Ansprache beim Parkgebet am 2. April 2015 von Pf.i.R. Gunther Leibbrand

Liebe Parkgemeinde,
heute ist Gründonnerstag. Ein Tag, an dem Christen sich an Jesu bevorstehendes Leiden und Sterben erinnern.
Wir tun dies als Christinnen und Christen, die sich hier unter Protest an einer der Baugruben versammeln, die einen funktionierenden Bahnverkehr zu Grabe tragen wollen.

Es würde den Rahmen sprengen, all die Einzelheiten erwähnen zu wollen, die unseren Protest bis zum heutigen Tage nicht erlahmen lassen. Aber eine Hauptsache soll genannt werden: Die Kräfte, die hier am Werke sind, missachten sowohl geltendes Recht, das den Rückbau von Infrastrukturmaßnahmen wie den Schienenverkehr in Deutschland mit Steuermitteln ausdrücklich verbietet. Genauso, wie die Art und Weise der Durchsetzung ihrer fraglichen Absichten nicht konform geht mit einschlägigen Vorschriften rechtsstaatlicher Polizeiarbeit.

Wie können wir diese Dinge zusammenbringen mit dem Gedenken an das Leiden und Sterben Jesu?

In unseren Demonstrationen führte jemand immer wieder ein Plakat mit, auf dem geschrieben steht: „Was würde Jesus dazu sagen?“
Nun, aus dem, was im Laufe der Jahrhunderte aus Jesus gemacht wurde, können wir viel lernen:

Zunächst:
Jesus wurde gekreuzigt. Auf Befehl der Römer hin, die damit Furcht und Schrecken verbreiten wollten: Niemand sollte Zweifel darüber haben, dass Rom alle Umsturzversuche unbarmherzig ahnden würde. Herausgekommen ist aber eine Geschichte, nach der der verantwortliche Römer Pontius Pilatus sich seine Hände in Unschuld waschen konnte, weil die ihm Unterstellten ihn so sehr bedrängt hätten, sodass er ihnen letztlich nachgab. Schuld am ungerechtfertigten und grausamen Kreuzestod waren so nicht mehr die Römer, sondern die Juden. Mt 27,25: “Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“.

Aus dieser schlichten Umdeutung wurde die Grundlage zweitausendjährigen Judenhasses auf christlichem Boden.
In diesen Wochen vor 70 Jahren kam diese Schreckensgeschichte zur wohl ewigen Beschämung heraus – und hat es seither schwer, auch nur einigermaßen anerkannt und zugegeben zu werden.

Wenn ich bloß daran erinnern darf, mit welchem rein zeitlich gesehen, ungeheuerlichem Vorlauf von 40 Jahren der damalige Bundespräsident von Weizsäcker am 8. Mai 1985 – vor bald 30 Jahren also – einen Pflock einschlagen durfte: Der 8. Mai 1945 sei nicht der Tag des Zusammenbruchs gewesen sondern ein Tag der Befreiung! Das durfte einer sagen, der als junger Anwalt seinen Vater zu verteidigen suchte, der als ehemaliger Botschafter des Deutschen Reiches beim Heiligen Stuhl als Kriegsverbrecher angeklagt war.

Wundern wir uns eigentlich wirklich über die Dinge hier im Zusammenhang von Stuttgart 21, wenn die noch viel größeren Ungeheuerlichkeiten wie der millionenfache Mord an Résistance-Kämpfern aus dem besetzten Europa, an Juden, Polen und Sowjetbürgern so lange Zeit hat geleugnet werden dürfen? Wundern wir uns, wenn sämtliche deutschen Stellen, die sich mit Neonazi-Gewaltverbrechen von Amts wegen hätten befassen müssen, genau dieses nicht getan haben?

Damit wir nun nicht in völliger Verzweiflung unsere Sachen einpacken und nach Hause gehen, lassen Sie mich die Gelegenheit beim Schopfe packen und versuchen zu erklären, in welchem Sinne unsere christliche Religion uns in diesem Grauen dennoch einen Weg zeigen kann:
Sind es nicht die jüdischen Opfer der verblendeten Antisemiten so vieler Jahrhunderte, die uns hier die Hand reichen, wenn einer der Ihrigen, Schalom Ben-Chorin, in München 1913 geboren als Fritz Rosenthal und 1935 nach mehrmaliger Misshandlung nach Palästina ausgewandert, uns zuruft:

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, / ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit, / achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit!
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. / Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht..
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blühten wiegt, / bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.“

Es will mir nicht aus dem Kopf: Es ist dieses trotz allem überlebt habende Volk Israel, in dem uns Nachgeborenen der ungebrochen mehrtausendjährig antisemitisch lebenden Christen das lebendige Wort Gottes begegnet. Dieses Gotteswort der unfasslich verzeihenden Liebe und des Neuanfangs trotz so vieler trotziger Schlussstrich-Forderer, das ist es, was uns auch über unsere Frustration in Sachen S21 weiterhelfen kann. Hitlers willige Helfer – wie könnten sie etwa nicht auch in Sachen S21 anders als mit Blindheit geschlagen sein!?!

Ziehen wir weiter unsere Straße, lassen wir nicht nach mit unserem Protest. Unser Land könnte auch ein Beispiel geben für den verantwortlichen Umgang mit dem technisch Machbaren. Wenn das die Mehrheit aber gerade nicht will, sondern meint, wenn schon Länderfinanzausgleich, dann destruieren wir hier unsere Infrastruktur so nachhaltig, dass wir irgendwann nichts mehr einzahlen müssen, sondern Hilfe aus Nordrhein-Westfahlen und Berlin erbitten müssen…
Wir können warten und wir werden dann aber nicht zu denen gehören, die sich über den angerichteten Schaden freuen, sondern werden zu denen gehören, die Erbarmen haben mit denen, die wieder einmal nichts gewusst haben, denen man nichts gesagt hatte, die verführt worden sind.

In diesem Sinne freuen wir uns, dass Gott seine Auferstehungskraft gerade denen verheißt, die sie am allerwenigsten wollen.
Spielen wir mit in diesem tragikomischen Spiel des liebenden Gottes mit seiner widerspenstigen Spezies hier im Ländle.

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