Rede beim Parkgebet am 16.4.15 von Heinz Wienand

Liebe Parkgemeinde!

Am 9. April 1945, also vor 70 Jahren, wurde Dietrich Bonhoeffer von den Nationalsozialisten in Flossenbürg hingerichtet. Er war erst 39 Jahre alt. Er wurde als sechstes von acht Kindern am 4. Februar 1906 in Breslau geboren und wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Kirche und Religion tauchten im Alltag der Bonhoeffers zwar auf. Aber, wie Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge schreibt: „Das christliche Wesen war in diesem evangelischen Haus mehr hinter- und unter-gründig zu spüren.“ Das Verhältnis der Familie zum Glauben war freundlich bis distanziert. „Zu schade für Dich“, befand der Vater, als sein Sohn vom Entschluss zum Theologiestudium berich-tete. Später korrigierte er sich seinem Sohn gegenüber mit den Worten er habe sich „gröblich getäuscht“.
Schon als Theologiestudent setzte sich Dietrich für Frieden und Gerechtigkeit ein. Bald nach der Machtübertragung von Reichspräsident Hindenburg an Adolf Hitler schloss sich Bonhoeffer der Bekennenden Kirche an.

Die Bekennende Kirche verstand sich als Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen die Versuche einer Gleichschaltung von Lehre und Organisation, wie sie von den Nazis durchgesetzt wurde. Die Nationalsozialisten setzten kurzerhand den Reichsbischof Müller ein, der die Leitung der sog. „Deutschen Christen“ übernahm. In der berühmten „Barmer Erklärung“ von Mai 1934 widersetzte sich die Bekennende Kirche gegen die Gleichschaltung und erklärte, sie sei die einzige rechtmäßige Vertretung der evangelischen Christen Deutschlands. Mit der Ablehnung der „Deutschen Christen“ lehnte sie zugleich den Nationalsozialismus ab und wandte sich gegen staatliche und innerkirchliche Übergriffe auf das christliche Glaubensbekenntnis. Damit war die Spaltung der evangelischen Kirche in der Haltung zu Hitler besiegelt.

Dietrich Bonhoeffer, einer der führenden Köpfe der Bekennenden Kirche, war seitdem der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. Er kritisierte den Antisemitismus in einer Weise, die Geschichte machte. Als ihm 1937 die Lehrerlaubnis entzogen wurde, schloss er sich dem Widerstand an und unterstützte die Attentatspläne gegen Hitler. „Es wäre freilich eine fatale Fehlinterpretation, Bonhoeffer zum bellizistischen Kronzeugen unserer Tage zu machen“, bemerkt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, in seinem Zeit-Artikel vom 9. April 2015 und fährt fort: „Ja, er unterstützte das Attentat auf Hitler. In seiner Bereitschaft zur Schuldübernahme, als die Tötung eines Menschen geplant wurde, blieb er trotzdem seinem Engagement für die Überwindung aller Gewalt treu. Dem Rad gewaltfrei in die Speichen zu fallen, war für ihn Priorität.“ So waren Bonhoeffers Schriften Vorbild in Südafrika im Widerstand gegen das rassistische Apartheidregime. Sein christliches Zeugnis gegen den Nationalsozialismus und schließlich die Hingabe seines Lebens inspirieren weltweit all jene, die sich gegen Gewalt und für die Menschenwürde einsetzen.

Im Herbst 1940 mündete seine Kritik in die klare Aussage: Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude.“ 1943 wurde er verhaftet wegen „Wehrkraftzersetzung“ und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. In der Haft entwickelte er seine Theologie, die später von seinem Freund Eberhard Bethge unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ erschien.

Die Kritik Bonhoeffers am Hitlerregime und sein Widerstand gegen das Unrechtsregime bezahlte er mit Gefängnishaft in Berlin-Tegel und wurde schließlich auf persönlichen Befehl Hitlers im KZ Flossenbürg gehängt. Bonhoeffer hatte sich nicht als Heroe, als Held gesehen. In Briefen an seine Eltern und in Zettelnotizen ist zu lesen, dass Bonhoeffer vor allem in der ersten Phase der Inhaftierung von tiefer Verzweiflung geplagt war und Vorwürfe gegen Gott erhob.

Für Bonhoeffer gab es Christentum und Kirche nicht allein in einem abgegrenzten Raum der Innerlichkeit und der religiösen Erbauung, für ihn war Religion kein besonderer, weltabgewandter Lebensbezirk, in dem man zum Beispiel am Sonntagmorgen zwischen zehn und elf Uhr den Gottesdienst besucht und ansonsten das Leben draußen, das wirkliche Leben ausklammert. Beides gehörte für ihn zusammen, das eine schloss das andere mit ein. In ihm fand sich der Gedanke, die Kirche müsse viel stärker verankert sein in der Lebenswelt der Menschen.

Für uns, Christen oder Nichtchristen, sollte Dietrich Bonhoeffers Wirken Ansporn sein, sich ein-zumischen und – wie er sagt – dem Rad in die Speichen greifen. Ich glaube, unter uns ist niemand, der/die dem Rad Stuttgart 21 nicht auf irgendeine Weise in die Speichen gegriffen hätte in dem Bewusstsein, dass das kropfunnötige Milliardenprojekt gestoppt werden müsse, bevor es weitere Milliarden verschlingt, die dringend für andere Projekte bereit gestellt werden müssten.

Dietrich Bonhoeffer forderte von seiner Kirche, sie müsse viel stärker verankert sein in der Lebenswelt der Menschen. Werfen wir einen Blick auf den Kirchentag, der in wenigen Wochen in Stuttgart stattfindet, dann müssen wir feststellen, dass im umfangreichen Programm mit etwa 2.500 Veranstaltungen S 21 so gut wie nicht vorkommt. Dabei interessieren sich viele Besucher und Besucherinnen, die nach Stuttgart anreisen, wie der angebliche „Fortschritt“ aussieht. Wenn sie am Bahnhof ankommen und die Sonderzüge verlassen haben, werden sie sogleich mit der Realität konfrontiert. Soweit ich weiß, wird es auf dem Kirchentag eine Podiumsveranstaltung geben, an der die „Christen sagen NEIN zu S 21“ teilnehmen dürfen. Das ist alles. Und das halte ich für beschämend. Darum ist es zu begrüßen, dass ein Kreis von Theologen und Theologinnen gegen
S 21 und eine ganze Reihe von Akteuren verschiedene Aktivitäten vorbereiten, die zeigen werden, was die Widerstandsbewegung in den letzten 4 bis 5 Jahren auf die Beine gestellt hat und noch stellen wird.
Wir bleiben oben in der Hoffnung, dass die klug werden,
die es immer noch nicht sind!

Heinz Wienand

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