Ansprache beim Parkgebet am 5.3.2015 zu Mt 4,8-10 von Friedrich Gehring

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan, denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ (Mt 4,8-10)

Liebe Parkgebetsgemeinde,
wer ist dieser Teufel, der Jesus die Weltherrschaft anbieten kann unter der Bedingung, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten?

Ich denke, wir begreifen, worum es da geht, am ehesten, wenn wir für das Wort „Teufel“ das Geld, das Kapital, kurz: den Mammon einsetzen. Wer den anbetet, der kann es in der Welt zu Macht und Einfluss bringen. Allerdings: Der Mammon braucht die Anbetung, um Macht zu entfalten und Macht zu vermitteln. An das Geld muss geglaubt werden, wenn das Vertrauen auf das Geld schwindet, verliert es seine Macht. Deshalb wird unterschieden zwischen harten und weichen Währungen, denn auf die weichen wird weniger, auf die harten mehr vertraut. Entsprechendes gilt für das Wirtschaftswachstum. Auch daran muss geglaubt werden. Ich denke da an den Bettler, der mir am Weihnachtsfest 2011 am Backnanger Bahnhof sagte, Stuttgart 21 bringe doch Kaufkraft in die Region. Auf meine Frage, wer denn dort arbeiten werde, merkte er, dass da vermutlich ausländische Billiglöhner beschäftigt werden, und plötzlich war sein Wachstumsglaube erschüttert. Wir geben also den Währungen und den Wachstumspredigern die Macht durch unseren Glauben und entmachten sie, wenn wir unser Vertrauen verweigern.

Seit wir das Projekt Stuttgart 21 mit theologischen Argumenten angreifen wird uns vorgehalten, das sei doch nur ein Bahnhof und keine Glaubenssache. Aber wir müssen umgekehrt darauf verweisen, dass wer hier von einem Bahnhof spricht, den kühnen Glauben ausdrückt, diese Haltestelle sei ein Bahnhof, was aufgrund des Gleisneigung von über 15 Promille tatsächlich nicht stimmt. Die      S 21-Gläubigen glauben also gegen die Realität. Wenn wir konsequent von der Haltestelle Stuttgart 21 sprechen, durchkreuzen wir die Sprachregelung der Befürworter und zeigen, dass wir ihren Glauben nicht teilen und nicht vor dem scheinbaren Wachstumsprojekt niederfallen.

Noch schlimmer als dieser Bahnhofsglaube wirkt sich derzeit der Glaube an den Wachstum bescherenden Euro aus. Mit einer noch kaum dagewesenen Einigkeit hat Ende letzter Woche der deutsche Bundestag an den Euro geglaubt und behauptet, damit Griechenland zu helfen. Aber es sind nicht, wie immer behauptet, die Griechen, die hier gerettet werden, sondern der Glaube an den Heil bringenden Euro. Die Griechen sind vielmehr die Leid tragenden, denn sie bekommen nichts geschenkt, sie erhalten nur weiter Kredite, für die sie Zinsen zahlen sollen, ihre Verschuldung steigt dadurch, das geliehene Geld geht nicht an sie, sondern an die Kreditgeber und Zinsnehmer. Drei Millionen Griechen sollen weiterhin auf Gesundheitsfürsorge verzichten. Ein Drittel der Bevölkerung ist ohne Sozialhilfe. Über die Hälfte der jungen Leute sollen arbeitslos bleiben.
Dieser Tage wurde durch journalistische Recherchen belegt, dass Griechenland bereits 2010 bankrott war. Die Fachleute des Internationalen Währungsfonds erkannten dies klar und befürworteten ein Insolvenzverfahren mit Schuldenerlass. Aber der Direktor des IWF, Strauss-Kahn, wollte in Frankreich Präsident werden und stimmte dem Verfahren nicht zu, weil französische Banken dabei 20 Mrd. € verloren hätten, was seine Wahlchancen verschlechtert hätte. Es nützte nichts, Strauss-Kahn stolperte über seine Sexaffären, aber die griechischen Schulden stiegen weiter, die Troika schrieb diktatorisch die Verarmungsgesetze in Griechenland. Sie zwang die griechische Regierung, die bankrotten griechischen Banken zu verstaatlichen, d.h. Deren Schulden zu übernehmen. Danach mussten sie die Banken wieder billig verkaufen, wodurch die griechischen Staatsschulden um 30 Mrd € stiegen. Die faulen Staatsanleihen der französischen und deutschen Banken sind inzwischen in staatlichen Händen, sodass wir Steuerzahler zur Bad Bank wurden. Wir werden bei der Insolvenz bezahlen. Das ganze wurde gestützt auf den Glauben, Griechenland werde durch die Spardiktate ein jährliches Wachstum von vier Prozent erreichen, ein Glaube gegen jede Realität, der die Illusion nährt, Griechenland bleibe weiterhin ausbeutbar.
Wenn die Griechen aufhören, vor dem Euro niederzufallen und ihn anzubeten, und ihr Vertrauen auf die Drachme setzen, wird das zwar gewiss kein leichter Weg, aber sie können auf einen Schlag die Schulden von über 170 Mrd. € abwerfen, an denen sie noch 100 Jahre abzahlen würden. Wenn sie auf die selbst gedruckte Drachme vertrauen und sie als Zahlungsmittel allgemein akzeptieren, können alle wieder Krankenversorgung und Sozialhilfe bekommen, durch die Inlandsnachfrage kommt der Handel wieder in Schwung, durch eine Abwertung der Drachme gegenüber dem Euro wird der Urlaub bei Griechen für Nordeuropäer billiger, wird boomen und viele Euro für Importgüter erwirtschaften. Das Beispiel kann die Spanier, die auch noch in diesem Jahr wählen, ermutigen, um sich von der Diktatur der Troika zu befreien, die demokratisch völlig unkontrolliert aus dem Glauben an das neoliberale Dogma handelt, Kaputtsparen bewahre vor dem Staatsbankrott. Es kommt also darauf an, wie viele Länder nicht mehr vor dem Euro niederfallen und ihn anbeten. Ebenso wird es darauf ankommen, dass immer weniger Politiker durch Investitionsabkommen wie CETA, TTIP oder TISA vor den transnationalen Anlegern niederfallen und das Wachstum anbeten, das sie uns angeblich bringen sollen, während sie nichts anderes tun als uns auszubeuten. Jesus hat sich geweigert, vor dem Teufel niederzufallen, und warnt uns alle: Wir können nicht dem Mammon und zugleich dem barmherzigen Gott dienen (Mt 6,24). Wir können uns entweder vor den Ausbeutern niederwerfen oder für die Barmherzigkeit gegenüber den Verarmten eintreten. Unser Herr Jesus Christus schenke uns den Mut, seinem Vorbild nachzufolgen. Amen.

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