Archiv der Kategorie: Poguntke

Ansprache beim Parkgebet am 16.7.2020 von Pfr.i.R. Martin Poguntke

(hier als pdf-Datei)

Parkgebetsansprache am 16. Juli 2020 zu Epheser 2, Vers 8

Liebe Parkgebetsgemeinde,

schön, dass das Virus uns wieder erlaubt, hier im Schlossgarten einander leibhaftig zu begegnen. Auch wenn die Fahrt in den Öffentlichen Verkehrsmitteln immer noch ein wenig beklemmend ist, mit den Masken und dem Bemühen, Abstand zueinander zu halten – schön, Sie hier direkt vor mir zu sehen!

Gar nicht schön ist, was unsere Ingenieure vor wenigen Wochen zum fehlenden Brandschutz in den S21-Tunnels entdeckt und veröffentlicht haben. In Dokumenten, die die Bahn geheim halten wollte, haben sie falsche Zahlen aufgedeckt, Verletzungen der Bahn-eigenen Regelwerke, „best case“-Szenarien, also, dass grundsätzlich das glückliche Zusammentreffen der günstigsten Faktoren angenommen wurde.

Und das Eisenbahnbundesamt hat entschieden, dass die eigentliche Genehmigung des Brandschutzkonzeptes erst nach Fertigstellung der Tunnels ausgesprochen wird. Dann aber können die Genehmigungsbehörden nicht mehr frei entscheiden, denn ein unglaublicher Druck lastet auf ihnen:

Entweder verweigern sie dem Brandschutz-Konzept die Zustimmung, dann wird ihnen vorgeworfen, dass wegen ihnen Milliarden umsonst vergraben worden sind. Oder sie stimmen dem Konzept zu, dann tragen sie die Verantwortung dafür, dass tagtäglich in den Stuttgarter Tunnels eine Katastrophe mit hunderten oder sogar über tausend Verletzten und Toten passieren kann.

Wir fordern deshalb: Die Tauglichkeit – vielmehr: die Untauglichkeit – dieses verlogenen Konzepts muss heute schon festgestellt werden. Alles andere ist verbrecherisch.

Ich frage mich immer wieder: Was geht in Menschen vor, die so ein Verbrechen sehenden Auges zulassen oder sogar selbst veranlassen? Was für ein eigenartig kaputtes Verhältnis zur Verantwortung müssen sie haben, zum Leben, zur Welt? Und ich ertappe mich bisweilen bei der Versuchung zu denken: Ich(!) würde an deren Stelle ganz anders handeln.

Aber ob das wirklich so wäre – ich weiß es nicht. Klar, ich mache schon auch Vieles richtig in meinem Leben. Und klar: Es gibt schon immer wieder Situationen, in denen wir alle durchaus auch ein wenig als Vorbilder taugen. Aber zumindest für mich gilt das nur für einzelne Situationen, nicht für mich und mein Leben als Ganzes.

Eher staunend blicke ich mich manchmal um, wenn ich gespiegelt bekomme, dass ich doch an der einen oder anderen Stelle hilfreich sein konnte, dem einen oder anderen Schüler etwas bedeutet habe, durch mich eine Sache sich positiv entwickeln konnte. Solche Momente machen mich glücklich und dankbar.

Dankbar, dass durch mich bisweilen offenbar Momente von etwas Besonderem passieren – ohne, dass ich etwas Besonderes wäre und sein müsste. Durch ganz gewöhnliche Menschen wie mich und wie Sie, liebe Parkgebetsgemeinde, geschieht bisweilen Besonderes. Weiterlesen

Parkgebet-digital am 30.4.2020 zu Johannes 15,5 von Pf. i. R. Martin Poguntke

Vom verlorenen Vertrauen und den Lügen der Politik

Liebe Freundinnen und Freunde des Parkgebets,

hier kommt das zweite Parkgebet digital mit Ansprache von Pfarrer i.R. Martin Poguntke und von Ulrich Ebert zusammengestellter Musik.

Hier ist der Link zum ganzen Parkgebet mit allen Text- und Musikteilen:
https://c.web.de/@823176437937739474/Cvei9G8aS76lbLmVsFxJQQ

Ihr könnt Euch durch das Parkgebet durchklicken. Und gerne könnt Ihr bei Euren Rundmails zum Besuch des virtuellen Parkgebets einladen 😉

 

Und hier ist die Ansprache: (hier die Ansprache als pdf-Datei):

Ansprache zum Parkgebet-digital am 30. April 2020 von Pfr.i.R. Martin Poguntke

Christus spricht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“, Johannes 15, Vers 5 (aus dem Predigttext vom kommenden Sonntag)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

wie gerne hätte ich Sie alle direkt vor mir gesehen, wenn ich zum Einstieg meiner Ansprache meiner tiefen Sorge Ausdruck gegeben hätte, meiner Sorge auch um unsere gemeinsame Bewegung – aber in Coronazeiten ist das nicht zu verantworten.

Meine Sorge ist, dass ein Gift sich verbreitet, es die Herzen und Gehirne von immer mehr Menschen vergiftet. Und ich weiß überhaupt keine einfache Lösung dagegen. Auch der Satz aus dem Johannesevangelium, um den es heute gehen soll, ist keine einfache Lösung: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ Denn: Wie macht man das „in ihm bleiben“?

Das Gift, das ich meine, ist das Gift des zerbrochenen Vertrauens. Wir Stuttgart 21-Gegner:innen haben über so viele Jahre miterleben müssen, wie wir und die ganze Gesellschaft unglaublich gründlich belogen wurden und es weiterhin werden. Unser Vertrauen in „die Politik“ hat schweren Schaden gelitten. Und immer mehr von uns denken deshalb inzwischen über Äußerungen und Entscheidungen von Politikern gar nicht mehr wirklich nach, sondern sagen reflexhaft: Ist doch eh alles Lüge und Betrug. Ganz absurde Behauptungen werden geglaubt – einfach, weil sie in unser festes Bild passen: Die Politiker belügen uns doch alle.

Ein wenig scheint es mir wie in einer Partnerschaftsbeziehung: Weiterlesen

Weihnachtsgottesdienst im Park 2019

(hier der ganze Gottesdienst als Video, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von „Doppelmeter“: https://youtu.be/6uOr92vOuJI)

(und hier eine Fotoserie, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Wolfgang Rüter: https://www.magentacloud.de/share/zdsw1riw50)

„Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“

Ansprache zum Weihnachts-Gottesdienst im Park am 26.12.2019 über Matthäus 10, Vers 16 (bis 22) von Pfr.i.R. Martin Poguntke

(hier als pdf zum Download)

Liebe Weihnachts-Gemeinde!

Für mich ist immer erst Weihnachten, wenn ich – wie eben – die Weihnachts-Geschichte aus Lukas 2 gehört habe. Manchmal kommt es mir so vor, als ob es mir dabei gar nicht mal auf den Inhalt der Geschichte ankomme, sondern einfach auf den Wortlaut, genau diesen Wortlaut. Wenn es losgeht in dieser altertümlichen Sprache: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…“ – dann ist für mich Weihnachten. Das Korrekturprogramm meines PCs meldet mir, dass es besser wäre zu schreiben: „…dass ein Gebot des Kaisers Augustus ausging“ oder „von Kaiser Augustus“ – aber ich hänge an der alten Formulierung, nicht nur am Inhalt.

Aber dann, beim Hören der Geschichte, passiert es dann doch: Die einzelnen Personen, Szenen, Aktivitäten in der Geschichte beginnen für mich lebendig zu werden. An jeder Stelle der Geschichte könnte man einhaken und sich genauer ausmalen, wie das da wohl gewesen ist.

Wenn es zum Beispiel gegen Ende heißt: „Die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott.“ Da frage ich mich, ob sie wirklich zu ihren Herden umgekehrt sind oder nicht vielleicht zurück ins Dorf, aus dem sie gekommen waren? Sie mussten doch unter die Leute, um ihr Glück weiterzuerzählen. Aber dann denke ich wieder: Sie können doch ihre Schafe nicht alleingelassen haben – schlimm genug, dass sie einfach zum Stall in Bethlehem abgehauen sind. Nein, denke ich, sie werden sich ihrer Verantwortung bewusst geworden sein, die sie für die Schafe haben. Und sie werden auch – als Menschen, die Tag und Nacht mit ihren Schafen lebten – sich diesen Tieren nah gefühlt haben, sie als Mitgeschöpfe liebgehabt und wichtig genommen haben. Sie hätten es wohl nicht übers Herz gebracht, diese Tiere schutzlos den Wölfen zu überlassen, die da nachts auf Beutesuche waren. Schafe haben gegen Wölfe nichts auszurichten.

Der biblische Text, den wir für den diesjährigen Weihnachts-Gottesdienst ausgesucht haben, – Vers 16 aus Matthäus 10 – handelt genau davon: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“ Jesus sagt das zu seinen Jüngern. Und er gibt ihnen in den folgenden Versen noch Mahnungen mit, wie sie sich auf diesem schwierigen Weg verhalten sollten: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ „Hütet euch vor den Menschen, denn sie werden euch vor Gericht ziehen.“ „Ihr werdet gehasst werden.“ Ein Bruder wird den andern dem Tod preisgeben.“

Rauhe Worte. Jesus war nicht zimperlich, wenn es darum ging, die Grobheit der Welt zu benennen. In dieser Welt das Evangelium zu verkünden, das ist, wie als Schaf mitten unter Wölfe geschickt zu werden.

Von ähnlichen Erfahrungen können wir durchaus auch erzählen: von Gerichten, die S21-GegnerInnen wegen Lappalien zu Geldstrafen verurteilt haben, aber prügelnde Polizisten laufen ließen. Von Zivilpolizisten, die Demonstranten provozierten oder zur Gewalttätigkeit ermunterten. Von Politikern, Bahn-Vertretern oder Journalisten, die gnadenlos die Wahrheit verdrehten und gegen uns wandten. Ja, da konnte einem schon bisweilen dieses Bild von den Schafen unter den Wölfen in den Sinn kommen. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 21.11.2019 von Pfarrer i.R. Martin Poguntke

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Parkgebet am 21.11.2019, Jeremia 32,27

Liebe Parkgebetsgemeinde,

die Zerstörungen durch S21 werden immer größer, die Skandale dahinter werden immer empörender, der Baufortschritt geht immer weiter voran. Und wir demonstrieren und warnen, wir argumentieren und gehen vor Gericht – aber es wendet sich nichts zum Besseren. Wer soll das aushalten? Ein Wunder, wie viele überhaupt von uns immer noch nicht aufgegeben haben, sondern Woche für Woche dabeibleiben!

Dabeibleiben – vielleicht auch trotz des heimlich nagenden Glaubens-Zweifels. Des Zweifels, wieso Gott nicht dreinschlägt und endlich dem ganzen S21-Treiben den Garaus macht. Wieso lässt Gott das alles – und das viele andere weltweite Elend – zu?

Manche von Ihnen nicken wahrscheinlich innerlich und sagen: Ja, ja, die Theodizeefrage, sie lässt einen einfach nicht los. Theos, griechisch: Gott; dikee, griechisch: Gerechtigkeit. Wie können wir von einem gerechten Gott reden, wenn er doch so viel Ungerechtigkeit zulässt?

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Ansprpache beim Parkgebet am 11. Juli 2019 zu Jesaia 2, Vers 4

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Liebe Parkgebetsgemeinde,

die heutige Tageslosung ist mir eine besondere Freude. Es ist der Jesaia-Vers, der seit Jahrzehnten die Friedensbewegung begleitet: „Der HERR wird zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.“ (Jesaja 2,4)

Das hat es doch wieder mal schön getroffen. Denn nach biblischem Verständnis ist auch unser Kampf gegen S21 wirkliche Friedensarbeit, weil wir auch mit unserem Widerstand hier an dem großen Ziel des Schalom mitarbeiten. Gemeint ist ja in der Bibel mit Schalom nicht nur das Schweigen der Waffen, sondern ein umfassender Friede, auch ein Friede mit der Schöpfung.

Wenn Jesaia die Vision eines großen Friedens hat, bei dem keine Schwerter und Spieße mehr gebraucht werden, sondern sie zu friedlichen Hilfsmitteln wie Pflugscharen und Sicheln umgeschmiedet werden, dann hat er ja eine Veränderung der ganzen Welt-Gesellschaft im Blick: eine Weltgesellschaft, in der auch z.B. Wohnungen nicht mehr gebaut werden, um damit Geld zu verdienen, sondern einfach, um so viel Wohnraum herzustellen wie benötigt wird. Handel wird nicht mehr in der Absicht betrieben, den Konkurrenten zu besiegen, sondern in der Absicht, die Menschen mit den Handelsgütern zu versorgen, die sie brauchen. Und Worte werden nicht mehr wie Schwerter genutzt, um andere zu übertrumpfen oder ihnen wehzutun, sondern als heilsames Mittel der Wahrheitsfindung und der gegenseitigen Hilfe.

Beim Beispiel Worte als Waffen könnten wir ja wirklich viele, viele Beispiele aus dem Kreis der S21-Propagandisten nennen, für die Worte offenbar immer nur eines sind: Waffen zur Durchsetzung des Projekts. Mir ist da kürzlich der Staatssekretär im Bundes-Verkehrsministerium Steffen Bilger aufgefallen. Als der SWR seine Rechercheergebnisse öffentlich gemacht hatte, dass S21 nicht für den Deutschlandtakt geeignet ist, da stellte er sich vors Mikrofon und behauptete einfach: „Das ist alles genau durchgerechnet und von der Bahn überprüft; das wird funktionieren.“ Bei so viel Dreistigkeit bleibt einem die Spucke weg.

Der Prophet Jesaia ist da aber auch nicht naiv und hofft nicht einfach, dass selbst einer wie dieser opportunistische CDU-Politiker es schon noch lernen wird, Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 21.2.2019 von Pfarrer Martin Poguntke

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„Schöpfungsglaube und Marktwirtschaft“

Liebe Parkgebetsgemeinde,

Ich will heute einmal mit Ihnen darüber nachdenken, was der Glaube an einen Schöpfer denn mit der herrschenden Marktwirtschaft zu tun hat. Nicht von der ethisch-moralischen Seite her, will ich fragen, also nicht von der Frage her, welche Werte dabei betroffen sind. Sondern von der Frage her: Welche grundsätzlichen Aussagen wollten eigentlich die Verfasser der alttestamentlichen Schöpfungserzählungen machen?

Wir stellen dann nämlich etwas Überraschendes fest: Obwohl es damals noch gar keinen Kapitalismus gab und keine Vorstellung von Markwirtschaft, hat das sehr viel zu tun mit eben dieser Marktwirtschaft.

Der Grund, warum sie damals eine Erzählung erstellten, in der ein Schöpfer die Schöpfung erschafft, war ja kein naturwissenschaftlicher. Sie wollten ja nicht beschreiben, auf welche Weise, die Welt erschaffen wurde. Erst recht nicht wollten sie eine bestimmte Vorstellung, wie die Welt erschaffen wurde, zum Glaubensgegenstand erheben, etwa die Vorstellung, die Welt sei in sieben Tagen erschaffen worden.

Nein, vom Wie der Schöpfung, was auf welche Weise entstanden ist – davon wussten sie ja damals noch ungleich weniger als wir, im Grunde gar nichts. Die Erzählung von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen war reine Phantasie. Aber diese Phantasie hat man aufgewandt, um zwei ganz wichtige Dinge damit zum Ausdruck zu bringen: nämlich erstens, dass es einen unaufhebbaren Unterschied gibt zwischen Schöpfer und Schöpfung, und zweitens, dass der Mensch in dieser Schöpfung eine höchst wichtige Rolle hat.

Vielleicht fragen Sie sich nun: Was hat die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Schöpfung mit der Marktwirtschaft zu tun?

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Ansprache beim Parkgebet am 11.10.18 über Psalm 41 von Pf. Martn Poguntke

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Liebe Parkgebetsgemeinde,

Der Hambacher Forst darf bis auf Weiteres nicht gerodet werden. Die verbotene Demonstration gegen die Rodung letzten Samstag durfte doch stattfinden. Das sind wunderbare Nachrichten. – Solche würden wir allzu gerne auch einmal im Zusammenhang mit Stuttgart 21 hören. Aber die Mächte, die hinter S21 stehen, scheinen zu verfilzt zu sein, die Politik scheint sich zu sehr mit S21 identifiziert zu haben, sodass kein Gericht es mehr zu wagen scheint, diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten.

Und dennoch stehen wir hier. Und dennoch demonstrieren wir seit 8 Jahren oder noch länger. Und dennoch haben wir nicht vor aufzugeben. Macht das wirklich Sinn?

Der Psalm, den wir eben gebetet haben – Psalm 41 – scheint damit nichts zu tun zu haben. Er ist ja das Gebet eines Kranken.

Aber vielleicht haben Sie schon entdeckt, dass es z.B. bei den Heilungsgeschichten Jesu um viel mehr geht als um körperliche Gebrechen. Jedenfalls weiß ich, dass viele, viele Frauen schon die Heilung der gekrümmten Frau an sich selbst erlebt haben: das Glücksgefühl, endlich aufrecht durchs Leben gehen zu können. Und ich weiß, dass schon viele Menschen nach der Lektüre einer Blindenheilungsgeschichte gesagt haben: Auch mir hat Jesus die Augen geöffnet – für die schönen Dinge des Lebens, für die Not der andern, für Situationen, in denen ich gebraucht werde.

Und so ist es mir nun mit dem Psalm 41 gegangen: Ich habe darin nicht nur die Schwachheit eines körperlich Kranken gelesen. Sondern ich habe darin auch unsere Lage als Widerständler gegen Stuttgart 21 gesehen. Weiterlesen

Tunnel-Segnung? – Nein, Segen muss der Schöpfung dienen!

Nun hat also am 17. Juli 2018 wieder eine „Segnungsfeier“ in einem S21-Tunnel stattgefunden. Wer immer die beiden evangelischen bzw. katholischen Geistlichen gewesen sein mögen und was immer bei dieser Segenshandlung getan und gesprochen wurde – ich möchte im Folgenden ein paar (hoffentlich) klärende, ganz nüchterne Gedanken zum Segnen beisteuern:

  1. Ein evangelischer Geistlicher kann nicht an der Segnung von Gegenständen (Tunnels, Häuser, Fahnen, Waffen etc.) mitwirken, denn ein auf der Bibel gegründeter Segen kann nur Menschen und ihrem Tun gelten.
  2. Nach evangelischem Verständnis ist Segnen kein magischer Vorgang, bei dem (wie Obelix mit dem Zaubertrank) göttliche oder übernatürliche Kräfte auf Menschen übertragen werden. Geistliche verfügen weder über besondere eigene oder göttliche Kräfte, noch haben sie die Macht, Derartiges herbeizurufen. Veranstaltungen, bei denen solches versucht wird – etwa, indem auf Heiligenfiguren Weihwasser gespritzt wird –, sind aus evangelischer Sicht Aberglaube und Mummenschanz.
  3. Eine Segenshandlung ist vielmehr eine natürliche und rationale seelsorgerliche Zeichenhandlung, durch die wir Menschen die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zusprechen – und aus diesem Erfahren von Zugehörigkeit schöpfen sie die Kraft, um die es beim Segen geht.
  4. Diese Gemeinschaft, in die wir Menschen beim Segnen mit hineinnehmen, ist nicht etwa die Kirche oder gar die örtliche Gemeinde, sondern die Gemeinschaft allen Lebens, der ganzen menschlichen und nicht-menschlichen Schöpfung. Diese weltumspannende Gemeinschaft bezieht ihre lebendige Kraft – körperlich und seelisch – aus der Kraft, aus der die ganze Schöpfung hervorgegangen ist und die bis heute in ihr wirkt und die wir „Gott“ nennen.
  5. Wir Christen verstehen Reden und Wirken Jesu so, dass diese der Schöpfung innewohnende Lebenskraft zugleich die Kraft der Liebe ist. Deshalb heißt Segnen für uns auch immer: Menschen in den Zusammenhang der Liebe mit hineinnehmen.
  6. Weil die Kraft, an der ein Segen teilhaben lässt, also die auf Liebe ausgerichtete Lebenskraft ist, ist die Teilhabe an dieser Kraft immer auch mit dem Auftrag verbunden, ein an dieser Schöpfung orientiertes liebevolles Leben zu führen. Segnung ohne solche Beauftragung ist Missbrauch der Schöpferkraft.
  7. Auch wenn Menschen diesem Auftrag, das Leben und die Schöpfung zu erhalten, nicht gerecht werden – und das sind nach evangelischem Verständnis alle(!) Menschen –, schließen wir sie dennoch ein in die Gemeinschaft des ganzen Lebens. Wir tun das aber nie, ohne ihnen zu sagen, worauf sie die Kraft richten sollen, die sie aus diesem Segen erfahren.
  8. Auch Menschen, die an einem in vielfacher Weise Leben zerstörenden Betrugs-Projekt wie „Stuttgart 21“ mitarbeiten, schließen wir selbstverständlich in diese Gemeinschaft mit ein. Wir tun das aber dann missbräuchlich, wenn wir sie nicht im selben Atemzug auf die Lebensfeindlichkeit ihres Tuns aufmerksam machen und sie ermahnen, ihre Kraft dem Erhalt der Schöpfung und der Gestaltung einer liebevollen Welt zu widmen. Nur dazu darf ihnen die mit dem Segen gemeinte Lebenskraft dienen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass bei der Segnungsfeier den Tunnelarbeitern und allen an diesem verbrecherischen Bauvorhaben Beteiligten deutlich geworden ist, dass sie Gott lästern, wenn sie nicht umkehren von ihrem schändlichen Tun. Das wäre eine im besten Sinne geistliche Wirkung des Segens.

Martin Poguntke, 27.7.18

Ansprache beim Parkgebet am 19. April 2018 zu 2. Korinther 4,16-18 von Pfarrer Martin Poguntke

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Liebe Parkgebetsgemeinde!

Eine der Fragen, die mir in letzter Zeit am häufigsten begegnen, ist die Frage: Warum protestiert ihr eigentlich immer noch gegen den Tiefbahnhof, obwohl ihr doch eigentlich keine Hoffnung mehr haben könnt? Warum tut ihr euch das an? Ihr quält euch, macht euch lächerlich, vertut eure Zeit.

Und ich antworte dann – und das werden Sie, liebe Parkgebetler, auch immer wieder sagen –: weil es um viel mehr geht als um einen Bahnhof. Um Demokratie geht es und darum, dass wir zu einem Großbetrug nicht schweigen können. Um das sogenannte „System 21“ geht es: dass es inzwischen weltweit zur Aufgabe der Politik zu gehören scheint, dass sie sinnlose Großprojekte erfindet und zum Schaden der Bevölkerung durchkämpft, um dem Moloch Wirtschaftswachstum Futter geben zu können. Alles das und noch mehr führen wir an, um zu sagen: Es geht bei unserem Protest um viel mehr als um einen Bahnhof.

Aber um wieviel(!) mehr es tatsächlich geht, das ist mir jetzt in den Ostertagen erst deutlicher geworden. Es geht um ein Kernelement unseres christlichen Glaubens, um die Auferstehungsbotschaft. Denn mit unserer Auferstehungshoffnung meinen wir ja nicht diese heilsegoistische Verengung, dass wir selbst – weil uns unser eigenes Leben ja das allerwichtigste ist – nach unserem Tod auf jeden Fall auferstehen müssen. Sondern unsere Auferstehungshoffnung ist ja eine Hoffnung, die wir für die Welt haben, die ganze Menschheit, die ganze Schöpfung.

In dem Predigttext, über den am kommenden Sonntag von den evangelischen Kanzeln gepredigt wird, habe ich etwas gefunden, das uns der Sache ein wenig auf die Spur bringt, der Frage: was das Geheimnis der Welt mit unserem nicht müde werdenden Protest zu tun hat und was unser scheinbar sinnloser Protest mit der Frage nach wirklichem Leben zu tun hat.

Ich lese aus dem 2. Korintherbrief, aus dem 4. Kapitel die letzten drei Verse. Dort schließt Paulus seine Gedanken über das Leiden der dortigen christlichen Gemeinde mit folgenden Worten ab:

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Paulus meint mit dem „Unsichtbaren“, das „ewig“ sei, nicht irgendein – gar esoterisches – Geistreich, das ewig sei. Nein, mit dem „Unsichtbaren“ meint er einfach alles das, was noch nicht sichtbar ist, das, was noch kommt. Also die Neuwerdung der Welt, die unsichtbar am Kommen ist – das ist die „über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit“, wie es in unserem Text heißt, die eine Qualität hat, die er „ewig“ nennt.

Und nun legt Paulus eine erstaunliche These vor. Er behauptet: diese Neuschöpfung komme ausgerechnet aus unseren Niederlagen und Schwächen. Unsere „Trübsal“ – wie es im Text genannt wird – sei kein Zeichen des Niedergangs, sondern im Gegenteil: „Unsere Trübsal … „schafft“ die ewige Herrlichkeit.“ Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 8. Februar 2018 zu Amos 5, 21–24 von Pfarrer Martin Poguntke

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Liebe Parkgebetsgemeinde,

in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 2012 – nächsten Donnerstag ist es 6 Jahre her – haben sie unseren Park endgültig zerstört. Sie haben die herrlichen, teils 200-jährigen Bäume geschreddert, eine Mondlandschaft hinterlassen. Eine böse, unsinnige Aktion, denn erst viel, viel später wurde begonnen mit dem Bau des schlechtesten Bahnhofs Deutschlands. Und die Bauarbeiten gehen zurzeit immer langsamer voran, weil die technischen, rechtlichen und finanziellen Probleme immer größer werden.

Wir haben das alles schon damals geahnt. Und gut drei Wochen später haben wir am Rande dieser Baustellen-Wüste einen Trauer-Gottesdienst gefeiert (https://s21-christen-sagen-nein.org/2012/03/10/trauergottesdienst-am-10-marz-2012-im-schlossgarten/), einen Gottesdienst, der mich noch heute ergreift, wenn ich an unsere damalige Seelenverfassung denke. – Was diesem Gottesdienst damals seine Kraft und Bedeutung gegeben hat, darum soll es heute gehen.

Ich möchte Ihnen dazu ein wenig vom Propheten Amos erzählen.

Amos war – wie alle biblischen Propheten – kein Hellseher, sondern ein Mensch mit „Durchblick“. Ein Mensch, der – weil er einen tiefen Glauben hatte – dem Alltag mehr ansah als die andern. Und so sah er mit seinem buchstäblichen „Durchblick“, wie moralisch verkommen das Israel seiner Zeit geworden war und wie falsch deshalb auch die Gottesdienste waren. Und deshalb wandte er sich mit großer Wortgewalt und schonungsloser Direktheit an seine Zeitgenossen und rief ihnen zu – ich zitiere aus Amos 5, Vers 21 bis 24, dem Predigttext vom vergangenen Sonntag:

So spricht Gott: „Ich hasse eure Feiertage und verurteile sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Die Gottesdienstbesucher waren schockiert. Sie fanden diese Vorwürfe nicht nur empörend, sondern auch völlig unverständlich. Denn ihre Lieder waren ausgesprochen schön – keineswegs „Geplärr“. Und die Harfenmusik, mit der sie begleitet wurden, war kunstvoll und auf hohem Niveau. Auch die Dank- und Speiseopfer, die sie in ihren Gottesdiensten darbrachten, waren keineswegs kritisierenswert.

Und in der Tat, die Kritik, die Amos an diesen Gottesdiensten übte, war auch keine an der Liturgie. Sondern es war eine Kritik an der inneren Haltung ihrer Besucher. Weil die Gottesdienste nämlich eines nicht leisteten: Sie veränderten die Menschen nicht; Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 18.9.2017 zu Römer 13 von Pf. Martin Poguntke

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Liebe Parkgebetsgemeinde,

hängt Ihnen auch noch das Wahlergebnis in den Knochen? Fast 13 % AfD, fast 11 % FDP in der Opposition und eine vermutliche Jamaika-Koalition an der Regierung, die von der CSU mit Obergrenze-Forderungen für Flüchtlinge und ähnlichem erpresst werden wird. Was soll daraus Gutes werden?

Ob vielleicht die SPD sich in der Opposition nun ihrer Wurzeln besinnt und wieder richtig sozial-demokratisch wird? Wir wissen es nicht.

Vorhin, im Psalm, haben wir ja gesagt: „Verlasst euch nicht auf Menschen, die können ja nicht helfen.“ Und im anschließenden Lied haben wir unsere Zuversicht auf die Mächte gestärkt, die wirklich helfen können. „Auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Im Vertrauen auf die Kraft, die in unserem Glauben steckt, werden wir uns weiterhin einmischen in die Politik. Unsere wunderbare Stuttgarter Bürgerbewegung wird sich weiterhin aktiv daran beteiligen, wie es weitergehen wird in der Stadt und im Land.

Ich habe die Wahl für mich zum Anlass genommen, mir noch einmal klar zu machen, wie das eigentlich ist mit der Obrigkeit und dem christlichen Glauben. Sind das zwei getrennte Welten? Müssen sich Christen aus der Politik heraushalten oder sich ihr unterwerfen oder zu ihr in Opposition gehen? Wie wird das denn in Bibel und überhaupt in der Theologie gesehen?

Christ und Obrigkeit in der Bibel – sehr unterschiedlich

Beim Für und Wider taucht eine Bibelstelle immer wieder auf: Römer 13. Da schreibt Paulus – Sie kennen’s vielleicht: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit … denn sie ist von Gott angeordnet.“

Andererseits sagt der Apostel Petrus in der Apostelgeschichte: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen.“

Und dann findet man im letzten Buch des Neuen Testaments, in der Offenbarung, eine schroffe Ablehnung der weltlichen Obrigkeit: Obrigkeit ist vom Teufel. Allerdings wurde dieses Bibelbuch auch gänzlich unter dem Eindruck der ersten Christenverfolgungen geschrieben, die damals durch die römischen Kaiser grausam veranstaltet wurden – diese (römische) Obrigkeit war wahrlich des Teufels.

Und geradezu das Gegenteil davon passierte im 4. Jahrhundert, als die christliche Kirche zu einer Quasi-Staatskirche des römischen Reichs wurde. Die Kirche selbst war nun zu einem Teil der Obrigkeit geworden. Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 16.3.2017 von Pf. Martin Poguntke

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Vom jüdischen Sabbat zum grundgesetzlich geschützten Sonntag

Liebe Parkgebetsgemeinde!

Jetzt möchte ich doch einmal mit Ihnen gemeinsam über den Sonntag nachdenken. Über den Sonntag, der an den S21-Baustellen so regelmäßig missachtet wird.

Das ist ja schon eine ausgesprochen erstaunliche Sache, dass es diesen freien Tag in der Woche überhaupt gibt. Man muss sich das mal vorstellen: Es muss wohl so um die 1000 vor Christus gewesen sein, als das – vor wenigen hundert Jahren erst sesshaft gewordene – Nomadenvolk Israel auch so modern sein wollte wie seine Nachbarvölker und auch einen König haben wollte, nicht mehr dieses rückständige ehemalige Viehtreiber-Image haben wollte. Ausgerechnet in dieser Zeit, als man sich der Mehrheit der Nachbarvölker anpassen wollte, da schuf sich Israel eine Einrichtung, mit der es sich von allen anderen unterschied: einen freien siebten Tag. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Judentums: Nur die Juden haben sich diesen Ruhetag alle sieben Tage geschaffen.

Die Ruhe des siebten Tages als Höhepunkt der Schöpfung

Und von Anfang an haben sie diesen freien Tag nicht nur als irgendeine von Menschen gemachte und von Menschen auch wieder veränderbare Regelung verstanden, wie die vielen sonstigen Rechtsvorschriften. Sondern von Anfang an haben sie den freien Tag als nicht diskutierbar aufgefasst und das ausgedrückt in der Geschichte, dass Mose auch dieses Gebot direkt von Gott erhalten hat. Der freie siebte Tag hat damit höchste Autorität bekommen.

Und einige hundert Jahre später – als Israel als Quittung für seine Großmachtträume im babylonischen Exil gelandet war – da hatte dieser freie siebte Tag bereits eine so hohe Bedeutung erlangt, dass man die ganze jüdische Theologie um diesen Gedanken herum strickte und z.B. den Feiertag gewissermaßen als Bauprinzip der Schöpfung festzurrte: Man legte der damaligen Schöpfungserzählung diesen 7-Tage-Rhythmus zugrunde, sodass auch Gott am siebten Tage ruhte.

Was für ein sensationeller Gedanke: Weiterlesen

Parkgebet, 13. Oktober 2016, Martin Poguntke

Epheser 6, Vers 10 bis 17
Predigttext zum 21. S. n. Tr. (16. Oktober 2016)

(Zum Herunterladen und Ausdrucken: parkgebet-161013-ansprache)

Liebe Parkgebetsgemeinde,
ich möchte heute ein paar Gedanken über den Predigttext sagen, der am kommenden Sonntag von den evangelischen Kanzeln gepredigt werden wird. Ich finde, er trifft unsere Situation als Christen in einem so heftigen Kampf, wie dem um Stuttgart 21, ausgesprochen gut. Ich lese ihn dann vor. Aber erst noch ein paar vorbereitende Gedanken:
Es hätte für mich nicht mehr des heutigen Nicht-Beschlusses bei der Aufsichtsratssitzung der Bahn gebraucht, um sagen zu können, was ich in der ganzen langen Zeit, die wir inzwischen gegen dieses Wahnsinnsprojekt kämpfen wissen gelernt habe:
Bei unserer Auseinandersetzung um S21 geht es nicht einfach um einen Bahnhof oder um ein paar Milliarden, sondern um eine ganz grundsätzliche Auseinandersetzung über ganz grundsätzliche Wertentscheidungen. Die Kräfte, mit denen wir es in dieser Auseinandersetzung zu tun haben, sind von solcher Gewalt und Rücksichtslosigkeit, dass wir sie gar nicht gefährlich genug einschätzen können.
Ich zögere etwas, dafür ein zu großes Wort zu wählen. Aber ich meine, dass wir das mit ziemlichem Recht „Mächte des Bösen“ nennen können, was uns da begegnet. Nicht die Menschen, die da handeln, sind böser als wir. Auch unsere Gegner sind nicht weniger liebevolle Familienväter oder -mütter, engagieren sich in ihrem Privatleben vielleicht nicht weniger als wir für Spielplätze, Flüchtlinge oder Umweltschutz. Nicht die Menschen selbst sind das Böse, auch nicht der Tiefbahnhof selbst, sondern der Geist, der in unseren Gegnern wirkt. Weiterlesen

Parkgebet am 14.4.16 zu 1. Joh. 5,4b von Martin Poguntke

Ansprache als pdf-Datei

Liebe Parkgebetsgemeinde!

Es ist schon eine gewaltige Wucht, mit der die S21-Betreiber scheinbar unaufhaltsam ihren Weg vorangehen. Mit welcher Rücksichtslosigkeit sie zerstören! Mit welcher Leichtigkeit sie Lügen verbreiten und Gesetze bis zum Zerbrechen biegen zu ihrem Vorteil! Mit welcher Beharrlichkeit so viele Menschen, die es besser wissen könnten und vermutlich auch besser wissen – mit welcher Beharrlichkeit sie ihresgleichen unterstützen, decken, verteidigen!

Ich frage mich immer wieder: Warum tun die das? Warum machen sich Menschen so verbissen zu Werkzeugen der Zerstörung und des Betrugs?

Als Versuch einer Antwort darauf ist in mir in den letzten Jahren die Überzeugung gereift: Das ist eine Glaubensfrage. Diese Leute haben einen ganz anderen Glauben. Sie dienen – ohne sich dessen bewusst zu sein – einem ganz anderen Gott.

Ich will heute anhand eines Satzes – des Kernsatzes – aus dem Predigttext vom kommenden Sonntag der Frage nachgehen, was unseren Glauben ausmacht. Und im Umkehrschluss: was wohl den Glauben dieser S21-Verteidiger ausmacht.

Dieser Kernsatz des Predigttextes steht im 1. Johannesbrief, Kapitel 5, dort am Ende von Vers 4, und er lautet:

 „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Bevor ich frage, was das für ein Glaube ist, von dem da so Großes gesagt wird, möchte ich ein wenig auffächern, was mit diesem Satz gesagt ist. – Wenn ich’s richtig sehe, dreierlei:

1. Unser Glaube ist der Sieg, der dazu führt, dass uns das Treiben der Welt nicht mehr gefangen hält.

Mit dem Treiben der Welt meine ich in erster Linie diesen kapitalistischen Zwang zum immer weiteren Wachstum, egal, wodurch, und koste es, was es wolle. Das ist ja der einzige Sinn von Stuttgart 21: dass Geld in die Wirtschaft gepumpt wird, damit auf Teufel komm raus die Wirtschaft wachsen kann. Ob das Projekt am Ende funktioniert, ist völlig egal – Hauptsache, die Wirtschaft wird angekurbelt. Und wenn man hinterher teure Korrekturen und Ergänzungen machen muss – umso besser: dann kann man noch mehr Geld in die Wirtschaft lenken.

Aber so widersinnig und absurd einem dieses Treiben erscheinen mag – es hat eine ungeheure Kraft: Wir können uns diesem System nicht wirklich entziehen. Unmerklich und ohne es verhindern zu können, werden wir alle zu Teilen dieses Systems. Wir tragen es mit durch unsern Konsum. Wir tragen es mit, weil wir durch unser ganzes Leben Teil dieses weltweit zerstörenden Ausbeutersystems sind.

Wir können uns dieser Welt nicht entziehen, aber: Weiterlesen

Ev. Kirche macht Grünen-Wahlkampf

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http://hospitalhof.de/programm/180116-5-jahre-danach-die-schlichtung-zu-s21/

Kommentar:
(und hier als pdf-Datei: Ev. Kirche macht Grünen-Wahlkampf)

Die sogenannte „Schlichtung“ zu S21 ist zweifelsohne einer der geglücktesten Propagandacoups der damaligen Landesregierung gewesen: Angeblich, um „alle Fakten“ zu S21 „auf den Tisch“ zu bringen, ließ Heiner Geißler neun Tage lang die S21-Gegner ihre hoch kompetenten Kritikpunkte der Bahn um die Ohren hauen und machte die Teilnehmer und alle Welt glauben, die Bahn würde nun endlich verpflichtet, diese auch zu berücksichtigen.

Wohlwissend, dass die Bahn selbstverständlich nicht aufgrund einer bloßen Aufforderung eines durch keine Rechtsgrundlage legitimierten „Schlichters“ irgendwelche Änderungen am Projekt vornehmen würde – ja, dass die Bahn das aus rechtlichen Gründen gar nicht durfte –, beließ Geißler es lediglich bei „Vorschlägen“, denen er selbst lediglich „psychologische“ und „politische“ Wirkung beimaß. Dass Geißler zu keinem Zeitpunkt die Notwendigkeit ins Gespräch brachte, dass am Ende dieses Faktenschecks eine rechtlich bindende vertragliche Regelung mit der Bahn stehen müsste, macht deutlich: Es ging von vornherein nicht um Korrekturen, sondern um Beschwichtigung und Schwächung der Gegnerschaft.

Auch die Begründung Geißlers, warum die Bahn „weiterbauen“ dürfe („die Bahn hat Baurecht“), macht deutlich, dass die ganze Veranstaltung als Show gedacht war. Denn das war erstens schon damals falsch, weil sie Baurecht damals nur für zwei von fünf Planfeststellungsbereichen hatte (und bis heute nur für drei von fünf). Und es führt zweitens auch die ganze Schlichtungsveranstaltung ad absurdum, denn dieses Baurecht war ja vorher schon bekannt und kein Ergebnis der Schlichtung. Wenn die Bahn aufgrund dieser Begründung weiterbauen durfte, dann hätte man sich die ganze Schlichtung sparen können.

Der von Geißler beabsichtigte Eindruck, es werde aufgrund der Schlichtung tatsächlich Planungsänderungen geben, wurde auch von den Pro-S21-Parteien als Wahlkampf-Versprechen genutzt: Alle Parteien warben „Ja zum Schlichtungsergebnis“ – und verhinderten anschließend jede Umsetzung dieses Ergebnisses: Nichts, aber auch wirklich gar nichts vom „Schlichtungs“ergebnis wurde umgesetzt. Außer dem „Stresstest“, bei dem allerdings „Stress“ systematisch verhindert wurde und bei dem die Bahn an so vielen Stellen ihre eigenen Planungs-Regeln verletzte, dass sie damit erfolgreich den Eindruck erwecken konnte, der Kellerbahnhof bringe eine Leistungssteigerung.

Und was haben die Grünen als Regierungspartei getan? Sie haben es nicht einmal geschafft, auf den vorgeblich allseits unterstützten „Schlichtungs“ergebnissen zu bestehen und andernfalls den Pro-Parteien ihre gebrochenen Wahlversprechen vorzuhalten. Sondern genau der am Montag auf dem Podium sitzende Verkehrsminister war sich nicht zu schade, auf der Homepage seines Hauses den einzigen formal umgesetzten – aber inhaltlich betrogenen – Punkt des Schlichtungsergebnisses schön zu lügen: S21 bringe tatsächlich eine Leistungssteigerung.

Wenn die Grünen es zu keinem Zeitpunkt geschafft haben, auf die Ergebnisse der „Schlichtung“ zu pochen, sondern sogar deren Schein-Erfüllung noch zu behaupten – wie kritisch kann Winfried Hermann dann bei dieser Veranstaltung dem Heiner Geißler Contra bieten, mit dessen Partei er voraussichtlich nach der Wahl eine Koalition eingehen möchte?
Und wenn als weitere Gäste nur moderate S21-Gegner und Grünen-Freunde auf dem Podium sitzen – wer soll dann dem Verkehrsminister Contra bieten?

Was wird also unterm Strich herauskommen an diesem Abend? Ein „Schlichter“ und ein Verkehrsminister, die beide unbehelligt ein friedliches Heimspiel absolvieren, garniert mit einigen ein klein wenig aufmüpfigen Fragen der übrigen Podiumsgäste, an denen die Politprofis sympathisch ihre Redegewandtheit unter Beweis stellen können.

Nein, diese Veranstaltung erscheint mir als reine Wahlkampfhilfe für die Grünen – finanziert von der Evangelischen Kirche (unterstützt von BUND und VCD). Das wäre nicht so unappetitlich, wenn es dabei nicht um den Milliardenbetrug S21 ginge, den die Grünen seit Regierungsantritt tatkräftig verschleiern helfen – und hier auch (wieder mal) die Evangelische Kirche.

Dabei wäre engagiertes Eintreten – gerade der für die Bewahrung der Schöpfung eintretenden Kirche – für einen schnellstmöglichen Baustopp und ein baldigstes Ende von S21 so dringend vonnöten. Aber die Kirche steht eben, wo sie immer stand…

Martin Poguntke

Ansprache beim Parkgebet am 15. Oktober 2015 von Pfarrer Martin Poguntke

Bitte hier klicken, um die Ansprache als pdf-Datei herunterzuladen:
Parkgebet, 151015, Heilung des Gelähmten

Liebe Parkgebetsgemeinde,

Eberhard Dietrich hatte letztes Mal zufällig über genau diesen Psalm 32 gesprochen, den wir vorhin gebetet haben – und er hat sehr Wichtiges dazu gesagt. Nämlich, dass in Stuttgart der Rechtsfrieden gestört ist, weil die Verantwortlichen für den 30.9. sich noch immer nicht zu ihrer Schuld bekannt haben. Unvergebene Sünden stehen noch im Raum.
Auch im Predigttext vom vergangenen Sonntag – in der Geschichte von der Heilung eines Gelähmten aus Markus 2, Vers 1 bis 12 – spielt diese Sündenvergebung eine Rolle. Ich will deshalb heute ein wenig mit Ihnen über diese Geschichte nachdenken.

Ich bin ja der Überzeugung, dass die biblischen Schriftsteller die Wundergeschichten vor allem deshalb weitererzählt haben, weil sie und ihre LeserInnen selber darin vorkommen.
Deshalb will ich mich heute Abend mit Ihnen, liebe Parkgebetler, auf die Suche machen: Wo kommen wir denn in der Geschichte vor? Ich erzähle sie kurz:
Jesus war wieder zurück nach Kapernaum gekommen. Nicht nur die Frommen strömten herbei, sondern auch all die Neugierigen, die einfach bloß sehen und hören wollten, was dieser Wanderprediger wohl sagen und tun würde.
Und ein paar Freunde eines gelähmten Mannes versuchten nicht nur, selbst zu Jesus vorzudringen, sondern für ihren gelähmten Freund vielleicht die Chance seines Lebens zu nutzen. Aber es gab kein Durchkommen, die vielen Leute verstopften die Eingänge und machten keinen Platz für sie.
Da nahmen sie die Matratze, auf der sie den Gelähmten hergetragen hatten, und stiegen den Leuten buchstäblich aufs Dach – das muss man manchmal tun, auch auf Bahnhofsdächern–, räumten oben ein paar Ziegel ab und seilten ihren auf Heilung Hoffenden direkt vor Jesu Füße ab.
Und Jesus macht nun etwas ganz Überraschendes: Er heilt den Gelähmten nicht, sondern er sagt zu ihm: Deine Sünden sind dir vergeben.
Jesus vergibt dem Gelähmten die Sünden, und eigentlich nur nebenbei – weil die Leute glauben, es sei schwieriger einen Gelähmten zu heilen als Sünden zu vergeben – nur so als Ergänzung sagt schließlich Jesus zu dem Mann in der Mitte: Nimm deine Matratze und geh heim. Und der geht tatsächlich heim – geheilt von seiner Lähmung.
Und die Leute scheinen nicht zu erkennen, was für eine tiefe Heilung hier geschehen ist. Sie nehmen nur die Sensation wahr: „Wow, so etwas haben wir ja noch nie gesehen!“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Parkgebetsgemeinde. Aber ich fühle mich schon auch immer wieder wie gelähmt, dabei zum Zusehen verdammt, wie sie da unsere Stadt und einen der besten Bahnhöfe Deutschlands ruinieren. All mein Tun kommt mir dann vor wie das hilflose Fuchteln des Gelähmten, der dadurch doch nicht vom Fleck kommt.
Ohne die Hilfe der anderen geht gar nichts. Und das Schlimme: Sind nicht die anderen hier in Stuttgart alle gleich gelähmt wie ich? Sind nicht die einzigen Nicht-Gelähmten die Betreiber und Unterstützer von S21? Sie handeln doch Tag um Tag! Weiterlesen

Rede von Pfarrer Martin Poguntke bei der Kirchentags-Kundgebung: „Aus S21 klug werden: Oben bleiben!“ am 6. Juni 2015

Rede von Martin Poguntke zum Kirchentag als pdf-Datei zum Herunterladen.
…und hier als Video: https://www.youtube.com/watch?v=OCOlvM4gLic

Liebe Protestantinnen und Protestanten – aller Konfessionen! Liebe Agnostiker! Liebe – wenn ich hier den Theologen Schleiermacher zitieren darf – liebe „Gebildete unter den Verächtern der Religion“! Sie alle grüße ich im Namen der Initiative „Theologinnen und Theologen gegen Stuttgart 21“ mit einem herzlichen „Grüß Gott“.

1.1 S21 ist eine Katastrophe für die Umwelt

Wir stehen hier, weil uns eines verbindet: die Empörung über ein Bauprojekt, für das es geradezu verharmlosend ist, es nur „Murks“ zu nennen. Denn es ist gefährlicher, zerstörerischer Murks, was hier gebaut werden soll.

Stuttgart hat bislang den zweitpünktlichsten Großbahnhof Deutschlands. Die Behauptung, S21 bringe mehr Leistung, ist längst widerlegt. Aber mit dieser Lüge will man diesen hoch funktionstüchtigen Kopfbahnhof mit 17 Gleisen und großem Potenzial für Erweiterungen zerschlagen und stattdessen einen Vororthaltepunkt mit nur 8 Gleisen daraus machen – ohne jede Erweiterungsmöglichkeit. Und das nur, um auf der frei werdenden Fläche Geschäfte mit teuren City-Grundstücken machen zu können.

Stuttgart ist eine Wirtschafts- und Verkehrsmetropole – und zugleich Feinstaub- und Stau-Hauptstadt Deutschlands. Stuttgart kann sich einen solchen Leistungsrückbau von Verkehrsinfrastruktur einfach nicht leisten – wir ersticken doch in Autos. Das ist ein Umweltskandal erster Güte.

1.2 Katastrophe für die Sicherheit

Aber nicht nur die Leistung des geplanten Kellerbahnhofs ist viel zu schlecht, sondern er ist auch noch dazu hoch gefährlich. Weiterlesen

Zwei Pfarrer und ein Bahnhof

Martin Poguntke und Johannes Bräuchle im Interview:

Zum 5-jährigen Jubiläum der feierlichen Prellbock-Anhebung als versuchtem Projektstart von Stuttgart 21 am 2. Februar 2010 führte die schweizerische evangelisch-reformierte Wochenzeitschrift „doppelpunkt“ ein Interview mit den beiden Theologen.
Hier der Artikel, der daraus entstanden ist – ergänzt durch einen Artikel über den ehemaligen Bahnhofsvorsteher des Stuttgarter Hauptbahnhofs Egon Hopfenzitz. Weiterlesen

„Farbe bekennen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“

Herzliche Einladung zu der Kundgebung
„Farbe bekennen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“
am Montag, 5. Januar, um 17 Uhr auf dem Stuttgarter Schlossplatz!
(angemeldet ist vorsichtshalber eine Kundgebungszeit von 17 bis 20 Uhr).

Diese Kundgebung wurde ganz kurzfristig angesetzt, weil offenbar die PEGIDA-Bewegung nun auch in Stuttgart Fuß fassen will und dazu eine Kundgebung für denselben kommenden Montag, 19 Uhr in Stuttgart plant.

Die PEGIDA-Aktionen haben äußerlich Ähnlichkeiten mit den Aktionen gegen Stuttgart 21: die „Montags-Demonstrationen“ und die Zielrichtung gegen eine „Lügenpresse“ und gegen Parteien, die uns verraten (und damit zwar nicht zu einer offiziell beklagten Politik-Verdrossenheit, aber zu einer Politiker-Verdrossenheit beitragen).

Dem steht aber eine grundsätzlich andere Ausrichtung gegenüber: Weiterlesen

Kreuz und Kommerz

Ich frage mich:
Darf in einem Gottesdienst das Kreuz so eingerahmt von kommerzieller Werbung stehen?
Ist die katholische Kirche von allen guten Geistern verlassen?
Ist das nur geschmacklos oder Gotteslästerung?
Wie distanzlos darf Kirche zur Macht sein?
Üble Assoziationen an vergangene Zeiten steigen in mir auf…

Barbara-Feier am 4. Dezember 2014 im S21-Steinbühltunnel bei Hohenstadt:

Kreuz und Kommerz

Martin Poguntke

Wider die „Ausschließeritis“ und den Glauben an die eine „richtige“ Aktionsform (Gedanken zu unseren Anti-S21-Aktionen), Martin Poguntke

Hier dieser Beitrag als pdf-Datei: Wider die Ausschließeritis

Unsere Vielfalt ist unsere Stärke.

Erhalten wir diese Vielfalt
– auch wenn wir dabei mit Aktionen identifiziert werden,
mit denen wir nicht identifiziert werden wollen!

Das sollten wir aushalten – um der Sache willen!

Liebe MitstreiterInnen,
ich möchte hiermit einen Debattenbeitrag leisten und hoffe, dass ich die Diskussion in unserer Bewegung damit ein wenig bereichere. Ich würde nämlich gerne die Frage der richtigen Aktionsformen bei unserem Widerstand gegen S21 etwas tiefer hängen – und zwar vor allem aus folgendem Grund:

Jede Aktion kann gegen uns gewendet werden
Die gesellschaftlich Mächtigen können jede, wirklich jede unserer Aktionen gegen(!) uns wenden. Als wir am Volksentscheid mitgemacht haben, haben sie ihn manipulieren können und werfen uns nun vor, wir seien undemokratisch. Hätten wir nicht(!) mitgemacht, hätten sie uns unterstellt, wir wüssten, dass wir keine Mehrheit hätten, und wir seien – wiederum – undemokratisch. Blockieren wir die Straßen, sagen sie, wir seien undemokratisch und gewalttätig. Demonstrieren wir unauffällig sagen sie, es gebe uns nicht mehr und wir hätten uns geschlagen gegeben. Weichen wir von dem Demonstrationsweg, den sie uns vorgeschrieben haben, ab, sagen sie, wir seien außerhalb des Rechtsstaats. Folgen wir brav allen Auflagen, schreiben sie gar nicht mehr über uns und verbreiten, es gebe uns nicht mehr. usw.

Ich schließe daraus: Jede, aber wirklich jede (selbst die allerfreundlichste und sympathischste) Aktion kann sowohl gegen(!) uns gewendet werden als auch zu Reaktionen führen, die einen kritischen(!) Diskurs in Gang setzen. Und jede, aber wirklich jede (selbst die radikalste und kompromissloseste) kann sowohl zu einem positiven(!) Aufschrei in der Öffentlichkeit führen als auch zu einer vernichtenden(!) Gegenreaktion.

Nicht die Aktionsform als solche scheint mir deshalb das Entscheidende, sondern dass wir immer und immer wieder in den öffentlichen Diskurs eingreifen mit immer neuen phantasievollen, überraschenden, feinsinnigen oder grobschlächtigen Aktionen. Wir müssen dem Diskurs „Futter“ geben, weil das immer und immer wieder die Chance birgt, dass Aufklärerisches oder Kritisches in der Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert wird. Ob aber unser „Diskursfutter“ so wirkt, wie wir es denken – das haben wir nicht in der Hand.

Bitte keine Distanzierungen! Weiterlesen

Parkgebet am 14.11.2013, MartinPoguntke

(hier als pdf-Datei: Parkgebet, 14.11.13, Martin Poguntke)

Liebe Parkgebetsgemeinde!
Ich möchte heute mit Ihnen ein bisschen darüber nachdenken, was es mit dem Segen Gottes auf sich hat, mit der Kraft Gottes. Wo wirkt Gottes Kraft, wo nicht? Wie kommt man an sie dran? Was kann man dafür tun? Welche Rolle spielen unsere Gebete und Gottesdienste dabei?
Claus Schmiedel hat ja in einer seiner denkwürdigen Reden gesagt, auf dem Projekt Stuttgart 21 liege Gottes Segen. Nun, die bisherige Geschichte des Projekts lässt einen daran sehr zweifeln.
Ein bisschen klang es aber damals auch wie ein Beschwörungsversuch von Schmiedel: Irgendwie wollte er wohl auch – so ein bisschen magisch – die guten Kräfte beschwören und auf sein Lieblingsprojekt lenken. Nicht bewusst – er findet sicher, dass er als Sozi eher atheistisch sein müsse – aber irgendwie unbewusst.
Jetzt fragen wir uns aber mal ganz selbstkritisch: Tun wir womöglich was ganz Ähnliches? Wenn wir uns hier zu Parkgebeten versammeln – versuchen wir dann womöglich auch, die guten Kräfte des Schöpfers und der Schöpfung auf unseren Widerstand zu lenken? Parkgebete so ein bisschen als Zaubertrank, wie bei Asterix und Obelix?
Lassen wir die Antwort noch ein bisschen offen und gehen noch einmal von einer ganz anderen Seite dran. Da gibt es nämlich einen ganz störenden Ausspruch von Jesus. Der Mann kannte ja kein Pardon, der hat ja ständig unsere vertrauten religiösen Orientierungsmarken durcheinander gebracht.
Ich denke gerade an den Satz Jesu, den Matthäus in die Bergpredigt mit eingebaut hat: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“.
Ich möchte nicht verhehlen, dass es für mich immer wieder eine kleine Zumutung ist, das den „Bösen“ und „Ungerechten“ zuzugestehen, dass auch sie rundum von der göttlichen Kraft versorgt werden. Nur wenn ich mich selbst beim Bösesein ertappe, höre ich den Satz mit etwas Erleichterung, dass Gott die Sonne auch für die Bösen scheinen lässt.
Aber es scheint so zu sein, dass der Gott, wie Jesus ihn glaubte, nicht nur für die Guten da ist, sondern auch für die Bösen. Wenn wir das weiter denken, müssen wir sagen: Ja, auch Schmiedel und seine ganzen S21-Befürworter – alle haben sie Anteil an dieser unendlichen göttlichen Kraft – genauso, wie auch wir Gegner des Projekts.
Mit welcher anderen Kraft sollten sie auch ihre Lügen in die Welt tragen und sich den Geldhaien andienen? Es gibt ja keine andere Kraft in der Welt als die eine göttliche Kraft. Es gibt ja keine zwei Götter: einen guten und einen bösen. Und auch das, was manche „Teufel“ nennen, wird in der Bibel als gefallener Engel gesehen – also als ebenfalls vom einen Gott stammender Störenfried.
Wozu feiern wir dann eigentlich Gottesdienste? Ist es denn so, dass dann auf der einen Seite die Gegner und auf der anderen Seite die Befürworter jeweils ihre Gottesdienste feiern und damit jeweils versuchen, Gott für sich zu reklamieren und ihn mit seiner Kraft auf ihre Seite zu ziehen? Weiterlesen

Himmelfahrts-GD im Schlossgarten am 9.5.2013

(Video des ganzen Gottesdienstes von camS21 http://bambuser.com/v/3574756  – herzlichen Dank dafür an camS21!)

Ansprache von Pfarrer Martin Poguntke über Markus 16,15–20
(als pdf-Datei hier klicken: Ansprache)

Liebe Protestantinnen und Protestanten aller Konfessionen!

Christen sind Protestleute gegen den Tod. Das Leben als Protestleute ist aber manchmal gar nicht so einfach. – Wem sage ich das!

Jahre sind es mittlerweile, dass wir gegen diesen in so vieler Hinsicht zerstörerischen Bahnhof kämpfen. Jahre sind es, dass wir für eine gerechte und menschliche und mit der Natur in Frieden lebende Gesellschaft kämpfen. Und Jahre sind es, in denen wir immer und immer wieder die Erfahrung gemacht haben, verlassen worden zu sein:
Verlassen von den Zusagen vermeintlich neutraler Helfer, die uns dann – z.B. am Ende der sogenannten „Schlichtung“ – in den Rücken gefallen sind.
Verlassen von vermeintlich verlässlichen Verbündeten, die – kaum an die Regierungsmacht gewählt – plötzlich sich an Händen und Füßen gebunden darstellen.
Verlassen von Hoffnungen auf Petitionen, Gerichte, Aufsichtsräte usw.

So oft, wie wir verlassen wurden, da müssten wir eigentlich mittlerweile alle Hoffnungen fahren gelassen haben. Aber jetzt stehen wir heute hier – aus welchen Gründen jeder und jede Einzelne auch immer – und feiern einen Himmelfahrts-Gottesdienst. Wir lassen einfach nicht locker und sagen: Das kann nicht sein, dass diese feinen Herrschaften so einfach den Sieg davon tragen. „Wir stehn hier und singen“ – und auch das ist ein Protest von uns.

Ich will einmal versuchen aufzuspüren, was unser Verlassenwerden und unser Protest mit Himmelfahrt zu tun haben könnten.

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Über die menschliche Hybris beim Projekt S21

Liebe Parkgebets-Gemeinde,

man wirft uns GegnerInnen von Stuttgart 21 immer wieder gerne vor, wir seien technikfeindlich. Zumindest für meine Person kann ich das sehr deutlich zurückweisen. Das Gegenteil ist der Fall: Ich bin – obwohl ich von Beruf Pfarrer bin – fast ein bisschen ein verhinderter Ingenieur. Mich fasziniert das, was Technik heute alles kann: Computer-Technik, Straßen- und Schienenbautechnik, Medizin-, Energie-, Werkstofftechnik und, und, und… Nein, ich bin ein großer Bewunderer guter Ingenieurleistungen – und hasse schlechte.
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Parkgebet 28.06.2012: „Suchet der Stadt Bestes !“

Liebe Parkgebets-Gemeinde!
Sie kennen vermutlich diesen Satz des alttestamentlichen Propheten Jeremia. Auf ihn hat man sich auch schon mehrfach auf Demonstrationen gegen Stuttgart 21 bezogen.
Gemeint war dann: Es ist Aufgabe von uns Christen, der Stadt Bestes zu suchen, dazu beizutragen, dass es nicht nur der Kirchengemeinde, sondern auch der bürgerlichen Gemeinde gut geht.
Mehr noch war gemeint: Es ist Aufgabe der Christen, sich auch politisch einzumischen, dazu beizutragen, dass politisch ein guter Weg für die Stadt und überhaupt für die Welt gegangen wird.
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Trauergottesdienst am 10. März 2012 im Schlossgarten – die Predigt

die Ansprache als pdf-Datei

Liebe Mittrauernden!

Es mag sein, wir gewinnen den Streit, wie wir eben gesungen haben. Aber das fällt uns heute schwer zu glauben.
Wir stehen hier am Rande der Brache und suchen immer noch nach Worten, weil wir es einfach nicht fassen können. Wir sehen um uns, und hinter diesem hässlichen Zaun erstreckt sich eine noch ungleich hässlichere Fläche, Ödland, eine Mondlandschaft. Was haben sie aus unserem Park gemacht?!

Bis zum Schluss hatten wir gehofft. Gehofft, es gebe terminliche Probleme – wegen der Vegetationsperiode oder wegen der bundesweiten Polizeieinheiten. Gehofft, es gebe politischen Druck auf die Bahn, der sie hindern würde – zumal sie ja ohnehin noch nicht graben kann hier. Gehofft, die Schlichtervereinbarung, dass die gesunden Bäume verpflanzt werden müssten, würde das Elend aufhalten. Gehofft, gehofft, gehofft.

Gehofft auf Menschen, auf die Regierung, auf das Glück, auf Gott. Alles vergeblich!

In der Nacht vom 14. auf den 15. Februar haben wir uns hier im Park zu mehreren Tausend denen entgegen gestellt, die den Park frei machen sollten, damit die Bahn ihr Zerstörungswerk beginnen kann. Aber sie haben sich durch uns nicht hindern lassen. Schon am nächsten Tag haben sie einen unvorstellbaren Kahlschlag angerichtet. Und wir waren zum Zuschauen verdammt. Schweigend oder schreiend, weinend oder diskutierend immer neu unsere guten Argumente austauschend mussten wir mit ansehen, wie uns und den vielen hier lebenden Tieren Baum um Baum dieser wichtige Teil des Schlossgartens genommen wurde.

Und heute stehen wir nun hier und wissen nicht, wohin mit unseren Gefühlen und Gedanken. Wut und Enttäuschung, über die Politik und über uns selbst, empörte Anklagen, stille Trauer.

Wir hatten sie unterschätzt, die Mächte, die dieses Wahnsinnsprojekt wollen. Wir hatten es uns nicht wirklich vorstellen können, dass sie diese wunderbaren Bäume und ihre tierischen Bewohner auf dem Altar des Neoliberalismus opfern würden und auf dem Altar der Staatsräson, die klar stellen musste, dass man sich der Wirtschaft nicht in den Weg stellen darf. Auch deshalb musste aus ihrer Sicht unser Widerstand unbedingt gebrochen werden – selbst wenn dieses Projekt gar nicht zu Ende gebaut werden kann, wie viele Fachleute fest annehmen.

Es hat unsere Vorstellungskraft gesprengt, dass sie diese Brutalität wirklich begehen würden. Und es sprengt unsere Vorstellungskraft, dass wir ihnen das jemals verzeihen könnten. – Aber uns selbst sollten wir es verzeihen. Bloß wie?

Natürlich fragt in dieser Situation manch einer nach Gott? Wer wollte uns das verübeln, wenn wir angesichts dieses Elends heute fragen, wo da Gott ist? Dass Menschen uns enttäuschen, ja, wir selbst, das mag noch angehen. Aber Gott?! Müsste der nicht dreinschlagen? – Wenn es ihn denn gäbe!

Und da mutet uns der Apostel Paulus mit dem einen Satz, der dieses Jahr zur Jahreslosung geworden ist, zu, dass wir unser Bild von Gott auf den Kopf stellen, indem Paulus Jesus sagen lässt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ – Dieses kleine Sätzchen über die göttliche Kraft stellt die Welt auf den Kopf: Es wirft unsere kindliche Vorstellung von dem Gott, der unberührbar mächtig über den Dingen steht, über den Haufen. Genauso wie unsere gesellschaftliche Erfahrung, dass die Wirtschaftsmächtigen und Kriegstreiber und Rambos sich eben doch immer durchsetzen.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das ist eine Zumutung, weil uns mit einem Schlag die Hoffnungen aus der Hand geschlagen werden, wir bräuchten nur eine genügend starke Regierung, müssten uns nur mit den Mächtigen verbinden, müssten nur recht große Mehrheiten hinter uns versammeln – dann würde es schon voran gehen mit der Welt.

Stattdessen mutet uns dieser Satz zu: Das, was diese Welt im Innersten zusammenhält, das, was die Quelle aller Kräfte und Mächte der Welt und der Natur ist – Gott – dieser Gott wirkt nicht auf die Weise der Despoten und Herrscher, sondern durch die Schwachen. Nicht von oben, sondern von unten. Nicht mit Gewalt, sondern in der Weise der Graswurzeln, unter der Erde, unsichtbar, scheinbar vernachlässigbar, verlacht von den Wichtigen, übersehen von den Erfolgreichen. In den Schwachen liegt die Verheißung, dass die Welt durch sie zu einem guten Ziel gelangt.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Paulus mutet uns mit diesem Satz zu, unsere Hoffnungen nicht auf einen Gott zu setzen, in den wir unsere Machtphantasien projizieren können, nicht in einen Gott, den wir als ins Positive gewendeten Herrscher sehen, den wir aus der Überhöhung unserer – von Ohnmacht geprägten – Alltagserfahrung gewinnen. Sondern wir sollen diese Gewalterfahrungen unseres Alltags auf den Kopf stellen, als Protest gegen die Welt, wie sie ist. So entsteht ein Gottesbild, das ein Gegenbild unserer Gesellschaft ist.

Diese Zumutung, dass wir uns das Gelingen der Welt nicht von den Starken erhoffen sollen, nicht von unserer Wirtschaftsstärke, nicht von eindrucksvollen politischen Parteien, nicht von denen, die so gekonnt mit den Mächtigen verkehren – diese Zumutung ist auch eine wunderbare Verheißung: Was eure scheinbare Schwäche ist, dass ihr die Mächtigen nicht auf eurer Seite habt, das ist in Wahrheit eure Stärke: Denn so, wie wir Christen Gott glauben, verändert er die Welt durch die Macht der Ohnmächtigen, durch den Kampf der Friedliebenden, durch den Druck der Gewaltlosen durch den Reichtum der Habenichtse.

Und diese Zumutung und Verheißung – sie ist auch eine Verpflichtung: Seht euch vor vor denen, die mit den Mächtigen kungeln! Werdet nicht wie sie! Glaubt nicht ihren Versprechungen! Erhofft euch nicht von ihnen die Lösung der wichtigen Fragen, gar die Heilung der Welt! Sondern setzt euch ein für die Opfer der Gesellschaft, für die Menschen, die unter die Räder kommen, für die Natur, die unterworfen wird – indem wir uns auf diese Weise auf der Seite der Schwachen engagieren, gilt auch für uns diese Verheißung, dass Gott durch die Schwachen mächtig ist.

Und wenn da irre geleitete hochmütige Menschen rufen: „Wir sind die Guten.“ Dann antworten wir nicht(!): „Nein, wir(!) sind die Guten!“ Denn Gottes Kraft ist nicht in uns mächtig, weil wir die besseren Menschen wären, moralisch stärker, überlegene Strategen oder weil wir gar die Mehrheit hinter uns hätten. Sondern Gottes Kraft ist in uns mächtig – so glauben’s wir Christen – gerade, weil wir nicht annähernd so sind, wie wir sein sollten. Weil wir unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, weil wir ängstlicher sind als es uns recht ist, weil wir unserer eigenen Überzeugungen nicht sicher sind, weil wir selbst enttäuschend sind, weil wir ganz durchschnittliche schwache Menschen sind, die natürlich den Park nicht schützen konnten.

Aus all diesen Gründen gilt für uns die Verheißung: In euch Schwachen ist Gottes Kraft mächtig, gerade weil ihr nicht auf euch selbst und auf Macht vertraut, sondern weil ihr erstens auf Machtmittel verzichtet und zweitens euch auf die Seite der Ohnmächtigen stellt, der machtlosen Menschen und der machtlosen Natur – deshalb könnt ihr die Hoffnung nähren, dass genau durch euch eine ganz besondere Kraft wirkt. Die Kraft nämlich, die aus einem einzelnen Samenkorn einen mächtigen Baum wachsen lässt. Die Kraft nämlich, die aus unterschätzten Hausfrauen und resignierten Couch-Potatoes wache Menschen macht, mit ungeahnt widerständigem Mut. Die Kraft, die aus 4 Leuten auf der ersten Montagsdemo zig Tausende macht. Die Kraft, die wirtschafthörige Regierungen zu Fall bringt und die auch den Opportunismus der Nachfolger zu Fall bringen kann.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Diese Überzeugung birgt die lebendige Hoffnung, dass sich die Siege der Mächtigen eines Tages gegen sie selbst wenden werden. Dass die Niedergeschlagenen aufgerichtet werden. Dass die vermeintlich so zukunftsorientierte Mehrheit das Nachsehen hat. Dass sich die Siege der Geldgläubigen eines Tages umkehren werden in ihre große Niederlage.

Wir brauchen nicht an uns selbst zu zweifeln oder gar zu ver-zweifeln, denn unsere Trauer über die verlorenen Bäume und Tiere – das glaube ich fest – sie ist eine Kraftquelle, mit der die Übeltäter nicht gerechnet hatten. Die (wirkliche und vermeintliche) Schwäche unserer Trauer ist es – das glaube ich fest – aus der wir eine Kraft gewinnen werden, die Wirkung hat, weit über das Projekt Stuttgart 21 hinaus.

Und deshalb: Lasst uns heute unsere Trauer nicht wegschieben, nicht verleugnen, nicht verdrängen. Sondern lasst uns gemeinsam traurig sein, weil unsere heutige Trauer wie ein Samenkorn die Kraft in sich trägt, von der Paulus sagt, sie sei Gottes Kraft. In unserer Trauer wirkt die Kraft, die die Bäume hat wachsen lassen, von denen wir hier nur noch die Stümpfe sehen. Die Bäume und Tiere sind weg. Aber die Kraft in ihnen und hinter ihnen – das glaube ich fest – die werden sie nicht totkriegen, denn es ist die Kraft, von der die ganze Welt herkommt, die Kraft, die diese Welt zusammen und am Leben hält, die Kraft, die dieser Welt Zukunft gibt – es ist Gottes Kraft in unserer Trauer – die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Amen.

(Martin Poguntke)

Friedensappell: Offener Brief an Winfried Kretschmann

Tragen Sie bitte zum Frieden im Land bei!
Genehmigen Sie keinen Polizeieinsatz für das Projekt „Stuttgart 21“,
bevor alle entscheidenden Fragen geklärt sind!

 Stuttgart, 11.12.2011

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident! Lieber Herr Kretschmann!

ich schreibe Ihnen als Mitglied der Initiative „Theolog/innen gegen Stuttgart 21“. Wir haben im Dezember 2010 in unserer von inzwischen über 1200 ChristInnen unterzeichneten „Gemeinsamen Erklärung“ (www.s21-christen-sagen-nein.org/gemeinsame-erklarung-von-theologinnen/) unsere vielfältigen Bedenken gegen das Projekt „Stuttgart 21“ zum Ausdruck gebracht. Daran hat sich durch den Volksentscheid nichts geändert. Im Gegenteil.

Mit großer Sorge nehme ich die Vorbereitungen der Polizei auf den Abriss des Südflügels und die Fällung der Schlossgartenbäume wahr. Das ist zurzeit weder rechtlich angemessen noch politisch klug. Es wird die demokratische Kultur im Lande nachhaltig beschädigen und unabsehbare Folgen für den Frieden in der Stadt und im Land haben.

Ich bitte Sie dringend: Lassen Sie das nicht zu! Tragen Sie zum Frieden im Lande bei!

Sie wissen doch: Die rechtliche Zukunft von S21 ist völlig ungewiss:

  • Das zentrale Interesse der Stadt Stuttgart an S21, dass die Gleisanlagen des Kopfbahnhofs abgebaut und das Gelände überbaut werden darf, ist gerichtlich noch völlig ungeklärt. Vielmehr muss damit gerechnet werden, dass mindestens ein Teil der Kopfbahnhofgleise bestehen bleiben muss.
  • Ob die Mischfinanzierung von S21 durch Stadt, Land und Bahn      verfassungsgemäß ist, muss noch gerichtlich überprüft werden.
  • Für den Bau der Grundwassermanagement-Anlage besteht – nachdem die Wasserentnahmemenge mehr als verdoppelt werden soll – noch keine Genehmigung. Sie wurde dort illegal errichtet.
  • Für den Abstell- und Wartungs-Bahnhof Untertürkheim ist das Planfeststellungsverfahren noch nicht abgeschlossen.
  • Für die gesamten Anlagen auf der Filder ist ein Genehmigungsverfahren noch nicht einmal eingeleitet.
  • Nicht zuletzt ist immer noch nicht geklärt, wer ggf. die (unbestreitbar entstehenden) über 4,5 Mrd. hinaus gehenden Kosten trägt.

In einer rechtlich derart offenen Situation – von den unverändert katastrophalen Mängeln des Projekts selbst ganz zu schweigen – ohne Not ein Baurecht der Bahn mit massivem Polizeieinsatz durchzusetzen, dient auf keinen Fall dem Frieden, sondern stellt eine unangemessene Verschärfung der ohnehin labilen Situation dar.

Denn auch der Volksentscheid hat ja keineswegs eine klare Mehrheit für den Weiterbau ergeben. Vielmehr hat sich landesweit fast die Hälfte der Abstimmenden dagegen ausgesprochen.

Und das, obwohl der Volksentscheid eben gerade kein Beispiel für gelungene Demokratie war. Vielmehr werden auch Sie sagen müssen: So etwas darf nie wieder vorkommen:

  • dass ein Volksentscheid mit Millionenbeträgen aus der Wirtschaft      beeinflusst wird,
  • dass in unglaublichem Umfang öffentliche Körperschaften (Rathäuser, Gemeinderäte, Landratsämter, Regionalparlamente) mit einseitigen und falschen Darstellungen Einfluss auf die Abstimmung nehmen,
  • dass selbst von staatlicher Seite aus eine Lüge zum Hauptargument der Abstimmung erhoben wird (die Behauptung, die Ausstiegskosten betrügen für den Steuerzahler 1,5 Milliarden).

Deshalb fordere ich Sie so dringend wie herzlich auf, die Durchsetzung des Baurechts der Bahn zu verschieben, bis alle erforderlichen Fragen gerichtsfest geklärt sind – zumindest aber, bis mit rechtsgültiger Unterschrift die Frage der Übernahme von Mehrkosten definitiv geregelt ist.

Das Baurecht – zumal, wenn es nur zu einem kleinen Teil überhaupt besteht – ist nicht das höchste Recht eines Landes, dem sich alle andern Rechte unterzuordnen hätten (z.B. das des Landes auf Kostenklarheit und -wahrheit). Zumindest hat es zurück zu stehen, wenn es nicht auf für einen demokratischen Rechtsstaat angemessene Weise durchzusetzen ist. Und das ist in der aktuellen Situation nicht gegeben. Eine Landesregierung hat auch eine Verantwortung für den Frieden im Land. Nehmen Sie bitte diese Verantwortung wahr!

Mit freundlichen Grüßen
Martin Poguntke

PS:  Dieser Brief wird mit unterstützt von:
Friedrich Gehring, Michael Harr, Dieter Hemminger, Annette Keimburg, Gunther Leibbrand, Guntrun Müller-Enßlin, Wolfgang Schiegg, Martin Schmid-Keimburg, Dorothea Ziesenhenne-Harr.
Er geht an einen breiten Presseverteiler und an verschiedene Internetseiten.

‚Ethisch optimaler’ contra ‚wirtschaftlich optimaler’ Umgang mit nicht optimalen Menschen

Statement bei der Veranstaltung
„K21 – der barrierefreie Kopfbahnhof –> deshalb oben bleiben – eben bleiben“
am 27. September 2011
(alle Statements der Veranstaltung: vimeo.com/29684416)
(dieses Statement: www.youtube.com/watch)

Die ethischen Kriterien des Statements kurz zusammengefasst: 
1. Alle Menschen sind beschränkt.
2. Vielfalt an Leben ist ein zentrales Ziel.
3. Die Schwachen stehen im Mittelpunkt.
4. Der Einzelne steht im Mittelpunkt.
5. Gesellschaftliche Wertschöpfung muss in erster Linie dem Menschen dienen, nicht umgekehrt – und zwar dem unterstützungsbedürftigen Menschen.

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter 
für einen menschlichen Bahnhof und eine menschliche Zukunft!
Ich soll hier ein paar ethische Gedanken zum Thema sagen. Da muss ich Sie aber gleich enttäuschen: Ich kann Ihnen da keine allgemeingültige Ethik bieten, weil man Wertentscheidungen nicht logisch ableiten kann. Über Ethik nachdenken heißt, darüber nachdenken, welche Wertentscheidungen man warum getroffen hat oder gerne treffen will. Ich kann hier – als evangelischer Pfarrer – entsprechend nur von dem ethischen Begründungszusammenhang ausgehen, der meine – eine christliche – Ethik prägt.
Ich denke aber, dass das auch für diejenigen unter Ihnen, die mit Kirche nichts anfangen können oder die sich an ganz anderen Kulturen orientieren, eine interessante Anregung ist. Das will ich tun: Sie anregen.
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SPD-Minister müssen sich äußern, um Schaden vom Land abzuwenden!

Offener Brief
an die SPD-MinisterInnen
der baden-württembergischen Landesregierung
namentlich an die Herren
Nils Schmid, Rainer Stickelberger und Reinhold Gall

 Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schreibe Ihnen als Mitglied der Initiative „Pfarrer/innen gegen Stuttgart 21“. Wir haben im Dezember 2010 in unserer von inzwischen über 1000 ChristInnen unterzeichneten „Gemeinsamen Erklärung“ (www.s21-christen-sagen-nein.org/gemeinsame-erklarung-von-theologinnen/) unsere vielfältigen Bedenken gegen das Projekt „Stuttgart 21“ zum Ausdruck gebracht.

Inzwischen sind viele weitere skandalöse Details zu diesem Projekt bekannt geworden. Ich bin irritiert, dass von den SPD-Landesministern dazu nichts zu hören ist. Sie haben bei Ihrem Amtsantritt geschworen, Schaden vom Land abzuwenden. Da ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit, dass Sie zumindest zu den schwerwiegendsten Vorkommnissen öffentlich Stellung beziehen.

Es sind klare Belege dafür bekannt geworden, dass die Bahn für Stuttgart 21 schon bei Vertragsabschluss wesentlich höhere Kosten angenommen hatte, als von ihr öffentlich behauptet.
Es ist vom ehemaligen Bahn-Chefplaner Hany Azer eine Liste von 121 zum Teil sehr teuren Risiken für das Projekt erstellt und von den Medien teilweise veröffentlicht worden.
Hier droht Milliardenschaden für das Land. Ein Finanz- und Wirtschaftsminister, der sein Amt ernst nimmt und Schaden vom Land und seinen BürgerInnen abwenden will, darf zu solch unkalkulierbaren und vom Parlament nicht genehmigten Kosten – die schließlich wesentlich von den BürgerInnen dieses Landes zu tragen sind – nicht schweigen.

Es sind klare Belege dafür bekannt geworden, dass die Deutsche Bahn AG als Vertragspartnerin der Landesregierung wissentlich falsche Angaben zu den Kosten von Stuttgart 21 gemacht hat.
Dieselben Belege zeigen, dass die Vorgänger-Regierung über diese von der Bahn bewusst zu niedrig angegebenen Kosten informiert war, aber trotzdem Parlaments-Beschlüsse zum Projekt herbei geführt hat, die von falschen Kostenangaben ausgehen.
Hier stehen massive Rechtsbrüche gegenüber dem Land, seinem Parlament und seinen Bürgern im Raum. Ein Justizminister, der sein Amt ernst nimmt und Schaden vom Land abwenden will, darf dazu nicht schweigen.

Es ist zu befürchten, dass die Bahn den Südflügel abreißt, noch vor dem von der Landesregierung geplanten Volksentscheid über einen Ausstieg des Landes aus dem Projekt und damit eine solche Abstimmung teilweise gegenstandslos macht.
Es ist bekannt, dass für den Volksentscheid ein Drittel der Wahlberechtigten mit Ja stimmen müsste (also mehr  Wahlberechtigte als insgesamt die gegenwärtige Regierung gewählt haben), dass damit also die Änderung eines einfachen Gesetzes offenbar einer höheren Legitimität bedürfte als sie die ganze Regierung hat.
Hier wird die Demokratie beschädigt und eine Chance zum Frieden vertan. Ein Innenminister, der sein Amt ernst nimmt und Schaden vom Land abwenden – gar das Land zu einem „Leuchtturm demokratischer Beteiligung“ machen will –, darf dazu nicht schweigen.

Ich rufe deshalb die SPD-Minister dieser Landesregierung auf:

  • Bestehen Sie gegenüber dem Projekt„partner“ Deutsche Bahn AG auf einem unbedingten und vollständigen Bau- und Vergabestopp bis zur Klärung aller Finanz- und Risikofragen zu Stuttgart 21 – mindestens aber bis zum Volksentscheid (damit dieser überhaupt noch Sinn machen kann)!
  • Fordern Sie vom Projekt„partner“ Deutsche Bahn AG vollständige Akteneinsicht in alle Unterlagen zu Finanzierung und Baurisiken!
    (Es geht nicht an, dass der „Stern“ besser informiert ist als die Landesregierung.)
  • Lassen Sie alle rechtlich fragwürdigen Aspekte des Projekts schnellstmöglich von Gerichten überprüfen! (Es geht nicht an, dass sich das Land Baden-Württemberg an einem Bauprojekt beteiligt, das womöglich in Teilen illegal ist.)
  • Sollte die Bahn auf Ihre Forderungen nicht eingehen, kann sie für das Land Baden-Württemberg keine Partnerin zum Wohl
    des Landes
    mehr sein. Für das Land entfällt damit die Geschäftsgrundlage. Überweisen Sie unter diesen Umständen keinerlei Gelder an die Bahn (bzw. mit ausdrücklichem Rückzahlungsvorbehalt) und arbeiten Sie auf eine Kündigung der
    Verträge
    hin!
  • Schaffen Sie die rechtlichen Voraussetzungen dafür, dass sich die Landesregierung am tatsächlichen mehrheitlich geäußerten
    Willen der Bevölkerung orientiert
    und diesen nicht wegen eines undemokratischen Quorums übergeht!

Helfen Sie bitte zu verhindern, dass die SPD sich vollends unmöglich macht:

Versuchen Sie nicht, durch Wegtauchen der SPD in diesen Fragen, unbeschädigt zu bleiben! – Die WählerInnen wählen keine Partei ohne
erkennbares Profil.
Erliegen Sie nicht der Versuchung: Wer jetzt die CDU am besten schont, wird nach einem etwaigen Zerfall der Grün-Roten Koalition zum neuen Regierungs-Partner der CDU! – Sie verlieren so Ihre restliche Glaubwürdigkeit.
Setzen Sie nicht darauf, durch Zurückhaltung einen guten Eindruck bei der konservativen Wirtschaft zu machen und dadurch von dort Spenden zu bekommen! – Sie brauchen auch Wähler!

Dieses Schreiben geht auch an 38 Adressaten in sämtlichen regionalen Geschäftsstellen der Landes-SPD, sowie an einen breiten Presseverteiler.

Mit freundlichen Grüßen,
Martin Poguntke

unterstützt von: Friedrich Gehring und Gunther Leibbrand

Für eine lebendige Stadt begeistert auf-er-stehen – Gottesdienst im Park am 15.5.2011

Ein ganz herzliches Willkommen an Sie alle, liebe Gottesdienstbesucherinnen und Gottesdienstbesucher,
liebe Bewegte, die Sie von innerhalb und außerhalb dieser Stadt hierher gekommen sind, wo wir an einem der schönsten Plätze Stuttgarts diesen Gottesdienst feiern wollen.

Zu Anfang ein kurzer Spot rückwärts: Es war am 5. April 2010, am Ostermontag, hier an diesem Ort: Damals haben wir den ersten Gottesdienst im Schlossgarten gefeiert unter dem Motto „Sucht der Stadt Bestes“. Ich freue mich sehr, dass Sie heute, etwas mehr als ein Jahr später an diesem Sonntag zwischen Ostern und Pfingsten dabei sind, vielleicht zum ersten Mal, vielleicht sind Sie aber auch wieder dabei  – und wenn es so ist, dass Sie wieder dabei sind, dann geht es Ihnen vielleicht so wie mir: Das Jahr, das seither vergangen ist, zieht an mir vorbei und angesichts der unglaublichen Geschichte, die sich in Stuttgart seither vollzogen hat, bin ich immer noch von den Socken und möchte dann und wann sagen: He, kneift mich mal, ich glaub, ich träum. Kein Stückeschreiber hätte besser erfinden, kein Regisseur besser in Szene setzen können, was da als atemberaubende Realität ihren Lauf genommen hat mit uns Bürgerinnen und Bürgern als Akteuren.  Der Gottesdienst heute ist denn auch alles andere als ein Déjà Vue. Damals vor einem Jahr hatten wir in Analogie zum Proprium von Ostern, der Auferstehung, gerade begonnen, aufzustehen. Der Aufstand  war noch jung, wir hatten uns gerade auf den Weg gemacht, das Beste für unsere Stadt zu suchen, wir hatten zu träumen begonnen und gewagt unseren Träumen zu folgen, wir hatten appelliert an die Stadtoberen, unseren Argumenten zuzuhören. Mir kommt das heute fast vor wie in einem anderen Leben. Denn was klein anfing, hat sich zu einer mächtigen Bewegung entfaltet, beispiellos in Stuttgart, beispiellos in ganz Deutschland. Blitzlichter flammen vor mir auf: Bauzaunaufstellung, Nordflügelabriss, Schwarzer Donnerstag, Faktencheck, die folgende Depression, die Ereignisse um Fukushima, schließlich die Wahlen und ihr sensationelles Ergebnis, und schließlich, letzten Donnerstag, die Vereidigung der neuen Landesregierung  mit Winfried Kretschmann als erstem grünem Ministerpräsidenten in Deutschland. Weiterlesen