Ansprache beim Parkgebet am 28.11.13, Gunther Leibbrand

Die Ansprache als pdf-Datei: Parkgebet, 28.11.13, Leibbrand

Liebe Parkgemeinde,

als ich das letzte Mal zu Ihnen sprach, am 1. August, hatte ich so geendet:
Wir stehen vor dem Jahrhundertprojekt, den Gebrauchswert der Dinge zum Leben wieder in Erinnerung zu bringen.
Dann hatte ich gesagt, dass es uns Christen um’s Leben geht, um das Leben vor dem Tod. Auch um ein Leben nach dem Tod, aber eben auch um ein wirklich gutes Leben vor dem Tod.
Und dass wir solche großen Aufgaben mit Gottes Hilfe anpacken können.

Heute möchte ich Ihnen ein Beispiel nennen von Menschen, die sich ihre Würde nicht nehmen lassen, obwohl sie wenig Erfolg haben bei der Durchsetzung ihrer wichtigen Ziele.
Ich möchte uns Mut verschaffen durch den Blick auf Leute, die seit bald sieben Jahrzehnten dafür kämpfen, dass ihnen Gerechtigkeit widerfahre und nicht weiterhin Unrecht, ja Desinteresse und Zynismus.
Ich möchte von Enrico Pieri und Enio Mancini erzählen und den anderen Überlebenden eines der fürchterlichsten deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg in Italien.

  • Wie haben es Menschen geschafft, gegen den Triumpf der Gewalt seit beinahe 70 Jahren nicht zu verstummen? Mehr noch:
  • Wie schafften sie es zu überlegenen Menschen zu werden, die nicht hassen, sondern ganz ruhig und fest nur Gerechtigkeit einfordern?
  • Wie kann es sein, dass diese damals noch im Kindesalter Stehenden nicht in der Scham über das ihnen widerfahrene Leid reaktiv ihrerseits zu Gewalttätern geworden sind, sondern zu Menschen, die ihren Schmerz authentisch zeigen können und für eine gemeinsame Zukunft mit uns Deutschen in einem friedfertigen Europa eintreten?

In einem bis auf den letzten Platz gefüllten Theaterhaus hat Enrico Pieri am 10. November bei der Verleihung des 11. Stuttgarter Friedenspreises der AnStifter  sich von seinem Sohn, einem Wirtschaftspädagogen eines Basler Gymnasiums, übersetzen lassen,  und eigentlich nur den einen Satz gesagt (ich zitiere sinngemäß): Geht zur Wahl und stimmt bei den kommenden Europawahlen für ein friedfertiges und soziales Europa. Das ist für mich die Konsequenz aus meinem Kampf für einen Prozess gegen die Mörder meiner Familie und so vieler anderer Familien meines Dorfes Sant’Anna di Stazzema. Dieser Prozess wird uns bis zum heutigen Tage in Deutschland verweigert. Aber wir werden nicht aufgeben, weil wir nicht wollen, dass sich ein solches Verbrechen in meinem Land wiederholen kann. Es wiederholt sich schon viel zu oft bis zum heutigen Tage weltweit. Kämpfen wir für ein politisches Klima, das solche Verbrechen ächtet.

Enrico Pieri wählte sein Leben lang die kommunistische Partei Italiens – die sich im Übrigen vom Stalinismus distanzierte und seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilte -, solange es sie gab, heute wählt er die demokratische Partei, die als sozialdemokratisch bezeichnet wird.
Er hatte als Gastarbeiter 25 Jahre in der Schweiz gearbeitet, hat all die Demütigungen, denen solche Menschen auch bei uns hier ausgesetzt waren und sind, auf sich genommen. Und dann seinen Sohn in der Schule Deutsch lernen lassen, ganz bewusst Deutsch, die Sprache der Mörder seines Vaters, seiner Mutter, seiner Geschwister, seiner Großeltern und Onkel und Tanten.
Weil er sich zur Versöhnung entschlossen hatte, obwohl diese eine ganz schwere Sache ist. Aber eben zu einer Versöhnung, die nicht darauf verzichtet, die offenen Fragen weiterhin zu stellen.

Für mich ist er eine Verkörperung des Christus, des gesalbten Gottes, der die Sünden der Welt trägt und aushält und benennt. Enrico Pieri will nicht, dass die Familien der Mörder ausgelöscht werden, er will nur, dass auf deutschem Rechtsgebiet ein Prozess abgehalten wird, in dem festgestellt wird, dass das Massaker von Sant’Anna di Stazzema am 12. August 1944 ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war und wer dafür verantwortlich ist. Bisher haben wir die Situation, dass die zuständigen deutschen Gerichte alles tun, um es nicht zu einem Prozess kommen zu lassen.
Dass ein Prozess zur Versöhnung hinzugehört, dass er der Rechtspflege dient, scheinen die zuständigen Gerichte in Stuttgart und Karlsruhe nicht  im Auge zu haben. Sie haben hierzu offensichtlich die Freiheit, solch Unglaubliches und Unwürdiges zu tun. Aber Enrico Pieri und Enio Mancini haben auch die Freiheit, das nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Und wir mit ihnen.

Es treffen also Welten aufeinander, geistige Welten.
Die geistigen Waffen aus der Höhe der Kultur der Wahrhaftigkeit und des wirkliches Rechtes erheben unsere Herzen und Sinne und lassen unseren Verstand aufmerken und zeigen uns, dass wir es hier mit unserem Kampf gegen die Beugung und Missachtung so vieler Rechtsvorschriften im Zusammenhang des Projektes Stuttgart 21 mit einer Wirklichkeit zu tun haben, die noch zu ganz andere Schreckenstaten in der Lage war und ist. Diesen schweren Vorwurf müssen wir erheben, sind es doch die gleichen Staatsanwaltschaften und Gerichte, die hier gegen uns unerbittlich vorgehen, den wirklichen Verbrechern (siehe die Täter von Sant’Anna di Stazzema) aber Tor und Tür zur Straffreiheit öffnen.
Das Wissen um diese Zusammenhänge und die große Aufgabe, selber einer gewaltfreien eigenen Anständigkeit verpflichtet zu sein, läßt uns hier im Angesichte Gottes uns versammeln und um Beistand bitten, für die Sache Enrico Pieris und Enio Mancinis, für die Sache des gewaltlosen Widerstandes gegen Gesetzesbrüche allenthalben landauf, landab, und für eine friedliche Zukunft für alle Menschen auf der Welt.  Für soziale Gerechtigkeit, eine unparteiische Rechtsprechung und eine gesetzestreue Regierung, die dem Wohl des Volkes verpflichtet ist –  und nicht der Verwandlung von allem und jedem in eine Ware, mit der Geld zu machen ist.

Deshalb möchte ich das Bibelwort aus Lk 6,41-42 als Orientierung  nennen:
„Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge, und siehe dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest“

Also: Rechtsprechung ist Voraussetzung für den Frieden zwischen den Menschen. Ohne sie geht es nicht. Aber sie hat gewissen minimalen Grundsätzen zu entsprechen, zum Beispiel muss sie sich hüten vor der Unverhältnismäßigkeit zwischen „Splitter und Balken“:
Es kann nicht angehen, dass demokratisch gebotener Protest kriminalisiert wird und eindeutige Verbrecher ihrer gebotenen juristischen Würdigung in einem Prozess nicht zugeführt werden.
Weil wir es wissen, haben es die anderen schwerer als wenn wir es nicht wüssten. Deshalb ist das hier mindestens Gefährdungs-Stufe 5 für den Geheimdienst mit dem Balken im eigenen Auge: Er schätzt uns hier als gefährlich für die öffentliche Ordnung ein, offensichtlich, weil er selber ein Teil des Problems ist, das wir hier zu beklagen haben. Aber diese Klage sind wir dem in diesem Lande wieder herzustellenden Rechtsfrieden schuldig. Das sind wir Enrico Pieri aus Sant’Anna di Stazzema, Toskana, Italien, Europa schuldig wie auch Stuttgart, einem der vielen Herzen Europas. Sie sollen weiterschlagen können und nicht an einem induzierten Verkehrs-Infarkt zugrunde gehen. Wir brauchen in der Zukunft mehr Bahnverkehr und nicht weniger. Das weiß jeder, der im Großraum Stuttgart regelmäßig im Stau steht.

Also: Wir stellen uns, dankenswerter Weise zusammen mit Papst Franziskus, der Verwertung von allem und jedem als Waren in den Weg, nicht nur Stuttgart 21.

Oben bleiben!
Amen.

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