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Ansprache beim Parkgebet am 4. April 2019 über Johannes 18, 28–38 von Pf. i.R. Hans-Eberhard Dietrich

(hier die Ansprache als pdf-Datei)

Leidensgeschichte: Jesus vor Pilatus

Liebe Parkgemeinde,

der kommende Sonntag heißt Judika. Er hat seinen Namen von den ersten Worten des 43. Psalms, der den Gottesdienst eröffnet: Judica me, Deus – Gott schaffe mir Recht!
Mit diesem Sonntag kommen wir dem Leiden und Sterben Jesu immer näher. In zwei Wochen ist Karfreitag. Der Predigttext für diesen Sonntag ist die Gerichtsverhandlung Jesu vor Pilatus.

Johannes 18, Vers 28 bis 38:
Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium; es war früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passahmahl essen könnten. Da kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Was für eine Klage bringt ihr gegen diesen Menschen vor? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet. Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Wir dürfen niemand töten. So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde.

Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dirs andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortete: Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da frage ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. So spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

  1. Hintergrundinfos

Pilatus, der römische Statthalter in Judäa. Er ist der eigentliche König. Herodes gibt es zwar auch noch. Aber das Sagen hat Pilatus. Deshalb residiert er auch symbolträchtig im Palast des Herodes. Die Römer nennen diesen Regierungssitz natürlich mit einem lateinischen Namen, Prätorium, das Haus des Feldherrn, wörtlich übersetzt. Die meiste Zeit hielt sich Pilatus aber in Cäsarea auf, am Meer gelegen, eine römische Stadtgründung, strategisch sicherer als Jerusalem. In Jerusalem war er nur in Krisenzeiten, an hohen Fest- und Feiertagen wie am Passahfest, wenn viele Menschen zusammenströmten. Da konnte man nie wissen, ob es Unruhen oder gar einen Aufstand gegen die Römer gab.
Grund hatte das Volk. Denn Pilatus war ein Judenhasser. Er hatte zwar vom Kaiser in Rom die Anweisung, auf die religiösen Gefühle der Juden Rücksicht zu nehmen und sie nicht zu provozieren. Aber er ließ keine Gelegenheit aus, sie seine Verachtung spüren zu lassen.

Und dann war da noch der Hohepriester Kaiphas, oberster Chef der religiösen Selbstverwaltung der Juden. Kaiphas, von Pilatus eingesetzt. Ein paar Rechte hatte das Volk zwar noch, kleinere Delikte durften sie nach ihrem mosaischen Gesetz aburteilen. Aber ein Todesurteil durften sie nicht fällen. Darum aber ging es der herrschenden religiösen Clique aus Hohenpriestern Pharisäern und Sadduzäern und wer sonst noch ein Interesse an der Beseitigung Jesu haben mochte.

  1. Die Gerichtsverhandlung

Auf diesem Hintergrund muss man jetzt die ganze Gerichtsverhandlung sehen.
Das Verhör findet drinnen im Palast statt. Die eigentliche Verhandlung draußen vor dem Palast, auf einem Hof oder freien Platz. Da sitzt er nun, der oberste Richter Pilatus auf seinem Richterstuhl, vermutlich ein Steinhocker, den man eigens für solche Gerichtsverhandlungen herbeischaffte und aufstellte.

Die Verhandlung nimmt jetzt ihren Verlauf. Wenn man sie unvoreingenommen liest oder hört, so hat man den Eindruck, dem Pilatus geht das ganze gegen den Strich und zwar auch deshalb, weil er von Jesu Unschuld überzeugt ist. Aber wie soll er sich verhalten? Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 24.11.2016 zu Johannes 14,6;16,12 von Pf.i.R. Hans-Eberhard Dietrich

Liebe Parkgemeinde,

Joh 14,6: Jesus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Joh 16,12: Wenn aber der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten.

  1. Die „gefühlte“ Temperatur

wenn ich mein Smartphone nach der Temperatur von morgen frage, so kommt da z.B. die Angabe 9 Grad Celsius, drunter steht dann: gefühlt wie 6 Grad. Eigentlich wollte ich nicht wissen, wie irgendein Wetterfrosch sich fühlt, sondern wie kalt oder warm es wirklich wird. Das hat sich bei uns irgendwie eingebürgert, von einer gefühlten Wirklichkeit zu sprechen. Eigentlich ist das banal, kaum der Rede wert, Nebensache. Aber könnte es nicht auch Ausdruck einer ganz neuen Denkweise sein? Ein Denken jenseits der Wirklichkeit, jenseits aller Wahrheit? Auf Neudeutsch heißt das dann „postfaktisches Zeitalter“?

  1. Das postfaktische Zeitalter

Liebe Parkgemeinde, ehrlich gesagt, vor ein paar Monaten kannte ich diesen furchtbarbaren Begriff noch nicht: „postfaktisches Zeitalter“. Aber plötzlich las ich ihn immer wieder und stellte fest, er hat es bis in das Feuilleton seriöser Zeitungen geschafft.

Und jetzt las ich in der Zeitung: Es ist das Wort des Jahres. Die Jury begründete es so: „Das Adjektiv beschreibe Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch das Hervorrufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst werde. Angetrieben von dem Aufstieg der sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden, habe das Konzept des Postfaktischen seit einiger Zeit an Boden gewonnen.“

Ich möchte es mit meinen eigenen Worten sagen: Die Menschen machen sich die Wirklichkeit zurecht, wie es ihnen gefällt, wie sie sich gerade fühlen. Für sie zählt Wahrheit, zählen Fakten nicht, sondern nur eine gefühlte Wirklichkeit. Man muss sie nur häufig genug behaupten und wiederholen, es wird genügend Menschen geben, die sie glauben. Schlimmer noch, es wird immer genügend Menschen geben, die sie glauben wollen, weil diese Art der Wirklichkeit ihren eigenen Illusionen entspricht. Es zählen nicht die besseren Argumente. Es zählt nur der starke Auftritt, die perfekte Inszenierung. Fakten sind weder richtig noch falsch, richtig sind sie nur, wenn sie der eigenen Sache dienlich sind.

Und wer auf Fakten besteht, der wird noch als Verlierer verhöhnt: „Fakten sind die Krücke der Verlierer, mit denen sie durchs Leben humpeln.“ (Zeit, 29.9.2016 S. 48) Sieger brauchen keine objektiven Fakten, sie schaffen sich ihre Welt, wie es ihnen gefällt. Wahr ist allein das Faktum der Macht, die ist echt. Und es gibt viele Menschen, denen das gefällt, die darauf reinfallen. Oder sollen wir lieber sagen; die gerne darauf reinfallen wollen?

  1. Postfaktische Zeitalter, leider auch unsere Wirklichkeit in Stuttgart

Kommt Ihnen das nicht irgendwie bekannt vor? Wir müssen gar nicht nach Amerika schauen, wo Donald Trump das gerade perfekt und mit viel Beifall praktiziert hat und damit zum Entsetzen der ganzen Welt auch einen Wahlsieg erzielt hat.

Das erleben wir hier in Stuttgart zur Genüge, seit Jahr und Tag. Jüngstes Beispiel: Beharrlich weigerte sich der Oberbürgermeister, gestützt von der Mehrheit des Stadtrates, einen Faktencheck zu S21 zu machen. Weiterlesen