Archiv der Kategorie: Gehring

Ansprache beim Parkgebet am 10.10.19 zu Mk 12,14-17 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Sie kommen und sagen zu ihm: … Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben, oder nicht? Sollen wir sie geben oder nicht geben? … Er sprach zu ihnen: … Bringet mir einen Denar, damit ich ihn sehe! Da brachten sie einen. Und er sagte zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Da sprach Jesus zu ihnen: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist!

Diese Antwort Jesu wird traditionell so verstanden, dass die Juden dem Kaiser Steuern schuldig sind, weil ja auch sein Bild und Name draufsteht. Dies ist aber ein krasses Missverständnis. Jeder fromme Jude hat damals genau verstanden, warum Jesus sich das Bild auf der Münze zeigen lässt: Der Kaiser will als Gott verehrt werden, Juden dürfen aber nach dem 1. und 2. Gebot Moses (2. Mose 20, 3-4) keinen anderen Gott verehren und keine Götzenbilder haben. Das bedeutet: Die Fragenden dürfen das Kaisergeld gar nicht benutzen. Im Tempel hat man daraus die Konsequenz gezogen: Die Wechsler mussten römisches in jüdisches Geld wechseln, sonst wären die gekauften Opfertiere nicht koscher gewesen (Mk 11,15-18). Jesus gebietet also den Boykott des Kaisergelds.

Das hätte zweierlei Wirkung gehabt: Der Kaiser hätte schwerer Steuern einziehen können. Auf jüdisches Steuergeld sich einzulassen hätte den Verlust seiner Göttlichkeit bedeutet, so wären nur noch Natuaralabgaben zu nehmen gewesen. Umgekehrt hätten die Juden mit ihrem Geld eine weiche Währung gehabt, mit der sie römische Waren, vor allem Luxus, kaum hätten kaufen können. Eine gewisse Leidensfähigkeit wäre für die begüterten Juden bei dem Boykott nötig gewesen. Aber der Boykott hätte als ziviler Ungehorsam gewirkt, ungefährlicher als ein militärischer Aufstand.

Ich habe diesen Text ausgewählt, weil vor zwei Wochen im Ev. Gemeindeblatt für Württemberg von Martin Luther King berichtet wurde, er habe die Gewaltfreiheit von Jesus und den zivilen Ungehorsam von Gandhi übernommen. Warum weiß auch jemand wie King nichts mehr vom zivilen Widerstand Jesu? Der Grund ist: Schon bei Paulus (Röm 13,1-7) heißt es, alle Herrscher seien von Gott eingesetzt. Erst recht als das Chrsitentum Staatsreligion wurde, war ein Gegensatz zwischen der weltlichen Herrschaft und Gott nicht mehr denkbar. Unser Reformator Luther bezog sich ganz einseitig auf Paulus, obwohl er hätte davon wissen können, dass Jesus den weltlichen Herrschern Machtmissbrauch vorwirft und stattdessen eine Kultur des Dienens fordert (Mk 10,42-44). So ist das Chrsitentum insgesamt und speziell unsere lutherische Kirche zu einer Kirche der Untertanen verkommen, in der ein Aufmucken gegen Herrscher Gotteslästerung bedeutet hat.

Deshalb gab es von Seiten der Kirchen leitenden Personen rund um Stuttgart keinen Widerstand gegen das Projekt Stuttgart 21. Es gilt: Die Kirche soll sich aus der Politik heraushalten. Das habe ich zu hören bekommen, seit ich vor 50 Jahren in den Kirchendienst getreten bin. Die das forderten, haben dabei verdrängt, dass die Kirchen, speziell die lutherischen, von Anfang an von politischen Rücksichten geprägt und deshalb hoch politisch waren. Die württembergischen Herzöge und Könige waren bis 1918 unsere Landesbischöfe. Der Kadavergehorsam gegen die Herrscher bestand weiter und auch die bekennende Kirche verehrte Hitler als von Gott gesandten Führer, um mit ihm in den Vernichtungskrieg zu ziehen und das Leben für Gott und Vaterland zu lassen.

Es wird höchste Zeit, dass wir uns wieder an Jesus orientieren und an seiner aktiven Kritik am Machtmissbrauch der Mächtigen. Dies wird unsere Augen öffnen für das, was um uns herum wirklich geschieht. Die wahrhaft Mächtigen sind die Konzernherren, die durch ihre Lobbyisten die Gesetze schreiben dürfen, weil das Heil der Arbeitsplätze und des Wohlstands angeblich von ihnen kommt. Dieser neoliberale Aberglaube in weiten Teilen der Bevölkerung macht sie so mächtig. Je mehr Menschen sich von diesem Aberglauben abwenden, wird ihre Macht schwinden. Ein Anfang sind Sammelklagen gegen Autokonzerne in Sachen Dieselbetrug. Das wird nicht reichen.Es kommt darauf an, dass wir die gewisse Leidensfähigeit aufbringen, um uns von dem verschwenderischen Lebensstil zu trennen, der den Klimawandel verschärft. Es braucht wirksamen Konsumboykott.
Wir können hoffen, dass die Bewegung Fridays for future einen wachsenden Teil der Bevölkerung auf diesem Weg mitnimmt, damit immer mehr sich darauf besinnen, was wir wirklich brauchen und was nicht.

Ein exemplarisches besonders heftiges Beispiel für Verschwendung ist das Projekt S 21. Die Kanzlerin erklärte in ihrer neoliberalen Verblendung diesen Unsinn als Schlüsselprojekt für die Zukunft Deutschlands. Sie wird wohl noch erleben müssen, dass es das Schlüsselprojekt für die Entzauberung des Neoliberalismus wird. Die unbelehrbare Starrköpfigkeit der Befürworter geht derzeit immer schmerzhafter ans Geld. Und das Sprichwort sagt ja: Beim Geld hört der Spaß auf. Der neoliberale Aberglaube an unbegrenztes Wachstum und immer mehr Wohlstand durch immer mehr Verschwendung kommt speziell bei S 21 zunehmend ins Wanken. Seriöse Institutionen wie der Bundesrechnungshof und der Rechnungsprüfungsausschuss des Bundestags werden immer lauter und sind immer schwerer zu überhören. Die Leistungslügen bekommen ständig kürzere Beine. Die Verzögerungen werden immer offensichtlicher. Selbst wenn die schräge Untergrundhaltestelle jemals in Betrieb ginge, so würde sie ein bleibendes Mahnmal gegen den Aberglauben des Neoliberalismus zur Warnung für künftige Generationen. Auch das Kernkraftwerk Kalkar wurde für Milliarden fertiggestellt, ging aber nie in Betrieb.

Deshalb ist es wichtig, dass wir nicht nachlassen, die Finger in die Wunden zu legen und den Leidensdruck bei den Befürwortern zu erhöhen. Das klingt hart, aber auch bei uneinsichtigen Alkoholsüchtigen muss gelegentlich der Leidensdruck erhöht werden, damit sich die Süchtigen in ihrem eigenen Interesse zu einer Umkehr motiviert fühlen. Auch die zerstörerische neoliberale Gier hat Suchtcharakter. Es gilt deshalb, mit gewaltfreiem zivilem Widerstand in der Nachfolge Jesu diese Gier als zerstörerische Krankheit bewusst zu machen, die verlogenen Heilsversprechen zu entlarven und zu entzaubern und die heilsame Umkehr anzubieten. Es ist immer noch nicht zu spät für einen Umstieg 21. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 12.9.19 zu Lk 19,41-44 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Und als er näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn es werden Tage über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall gegen dich aufwerfen und dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten bedrängen und dich dem Erdboden gleich machen.

Als Jesus sich Jerusalem nähert, spürt er in prophetischer Weise, dass die Heißsporne, die einen militärischen Aufstand gegen die römische Besatzung von ihm erwarten, auf den Untergang der Stadt hin arbeiten. Bei der Kritik des römischen Machtmissbrauchs nimmt Jesus kein Blatt vor den Mund, aber er empfiehlt keine Gegengewalt, sondern eine Gegenkultur des Dienens (Mk 10, 42-44). Allenfalls befürwortet Jesus gewaltfreien zivilen Widerstand, etwa durch eine Boykott römischen Geldes (Mk 12,13-17), weil die Kaiserbilder auf den Münzen Götzenbilder sind. Jesus wünscht der Stadt auch nicht Feuer vom Himmel, sondern weint über sie, als er das Unheil voraussagt.

Ich bin auf diesen Text gekommen, als ich im Fernsehen den Tübinger Landrat sagen hörte, er habe kein Verständnis dafür, dass der Landesverkehrsminister das Projekt Stuttgart 21 so schlecht rede. Er lese doch von Seiten der Bahn, dass mit S 21 der integrale Deutschlandtakt vollständig möglich sei. Er macht sich damit blind für das Unheil, das mit S 21 auf uns zu kommen kann, wie einst die Eliten in Jerusalem nicht sehen wollten, was sie mit einer militärischen Erhebung anrichten würden. Die Katastrophe trat 40 Jahre später ein: Jerusalem wurde zerstört. Gewiss war das insgesamt schlimmer als das, was uns mit S 21 erwartet, aber immerhin werden auch bei S 21 Menschenleben gefährdet. Dass die Region Stuttgart durch die schräge Untergrundhaltestelle bahntechnisch abgehängt wird, mag demgegenüber weniger wichtig zu sein, aber dass ein CDU-Landrat von Tübingen den verlogenen Heilspropheten der DB AG derart unkritisch glaubt statt sich selbst zu informieren, erscheint mir doch ein Symptom eines noch größeren Unheils.

In den vergangenen Wochen entstand im industriellen Norden unseres Planeten große Empörung über die Brandstifter im Regenwald des Amazonasgebiets. Nur wenige Stimmen machten darauf aufmerksam, dass Europa selbst damit zu tun hat. Durch das Handelsabkommen Mercosur versucht Europa für bessere Absatzmärkte in Südamerika zu sorgen, umgekehrt soll mehr Fleisch von dort in Europa verkauft werden. Das ermutigt, den Regenwald für Rinderzucht und Tierfutter zu nutzen. Die dortigen Fleischkonzerne opfern den Wald und das Klima für ihre Profite. Schlimm. Aber genau das machen auch unsere Konzerne, die immer mehr spritfressende Autos und Flugreisen für mehr Gewinn anbieten, und die Kunden machen mit. Sie machen sich blind für die Klimafolgen wie der Tübinger Landrat für die Folgen von S 21.

Nun sind erfreulicherweise junge Leute zu Freitagsdemonstranten geworden und rütteln Politiker wach. Die Jugendlichen wollen nicht mehr die Augen so zu machen wie die Politiker, die in vorlaufendem Gehorsam von den Profit orientierten Konzernlobbyisten die Gesetze formulieren lassen. Gewiss können diese jungen Leute nicht gleich die Lösungen präsentieren, um die sich selbst ernannte Fachleute wie der FDP-Chef Lindner bisher nicht gekümmert haben. Aber der Erfolg oder das Erlahmen der Bewegung Fridays for Future wird davon abhängen, ob sie rettende Visionen entwickeln sowie Mittel und Wege aufzeigen können, beim Klimawandel gegenzusteuern. Es wird nicht ausreichen sich zu beklagen, dass irgendwer ihnen ihre Zukunft klaut. Nicht nur sie, wir alle, müssen weltweit anschauen, was unterlassen werden muss und was neu anzupacken ist. Dabei werden diese Kinder des reichen Nordens und wir alle gestehen müssen, dass wir verstrickt sind in ein Wirtschaftssystem, das dem Götzen Mammon folgt und nicht dem Gott der Barmherzigkeit. Nur wenn wir global dem Götzen absagen und in unserem Denken und Handeln dem barmherzigen Gott dienen lernen, ist auch für das Klima Rettung in Sicht.
Wenn wir bejammern, dass unser Klima in Mitteleuropa mittelmeerischen Charakter bekommt, dann wirkt das wehleidig, denn in den verdorrenden Gegenden Afrikas uns Asiens steigen die Temperaturen auf 40-50 Grad Celsius. In den kommenden Jahrzehnten werden 700 Millionen Menschen vor dem Verdursten aus den verdorrenden Regionen fliehen müssen, um das nackte Leben zu retten. Der reiche industrielle Norden mit seinen Möglichkeiten muss jetzt dort für ein auskömmliches Leben sorgen. Statt Waffen und luxuriöse Spritfresser zu bauen und den Flugverkehr auszuweiten müssen Bewässerungssysteme entwickelt und gebaut werden, damit z.B. die Sahara fruchtbar und bewaldet wird. Ich stelle mir Windräder vor den leer gefischten Küsten Afrikas vor, die Meerwasser ins Landesinnere pumpen. Dort kann sich die Bevölkerung selbst mit einfachen Mitteln Entsalzungsanlagen bauen, um Trinkwasser zu produzieren, Felder zu bewässern und Wälder aufzuforsten. Preiswerte Parabolrinnen mit wenig Ressourcenverbrauch liefern solaren Strom nach Europa und ersetzen dort fossile Energieträger. Die Jugend im Norden wird dann Arbeitsplätze besetzen, die nicht mehr zerstörend, sondern rettend und barmherzig wirken.

Ein Mosaikstein wird dabei ein Bahnverkehr sein, der Autos weitgehend überflüssig macht. Deshalb muss hier in Stuttgart das Konzept Umstieg 21 verwirklicht werden, damit wir beim Anblick der Stadt künftig nicht mehr weinen müssen wie einst Jesus über Jerusalem. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 13. Juni 2019 zu Mt 7, 17-21 (in Ausschnitten) von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Jeder gute Baum bringt gute Früchte, der faule Baum aber bringt schlechte Früchte. … Also werdet ihr sie an ihren Früchten erkennen. Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel kommen, sondern wer den Willen meines Vaters in den Himmeln tut.

Dieser Vergleich Jesu aus der Landwirtschaft ist unter uns sprichwörtlich geworden: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Das bedeutet übertragen auf das menschliche Zusammenleben, dass es weniger auf die großen Worte ankommt als vielmehr auf die Taten. Mit Worten mag sich ein Mensch noch verstellen können, mit seinen Taten verrät er seinen wahren Charakter. Ich habe diesen Text ausgewählt, weil unsere Bundeskanzlerin so großen Beifall erhalten hat, als sie in den USA bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde davon sprach, die Wahrheit dürfe nicht Lüge und die Lüge nicht Wahrheit genannt werden. Ich habe ihr deshalb geschrieben:

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel,
zu Ihrer mutigen Aussage aus Anlass der Verleihung der Ehrendoktorwürde in den USA, wir dürften die Lüge nicht Wahrheit und die Wahrheit nicht Lüge nennen, möchte ich Sie beglückwünschen. Diese Äußerung ist allgemein als Kritik an Präsident Trump verstanden worden. Mir fiel dabei das drastische Bildwort Jesu aus Mt 7,1-5 ein: Ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du zusehen, den Splitter aus deines Bruders Auge zu ziehen. Es reicht nicht aus, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Es kommt vielmehr darauf an, dass wir nach dieser Unterscheidung konsequent der Wahrheit dienen und nicht der Lüge. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie auf das Projekt Stuttgart 21 ansprechen. Wenn wir bei diesem Projekt Lüge und Wahrheit sauber trennen, dann sind zumindest zwei Lügen beim Namen zu nennen: Die vielfachen Kostenlügen und die vielfach wiederholte Leistungslüge. Ich setzte voraus, dass Sie über beide hinreichend informiert sind.
Spätestens seit der Aussage von Thilo Sarrazin im Juni 2018 vor dem Verkehrsausschuss des Bundestags ist unbestreitbar, dass die Unrentabilität des Projekts bereits 2001 bekannt war. Deshalb ist Ihre Einschätzung vom September 2010 hinfällig, von der Durchführung dieses Projekts hinge die Zukunftsfähigkeit Deutschlands ab. Vielmehr ist eine zukunftsfähige Bahninfrastruktur im Großraum Stuttgart nur möglich durch die Ertüchtigung des Kopfbahnhofs, der zu den genialsten Bahnhöfen Deutschlands zählt. Er ermöglicht im Gegensatz zu der schrägen Untergrundhaltestelle Stuttgart 21 den integralen Taktfahrplan. Diesem gehört nach Auskunft aller Fachleute die Zukunft. Seit 2016 liegt der Plan „Umstieg 21“ vor, bei dem der Kopfbahnhof erneuert und die Baugrube von Stuttgart 21 produktiv genutzt wird als Busbahnhof und Parkplatz für Taxis und Fahrräder. Dadurch kann anders als bei S 21 mehr Autoverkehr auf die Schiene kommen zur Erreichung der Klimaziele.

Sie haben in den USA Hermann Hesse zitiert, der einst aus verkrusteten Strukturen ausgebrochen ist zu neuen Anfängen. Der Zauber, den er dabei erlebte, war ein solcher von Neuanfängen, durchaus auch in der Form von Umkehr, wie sie einst Jesus propagierte (Mk 1,15). Sie haben die Chance, noch vor dem absehbaren Endes Ihrer Amtszeit als Kanzlerin diesen Zauber der Umkehr erneut zu erleben, indem Sie beim Projekt Stuttgart 21 der Wahrheit folgen und nicht den Lügen.

Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahren habe, fühlen sich die derzeitigen Verantwortlichen bei der Deutschen Bahn AG von der Politik behindert, das Projekt abzubrechen, um dadurch dem Vorwurf der strafbaren Untreue zu entgehen. Die Herren Grube und Lutz haben offen gesagt, sie würden aus heutiger Sicht das Projekt nicht mehr beginnen. Es liegt also an Ihnen, kraft Ihrer Richtlinienkompetenz den strafbaren Weiterbau des Projekts zu beenden und damit die Bahnführung vor drohender Strafverfolgung zu bewahren. Und nicht nur dies. Ihr Einsatz für das Projekt zu Beginn des Jahres 2013, als der Weiterbau auf der Kippe stand, könnte auch für Sie selbst bedrohlich werden. Sie könnten im Ruhestand der Anstiftung zur Untreue angeklagt werden.
Aber auch wenn die Staatsanwaltschaft davor zurückschrecken sollte, gegen Sie zu ermitteln, droht ihr politischer Lebensabend vom Projekt Stuttgart 21 überschattet zu werden. So erging es Helmut Kohl, nachdem er durch das unehrenhafte angebliche Ehrenwort nicht der Wahrheit gedient hatte, sondern der Lüge, wie durch Wolfgang Schäuble zu erfahren war. Wollen Sie sich entsprechendes antun?
Das Problem des Katastrophenschutzes bei Stuttgart 21 soll im Rahmen des Verfahrens der Inbetriebnahme gelöst werden. Dies ist mir aus dem Verkehrsministerium unter Minister Dobrindt schriftlich mitgeteilt worden. So wurde auch beim Flughafen BER verfahren. Dort ist der Termin der Fertigstellung immer noch offen. Beim Tiefbau Stuttgart 21 sind Änderungen aber nicht so einfach wie beim oberirdischen Flughafen BER. Dies bedeutet, dass Stuttgart 21 dem Schicksal des schnellen Brüters in Kalkar entgegen gehen kann. Dieser kostete viele Milliarden DM, ging aber nie ans Netz. Der internationale Spott über Stuttgart 21 kann den über den Flughafen BER um ein vielfaches übersteigen und für den Rest Ihres Lebens mit Ihrem Namen verbunden sein. Erst recht wird man sich an Ihre Befürwortung von Stuttgart 21 erinnern, wenn Gipskeuperquellungen den Bahnverkehr im Raum Stuttgart lahm legen und zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führen.

Sie haben in verschiedenen Entscheidungen, ganz besonders beim Atomausstieg, bewiesen, dass Sie von Vernunft und Verantwortung geleitet umkehren können. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Ihnen auch in Sachen Stuttgart 21 eine solche vernünftige und verantwortliche Umkehr gelingt und Sie im Ruhestand den Zauber des Neuanfangs im Stuttgarter Bahnverkehr erleben können.
Hochachtungsvoll
Friedrich Gehring, Pfr. i. R.
Ich bin mir natürlich nicht sicher, dass ich als einzelner daher gelaufener Ruhestandspfarrer bei der Kanzlerin etwas ausrichten kann. Deshalb habe ich auch noch einen entsprechenden Leserbrief an die Frankfurter Rundschau geschickt. Denn als Nachfolger Jesu kann ich die Hoffnung auf die menschliche Umkehrfähigkeit nicht aufgeben. Amen.

Leserbrief (Frankfurter Rundschau, 13.6.2019, S. 18)
Stuttgart 21 als Prüfstein für Merkel
Arno Widmanns Analyse von Angela Merkels Harvardrede trifft den Kern der Misere, dass sie zwar die nach dem Rezo-Video nötigen Fragen stellt, aber sich um Antworten drückt. Vor Trumpkritikern zu sagen, Lüge dürfe nicht Wahrheit und Wahrheit nicht Lüge genannt werden, bringt ihr wohlfeilen Beifall, noch bevor klar ist, ob sie der Lüge oder der Wahrheit dient. Als prägnantester Prüfstein dafür darf das Projekt Stuttgart 21 gelten. Von dessen Durchführung machte sie 2010 die Zukunftsfähigkeit Deutschlands abhängig. Inzwischen sind die Kostenlügen und die Leistungslügen hinreichend entlarvt. Thilo Sarrazin hat im Juni 2018 erklärt, dass das Projekt bereits 2001 als ein krasses Verlustgeschäft erkannt war. Nicht erst durch späteres Wissen, wie die Bahnchefs Grube und Lutz versicherten, sondern von Anfang an war der Bau wegen Unrentabilität nach Aktienrecht strafbare Untreue. Die Kanzlerin setzte dennoch nachweislich anfangs 2013 den strittigen Weiterbau durch. Sie wird wohl kaum im Ruhestand wegen Anstiftung zur Untreue angeklagt werden, aber das Projekt kann ihren politischen Lebensabend verdüstern wie Helmut Kohl den seinen durch sein unehrenhaftes angebliches Ehrenwort.
Angela Merkel hat noch kurze Zeit, von Vernunft geleitet umzukehren wie etwa beim Atomausstieg. Seit 2016 liegt das Konzept „Umstieg 21“ vor, das die Baugruben des Untreueprojekts S 21 nutzt für Bus-,Taxi- und Fahrradverkehr, den genialen Kopfbahnhof verbessert und gegenüber S 21 Milliarden einspart. So kann Autoverkehr zur Klimarettung vermehrt auf die Schiene kommen samt integriertem Taktfahrplan, den alle Fachleute empfehlen, der aber mit dem Engpass der schrägen Untergrundhaltestelle S 21 nicht geht. Die noch ungelösten Probleme des Katastrophenschutzes werden wie beim Flughafen BER eine Inbetriebnahme gewaltig verzögern oder dazu führen, dass S 21 endet wie der schnelle Brüter in Kalkar, der zwar fertig gebaut wurde, aber nie ans Netz ging. Aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, dass die Bahnführung sich von der Politik an vernünftigen Lösungen gehindert sieht. Es liegt also an der Kanzlerin. Im Wahlkampf 2014 sagte sie: „Sie kennen mich, uns allen geht es gut“. Aber an ihren Früchten werden wir sie nun erst richtig kennen lernen.
Friedrich Gehring, Backnang

Ansprache beim Parkgebet am 2. Mai 2019 zu Jer 28,5-9 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Da sprach der Prophet Jeremia zum Propheten Hananja vor den Priestern und allen Leuten, die im Hause des Herrn standen: … So sei es! Möchte der Herr das tun! Möchte der Herr deine Worte, die du geweissagt hast, erfüllen, und die Geräte des Hauses des Herrn und die Verbannten alle von Babel an diesen Ort zurück bringen. Nur höre dieses Wort, das ich dir und allem Volke zu sagen habe: Die Propheten, die vor mir und vor dir gewesen sind von alters her, die haben über viele Länder und Königreiche geweissagt von Krieg und Unheil und Pest. Wenn aber ein Prophet von Frieden weissagt, so wird man daran, dass sein Wort eintrifft, erkennen, dass in Wahrheit der Herr diesen Propheten gesandt hat.

Da kam es also zum Streit der Propheten. Hananja bietet die Heilsbotschaft, die das Volk gerne hört. Die große Schmach der Niederlage gegen die Babylonier, die Wegführung der israelischen Eliten nach Babel und der Raub der heiligen Geräte des Tempels im Jahr 597 v. Chr., das soll in Kürze alles wieder gut werden. Dazu braucht es natürlich einen neuen Krieg. Davor warnt Jeremia eindringlich und rät, sich mit der Herrschaft der Babylonier zu arrangieren statt durch einen militärischen Aufstand alles noch schlimmer zu machen. Die Situation erinnert mich an die Jahre nach 1945, als nicht wenige unbelehrbare Deutsche auf einen neuen Krieg hofften, bei dem sie sich dann auf der Seite der Sieger phantasierten. Als ob die riesigen Kriegsschäden noch nicht genug waren.
Jeremia tritt dem populistischen Heilspropheten mit einem hölzernen Joch auf den Schultern öffentlich entgegen. Er drückt damit aus: Der Gott Israels lädt euch das Joch Babels auf. Er kündigt zugleich dem Hananja an, dass er daran gemessen wird, ob seine Heilsweissagungen eintreffen. Daraufhin nimmt Hananja in einem spektakulären Akt das Joch von Jeremias Schultern und zerschmettert es. Auch nach 2600 Jahren können wir uns leicht vorstellen, wie die Menge gejohlt haben mag und wie Jeremia wie ein begossener Pudel nach Hause geschlichen ist.

Ich habe diesen Bericht für unser heutiges Parkgebet ausgewählt, weil ich von Michael Pradel, dem Bauleiter für Stuttgart 21 den Satz gelesen habe: „Die Leute, die heute noch zur Elbphilharmonie nach Hamburg pilgern, kommen dann in den Stuttgarter Hauptbahnhof, um die Architektur zu begutachten und sich daran zu erfreuen.“ Da hätte ich gerne mit Jeremia gesagt: „Dein Wort in Gottes Ohr. Es wird sich noch zeigen, ob deine Heilsweissagung eintrifft“. Der Vergleich mit der Hamburger Elbphilharmonie erschöpft sich darin, dass das Bauwerk auch um ein Vielfaches teurer wurde als geplant. Das Ziel war dort eine gute Akustik, die scheint gelungen. Das Ziel bei Stuttgart 21 ist gelingender Bahnverkehr. Danach sieht es aber nun wirklich nicht aus. Selbst in Hamburg ist noch nicht aller Tage Abend. Ich erinnere an die Berliner Kongresshalle, die wegen ihres genial geschwungenen Dachs von den Berliner „schwangere Auster“ genannt wurde. Sie hatte auch eine tolle Akustik, ich konnte das selbst 1960 kurz testen. 1980 brach das Dach ohne Vorwarnung ein. Danach wurden die statischen Planungsfehler erkannt. Ich will kein Unheilsprophet für Hamburg sein und möchte deshalb noch nicht daran denken, dass die Elbphilharmonie einmal durch den Klimawandel im Wasser stehen wird.

Aber für S 21 bleibt mir zunächst nur die Rolle des Unheilspropheten Jeremia. Ich muss Michael Pradel und anderen S 21-Fans den Vergleich mit dem Berliner Flughafen vorhalten. Er sollte 2012 in Betrieb gehen, der Brandschutz ist bis heute noch nicht fertig. Bei S 21 will man die Brandschutzprobleme im Rahmen der Inbetriebnahme lösen. Während man in Berlin manches neu bauen konnte, wird man bei S 21 die Tunnel oder die Untergrundhaltestelle nicht mehr verbreitern können, um den Anforderungen des Brandschutzes zu genügen. S 21 geht dem Schicksal des schnellen Brüters in Kalkar am Niederrhein entgegen, der Milliarden DM verschlang und dann nie ans Netz ging. Heute ist dort ein Vergnügungspark. Der Vergleich mit diesem Projekt könnte Michael Pradel recht geben. Vielleicht wird aus einem Teil der Untergrundhaltestelle noch eine Markthalle, in der die Einkaufenden die Kelchstützen begutachten können als Mahnmal gegen die neoliberale Verblendung, in der diese Haltestelle einmal als Deutschlands goldene Zukunft galt.

Ich will nicht verschweigen, dass das Schicksal des Jeremia nicht besonders ermutigend erscheint. Er sollte recht behalten. Der Aufstand der populistischen und militaristischen Elite um den König endete in der Katastrophe. Das hat aber vermutlich Jeremia nicht geholfen. Wahrscheinlich haben ihn seine Gegner nach Ägypten verschleppt, wo sich seine Spur im Dunkel der Geschichte verliert. Ich will aber in dieser nachösterlichen Zeit nicht ins Schwarzmalen verfallen. Das Geschick des Jeremia muss sich heute nicht wiederholen. Je länger sich der Bau von S 21 hinzieht, umso mehr wird seine Unsinnigkeit in breiten Bevölkerungsschichten bewusst und umso mehr werden die Bahnverantwortlichen selbst unter dem Projekt leiden. Diesen Eindruck haben die Vertreter des Aktionsbündnisses in den Gesprächen mit den Bahnvorständen. Insbesondere die Kosten werden mehr und mehr schmerzen. Irgendwann wird auch die Bundesregierung bei Wahlen den politischen Preis bezahlen müssen für das Unsinnsprojekt, das sinnvollem Bahnverkehrsausbau im Wege steht. Und umso länger bleibt der Kopfbahnhof erhalten und kann seine Überlegenheit und Zukunftsfähigkeit unter Beweis stellen.

Es mag sein, dass die Älteren unter uns den Meinungsumschwung der Verantwortlichen nicht mehr erleben werden. Aber deshalb sind wir eine Bewegung, die länger bestehen wird als die Einzelnen. Ich denke dabei an eine Szene aus Bert Brechts „Die Tage der Commune“. Als sich die Protagonisten einer neuen sozial vorbildlichen Pariser Gesellschaft angesichts des feindlichen Geschützfeuers ihrem nahen Ende konfrontiert sehen, sagt Genevieve zu Jean: Nun Jean, wir lernen. Da antwortet Jean: Das wird uns viel nützen, wenn wir ins Gras beißen. Da erwidert sie: Ich sagte wir, das sind mehr als du und ich. Tatsächlich haben sich die kühnen Vorstellungen der Pariser Commune 100 Jahre später in der europäischen Sozialgesetzgebung durchgesetzt.

Ich sehe darin etwas vom unerschütterlichen nachösterlichen Vertrauen der Jüngerschaft Jesu. Lassen wir uns auch in unseren Tagen anstecken von dieser österlichen Zuversicht. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 18.4.2019 zu Mt 26, 47-52 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Und während er noch redete, siehe, da kam Judas, einer der Zwölf, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und Stöcken von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes her. Der aber, der ihn verraten wollte, hatte ihnen ein Zeichen gegeben, und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist’s, nehmet ihn fest. Und alsbald trat er auf Jesus zu und sagte: Sei gegrüßt, Rabbi! Und küsste ihn. Jesus aber sprach zu ihm: Freund, wozu bist du hier? Da traten sie hinzu, legten Hand an Jesus und nahmen ihn fest. Und siehe, einer von denen, die bei Jesus waren, streckte die Hand aus, zog sein Schwert, schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. Da sagt Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.

Am Gründonnerstag erinnern wir uns als Christen an die Nacht der Gefangennahme Jesu, der am Karfreitag seine Kreuzigung folgen wird. In diesem Augenblick wird seine tödliche Bedrohung konkret, nachdem seine Gegner schon zuvor Mordpläne geschmiedet hatten (Mk 3, 6). Die Evangelisten betonen den Konflikt Jesu mit den politischen und religiösen Autoritäten in Israel, denen Jesus die Geschäftemacherei im Tempel als Räuberei vorgeworfen hatte. Der Konflikt mit den römischen Besatzern tritt dahinter zurück. Jesus hatte den Machtmissbrauch der herrschenden Römer gebrandmarkt (Mk 10, 42-44) und zu einem Boykott römischer Währung aufgerufen (Mk 12,13-17). Der Satz: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört, war ursprünglich ein Hinweis, dass Juden das Bild des Kaisers auf den römischen Münzen als Götzenbilder nicht bei sich tragen durften. Ein Boykott römischen Geldes hätte die römische Ausbeutung der Juden zumindest erheblich erschwert. Deshalb ist Jesus auch eine Gefahr für die Römer und wird nicht von Juden gesteinigt, sondern von Römern gekreuzigt.

Die Szene der Gefangennahme hat eine besondere Bedeutung deshalb, weil auch in der tödlichen Bedrohung durch die bewaffneten Gegnern Jesus konsequent an der Gewaltlosigkeit festhält. Für seine Botschaft von der Feindesliebe und dem Frieden stiften besteht er hier die härteste Bewährungsprobe, die einem Menschen abverlangt kann. In diesem Augenblick opfert sich Jesus tatsächlich für seine Jünger, sodass Johannes ihn sagen lassen kann: „Wenn ihr also mich sucht, so lasset diese gehen“(Joh 18,8). Das bedeutet nicht, dass Jesus für die Sünden der Welt stirbt als Opferlamm, sondern dass er die Sünden der Welt verringert. Die Römer können ihn zwar töten, aber seine Botschaft nicht ausrotten. Die Botschaft vom barmherzigen und Frieden stiftenden Gott lebt weiter. Die ersten Christen praktizieren das faire Teilen und über Jahrhunderte verweigern Christen den Kriegsdienst, weil sie im Loyaltätskonflikt zwischen der römischen Staatsmacht und dem barmherzigen Friedensgott nach der Maxime leben: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“(Apg. 5,29).

Was bedeutet das für uns als Nachfolger Jesu? Ende des 18. Jahrhunderts haben Stuttgarter Pietisten eine Wehrübung auf dem Wasen verweigert und gesagt, lieber würden sie selbst sterben als dass sie im Krieg andere töten. So viel ich weiß, kamen sie ungeschoren davon. Nach zwei Weltkriegen wurde 1949 in unserem Grundgesetz das Recht auf Kriegsdienstverweigerung verbrieft. Nachdem immer mehr verweigerten wurde schließlich vor Jahren die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt und die Bundeswehr hat Nachwuchssorgen.

Auch für uns Christen, die wir gegen das Projekt Stuttgart 21 eintreten, spielt die Gewaltlosigkeit Jesu eine bedeutende Rolle. Am „Schwarzen Donnerstag“ wurde zwar versucht, den Demonstranten Steinewerferei anzuhängen, der Vorwurf wurde aber zum blamablen Bumerang. Die Gewaltlosigkeit der Demonstrierenden wurde zur Macht: Selten vorher und nachher wurde die neoliberale Politik, die Stuttgart 21 als ihr zentrales Schlüsselprojekt darstellte, derart öffentlich blamiert. Die Maske der allgemeinen Wohltätigkeit wurde abgerissen und die brutale Fratze des Mammon dahinter bloßgestellt. Die Szene erinnerte an Vorgänge im Istanbuler Gezipark und an die türkischen Machthaber, von denen man sich hierzulande gerne überheblich distanzieren möchte.
Auch wenn es fünf Jahre dauerte, so wurde am Ende doch klar, dass dieser Polizeieinsatz gesetzwidrig war und gut zu einer Diktatur passt, nämlich zu der Diktatur der Lobbyisten. Diese funktioniert, wenn die Parlamentarier ihnen um des Mammons willen in vorlaufendem Gehorsam untertan sind. Die Demonstranten konnten zwar verletzt, aber nicht besiegt werden, und unser Widerstand geht weiter.

Die Warnung Jesu: Wer zum Schwert greift, wird durchs Schwert umkommen, gilt allerdings auch für uns als Gegner von S 21. Ich denke an die Besetzung des Grundwassermanagements. Die Gewaltanwendung fand zwar auf einer niedrigen Ebene statt, dennoch haben diejenigen, die meinten, so ihre Stadt verteidigen zu müssen, zum Teil einen sehr hohen Preis bezahlt. Die Warnung Jesu hätte in diese Situation hinein übersetzt bedeutet: Wer den Gegnern in die Falle läuft und Bauzäune einreißt oder gar Fahrzeuge beschädigt, wird in unserem Land die ganze Härte der Gerichte spüren, die bisweilen auf der Seite der Mächtigen stehen. Ich sehe im Rückblick diesen Abend als eine gezielte Falle, die uns gestellt wurde, um uns kriminalisieren zu können. In eine solche sollten wir nicht mehr tappen.

Auch auf verbale Gewalt, auf Kraftworte, kann die Warnung Jesu bezogen werden. Im Schwäbischen gibt es ja den Begriff der „Schwertgosch“. Ich muss da ganz persönlich immer wieder auf mich achten. Auch mit gesprochenem oder geschriebenem Wort können wir Konflikte so eskalieren, dass dies auf uns selbst zurückfällt. Diese Sorge muss uns nicht zu Duckmäusern machen. Wir dürfen und müssen in der Nachfolge Jesu das Unrecht immer wieder beim Namen nennen. Es gilt dabei aber, Person und Sache zu trennen, nicht Personen als ganze zu verureilen, sondern nur das beanstandete Verhalten. Ich habe in kritischen Situationen die Erfahrung machen können, dass den Gegnern einen Ausweg zu lassen mir selbst genützt hat.

Der Barmherzige Gott und Vater Jesu schenke uns, dass wir beim Kampf gegen Unrecht und Machtmissbrauch die Botschaft von der Feindes- und Friedensliebe nicht verraten. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 21.3.2019 zu Jer 38,14-17 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Der König Zedekia aber sandte hin und ließ den Propheten Jeremia zu sich holen … . Und der König sprach zu Jeremia: Ich will dich etwas fragen, verhehle mir nichts. Jeremia antwortete … : Wenn ich es dir sage, wirst du mich da nicht töten lassen? Und wenn ich dir rate, so hörst du ja doch nicht auf mich! Da schwur ihm der König einen Eid: … Ich werde dich nicht töten und dich nicht in die Hände der Männer geben, die dir nach dem Leben trachten. Nun sprach Jeremia zu ihm: So spricht der Herr …: Wenn du dich den Fürsten des Königs von Babel ergibst, so bleibt dein Leben erhalten, und diese Stadt wird nicht verbrannt, und du bleibst mit den Deinen am Leben.

Der König ist hin und her gerissen: Seine kriegslüsternen Berater wollen seinen Aufstand gegen den König von Babel, Jeremia prophezeit die Niederlage mit furchtbaren Konsequenzen. Da sucht der König heimlich das Gespräch mit Jeremia, um von ihm ein Wort des Herrn zu erfahren. Jeremia sagt ihm ehrlich, was er von ihm hält. Trotzdem ist der König so sehr auf ein Wort des Herrn angewiesen, dass er auch im Fall einer unangenehmen Botschaft freies Geleit verspricht.

Ich habe diese biblische Episode ausgewählt, weil ich kürzlich erfahren habe: Der Bahnvorstand führt Gespräche mit dem Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21. Könnte es sein, dass die Bahnchefs ähnlich hin und her gerissen sind wie einst Zedekia? Einerseits hält die Regierung am Weiterbau des Projekts fest, andererseits häufen sich die Katastrophenmeldungen. Es wird alles noch teurer, es geht vieles noch langsamer als geplant wie beim völlig unerwarteten Wassereinbruch bei Obertürkheim, das veruntreute Geld fehlt, um pünktlicher zu werden, die Verschuldung steigt bedrohlich. Das hoch gelobte Signalsystem, das für S 21 unumgänglich ist, macht die Züge noch teurer und lässt noch weniger Verkehr in der Untergrundhaltestelle zu. Die alten Probleme wie der Brandschutz bleiben weiter ungelöst. Und schließlich: Die Staatsanwaltschaft neigt immer mehr dazu, wegen Untreue zu ermitteln. Wie bei Zedekia wird es auch persönlich bedrohlich für die Vorstände. Es ist zwar kein „Wort des Herrn“, das die Vorstände erwarten, vielleicht wollen sie in den Gesprächen auch nur die Gefahren ausloten, die ihnen drohen, aber einen Rat haben die Gesprächsteilnehmer vom Aktionsbündnis schon für sie. Und der heißt: Umstieg 21. Das wäre jedenfalls mein „Wort des Herrn“ für ihre Rettung.

Wie schon Jeremia Zweifel hat, ob Zedekia auf ihn hören wird, so müssen auch wir Zweifel haben, ob die Bahnvorstände für unseren Rat wirklich offen sind. Zedekia wurde einst für seinen Beratungsresistenz schwer bestraft: Nachdem er seine Militärs hat Krieg führen lassen, werden Stadt und Tempel zerstört, er selbst geblendet in die Gefangenschaft nach Babel geführt. Als Befürworter des Umstiegs 21 können wir kein Interesse an der Bestrafung der Beratungsresistenz der Bahnchefs haben, aber gerade deshalb müssen wir ihnen die Konsequenzen besonders deutlich vor Augen führen. Deshalb sind diese Gespräche wichtig, auch falls der Berliner Justizsenator der Staatsanwaltschaft kraft seiner Weisungsbefugnis die Ermittlungen gegen die Vorstände verbietet. Wir müssen weiter warnen vor den Gefahren des ungelösten Katastrophenschutzes, vor den Risiken des Gipskeupers, vor der Bedrohung durch Überschwemmungen und vor den Folgen des Rückbaus des Bahnverkehrs für den wachsenden Autoverkehr.

Genauso müssen wir natürlich auch Überzeugungsarbeit leisten bei beratungsresistenten Politikern. Als Beispiel möchte ich heute den Vorsitzenden des Bundesverkehrsausschusses, Cem Özdemir herausgreifen. Am 11. Februar veröffentlichte die Frankfurter Rundschau ein Interview mit ihm. Seine Aussage, „wir brauchen keine Retroverkehrspolitik“ wurde als Schlagzeile abgedruckt. Er sagte, er wolle nichts vorschreiben, aber es müssten „bessere Angebote“ gemacht werden im Sinne von „Alternativen zum Auto“. Ich nahm die Gelegenheit beim Schopf und erinnerte in einem Leserbrief an Özdemirs feiges Ausweichen in der Sitzung des Verkehrsausschusses, in der Thilo Sarrazin als ehemaliger Finanzvorstand der Bahn aussagte, er habe schon 2001 vor der erkennbaren Unwirtschaftlichkeit des Projekts Stuttgart 21 gewarnt. Ich hielt Özdemir seinen Satz vor:
„Jetzt isch d’Katz scho da Baum nuf“. Er befürwortete damit den Weiterbau, obwohl er das Konzept Umstieg 21 kennen musste. Ich warf ihm vor, den Bahnvorstand nicht gefragt zu haben, wie die Berechnung der Ausstiegskosten aussieht, nach der der Ausstieg teurer werden soll als die Fertigstellung von S 21. Er hätte dabei erfahren können, dass unsinnigerweise ein Rückbau der Strecke Wendlingen – Ulm veranschlagt wurde, den niemand fordert, auch nicht die Erfinder des Umstiegs 21. Er hätte dann bemerken können, dass die Katze noch keineswegs auf dem Baum ist bzw. durchaus heruntergeholt werden kann. Nach dem Abdruck des Leserbriefs mailte ich den Text an Özdemir mit der Versicherung, ich würde den Vorwurf der Feigheit sofort zurücknehmen, wenn er der Ausstiegskostenfrage nachgehe und die Konsequenzen daraus ziehe.

Zwischenzeitlich habe ich erfahren, dass Eisenhart von Loeper die Herausgabe der Berechnung der Ausstiegskosten gerichtlich betreibt. Da könnte sich Özdemir verbünden. Außerdem kam mir zu Ohren, dass der Bahnvorstand zwar kein „Wort des Herrn“, aber ein Wort des Aktionsbündnisses zur Wendlinger Kurve erbeten hat. Ich gehe davon aus, dass es hierbei auch um das Problem geht, was zu tun ist, wenn die Strecke Wendlingen-Ulm Jahre vor der schrägen Untergrundhaltestelle fertig wird. Dann müssen dort für teures Geld leere Züge die Tunnel belüften. Ein Anschluss über Plochingen an den Kopfbahnhof könnte durch normalen Zugverkehr die Lüftung besorgen und wäre eine gute Erfahrung auf dem Weg zum Umstieg 21. Die Bahn hatte die Streckenführung über Plochingen geplant. Es war die Politik im Ländle, die gegen den Bahnwiderstand den Weg über den Flughafen durchdrückte. Mit einer geschickten Wendlinger Kurve käme die ursprüngliche sinnvolle Bahnplanung doch noch zum Zug.

Bei aller Vorsicht hinsichtlich der Motivation der Bahn bei den Gesprächen mit dem Aktionsbündnis besteht Hoffnung, dass die bisherige Beratungsresistenz aus eigenem Bahninteresse überwindbar ist. Als Christen geben wir jedenfalls den Glauben an die Umkehrfähigkeit der Verantwortlichen nicht auf. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 10.1.2019 zu 1. Tim 6,9-11 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

Denn die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen versinken lassen in Verderben und Verdammnis. Denn Habsucht ist eine Wurzel alles Übels; wie etliche gelüstet hat und sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viel Schmerzen.

Diese Sätze klingen zunächst wie ein „Wehe den Reichen“. Aber die Rede ist von denen, „die reich werden wollen“, also noch arm sind, sich aber nach Reichtum sehnen. Warum müssen solche Menschen gewarnt werden? Ich denke dabei an den Bettler mit Abitur am Backnanger Bahnhof, der mich auf dem Weg zu einem Weihnachtsgottesdienst hierher ansprach. Als er erfuhr, dass ich als Kritiker von Stuttgart 21 einen Gottesdienst halten wolle, sagte er erstaunt, Stuttgart 21 bringe doch Kaufkraft in die Region. Als ich fragte, wer dort wohl arbeiten werde, meinte er: „Ha, Ausländer“. Da fiel bei ihm fast hörbar der Groschen und er stelle erschrocken fest, das müsse er erst mal verarbeiten. Als ich davon im Gottesdienst erzählte, entstand lautes Gelächter. Ich konnte nicht lachen. Denn seit langer Zeit fällt mir auf, dass manchmal gerade die Ärmeren am lautesten gegen höhere Steuern für Reiche schreien, obwohl dabei für sie mehr übrig bliebe. Das finde ich tragisch. Ich erkläre mir diese Tragik so: Nicht wenige Armen wollen reich werden und identifizieren sich deshalb mit den Reichen, und wenn sie einmal reich wären, dann wollten sie nicht davon abgeben müssen. Das neue Testament nennt dies eine Versuchung, einen Fallstrick, der Verderben und Verdammnis bereitet.

Ich halte diese Warnung für hochaktuell. Die gegenwärtig herrschende neoliberale Ideologie will uns solche Fallstricke als Heilsversprechen verkaufen. Auch bettelarme Menschen können darauf hereinfallen und bei Stuttgart 21 von Kaufkraft träumen, die nie die ihre wird. Der Neoliberalismus ist so stark, weil viele dem Versprechen glauben, wenn die Reichen noch reicher würden, dann gehe es allen besser. Aber der Reichtum der Reichen beruht in Wahrheit auf der Armut vieler. Schon vor langer Zeit sagte Verkehrsminister Ramsauer, wenn das Land Baden-Württemberg nicht für Stuttgart 21 bezahlen würde, dann müssten es eben die Bahnkunden tun. Als Christen stehen wir den Verlierern zur Seite, die die Zeche zahlen sollen, und prangern die Lügen der Neoliberalen an. Und wir weisen auf die Schmerzen hin, die Habgier verursacht, wie es im Timotheusbrief heißt.

Uns überrascht es nicht, dass bei Stuttgart 21 jetzt nicht nur für uns Gegner, sondern auch für die Befürworter die Schmerzen kommen. Selbst die Lokalpresse, die sich bisher mit Kritik am Projekt sehr zurückhielt, sieht sich zu schmerzhaften Nachrichten genötigt. Der S-Bahn-Verkehr zum Flughafen wird mindestens ein Jahr empfindlich gestört. Die Verkehrsbeschränkungen für mehrere Jahre am Autobahntunnel unter dem Engelberg bei Leonberg werfen schmerzliche Fragen auf zum Anhydritproblem bei S 21. Selbst Ministerpräsident Kretschmann, dem in der Demokratie die Mehrheit wichtiger ist als die Wahrheit, wird jetzt in der Lokalpresse zitiert mit der Erinnerung, dass er vor seiner Regierungsübernahme all die Probleme angeprangert hat, die jetzt eintreten. S 21 frisst in den nächsten Jahren 3,3 Mrd. €, bis zu 20 % der jährlichen Bahn-Investitionen, die derzeit dringend an vielen Stellen nötig wären. Wichtige Vorhaben anderswo müssen zurückgestellt werden. Die zu großen Schulden steigen noch dramatisch weiter. Bahnchef Lutz, der im Herbst 2018 noch seine Mitarbeiter anspornte, sich Problemlösungen einfallen zu lassen, wird jetzt von der Regierung aufgefordert, selbst einen Plan vorzulegen zum Schuldenproblem und dem schlechten Reiseservice. Wenigstens die überregionale Presse wie etwa die Frankfurter Rundschau zieht daraus den Schluss, dass endlich die Umstiegspläne ernsthaft geprüft werden müssen.

Man darf gespannt sein, ob Bahnchef Lutz diesen Schluss zu ziehen bereit ist. Er könnte den Schwarzen Peter, den er seinen Mitarbeitern zuschieben wollte, nun der Regierung zurück geben, denn von dort kommt er ja. Die Kanzlerin selbst muss sich aus der neoliberalen Verblendung lösen, in der sie meinte, von der Vollendung des Projekts S 21 hänge die Zukunft Deutschlands ab. Sie muss endlich sehen, dass eine vernünftige Bahnzukunft von der Beendigung des Projekts abhängt.
Noch mehr: Die neoliberale Ideologie, die vorgaukeln will, wenn den Reichen immer noch mehr gegeben werde, ginge es auch den Armen besser, muss in ihrer Verlogenheit schonungslos entlarvt werden. Aus dieser Ideologie ist S 21 als Vorzeigeprojekt entsprungen. Nun kommt dieses Projekt zunehmend in die Krise kann letztlich umgekehrt zur Krise dieser Ideologie beitragen. Der neoliberalen großen Koalition muss immer wieder klar gemacht werden, dass ihre sinkenden Umfragewerte eben mit dieser Ideologie zu tun haben und dass die Beendigung von S 21 ein glaubwürdiges Zeichen wäre, sich von dieser Ideologie zu verabschieden. Die Kanzlerin hat immer ein gutes Gespür für die Stimmungen in der Bevölkerung gezeigt, etwa bei der Wehrpflicht oder beim Atomausstieg. Bei anderen würde man von Populismus sprechen. Es kommt also darauf an, was das Wahlvolk denkt und sagt. Eine große Verantwortung hat dabei die vierte Gewalt, die Presse. Deshalb ist es so wichtig, dass vom Journalismus her dem Projekt zunehmend der Wind ins Gesicht bläst.
Unser Parkgebet ist genau dafür da, dass wir immer wieder richtig Luft holen können, um in diese Richtung zu blasen. Wir wollen unseren barmherzigen Gott bitten, er möge uns helfen, dass uns die Puste gegen das Schmerz erregende Projekt S 21 nicht ausgeht. Amen.