Mehdorn, die den Berliner Flughafen genauso verpfuscht haben wie den Stuttgarter Bahnhof, sind dafür verantwortlich. Darin erkenne ich den Baalskult der heutigen Zeit. Es ist Zeit zur Buße!

Michael Harr

PS: Wer mal Paula White erleben möchte, kann sich das auf YouTube antun unter: „Paula White Leads Impassioned Prayer in Bid to Secure Donald Trump’s Re-election: ‚I Hear Victory'“

Ansprache zum (virtuellen) Parkgebet am 3.12.20 zu Jakobus 5,7f von Pf.i.R. Martin Poguntke

(hier als pdf-Datei)
(hier in Großdruck, 4 Seiten)

Liebe Parkgebetsgemeinde, liebe Leser*innen unserer Homepage,

wirklich schade, dass wir einander in diesen Zeiten nicht im Park gegenüberstehen können – so gerne würde ich bei meiner heutigen Ansprache in Ihre Gesichter sehen. Aber mir ist es wichtig, dass wir auch kleine Beiträge leisten, um die Corona-Infektionen nicht zu schnell wachsen zu lassen, und deshalb auf ein analoges Parkgebet verzichten.

Jetzt, in der Adventszeit finde ich das besonders schwer, jetzt, wo wir einander wieder unsere adventliche Hoffnung stärken wollen – denn wo blieben wir ohne diese Hoffnung?

Und dennoch: Irgendwie ist es auch jedes Jahr anstrengend: Ständig wird von Hoffnung geredet, während man selbst bisweilen alle Mühe hat, auch nur ein kleines bisschen an Hoffnung aufzubringen. Wem gelingt es denn, wirklich noch zu hoffen, dass Stuttgart 21 noch aufgehalten wird? Wem geht nicht so nach und nach die Hoffnung verloren, dass wir das mit dem Klimawandel noch in den Griff bekommen? Wem gelingt es noch – viel grundsätzlicher – allen Ernstes zu hoffen, dass diese Welt auf eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden zusteuert?

Nein, so einfach ist das nicht mit der Hoffnung. Da kann man schon verstehen, wenn Mitstreiter unserer Bewegung gegen S21 gelegentlich die Geduld verlieren. Wenn der Ton untereinander bisweilen etwas rauer wird. Und man kann verstehen, dass manche unter uns sich auf bedenkliche Weise aufreiben in ihrem Einsatz dafür, dass doch noch das Ruder herumgeworfen und S21 gestoppt wird. Worauf sollte man auch sonst hoffen, wenn nicht auf das eigene Tun und das der Mitstreiter?

Aber was ist das für eine zerstörerische Hoffnung? Selbstzerstörerisch! Wenn alles von uns abhängt. Nur wenn wir Tag und Nacht rödeln, bis die Schwarte kracht, können wir auf Erfolg hoffen? Kann es das wirklich sein?

Meine Schüler hätten an dieser Stelle hellwach und angemessen misstrauisch erkannt, dass das natürlich nur eine rhetorische Frage ist. Und weil sie der Relilehrer stellt, wäre für sie klar gewesen, dass jetzt gleich das liebe Jesulein rauskommen muss. Da sind wir Pfarrer ja Meister drin: Immer wenn die Situation unübersichtlich oder bedrohlich wird, ziehen wir Jesus oder den lieben Gott aus der Tasche, und alles kommt auf einen guten Weg.

Aber so einfach ist es nicht. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 5.11.20 zu Jer 25,2-3 (Ausschnitt) von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Jeremia sprach zu dem ganzen Volk… : 23 Jahre lang habe ich euch immer wieder gepredigt, aber ihr habt nie hören wollen.

Eine niederschmetternde Zusammenfassung seines Wirkens bietet Jeremia mit diesen Worten. Er hat den Mächtigen im Land vorgehalten, dass sie das Blut der Armen und Unschuldigen an ihren Kleidern tragen (Jer 2,34) und Gewalt üben gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen (7,6). Er zog sich die Feindschaft der Tempelpriester zu mit dem Vorwurf, sie würden den Machtmissbrauchern zu falscher Heilsgewissheit verhelfen. Durch die Prophezeiung von Unheil als Strafe für Gottlosigkeit zog er den Zorn des Königs auf sich. Seine Gegner warfen ihn schließlich in eine Zisterne, wo er nur knapp dem Tod entkam (38). Sein Misserfolg und die Bedrohung durch mächtige und skrupellose Feinde stürzte ihn zeitweise in tiefe Depressionen. Er verflucht den Tag seiner Geburt und wirft seinem Gott vor, er habe ihn beschwatzt zu Botschaften, die ihm nur Hohn uns Spott brächten. Er will nicht mehr im Namen Gottes predigen, aber dann wird die nicht verkündete Botschaft wie unerträgliches brennendes Feuer in seinem Herzen (20,7ff).

Das ist über 2600 Jahre her und doch hoch aktuell. Auch heute klebt das Blut der Armen und der unschuldigen Opfer von Kriegen um Rohstoffe und Macht an den Kleidern der Mächtigen. Reiche Länder liefern Waffen für Kriege. Wenn die Kriegsflüchtlingen als Fremdlinge zu den Waffenlieferanten kommen, werden sie zurückgestoßen in den Tod oder in unsäglichen Lagern eingesperrt. Die Witwen und Waisen von damals sind heute die Alleinerziehenden in Hartz IV und die Rentnerinnen in der Grundsicherung, die in Coronazeiten keine Tafeln und Vesperkirchen mehr finden. Den Mitfühlenden geht es wie Jeremia: „So oft ich rede, muss ich schreien: ‚Unrecht! Gewalttat!’“ (20,8) Damals wie heute entstehen dabei depressive Gefühle der Ohnmacht. Gerade auch im Widerstand gegen das gefährliche und schädliche Projekt Stuttgart 21 müssen wir immer wieder aufschreien, nicht nur im Blick auf den illegalen Polizeieinsatz am schwarzen Donnerstag, an dem das Demonstrationsrecht mit Wasserwerfern abgeschafft werden sollte. Ähnliche Grundrechtseinschränkungen ohne Parlamentsbeschlüsse erleben wir jetzt in der Pandemie. Der diktatorisch bevollmächtigte Jens Spahn verweigert seit Jahren schwerst Leidenden das Grundrecht, ihr Leiden selbstbestimmt zu beenden. Nicht uns, sondern ihn müsste der Verfassungsschutz beobachten, ebenso die Kanzlerin und den kleinen Kreis um sie, der am Parlament vorbei Panik machende Mediziner benutzt, um sich mit harten Maßnahmen hohe Umfragewerte zu sichern. Die Parlamente werden über Beschlüsse des Hofstaats im Nachhinein informiert statt die offene Parlamentsdebatte vor den Entscheidungen zu führen. Zum Glück funktionieren noch die Gerichte, die unsinnige Hofstaatsbeschlüsse wie das Beherbergungsverbot kippen. Und zum Glück gibt es noch Linke wie Ramelow, der in Thüringen wieder das Parlament diskutieren und entscheiden lässt.

Bei all solchen niederdrückenden Nachrichten machen wir immer wieder auch die Erfahrung des Jeremia: Wenn wir resignierend schweigen wollen zu Unrecht und Gewalt, dann brennt es in unseren Herzen (20,9), dass wir nicht mehr still halten können. Ich denke, das ist der Grund, warum wir auch nach 10 Jahren mit dem Parkgebet immer noch nicht aufhören und uns nicht abfinden mit der Behauptung, ein Umstieg sei nicht mehr möglich. Der Berliner Flughafen wurde mit 9 Jahren Verspätung eröffnet und es werden Stimmen laut, die sagen: Nachdem der Flugbetrieb jetzt funktioniert, wird wie beim Skandal um die Hamburger Elbphilharmonie alles Schlimme vergessen sein. So würde es auch bei S 21 kommen. Wir lassen uns von solcher Verharmlosung nicht beeindrucken. Die Leistungslügen werden unweigerlich auf den Tisch kommen. Beim BER wurden monatelang mit Tausenden Komparsen die Abläufe kritisch überprüft. Wenn in der Tiefbahnhaltestelle tatsächlich einmal real durch geprobt wird, wie Fahrgäste bei Doppelbelegung der 8 Gleise mit Doppelstockzügen in der Stoßzeit umsteigen sollen, wird sich nicht mehr leugnen lassen, dass an den Treppen so gut wie nichts mehr geht. Je näher diese Zeit rückt, werden wohl alle Heilspropheten von S 21 das sinkenden Schiff verlassen haben wie die Herren Kefer und Grube.
Und wenn gar die Katastrophenschutzmaßnahmen praktisch überprüft werden, wird man nicht mehr wie in den bisherigen Simulationen von Doppelstock-ICEs ausgehen können, die im Tunnel ohne Bestuhlung entfluchtet werden. Jeremia hat einst vor dem militärischen Abenteuer gewarnt, den Aufstand gegen die babylonische Herrschaft zu wagen. Er wurde nicht gehört. Die Unbelehrbaren zahlten mit zwei Deportationen und der Zerstörung Jerusalems sowie der Entweihung des Tempels, auf dessen Schutz die Abenteurer gesetzt hatten. An den Wassern Babels ergingen sie sich weinend in ohnmächtigen Rachegelüsten (Ps 137). Auch die unbelehrbaren abenteuerlichen Bauspekulanten, die S 21 auf dem Gewissen haben, werden von der Realität eingeholt werden, dass die Lösung der Stuttgarter Wohnungsprobleme nicht auf dem spekulativ überteuerten Grund im Talkessel liegt und dass die Stuttgarter Verkehrsprobleme nicht mit der Verkleinerung des Bahnhofs auf eine schräge Haltestelle bewältigt werden. Der hauptsächliche politische Spekulantenknecht Mappus sitzt ja schon seit 2011 weinend an den Wassern Babels. Es wird darauf ankommen, dass wir nicht nachlassen, die Finger in die Wunden des Projekts zu legen und die verheerende neoliberale Politik zu skandalisieren, die solche Großprojekte hervorbringt.
Entsprechende Aufmerksamkeit müssen wir auch dem Pandemiemanagement widmen. Eckart von Hirschhausen schrieb im Reformationsjubiläumsjahr in der Frankfurter Rundschau an Martin Luther: „Die Medizin ist fest im Griff des Mammon“. Ich war so frei, ihm als Martin Luther zu antworten: „Nicht nur die Medizin“. Jesusnachfolge bedeutet, dem Mammon zu widerstehen (Mt 6,24) und darauf zu achten, wo Impflobbyisten ihr Geschäft mit unrealistischer Panikmache suchen und Coronakönige wie Söder daraus politisches Kapital schlagen, um Politik zu betreiben wie bei der Ausländermaut oder Stuttgart 21.

Ich will nicht unterschlagen, wie es Jeremia am Ende erging. Er wurde wohl von seinen Feinden nach Ägypten entführt. Dort verliert sich seine Spur im Dunkel der Geschichte. Obwohl er mit seinen Warnungen recht behielt, wirkt das nicht wie eine Erfolgsgeschichte. Manche, vielleicht auch viele von uns werden nicht mehr erleben, wie es mit S 21 zu Ende gehen wird. Aber auch wenn unsere Gegner vorübergehend frohlocken, wir werden dennoch unser Vertrauen nicht auf den Mammon, sondern auf unseren barmherzigen Gott setzen, wie wir eingangs im Ps 25 gebetet haben.
Amen.

Parkgebet an der Lusthausriune am 5. Nov. 2020 um 18.15 Uhr

Nach einer Umfrage hat sich ergeben, dass ein großer Teil der bisherigen Interessierten das Risiko für genügend gering hält, um sich unter den bisherigen Hygienebedingungen im Park an gewohnter Stelle zu treffen. Das Parkgebet ist als Versammlung gemäß dem Grundrecht auf Versammlungsfreiheit nach Art. 8 GG von den Einschränkungen ab 2. Nov. 2020 ausgenommen. Jutta Radicke und Friedrich Gehring warten also am 5. Nov. 2020 um 18.15 wie gewohnt im Park auf Interessierte.

Parkgebete bis auf Weiteres digital

Liebe Besucherinnen und Besucher der Parkgebete,

die sich verschärfende Corona-Situation hat uns dazu bewogen, bis auf Weiteres die Parkgebete nicht mehr „analog“ zu machen. In den nächsten Wochen ist es erforderlich, alle nicht unbedingt notwendigen Kontakte größtmöglich zu reduzieren. Wir wollen Sie deshalb in nächster Zeit nicht in Versuchung führen, sich in öffentliche Verkehrsmittel zu setzen oder im Schlossgarten Kontakte zu riskieren. Je konsequenter wir alle in den nächsten Wochen diese Entbehrungen mittragen, desto früher können wir hoffen, dass mehr und mehr des gesellschaftlichen Lebens wieder hochgefahren werden kann – und damit auch unsere Parkgebete.

Bis dahin bitten wir Sie, sich im gewohnten 14-täglichen Rhythmus hier auf unserer Internetseite virtuell einzufinden und die jeweilige Ansprache (und vielleicht auch das eine oder andere Liturgie-Element) online zu lesen oder herunterzuladen.

Auch Postversand möglich!

Bitte sagen Sie es weiter: Wer keinen Zugang zum Internet hat, kann seine Adresse an den Admin dieser Seite – mbep(ät)mbep(Punkt)de – weitergeben (lassen) oder anrufen unter 0711/76 16 05 18 und dort seine Adresse durchgeben. Wir versenden dann die Parkgebetstexte gerne per Post an Sie.

Mit vielen guten Wünschen grüßt Sie sehr herzlich
im Namen des Parkgebets-Teams, Martin Poguntke

Ansprache beim Pargebet am 22.10.2020 zu 1. Mose 2,4a–25 von Pf.i.R. Martin Poguntke

Liebe Parkgebets-Gemeinde,

die S21-Baustelle wächst und wächst, und die Erkenntnisse werden immer klarer, wie zerstörerisch das Bauen selbst und vor allem danach die Wirkung des viel zu kleinen Kellerbahnhöfles sein wird. Da fragt man sich: Darf denn der Mensch so tief in die Schöpfung eingreifen? Müssen wir Menschen nicht demütiger sein, uns viel unmerklicher anpassen an diese Schöpfung, damit wir möglichst wenig an ihr verändern?

Ich habe kürzlich in meiner Heimatgemeinde – dem Weltdorf Zizishausen – eine Predigt gehalten (https://www.youtube.com/watch?v=ZfjAKcikdRc), von der ich dachte: Das wäre auch fürs Parkgebet interessant, denn da ist auch diese Frage drin angesprochen. Erlauben Sie mir, dass ich diese Predigt – gekürzt und natürlich schon an einigen Stellen sehr verändert und auf unsere S21-Situation bezogen – heute hier noch einmal vortrage.

Es ist eine Predigt über die sogenannte „zweite Schöpfungserzählung“. Sie steht im 1. Buch Mose, dort ab Kapitel 2, Vers 4b. Die sogenannte „erste“ Schöpfungserzählung steht im Kapitel davor, im 1. Kapitel, ganz am Anfang der Bibel.

In keiner der beiden Geschichten geht es übrigens darum, wie die Welt erschaffen wurde. Sondern in beiden wird anhand einer ausgedachten(!) Erzählung von der Erschaffung der Welt etwas über das Verhältnis zwischen Gott und Mensch gesagt, wie die Autoren es glauben.

Vordergründig erzählt der Text von einer ganz, ganz fernen Vergangenheit, „als Gott der HERR Erde und Himmel machte“. In Wahrheit aber spricht er von der Gegenwart, von unserer Gegenwart, von der Schöpfung, in der wir leben, und von „dem“ Menschen, von uns. Weiterlesen

Ansprache zum Parkgebet am 10.9.20 zu Joh 16,32-33 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. … In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Joh 16,32-33 (Ausschnitt)

Johannes überliefert uns diese Worte Jesu im Rahmen der Abschiedsrede Jesu. Das setzt voraus, dass Jesus sehr wohl ahnt, was ihm bevorsteht. Seine Predigt vom Reich Gottes steht im totalen Gegensatz zum römischen Kaiserreich. Es droht ihm das Schicksal aller Kritiker von totalitären Regimen wie jüngst im Fall Nawalny. In einer solchen Welt ist Angst angesagt. Die totalitären Herrscher tun alles dafür. Jesus lässt sich keine Angst machen vom Kaiser und seinen Statthaltern. Er lebt mit seinem barmherzigen Vater in einer anderen Welt. Wenn er sterben muss, kehrt er ganz zu seinem Vater zurück. Damit hat er die Gewaltwelt des Kaisers überwunden.

Ich habe diese Worte ausgewählt, weil ein Neffe von John F. Kennedy am 28.8. in Berlin an das Motto von Hermann Göring erinnert hat, ein Volk sei am einfachsten zu regieren, wenn man ihm genügend Angst mache, egal ob im Sozialismus oder Kapitalismus, in der Diktatur oder der Demokratie. Am selben Tag fiel mir in der Südwestpresse die Überschrift auf: „Behörde warnt vor hoher Dunkelziffer“. Die vermutete Dunkelziffer von Infizierten, aber nicht Erkrankten, ist logischerweise kein Grund für eine Warnung, sondern für eine Entwarnung. Es wurde berichtet: „nach dem vergangenen Wochenende … meldete das Gesundheitsamt Stuttgart 225 Patienten und insgesamt 67 Verstorbene“. Dies wirkte so, als seien am Wochenende 67 Coronatote gezählt worden, weil der Zusatz fehlte, dass diese 67 seit März in den Zusammenhang mit Virus gebracht werden. Es fehlte auch der Hinweis, dass von Juli bis Ende August die gesamtdeutsche Coronasterberate von täglich 7 auf 4 gefallen ist und dass zum Vergleich täglich 82 bis 109 Patienten in deutschen Kliniken an resistenten Krankenhauskeimen sterben oder über 100 an Luftverschmutzung. Es werden täglich positiv Getestete gezählt, aber unterschlagen, wie viele davon gar nicht krank werden. Die viel realistischere Angst vor Krankenhauskeimen oder Luftverschmutzung wird nicht durch Statistiken geschürt, denn dann müssten die privatisierten Klinikkonzerne Profit einbüßen, um den Hygienestand etwa von Holland zu erreichen. Die Massentierhalter wären am Ende, weil ihr Antibiotikamissbrauch verboten werden müsste. Und es müsste mehr gegen Luftverschmutzung unternommen werden. Vor solchen Einbußen schützen sich Konzerne durch heimlichen Lobbyismus, deswegen darf es kein transparentes Lobbyregister bei uns geben. Die Abgeordneten haben ein offenes Ohr für die Lobbyisten, denn die Konzerne können gut dotierte Posten vergeben. Der Fall Amthor ist ein kleiner Fisch. Der deutsche Bankenverband schaffte es, den Cum/Ex-Steuerraub erst richtig in Schwung zu bringen, indem er durch seinen Trojaner im Finanzministerium erreichte, dass ausländische Finanzinstitute ausgenommen wurden und im Jahressteuergesetz 2007 Aktien mehrere Besitzer haben durften, obwohl Warnungen aus zwei Bundesländern kamen. Es geht um etwa 10 Milliarden Euro. Wir sollen aber keine Angst vor Lobbyisten haben, lieber vor Coronaviren. Wir sollen lieber Angst haben vor Nachbarn und nach dem Willen unseres Innenministers wie einstige Blockwarte diese denunzieren, obwohl sich diejenigen, die sich nicht schützen, doch vor allem selbst gefährden. In einem geängsteten Volk ist Teilen und Herrschen besonders leicht.

In dieser Welt wird euch Angst gemacht, sagt Jesus, aber seid zuversichtlich, ich habe diese Angstwelt überwunden, und ihr könnt das auch. Wir müssen nicht mehr wie Jesus mit der Kreuzigung rechnen, wir leben zum Glück nicht in Russland oder als Farbige in den Südstaaten der USA. Wir müssen nur mit schwarzen Donnerstagen rechnen, die nach 5 Jahren als rechtswidrig erkannt werden, oder mit der Beobachtung durch den Verfassungsschutz, der nicht die Verfassung, sondern die Konzerninteressen schützt. Deshalb können wir es leichter wagen, den ersten Schritt aus der Angstwelt heraus zu tun und falsche von realistischen Ängsten unterscheiden.
So stellen wir fest: Die Coronaängstiger sind am Zurückrudern. Es wird eingeräumt: Die Angesteckten sind nur wenige Tage ansteckend, die Quarantäne kann europaweit verkürzt werden. Die Bedeutung der Tests wird erheblich relativiert. Immer mehr Fachleute wagen auszusprechen, das Virus könne zu einer harmloseren Variante mutiert sein. Wir können uns den realistischeren Ängsten zuwenden: In Neckarwestheim sind die Dampferzeugerrohre rissig. In Büchel werden Atomwaffen modernisiert, die uns zur Zielscheibe und zu Kanonenfutter machen. Ackergifte bedrohen die Bienen und viele andere Tierarten, Düngemittel das Trinkwasser, der Klimawandel unsere Wälder sowie Landwirte und Gärtnereien. Und die Tunnel von Stuttgart 21 das Leben der Bahnreisenden. Nicht unsere Nachbarn sind dann unsere Gegner, sondern die gierigen Betreiber von Kernkraftwerken und Kliniken, verantwortungslose Landwirte, Massentierhalter und Bauspekulanten sowie deren Beschützer in den Parlamenten und Regierungen, die neoliberal verblendet meinen, wenn die großen Konzerne viel Gewinne machen, sei das heilsam für alle.

Das ist, wie gesagt, der erste Schritt aus der Welt der falschen Ängste. Der größere ist die Überwindung der Todesangst, wie Jesus sie vorgelebt hat. Das bedeutet zugleich, dass wir die Grenzen unserer Möglichkeiten akzeptieren. Es mag sein, dass wir die Fertigstellung der schrägen Haltestelle nicht verhindern können, auch nicht den weiteren Tunnelwahnsinn, der jetzt angedacht wird, um den Unsinn von S 21 zu kaschieren. Es mag sein, dass wir als die Verlierer da stehen wie der gekreuzigte Jesus. Aber der Einsatz gegen die Angstwelt und für das Reich des barmherzigen Gottes ist damit nicht zu Ende wie das Kreuz Jesu nicht das Ende war, sondern ein Anfang. Das Blut der christlichen Märtyrer wurde zum Samen der Kirche.

Jesus konnte diesen Kampf kämpfen, weil er nicht alleine war: Der Vater war bei ihm. So sind auch wir nicht alleine. Ein Leben mit diesem barmherzigen Vater schützt nicht vor Niederlagen, es ist aber am Ende ein Gewinn, weil wir angstfrei zu ihm heimkehren können in unserer letzten Stunde. Amen.

Das Parkgebet feiert seinen 10. Geburtstag!

Am Donnerstag, 27. August 2020 um 18.15 Uhr im Schlossgarten bei der Lusthausruine ist es so weit: Wir feiern den 10. Geburtstag! Trotz Corona. Trotz Masken, die wir tragen. Trotz Abstandsregeln, die wir verantwortungsbewusst einhalten.

Eigentlich ist es kein Grund zum Feiern: dass wir seit 10 Jahren gezwungen sind, auch durch Andacht und Gebet unsern Protest gegen das Staatsverbrechen Stuttgart 21 zu zeigen und zu stärken.

Und es ist kein Grund zum Feiern: dass Politik, Wirtschaft, Behörden, Medien und Justiz in opportunistischer Verbrüderung und mafiösem Korps-Geist ein Projekt am Laufen halten, von dem jeder Informierte weiß, dass es ein unermesslicher Schaden für die Bevölkerung ist.

Und es ist kein Grund zum Feiern: Dass das Parkgebet nicht von den Kirchen organisiert wird, sondern von Ehrenamtlichen, mit teils bewundernswertem Einsatz – und dass die Kirchen stattdessen leisetreterisch, konfliktscheu und staatstreu dazu schweigen.

Aber dennoch haben wir Grund zum Feiern: dass auch heute noch – nach so vielen Jahren – jeden 2. Donnerstag mehr Leute zusammenkommen als sonntags in vielen Kirchen des Landes, um für die Stadt Stuttgart zu beten.

Dennoch ist es ein Grund zum Feiern, wenn auf diese Weise alle zwei Wochen deutlich wird: (Auch) für informierte ChristInnen ist das Projekt Stuttgart 21 ein Skandal.

Und dennoch ist es ein Grund zum Feiern: Wenn auf diese Weise – ganz wie bei den biblischen Propheten – Glaube und Protest sich verbinden, wenn Glauben sich nicht auf Herzensfrömmigkeit beschränkt, sondern Verantwortung für die Welt übernimmt – und zwar ganz konkret und missbilligt von den Mächtigen.

Und so feiert das Parkgebet gerne seinen 10. Geburtstag! Denn in den vergangenen 10 Jahren seit August 2010 haben im Schlossgarten (und einige Male digital im Internet) wohl um die 275 Parkgebete stattgefunden – bei jedem Wetter und immer mit ansehnlicher Besucherzahl, um für das Wohl unserer Stadt zu beten und sich auszutauschen und gegeneitig zu stärken.

Herzliche Einladung zum Jubiläums-Parkgebet, das wieder Guntrun Müller-Enßlin und Sylvia Rados gestalten werden – unterstützt wie immer von den BläserInnen des unvergleichlichen „Parkblechs“.

Ansprache zum Parkgebet am 30.7.20 zu Joh 9,2-3 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Seine Jünger fragten ihn: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren worden ist? Jesus antwortete: Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.

Die Jüngerfrage nach der Schuld am Unglück des Blinden bringt auf die sichere Seite: Die Frager haben mit der Sache nichts zu tun. Jesus erklärt aber, dass sie sehr wohl damit zu tun bekommen. Denn an dem Blinden soll das Werk des barmherzigen Gottes erfahrbar werden und die Jünger sollen zu Gottes barmherzigen Händen an dem Blinden werden. Es passiert auch heute noch, dass Passanten einen Menschen mit Behinderung in einem Rollstuhl begaffen, wenn sie aber an einer Treppe um Hilfe gebeten werden, ergreifen sie die Flucht. Diesen Fluchtweg schneidet Jesus ab. Er heilt den Blinden auf wunderbare Weise mit Speichel, den er mit Erde vermischt hat. Heute müssen wir nicht auf solche Wunder warten, es reicht eine Spende bei einer Blindenhilfsorganisation, die in einem armen Land durch Medikamente oder Operationen vor Blindheit rettet oder Unheilbaren zu einer beruflichen Existenz verhilft. So bauen Menschen am Reich des barmherzigen Gottes.

Schon seit jeher ist die Erzählung von dieser Blindenheilung auch im übertragenen Sinn verstanden worden: In der Begegnung mit Jesus wird auch geistige und seelische Blindheit geheilt. Als Jesus bei dem Steuereintreiber Zachäus einkehrt, sieht dieser plötzlich, wonach er bisher gestrebt hat und welches Glück ein Leben unter dem barmherzigen Gott bedeutet. So heißt es in dem Lied „Amazing grace“: „I was blind, but now I see“, ich war blind, aber nun sehe ich. Der Autor John Newton schrieb dieses Lied, nachdem er 1748 als Kapitän eines Sklavenschiffes aus schwerer Seenot gerettet worden war. Er war von da an menschlicher zu Sklaven, gab schließlich seinen Beruf auf, wurde Geistlicher und kämpfte gegen die Sklaverei. Er konnte plötzlich sehen, dass die geschundenen Sklaven eine Herausforderung waren, ein Werkzeug des barmherzigen Gottes zu werden und an seinem Reich mit zu bauen.

Jesu Heilung von geistig-seelischer Blindheit bekommt für mich heute besondere Aktualität angesichts der weltweit verbreiteten neoliberalen Verblendung, alles würde gut, wenn wir nur die mächtigen Konzerne in freien Märkten wirken ließen. Jesus nennt diese Ideologie einen Dienst am Götzen Mammon, der mit dem Glauben an den barmherzigen Gott unvereinbar ist (Mt 6,24). Papst Franziskus bringt es auf den kurzen Nenner: „Diese Wirtschaft tötet!“ Wenn uns Jesus dafür die Augen öffnet, kann es nur noch eine Umkehr geben wie bei Zachäus.

Am brutalsten ist uns das vor Augen geführt worden in der Coronakrise. Eine auf den Mammon fixierte Gesundheitsfürsorge kam nicht auf die Idee, Schutzmasken und Schutzkleidung vor zu halten, obwohl die Pandemie von Fachleuten schon 2013 vorausgesagt wurde. So blieben die Risikogruppen ungeschützt, unabhängig vom Shutdown. Der schwedische Chefvirologe, der auf Herdenimmunität setzte, musste am Ende kleinlaut eingestehen, dass die Gefährdeten nicht geschützt werden konnten. Deutsche Häme darüber ist unangebracht: Im bayrischen Kreis Tirschenreuth, dem Ort des strengsten bayrischen Lockdowns, war die Todesrate vier Mal höher als im schwedischen Durchschnitt, weil für die Beschäftigten in den Pflegeheimen keinerlei Schutzausrüstung zur Verfügung stand und die Betreuten so zwangsläufig angesteckt wurden.

Zugleich wurde uns in der Krise vor Augen geführt, dass besonders Klima schädliche Branchen wie Fernflug- oder Kreuzfahrtreisen überflüssig sind. Auch ständig neue Autos zu kaufen war plötzlich verzichtbar. Die von der Mammonsgier geprägte weltweite Verlagerung von Produktionen in Billiglohnländer brachte plötzlich schmerzhafte Lieferengpässe. Die nach dem Mammon gierenden Schlachtfabrikbesitzer, die Billigarbeitskräften unsägliche Bedingungen zumuten, wurden als Risiko für die Gesamtbevölkerung bewusst. Andererseits wurde offensichtlich, dass die lebensnotwendigen Branchen wie der Lebensmitteleinzelhandel, die Arbeit in Kliniken oder Pflegeheimen gegenüber den Klima schädlichen Industrien unterbezahlt sind.
Für uns Gegner des Projekts Stuttgart 21 sind solche Einsichten in die neoliberale Mammonsgier nicht ganz neu. Hier ist seit 10 Jahren die neoliberale Verblendung besonders mit Händen zu greifen. Die katastrophale Fehleinschätzung der Kanzlerin, an diesem Projekt hinge die Zukunft der deutschen Wirtschaft – gemeint war wohl die Zukunft ihrer neoliberalen Politik, der verhängnisvolle Verzicht auf die Klärung des Katastrophenschutzes und die maßlose Geldverschwendung bei gleichzeitiger Verschlechterung des Bahnverkehrs, all dies setzte voraus, dass die Verantwortlichen nicht nur auf einem, sondern auf beiden Augen blind waren für die Unsinnigkeiten und Gefahren dieses neoliberalen Schlüsselprojekts. Auf kirchlicher Seite fehlte die Sensibilität zu erkennen, dass hier die Warnung Jesu vor dem Mammon zu beherzigen gewesen wäre. Von unserer Kirchenleitung war zu hören, es sei doch nur ein Bahnhof, ohne zu bemerken, dass nur eine schräge Haltestelle gebaut wird, weil das Projekt einer vom Mammon geleiteten Grundstücksspekulation entsprang.

Wir wollen aber nicht beim Jammern stehen bleiben. Wir lassen uns von Jesus die Augen immer wieder öffnen und teilen unserer Umwelt mit, was wir da sehen gelernt haben. Wir haben uns durch den schwarzen Donnerstag nicht einschüchtern lassen und wir lassen uns auch nicht blenden durch die triumphierend gefeierten Baufortschritte. Wir sehen ab, dass das dicke Ende noch nachkommt. Wir müssen keine Angst davor haben, denn wir kennen die Alternative, den Umstieg 21 und lassen die Hoffnung nicht fahren, dass der Mehrheit im Land doch noch die Augen aufgehen. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 16.7.2020 von Pfr.i.R. Martin Poguntke

(hier als pdf-Datei)

Parkgebetsansprache am 16. Juli 2020 zu Epheser 2, Vers 8

Liebe Parkgebetsgemeinde,

schön, dass das Virus uns wieder erlaubt, hier im Schlossgarten einander leibhaftig zu begegnen. Auch wenn die Fahrt in den Öffentlichen Verkehrsmitteln immer noch ein wenig beklemmend ist, mit den Masken und dem Bemühen, Abstand zueinander zu halten – schön, Sie hier direkt vor mir zu sehen!

Gar nicht schön ist, was unsere Ingenieure vor wenigen Wochen zum fehlenden Brandschutz in den S21-Tunnels entdeckt und veröffentlicht haben. In Dokumenten, die die Bahn geheim halten wollte, haben sie falsche Zahlen aufgedeckt, Verletzungen der Bahn-eigenen Regelwerke, „best case“-Szenarien, also, dass grundsätzlich das glückliche Zusammentreffen der günstigsten Faktoren angenommen wurde.

Und das Eisenbahnbundesamt hat entschieden, dass die eigentliche Genehmigung des Brandschutzkonzeptes erst nach Fertigstellung der Tunnels ausgesprochen wird. Dann aber können die Genehmigungsbehörden nicht mehr frei entscheiden, denn ein unglaublicher Druck lastet auf ihnen:

Entweder verweigern sie dem Brandschutz-Konzept die Zustimmung, dann wird ihnen vorgeworfen, dass wegen ihnen Milliarden umsonst vergraben worden sind. Oder sie stimmen dem Konzept zu, dann tragen sie die Verantwortung dafür, dass tagtäglich in den Stuttgarter Tunnels eine Katastrophe mit hunderten oder sogar über tausend Verletzten und Toten passieren kann.

Wir fordern deshalb: Die Tauglichkeit – vielmehr: die Untauglichkeit – dieses verlogenen Konzepts muss heute schon festgestellt werden. Alles andere ist verbrecherisch.

Ich frage mich immer wieder: Was geht in Menschen vor, die so ein Verbrechen sehenden Auges zulassen oder sogar selbst veranlassen? Was für ein eigenartig kaputtes Verhältnis zur Verantwortung müssen sie haben, zum Leben, zur Welt? Und ich ertappe mich bisweilen bei der Versuchung zu denken: Ich(!) würde an deren Stelle ganz anders handeln.

Aber ob das wirklich so wäre – ich weiß es nicht. Klar, ich mache schon auch Vieles richtig in meinem Leben. Und klar: Es gibt schon immer wieder Situationen, in denen wir alle durchaus auch ein wenig als Vorbilder taugen. Aber zumindest für mich gilt das nur für einzelne Situationen, nicht für mich und mein Leben als Ganzes.

Eher staunend blicke ich mich manchmal um, wenn ich gespiegelt bekomme, dass ich doch an der einen oder anderen Stelle hilfreich sein konnte, dem einen oder anderen Schüler etwas bedeutet habe, durch mich eine Sache sich positiv entwickeln konnte. Solche Momente machen mich glücklich und dankbar.

Dankbar, dass durch mich bisweilen offenbar Momente von etwas Besonderem passieren – ohne, dass ich etwas Besonderes wäre und sein müsste. Durch ganz gewöhnliche Menschen wie mich und wie Sie, liebe Parkgebetsgemeinde, geschieht bisweilen Besonderes. Weiterlesen

Ansprache zum Parkgebet am 18.6.2020 zu Apg 4, 34-35 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Da teilen also die Begüterten tatsächlich mit den Ärmeren, wie das im Reich des barmherzigen Gottes Jesu sein soll. Niemand leidet mehr Not, es funktioniert, was wir heute die bedingungslose Grundversorgung nennen. Als es bei den Essensausgaben, den damaligen Vesperkirchen, Probleme gibt, werden Spezialisten wie Stephanus beauftragt, für gerechte Verteilung zu sorgen. Die ersten Christen in Jerusalem bekommen verständlicher Weise enormen Zulauf. Wir können freilich heute im Rückblick nicht unterschlagen, dass dieser Urkommunismus nicht lange gut ging. In Apg 5, 1-11 erfahren wir vom Sündenfall der Urgemeinde: Die Eheleute Ananias und Saphira verkaufen zwar einen ihrer Äcker, geben aber nur einen Teil des Erlöses der Gemeinde und leugnen dann auch noch, dass sie privat vorsorgen. Von Paulus erfahren wir, dass die Gemeinde in Jerusalem völlig verarmt ist und Spenden anderer Gemeinden benötigt (Röm 15,26). Aus heutiger Sicht war das gut gemeinte Experiment nicht nachhaltig. Verkaufte Äcker bringen so wenig dauerhaften Ertrag wie verkaufte Kühe Milch. Auch Verantwortliche in Vesperkirchen mahnen regelmäßig, dass ihre Arbeit nicht notwendig sein sollte in einem so reichen Land wie dem unseren, weil Vesperkirchen Symptome kurieren, aber nicht die Ursachen der Not bekämpfen können. Dafür müsste eine neue Sozialpolitik sorgen.

Den Entwurf einer solchen neuen Sozialpolitik bietet Jesus im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-15). Faires Teilen entscheidet sich am Arbeitsmarkt. Wenn dies dort nicht gelingt, werden Vesperkirchen zur Sisyphosarbeit, die in Erschöpfung endet. Deshalb wendet der Weinbergbesitzer im Gleichnis vom Reich Gottes einen Trick an: Er zahlt den Vollzeit- und den Kurzarbeitern denselben Lohn. Da regen sich die Vollzeitarbeiter natürlich auf, aber der Arbeitgeber bleibt hart. Er rechnet damit, dass sie am nächsten Tag schlauer sind. Wenn sowieso alle den gleichen Lohn bekommen, dann können sie schon am Morgen auch die Arbeit gleich verteilen. Denn am Morgen sind natürlich die jungen und gesunden, also die stärksten Arbeiter von den Arbeitgebern gedungen worden und haben in der Konkurrenz mit den Schwächeren gesiegt. Damit auch die Schwächeren und ihre Familien das Brot für den morgigen Tag haben, müssen sie eine Chance am Arbeitsmarkt bekommen. Darauf will das Gleichnis Jesu hinaus und damit gewinnt es Aktualität für heute.

Als nach dem Autoboom der deutschen Vereinigung die Branche 1993 in die Krise geriet, wurde zB bei VW diese faire Idee umgesetzt. Statt 20 % der Mitarbeitenden zu entlassen, arbeiteten alle nur 80 %. Auch ohne das Kurzarbeitsgeld aus der Arbeitslosenversicherung hätten alle überleben können. In der Banken- und Wirtschaftskrise von 2008 kam Deutschland durch das Instrument des Kurzarbeitsgelds wesentlich besser zurecht als andere Länder wie die USA. Dort wird sehr schnell wieder entlassen nach dem berüchtigten Motto „hire and fire“, einstellen und wieder feuern. Auch in der gegenwärtigen Krise bewährt sich der deutsche solidarische Weg.
Die derzeitige Krise ist aber härter als 2008 oder 1993. Denn zum einen trifft sie ganze Branchen wie Fremdenverkehr, Gastronomie und Unterhaltung viel härter. Zum anderen fällt sie zusammen mit überfälligen notwendigen Veränderungen etwa in der Auto- und Luftfahrtbranche. Dort rächt sich jetzt, dass eine frühere Umwandlung der Klima schädlichen Geschäftsmodelle versäumt wurde. Eine drastische Besteuerung Spritfressern, Flügen und Kreuzfahrten hätte rechtzeitig einen Wandel gefördert weg von Klima schädlicher Mobilität zu einer Klima schonenden, wenn gleichzeitig der Schienenverkehr gefördert worden wäre. Nun kommt der Wandel schlagartig und drastisch. Eine Kaufprämie wie 2008 für Verbrenner war der Wählerschaft heute zurecht nicht mehr zu vermitteln. Auch die teure Lufthansarettung kann wohl große Arbeitsplatzverluste nicht mehr verhindern. Umso schneller müssen Luftfahrtbeschäftigte auf Bahnarbeitsplätze umgeschult werden. Wir kommen hier beim Parkgebet zusammen, weil wir für einen erweiterten Bahnverkehr eintreten.
Deshalb fordern wir den Erhalt des leistungsfähigen Kopfbahnhofs. Dabei könnte uns jetzt eine überraschende Entscheidung ausgerechnet von Donald Trump zu Hilfe kommen. Er will US-Stützpunkte aus Deutschland abziehen, auch Eucom und Africom hier in Stuttgart sind im Gespräch. Dort unterstützen wir logistisch die US-Drohnenlynchmorde, bei denen die zivilen Opfer als „Kollateralschäden“ verharmlost werden sollen und neuer Terrorismus gezüchtet wird. Durch den US-Abzug würde viel mehr und auch bezahlbarer Wohnungsbau ermöglicht als beim Abriss des Gleisfelds im und vor dem Kopfbahnhof. Das Immobilienprojekt Stuttgart 21, das uns die Katastrophenhaltestelle beschert, würde überflüssig. Dies gilt es jetzt an die große Glocke zu hängen und dem Projekt seine ursprüngliche Triebfeder weg zu nehmen. Denn diese Immobilienspekulation sollte nach dem Willen der Kanzlerin zum Schlüsselprojekt einer neoliberalen deutschen Zukunft werden. Hoffentlich bleibt der sprunghafte Präsident Trump bei seiner Ankündigung. So könnten wir uns der mörderischen Militärpolitik entziehen und zugleich die schädliche neoliberale Wohnungsbau- und Verkehrspolitik überwinden.

Gerade die Christen in unserem Land haben Grund, dieser Politik zu widerstehen und sie abzulösen nach außen durch eine internationale Friedenspolitik und nach innen zu einer Sozialpolitik, die nicht mehr von unten nach oben, sondern von oben nach unten umverteilt. Beim Versuch des fairen Teilens ist der Neoliberalismus unser Hauptgegner, denn er steht für das, was Jesus den ungerechten Mammon nennt (Lk 16,9). Diesem können wir nicht dienen, wenn wir gehorsam sein wollen gegenüber dem barmherzigen Gott Jesu (Mt 6,24). Unser auferstandener und gegenwärtiger Herr schenke uns den Mut, dem Mammon zu widerstehen und fair zu teilen. Amen.

Herzliche Einladung zum ersten Parkgebet nach den strengen Kontaktbeschränkungen wieder im Park

Am Donnerstag, den 18. Juni 2020, um 18:15 Uhr findet das Parkgebet endlich wieder im Schlossgarten am gewohnten Platz bei der Lusthausruine statt, unter Einhaltung des Mindestabstands. Mund-Nasen-Bedeckung wird empfohlen.

Auch wenn es regnen sollte, wollen wir uns nicht davon abhalten lassen, uns leibhaftig wieder zu sehen.

Pfingstgottesdienst am 1.6.2020, mit Pfr.i.R. Friedrich Gehring

Liebe Freundinnen und Freunde des Parkgebets,

hier kommt der digitale Pfingsgtottesdienst
– mit einer Ansprache von Pfr.i.R. Friedrich Gehring.

Der Link zum Video lautet:

Und hier ist die Ansprache zum Nachlesen:
https://s21-christen-sagen-nein.org/2020/06/01/pfingstmontagspredigt-fuer-den-1-6-2020-zu-apg-2-1-7-ausschnitt-von-pfr-i-r-f-gehring/