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Ansprache beim Parkgebet am 28.6.18 zu Röm 13, 1-2 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott. Wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes. Die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu.“

Dieser Text ist der krasseste Beleg für die Anpassung der christlichen Kirche an die römische Gewaltherrschaft. Wohl aus Angst vor Christenverfolgungen soll gut Wetter mit dem Kaiser und seinen Statthaltern gemacht werden. Der Demokratie zum Trotz wirkt diese Untertanentheologie bis heute in Kirchen. So wurde Hitler als von Gott gesandter Führer bejubelt, selbst von der „Bekennenden Kirche“. Nach dem „Schwarzen Donnerstag“ hier im Schlosspark haben wir erlebt, dass von kirchlicher Seite so gut wie keine Kritik kam, obwohl die Bilder an Verhältnisse in Diktaturen erinnerten. Ich sehe darin eine Auswirkung der Theologie von Römer 13. Auch das Schweigen der Mehrheit zu den inzwischen zu Tage getretenen Unsäglichkeiten des Projekts S 21 führe ich darauf zurück, dass wir uns hierzulande sehr schwer tun, das gesetzwidrige Verhalten von Regierenden zu brandmarken oder das der Wirtschaftsmächtigen, die mit Lobbyisten die Regierenden wie Marionetten steuern. Die Inhaftierung des Audichefs Stadler erscheint als Ausnahme von der Regel. So lagen große Hoffnungen auf der Sitzung des Verkehrsausschusses des Bundestags am 11. Juni, denn das Konzept Umstieg 21 durfte dort vorgetragen werden.

Leider bekamen die S 21-Befürworter mehr Raum als die Gegner und die Fragen von Abgeordneten ließen erkennen, dass viele noch nicht bereit sind, sich gegen dieses Regierungsprojekt kritisch zu positionieren. Untertanengeist und Fraktionszwänge verhindern dies bei vielen. Aber immerhin hat Thilo Sarrazin im Auftrag der AfD die Ausrede durchkreuzt, man hätte damals noch nichts gewusst. Noch mehr Rückgrat hätte er bewiesen durch ein Plädoyer für den Umstieg. Da müssten nun die Abgeordneten der AfD selbst ran. Einer von ihnen hat im Ausschuss wenigstens gefragt, wer am Ende die Zeche zahlen soll. Wenn es der AfD ernst ist mit dem Slogan „Merkel muss weg“, dann könnte sie jetzt den traditionellen Untertanengeist überwinden und Strafantrag gegen die Kanzlerin stellen wegen Anstiftung zur Untreue nach §§ 26 und 266 StGB. Das wäre konstruktive Arbeit als Opposition, die nicht nur wohlfeil schreit, die Kanzlerin müsse weg, sondern die wirksam die neoliberale Politik der Kanzlerin bekämpft. Auf keinem anderen Gebiet ist die Kanzlerin besser vor zu führen und die Dummheit ihrer neoliberalen Politik leichter nach zu weisen. Man muss nur die Rolle des Kindes in dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern übernehmen und den neoliberalen Speichelleckern der Kanzlerin zurufen, dass sie nackt ist. Das Kind im Märchen hat noch keinen Untertanengeist eingeübt.

Christen in der Nachfolge Jesu können diesen Untertanengeist ablegen. Denn Jesus hat in aller Schärfe die religiösen und weltlichen Autoritäten seiner Zeit kritisiert. Im Tempel randalierte er gegen die Geschäfte der Tempelpriester mit den Opfern, indem er sie als Räuberei bloßstellte (Mk 11, 15-17). Dem Kaiser in Rom und seinen Statthaltern warf er Machtmissbrauch vor und forderte eine Kultur des Dienens (Mk 10,42-44). Das muss uns Mut machen, offen das Unrecht, den Unsinn und den Machtmissbrauch auszusprechen, auch wenn Personen der demokratisch gewählten Obrigkeit die Täter sind.

Wenn uns also Obrigkeitsgläubige vorwerfen, wir hätten eben am „Schwarzen Donnerstag“ wegbleiben sollen von der Demonstration gegen dieses Projekt der guten demokratisch gewählten Obrigkeit, dann werden wir nicht müde zu erwidern, dass demokratische Rechte, die nicht genutzt werden, verloren gehen, wie Muskeln schwinden, die zu wenig eingesetzt werden. Wenn jemand wie Ministerpräsident Kretschmann immer wieder mit der Mehrheit bei der Volksabstimmung kommt, weisen wir nicht nur darauf hin, dass das Quorum nicht erreicht wurde, sondern dass auch die Mehrheit auf Irrwege kommen kann wie in der NS-Zeit. Wenn der Gipskeuper quillt, schützt eine Mehrheit nicht vor der Strafe für verantwortungsloses Bauen. Und wenn jemand wie Cem Özdemir von Entschuldigung für S 21 spricht, um dann zu behaupten, für den Ausstieg sei die Katze nun leider schon den Baum rauf, dann geht das bei uns nicht durch. Ich weiß zwar nicht, was im Islam zur Vergebung gelehrt wird, aber auch ein Imam dürfte Özdemir dafür kaum loben.
Wenn jemand in einer Partnerschaft sagt: Schatz, ich bin fremd gegangen, aber ich entschuldige mich, jetzt musst du halt damit leben, dass ich nicht treu sein kann, die Katz ist jetzt schon den Baum rauf, dann wird sehr schnell ersichtlich, dass es so nicht geht und Vergebung eine Umkehr voraussetzt. Meine Schulklassen haben es an diesem Beispiel immer begriffen, dass Vergebung so nicht gelingen kann, dann wird es auch Cem Özdemir begreifen können. Aber wir müssen ihn eben aktiv konfrontieren mit seinem scheinheiligen Gerede von Entschuldigung. Wir nehmen das Argument vom 11. Juni nicht hin, das kriminelle Veruntreuungsprojekt müsse fertig gebaut werden, weil der nicht kriminelle Umstieg zu lange dauern würde.

Die Umkehr bei S 21 ist immer noch möglich, das können nun alle Parteien im Bundestag wissen ebenso wie die Öffentlichkeit in ganz Deutschland. Die Frankfurter Rundschau titelte am 12. Juni:
„Bitte umsteigen! Gegner von Stuttgart 21 haben im Bundesverkehrsausschuss eine Alternative vorgelegt“. Auch wenn die Sitzung des Verkehrsausschusses nicht unsere Erwartungen erfüllt hat, der publizistische Erfolg macht Mut. Die Stimmung in der Presse wird zunehmend kritischer, das haben wir ja sehr lange vermisst. Das frech fortgesetzte Lügen der Befürworter wird in der Öffentlichkeit immer weiter entlarvt. Die Gefahren der Gleisneigung, der Brandkatastrophen, der Überflutung und der Gipskeuperquellung dringen immer mehr ins öffentliche Bewusstsein, dazu die Milliarden schwere Veruntreuung öffentlicher Gelder bei gleichzeitiger Verschlechterung des Bahnverkehrs. Wie beim Dieselskandal bewahrheitet sich das Sprichwort: Der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht. Oder: Lügen haben kurze Beine!

Auch wenn unser Parkgebet nun bald acht Jahre alt wird, es gibt keinen Grund aufzugeben. Im Gegenteil: Die jüngste Entwicklung gibt uns Mut zum Weitermachen. Amen.

Die Wahrheit wird euch frei machen: Ansprache beim Parkgebet am 3.5.2018 zu Joh 8, 31f

„Jesus sprach zu den Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren: Wenn ihr in meinem Worte bleibt, seid ihr in Wahrheit meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“

Jesus wirft den jüdischen religiösen Eliten seiner Zeit vor, dass sie den wahren Willen des Gottes Israels verdrehen. So haben sie aus dem dritten Gebot „Du sollst den Feiertag heiligen“, einer ursprünglichen Arbeitsschutzbestimmung für abhängig Beschäftigte, viele Verbote abgeleitet, was man am Sabbat alles nicht tun darf. Dem stellt Jesus den ursprünglichen Gotteswillen gegenüber: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk 2,28). Deshalb verspricht Jesus den Juden, die ihm nachfolgen wollen: Die Wahrheit wird euch frei machen.

Es ist eine alte seelsorgerliche Erfahrung, dass wer lügt und deshalb die Wahrheit verdrängen muss, für den Bau und Erhalt der Lügengebäude viel Energie aufzuwenden hat. Die Beendigung des Lügens und das Bekenntnis zur Wahrheit befreit deshalb von der anstrengenden Verstrickung in die Lüge. Denn die Wahrheit drängt bisweilen mit großer Kraft ans Licht wie Löwenzahn aus dem Asphalt. Eine solche Erfahrung können wir derzeit beim Projekt S 21 machen.

Am 18. April hat Bahnchef Lutz zusammen mit seinem Vize Pofalla vor dem Verkehrsausschuss des Bundestags in nicht öffentlicher Anhörung erstmals das Ausmaß der Unwirtschaftlichkeit des Projekts eingestanden. Die Bahn muss mehr als 4 Milliarden € Eigenmittel verbrennen und kann aus dem Gleisfeldverkauf nur 1,15 Mrd. € erlösen. Bei geringfügigen Projekteffekten bleiben über 2 Milliarden Planverlust. Das nicht öffentliche Eingeständnis ist inzwischen öffentlich in der Presse zu lesen. Lutz wiederholt, was wir von seinem Vorgänger Grube schon kennen: Wenn das alles 2009 schon bekannt gewesen wäre, hätte man eine andere Entscheidung getroffen. Nun aber legten die beiden Vorstände ein Papier vor, wonach der Projektabbruch mehr als 7 Milliarden € kosten würde. Man will sich also doch nicht so recht von der Wahrheit befreien lassen. Der Berliner Wirtschaftsprofessor Christian Böttger fordert laut Südwestpresse vom 21.4.18, die tatsächlichen Abbruchkosten unabhängig ermitteln zu lassen und alternative und günstigere Lösungen ohne Scheuklappen zu prüfen. Man darf gespannt sein, ob Verkehrsausschuss und Regierung dieser Forderung aus Fachkreisen folgen wird. Das Aktienrecht, das unwirtschaftliche Projekte verbietet, müsste eigentlich dazu zwingen.

Auch unser Ministerpräsident könnte sich das Wort Jesu zu Herzen nehmen und sich von der Wahrheit befreien lassen. In seiner Antwort auf Peymanns Kritik an S 21 hat sich Kretschmann laut Südwestpresse vom 3. März 2018 zu der Lüge verstiegen, Stadt und Land seien laut Verfassung an die Volksabstimmung gebunden. Ich habe ihm deshalb als Nachfolger Jesu brieflich die befreiende Wirkung des Bekenntnisses zur Wahrheit empfohlen:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,

auf Ihre Behauptung vom 27.11.2012, in der Demokratie entscheide die Mehrheit, nicht die Wahrheit, habe ich Ihnen am 2.6.2014 vorgeworfen, dass Sie damit die Lüge in der Politik hoffähig machen, weil nach dem Eingeständnis der Kostensteigerung keine neue Volksabstimmung folgte. Sie haben dies am 19.8.2014 entschieden zurückweisen lassen, weil die Kostensteigerung als Argument der S 21-Gegner vor der Abstimmung bekannt gewesen sei. Dieses Argument ändert nichts daran, dass die Kostenlüge der Befürworter erfolgreich war, weil – anders als in einer Demokratie wie der Schweiz – eine zweite Abstimmung über die Wahrheit unterblieb.

Nun haben Sie auf die Kritik von Claus Peymann laut Presseberichten vom 3.3.2018 erwidert, an die Volksabstimmung vom November 2011 seien Land und Stadt laut Verfassung gebunden.

Sie verzichten dabei auf einen Beleg, wo dies in der Verfassung steht. Denn Sie wissen ganz genau, dass bei der Volksabstimmung vom November 2011 das Quorum nicht erreicht wurde und deshalb das Abstimmungsergebnis keinerlei verfassungsrechtliche Bindungswirkung entfalten konnte, wie die Landeswahlleiterin damals unmissverständlich festgestellt hat. Sie setzen damit eine Lüge als Instrument ein, um die Kritik an dem Projekt Stuttgart 21 niederzuhalten, das immer mehr die Verantwortungslosigkeit seiner Befürworter offenbart, nachdem die Bahnchefs Lutz und Pofalla die Unwirtschaftlichkeit am 18.4.2018 vor dem Verkehrsausschuss des Bundestags eingestanden haben.

Wären Sie als Christ der Wahrheit verpflichtet, müssten sie eingestehen, dass der Volksabstimmung lediglich das Gewicht einer Meinungsumfrage zukommt, die allerdings ohne professionelle Beachtung der Repräsentativität durchgeführt wurde. Sie kam zudem unter der irreführenden Sprachregelung zustande, bei Stuttgart 21 handle es sich um den Bau eines Bahnhofs. In Wirklichkeit soll hier nach der gesetzlichen Definition für Bahnhöfe allenfalls eine Haltestelle mit der Steigung einer Hochgebirgsbahn unterhalb des Grundwasserspiegels entstehen.

Ich fordere Sie deshalb auf, als profilierter katholischer Christ der Verheißung Jesu zu folgen: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8, 32). Stehen Sie zu Ihrem Versprechen, das Projekt S 21 kritisch zu begleiten und unterstützen Sie Fachleute wie den Berliner Wirtschaftsprofessor Böttger, der eine unabhängige Ermittlung der Abbruchkosten und eine scheuklappenfreie Prüfung von alternativen und günstigeren Lösungen fordert.

Mit freundlichen Grüßen

Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass unser Ministerpräsident sich von der Wahrheit befreien lassen wird. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 8.3.18 zu Mt 23,23 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

„Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr die Minze und den Anis und den Kümmel verzehntet und die gewichtigeren Stücke des Gesetzes außer acht gelassen habt: das Recht und die Barmherzigkeit und die Treue.“

Jesus prangert die Heuchelei an, die auf Geringfügiges, z.B. Abgaben auf Kräuter, gewissenhaft achtet, aber das Wesentliche, Recht, Barmherzigkeit und Treue, vernachlässigt. So etwas ist auch heute noch politische Praxis. Allein Erziehende Empfängerinnen von Hartz IV müssen über ihre Stromrechnung die Kosten für die Umstellung auf erneuerbare Energien zahlen, damit z. B. die Investoren für ihre Windräder Geld bekommen, auch wenn diese wegen Stromüberangebot abgeschaltet werden müssen. Große Aluminiumkonzerne sind von der Umlage befreit, sie würden sonst angeblich nicht mehr konkurrenzfähig. Wenn die Armen ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, wird ihnen der Strom abgestellt. Das betrifft 300.000 Haushalte in Deutschland. Da ist man in unserer Gesellschaft sehr gewissenhaft.

Wenn umgekehrt die Deutsche Bank Verluste schreibt und ihren Investmentbankern, also denen von der Zockerabteilung, eine Milliarde € Boni zahlt, da sagt man: „Das Geld muss man denen lassen, denn sonst wandern diese großartigen Mitarbeiter ab“. Da fehlt es der herrschenden neoliberalen
Politik an der Gewissenhaftigkeit, diese Einkommen so hoch zu besteuern, dass sich die Gier nicht mehr lohnt. Denn wer dreist nimmt, dem soll auch dreist genommen werden, um davon den Armen zu geben, damit sie zu leben haben. Das wäre nicht mehr als recht und billig. Aber bei Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist unsere neoliberale Politik nicht mehr gewissenhaft.

Wenn das Kindergeld erhöht wird, dann wird die Erhöhung bei den ärmsten Familien gleich beim Hartz IV-Bezug wieder abgezogen. Da sind wir sehr gewissenhaft, obwohl die Kinder nichts dafür können, dass ihre Eltern arm sind. Die reichen Familien bekommen dafür viel mehr als das Kindergeld, denn sie machen bei der Steuererklärung Kinderfreibeträge geltend, die bei höherem Steuersatz viel mehr als das Kindergeld ausmachen. Die Barmherzigkeit bleibt auf der Strecke. Die Idee einer Kindergrundsicherung kommt in keinen Koalitionsvertrag. Die neoliberale Doktrin sagt: Barmherzigkeit ist zu teuer, die können wir uns nicht mehr leisten. So erweist sich, was schon Jesus brandmarkt: „Wer da hat, dem wird gegeben, und wer da nicht hat, dem wird auch noch genommen, was er hat.“ (Lk 19,26).

So kann es auch bei S 21 nicht anders sein, dem neoliberalen Schlüsselprojekt schlechthin, von dem die Kanzlerin immer noch weiß, dass es über die Zukunft Deutschlands entscheidet, genauer gesagt, über die Zukunft des Neoliberalismus in Deutschland. In ihrer neoliberalen Verblendung verdrängt sie, dass, wenn S 21 tatsächlich fertig und zur Katastrophe für die Region würde, es als Mahnmal dastünde gegen den Neoliberalismus wie die Kriegerdenkmäler gegen den Krieg. Das kann für uns Gegner des Projekts kein Trost sein. Deshalb machen wir die Augen auf und sagen, was wir sehen.

Schon Verkehrsminister Ramsauer hat im Wissen um die verheimlichten wahren Kosten erklärt, wenn sich die Stuttgarter und baden-württembergischen Steuerzahler nicht an diesen beteiligen, werde man die vergeudeten Milliarden eben von den Bahnkunden holen. Wenn ein Karlsruher meint, in Stuttgart könne man wie in Karlsruhe seine Fahrkarte im Zug lösen, zahlt er als Schwarzfahrer oder kommt ins Gefängnis, weil Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Wenn Bahnaufsichtsräte die selbst gesetzte Grenze der Projektrentabilität von 4,5 Mrd. € um 2 Mrd. € überschreiten, sagt die Berliner Staatsanwaltschaft, sie hätten die Untreue nicht erkennen können. Hier schützt plötzlich Dummheit vor Strafe. Auch hier zeigt sich die Gewissenhaftigkeit im Kleinen und die Gewissenlosigkeit im Großen.

Nun sind dem schlechten Geld bei S 21 noch weitere Milliarden gutes Geld nachgeworfen worden. Das gilt allgemein als die Todsünde der Betriebswirtschaft. Die Berliner Staatsanwaltschaft sieht aber immer noch keine konkrete „Überschreitung des unternehmerischen Handlungsspielraums“. Ob man S 21 oder den Umstieg favorisiere, sei Meinungssache. Die warnenden Gutachten stellten die Annahmen der Aufsichtsräte nicht in Frage, auf die sie ihre Entscheidung gründen. Der Strafanzeige wird Pauschalität vorgeworfen, die Begründung der Einstellung der Ermittlungen ist aber selbst ist an Pauschalität nicht zu überbieten. Es wird die allgemeine Lebenserfahrung bemüht, dass „hoch komplexe Vorhaben“ wie S 21 eben „kontrovers diskutiert werden“.

Eisenhart von Loeper und Dieter Reicherter werden das so nicht durchgehen lassen und die allgemeine Lebenserfahrung anführen, dass komplexe Vorhaben auch komplex geplant und berechnet werden müssen und erst gebaut werden dürfen, wenn sie vollständig genehmigt sind. Wer ohne wichtige Genehmigungen losbaut, kann sich nicht auf unternehmerischen Ermessensspielraum berufen, sondern riskiert bewusst Veruntreuung. Wer hunderte Risiken kennt, aber nur zum Teil in die Kostenrechnung einfließen lässt, um auf der Basis der fehlerhafte Berechnung den Weiterbau zu beschließen, überschreitet konkret den Handlungsspielraum bei der Betreuung fremden Vermögens. Wer sich weigert, Alternativen zur Kenntnis zu nehmen und ernsthaft vergleichend zu berechnen, macht sich der Veruntreuung öffentlicher Gelder schuldig.

Wir werden nicht schweigend hinnehmen, dass bei den kleinen Verfehlungen gewissenhaft bestraft und bei den großen gewissenlose Langmut an den Tag gelegt wird. Wie Jesus die religiösen Autoritäten seiner Zeit mit ihrer Heuchelei konfrontiert, werden wir die neoliberalen Politiker und ihre Helfeshelfer in der Justiz damit konfrontieren, dass sie einerseits neoliberal verblendet für die Profite großer Konzerne Partei nehmen und andererseits unbarmherzig und treulos gegen die Bürgerschaft handeln. Wehe ihnen! Amen.

Weihnachtspredigt zu Joh 3,17+19-21 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring am 26.12.2017 im Stuttgarter Schlossgarten

Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. … Darin aber besteht Gerechtigkeit, dass das Licht in die Welt gekommen ist. … Denn jeder, der Böses tut, hasst das Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott getan sind.

In unseren Advents- und Weihnachtsliedern besingen wir wie eben in dem Lied „Tochter Zion“ das Kind in der Krippe als den sehnlich erwarteten Friedefürsten. Er wird regieren in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Er wird die bösen Werke, die das Licht des Tages scheuen, mit seinem Licht beleuchten und sichtbar machen, um sie zu verhindern. Wie geschieht dies konkret?

Als das Krippenkind erwachsen geworden ist und durch Jericho zieht, beleuchtet Jesus die Werke des Zachäus. Er wird sich seiner Ausbeuterei und Betrügerei bewusst. Das Licht hilft dem Zachäus, sich von seinen bösen Werken loszusagen und ein Leben in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu wagen. So wird er aus seiner Gier und aus seiner Isolierung in der Bevölkerung gerettet (Lk 19,1-10). Als Jesus danach in Jerusalem einzieht und in die finsteren Geschäfte mit den Schuldgefühlen der Menschen im Tempel leuchtet, gelingt zwar die Rettung der Profiteure nicht, aber die auf den barmherzigen Gott vertrauen, müssen sich nun von den Profiteuren nicht mehr ausbeuten lassen. Sie wissen, dass der barmherzige Gott keine Opfer braucht (Lk 15,11-24). Das Licht Jesu rettet sie vor der Räuberhöhle, zu der der Tempel geworden ist (Mk 11,15-17).

In welche Räuberhöhlen würde Jesus heute bei uns leuchten? Der ausbeuterischen Weltmacht Rom zur Zeit Jesu entspricht heute die Weltmacht USA. Sie sichert ihre wirtschaftlichen Interessen mit hunderten von Militärstützpunkten überall auf der Welt, auch hier in Stuttgart. In Möhringen befindet sich die US-Drohnenleitstelle Afrikom, von der aus in Afrika die völkerrechtswidrigen Dohnenlynchmorde organisiert werden. Ihnen fallen immer wieder als sog. Kollateralschäden Zivilisten, auch Kinder, zum Opfer. In Vaihingen befindet sich das US-Atomkriegskommando. Von hier aus bedroht die USA alle Nationen, sofern sie gegen den Machtanspruch von „Gods own Country“ aufbegehren. Stuttgart wird also eine aktive Rolle spielen, wenn die zwei Machos Trump und Kim Jong Un die Welt in atomare Asche legen werden. Licht in diese finsteren Machenschaften zu bringen heißt, unablässig auf diesen Wahnsinn militärischer Logik hinzuweisen und ihn öffentlich zu brandmarken.

Wir stehen hier ganz nahe an einem Ort, der mit die schlimmste Konzentration von Autoabgasen in Deutschland bietet. Mit verantwortlich sind die Manager der großen Autokonzerne, die in ihrer Gier an der Abgasreinigung von Dieselfahrzeugen sparen und mit betrügerischen Motormanipulationen viele Todesopfer in Kauf nehmen. Sie haben rechtzeitig gezielte Lobbyarbeit betrieben und können jetzt behaupten, dass ihre Manipulationen legal sind, weil sie die Gesetze entsprechend formulieren durften. Die einzelnen betrogenen Autokäufer können nur sehr schwer gegen die Betrügereien klagen, weil in Deutschland Sammelklagen gesetzlich nicht vorgesehen sind. Weihnachtliches Licht in die finsteren Machenschaften der Autokonzerne zu bringen heißt, politischen Druck aufzubauen, der die Konzerne zwingt, Dieselmotoren wirksam nachzurüsten, auch wenn das die saftigen Gewinne etwas schmälert.

Wir stehen hier außerdem in unmittelbarer Nähe eines gut funktionierenden Bahnhofs, der auf dem Altar gieriger Tunnelbauer sinnlos geopfert werden soll. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG will diesen verschwenderischen Rückbau des Bahnverkehrs „finster entschlossen“ zu Ende führen. Seine Wortwahl nach seiner Einsetzung in den Chefposten der Bahn ist verräterisch. Um dieses fatale Projekt zu Ende zu bauen braucht es viel Finsternis. Es muss im Dunkel bleiben, was es schließlich kosten wird. Es muss verschleiert werden, dass es einen Engpass darstellt, der den öffentlichen Bahnverkehr massiv behindern wird, von dem wir zur Luftreinhaltung viel mehr bräuchten. Es muss vertuscht werden, dass die Tunnel im Gipskeuper ein unbeherrschbares Risiko darstellen und Brände unter der Erde ungleich gefährlicher sein werden als unter freiem Himmel.
All dieses und noch viel mehr braucht Finsternis. Als Architekt Ingenhoven die Finanzierungslügen beleuchtete, warfen ihm die Bahnchefs Inkompetenz vor. Tatsächlich fehlt im die Kompetenz zur Verschleierung, die bei der Bahn reichlich vorhanden ist, aber am Ende nicht ausreichen wird.
Das rettende Weihnachtslicht wird auch in die Räuberhöhle Stuttgart 21 hinein leuchten und das schändliche Raffen anprangern, um es schließlich zu beenden. Unsere Geduld und Ausdauer wird dabei auf eine harte Probe gestellt. Fünf Jahre hat es gedauert, bis der schändliche Polizeieinsatz am „Schwarzen Donnerstag“ gerichtlich als gesetzwidrig ans Licht der Wahrheit gezerrt war. Aber unsere Beharrlichkeit hat gesiegt, auch wenn der Skandal noch nicht gänzlich aufgearbeitet ist und z. B. Staatsanwalt in Ruhe Häussler noch zur Verantwortung zu ziehen ist.

Auch die Ermittlungen wegen Veruntreuung kamen zunächst gar nicht in Gang, weil die Berliner Staatsanwaltschaft an die Grenze der Strafvereitelung im Amt ging. Sie behauptete, die Bahn-Aufsichtsräte hätten zwar objektiv veruntreut, dies aber subjektiv nicht erkennen können. Das beharrliche Insistieren auf Fakten hat aber nun doch zu Ermittlungen gegen die Hauptbeschuldigten geführt, auch wenn Kanzlerin Merkel mit ihrer Anstiftung zur Untreue noch nicht ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten ist. Aber auch sie wird nun von dem rettenden Licht erfasst: Das Bundesverfassungsgericht hat das parlamentarische Auskunftsrecht gestärkt. Merkel kann jetzt nicht mehr behaupten, das Betriebsgeheimnis der DB AG wahren zu müssen, wenn sie deren finstere Werke verschleiern will.

Auch wenn die Fortschritte zäh errungen werden müssen, wir werden weiterhin der rettenden Kraft des Lichtes Jesu vertrauen und in seiner Nachfolge Licht ins Dunkel finsterer Machenschaften tragen. Amen.

Herzliche Einladung zum Weihnachts-Gottesdienst im Park

Am 2. Weihnachtstag (26.12.17) um 11 Uhr feiern – wie inzwischen schon richtige Tradition – die S21-Gegner einen Weihnachts-Gottesdienst.
Wie auch die 14-täglichen Parkgebete (www.s21-christen-sagen-nein.org/parkgebet) wird er im Mittleren Schlossgarten unter der großen Kastanie bei der Lustschloss-Ruine stattfinden.

Der Gottesdienst wird unter dem Motto „Weihnachtslicht in finstere Machenschaften“ stehen. Pfarrer i.R. Friedrich Gehring wird dazu eine Ansprache zu Johannes 3, Vers 17+19-21 halten und Jutta Radicke die Liturgie gestalten. Und wie gewohnt ist die musikalische Begleitung bei den Musikern der Formation „Parkblech“ in guten Händen.

So sah es Weihnachten 2010 aus:
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Herzliche Einladung
zu diesem Weihnachts-Gottesdienst, der wohl nicht in so winterlicher Atmosphäre stattfinden wird wie 2010, aber nicht weniger wohltuend und nachdenklich sein wird.

Wir sehen uns am
2. Weihnachtstag (26.12.2017) um 11 Uhr, bei der Lustschloss-Ruine!

Ansprache beim Parkgebet am 7.12.17 zu Mt 10, 34-35 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Meinet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Menschen mit seinem Vater zu entzweien und eine Tochter mit ihrer Mutter.

Jesus hat im Garten Gethsemane entschlossen abgelehnt, zu seiner Verteidigung das Schwert einzusetzen. „Wer zum Schwert greift, der wird durchs Schwert umkommen“ (Mt 26,52), sagt er dem Petrus, der noch nicht begreift, dass sein Schwert mehr gefährdet als schützt. Jesus ist auch bewusst auf einem Esel in Jerusalem eingeritten: Er will nicht der Anführer eines Aufstandes gegen die römische Besatzung sein. Ein Heerführer reitet auf einem Pferd, auf einem Esel macht er sich lächerlich.

Jesus redet hier vom Schwert im übertragenen Sinne. Er spricht von der Auseinandersetzung um den rechten Weg. Auch der Keimzelle des gesellschaftlichen Lebens, der Familie, kann dieser Streit nicht erspart bleiben. Auch unter Familienangehörigen werden Entscheidungen für oder gegen das von Jesus verkündete Reich Gottes fallen. Es werden Familienangehörige sich für das faire Teilen entscheiden und andere für das gierige Raffen. Da werden auch unter nahen Menschen sich die Wege gelegentlich trennen.

Dies von Jesus zu hören ist hart, gerade in der Advents- und Weihnachtszeit, in der die Familie für jung und alt so etwas wie der letzte bleibende Ort der Geborgenheit darstellt. Die Hochschätzung der familiären Geborgenheit führt nicht selten zu einer Konfliktscheu, die diese heile Welt nicht gefährden will. Aber erfahrungsgemäß rettet Konfliktscheu den Familienfrieden eben nicht, sondern sorgt nur dafür, dass Konflikte unter den Teppich gekehrt werden. So entstehen Konfliktberge, die am Ende zu Trennungen zwingen, weil zu lange zu viele Verletzungen ertragen wurden um eines scheinbaren Friedens willen. Seit Jahrzehnten verschenke ich zu Trauungen das Buch mit dem Titel: „Streiten verbindet“. Und im Religionsunterricht habe ich zum Thema „Konfliktaustrag in Partnerschaften“ 10 Regeln für fairen Streit entwickelt. Denn die Stabilität von familiären Beziehungen hängt vorrangig von vernünftigem Konfliktaustrag ab, der faire Kompromisse sucht. Wenn diese nicht gelingen, sind getrennte Wege oft besser als ein fauler Frieden.

Jesus ist nicht das konfliktscheue Lamm, das sich ohne Widerworte zur Schlachtbank führen lässt. Er kann hin stehen und Konflikte aushalten. Das hat er in der eigenen Familie praktiziert, schon als 12-Jähriger im Jerusalemer Tempel (Lk 2, 41-50) und auch als junger Mann. Da erklärten ihn seine Verwandten für verrückt (Mk 3,21) und er distanzierte sich von ihnen, weil sie in seinen Augen nicht den Willen Gottes taten (Mk 4,31-34). Das war nur die eine Seite: Auch im Konflikt mit der römischen Besatzungsmacht war Jesus ein Widerständler. Es war – wie gesagt – kein militärischer Widerstand, sondern ein gewaltfreier. Das ist sehr bald nach Jesus unter den Tisch gefallen, weil man meinte, sich mit der römischen Gewaltherrschaft arrangieren zu müssen. Als das Christentum schließlich um 400 n. Chr. zur Staatsreligion im römischen Reich aufgestiegen war, blieb keinerlei Bewusstsein vom Widerständler Jesus zurück. Aber wie die Archäologie durch das Abheben von Erdschichten Ursprüngliches freilegen kann, so kann die Theologie in der Bibel das verschüttete Widerständlertum Jesu wieder sichtbar machen.

„Wer dich auf den rechten Backen schlägt, dem biete auch den andern dar.“ Dieser Satz ist zum Inbegriff für totale konfliktscheue Unterwerfung geworden, meint aber ursprünglich das Gegenteil: Wenn ein Sklave von seinem Sklavenhalter auf die rechte Wange geschlagen wurde, war das noch nicht strafbar in Israel. Wenn der aber mit der Rückhand auf die andere Wange schlug, konnte er vor Gericht gestellt werden. Das Anbieten der anderen Wange war also alles andere als eine Unterwerfung, sondern ein Hinweis auf die Eingrenzung der Gewalt des Sklavenhalters. Ein von Eltern geohrfeigtes Kind, das dann die andere Wange hinhält, werden wir als aufmüpfig empfinden. Es lässt sich nicht einschüchtern.

Dazu gehört natürlich Leidensfähigkeit. Mahatma Gandhi und Martin Luther-King haben die Leidensfähigkeit der Unterdrückten als politisches Kampfmittel erfolgreich eingesetzt. Gandhi hat bei der Besetzung des Salzwerks an der indischen Küste einen Reporter engagiert, der die brutale Gewalt der Besatzungsmacht weltweit angeprangert und sie damit schwer blamiert hat. Luther-King hat für die Farbigen in den USA große Erfolge errungen.

„Wer dich nötigt, eine Meile weit zu gehen, mit dem gehe zwei“. Auch dies klingt zunächst nach zuvorkommender Konfliktscheu. Aber Jesus spielt dabei darauf an, dass römische Besatzer von der Bevölkerung Gepäcktransporte äußerstenfalls für eine Meile verlangen konnten. Wer darüber hinaus Leistungen in Anspruch nahm, konnte angezeigt werden. Auch hier handelt es sich um eine Einhegung der Macht, diesmal gegenüber den Besatzern. Jesus ist also nicht für einen faulen Frieden, der auf militärischer Unterwerfung beruht. Er stellt sich gegen den sog. „römischen Frieden“, der sagt: „Si pacem vis, bellum infer“. (Wenn Du Frieden willst, trag Krieg ins Land). So machen es die Römer. Sie überfallen fremde Völker, unterdrücken sie mit harter Hand, bis jeder Widerstand gebrochen ist, dann ist Frieden, wie ihn Rom wünscht. Jesus skandalisiert diese Sorte Frieden.

Der heutige neoliberale Friede ist von derselben Sorte. Spätestens seit dem „Schwarzen Donnerstag“ wissen wir Kritiker des Projekts S 21 davon. Dies hat unsere Leidensfähigkeit auf eine harte Probe gestellt. Aber wir haben schließlich doch den neoliberalen Friedensbringern juristisch nachgewiesen, dass der Polizeieinsatz rechtswidrig war, und damit die neoliberalen Regierenden blamiert. Unsere Kirchenleitung hat sich angesichts des begangenen Unrechts weitgehend zurückgehalten und in traditioneller lutherischer Konfliktscheu schon früh auf die Seite der faulen Friedensbringer geschlagen. Wir aber werden in der Nachfolge Jesu nicht nachlassen, die sinnlose Veruntreuung von Milliarden anzuprangern, bis auch deren Rechtswidrigkeit gerichtlich festgestellt ist. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 9.11.2017 zu Lk 16,9 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

„Ich Sage euch: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit sie, wenn er euch ausgeht, euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“
Jesus rät dies seinen Jüngern, nachdem er ihnen eine lebensnahe Begebenheit geschildert hat: Ein Gutsverwalter hat seinem Gutsbesitzer Geld verschleudert, muss nun seine Machenschaften offenlegen und wird gekündigt. Der Verwalter nutzt nun die letzte Gelegenheit, seine Zukunft zu sichern und lässt die Schuldscheine der Schuldner seines Herrn zu deren Gunsten fälschen, um für die Zeit seiner Arbeitslosigkeit von den Begünstigten unterstützt zu werden. Jesus lobt die Schläue des veruntreuenden Verwalters.

Seit Jahrzehnten bekomme ich auf Predigten zu diesem Text gerade von frommen, gewissenhaften Christen entrüstete Reaktionen: Wie kann Jesus einen solchen Kriminellen als Vorbild hinstellen? Diese Entrüstung ist verständlich aus der Froschperspektive von Familie, Freundeskreis, Verein oder Handwerksbetrieb. Da erscheint solches Verhalten tatsächlich asozial. Aber Jesus als genialer Wirtschaftswissenschaftler weitet unseren Blick. Er sieht, was der Mammon weltweit anrichtet. Er weiß vom „Mammon der Ungerechtigkeit“. Er sieht das System des Mammon, das von unten nach oben verteilt. Brecht bringt es entsprechend in der Dreigroschenoper auf den Punkt mit der Frage: Was ist schon ein Banküberfall gegenüber der Gründung einer Bank. Allein die Deutsche Bank hat über 6000 Gerichtsverfahren am Hals, dies illustriert das Urteil von Jesus wie das von Brecht.

Schauen wir also mit Jesus einmal genauer hin: Einer Kassiererin, die einen Pfandbon für 0,3 € veruntreut, darf fristlos gekündigt werden. Auch höchste deutsche Gerichte muten einem Chef nicht zu, mit einer solchen Mitarbeiterin weiter zusammenzuarbeiten. Der Airberlin-Chef Thomas Winkelmann hat sich im Februar 2017 ein jährliches Gehalt von 950000 € bis 2021 vertraglich gesichert. Er sorgt wie der veruntreuende Verwalter im Beispiel Jesu auf fremde Kosten für die Zeit seiner absehbaren Arbeitslosigkeit vor, und dies enorm dreist. Aber selbst der Kommentator einer so kritischen Zeitung wie der Frankfurter Rundschau findet das gut. Er sagt: Sonst bekäme man ja für insolvenzbedrohte Firmen keine Chefs mehr. Hier fehlt genau jene Empörung, die in der Froschperspektive des Pfandbons gegenüber der Kassiererin auch höchstrichterlich sofort entsteht. Diese doppelte Moral und diese Umverteilung von unten nach oben prangert Jesus als „ungerechten Mammon“ an. Die wirtschaftlich Mächtigen sind selbst das Gesetz. Im weltweiten Neoliberalismus geben ihnen gewählte Abgeordnete und Richter die Freiheiten und Schlupflöcher, durch die sie ihren Profit steigern und ihre Gewinne vor dem Fiskus in Steueroasen verstecken können. Nach den „Panamapapers“ sind nun die „Paradisepapers“ bekannt. Der Verwalter im Beispiel Jesu dagegen verteilt von oben nach unten. Er hofft auf die Verheißung: „Glücklich sein werden die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren“ (Mt5,7). Dafür lobt ihn Jesus.

Das Projekt Stuttgart 21 bietet eine besonders delikate Anschauung für Ungerechtigkeit des Mammon. Als Anfang 2013 die Unwirtschaftlichkeit des Projekts offensichtlich wurde und eine Weiterführung nach Aktienrecht als Veruntreuung der Gelder der DB-AG gelten musste, befand die Berliner Staatsanwaltschaft unter der Weisungsgebundenheit eines CDU-Justizsenators, es handle sich beim Weiterbau tatsächlich um Untreue, das hätten die Aufsichtsräte aber nicht erkennen können. Damit wurde ihnen bescheinigt, für die Führung der DB-AG zu dumm zu sein, aber dass der Grundsatz: „Dummheit schützt vor Strafe nicht“ für sie nicht gilt. Wenn es um Milliarden für Bauaufträge geht, ist das natürlich etwas ganz anderes als bei einem Pfandbon. Deshalb spricht Jesus vom „Mammon der Ungerechtigkeit“. Die Kleinen werden gehängt, die Großen lässt man laufen

Wir sind natürlich als S 21-Umstiegsbefürworter sehr gespannt, was unter dem grünen Berliner Justizsenator mit den Ermittlungen wegen Untreue in Sachen S 21 wird. Die Luft für die dummen Veruntreuer wird dünner. Roland Pofalla, der nachweislich im Auftrag der Kanzlerin zur Untreue angestiftet hat, lässt nun den Schlamassel S 21 erneut prüfen. Vertuschen wird schwieriger: Das Bundesverfassungsgericht hat jüngst das Auskunftsrecht des Parlaments im Blick auf S 21 gestärkt.
Es hat ausdrücklich festgestellt, dass die Regierung Auskunft geben muss über die Rentabilität von S 21. Möge die Luft für Pofalla noch dünner werden, wenn die Grünen in den Verhandlungen um eine Jamaikakoalition erfolgreich für eine vernünftige Verkehrspolitik eintreten, wie es unser Mitstreiter Martin Poguntke in seiner jüngsten Petition fordert. Und möge der Stuhl für die Kanzlerin heißer werden, die ja als Hauptanstifterin zur Untreue in Sachen ihres Lieblingsprojekts S 21 gelten darf. Anstiftung zur Untreue ist ein eigener Straftatbestand (§ 266 in Verbindung mit § 26 StGb) und wird bestraft wie die Untreuehandlung selbst.

Wenn wir uns von Jesus den Blick weiten lassen auf die Ungerechtigkeiten des Mammon, werden wir weiter unverdrossen diese Ungerechtigkeiten skandalisieren. Vor allem aber werden wir nicht den Heilspropheten des Mammon auf den Leim gehen, die uns vorgaukeln, wenn wir nur den Mammon ungezügelt walten lassen, dann würden wir alle davon profitieren. Wir werden nicht müde, Stück für Stück nachzuweisen, dass die Gewinne der Mammonsjünger von den Armen geholt werden. Die Exporterfolge der deutschen Wirtschaft sind erkauft durch das Lohndumping der Agenda 2010 und die unweigerlich folgende Altersarmut. Die Gewinne von stromfressenden Konzernen werden subventioniert durch die Umlage für erneuerbare Energien auf der Stromrechnung von allein erziehenden Hartz-IV-Empfängerinnen, die deren Kinder noch ärmer macht. Die Gewinne der Autokonzerne werden erwirtschaftet auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung. Die sinnlosen Bauaufträge bei S 21 werden bezahlt von den Bahnkunden oder den Steuerzahlern. Wir werden in der Nachfolge Jesu nicht aufhören, den neoliberalen Heilspropheten die Maske der Menschenfreundlichkeit herunterzureißen und die Fratze der zerstörerischen Gier sichtbar zu machen. Amen.