Ansprache beim Parkgebet am 15. Oktober 2015 von Pfarrer Martin Poguntke

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Parkgebet, 151015, Heilung des Gelähmten

Liebe Parkgebetsgemeinde,

Eberhard Dietrich hatte letztes Mal zufällig über genau diesen Psalm 32 gesprochen, den wir vorhin gebetet haben – und er hat sehr Wichtiges dazu gesagt. Nämlich, dass in Stuttgart der Rechtsfrieden gestört ist, weil die Verantwortlichen für den 30.9. sich noch immer nicht zu ihrer Schuld bekannt haben. Unvergebene Sünden stehen noch im Raum.
Auch im Predigttext vom vergangenen Sonntag – in der Geschichte von der Heilung eines Gelähmten aus Markus 2, Vers 1 bis 12 – spielt diese Sündenvergebung eine Rolle. Ich will deshalb heute ein wenig mit Ihnen über diese Geschichte nachdenken.

Ich bin ja der Überzeugung, dass die biblischen Schriftsteller die Wundergeschichten vor allem deshalb weitererzählt haben, weil sie und ihre LeserInnen selber darin vorkommen.
Deshalb will ich mich heute Abend mit Ihnen, liebe Parkgebetler, auf die Suche machen: Wo kommen wir denn in der Geschichte vor? Ich erzähle sie kurz:
Jesus war wieder zurück nach Kapernaum gekommen. Nicht nur die Frommen strömten herbei, sondern auch all die Neugierigen, die einfach bloß sehen und hören wollten, was dieser Wanderprediger wohl sagen und tun würde.
Und ein paar Freunde eines gelähmten Mannes versuchten nicht nur, selbst zu Jesus vorzudringen, sondern für ihren gelähmten Freund vielleicht die Chance seines Lebens zu nutzen. Aber es gab kein Durchkommen, die vielen Leute verstopften die Eingänge und machten keinen Platz für sie.
Da nahmen sie die Matratze, auf der sie den Gelähmten hergetragen hatten, und stiegen den Leuten buchstäblich aufs Dach – das muss man manchmal tun, auch auf Bahnhofsdächern–, räumten oben ein paar Ziegel ab und seilten ihren auf Heilung Hoffenden direkt vor Jesu Füße ab.
Und Jesus macht nun etwas ganz Überraschendes: Er heilt den Gelähmten nicht, sondern er sagt zu ihm: Deine Sünden sind dir vergeben.
Jesus vergibt dem Gelähmten die Sünden, und eigentlich nur nebenbei – weil die Leute glauben, es sei schwieriger einen Gelähmten zu heilen als Sünden zu vergeben – nur so als Ergänzung sagt schließlich Jesus zu dem Mann in der Mitte: Nimm deine Matratze und geh heim. Und der geht tatsächlich heim – geheilt von seiner Lähmung.
Und die Leute scheinen nicht zu erkennen, was für eine tiefe Heilung hier geschehen ist. Sie nehmen nur die Sensation wahr: „Wow, so etwas haben wir ja noch nie gesehen!“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Parkgebetsgemeinde. Aber ich fühle mich schon auch immer wieder wie gelähmt, dabei zum Zusehen verdammt, wie sie da unsere Stadt und einen der besten Bahnhöfe Deutschlands ruinieren. All mein Tun kommt mir dann vor wie das hilflose Fuchteln des Gelähmten, der dadurch doch nicht vom Fleck kommt.
Ohne die Hilfe der anderen geht gar nichts. Und das Schlimme: Sind nicht die anderen hier in Stuttgart alle gleich gelähmt wie ich? Sind nicht die einzigen Nicht-Gelähmten die Betreiber und Unterstützer von S21? Sie handeln doch Tag um Tag!
Das wäre zu fragen, ob dieses riesige Heer von Bahn-Ingenieuren, Bahn-Architekten, Bahn-Juristen, das damit beschäftigt ist, S21 umzusetzen, ob nicht alle diese noch viel gelähmter sind als wir – weil sie nicht die Wahrheit sagen dürfen und weil sie zum Erfolg verdammt sind, wo der Erfolg so unwahrscheinlich ist. Freiheit zu handeln sieht anders aus, als das, was diese Lügen-Sklaven da tun müssen, Tag für Tag. Aber es hilft nicht, über deren Lähmung nachzudenken. Meine eigene Lähmung macht mir zu schaffen.
Ob es Zufall war, dass Jesus dem Gelähmten in der Geschichte zunächst einfach „nur“ die Sünden vergeben hat? Oder ob das vielleicht schon die eigentliche Heilung war?
Wir wissen das nicht. Aber wir wissen, wie unsere S21-Bewegung sich oft selbst lähmt durch Rechthaberei, durch Empfindlichkeit, durch mangelnde Toleranz und Solidarität, dadurch, dass man eben doch auch immer wieder persönliche Interessen hat. Ich jedenfalls bin von alledem keineswegs frei. Und ich spüre: Es ist oft das Kreisen um uns selbst, das uns lähmt und von dem wir geheilt werden müssten.
Und es ist tatsächlich so: Der Begriff „Sünde“ meint gar nicht in erster Linie unsere konkreten Verfehlungen, sondern eben unser Kreisen um uns selbst. Unsere Selbstrechtfertigungsversuche, die dazu führen, dass wir immer anderen die Schuld geben müssen. Unsere Unfähigkeit, uns selbst nicht so wichtig zu nehmen, und deshalb unser Irrglaube, alles müssten wir selbst schaffen. Unser mangelndes Vertrauen, dass da eine Kraft in der Welt wirkt, die – wenn wir uns ihr als Werkzeuge anbieten – die in der Welt viel heilender wirkt, als es unser eigenes krampfhaftes Treiben vermag.
Befreit werden vom Kreisen um sich selbst, befreit werden vom lähmenden Zwang zum Handeln – das kann einen frei machen zum Handeln, zum befreiten Handeln.
Es ist jedoch bei weitem nicht nur unsere eigene Sünde, die uns lähmt. Sondern – wie Eberhard Dietrich letztes Mal sagte – der Friede der Stadtgemeinschaft ist gestört. Und das gebiert ständig neue Lähmungen. Wir brauchen für die Heilung unseres Gelähmtseins auch die Vergebung für die andern. Wir haben deshalb ein hohes Eigeninteresse daran, dass auch all die S21-Täter Vergebung erfahren. Weil erst dann der Stadtfriede wieder entstehen kann, ohne den wir alle immer wieder gelähmt sind.

Aber blicken wir einmal weg vom Gelähmten selbst, auf seine Freunde: Sie waren es ja, die das riesige Vertrauen hatten, dass es etwas bringt, wenn sie ihren Freund dem Wanderprediger Jesus vor die Füße stellen.
Wie hilfreich erlebe ich es immer wieder bei den Demos, bei den Gottesdiensten, bei den Arbeitsgruppentreffen, dass da Leute sind, die mich tragen, wie diese Freunde den Gelähmten. Leute, die die Hoffnung haben, die mir gerade wieder einmal abhandengekommen ist. Leute, die gerade nicht gelähmt sind und deshalb mich Lahmen mitschleppen können.
Und immer wieder sind wir ja selbst diese Freunde, die anderen Mut machen, sind selbst die, die nicht gelähmt sind und deshalb anderen hilfreich zur Hand gehen können. Unsere ganze Bewegung erscheint mir als ein ständiges Wechselspiel von Gelähmten und Nicht-Gelähmten, die einander beistehen, wo immer sie gerade können, jeder mal in der einen, mal in der anderen Rolle, wie ein großer sich selbst tragender Organismus.
So geht christliche Gemeinde. – Wenn man den Apostel Paulus gefragt hat, wo denn der auferstandene Christus sei. Dann hat er gesagt: Ihr seid es. Die Gemeinde ist der Leib des auferstandenen Christus. In euch hinein ist er auferstanden.
Nun wollen wir nicht unsere Anti-S21-Bewegung zum Leib Christi hochstilisieren. Aber eines ist, glaube ich, nicht zu viel gesagt: Da, wo in unserer Bewegung diese gegenseitige Stärkung stattfindet, die aus der Lähmung hilft, wo Menschen um ihre eigene Bedürftigkeit wissen – da ist auch die Kraft des auferstandenen Christus am Wirken.
Wenn wir uns von unseren Freunden abseilen lassen in die Demos, Gottesdienste und Arbeitsgruppen, dann landen wir damit oft bildlich gesprochen direkt vor den Füßen des auferstandenen Christus, erfahren seine heilende Kraft.

Werfen wir abschließend noch einen Blick auf die Leute, die da im Haus stehen, die Eingänge verstopfen, den Gelähmten und seine Freunde nicht durchlassen! Was sind das für Leute?
Fromme und Unfromme, Gläubige und Hoffnungslose, Sinnsucher und Neugierige – eine bunte Mischung von Leuten mit Eigenschaften, die durch die Bank auch mir nicht fremd sind. Das alles bin auch ich. Ich selbst bin eine Mischung von all denen, die eines verbindet: Sie stehen denen im Weg, die Hilfe brauchen.
Auch das ist ein Teil unserer eigenen Wirklichkeit, den wir nicht übersehen sollten: Wir sind keine Heiligen; wir sind nicht die besseren Menschen; im Gegenteil oft: Wir sind immer wieder für andere auch hinderlich, mit unserer ganz eigenen Mischung von Stärken und Schwächen.
Auch das ist für mich eine heilsame Facette dieser Heilungsgeschichte, dass auch meine Seele gehen lernt, geheilt wird. Dass sie diese innere Bewegung der Achtsamkeit lernt, die nicht nur selbst etwas mitbekommen will von der heilsamen Kraft, sondern sich mit verantwortlich fühlt – selbst für ganz Fremde wie den Gelähmten in der Geschichte.

Ja, liebe Parkgebetsgemeinde! Was für eine Geschichte! Wie viel mehr ist da geschehen, als eben ein banales medizinisches Wunder! Wie viele Facetten an Lähmungen und Heilungsgelegenheiten in dieser Geschichte verschmolzen sind!
Ich glaube fest daran, dass all diese Heilungen ständig, tagtäglich auch unter uns geschehen, unter uns Gegnern – und auch unter den Befürwortern von S21.
Und sie tut uns gut, diese Heilung von unseren Lähmungen: Immer wieder werden wir äußerlich handlungsfähig und innerlich beweglich auf diejenigen zu, die uns brauchen.
Wenn wir jetzt gleich zusammen beten, so ist auch das eine befreite Bewegung unserer Seele. Wir reden dabei ja nicht nur mit Worten, sondern Beten heißt ja vor allem: Wir öffnen unsere gelähmten Herzen im Angesicht Gottes füreinander – und auch für unsere Gegner.
Dieses geheilte Beten schenke uns Gott. Amen.

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2 Antworten zu “Ansprache beim Parkgebet am 15. Oktober 2015 von Pfarrer Martin Poguntke

  1. Magdalene Strehler

    Dies ist eine hervorragende Predigt über unsere “ Widerstandsgemeinde “ – vielen Dank . Könnte man diese Predigten evtl. als PDF-Datei bekommen , damit man sie ausdrucken kann ?

  2. Das freut uns!
    Den pdf-Link haben wir inzwischen oben eingefügt…

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