Predigt zu Lk 19,1-10 beim Parkgebet am 31.1.2013 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Der Zöllner Zachäus ist ein Steuereintreiber im Dienst des römischen Kaisers, der sich Palästina und dessen Bevölkerung mit militärischer Gewalt unterworfen hat und nun durch Steuern ausbeutet, nicht zuletzt um die Soldaten bezahlen zu können, mit denen er das Volk unterdrückt. Beim Volk ist Zachäus deshalb eine der meist gehassten Persönlichkeiten seiner Zeit. Nicht nur, dass er in dieser Funktion mit dem Unterdrücker zusammenarbeitet und so seinen Lebensunterhalt verdient, er nutzt seine Macht auch noch, um zu betrügen, d. h. mehr in seine Tasche zu wirtschaften als ihm der Kaiser rechtmäßig zugesteht. Für beides hat er sich bewusst entschieden, für den Dienst beim Ausbeuter ebenso wie für den Betrug. Dafür trägt er persönlich die Verantwortung und bezahlt dafür mit Ausgrenzung und Einsamkeit, er muss den Hass seiner Mitmenschen ertragen. Sein Leben in materiellem Wohlstand ist zugleich ein Leben in der sozialen Isolierung. Schon Kinder im Kindergarten oder in der Grundschule können wissen, wie sich so etwas anfühlt.

Aber nun kommt Jesus in seine Nähe. Das ist faszinierend für ihn. Denn Jesus eilt der Ruf voraus, dass er anders ist als die anderen, weil er nicht von einem strafenden, sondern von einem barmherzigen Gott spricht. Dieser barmherzige Gottesmann interessiert ihn, er will ihn sehen, er steigt auf einen Baum und er hat Glück. Jesus geht nicht an ihm vorbei, er will bei ihm einkehren und seine gesellschaftliche Isolation überwinden. Da trifft Zachäus eine Entscheidung. Er will sein Leben ändern. Er will Betrogenes vierfach zurückgeben und die Hälfte seines Besitzes an die Armen verteilen. Das ist für mich ein Wunder, ein Heilungswunder. Zachäus wird geheilt von der Sucht nach immer mehr Geld, von der Gefangenheit in den Fängen des Götzen Mammon. Jesus befriedigt das ursprüngliche Bedürfnis nach Zuwendung, so kann Zachäus die Ersatzbefriedigung, das Geld, loslassen. Solche Heilungswunder sind auch Jesus nicht immer sofort gelungen. Der sog. „reiche Jüngling“, dem Jesus das Verteilen seines Reichtums zu seiner Rettung empfiehlt, geht traurig und ungeheilt von Jesus weg, denn – so heißt es – „er hatte viele Güter“, von denen er sich offenbar nicht freimachen konnte (Mk 10,22).   Er bleibt in der Einsamkeit seines Reichtums.

Zachäus und der reiche Mann sind hochaktuelle Gestalten. Die Sucht nach immer mehr Geld nimmt in unserer Welt rasant zu, seit die neoliberale Politik den Süchtigen immer mehr Freiheit gibt, ihre Sucht auszuleben. Das Projekt Stuttgart 21 ist ein besonders krasses Beispiel für diese Umverteilung: Um einigen reichen Investoren Bauland in der Stadtmitte von Stuttgart zu verschaffen, wird der zweitpünktlichste deutsche Bahnhof für mindestens 6,8 Milliarden € unter die Ede verlegt. Diese Milliarden müssen von den vielen Bahnkunden und den Steuerzahlern unnötigerweise bezahlt werden. Das frei werdende Bahngelände wurde – um den Tiefbahnhof finanzieren zu können – zu so hohen Preisen verkauft, dass die Mieten dort entsprechend hoch sein werden und auch noch die Mieter ärmer werden. In München ist ein entsprechendes Bahnhofsprojekt abgelehnt worden, die Bodenpreise wurden nicht derart in die Höhe getrieben und es können jetzt Wohnungen für entsprechend günstigere Mieten entstehen.

Unser evangelischer Landesbischof July hat im November vergangenen Jahres in einem Zeitungsinterview gesagt, wenn die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander gehe, dann müsse sich die Kirche einmischen. Im selben Interview meinte er , Stuttgart 21 sei ein Bahnhof, dessen Nähe oder Ferne zum Evangelium nicht beurteilt werden könne, obwohl die Kanzlerin schon im September 2010 deutlich gesagt hat, dass es nicht um einen Bahnhof, sondern um die Zukunft von ganz Deutschland geht. Sie hat sich dabei allerdings etwas unscharf ausgedrückt. Sie hätte sagen müssen: Es geht hier um die Zukunft der neoliberalen Politik in Deutschland, um die Zukunft der süchtigen „reichen Jünglinge“, um deren Macht zur Ausbeutung der immer ärmer werdenden übrigen Bevölkerung. Diese Reichen will Jesus heilen von ihrer Sucht und ihrer Ausbeutung. Als Kirche können wir die Hoffnung auf solche Heilungswunder nicht aufgeben.

Nun ist schon ein kleines Wunder geschehen.  Morgen empfängt unser Landesbischof July einige Theologen, die zu Stuttgart 21 seit Jahren Nein sagen. Wir wollen ihm Mut machen, mit uns an den Heiland Jesus und an seine Macht zur Überwindung der Ausbeutung zu glauben. Ausbeuter sind therapierbar.

Wenn Jesus den Zachäus durch seine Zuwendung heilt, so dürfen wir nicht übersehen, dass diese Therapie bei Zachäus vorbereitet war durch den Leidensdruck der Isolierung. Es ist eine vielfache Erfahrung mit Süchtigen, die keine Krankheitseinsicht haben, dass ihr Leidensdruck erst noch verschärft werden muss, bis sie in die Therapie einwilligen. Arbeitgebern wird geraten, mit Kündigung zu drohen, Ehepartnern empfohlen, die Scheidung zu riskieren, um Suchtkranke zur Therapie zu bewegen. Das erscheint vordergründig unbarmherzig, aber wer sich auskennt, weiß, dass dieser Leidensdruck notwendig und heilsam ist. Jesus macht den „reichen Jüngling“ traurig, erhöht also sein Leiden in der Hoffnung, dass der Druck so groß und heilsam wird wie bei Zachäus, dem Jesus am Ende sagen kann: Heute ist deinem Hause Heil widerfahren. Die „reichen Jünglinge“ von heute brauchen unsere Kritik. Wenn der Verfassungsschutz unsere Kritik für gefährlich hält, dann kann ich dazu nur sagen: Hoffentlich sind wir gefährlich für die „reichen Jünglinge“. Die Zeit ist günstig. Die Bundesregierung rückt von dem Unsinnsprojekt S 21 ab und stellt den Süchtigen schmerzhafte Fragen. Der Leidensdruck steigt. Beten wir dafür und helfen wir alle mit, dass er so weit steigt, dass wir bald mit Jesus feststellen können: Heute ist den Häusern der „reichen Jünglinge“ Heil widerfahren. Mögen unsere Arme weit offen sein für die Umkehrenden. Amen.

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7 Antworten zu “Predigt zu Lk 19,1-10 beim Parkgebet am 31.1.2013 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

  1. Dorothea Ziesenhenne-Harr

    Vielen Dank, Friedrich, für diese Predigt!! Die Geschichte um Zachäus ist mir dadurch noch einmal neu vor Augen gekommen. Die Geschichte, wie Jesus einen Menschen von der Geld-und Geltungssucht heilt. Und auch deinen Hinweis, dass so eine Heilung leider nicht immer gelingt (siehe „der reiche Jüngling“), weil nicht jede/r die frohe Botschaft annehmen kann und wir dennoch immer weiter aufgefordert sind, zuversichtlich und hoffnungsfroh auf diese Heilungsmöglichkeit hin zu weisen, berührt mich und ich stimme dir voll zu. Die Chance zur Umkehr gilt immer und jedem/r. Wir sind von Gott beauftragt worden, unermüdlich und aus vollem Herzen, zur Umkehr einzuladen und auf die Möglicheit zur Heilung hinzuweisen.
    Diesem Auftrag bist du nach meinem Empfinden mit deiner Predigt voll nachgekommen.

    Ich wünsche dir und allen anderen für das Gespräch mit dem Bischof heute Gottes Segen und geistvolle Standhaftigkeit

    Dorothea Ziesenhenne-Harr

  2. Inszenierungen von klassischen Stoffen kommen im Theater heute häufig ironisch daher. Hat Friedrich Gehring diese Methode aufgegriffen?
    Kaum anders ist zu verstehen, dass er die biblischen Protagonisten Zachäus sowie den reichen Jüngling – mir nichts dir nichts – für die Debatte um S21 zu vereinnahmen versucht. Oder meint er, nach Art einer Kinderstunde im pietistisch-evangelikalen Milieu verfahren zu können?
    Die „reichen Jünglinge“ waren im Schlossgarten wohl nicht anwesend. Wem galt seine „Kinderstunde“?
    Das Projekt S21 ist komplexer, als es Friedrich Gering vermuten lässt. Die Gegner des Projekts sind wesentlich weiter, als sein vielleicht gut gemeinter, aber platt missionarischer Beitrag zum Ausdruck bringt.

  3. Lieber Karl Martell,
    die Predigt war nicht ironisch gemeint, sie ist auch von der Kirchenleitung weder als ironisch noch als „Kinderstunde im pietistisch-evangelikalen Milieu“ aufgefasst, sondern als sehr ernst eingestuft worden.
    Deine Vermutung über die Abwesenheit der „reichen Jünglinge“ im Schlossgarten dürfte zutreffen, die Teilnehmer am Parkgebet kommen wohl weniger aus den Halbhöhenlagen und empfinden sich wohl eher als Ausgebeutete. Sie wünschten sich die Veröffentlichung der Predigt vermutlich deshalb, weil ich am Vorbild Jesu aufgezeigt habe, wie wir mit den Ausbeutern so umgehen können, dass wir uns ihnen nicht ohnmächtig ausgeliefert fühlen müssen. Offenbar haben die Ausgebeuteten bei der Landtagswahl vom 27. März 2011, die von der Kanzlerin selbst als Volksabstimmung über Stuttgart 21 ausgerufen worden war, über den Koalitionsbeschluss zur Kostendeckelung die Finanzierung des Projekt derart ins Wanken gebracht, dass der Leidensdruck bei den politisch Verantwortlichen plötzlich ganz neue Fragen hervorbringt, die bisher Tabu waren, wie z. B. die Suche nach einer Alternative. Wenn für Dich mein Werben für eine therapeutische Erhöhung des Leidensdrucks bei den Ausbeutern ein „platt missionarsicher Beitrag“ ist, kann ich nur zurückfragen: „Was sollte er denn anderes sein?“
    Herzlichen Gruß
    Friedrich Gehring

  4. Friedrich Gehring bevorzugt die Schwarz-weiß-Malerei: Hier die „Ausgebeuteten“, da die „Ausbeuter“, hier die „Gläubigen“ im Vollbesitz der Wahrheit, da die zu missionierenden „Ungläubigen“.
    Wie tönte einst der SPD-Fraktionsvorsitzende Schmiedel? „Wir sind die Guten; auf Stuttgart 21 ruht Gottes Segen“. Dem entgegen räsoniert Gehring: Wir sind die Guten, weil Jesus in das Haus des kleinwüchsigen, reichen Zachäus eingekehrt ist.
    Wie tönte einst Prälat Mack unter Beifall der Landessynode? „In der Bibel finden wir keine konkrete Weisung für oben bleiben oder unten bauen.“
    Auf fatale Weise findet Gehring die „Weisung“, mit Hilfe von zwei biblischen Geschichten, die er auf seine Weise hinbiegt.
    Schmiedel reklamiert für sich und S21 Gottes Segen, so ganz allgemein, Mack guckt in die Bibel und findet nix, Gehring guckt auch in die Bibel und findet den Götzen „Mammon“, sein Passepartout, und unterfüttert ihn mit Küchenspychologie.
    Jeder wie er mag?
    Manche sprechen heute von Meinungsterror. Da ist was dran, wenn Meinungen lediglich propagandistisch vorgetragen werden, ohne oder mit fadenscheiniger, zurechtgezimmerter Begründung. Fromm angestrichen besonders problematisch, etwa nach der Devise, der Zweck heilige die Mittel. So auch bei Versuchen, über Pseudo-„Offene Briefe“ Sympathisanten zu gewinnen. „Man merkt die Absicht und man ist verstimmt.“
    Falsche Mittel und Methoden diskreditieren die Sache, verengte eindimensionale Blickrichtungen führen zu fragwürdigen Zielen. Ob S21 realisiert wird oder nicht, wäre gleichgültig, wenn plump vereinnahmende Propagandamethoden, Missionierungen – pro oder contra – weiterhin im Schwange bleiben.
    Der Protest gegen S21 hat Potential, auch für die künftige Gestaltung unserer Gesellschaft. Allerdings nicht mit Ressentiments, nicht mit Schwarz-weiß-Malerei, nicht mit Tricks und Tücke, vielmehr mit Transparenz und Offenheit, mit Argumentation, auch theologisch zu verantwortender, mit Überzeugungskraft.
    Bekehrung ist nicht das Thema, vielmehr Glaubwürdigkeit.

  5. Lieber Karl Martell,

    mit Deinen Abqualifizierungen („Schwarz-weiß-Malerei“, „fatale Weise“, „Küchenpsychologie“, „Meinungsterror“, „propagandistisch“, „fadenscheinig“, „zurechtgezimmert“, „fromm angestrichen“, „Pseudo-‚Offene Briefe’“, „falsche Mittel und Methoden“, „verengte, eindimensionale Blickrichtungen“, „fragwürdige Ziele“, „plump vereinnahmende Propagandamethoden“, „Missionierungen“, „Ressentiments“, „Tricks und Tücke“, „Bekehrung“) kann ich nichts anfangen: Wenn Du aus meiner Predigt Belege anfügen würdest, könnte ich es das nächste Mal vielleicht besser machen. Bis dahin bleibt das alles Unterstellung, die mir mehr über Dich verrät als über mich. Da Du offenbar weißt, wie es besser ginge, wäre auch eine Möglichkeit, dass Du eine bessere Predigt veröffentlichst, dann könnte ich von Dir lernen. Wenn Du beides nicht willst, solltest Du Dich wenigstens entscheiden, wie Du es gerne hättest: Prälat Mack findet keine biblische Weisung, das finden wir gemeinsam schade, ich stelle aus dem Problemhorizont von Stuttgart 21 Fragen an die Bibel, z. B. „Wie geht Jesus mit Ausbeutern um?“ und bekomme eine Weisung, dann ist es Dir aber auch nicht recht. Du musst ja nicht meine Fragen an die Bibel stellen, stelle doch Deine eigenen, dann musst Du Dich nicht mit billiger Runtermache selbst diskreditieren, sondern kannst mit der von Dir selbst propagierten „Transparenz und Offenheit, mit Argumentation, auch theologisch zu verantwortender, mit Überzeugungskraft“ und „Glaubwürdigkeit“ glänzen.

    Mit herzlichem Gruß

    Friedrich Gehring

  6. „Der Friederich, der Friederich, der war ein arger Wüterich!“
    „Konrad“, sprach die Frau Mama, „ich geh aus und Du bleibst da.
    Sei hübsch ordentlich und fromm, bis nach Haus ich wieder komm!
    Und vor allem, Konrad hör, lutsche nicht am Daumen mehr.“
    Die Welt des Struwwelpeter ist untergegangen.
    Nur der Kanzlerinberater Friedrich Gehring hat es noch nicht gemerkt.
    Was jetzt angesagt ist? Nicht den „Leidensdruck“ mithilfe hingebogener biblischer Geschichten verschärfen, sondern – wie Boris Palmer, Walter Sittler u.a. schon Anfang Januar gesagt haben – rechthaberisches Triumphieren vermeiden und Ausstiegs- bzw. Umstiegsszenarien unterstützen.
    Würde sich im Übrigen auf einem Blog von Christen gut machen.

  7. Lieber Karl Martell,
    „Thriumphieren“ erscheint mir noch nicht angesagt, es wird derzeit kolportiert, eine Meinungsumfrage habe 65 % Befürwortung für S 21 erhoben. Hier ein Ausschnitt aus einem Brief, den ich dieser Tage auf einen Leserbrief erhalten habe von einem Rentner, vermutlich aus der Baubranchenmanagement: „Wenn unser Land im Endeffekt hunderte Milliarden Euro für andere ‚spenden’ muß, sollten uns einige Milliarden für unseren Wohlstand und unsere Zukunft es wert sein. Und in anderen Bundesländern, die von uns großzügig unterstützt werden, sind in viele Projekte, die oft nicht notwendig gewesen wären, auch Milliarden geflossen ohne solche hysterischen Demonstrationen. Und unser Bundes-Schuldenstand von nahezu 2 Billionen verträgt bestimmt auch noch ein paar notwendige Milliarden. Zurückzahlen können und werden wir diese Summe sowieso nicht mehr. Hat dadurch schon irgendjemand in unserem Land einen direkten finanziellen Nachteil erlitten oder ist deswegen auf die Straße gegangen? Aus meiner Sicht ist es daher das unklügste, Stuttgart 21 zu stornieren, da es dann allerdings Milliarden Euro kosten würde. Und jeder, der von Berufs wegen mit Finanzen zu tun hat/hatte, weiß, dass Kosten ohne Leistungen das unrentabelste sind.“
    Ich frage Dich: Wie kann ich solchen Finanzfachleuten mit ihrer Desperadomentalität anders begegnen als mit der Erhöhung des Leidensdrucks, indem ich am Beispiel von Griechenland erläutere, was es auch für ihn als Rentner bedeuten wird, wenn in Deutschland immer mehr Schulden gemacht und nicht zurückbezahlt werden.
    Mit herzlichem Gruß
    Friedrich Gehring

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