Schlagwort-Archive: Gottesdienst

Ostergottesdienst-digital, am Ostermontag, 13.4.2020 mit Friedrich Gehring, Pfr.i.R.

Dieser Gottesdienst wurde von den Beteiligten – mit ausreichendem Abstand – in einzelnen Teilen (von Jürgen Gangl, dem wir sehr danken) aufgezeichnet und ist hier als Zusamamenschnitt zu sehen:

Für die musikalischen Beiträge herzlichen Dank an Ulrich Ebert von Parkblech!

Die folgende Ansprache zu Lk 24,30-31 von Pfr.i.R. Friedrich Gehring ist hier als pdf zu öffnen.

Als der Mann mit ihnen zu Tische saß, brach er das Brot, sprach das Dankgebet darüber, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihnen die Augen aufgetan und sie erkannten Jesus.

Nach den furchtbaren Erfahrungen der Kreuzigung Jesu verkrochen sich die Jünger. Aber nach dem Sabbat wagen sich die ersten wieder hinaus. Zwei von ihnen wandern in das Dorf Emmaus, treffen einen Fremden, essen mit ihm und erkennen in ihm plötzlich den Auferstandenen. Von da an wird ihnen klar, dass ihnen in allen Notleidenden Jesus selbst begegnet (Mt 25,40). Wenn sie sich ihnen barmherzig zuwenden und ihr Brot mit ihnen teilen, dann bauen sie am Reich Gottes und Jesus ist als der Auferstandene mitten unter ihnen. Mit dieser Kultur des Dienens treten sie in kritische Distanz zum Machtmissbrauch des Kaisers und seiner Statthalter, die Kritiker am Kreuz verstummen lassen wollen (Mk 10, 42-44). 300 Jahre lang werden die Christen eine bisweilen blutig verfolgte Opposition. Sie fallen nicht vor Kaiserbildern nieder  und verweigern den Kriegsdienst für Rom.

Auch unsere Kritik an der Haltestelle Stuttgart 21 hatte ihre Karfreitagserlebnisse, etwa am schwarzen Donnerstag oder bei der verlogenen Volksabstimmung. Nicht wenige haben sich danach verkrochen, aber andere sind doch immer wieder hinausgegangen zu den montäglichen Demonstrationen, zur Mahnwache oder zu den Parkgebeten und haben Widerstand geleistet mit Publikationen oder juristischen Mitteln. So hatte auch unsere Bewegung ihre Ostererlebnisse, etwa als die Gesetzwidrigkeit des Polizeieinsatzes am schwarzen Donnerstag gerichtlich festgestellt wurde. Bei unserem bald zehnjährigen Widerstand mussten wir erkennen, dass wir wie die ersten Christen einem systematischen Machtmissbrauch gegenüberstehen. Es wird zwar nicht mehr an Kreuzen zu Tode gefoltert wie einst, aber unsere neoliberal globalisierte Wirtschaft tötet auf vielfältige Weise, wie Papst Franziskus zurecht anklagt. Und wer die Nachrichten über den Umgang mit dem Widerständler Julian Assange wahrnimmt, ist durchaus an Todesfolter erinnert. Wenn der Machtmissbrauch der Wirtschafts- und Militärmacht USA samt ihrer Vasallen wie Großbritannien öffentlich angeprangert wird, geht man über Leichen wie einst Rom. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 8. Februar 2018 zu Amos 5, 21–24 von Pfarrer Martin Poguntke

(hier als pdf-Datei)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 2012 – nächsten Donnerstag ist es 6 Jahre her – haben sie unseren Park endgültig zerstört. Sie haben die herrlichen, teils 200-jährigen Bäume geschreddert, eine Mondlandschaft hinterlassen. Eine böse, unsinnige Aktion, denn erst viel, viel später wurde begonnen mit dem Bau des schlechtesten Bahnhofs Deutschlands. Und die Bauarbeiten gehen zurzeit immer langsamer voran, weil die technischen, rechtlichen und finanziellen Probleme immer größer werden.

Wir haben das alles schon damals geahnt. Und gut drei Wochen später haben wir am Rande dieser Baustellen-Wüste einen Trauer-Gottesdienst gefeiert (https://s21-christen-sagen-nein.org/2012/03/10/trauergottesdienst-am-10-marz-2012-im-schlossgarten/), einen Gottesdienst, der mich noch heute ergreift, wenn ich an unsere damalige Seelenverfassung denke. – Was diesem Gottesdienst damals seine Kraft und Bedeutung gegeben hat, darum soll es heute gehen.

Ich möchte Ihnen dazu ein wenig vom Propheten Amos erzählen.

Amos war – wie alle biblischen Propheten – kein Hellseher, sondern ein Mensch mit „Durchblick“. Ein Mensch, der – weil er einen tiefen Glauben hatte – dem Alltag mehr ansah als die andern. Und so sah er mit seinem buchstäblichen „Durchblick“, wie moralisch verkommen das Israel seiner Zeit geworden war und wie falsch deshalb auch die Gottesdienste waren. Und deshalb wandte er sich mit großer Wortgewalt und schonungsloser Direktheit an seine Zeitgenossen und rief ihnen zu – ich zitiere aus Amos 5, Vers 21 bis 24, dem Predigttext vom vergangenen Sonntag:

So spricht Gott: „Ich hasse eure Feiertage und verurteile sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Die Gottesdienstbesucher waren schockiert. Sie fanden diese Vorwürfe nicht nur empörend, sondern auch völlig unverständlich. Denn ihre Lieder waren ausgesprochen schön – keineswegs „Geplärr“. Und die Harfenmusik, mit der sie begleitet wurden, war kunstvoll und auf hohem Niveau. Auch die Dank- und Speiseopfer, die sie in ihren Gottesdiensten darbrachten, waren keineswegs kritisierenswert.

Und in der Tat, die Kritik, die Amos an diesen Gottesdiensten übte, war auch keine an der Liturgie. Sondern es war eine Kritik an der inneren Haltung ihrer Besucher. Weil die Gottesdienste nämlich eines nicht leisteten: Sie veränderten die Menschen nicht; Weiterlesen

Kirchen geben Feiertagsschutz preis

Die Theologinnen und Theologen gegen S21 haben heute eine Pressemitteilung herausgegeben zur gemeinsamen Pressemitteilung der evangelischen und katholischen Kirche in Württemberg.

Hier unsere Pressemitteilung als pdf: PM, Kirchen geben Feiertagsschutz preis, final

Kirchen geben Feiertagsschutz preis

Kirchen einigen sich mit Bahn auf Selbstverständlichkeit

Kirchen und Bahn haben sich laut Pressemitteilung der Kirchen vom 7. April 2017 darauf geeinigt, dass die Bahn „an hohen kirchlichen Feiertagen die Tunnelbauarbeiten ruhen“ lässt. Von Gründonnerstagabend bis Ostermontag sowie von Weihnachten bis zum Neujahrstag würden „keine Tunnelbauarbeiten stattfinden“.

Die ökumenische Initiative „TheologInnen gegen Stuttgart 21“ kritisiert diese angebliche „pragmatische Lösung“ scharf: Es gibt für die Kirchen keine Veranlassung, auf eine solche Vereinbarung einzugehen, denn die Bahn hat an diesen besonderen Feiertagen auch schon früher ohnehin nicht an Tunnels gearbeitet. Statt eine solche Selbstverständlichkeit zu feiern, hätten die Kirchen deutlich erklären müssen, dass es ein Skandal ist, dass die Bahn für S21-Bauarbeiten seit Jahren das Feiertagsgesetz bricht. Nicht nur die höchsten Feiertage, sondern jeder Sonn- und Feiertag ist grundgesetzlich geschützt.

Gearbeitet werden darf grundsätzlich nur mit Ausnahmegenehmigung, und vor jeder Ausnahmegenehmigung sind die Kirchen zu hören. Die sind aber nie gehört worden. Dass die Bahn hier eine andere Rechtsauffassung vertritt, ist kein Grund, deren stures Nicht-Entgegenkommen noch mit einer Pressemeldung zu einem freundlichen Kompromiss umzudeuten.

Die Theologen erinnern daran, dass das Feiertagsgesetz ein Gesetz ist, das den Feiertag für die ganze Gesellschaft schützt, nicht nur und nicht in erster Linie für Gottesdienstbesucher. Es ist zudem ein zentrales Element sowohl in der jüdischen, wie auch in der christlichen Tradition und – weit über seine religiöse Bedeutung hinaus – wichtiger Ausdruck, wahrgenommener zivilgesellschaftlicher Verantwortung auch und gerade für die Nichtglaubenden.

Wir erinnern daran, dass der Landesbischof der Ev. Landeskirche in Württemberg Frank Otfried July in seiner jüngsten Neujahrsbotschaft bereits angemahnt hatte, dass die Feiertagsruhe nicht schleichend wirtschaftlichen Interessen geopfert werden dürfe. Und wir fordern die Kirchen auf, endlich mit einer breit angelegten Öffentlichkeitskampagne den entsprechenden politischen Druck zu erzeugen, der erforderlich ist, um das Feiertagsschutzgesetz gegen den enormen wirtschaftlichen Gegendruck wirkungsvoll zu sichern.

Wir dokumentieren Verstöße gegen das FTG und bringen diese zur Anzeige

Die Deutsche Bahn arbeitet auf den S21-Baustellen seit Jahren regelmäßig auch sonntags – ohne jede Genehmigung. Sie behauptet, sie brauche keine, die Feiertagsarbeit sei mit der grundsätzlichen Genehmigung des Eisenbahnbundesamtes (EBA) mit genehmigt.

Bitte melden Sie eigene Beobachtungen über sonntägliche S21-Arbeiten oder, wenn Sie selbst Anzeige erstatten möchten, an die eMail-Adresse:  ftg2017@web.de

Oder beteiligen Sie sich an dieser Aktion auf der Seite der taz-Bewegung:
http://www.bewegung.taz.de/aktionen/wir-dokumentieren-verstoesse-gegen-das-ftg

In Stuttgart gibt es dazu ein wahrhaftiges Behördenkarussell, das sich munter dreht:

Die Stadt Stuttgart behauptet wahrheitswidrig, dass ihr die Hände gebunden seien und dass sie leider, leider nichts gegen die Verstöße der Bahn und der von ihr beauftragten Unternehmen gegen das Sonn- und Feiertagsgesetz (FTG) unternehmen könne. Sie verweist auf das Eisenbahnbundesamt (EBA), das mit der Planfeststellung auch die Missachtung des FTG genehmigt habe (und wiederholt damit brav, was die Bahn behauptet). Das EBA aber verweist auf das Land und die Stadt, die für Ausnahmegenehmigungen vom FTG zuständig seien. Die Stadt verweist stattdessen zusätzlich noch auf das Freiburger Bergamt, das natürlich nur für die Sprengungen, aber nicht für das FTG zuständig ist. Und so verweist das Bergamt wiederum auf die Stadt. Letztlich verweisen alle auf die Stadt. Aber der Name der Stadt ist Hase: sie weiß von nichts.

Wir werden versuchen, das Behördenkarussell auszubremsen und die Stadt wachzurütteln.

Dabei geht es beim FTG nicht in erster Linie um die Kirche, sondern um den Erhalt der grundgesetzlich garantieren Sonntagsruhe für die gesamte Bevölkerung. Es geht auch nicht nur um Lärmbelästigung, sondern um „öffentlich bemerkbare Arbeiten“ aller Art. Selbst ein Arbeiter, der lautlos die Werkstore öffnet, stellt eine solche „Störung der Sonntagsruhe“ dar – weil der Sonntag für die gesamte Bevölkerung ein „Tag der Arbeitsruhe und der Erhebung“ sein soll, an dem deshalb auch keine arbeitenden Arbeiter zu sehen sein sollen.

Wir haben deshalb auch bereits einen Offenen Brief an Ministerpräsident Kretschmann geschrieben, auf den wir bislang allerdings keinerlei Reaktion bekommen haben.

Wer Informationen über sonntägliche S21-Arbeiten hat oder selbst Anzeige erstatten möchte, wende sich bitte an die eMail-Adresse:  ftg2017@web.de
Es wäre doch wunderbar, wenn die Verwaltung der Stadt Stuttgart in einer Welle von Anzeigen und Beschwerden untergehen und erst wieder auftauchen würde, wenn sie endlich den verfassungswidrigen Sonntagsarbeiten Einhalt gebietet.

Von den Kirchen hat sie für Ausnahmegenehmigungen keine Zustimmung zu erhoffen.

Jedenfalls wenn man die Neujahrsbotschaft des Landesbischofs zum Neuen Jahr zum Maßstab nimmt. Dort schreibt Landesbischof Otfried July u.a.: „Ich sehe mit Sorge auf die Aushöhlung des Sonntagsschutzes durch wirtschaftliche Interessen. Dazu gehören nicht nur die ausufernden verkaufsoffenen Sonntage, sondern zum Beispiel auch der sonntägliche Betrieb einer Großbaustelle wie Stuttgart 21.“ Die Sonn- und Feiertage seien Ruhepunkte, die der Gesellschaft einen Rhythmus geben und den Mehrwert des Lebens jenseits der Arbeit erfahrbar machen, so July weiter. «Diese gemeinsamen Zeiten der Ruhe gehören zum Fundament unserer Werteordnung.»“ (siehe: https://s21-christen-sagen-nein.org/2016/12/30/sonntagsruhe-landesbischof-july-kritisiert-s21-bauarbeiten/)

Siehe auch die aktuelle bundesweite Bewegung zum Sonntagsschutz:
http://www.ekiba.de/html/content/allianz_fuer_den_freien_sonntag.html
http://www.ekd.de/sonntagsruhe/index.html
http://www.allianz-fuer-den-freien-sonntag.de (Link ist möglicherweise gestört)

Sonntagsruhe: Offener Brief an Ministerpräsident Kretschmann

als pdf-Datei: Sonntagsruhe, TheologInnen gegen S21 an Kretschmann

OFFENER BRIEF

Stuttgart, 4. Januar 2017

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann!

Wir fordern Sie auf, sich unverzüglich für die Einhaltung des Feiertagsschutzgesetzes (FTG) auf den S21-Baustellen einzusetzen. Es kann nicht angehen, dass ausgerechnet in einem Land mit einer zutiefst christlichen Tradition wie Baden-Württemberg das grundgesetzlich geschützte Rechtsgut der Sonntagsruhe ohne Not preisgegeben wird.

Sie wissen, dass der Landesbischof der württembergischen evangelischen Landeskirche Frank Otfried July sich in seiner Neujahrsbotschaft darüber besorgt erklärt hat, dass – auch bei den S21-Bauarbeiten – aus Gewinninteresse der Schutz des Sonntags ausgehöhlt wird. Vor jeder Ausnahmegenehmigung von der Einhaltung des FTG hätten die Kirchen von der zuständigen Behörde gehört werden müssen. Das ist bei den S21-Baustellen in keinem Fall geschehen.

Das Innenministerium argumentiert in dieser Sache falsch, wenn es behauptet, mit dem Planfeststellungsbeschluss (PFB) für S21 seien auch die Tunnel-Arbeiten an Sonntagen genehmigt worden. Das ist schon deshalb falsch, weil auch bei dieser Ausnahmegenehmigung die Kirchen hätten gehört werden müssen. Das ist aber auch deshalb nicht richtig, weil der PFB genauso wenig den Feiertagsschutz aufheben kann, wie er Arbeitsschutzrechte außer Kraft setzen kann – es sei denn, es liege von anderer zuständiger Stelle eine Zustimmung dafür vor.

Es argumentiert auch irreführend, wenn es behauptet, die S21-Arbeiten seien über das Arbeitszeitgesetz geregelt, nicht über das Feiertagsgesetz. Die beiden Gesetze haben überhaupt nichts miteinander zu tun, sondern das eine regelt die arbeitsrechtlichen Fragen der Beschäftigten und das andere die Rechte der Bevölkerung auf einen ungestörten Tag der Ruhe.

Ausnahmen vom FTG für Baustellen in der Stadt Stuttgart kann nur die Stadt Stuttgart genehmigen (wenn es sich um Einzelfälle geringer Bedeutung handelt) oder das Innenministerium (wenn es um allgemeinere Fälle geht). Beide müssten aber vor der Entscheidung die Kirchen hören. Tertium non datur.

Dass weder die Ortsbehörde, noch das Innenministerium auf Einhaltung des FTG pochen, noch die örtliche bzw. die Landes-Polizeibehörde dessen Missachtung verfolgen, ist ein skandalöses Staatsversagen. Es steht der Verdacht im Raum, dass das nicht geschieht, weil man fürchtet – und wie wir in der Neujahrsbotschaft nun vernehmen: wohl zu Recht –, dass die Kirchen einer Ausnahmeregelung nicht zustimmen werden.

Wir fordern Sie deshalb dringend auf: Lassen Sie nicht zu, dass der Rechtsstaat Schritt für Schritt wirtschaftlichen oder politischen Interessen zur Beute überlassen wird! Wir erwarten von Ihnen, dass Sie – als Regierungschef und oberster Repräsentant des Landes – die Behörden des Landes unverzüglich anweisen, alle S21-Sonntagsarbeiten stoppen zu lassen, bis eine rechtskonforme Regelung dafür getroffen ist.

Grundsätzlich geben wir zu bedenken, dass die Probleme mit der Sonntagsruhe ebenso wie die Finanzierungsstreitigkeiten zu überwinden sind, indem die Sprechklausel genutzt wird zu Gesprächen über den Umstieg auf einen wirklich zukunftsfähigen modernisierten Kopfbahnhof.

Mit freundlichen Grüßen
im Namen der Initiative „TheologInnen gegen S21“,
Martin Poguntke

Der letzte Brief – Vorsicht Satire

Sehr geehrter Herr Landesbischof Juli,
sehr geehrter Herr Erzbischof a.D. Zollitsch!

Noch immer von großer Freude und Dankbarkeit erfüllt schaue ich auf den Festgottesdienst am Tag der Deutschen Einheit in „meiner“ Kirche, der altehrwürdigen Stiftskirche, zurück. Auch wenn und gerade weil ich diesen Event als Höhepunkt im meinem Mesnerinnenleben betrachte (beim Festgottesdienst 1997 mit Helmut Kohl und Georges Bush war ich noch an einer anderen Kirche), kann ich nicht umhin, Ihnen einige kritische Anmerkungen zukommen zu lassen. Auch eine Mesnerin macht sich ja so ihre Gedanken, auch wenn Sie das in der Tiefe Ihres Herzens einer Frau vermutlich nicht zutrauen mögen. Ich bin mir zwar bewusst, dass ich, wenn ich diese Gedanken nun auch noch öffentlich ausspreche, damit gegen den biblischen Rat „das Weib schweige in der Gemeinde“ verstoße. Aber mit Gottes Hilfe will ich es dennoch wagen und hoffe dabei auf Ihre bischöfliche Nachsicht.

Nun zu meinen Beobachtungen und Einsichten. Da kommt mir als erstes der rote Teppich in den Sinn, der zwischen Schillerplatz und Eingangsportal ausgelegt war und auf dem die Gottesdienstbesucher feierlich zur Kirche schritten. Zunächst war ich als evangelische Mesnerin darüber etwas verwundert. Auch wenn die Gemeinde wohl ausschließlich aus hoch gestellten Persönlichkeiten und geladenen Ehrengästen bestand, ist ein Gottesdienst doch etwas grundlegend anderes als ein Staatsakt! Und vor Gott zählt schließlich weder Ansehen noch Ehre noch gesellschaftliche Position eines Menschen, sondern allein die Reinheit des Herzens. Psalm 15 ist da ganz eindeutig. Allerdings muss ich ehrlicherweise zugeben, dass ich am nächsten Tag beim Putzen den roten Teppich dann nachträglich doch noch zu schätzen wusste. Der Reinigungsaufwand war dieses Mal deutlich geringer als an den normalen Sonntagen.

Von Ihrer Predigt, verehrter Herr Erzbischof a.D., ist mir besonders die Anrede in unangenehmer Erinnerung. Anstelle der gewohnten Anrede: „liebe Gemeinde“ oder „liebe Brüder und Schwestern in Christus“ sprachen Sie zunächst direkt und namentlich die Oberhäupter des Staates an und schließlich auch die „Brüder und Schwestern“. Auch hierbei fühlte ich mich eher an die Ansprache bei einem Staatsakt erinnert oder auch an Zeiten des landesherrlichen Obrigkeitsstaates, die Gott sei Dank der Vergangenheit angehören. Und in der Anrede der Predigt sollte doch wohl schon die biblische Wahrheit zum Ausdruck kommen, die da lautet: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau. Denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“.

„Soli Deo Gloria” war, ist und bleibt das Motto unserer Gottesdienste.
Und deshalb bin ich auch ausgesprochen dankbar dafür, dass sich die Paramentenwerkstatt in der Kürze der Zeit nicht imstande sah, Antependien in unseren Nationalfarben schwarz rot gold für Altar und Kanzel zu fertigen. So gab es dann nur einen neutralen Kanzelbehang in schlichtem Rot. Vielleicht aus Ihrer Sicht ein kleiner Schönheitsfehler an diesem Tag, den unser Herrgott Ihnen aber sicher verzeihen wird.
Zwar bin ich in den langen Jahren meiner Dienstzeit so einiges an neumodischem Schnickschnack gewohnt, wie Sie sich denken können. Aber der Tanz um den Altar hat mich doch sehr befremdet. Musste das denn unbedingt sein? Jeder halbwegs bibelfeste Zuschauer und besonders ich, die Sonntag für Sonntag von Amts wegen eine Bibelstunde absolviert, musste sich erinnert fühlen an die Geschichte vom „Tanz ums Goldene Kalb“. Sie wissen ja, wie diese ausgegangen ist. Der zu Recht aufs Äußerste erzürnte Mose befahl seinen linientreu gebliebenen Leviten, ihr Schwert zu erheben und „Bruder, Freund und Nächsten“ zu erschlagen, was dann 3 000 Männern das Leben kostete. Auch wenn Sie als Bischöfe quasi selbst die Nachkommen der Leviten sind und von daher nichts zu befürchten zu haben glauben, ist es zumindest denkbar, dass sich beim Tanz ums Goldene Kalb eines Tages die Verhältnisse bei der Bestrafung der Abgefallenen umkehren könnten.

Auf jeden Fall halte ich es für angeraten, solche unseligen Assoziationen durch dem Zeitgeist geschuldete Verkündigungsformen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Wie wir wissen, lässt der Blick auf die Kirche in Geschichte und Gegenwart bei immer mehr Menschen den – natürlich völlig unbegründeten – Verdacht aufkommen, auch der Kirche gehe es nur ums Geld. Diesem falschen Eindruck ist gezielt zu wehren, was ja gerade der neue Papst Franziskus von Anfang an schon durch seine Namenswahl deutlich machte und nun auch noch dadurch, dass er das „Papamobil“ durch einen alten Renault 4 mit 360 000 Kilometern auf dem Buckel ausgetauscht hat. Wie wäre es, wenn Sie, verehrter Herr Landesbischof July, es dem Papst gleichtun und Ihre Mercedes S-Klasse etwa gegen einen 2 CV austauschen? Das war mein erstes Auto, und ich bin damit auch im Winter jede Steigung hinauf gekommen. Dies sage ich deshalb, weil Sie ja vor einiger Zeit die Befürchtung geäußert haben, ohne den Vierradantrieb Ihres Mercedes in den Wintermonaten nicht rechtzeitig zu Gottesdiensten auf die Schwäbische Alb zu kommen. Allenfalls müssten Sie eben etwas früher aufstehen, was Ihnen in Erinnerung an die früher in unserer Kirchen üblichen Frühandachten nicht schwer fallen dürfte.

Auf jeden Fall wäre ein solcher Fahrzeugwechsel ein deutliches Zeichen dafür, dass auch unsere evangelische Kirche gewillt ist, wieder etwas erkennbarer jesuanisch werden zu wollen. Immerhin hatte unser Herr, im Unterschied zu Füchsen und Vögeln, die wenigstens eine Höhle bzw. ein Nest haben, nicht einmal einen Ort, wo er sein Haupt hätte hinlegen können, geschweige denn ein Fahrzeug. Wenn man dann in einer Zeit, in der in beiden Kirchen aus Geldmangel Gehälter gekürzt, Personalstellen gestrichen, Kirchen umgewidmet oder abgerissen, diakonische Einrichtungen marktkonform geführt werden und so weiter, lesen muss, dass der Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, sich einen Protzbau für 31 Millionen Euro als Bischofssitz bauen lässt, dann muss man sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen aus der Kirche austreten.
Nach dieser kurzen Abschweifung, die ich zu entschuldigen bitte, zurück zum Festgottesdienst. Von ganzem Herzen froh bin ich darüber, dass sich die Diskussion um die Länge der Röcke des katholischen Mädchenchors schließlich in Wohlgefallen aufgelöst hat. Die Mädchen hätten ursprünglich ja auf der Sängerempore mit dem Glasgeländer singen sollen, oberhalb des Altars. Und da wäre realistischerweise zu befürchten gewesen, dass Gottesdienstbesucher ihnen unter die Röcke geschaut hätten. Dies wurde aber Gott sei Dank noch rechtzeitig erkannt. Ich will mir gar nicht vorstellen, welche neuerlichen Diskussionen das ausgelöst hätte, wenn Fernsehkameras solche Blicke eingefangen und in die Welt hinaus übertragen hätten! Der Mädchenchor wurde dann ja, mit langen Röcken züchtig verhüllt, auf die Nebenempore platziert.

Noch eine Kleinigkeit, gleichwohl erwähnenswert, möchte ich ansprechen. Wie Sie vielleicht wissen, wurden in der Unterkirche sämtliche Mitwirkende fernsehgerecht geschminkt. Die Solisten bekamen zwei Lagen Make-up mehr aufs Gesicht. Schminken und Kirche, das passt für mich nun wirklich nicht zusammen. Fernsehen hin oder her. Gott schaut ohnehin durch jede Maske, so dick sie auch sein mag. Auf jeden Fall sollte das eine Ausnahme bleiben. Im Gegensatz zum Pudern der Hände des Organisten. Herr Johannsen hat ja ganz hervorragend gespielt. Sicher haben seine gepuderten Hände ein Übriges dazu getan. Eventuell könnte das Pudern der Hände vor dem Gottesdienst in die Richtlinien für den Organistendienst aufgenommen werden. So wäre er oder sie sich stets bewusst, dass Einer ihm immer auf die Hände schaut, auch ohne Fernsehkamera. Das würde mit Sicherheit das Niveau des Orgelspiels in unseren Kirchen heben.

Sollten Sie noch an weiteren Erkenntnissen meinerseits über diesen Stuttgarter Jahrhundertgottesdienst interessiert sein, dürfen Sie mich gerne zu einem Gespräch einladen.

Einstweilen grüßt Sie hochachtungsvoll die Mesnerin der Stuttgarter Stiftskirche

Maria Martha Sauberle

Himmelfahrts-GD im Schlossgarten am 9.5.2013

(Video des ganzen Gottesdienstes von camS21 http://bambuser.com/v/3574756  – herzlichen Dank dafür an camS21!)

Ansprache von Pfarrer Martin Poguntke über Markus 16,15–20
(als pdf-Datei hier klicken: Ansprache)

Liebe Protestantinnen und Protestanten aller Konfessionen!

Christen sind Protestleute gegen den Tod. Das Leben als Protestleute ist aber manchmal gar nicht so einfach. – Wem sage ich das!

Jahre sind es mittlerweile, dass wir gegen diesen in so vieler Hinsicht zerstörerischen Bahnhof kämpfen. Jahre sind es, dass wir für eine gerechte und menschliche und mit der Natur in Frieden lebende Gesellschaft kämpfen. Und Jahre sind es, in denen wir immer und immer wieder die Erfahrung gemacht haben, verlassen worden zu sein:
Verlassen von den Zusagen vermeintlich neutraler Helfer, die uns dann – z.B. am Ende der sogenannten „Schlichtung“ – in den Rücken gefallen sind.
Verlassen von vermeintlich verlässlichen Verbündeten, die – kaum an die Regierungsmacht gewählt – plötzlich sich an Händen und Füßen gebunden darstellen.
Verlassen von Hoffnungen auf Petitionen, Gerichte, Aufsichtsräte usw.

So oft, wie wir verlassen wurden, da müssten wir eigentlich mittlerweile alle Hoffnungen fahren gelassen haben. Aber jetzt stehen wir heute hier – aus welchen Gründen jeder und jede Einzelne auch immer – und feiern einen Himmelfahrts-Gottesdienst. Wir lassen einfach nicht locker und sagen: Das kann nicht sein, dass diese feinen Herrschaften so einfach den Sieg davon tragen. „Wir stehn hier und singen“ – und auch das ist ein Protest von uns.

Ich will einmal versuchen aufzuspüren, was unser Verlassenwerden und unser Protest mit Himmelfahrt zu tun haben könnten.

Weiterlesen

Einladung zum Himmelfahrtsgottesdienst, 9. Mai 2013, 11 Uhr Mittlerer Schlossgarten

An Himmelfahrt laden die „Theologinnen und Theologen gegen Stuttgart 21“
zu einem Gottesdienst ein unter dem Motto:
Oben bleiben!
Unser Widerstand bekommt Flügel

IMG_9842
Falke auf dem ehemaligen Bahndirektionsgebäude, April 2012
Foto: Petra Weiberg

Der Gottesdienst findet am 9. Mai, um 11 Uhr im Mittleren Schlossgarten, hinter dem Bauzaun nahe der Lusthaus-Ruine statt (dort, wo auch immer das Parkgebet ist).
Für die musikalische Gestaltung haben wir wieder die Bläser von „Parkblech“ und Elly Grünert am Keyboard gewinnen können, und die Ansprache hält Martin Poguntke.

Herzliche Einladung! Und weitersagen!

camS21 überträgt den Gottesdienst live unter: http://bit.ly/12fwCW9

Ein „Parkgebet“ findet an diesem Donnerstag nicht statt. Das nächste ist am 23. Mai, wie immer 18.15 Uhr.

Wasser-Gottesdienst am Sonntag, 23.9.2012, 11 Uhr

____________________

Herzliche Einladung zu diesem Gottesdienst zum Abschluss der
„Cannstatter Wassertage“

Liturgie:
TheologInnen und Theologen der Initiative „TheologInnen gegen S21“

Predigt:  Pfarrer i.R. Friedrich Gehring
„…die lebendige Quelle verlassen sie und machen sich Zisternen,
die doch rissig sind
und kein Wasser geben.“ (Prophet Jeremia 2,13)

Musikalische Gestaltung:
Bläsergruppe „Parkblech“
Elly Grünert (Orgel)

Wo?
auf der Neckaraue in Bad Cannstatt
(zwischen Wilhelmsbrücke und Mühlsteg, Nähe „Theaterschiff“)

Am besten zu erreichen von Haltestellen:
„Rosensteinbrücke“ (U13/U14): 6 Min. oder
„Bad Cannstatt“ (U1/U2/S1/S2/S3): 13 Min.

oder mit Auto: Parkhaus Mühlgrün: Überkinger/Brunnenstr.

Trauergottesdienst am 10. März 2012 im Schlossgarten

CamS21 hat den Gottesdienst mitgeschnitten. Hier sind die drei Links:

Gottesdienst, Teil 1 (erste 43 Minuten)
Gottesdienst, Teil 2 (Austeilung Samenkörner – Fürbitten)
Gottesdienst, Teil 3 (Schlussteil)

Trauergottesdienst am 10. März 2012 im Schlossgarten – die Predigt

die Ansprache als pdf-Datei

Liebe Mittrauernden!

Es mag sein, wir gewinnen den Streit, wie wir eben gesungen haben. Aber das fällt uns heute schwer zu glauben.
Wir stehen hier am Rande der Brache und suchen immer noch nach Worten, weil wir es einfach nicht fassen können. Wir sehen um uns, und hinter diesem hässlichen Zaun erstreckt sich eine noch ungleich hässlichere Fläche, Ödland, eine Mondlandschaft. Was haben sie aus unserem Park gemacht?!

Bis zum Schluss hatten wir gehofft. Gehofft, es gebe terminliche Probleme – wegen der Vegetationsperiode oder wegen der bundesweiten Polizeieinheiten. Gehofft, es gebe politischen Druck auf die Bahn, der sie hindern würde – zumal sie ja ohnehin noch nicht graben kann hier. Gehofft, die Schlichtervereinbarung, dass die gesunden Bäume verpflanzt werden müssten, würde das Elend aufhalten. Gehofft, gehofft, gehofft.

Gehofft auf Menschen, auf die Regierung, auf das Glück, auf Gott. Alles vergeblich!

In der Nacht vom 14. auf den 15. Februar haben wir uns hier im Park zu mehreren Tausend denen entgegen gestellt, die den Park frei machen sollten, damit die Bahn ihr Zerstörungswerk beginnen kann. Aber sie haben sich durch uns nicht hindern lassen. Schon am nächsten Tag haben sie einen unvorstellbaren Kahlschlag angerichtet. Und wir waren zum Zuschauen verdammt. Schweigend oder schreiend, weinend oder diskutierend immer neu unsere guten Argumente austauschend mussten wir mit ansehen, wie uns und den vielen hier lebenden Tieren Baum um Baum dieser wichtige Teil des Schlossgartens genommen wurde.

Und heute stehen wir nun hier und wissen nicht, wohin mit unseren Gefühlen und Gedanken. Wut und Enttäuschung, über die Politik und über uns selbst, empörte Anklagen, stille Trauer.

Wir hatten sie unterschätzt, die Mächte, die dieses Wahnsinnsprojekt wollen. Wir hatten es uns nicht wirklich vorstellen können, dass sie diese wunderbaren Bäume und ihre tierischen Bewohner auf dem Altar des Neoliberalismus opfern würden und auf dem Altar der Staatsräson, die klar stellen musste, dass man sich der Wirtschaft nicht in den Weg stellen darf. Auch deshalb musste aus ihrer Sicht unser Widerstand unbedingt gebrochen werden – selbst wenn dieses Projekt gar nicht zu Ende gebaut werden kann, wie viele Fachleute fest annehmen.

Es hat unsere Vorstellungskraft gesprengt, dass sie diese Brutalität wirklich begehen würden. Und es sprengt unsere Vorstellungskraft, dass wir ihnen das jemals verzeihen könnten. – Aber uns selbst sollten wir es verzeihen. Bloß wie?

Natürlich fragt in dieser Situation manch einer nach Gott? Wer wollte uns das verübeln, wenn wir angesichts dieses Elends heute fragen, wo da Gott ist? Dass Menschen uns enttäuschen, ja, wir selbst, das mag noch angehen. Aber Gott?! Müsste der nicht dreinschlagen? – Wenn es ihn denn gäbe!

Und da mutet uns der Apostel Paulus mit dem einen Satz, der dieses Jahr zur Jahreslosung geworden ist, zu, dass wir unser Bild von Gott auf den Kopf stellen, indem Paulus Jesus sagen lässt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ – Dieses kleine Sätzchen über die göttliche Kraft stellt die Welt auf den Kopf: Es wirft unsere kindliche Vorstellung von dem Gott, der unberührbar mächtig über den Dingen steht, über den Haufen. Genauso wie unsere gesellschaftliche Erfahrung, dass die Wirtschaftsmächtigen und Kriegstreiber und Rambos sich eben doch immer durchsetzen.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das ist eine Zumutung, weil uns mit einem Schlag die Hoffnungen aus der Hand geschlagen werden, wir bräuchten nur eine genügend starke Regierung, müssten uns nur mit den Mächtigen verbinden, müssten nur recht große Mehrheiten hinter uns versammeln – dann würde es schon voran gehen mit der Welt.

Stattdessen mutet uns dieser Satz zu: Das, was diese Welt im Innersten zusammenhält, das, was die Quelle aller Kräfte und Mächte der Welt und der Natur ist – Gott – dieser Gott wirkt nicht auf die Weise der Despoten und Herrscher, sondern durch die Schwachen. Nicht von oben, sondern von unten. Nicht mit Gewalt, sondern in der Weise der Graswurzeln, unter der Erde, unsichtbar, scheinbar vernachlässigbar, verlacht von den Wichtigen, übersehen von den Erfolgreichen. In den Schwachen liegt die Verheißung, dass die Welt durch sie zu einem guten Ziel gelangt.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Paulus mutet uns mit diesem Satz zu, unsere Hoffnungen nicht auf einen Gott zu setzen, in den wir unsere Machtphantasien projizieren können, nicht in einen Gott, den wir als ins Positive gewendeten Herrscher sehen, den wir aus der Überhöhung unserer – von Ohnmacht geprägten – Alltagserfahrung gewinnen. Sondern wir sollen diese Gewalterfahrungen unseres Alltags auf den Kopf stellen, als Protest gegen die Welt, wie sie ist. So entsteht ein Gottesbild, das ein Gegenbild unserer Gesellschaft ist.

Diese Zumutung, dass wir uns das Gelingen der Welt nicht von den Starken erhoffen sollen, nicht von unserer Wirtschaftsstärke, nicht von eindrucksvollen politischen Parteien, nicht von denen, die so gekonnt mit den Mächtigen verkehren – diese Zumutung ist auch eine wunderbare Verheißung: Was eure scheinbare Schwäche ist, dass ihr die Mächtigen nicht auf eurer Seite habt, das ist in Wahrheit eure Stärke: Denn so, wie wir Christen Gott glauben, verändert er die Welt durch die Macht der Ohnmächtigen, durch den Kampf der Friedliebenden, durch den Druck der Gewaltlosen durch den Reichtum der Habenichtse.

Und diese Zumutung und Verheißung – sie ist auch eine Verpflichtung: Seht euch vor vor denen, die mit den Mächtigen kungeln! Werdet nicht wie sie! Glaubt nicht ihren Versprechungen! Erhofft euch nicht von ihnen die Lösung der wichtigen Fragen, gar die Heilung der Welt! Sondern setzt euch ein für die Opfer der Gesellschaft, für die Menschen, die unter die Räder kommen, für die Natur, die unterworfen wird – indem wir uns auf diese Weise auf der Seite der Schwachen engagieren, gilt auch für uns diese Verheißung, dass Gott durch die Schwachen mächtig ist.

Und wenn da irre geleitete hochmütige Menschen rufen: „Wir sind die Guten.“ Dann antworten wir nicht(!): „Nein, wir(!) sind die Guten!“ Denn Gottes Kraft ist nicht in uns mächtig, weil wir die besseren Menschen wären, moralisch stärker, überlegene Strategen oder weil wir gar die Mehrheit hinter uns hätten. Sondern Gottes Kraft ist in uns mächtig – so glauben’s wir Christen – gerade, weil wir nicht annähernd so sind, wie wir sein sollten. Weil wir unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, weil wir ängstlicher sind als es uns recht ist, weil wir unserer eigenen Überzeugungen nicht sicher sind, weil wir selbst enttäuschend sind, weil wir ganz durchschnittliche schwache Menschen sind, die natürlich den Park nicht schützen konnten.

Aus all diesen Gründen gilt für uns die Verheißung: In euch Schwachen ist Gottes Kraft mächtig, gerade weil ihr nicht auf euch selbst und auf Macht vertraut, sondern weil ihr erstens auf Machtmittel verzichtet und zweitens euch auf die Seite der Ohnmächtigen stellt, der machtlosen Menschen und der machtlosen Natur – deshalb könnt ihr die Hoffnung nähren, dass genau durch euch eine ganz besondere Kraft wirkt. Die Kraft nämlich, die aus einem einzelnen Samenkorn einen mächtigen Baum wachsen lässt. Die Kraft nämlich, die aus unterschätzten Hausfrauen und resignierten Couch-Potatoes wache Menschen macht, mit ungeahnt widerständigem Mut. Die Kraft, die aus 4 Leuten auf der ersten Montagsdemo zig Tausende macht. Die Kraft, die wirtschafthörige Regierungen zu Fall bringt und die auch den Opportunismus der Nachfolger zu Fall bringen kann.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Diese Überzeugung birgt die lebendige Hoffnung, dass sich die Siege der Mächtigen eines Tages gegen sie selbst wenden werden. Dass die Niedergeschlagenen aufgerichtet werden. Dass die vermeintlich so zukunftsorientierte Mehrheit das Nachsehen hat. Dass sich die Siege der Geldgläubigen eines Tages umkehren werden in ihre große Niederlage.

Wir brauchen nicht an uns selbst zu zweifeln oder gar zu ver-zweifeln, denn unsere Trauer über die verlorenen Bäume und Tiere – das glaube ich fest – sie ist eine Kraftquelle, mit der die Übeltäter nicht gerechnet hatten. Die (wirkliche und vermeintliche) Schwäche unserer Trauer ist es – das glaube ich fest – aus der wir eine Kraft gewinnen werden, die Wirkung hat, weit über das Projekt Stuttgart 21 hinaus.

Und deshalb: Lasst uns heute unsere Trauer nicht wegschieben, nicht verleugnen, nicht verdrängen. Sondern lasst uns gemeinsam traurig sein, weil unsere heutige Trauer wie ein Samenkorn die Kraft in sich trägt, von der Paulus sagt, sie sei Gottes Kraft. In unserer Trauer wirkt die Kraft, die die Bäume hat wachsen lassen, von denen wir hier nur noch die Stümpfe sehen. Die Bäume und Tiere sind weg. Aber die Kraft in ihnen und hinter ihnen – das glaube ich fest – die werden sie nicht totkriegen, denn es ist die Kraft, von der die ganze Welt herkommt, die Kraft, die diese Welt zusammen und am Leben hält, die Kraft, die dieser Welt Zukunft gibt – es ist Gottes Kraft in unserer Trauer – die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Amen.

(Martin Poguntke)

Trauergottesdienst am 10. März 2012 im Schlossgarten – die Texte

Begrüßung (Friedrich Gehring)
Liebe Freundinnen und Freunde des Schlossgartens, ich begrüße Sie und achte Ihren Mut, hierher zu kommen und öffentlich zu trauern um die gefällten Bäume. Es braucht Mut, sich in diesen Tagen als Parkschützerinnen und Parkschützer nicht verschämt zu verkriechen. Allerhand Häme klingt noch in unseren Ohren. Mit unserer öffentlichen Trauer wollen wir zusammenstehen und uns gegenseitig Halt geben, und wir wollen zeigen, dass nicht wir, sondern die Täter sich schämen müssen.

In diesen Tagen der Zerstörung ist bekannt geworden, dass wir während des Parkgebets observiert werden; sogar der Gefahrenstufe 5 werden wir zugeordnet. Welch ein Widerspruch: Während wir uns als ohnmächtig erfahren, wirken wir auf andere eher bedrohlich!

Wir wollen in dieser Situation auf die Jahreslosung hören, die genau von diesem Widerspruch handelt. In ihr spricht Paulus von der Zusage Gottes an ihn: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. In der Verheißung und Zumutung dieses Wortes wollen auch wir heute Trost und neuen Mut suchen und beginnen unseren Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Zumutungen (Dorothea Ziesenhenne-Harr)
Nein, nein, das kann nicht sein!!!
Ich bin empört, zutiefst empört!!
Mein Blut erhebt sich.
Wie ist das möglich???
„Frevel, Schandtat!“ schreie ich laut, mit all meiner Kraft.
„Ihr Barbaren, Baummörder, Vandalen, ihr machtgeilen Nichtse!!!“
Meine Schreie gellen über die Brache. Da, wo vorher der Park war.
Die prachtvollen Bäume. Das erholsame Grün der Wiesen.
Jetzt ist dort die wunderbare, atmende, schützende Hülle der Erde weggerissen. Eine klaffende Wunde.

BRACHE.
In meiner Kehle drängen Flüche. Flüche, die die Täter treffen und vernichten sollen. So, wie sie das Leben im Park vernichtet haben. Mein Fluch soll sie treffen bis ins 4. und 5.Glied. So, wie dieser Park über Jahrzehnte, Jahrhunderte zerstört ist.

HALT! Halt ein! Halt inne!
Besinne dich!
Eine innere Stimme eindringlich.
Ich atme tief durch, mehrmals, langsam.
Die Flüche lösen sich auf.
Mein Blut: voller Sauerstoff à lebendig, pulsierend.
Ich wende mich an dich, Gott: Was mutest du mir zu?!

WAS FÜR EINE ZUMUTUNG!!! Diese Barbarei mit ansehen zu müssen.
WAS FÜR EINE ZUMUTUNG: der Zerstörung, dem Tod die Hoffnung und den Glauben auf neues Leben entgegen zu setzen.
WAS FÜR EINE ZUMUTUNG: die Gewalt mit Liebe zu überwinden.
WAS FÜR EINE ZUMUTUNG: dem Gegner die Hand der Vergebung zu reichen.
WAS FÜR EINE ZUMUTUNG: im Kampf Frieden zu leben.
Was  mutest du mir/ uns zu, Gott? Wie soll ich, wie sollen wir das aushalten?
Woher die Kraft nehmen zur Liebe und Versöhnung?
Gott, du mutest uns etwas zu. Du ermutigst uns, auf dem Weg des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zu bleiben.
So, wie du es dir selbst, in Jesus Christus, zugemutet hast. Du bist der Botschaft der Liebe treu geblieben. Du hast mit deiner Liebe den Tod/ die Vernichtung überwunden. Bei dir ist die Zerstörung, der Tod nicht das letzte Wort.
Du mutest uns zu, dir darin zu vertrauen und dir zu folgen.
Das fällt mir nicht leicht und doch spüre ich, weiß ich tief in mir: das ist der Weg.

Danke, dass du mir/ uns dabei zur Seite stehst. Dass deine Kraft in den Schwachen mächtig ist.
Danke, dass wir immer wieder erleben dürfen: Vergebung, Versöhnung getragen von der Liebe ist die größte Macht in unserer Welt. Sie ist die Antwort auf Gewalt, die ist es, die Gewalt wirklich überwindet.
Gott, mit dir zusammen und in der Gemeinschaft von uns Menschen finden wir diese Kraft. Denn du hast uns zugesagt: wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Ich schaue mich um. Ich spüre die Nähe der Menschen, der Gemeinschaft. Wir sind zusammengerückt in dieser Zeit, in unserer Fassungslosigkeit, unserer Trauer.
Gemeinsam stellen wir uns der Zumutung. Von der Zuversicht getragen, dass Gott mit uns trauert und mit uns hofft. So kann die Liebe kraftvoll in uns Raum gewinnen.
Die Liebe, die alles überwindet und mächtiger ist als der Tod.
Mein Körper richtet sich auf. Ich bin da und mit mir die Erinnerung an die Bäume, den Park. Ich bleibe da und spüre ein Stück weit die Kraft der Bäume in mir. Ich nehme ihre aufrechte Haltung, ihre starken Wurzeln wahr und bleibe dankbare Zeugin ihres Lebens.

Eingangsgebet (Eberhard Dietrich, Wolfgang Schiegg)
Gott, wir sind zusammengekommen, um uns unserem Schmerz zu stellen. Gemeinsam treten wir vor dich: sei in unserer Mitte, trage mit uns unsere Trauer, teile mit uns unsere Tränen.
Wir wollen glauben, dass du mitten unter uns bist; hilf unserem Unglauben.
Während wir am Ort der Zerstörung stehen, können wir die Wut über diese Schandtat spüren. Und unsere große Traurigkeit, dass wir unseren Park, die Bäume nicht schützen können. Manchen kommt es vielleicht wie eine Niederlage vor. Als hätten wir versagt.
Dabei waren wir da, viele sogar Tag und Nacht. Mit unserer ganzen Kraft haben wir uns gegen die Zerstörung gestemmt. Und nun  müssen wir erkennen und uns der Gegenwart stellen:
wir haben einen uns so wertvollen Teil des Parks, die Bäume in ihrer wunderbaren Pracht verloren.
Gott, vor dir und in der Gemeinschaft wollen wir heute unserer Trauer Ausdruck geben.
Wir bitten dich: sprich jetzt zu uns und schenke uns Trost und Halt bei dir. Amen

Stilles Gebet:
In der Stille kann jetzt jede/r das vor Gott bringen, was persönlich gesagt sein will:

Stille…

Gott, du sagst uns zu, dass du unsere Gebet hörst. Darauf vertrauen wir. Amen

Psalm 10,1 ff
Warum, Herr, bist du so fern, warum verbirgst du dich in Zeiten der Not?
Hochmütige Menschen, die Gott ablehnen, verfolgen die Wehrlosen und bringen sie durch ihre Intrigen zu Fall.
Diese Gottlosen prahlen auch noch damit, dass ihre Gier keine Grenzen kennt.1 In ihrer Habsucht verspotten sie den Herrn und verachten ihn.
Stolz behaupten sie: »Gott kümmert sich sowieso nicht um das, was wir tun! Es gibt ja gar keinen Gott!« Weiter reichen ihre Gedanken nicht.
Sie reden sich ein: »Uns bringt nichts zu Fall, kein Unglück wird uns jemals treffen, auch nicht in künftigen Generationen.«
Wenn sie fluchen, betrügen und erpressen, sind sie um Worte nicht verlegen; was sie von sich geben, bringt anderen Unheil und Schaden.
Steh auf, Herr! Gott, erhebe deine ´mächtige` Hand! Vergiss die nicht, die erlittenes Unrecht geduldig ertragen!
Warum dürfen diese Gottlosen Gott verachten und sich einreden, dass du dich sowieso um nichts kümmerst?
Du hast doch alles genau gesehen! Du achtest doch darauf, ob jemand Not leidet oder Kummer hat, und nimmst das Schicksal dieser Menschen in deine Hände! Die Armen und die Verwaisten dürfen dir ihre Anliegen anvertrauen, denn du bist ihr Helfer.

Klage und Dank (Guntrun Müller-Enßlin)
Bei der nun folgenden Klage um die Zerstörung von Gottes Schöpfung mitten in unserer Stadt bitte ich Sie und Euch nach jeder Klage einzustimmen in den Gebetsruf:
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Unser Gott,
wir trauern um unsere Freunde, die Bäume und alle lebende Kreatur, die mit ihnen zu Schaden gekommen ist.
Um die Kastanien mit ihrem wundervoll duftenden Laub, den feierlichen Kerzen und  glänzenden Früchten.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die Platanen trauern wir mit ihren gefleckten Stämmen und den mächtigen Kronen, mit denen sie dem Himmel näher waren als alle anderen Bäume.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die große Säuleneiche mit ihrer charakteristischen Y-Form trauern wir und um ihre jüngeren Geschwister.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die Silberpappeln mit ihrem flirrenden Laub trauern wir und um die Akazien mit ihren weißen Blütenschleiern und dem betäubenden Duft.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die Buchen trauern wir, deren hellgrüne Blätter im Frühling manchmal den Eindruck machten, es sei Licht in sie hinein gewirkt.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Um die Blutbuche, die Königin des Parks trauern wir, deren Laub im Abendsonnenlicht schimmerte wie dunkle Schokolade.
Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Und jeder kann jetzt hier in Gedanken seinen Baum hinzufügen, der ihm besonders lieb gewesen ist.

Stille ….

Unser Gott, wir klagen und bitten Dich um Dein Erbarmen.

Wenn wir uns  nun verabschieden von diesem Stück zerstörter Schöpfung in unserer Stadt, bitte ich Sie einzustimmen in den Gebetsruf:
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Wir nehmen Abschied von unseren Bäumen und sagen Danke für alles, was sie für uns waren und uns Gutes getan haben.
Für Schatten und Kühle, die sie uns und unseren Vorfahren an heißen Tagen gespendet haben.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Für den Sauerstoff, den sie für uns Stadtbewohner aus der stickigen, staubigen Großstadtluft herausgefiltert haben, damit wir atmen konnten.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Für Heimstatt und Speicher- und Rastplatz, den sie jahrhundertelang unzähligen Tieren geboten haben, den Vögeln, den Eichhörnchen, Siebenschläfern, den Käfern und Insekten.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Für die Ruhe und den Rückzugsraum, den sie uns Menschen geschenkt haben im Trubel und der Hektik unserer Stadt.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Für die Schönheit, in der unsere Bäume alle zusammen Parkoase für uns waren, wo wir uns mitten in Stuttgart treffen und erholen, nachdenken, diskutieren, spielen, Sport treiben, essen und trinken, Feste feiern und beten konnten.
Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Und noch einmal eine kurze Pause, in der sich jede und jeder von Euch in der Stille für das bedanken kann, was er von den Bäumen Gutes erfahren hat.

Stille….

Unser Gott, wir danken dir und vertrauen deiner großen Güte.

Fürbittegebet (Eberhard Dietrich, Wolfgang Schiegg)
Lasst uns in dieser Stunde der Trauer und des Schmerzes,
der Klage und der Anklage
beten zu Gott, der allen Menschen in ihrer Trauer nahe kommt
und unser aller Klage hört und sich zu Herzen nimmt.
1. Lasst uns beten für alle, die trauern
um die Tiere und die Bäume im Park,
um enttäuschte Hoffnungen und Erwartungen,
dass sie ihre Trauer zulassen und sich Zeit dafür nehmen,
dass sie darüber aber nicht verstummen,
sondern nach der Zeit der Trauer, wieder Worte finden
zur Anklage und zum Protest.
2. Lasst uns beten für alle,
die in ihrem Glauben erschüttert sind,
weil sie sich fragen: Wo ist Gott,
hat er keine Macht, seine Bäume und Tiere zu schützen?
Dass sie trotz allem ihr Vertrauen nicht verlieren,
ihre Hoffnung nicht aufgeben,
und in ihrer Liebe zu Gott und den Menschen nicht nachlassen,
weil uns verheißen ist, dass seine Kraft in den Schwachen mächtig ist.
3. Lasst uns beten für alle,
die in ihrer Enttäuschung und Wut
und ihrer Erfahrung von Ohnmacht
erstarren und sich enttäuscht abwenden,
dass sie zu neuer Hoffnung, zu neuem Mut
und zu neuer Tatkraft finden,
einfach weil sie wissen:
Gott hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit in der Welt zu tun.
Einfach weil sie wissen:
Wir selbst sind Gottes Botschaft, in Wort und Tat.
4. Lasst uns beten für alle,
die eine Aufgabe haben in Presse, Rundfunk und Fernsehen,
dass sie in ihrer Berichterstattung und Arbeit
Achtung und Ehrfurcht von einem jeden Menschen zeigen,
und dass sie auch abweichende und störende Meinungen
ehrlich und unverfälscht zu Worte kommen lassen.
5. Lasst uns beten für uns alle,
dass wir fest daran glauben
und es erfahren, immer wieder neu:
Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig,
dass diese Worte uns trösten und ermutigen
und wir als Gemeinschaft im Widerstand
fest zusammenstehen.
Amen.

Predigt beim Weihnachtsgottesdienst im Schlossgarten am 26. Dezember 2011 zu Lukas 2,1-7 von Pfarrer i. R. Friedrich Gehring

Die Weihnachtsgeschichte des Lukas ist geschrieben aus der Sicht der kleinen Leute, die zum Zweck der Steuereintreibung beschwerliche Fußwanderungen auf sich nehmen müssen und dabei nicht einmal eine Herberge finden, selbst wenn eine junge Frau in die Wehen kommt.

Aus der Sicht der Mächtigen ist das belanglos, Hauptsache sie haben das Geld, in Palästen zu wohnen und die Soldaten zu bezahlen, die ihre Ausbeutung mit Waffengewalt sichern. Aber die Weihnachtsgeschichte verlässt diese Sicht der Herrschenden und ersetzt sie durch die Sicht derer, die unter dieser Herrschaft zu leiden haben. Das hat etwas revolutionäres, etwas umwälzendes an sich. Wir nehmen das nicht mehr so recht wahr, weil das Christentum vor mehr als 1600 Jahren eine staatstragende Funktion bekam, danach konnten Christen die Mächtigen nicht mehr so recht kritisieren. Die Weihnachtgeschichte soll seither als Idylle unser Herz erwärmen, nicht unseren Widerstand anfachen.

In der Schriftlesung (Markus 10, 42-45) haben wir aber gehört, dass Jesus den Mächtigen gegenüber noch kein Blatt vor den Mund genommen hat, wenn er nüchtern feststellt: „Ihr wisset, dass die weltlichen Fürsten ihre Völker niederhalten, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.“
Weiterlesen

Für eine lebendige Stadt begeistert auf-er-stehen – Gottesdienst im Park am 15.5.2011

Ein ganz herzliches Willkommen an Sie alle, liebe Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher,
liebe Bewegte, die Sie von innerhalb und außerhalb dieser Stadt hierher gekommen sind, wo wir an einem der schönsten Plätze Stuttgarts diesen Gottesdienst feiern wollen.

Zu Anfang ein kurzer Spot rückwärts: Es war am 5. April 2010, am Ostermontag, hier an diesem Ort: Damals haben wir den ersten Gottesdienst im Schlossgarten gefeiert unter dem Motto „Sucht der Stadt Bestes“. Ich freue mich sehr, dass Sie heute, etwas mehr als ein Jahr später an diesem Sonntag zwischen Ostern und Pfingsten dabei sind, vielleicht zum ersten Mal, vielleicht sind Sie aber auch wieder dabei  – und wenn es so ist, dass Sie wieder dabei sind, dann geht es Ihnen vielleicht so wie mir: Das Jahr, das seither vergangen ist, zieht an mir vorbei und angesichts der unglaublichen Geschichte, die sich in Stuttgart seither vollzogen hat, bin ich immer noch von den Socken und möchte dann und wann sagen: He, kneift mich mal, ich glaub, ich träum. Kein Stückeschreiber hätte besser erfinden, kein Regisseur besser in Szene setzen können, was da als atemberaubende Realität ihren Lauf genommen hat mit uns Bürgerinnen und Bürgern als Akteuren.  Der Gottesdienst heute ist denn auch alles andere als ein Déjà Vue. Damals vor einem Jahr hatten wir in Analogie zum Proprium von Ostern, der Auferstehung, gerade begonnen, aufzustehen. Der Aufstand  war noch jung, wir hatten uns gerade auf den Weg gemacht, das Beste für unsere Stadt zu suchen, wir hatten zu träumen begonnen und gewagt unseren Träumen zu folgen, wir hatten appelliert an die Stadtoberen, unseren Argumenten zuzuhören. Mir kommt das heute fast vor wie in einem anderen Leben. Denn was klein anfing, hat sich zu einer mächtigen Bewegung entfaltet, beispiellos in Stuttgart, beispiellos in ganz Deutschland. Blitzlichter flammen vor mir auf: Bauzaunaufstellung, Nordflügelabriss, Schwarzer Donnerstag, Faktencheck, die folgende Depression, die Ereignisse um Fukushima, schließlich die Wahlen und ihr sensationelles Ergebnis, und schließlich, letzten Donnerstag, die Vereidigung der neuen Landesregierung  mit Winfried Kretschmann als erstem grünem Ministerpräsidenten in Deutschland. Weiterlesen

Predigt beim Gottesdienst im Schlossgarten 26.12.2010

Predigt zu Johannes 1,1-5+9-14

Johannes schreibt sein Evangelium in einer Zeit, in der es die Christen schwer haben. Die christlichen Gemeinden sind kleine Gruppen, umgeben von einer weithin feindlichen Umwelt. Das kann die resignativen Untertöne erklären, die Johannes in den ersten Versen seines Evangeliums mitschwingen lässt: „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen“ (V.5). „Er war in der Welt, … aber die Welt erkannte ihn nicht“ (V 10). „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (V. 11). Zum Glück bleibt Johannes bei diesen traurigen Feststellungen nicht stehen. Er schreibt ein Evangelium, eine frohe Botschaft: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden“ (V 12) und „wir sahen seine Herrlichkeit“ (V 14) In dem schmählich am Kreuz gescheiterten Jesus sehen die Kinder des liebenden Vaters die Herrlichkeit Gottes. Die Liebe Gottes, die die Christen verkünden, sie mag verlacht werden, die Jünger Jesu lassen sich davon nicht beirren. Weiterlesen

„Erneuert euch in eurem Geist und Sinn“ – Predigt von Karl Martell

Schriftlesung:                 1. Mose 11, 1 – 9
Predigttext:             Epheser 4, 22 -32

Liebe Gottesdienst-Gemeinde,

in den letzten Monaten und Wochen wurde von manchen sehr häufig und sehr auftrumpfend von Unumkehrbarkeit geredet. Insbesondere solche bedienten sich dieser Sprachregelung gebetsmühlenartig, die ein Amt innehaben mit hoher Verantwortung für unser Gemeinwesen, für gelingendes Zusammenleben. Und mit provokativer Zerstörung sowie mit brachialer Gewalt haben diejenigen gleichsam sinnlich erfahrbar gemacht, dass unumkehrbar ist, was sie für unumkehrbar erklären: Wir definieren Unumkehrbarkeit.

Als wenn in menschlichen Verhältnissen nicht alles umkehrbar wäre! Die Möglichkeit zur Umkehr gehört geradezu grundlegend zu unserem Menschsein. Gäbe es diese Option nicht, wir gingen wahrlich – mit Fahrzeitverkürzung, ohne umzusteigen – zum Teufel.

Einen von vielen, einen sehr eindrücklichen Beleg für die Möglichkeit zur Umkehr bietet der biblische Text für den heutigen Sonntag. Im 4. Kap. des Epheserbriefes schreibt der Apostel Paulus:

22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.
26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen
27 und gebt nicht Raum dem Teufel.
28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.
29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.
30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.
31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.
32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Vielleicht hat jetzt der eine oder die andere geseufzt und sich still gefragt:
Herr, bin ich’s? Ein ganzer Katalog von Übeltaten, die da aufgelistet werden. Noch einmal die Stichworte: Lüge, Zorn, Diebstahl, Geschwätz, Bitterkeit, Grimm, Geschrei, Lästerung, Bosheit. Durch das alles, sagt Paulus bildhaft, wird „der Heilige Geist Gottes betrübt“. Da bleibt einem fast der Atem weg:
Herr, bin ich’s?

Es gibt eine unselige Tradition in einem gewissen kirchlichen Milieu, in dem genau darauf abgehoben wird: Den einzelnen runter zu drücken, ihm Schuld aufzuladen und ihn so gefügig zu machen. – Gewiss, nach der Prozedur ist dann auch noch von Vergebung, von Gnade die Rede. Aber es bleiben Spuren, Abhängigkeiten, letztlich Unfreiheit.

Geht es Paulus darum? Nein – er will solche Mechanismen nicht verstärken,
so wortreich er auch die Untaten, das Ungute beim Namen nennt. Anscheinend war ein solches Gegensteuern nötig im Blick auf die Gemeinde von Ephesus,
an die sich sein Brief richtet. Wohlgemerkt an die Gemeinde! Das Untaten-Register zielt in seiner Fülle also nicht auf jeden einzelnen. Schon mal eine gewisse Entlastung!

Aber das ist nicht die Hauptsache. Das Entscheidende liegt noch woanders. Paulus nennt Alternativen:

Mit der Wahrheit geht’s besser. Macht euch unabhängig durch redliche Arbeit. Gebt den Bedürftigen etwas ab. Redet Gutes; das bringt Segen. Freundlichkeit, Herzlichkeit und Vergebung machen den Umgang miteinander leichter. Im Grunde Hinweise, mit denen nur gute Erfahrungen zu machen sind. Die Leben erleichtern, in Achtung vor sich selber und durch Wertschätzung gegenüber dem anderen.

Nun werden vielleicht manche mit Schillers Wilhelm Tell denken: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Oder: Was mache ich, wenn ich auf Lüge und Bosheit verzichte, aber von anderen genau das erfahre? Wenn ich mich nicht unrechtmäßig bereichere,
aber doch mit ansehen muss, wie Geld und Gier Leben beschädigen, Existenzen vernichten, ja ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringen. Wie sich öffentliche Haushalte – parlamentarisch legitimiert – verschulden, überschulden … und dennoch kalt lächelnd Großprojekte in Angriff nehmen, deren Nutzen im Vergleich zu den Kosten zumindest fragwürdig ist. Wenn ich mich bemühe, mit der Schöpfung behutsam, respektvoll umzugehen, und erleben muss, wie Eingriffe in die Natur vorgenommen werden, damit – angeblich – wirtschaftliches Wachstum gewährleistet ist? Im übertragenen Sinn: Wenn mir sehr deutlich vor Augen geführt wird, dass Mülltrennung allein nicht reicht?
Wie verhalte ich mich, wie entscheide ich mich bei wirklich schwerwiegenden Konflikten?

Es hängt an dem Bild, das ich von mir und meinen Mitmenschen habe.
Es kommt auf das Menschenbild an.

Wer meint, die Menschen sind halt so, also muss ich sehen, wie ich für mich den größtmöglichen Vorteil herausholen kann, wird mit den Wölfen heulen. Wer die Welt und die Mitmenschen (vielleicht bis auf wenige aus dem eigenen Umfeld) für grundsätzlich schlecht hält, wird sich abwenden und in seinem Biotop ausharren. Wer gewohnt ist, bei den Stärkeren, den zahlenmäßig Größeren mitzulaufen, vielleicht auch weil’s bequem ist, wird immer dort applaudieren. Egal, was geschieht.

Paulus weist eine andere Blickrichtung. Er traut Menschen zu, dass sie „sich erneuern in Geist und Sinn“ (V.23). Er hält sie für fähig zum Umdenken.

Er sagt das in dem Bildwort vom „alten“ Menschen, der in einer früheren, falschen Denkungsart befangen ist, und vom „neuen“ Menschen, der sich zu „Gerechtigkeit und Heiligkeit geschaffen“ weiß. Und der darauf vertraut, dass ihm Erlösung zuteil wird. Der also weiß, woher er kommt und wohin er gehen wird.

Das ist ein anderes Menschenbild. Nicht statisch, einfach: Es ist, wie es ist. Sondern: Du hast Zukunft, in der neues, gewandeltes Leben möglich ist.
Nicht mit den Wölfen heulen, vielmehr: Sein Leben verantwortlich in die Hand nehmen und gestalten. Nicht nachplappern, was die vielen reden oder die das Sagen haben, sondern kritisch hinhören und hinschauen.

Dann tut sich was. Du kannst dich entwickeln, du kannst die dir gegebene Freiheit wahrnehmen. Im ganz wörtlichen Sinn: wahr, als deine Option,
deine Möglichkeit nehmen.

Nun allerdings nicht, weil du dich entscheidest, ab morgen ein anständiger Mensch zu werden. Solche Wandlungen von heute auf morgen sind fragwürdig und wenig glaubhaft. Sie brauchen meist länger, wenn auch nicht unbedingt
15 Jahre. Vor allem aber: Sie brauchen Besinnung und Orientierung.

Besinnung: Was war bisher? Ist das gut gewesen? Haben sich neue Gesichtspunkte ergeben? Habe ich ein neues Ziel vor Augen? Und Orientierung: Welche Maßstäbe und Werte sind mir wirklich wichtig? Gerechtigkeit? Heiligkeit? Erlösung? Die nennt Paulus. Und er fügt hinzu:
Die habt ihr von Gott in Christus. Zieht sie an wie ein neues Gewand.

Nun sind das sehr hohe und hehre Maßstäbe und Werte. Sie werden unterschiedlich verstanden und sehr verschieden gefüllt. Manchmal wird mir ganz schlecht, wenn ich bestimmte Großsprecher mit solchen Worten tönen höre. Man hört die falschen Töne. Auch wenn einer auf einmal von der „ausgestreckten Hand“ spricht, aber tatsächlich seine Faust präsentiert. Es sind also nicht die großen Töne, sondern es ist die Stimmigkeit von Worten und Taten, von Reden und Tun.  Und da ist es gut, wenn wir Christen uns an dem orientieren, dem wir unseren Namen verdanken: Jesus Christus. An ihm, immer wieder an ihm! Nicht an einem Etikett, auf dem nur sein Name steht!

Mich hat sehr berührt, was der frisch benannte chinesische Friedens-nobelpreisträger in einem Interview gesagt hat, als er von den Machthabern seines Landes noch nicht kriminalisiert wurde. Er sagte: „In Würde zu leben,
das heißt für mich, ein ehrlicher Mensch zu sein.“ Er meinte damit: Die herrschenden Verhältnisse in seinem Land offen und ehrlich beim Namen zu nennen. So sehr mich das schlichte Wort des chinesischen Nobelpreisträgers beeindruckt hat, so sehr befremdet hat mich ein Unternehmer aus unserem Land, der Tunnelbaumaschinen vertreibt. Er zitierte einen chinesischen Geschäftspartner, Deutschland sei ein „lebendes Museum“. Und plädierte damit für einen angeblich dringend notwendigen wirtschaftlich-technologischen Fortschritt in unserem Land, u.a. durch Tunnelbauten.

Und schließlich noch eine Episode, in der einer – auch ein Chinese – einen Hinweis gibt, wie Menschen mit ihrer Zeit umgehen. Zeit, die ja erforderlich ist zu Besinnung, zum Umdenken.

Ein chinesischer Gelehrter kam nach Berlin. Sein deutscher Kollege erwartete ihn auf dem Bahnsteig. Von dort gingen sie zum Bahnhofsvorplatz. Als sie aus der Halle traten, stand der Bus schon an der Haltestelle gegenüber. Er musste jeden Augenblick abfahren. Da ergriff der deutsche Professor die Hand des Chinesen: „Kommen Sie! Kommen Sie!“ rief er ihm zu. Die beiden hasteten über den Platz und erreichten gerade noch den Bus. Kaum waren sie drinnen, setzte er sich in Bewegung. Aufatmend schaute der Deutsche auf die Uhr. „Gott sei Dank“, sagte er, „jetzt haben wir zehn Minuten gewonnen.“ Der Chinese aber schaute ihn fragend an und meinte lächelnd: „Und was machen wir mit den zehn Minuten?“

Drei Gewährsleute aus einem fernen, wirtschaftlich aufstrebenden Land. Drei Denkungsarten, drei Haltungen zu der Frage, was dem Leben dienlich ist. Welche davon der Vorstellung des Apostels Paulus entspricht oder nahe kommt, möge jeder und jede für sich entscheiden.

Dienlich ist unserem Leben jedenfalls zu wissen, dass nichts unumkehrbar ist, was offensichtlich verkehrt, falsch, schädlich ist. Das hat der Apostel Paulus auf nicht überbietbare Weise dargelegt. Letztlich in dem Vertrauen darauf:
Nur einer kehrt nicht um. Er hat sich für uns Menschen, für das Leben zu uns gekehrt in Jesus Christus.
Unserem Gott sei Ehre, jetzt und in Ewigkeit.

Amen.

Karl Martell, Pfarrer i.R., am 19. Sonntag nach Trinitatis – 10. Okt.2010

Predigt im Schlossgarten, Ostern 2010 – Guntrun Müller-Ensslin

Predigt beim Gottesdienst im Grünen mit Fürbitte um Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der Stadt im Stuttgarter Schlossgarten am Ostermontag, 05.04.2010 um 17 Uhr.

Predigttext: „Sucht der Stadt Bestes!“ Jeremia 29,7

Liebe Gemeinde,

Städte waren von jeher faszinierende und gefährdete Orte zugleich. Nirgendwo liegen Schönes und Hässliches, Positives und Negatives, Anziehendes und Abstoßendes, Jammer  und Glück so nahe beieinander wie in den Städten. Stadtluft kann frei, aber sie kann auch krank machen. In Städten können Menschen aufblühen, aber sie können auch verzweifeln.

Stadtleben, das heißt Kunst und Kultur, das heißt Innovation und Tempo, das heißt Bildung und Architektur. Aber Stadtleben heißt auch Lärm, Verkehrschaos, Abgase, Stress, Anonymität, Kriminalität. Städte sind Zentren von Macht und Geld, aber jede größere Stadt hat auch ihre sozialen Brennpunkte. Nirgendwo sind die Gegensätze zwischen Arm und Reich größer als in Städten. Nirgendwo leben Menschen näher beieinander, sind derart angewiesen aufeinander und nirgendwo sind sie einander fremder. Nirgendwo gibt es soviel Vielfalt auf engstem Raum, im Guten wie im Schlechten und darum liegt auch nirgendwo soviel Potential an Sprengstoff herum wie in einer Stadt. Das ist in Stuttgart nicht anders als in jeder anderen Stadt der Welt.

Weil das so ist, deswegen bedürfen gerade die Städte einer besonderen Sorgfalt im Umgang mit ihren Belangen. Es lohnt sich, dass diejenigen, die das Stadtgeschehen lenken, viel investieren in die Pflege und die Fürsorge daraufhin, was einer Stadt gut tut und was nicht. Man tut gut daran, sich in Bezug auf  Zukunftsplanungen viel Zeit zu nehmen, auch mal etwas wieder zu kippen, wenn es nicht mehr aktuell ist,  Besonnenheit und Achtsamkeit  walten zu lassen daraufhin, welche Prioritäten man setzen will. Insbesondere bei Bauvorhaben ist Fingerspitzengefühl und Feingefühl vonnöten in Bezug auf das, was angebracht ist und was die Menschen wirklich brauchen. Wer das Augenmaß verliert, steht allzu schnell vor einem Trümmerhaufen.

Diese Erfahrung haben Bewohner von Städten  immer wieder gemacht, auch die Bibel erzählt von ihnen. In der Stadt Babel schätzten die Menschen ihre Kräfte falsch ein, so dass der kühne Plan eines Turmbaus bis in den Himmel in einem Fiasko endete. Die Stadt Jerusalem wurde im Lauf ihrer Geschichte mehrmals platt gemacht, weil ihre Tribunen immer wieder mit den falschen Leuten paktierten. Das Bewusstsein um das Gefährdungspotential von Städten war sehr präsent, weswegen Menschen in der Bibel das Phänomen Stadt auch immer wieder explizit zum Thema gemacht haben. Die Gedanken kreisten darum, es wurde über Städte nachgedacht, es wurde über Städte geweint und es wurde in Städten geweint. „An den Wassern von Babylon saßen wir und weinten“ …heißt es in einem Psalm.

Auf dem Hintergrund der Erfahrungen, die Menschen in alter Zeit mit ihren Städten gemacht haben, ist wohl auch der Aufruf zu hören: „Sucht der Stadt Bestes!“
Sucht der Stadt Bestes – das sagt der Prophet Jeremia ausgerechnet den Menschen, die  aus dem wieder einmal zerstörten Jerusalem weggeschleppt im fernen Babylon Zwangsarbeit leisten müssen. Sie finden sich wieder, gezwungen zum Leben in einer Stadt, die ihnen fremd ist und in der ihnen die Freiheit verloren gegangen ist. Und offenbar stand es mit dieser Stadt selber auch nicht gerade zum Besten. Das Wort Sündenbabel kommt nicht von ungefähr. Macht und Korruption, Ausbeutung der Schwachen, Prunk und Willkür auf  Kosten der Armen waren an der Tagesordnung.  Jeremia ermutigt die Gefangenen, sich in der fremden Stadt nicht rauszuhalten, in der Hoffnung, dass sie bald wieder nach Hause können. Er ermutigt sie, eben nicht zu sagen, macht, was ihr wollt, das geht mich nichts an, sondern ihr Schicksal anzunehmen, die Stadt zu ihrer Stadt zu machen, für sie zu beten und sich aktiv zu beteiligen an der Sorge um das Wohl dieser Stadt. „ Sucht der Stadt Bestes!“ appelliert er. „Denn wenn es ihnen gut geht, dann geht es auch euch gut. …Ich will euer Glück und nicht euer Unglück. Ich habe im Sinn euch eine Zukunft zu schenken, wie ihr sie erhofft.“

Sucht der Stadt Bestes also. Aber was ist das Beste für eine Stadt? Woran kann sich dieses Beste orientieren?
Auch hier haben biblische Menschen weitergefragt. Und aus dem Bewusstsein des Negativpotentials von Städten  heraus haben sie den Prototypen einer vollkommenen, einer vollkommen  neuen Stadt entworfen. In einer kühnen Vision, die wir vorhin gehört haben, entwirft der Seher Johannes das neue Jerusalem als Modellstadt, an dem sich unsere Städte messen können.

Diese Stadt hat ihre besondere Qualität vor allem darin, dass sie eine durch und durch einladende Stadt ist, zu erkennen an der Zahl ihrer Tore, die nie geschlossen werden. Ein Zeichen dafür, dass bei Gott  alle Ausgrenzungen aufhören,  alle dürfen teilnehmen am Leben in dieser Stadt und an ihren Geschicken.. Die Stadt ist außerdem eine kommunikative Stadt. Die kommunalen Belange haben Vorrang vor den Privaten, Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Es ist eine begrünte Stadt mit einem Fluss, an dem Bäume wachsen, deren Blätter und Früchte den Menschen zur Lebengrundlage und zur Gesundheit dienen. Des Weiteren ist die Stadt Gottes eine wirklich demokratische Stadt, in der die Regierenden einhergehen wie jedermann, und in der sogar Gott mitten unter den Menschen wohnt, ansprechbar für alle. „Gleichheit“ lautet also der erste und einzige Verfassungssatz dieser Stadt. Und schließlich: In dieser Stadt kommen alle kriminellen Machenschaften an ihr Ende: „Nichts Böses dringt in sie ein, obwohl sie absolut offen ist.“

An dieser Modellstadt also können wir uns orientieren, wenn wir nach der Stadt Bestem suchen, wenn wir nach dem suchen, was für unsere Stadt Stuttgart das Beste ist. Und das wollen wir tun an diesem Ostermontagnachmittag 2010, an dem außer der Osterfreude und der Freude über den Einzug des Frühlings in Stuttgart nach dem langen Winter auch so viel Unruhe und Besorgnis über der Stadt liegt, gerade in den letzten Tagen.

Was also gehört zu einer Stadt im Sinne von Gottes Prototyp?

Zunächst: Eine Stadt muss atmen können. Wer ein Empfinden für Städte hat, der weiß wie wichtig es ist, Natur in ihr zu haben, und wie schwer es ist, Natur zu erhalten. Zu einer Stadt gehört eine grüne Lunge, die nicht amputiert werden darf, auch nicht Teile von ihr, auch nicht auf Zeit. Auch nicht für 10 oder 15 Jahre. 10/15 Jahre, das ist eine ganze Kindheit. Das ist eine Spanne, an deren Ende viele von uns nicht mehr da sein werden. Und auch hinterher wird diese Lunge für die Lebenszeit einer ganzen Generation nicht mehr das sein, was sie einmal war. Diese Stadt und wir Menschen in ihr leben von den Bäumen. Wir bekommen von ihnen unendlich viel mehr, als wir ihnen je geben können. Und deswegen leihen wir den Bäumen, die keine Stimme haben, an dieser Stelle unsere Stimme und wir rufen: Diese Bäume, die unsere Freunde sind und die Freunde der Vögel und der Insekten, deren Lebensraum sie bilden: Diese Bäume wollen wir nicht hergeben, diese Bäume wollen wir behalten! Diese Bäume müssen wir nicht erst suchen, sondern die sind schon da; die sind der Stadt Bestes; die sind etwas vom Besten, was diese Stadt hat. Und wir werden alles tun, damit wir Euch Bäume behalten.

Wenn wir bei der Suche nach dem Besten für unsere Stadt Maß nehmen an der neuen Stadt Gottes, dann gehört dazu auch der soziale Friede. Das heißt zum Beispiel, dass nicht vorhandenes Geld nicht ausgegeben werden darf, weil es diese und künftige Generationen in Armut stürzt. Es heißt, dass wir vorhandenes Geld so verteilen müssen, dass alle in gleicher Weise etwas davon haben und von Kultur, Bildung, Unterhaltung, den Aushängeschildern unserer Stadt, profitieren.

Und schließlich: Bei der Suche  nach dem Besten für diese Stadt darf eine gepflegte, respektvolle Kommunikation der Bürger untereinander nicht fehlen. Kultur ist auch Gesprächskultur, und zwar auf Augenhöhe. Wenn Menschen in einer Stadt etwas Wichtiges zu sagen haben, dann zeugt es von Kommunikationskultur, wenn man sie anhört. Wenn Menschen erst mit ihrem Anliegen auf die Straße gehen und laut werden müssen, dann lässt das darauf schließen, dass da in Sachen Anhören offenbar etwas versäumt worden ist. Zur Gesprächskultur  würde gehören, dass man den Protestierenden spätestens jetzt intensiv zuhört und sie ernst nimmt, insbesondere wenn es sich bei ihren Anliegen um so vernünftige Dinge wie maßvollen Umgang mit Geld, Lebensqualität und Erhaltung der Schlossgartenbäume handelt. Eine kluge Stadtverwaltung, die merkt, dass da eine Protestbewegung im Gang ist, würde noch mal in sich gehen und ihr Vorhaben prüfen. Wenn so viele Bürger einer Stadt signalisieren, hier stimmt was nicht – und es sind ja nicht die Dümmsten, die das signalisieren – dann würde eine souveräne Führung, die auf Demokratie setzt, innehalten und sagen: Moment mal, vielleicht sehen die was, was wir nicht sehen. Anstatt sich diese Menschen zu Gegnern zu machen, würde sie aufs reine Kräftemessen verzichten; sie würde verzichten, schon um Polarisierung  und Eskalation bis hin zum irreparablen Vertrauensschaden – dem sicheren Herztod einer Stadt – zu verhindern. Denn die Menschen, deren Kräfte, deren Phantasie im Moment gebunden sind im blanken Widerstehen gegen Brachialgewalten, das sind ja Menschen, die sorgen sich um ihre Stadt, die wollen sich mitkümmern, mitreden, mithandeln! Darüber müsste eine kluge, am Besten für ihre Stadt orientierte Crew von städtischen Abgeordneten in Jubel ausbrechen und begeistert sagen: Prima! Was für ein großartiges Kapital, was für eine Chance für unsere Stadt! Jede Regierung  könnte darauf stolz sein. Und sie würde, aus Erfahrung klug und wissend, dass man bei einem so anspruchsvollen stadtplanerischen Projekt alles an Erkenntnis zu Hilfe nehmen muss, was zu haben ist, sie würde sich die Ideen, Phantasien, Kompetenzen dieser Bürgerbewegung zu Nutze machen und sie  bündeln. Alle gemeinsam  würden wir unsere Kräfte in den Dienst der gewaltigen Aufgabe stellen, miteinander überlegen, Zwischentöne äußern – auch das wäre wieder möglich, nicht nur das für und das Gegen -, wir würden vielleicht verwerfen, wieder überlegen, um am Ende das zu finden, was für unsere Stadt das Beste ist.

Noch ist es dazu nicht zu spät! Noch ist Zeit! Noch ist nichts passiert, was nicht gestoppt, modifiziert und  in eine andere Richtung gelenkt werden könnte. Noch ist Zeit, der Stadt Bestes zu suchen! Nichts ist unumkehrbar! Das Wort unumkehrbar ist eines, das es in der Bibel nicht gibt. Dort findet sich vielmehr sehr oft der Aufruf zur Umkehr. So oft, dass es einen Grund haben muss. Die Bibel kennt verfahrene Situationen, Situationen, wo sich Menschen vertan, geirrt, verstiegen oder einfach falsch geplant haben. Solche Situationen sind menschlich. Sie kommen häufig vor.  In diesen Situationen ist das Wort von der Umkehr der Schlüssel. Es sagt: Man kommt wieder heraus. Weil Verirrungen so menschlich, so normal sind, wird niemand ausgelacht, der umkehrt. Es kann jedem passieren. Auf niemanden, der umkehrt, wird hämisch mit dem Finger gezeigt. Nach dem Motto: Wir habens ja schon immer gewusst. Umkehr löst auch keine Schadenfreude aus, sondern nur reine Freude. Und niemand, der umkehrt, wird sein Gesicht verlieren; er wird es im Gegenteil wieder gewinnen.

Der Umkehr ist eigen, dass sie nicht aufschiebbar ist. Sie kann sofort anfangen. Zum Beispiel heute, am Ostermontag 2010. Denn auch Ostern ist das Datum einer beispiellosen Umkehr, der Umkehr vom Tod ins Leben. An Ostern hat alles unter umgekehrten Vorzeichen neu angefangen. Ostern wäre ein guter Termin auch für einen Neubeginn in Stuttgart.

Amen.

Pfarrerin Guntrun Müller-Enßlin