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„Sucht das Beste für die Stadt“ – Martin Klumpp

Liebe engagierte Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt!

Beim Propheten Jeremia (29,7) hieß es einst: „Sucht das Beste für die Stadt“. Darum geht es jetzt.
In fünf kurzen Punkten sage ich, was mir wichtig ist.

1.   Es wird uns vorgehalten, wir seien viel zu emotional.
Was sollen wir denn sonst sein? Ich habe als Kind den Krieg erlebt, sah sogar, wie Stuttgart brannte. Wenn ich heute sehe, wie ein völlig intakter Bahnhof, der als Denkmal gilt, einfach so brutal zerstört wird, dann tut’s doch weh im Magen.
Wenn die alten Platanen, Naturdenkmale, einfach so verschwinden sollen, dann zieht’s das Herz zusammen.
Wir sind keine technokratisch verbildeten Monster. Wir sind Menschen mit Herz und Seele, die sich freuen an dem Schönen, was Krieg und Nachkriegszeit übrig ließen von der Stadt.

2.   Man hält uns vor, der Widerstand käme viel zu spät.
Das kommt auch daher, weil die Projektbetreiber bis heute statt Information nur billige Emotionalisierung betrieben mit Slogans wie vom „Herz Europas“, mit Videoanimationen, als ob die schöne neue Welt entstünde.
Aber die Bürgerschaft will nicht durch Werbung überredet werden. Sie hat sich langsam selber informiert.
Ein Szenario von Schrecken über Schrecken hat sich eingestellt: Die Kosten explodieren laufend, geologische Probleme sind nicht sicher abgeklärt, der Güterverkehr hat dabei keine gute Zukunft, der Anschluss an den Nahverkehr verschlechtert sich; und was ganz schlimm ist: Wer durch Stuttgart reist, sieht nichts mehr von der schönen Stadt, nur noch dunkle Wände. Das ist ein Akt von Selbstzerstörung.

3.   Nun wird gesagt. das alles sei doch längst beschlossen.
Als demokratischer Bürger fragt man sich: Was sind das für Beschlüsse, wenn zum Zeitpunkt der Entscheidung die wahren Kosten gar nicht klar sind, wenn Gutachten verheimlicht werden, wenn nur die Werbung zählt, statt Hören auf
die Sach- und Fachkritik? Stimmt man in Parlamenten nur über wage Visionen ab oder erfordern neue Sachverhalte neue Überprüfung?
Das kennt doch jeder Unternehmer: Ein Projekt, das im Entstehen scheitert, kommt nicht auf den Markt.
Nach dem Grundgesetz geht „alle Staatsgewalt vom Volke aus“ (Art.20.2).
Deshalb sollen Regierende und Parlamentarier hörbereit sein auf das, was man im Volke denkt und fühlt.  Wenn man uns nur die kalte Schulter zeigt, stellt man uns als Bürger vor die Wahl, entweder wütend zu werden oder resigniert zu schweigen. Ein solcher Vorgang wirkt wie Gift für demokratische Kultur.

4. Jetzt kommt vielleicht der Runde Tisch. Das wäre durchaus gut. Wenn aber eine Seite meint, es ginge nur um Nettigkeit, der Abriss unseres Bahnhofs sei doch schon vollzogen, dann wird der Ärger umso größer. Da fühlt sich keiner ernst genommen. Die Wut nimmt weiter zu.
Das wäre doch ein Kompromiss: Erhaltet uns den Bahnhof, stellt ihn wieder her, saniert ihn für die Zukunft. Hände weg vom grünen U. Dann bleiben Mittel für die Strecken, auch für die in Richtung Ulm. Die Güter gehören auf die Bahn,
nicht alles auf die Straße. Macht eure Hausaufgaben, dass wir nicht täglich hören müssen: Wir bitten um Entschuldigung. Das ist doch peinlich. Das arme Personal erlebt den ganzen Unmut der Kunden.

5. Viele von Euch wissen, dass ich mehr als vierzig Jahre in der Evangelischen Kirche engagiert und tätig war. Ich spreche nicht für die ganze Kirche. Dazu gehören auch Menschen, die anders denken als wir auf diesem Platze. Trotzdem: Zwei Aspekte aus der Bibel nenne ich.
Zum Einen: Der Staat hat vor allem die Aufgabe, für Frieden und Gerechtigkeit zu sorgen.
Zum Frieden hilft nicht Stuttgart 21. Es entzweit die Bürgerschaft.
Das ist genau wie beim Turmbau zu Babel, wo die Oberen sich einen Namen machen wollen, aufs Volk nicht hören, nur Unterwerfung fordern und Chaos produzieren.
Gerechtigkeit meint: Das Gemeinwesen soll sich konzentrieren auf kulturelle Bildung und Entwicklung aller Bürger, auf Chancengleichheit für die Armen und für jene, die von sich aus wenig Chancen haben. Wo so Gerechtigkeit
gedeiht, da wächst auch Frieden.
Zum Zweiten: Die christliche Botschaft beginnt mit dem Satz: Kehrt um, denkt um, seid kritisch zu euch selbst.
Wenn die Politiker, z. B. Herr Grube, Herr Mappus, Herr Schuster und alle, die da mit entschieden haben, sagen würden: Jawohl! Wir haben uns getäuscht, es kommt doch viel zu teuer und bringt nicht, was es soll, es ist zu grob für dieses Tal und wird nicht angenommen, dann wäre das für mich nicht peinlich und nicht feige, sondern mutig.Es gehört zur Würde von uns Menschen, dass wirumdenken und umkehren können.  Ich wünsche den Politikern, dass sie in diesem Sinne Mut und Würde zeigen.  Dafür würden wir sie achten.   Dann wachsen wieder Friede und Gerechtigkeit. Und wir sind engagiert dabei.

Rede von Martin Klumpp, Prälat i.R. der Evangelischen Landeskirche, bei der Montagsdemo am 6. Sept. 2010

Hier gibt’s diesen Text als PDF

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„Wir sind das wütende Pack“

Nach wohltuender Stille nun ein paar Gedanken, die mich umtreiben als Christenmenschen und als evangelischen Pfarrer im Ruhestand. Nicht nur mich, sondern eine Reihe von Menschen, mit denen ich in den letzten Monaten, Wochen und Tagen gesprochen habe.
Auf einem Plakat bei einer Demo las ich: We are the angry mob. Wir sind das ärgerliche Pack.
Ärgerlich – aufgebracht – wütend – jede und jeder mag „angry“ übersetzen, wie ihr / ihm zumute ist. Mein Eindruck: Der Protest entwickelt sich deutlich von ärgerlich hin zu wütend. Warum?
Die Gründe sind zahlreich und die Motive der Vielen haben unterschiedliche Schwerpunkte. Einige will ich nennen.
Nicht als „verkehrspolitischer Experte“. Wie könnte ich auch eine Kompetenz beanspruchen, die die Bischöfe unserer beiden großen Kirchen für sich ausdrücklich in Abrede stellen?
Also:  Jenseits verkehrspolitischen und juristischen Spezialistentums gibt es sehr wohl Gründe, Motive für den Unmut, den Zorn, die Wut. Man muss nur genauer hinschauen.

Wie wurden und werden diejenigen beurteilt, diffamiert, die nicht in die Lobeshymnen auf „Das neue Herz Europas“ einstimmen können?
Ja – wie es der eben zitierte Spruch einer Gegnerin ironisch aufgreift – als „Mob“. Als „Eventdemonstranten“ oder als „ewig Gestrige“, die nicht ganz bei Trost sind. Als „Randalierer“, als „Freizeitpunks“ u.a.m. Am vorigen Mittwoch beklagten sich nach dem Gebet hier zwei ältere, gut-bürgerliche Damen: „Stellen Sie sich vor, uns wird nachgesagt, wir würden für unseren Protest bezahlt.“
Der Autor Heinrich Steinfest, der in Stuttgart lebt und zur Zeit an einem Kriminalroman mit dem Thema „Stuttgart 21“ arbeitet, sagt dazu:
„Die Stuttgarter definieren den Begriff der Demokratie neu. Es wird immer gesagt, Stuttgart 21 sei demokratisch legitimiert. Aber die Leute schauen sich genau an, wie dieser Legitimationsprozess erfolgt ist. Politiker haben aufgrund eines Fraktionszwangs einer Sache zugestimmt, über die sie nicht restlos informiert gewesen sind. Eine Lücke, welche die Protestierenden nun selber füllen.“
Und seine Einschätzung: „Ich habe noch nie eine Demonstration erlebt, wo die Leute so viel analysieren. Die haben tatsächlich Ahnung.“
Warum merken andere das nicht? Warum hören sie was anderes? Schwadronieren von „unreflektierter Agitation“, von „Schwarz-weiß-Schemata“ und „Halbwahrheiten“ ?
So z.B. der Pfarrer der Stuttgarter Stiftskirche im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg Nr. 37/2010.
Schlagworte – im wahrsten Sinn! Man merkt die Absicht und man ist verstimmt. Und gewiss nicht im Sinne der Presseerklärung der Bischöfe, in der sie betonen: „Wir nehmen in diesem Konflikt Partei für die Menschenwürde und für einen Umgang in der inhaltlichen Auseinandersetzung, der dem sozialen Frieden dient.“

Befürworter des Großprojekts könnten an dieser Stelle einwenden: „Und was ist mit ‚Lügenpack’? Ist das etwa in Ordnung?“ Nein – ist es grundsätzlich auch nicht. Aber ich erlaube mir, nach Ursache und Wirkung zu fragen.
Niemand – auch niemand im Kirchenamt – sollte auf der einen Seite mit der Goldwaage hantieren, auf der anderen aber in vornehm-zurückhaltender „Neutralität“ schweigen.
Wer absichtsvoll provoziert wird,
– etwa durch die Verweigerung eines Baustopps,
– etwa durch Abbrucharbeiten abends zwischen 18 und 19 Uhr während einer Montagsdemo,
– etwa durch Gesprächsverweigerung (bisher zumindest),
– etwa durch Drohungen und Einschüchterungsversuche,
um nur einige Beispiele zu nennen – wer so behandelt wird, dem platzt auch mal der Kragen.

Ich darf aus der Bibel zitieren:  „Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt! Weh euch, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! Von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht. Ihr Schlangen, ihr Otternbrut!“ (Mt.23, 24-33 i.A.)
Alles andere als eine wohltemperierte Rede. Vielmehr die Sprache des Machtlosen, der Zorn eines, der gegen die Arroganz der Macht aufbegehrt.
Dass bei den Sondierungsgesprächen, die jetzt – auf Vermittlung des katholischen Stadtdekans – doch in Gang zu kommen scheinen, ein moderater Ton vorherrschen möge, versteht sich von selbst.

Ein Zweites: In nahezu jedem Interview, das von einem der Stuttgart21-Akteure gegeben wird, ist von Unumkehrbarkeit die Rede.
Mir ist in menschlichen Verhältnissen nichts, aber auch gar nichts bekannt, das nicht umkehrbar wäre. Selbst vom Tod, dem scheinbar Unumkehrbaren, bekennen Christen: Seine Macht ist aufgehoben.
Umkehr ist eine der ganz grundlegenden Optionen menschlicher Existenz. Die Möglichkeit zur Umkehr gehört konstitutiv zu dem Menschenbild, das uns in christlicher Tradition überliefert ist. Umkehr hat mit Freiheit zu tun.
Diese Freiheit zu bestreiten, ist anmaßend. Sie zu bestreiten, obwohl man um die Option der Umkehr weiß, zielt auf Resignation und Einschüchterung.
Wenn die Kirchenleitungen von Menschenwürde sprechen: Warum erheben sie an dieser Stelle nicht vehement Widerspruch?
Redet uns nicht von Unumkehrbarkeit! Beraubt die Bürger nicht der Freiheit, die sie haben!

Meinen dritten Punkt möchte ich überschreiben:  An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen!
Es wird ja immer wieder behauptet, der ganze Protest gegen das Projekt Stuttgart 21, das zutreffender „Babel 21“ heißen müsste, sei Folge eines Vermittlungsproblems. Die einzige Selbstkritik der Betreiber:  Man habe versäumt, den Bürgerinnen und Bürgern die Vorzüge der schönen neuen Bahnhofswelt nahe zu bringen.
Ist da was dran?
Nein – es wurde ja auf vielfältige Weise geworben:
Anfangs: „Paris – ein Vorort von Stuttgart“. Ironisch-schillernd zwar, hat aber nicht funktioniert.
Dann wurde „Unser schönstes Geschenk“ präsentiert und „Das neue Herz Europas“. (Und manche von der Elite des Fortschritts laufen jetzt tatsächlich mit so einem Herz-Button herum – wie einfallsreich!) Und dann noch: „Das schaffen nur wir.“
Angesichts solch ebenso deplazierter wie großmundig-dämlicher Sprüche – warum kam da nicht deutlich die Reaktion: Einspruch! Insbesondere von denen, die eine gepflegte, menschenwürdige Kommunikation anmahnen?

Und wenn OB Schuster in einem Offenen Brief – bereitwillig verbreitet von den örtlichen Presseorganen – beteuert:
„Wir sind für Sie alle da“ und Bahnchef Grube tönt:  „Wir wollen den Stuttgartern doch etwas Gutes tun.“
Jeder, der ein Gespür für Worte hat, hört in diesem Gesäusel die schiefen, falschen Töne. Man muss sich gar nicht an einen erinnern, der 1989 in Verkennung der Situation so geredet hat – und ausgelacht wurde. Man muss nur aufmerksam hören. An ihrer großspurigen, verlogenen Sprache müsstet ihr sie erkennen!

Ein vierter und letzter Punkt – ganz kurz:
Wenn es an Sprachsensibilität fehlt: Warum erkennen die Wächter der Menschenwürde nicht, mit welcher Art von Projekt wir es zu tun haben?
Größer – weiter – schneller – teurer ist die Devise.
Aber:  Mehr und mehr Menschen, nicht nur die offen protestierenden, glauben dieser Heilslehre des grenzenlosen Fortschritts nicht mehr. Zumal wenn er so zerstörerisch daherkommt. Sie haben gute Gründe aus schlechten Erfahrungen.
Der Geist eines solchen Projekts, der Geist des Größer-weiter-schneller-teurer ist als Ungeist erkannt worden. Lebensqualität wird heute von vielen an anderen Werten gemessen.
Dabei geht es nicht – zumindest nicht nur – um einen Stellvertreterkonflikt, wie der evangelische Stadtdekan meint.
Der Widerstand gegen Stuttgart 21 kennzeichnet vielmehr am konkreten Fall – wo auch sonst? – die Abkehr von dieser Art Machbarkeits- und Größenwahn. – Wenn das kein Thema für die Kirchen ist!
Abkehr von den Tunnelbauten zu Babel, das ist alles andere als rückwärts gewandt. Wache und informierte, ideenreiche und verantwortungsbewusste Bürger – nicht der Mob – machen sich frei von eingeredeten Ängsten, auch von der Angst, abgehängt zu werden.
Frei-werden von Ängsten, die manche haben mögen, die von anderen instrumentalisiert werden: Kein Thema für die Kirchen? Oder merken sie wieder einmal nicht, dass sich mit dem Widerstand gegen das Babel-Projekt Menschen Gehör verschaffen, die umkehren?
Sie kehren um zu einer menschen- und umweltfreundlichen Lebensweise, in einer ebensolchen, in ihrer Stadt.
Sie kehren um in die Zukunft. Und nicht wenige von ihnen fragen: Seid ihr – Kirche – lediglich Hüter einer Gesprächskultur? Oder „Salz der Erde und Licht der Welt“?

Ansprache von Karl Martell, Pfarrer i.R.,
beim „Gebet im Schlossgarten“ am 22. Sept. 2010

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