Gemeinsame Erklärung

Theologinnen und Theologen zu „Stuttgart 21“

Wir sind Theologinnen und Theologen aus Baden-Württemberg mit unterschiedlicher theologischer und politischer Prägung. Uns verbindet, dass wir das Bauprojekt „Stuttgart 21“ kritisch sehen, auch aus theologischer Perspektive.
Wir wissen wohl, dass es auch Argumente pro S21 gibt. Und wir bestreiten nicht, dass sich auch Christen pro S21 aussprechen können.
Nach Gewichtung der Fakten und Abwägung der Argumente sind wir zu der Überzeugung gekommen: K21 bietet die deutlich bessere Konzeption. Warum wir S21 ablehnen, legen wir im Folgenden in knapper Form dar.
Bei den Gesprächen am Runden Tisch gab es zwar in einigen Punkten Präzisierungen zu S21, wichtige Fragen blieben jedoch offen. Insbesondere stellt sich die Frage nach Sinn und Nutzen von S21 noch deutlicher.

Deshalb sagen wir – mit unterschiedlicher Gewichtung:

1.         S21 ist ein Projekt menschlicher Überheblichkeit
Das Gebot, Gottes Schöpfung zu bebauen und zu bewahren (1.Mose 2,15), schließt menschliche Selbstherrlichkeit aus. Darauf weist die biblische Tradition in vielfältiger Weise hin, beginnend mit der Überlieferung vom Turmbau zu Babel (1.Mose 11).
Für S21 muss ein gigantischer Aufwand an Tunnelbauten und Maßnahmen zum Schutz von Mineral- und Grundwasser betrieben werden, ohne dass dem ein entsprechender zusätzlicher Nutzen gegenüber stünde.
Wir setzen uns dafür ein, dass technologischer Fortschritt nicht als Selbstzweck gilt. Komplexe, beim Bau und im Betrieb störanfällige, risikobehaftete Technologien ohne nennenswerten Nutzen lehnen wir ab.

2.         S21 stellt nicht die Lebensqualität in den Mittelpunkt
Wir verstehen die Klagen der Propheten, ihre Anklagen gegen soziales Unrecht und Jesu Warnung vor dem Mammon als Absage an eine Haltung, mit der in erster Linie materieller Vorteil und Gewinn angestrebt werden. Sie schadet und widerspricht dem aus jüdisch-christlicher Tradition gewonnenen Menschenbild. Bei S21 steht eine „Höher-schneller-weiter-Ideologie“ im Mittelpunkt. Dafür sollen Bäume gefällt oder umgesetzt werden, die aber genau in der durch Feinstaub hoch belasteten Stadtmitte gebraucht werden. Und dafür soll das Gleisvorfeld einer Bebauung weichen, obwohl es für die Kühlung des Talkessels wichtig ist.
Wir setzen uns dafür ein, dass Stadtplanung ausgeht vom Bedarf der Bürgerinnen und Bürger an humaner Lebensqualität. Sie hat sich zu orientieren an bewohnerfreundlicher Weiterentwicklung des sozialen Lebens. Dies bedeutet wirkliche Zukunftsfähigkeit.

3.         S21 bevorzugt die Starken zum Nachteil der Schwachen
Unantastbare Würde ist allen Menschen von Gott zugesprochen.
Gleichwohl gilt nach biblischem Zeugnis die „vorrangige Option für die Schwachen“. Nach biblischer Tradition hat sich Gott selbst zum Anwalt der Schwachen gemacht. Deshalb sollen und müssen Christen deren Sache zu der ihren machen. Vorgebliche „Neutralität“ gegenüber Starken und Schwachen stellt sich faktisch auf die Seite der Starken.
S21 ist nicht behindertenfreundlich und verschlechtert die Verkehrssituation in der Stadt und der Region. Es drängt sich der Eindruck auf, dass hier lediglich eine kleine wirtschaftliche und politische Interessengruppe ihre eigenen Interessen verfolgt.
Wir setzen uns dafür ein, dass öffentlicher Raum nicht Investoren und Spekulanten überlassen wird. Entscheidungsgremien – auch eine „Stiftung“ – haben insbesondere Menschen mit eingeschränkten wirtschaftlichen, sozialen und körperlichen Möglichkeiten zu berücksichtigen.

4.         S21 geht fahrlässig mit der Schöpfung um
Durch die biblische Überlieferung von der Schöpfung, durch die darin enthaltene Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit sehen wir uns in der Verantwortung, zu Schutz und Pflege der Schöpfung aktiv beizutragen.
Für S21 werden zahlreiche wertvolle alte Bäume gefällt; die Umpflanzung dieser Bäume halten Biologen für kaum realisierbar. Im Gegenzug wird aber keineswegs der Bahnverkehr so verbessert, dass ein derartiger Eingriff in die Natur vertretbar wäre.
Wir setzen uns dafür ein, dass für Stuttgart und die Region eine Bahninfrastruktur ausgebaut wird, die dem Bedarf an Mobilität in den kommenden Jahrzehnten gerecht wird, jedoch nicht nur unter ökonomischen, sondern vor allem unter ökologischen Gesichtspunkten. Im Alternativprojekt K21 liegen dafür sinnvolle Überlegungen vor.

5.         S21 wird mit Defiziten an Vertrauenswürdigkeit geplant und durchgesetzt
Menschliches Zusammenleben kann nach biblischem Verständnis nur gelingen, wenn es auf Vertrauen beruht. Vertrauen kann jedoch nur wachsen, wenn nichts Unwahres gesagt, nichts verschwiegen und der Andere nicht im Irrtum gelassen wird.
Ein Großteil der angeblichen Vorteile und Chancen von S21 (Leistungsfähigkeit, „europäische Magistrale“, Fahrzeitverkürzungen, Kosten, ökologische Tauglichkeit u.a.m.) hat sich im Zuge des Runden Tischs als überzogen, aufgebauscht oder schlicht unwahr erwiesen.
Wir setzen uns für eine politische Kultur der Wahrhaftigkeit ein, in der maßgebliche Fakten öffentlich gemacht werden, in der ein offener Dialog zwischen Politik und Wählern geführt wird, in der demokratische Gremien ihre Entscheidungen fortwährend auf ihre Legitimität hin überprüfen lassen. Dazu gehört auch die Möglichkeit der Umkehr, d.h. Abkehr von überholten, auf unzureichenden oder falschen Annahmen beruhenden Entscheidungen.

6.         S21 wird teilweise unter Missbrauch staatlicher Institutionen vorangetrieben
Nach reformatorischem Verständnis hat einerseits der Staat die Aufgabe, mittels seines Gewaltmonopols Recht und eine lebensdienliche Ordnung zu schaffen. Andererseits hat die Kirche und haben die Christen die Aufgabe, diesen Staat und seine Handelnden öffentlich zu kritisieren, wo sie dieser Aufgabe nicht ausreichend nachkommen.
Bei der Entwicklung und Durchsetzung von S21 sind parlamentarische Gremien durch falsche, fehlende oder irreführende Informationen getäuscht worden, Politiker haben sich einseitig an den Interessen von Wirtschaftsakteuren orientiert, Recht wurde lediglich formal eingehalten, das staatliche Gewaltmonopol wurde missbräuchlich und unverhältnismäßig gegen Demonstrierende eingesetzt und ein Bürgerentscheid bis heute verhindert.
Wir setzen uns für eine Rechtsordnung und eine politische Kultur ein, in der staatliches Handeln nicht von einzelnen Interessengruppen bestimmt wird. An wichtigen Stellen wie einem Großprojekt soll die Bevölkerung rechtzeitig und vorher umfassend informiert mit einbezogen werden. Gewaltsames Vorgehen staatlicher Organe gegen Bürgerinnen und Bürger, die Grundrechte legitim wahrnehmen, ist inakzeptabel.

Schlussbemerkung
Missverständnisse möchten wir vermeiden. Auch wenn wir ein Amt in der Kirche innehaben oder -hatten, so äußern wir uns nicht „im Namen der Kirche“. Das soll der Kirchenleitung überlassen bleiben.
Wir nehmen unser Ordinationsversprechen ernst, in dem „das Evangelium von Jesus Christus“ an erster Stelle steht. Deshalb äußern wir uns als Bürgerinnen und Bürger in theologischer Verantwortung zu Vorgängen, die eine große Anzahl von Menschen, darunter viele Gemeindeglieder, bewegen.

Stuttgart, im Dezember 2010

Erstunterzeichner und -unterzeichnerinnen:
Burkhard Bartel, Hans-Eberhard Dietrich, Friedrich Gehring,
Annette Keimburg, Guntrun Müller-Enßlin, Martin Poguntke, Wolfgang Schiegg, Martin Schmid-Keimburg, Albrecht Wittmann

Wir laden Kolleginnen und Kollegen ein, diese Erklärung mit zu unterzeichnen. Die Namen werden mit der Erklärung veröffentlicht.
Unterstützen kann diese Erklärung jede und jeder, unabhängig von Beruf und Konfession. Die Namen werden ebenfalls mit der Erklärung veröffentlicht.
Außer den Namen werden keine weiteren Angaben veröffentlicht.

Bitte senden Sie Ihre Unterzeichnungs- bzw. Unterstützungserklärung mit Angabe, ob Sie Theologin bzw. Theologe sind,
an Martin Poguntke (martin.poguntke@online.de)!

Hier gibt es die Gemeinsame Erklärung mit Unterschriftenliste zum Herunterladen, Ausdrucken, Weitergeben …

Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Erklärung

Unterstützerinnen und Unterstützer der Erklärung

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66 Antworten zu “Gemeinsame Erklärung

  1. Pingback: Theologinnen und Theologen zu „Stuttgart 21“ | Stuttgart 21 – Christen sagen NEIN

  2. Herzlichen Glückwunsch allen, die diese Überzeugung offen darstellen.

  3. Pingback: Theologinnen und Theologen zu Stuttgart 21 « Stuttgart 21 FAIL

  4. Pingback: Stuttgart 21 – Christen sagen NEIN – „Suchet der Stadt Bestes“ – Jeremia 29,7 « Thomas Mitsch’s Weblog

  5. Ich unterstütze die Erklärung der Theologinnen und Theologen zu Stuttgart21 vom Dezember 2010 und füge dieser hinzu:

    Ich fordere einen Baustopp!
    Kirche muss sich einmischen, wenn die Würde des Menschen nicht gewahrt wird. Dies hat auch eine politische Konsequenz. Ich frage deshalb meine Kirche, warum sie sich nicht einmischt in die Folgen des Faktenchecks. Anwalt der Schwachen zu sein, heißt, einen Baustopp zu fordern, solange der Stresstest für das Tiefbahnhofkonzept nicht öffentlich ermittelt wurde und das Ergebnis vorliegt.

    Fritz Röhm
    Industriekaufmann, Personalleiter i.R.
    Ehrenvorsitzender der Offenen Kirche – Evangelische Vereinigung in Württemberg
    22.12.2010

  6. Peter Wippenbeck

    Gestatten Sie mir, bitte, meine Meinung als christlich engagierter Laie darzustellen:
    Als Christ zu handeln und zu leben, heißt doch vor allem Nächstenliebe zu üben. Angewendet auf S 21 bedeutet dies Rücksichtnahme auf das, was mein Nächster – also mein Mitbürger – bedarf, was ihn schmerzt und was ihm schaden kann. Ein Christ hat also alles zu vermeiden, was Mitbürger als schmerzlich empfinden, außer es ist unumgänglich. „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Unter diesem Aspekt und angesichts der schmerzlichen Gefühle vieler Mitbürger beim Gedanken an S 21 ist ernsthaft zu fragen, ob dieses Projekt unumgänglich ist, z.B. weil es Schaden von Mitbürgern abwendet. Wenn das aber in Zweifel steht, darf es aus Gründen der gebotenen Nächstenliebe nicht mit Brachialgewalt – was wiederum Schmerzen und Schäden verursachen würde – durchgesetzt werden. Politiker haben nun insbesondere die Aufgabe, für das Wohl und Wehe ihrer Bürger zu sorgen, sie tragen für alle Bürger Verantwortung, nicht nur für ihre Stammwähler oder für ihre Parteimitglieder. Und sie haben als Christen im Sinne der Nächstenliebe zu handeln. Es verstieße aber eklatant gegen die Nächstenliebe, ein Prestigeobjekt zum eigenen Ruhm oder zum Wohl der Partei zu forcieren, ohne sich um die Gefühle der anderen Mitbürger zu scheren. Die amtierenden Politiker haben sich verpflichtet, Schaden von ihren Bürgern abzuwenden: Und es entstünde den Gegnern von S 21 ein Schaden dadurch, dass ihre Steuergelder für ein nicht notwendiges Projekt verschwendet werden.
    Man sollte nicht unterstellen, dass S21-Gegner die Befürworter für schlechte Christen halten oder umgekehrt. Ich selbst finde in meinem Bekanntenkreis beide Meinungen, und das sind engagierte Leute, die viel für andere tun. Doch die S21-Befürworter müssen sich genau und vorurteilsfrei informieren und auch die Gefühle derjenigen zur Kenntnis nehmen, die Fehler, Gefahren und Geldverschwendung im Projekt S 21 sehen. So lange das nicht zweifelsfrei geklärt ist, wäre eine Durchsetzung gegen den Willen vieler Mitbürger ein Verstoß gegen ein Kernprinzip christlicher Haltung, nämlich die Nächstenliebe. Etwas gegen eine Minderheit durch Mehrheitsmacht zu ertrotzen, ist meiner Auffassung nach aber nicht christlich.
    Mit freundlichen Grüßen und „Oben Bleiben!“
    Peter Wippenbeck, Aalen

  7. ich bin stolz auf unserer Theologen im Widerstand. Es ist schön, dass es euch gibt und dass von euch solch klaren Worte kommen. Da können die Proler mit ihrem verirrten Hirten Bräuchle nicht mithalten. Es ist nur schade, dass dieser Mensch der Kirche so geschadet hat.

  8. Die Liste der Unterzeichner und Befürworter dieser “ Gemeinsamen Erklärung “ ist zwar beeindruckend, in der Sache selbst kamm mich diese Erklärung aber nicht. Schon die Vorbemerkung ist entlarvend : “ Wir wissen wohl dass es auch Argumente pro S 21 gibt .Und wir bestreiten nicht, dass sich auch ( !! ) Christen pro S 21 aussprechen können.“ Will heißen, es gibt zwar Argumente pro S 21, aber keine guten, und die Befürworter sind nicht vor vorn herein unchristlich, aber es besteht doch diesbezüglich eine starke Vermutung.
    Nun zur Erklärung im Einzelnen :
    „1.S 21 ist ein Projekt menschlicher Überheblichkeit.“
    Die Verlegung des S-und U-Bahnverkehrs in unterirdische Gleise angesichts der geologischen und sonstigen Schwierigkeiten war eine technische Meisterleistung. Warum nun ein bei einemunterirdischen Durchgangsbahnhof der “ technologische Fortschritt Selbstzweck “ sein soll ist nicht einleuchtend.
    „2. S21 stellt nicht die Lebensqualitäten in den Mittelpunkt. “
    Der Bedarf der Bürger an humaner Lebensqualität wird durch das Gleisvorfeld sicherlich nicht erfüllt, auch wenn es zur Kühlung ( ? ) des Talkessels wichtig sein soll. Nur die bei S 21 zurückgewonnen 100 ha Flächebieten die Möglichkeit durch einen gelungenen Mix von zusätzlichen Grünflächen ökologische Wohn-und Gewerbebebauung das soziale Leben bewohnerfreundlich weiterzuentwickeln.
    3.S 21 bevorzugt die Starken und Schwachen.
    Auch die Unterzeichner dieser Erklärung unterliegen wohl einer Verschwörungsthorie: Wodurch denn drängt sich der Eindruck auf, dass hier eine kleine wirtschaftliche undpolitische Interessengruppe ihre eigenen Interessen verfolgt, öffentlicher Raum Investoren und Spekulanten überlassen wird. Ich finde, diese Behauptung ist ungeheuerlich, ja infam. Das Bahngelände wurde durch die Stadt Stuttgart zurückgekauft, gerade um Grundstückspekulationen zu verhindern. Die Unterzeichner halten den Gemeinderat offensichtlich für so korrupt, das sie ihm eine Verwertung des Geländes zum Wohle der Bürger nicht zutrauen.
    4. S 21 geht keineswegs fahrlässig mit der Schöpfung um; nur dieses Projekt – nicht K 21 – ermöglicht eine ökologische Fortentwicklung städtischen Lebens.
    5. Auch K 21wird mit Defiziten an Vertrauenswürdigkeit hochgejubelt: Keine gesicherten Planfeststellungsverfahren, mit der Folge, dass die Anwohner des Neckartals eine Schnellbahntrasse dort mit allen Mitteln verhindern werden. K 21 ist unrealistisch und keine überzeugende Alternative.
    6.Mißbrauch staatlicher Institutionen.
    Die Ausführungen hierzu enthalten wieder schwammige Verdächtigungen gegen die da oben. Ich wäre sehr dankbar für konkrete Aussagen: Welches Parlament wurde durch wen mit falschen Informationen getäuscht ? Welche Politiker haben sich an welchen Interessen von Wirtschaftsakteuren orientiert ? Wann wurde das stattliche Gewaltmonopol mißbräuchlich gegen Demonstrierende eingesetzt? Bei den Aktionen der S 21 Gegner am 30.09.2010 handelt es sich jedenfalls nicht um eine grundrechtsgeschützte Demonstration sondern um eine strafrechtlich relevante Sitzblockade, weshalb Staatsrechtler und die Polizeigewerkschaft den Polizeiensatz für rechtmäßig halten. ( Auch nach meiner Meinung hätte der Polizeieinsatz so nicht durchgeführt werden sollen ).
    Zusammenfassen kann ich nur feststellen, die Unterzeichner haben sich ein abenteuerliches Feinbild geschaffen und tragen mit ihren Vermutungen und Verdächtigungen wesentlich dazu bei, dass in dieser Stadt so schnell kein Frieden einkehren wird-

    • Karl Martell

      Kein „Feindbild“ und keine „Verschwörungstheorie“, keine „Vermutungen“ und keine Verdächtigungen“, wir bewerten das Projekt anhand der uns wichtigen Kriterien. Das haben wir dargelegt. In der Gemeinsamen Erklärung naturgemäß verkürzt. Deshalb finden sich auf dem Blog etliche ergänzende Artikel, die einzelne Aspekte differenziert behandeln, ganz ohne Empörung („ungeheuerlich“) und Beschimpfung („infam“).
      Wenn auch die Gespräche unter Geißlers Moderation keine „Schlichtung“ waren, so haben Sie doch einiges ans Tageslicht gebracht. U.a. eine umfangreiche Liste an Mängeln und Defiziten, die weitgehend unseren Kritikpunkten entsprechen. Was davon eingelöst wird, bleibt nach schlechten Erfahrungen mit der bisherigen Informationspolitik abzuwarten. Erste Stellungnahmen von Betreiberseite, z.B. zu zwei zusätzlichen Gleisen, lassen nichts Gutes ahnen. Ebenso wenig wie die Absicht der Bahn, den sogenannten Stresstest unter eigener Regie vorzunehmen.
      Nicht ohne Grund stellt Geißler fest, „dass die Idee eines erneuerten Kopfbahnhofs mit Bau eines Anschlusstunnels von Obertürkheim nach Denkendorf zur Neubaustrecke mit Abzweig zum Flughafen trassenmäßig realisierbar und technisch möglich ist.“
      Einen gravierenden Mangel in der Planung sieht er darin, dass „andere Konzepte planerisch in nicht mehr revidierbaren zeitlichen Verzug geraten“ sind.
      Was die Stadtplanung angeht: Vergeben ist bereits der Bauabschnitt A1, auf dem ECE sich ausbreiten wird und Bauten vorgesehen sind, die selbst ein strikter Befürworter wie der OB für „sehr hoch“ hält. Und was von der erst jetzt – auf Druck der Kritiker – ins Gespräch gebrachten Stiftung zu halten ist, kann erst beurteilt werden, wenn deren Satzung erarbeitet und die Besetzung des Stiftungsrats bekannt ist. Solange ist nach den bisherigen Erfahrungen Skepsis angesagt.
      Im Ganzen: Dass aus einem angeblich „bestgeplanten Projekt“ ein erbärmlich geplantes (trotz 15 Jahren!) geworden ist, hat nichts mit Vermutungen und Unterstellungen zu tun. Das ist offensichtlich.
      Ebenso offensichtlich wie die Angstmacherei, die Region des Großraums Stuttgart würde „abgehängt“, und das unsägliche Gerede, S21 sei „alternativlos“. Gäbe es ergänzend zum Unwort des Jahres ein „Unprojekt des Jahres 2010“, es fiele leicht, einen plausiblen Vorschlag zu machen.

  9. Solange die Unterzeichner nicht konkret die „kleine wirtschaftliche und politische Interessengruppe“ benennt, die zum Nachteil der Schwachen ihre eigenen Interessen verfolgt, sowie die “ Spekulanten“ , denen öffentlicher Raum überlassen wird ( kostenlos?), bleibe ich dabei, dass diese Behauptung ungeheuerlich, ja infam ist.
    Ohne die Schlichtung im einzelnen verfolgt zu haben, habe auch ich den Eindruck gewonnen, dass S 21 keineswegs sauber geplant ist und noch manche Defizite aufweist. Selbstverständlich wäre K 21 verkehrstechnisch eine interessante Alternative gewesen, ebenso im übrigen ein vom Hauptbahnhof räumlich getrennter ICE-Bahnhof. Nur, die verantwortlichen Gremien haben sich halt – auch im Interesse der Anwohner des Neckartals -anders entschieden, in der offenbar irrigen Annahme, man würde mit der Rückgabe der freiwerdenden Gleisflächen allen Stuttgartern etwas Gutes tun. K 21 jedenfalls ist nicht mehr realistisch.
    Bei dem Bauabschnitt A 1 handelt es sich um ein Gelände, das auch bei K21 frei geworden wäre. Wem der Bebauungsplan nicht gefällt, möge sich doch bitte an den Gemeinderat wenden. Die Befürworter von S 21 jedenfalls können nicht auch noch dafür verantwortlich gemacht werden.

  10. Vielen Dank für die Links zu Artikeln, die mir teilweise schon bekannt aber durchaus nachdenkenswert erscheinen.
    Probleme habe ich allerdings mit Ihrer Vorstellung von Korruption, die es nicht gäbe, wenn sie offen zu Tage läge. Soll das bedeuten, dass Korruption alle Lebensbereiche durchdringt, auch wenn wir sie nicht eindeutig entlarven, aber an großmundigen Ankündigungen erkennen können ? Wären dann nicht nahezu alle gesellschaftlichen Gruppierungen korrupt ? Ich habe den Eindruck, Sie wollen meine konkrete Frage nach den angeblichen Spekulanten nur vernebeln.
    Ich weiß auch nicht, welche Verantwortlichen die S 21 Gegner nur beschimpfen; nach meinem Eindruck jedenfalls überwiegen auf den einschlägigen Foren die üblen und widerlichen Beschimpfungen der Gegner, insbesondere der Parkschützer, die zudem auch noch von Frau Pfarrerin Müller-Enßlin unterstützt werden.
    Abschließend möchte ich bemerken, dass mit der Gemeinsamen Erklärung, die wenigen noch vorhandenen Brücken demontiert, Gräben nicht zugeschüttet sondern vertieft werden und ein durchaus unchristlicher und auch nicht evangelisch begründbarer Unfrieden geschürt wird.

    • Guntrun Müller-Enßlin

      Sehr geehrter Herr Henzler,
      Sie schreiben von „den Parkschützern“, als handle es sich dabei um eine kleine militante Gruppe, die von anderen unterstützt wird. Dies ist ein Missverständnis.
      Richtig ist: Im Internetportal „Die Parkschützer“ haben sich mittlerweile über 32000 Menschen eingetragen, darunter unzählige namhafte Persönlichkeiten und Prominente. Sie alle unterstützen nicht „die Parkschützer“, sondern SIND Parkschützerinnen und Parkschützer – ebenso wie ich selber und viele andere meiner Kolleginnen und Kollegen. Wir alle teilen das Anliegen, den großartigen und lebenswichtigen Baumbestand im Mittleren Schlossgarten mit gewaltlosen Mitteln zu schützen. Dagegen ist, glaube ich, nichts einzuwenden.

      • Sehr geehrte Frau Pfarrerin Müller-Enßlin,
        ich bedauere es sehr durch mißverständliche Formulierungen den Eindruck erweckt zu haben, als handele es sich bei den Parkschützern um eine kleine militante Gruppe. Ich weiß sehr wohl, dass sich über 32 000 Personen zu dieser Vereinigung bekennen, und bekenne auch gerne, dass die Parkschützer, die ich persönlich kenne, durchaus integer und nur der Sache verpflichtet sind. Ich weiß aber auch, dass es unter den Parkschützern auch 100 oder 200 Aktivisten gibt, die den Krawall suchen. Ein Blick in das Internetforum der Parkschützer genügt, um festzuetellen, dass der Widerstand keineswegs durchgängig gewaltfrei erfolgt : Aufruf zum morgendlichen Sitzboykott am Bauzaun, Märsche durch die Innenstadt im Anschluß an Demos mit Straßenblockaden, Bekanntgabe von Telefonnummern von am Projekt beteiligten Baufirmen mit der zynischen Bitte, dort massenhaft anzurufen usw., von den widerlichen Schmähungen von Vorständen, Regierungsmitgliedern, Justiz und Verwaltung ganz abgesehen. Oder die gestrige Verhandlung gegen Herrn Stocker: auf den Bildern ist zu erkennen, dass ein beträchtlicher Teil der Zuhörer den Button der Parkschützer trugen, die dann laut schrien “ Wir sind das Volk “ als die Richterin das Strafurteil im Namen des Volkes verkündete, so wie es unabdingbar die Strafprozessordnung vorsieht und die Wachtmeister die Richterin vor aufgebrachte Zuhörern schützen mußten. Es würde mich nicht wundern, wenn Anschrift und Telefonnummer der Richterin demnächst im Forum der Parkschützer veröffentlicht würden. Die Stimmung ist inzwischen so aufgeheizt, dass man Angst haben muss, sich öffentlich zu S 21 zu bekennen.
        Ich bin nach wie vor der Auffassung dass mit der Gemeinsamen Erklärung kein Beitrag zur Befriedung dieser Stadt geleistet wurde, vielleicht sogar gar nicht geleistet werden sollte.

    • Eric Raasch

      Sehr geehrte Herr Henzler
      Danke, dass Sie den meiner Meinung nach wichtigsten Punkt für Christen in Stuttgart ansprechen: Frieden stiften. Gott ist tatsächlich schon viel zu oft für parteiische Zwecke instrumentalisiert und damit entheiligt worden. Dabei ist es gleichgültig ob die Zwecke gut und richtig waren, Gott entzieht sich unserer Vereinnahmung. Er ist heilig.
      Nichtsdestotrotz darf ich (auch als Christ) am öffentlichen Diskurs teilnehmen und – nun ja – auch „Lügenpack“ schreien. Ich weiß, dass man „dem Oberen“ nicht fluchen soll, doch ebenso stark ist der Wunsch, Wahrheiten auszusprechen. „Getünchte Wand“ ist von Paulus und heute leider nicht mehr allgemeinverständlich, „Heuchler“ und „Schlangenbrut“ von Christus selbst. An seine Tempelreinigung sei erinnert.
      KORRUPTION. Ich halte Ihre Einstellung mit Verlaub für naiv. Politisches und wirtschaftliches Führungspersonal ist schon einen rigorosen Filter durchlaufen. Es gehört überdurchschnittlicher Machtwillen dazu, eine Position wie Herr Mappus zu erreichen. Politische Entscheidungen funktionieren immer mit Vitamin B. Jeder Politiker braucht innerparteilich und dann auch in Ministerien und Wirtschaft ein eng geknüpftes Netz. Was davon Korruption ist und was nicht bestimmt allein die gesellschaftliche Konvention. Der übergang ist fließend und der Betrieb bedarf ständiger Kontrolle. Bis hinunter zu Fußballvereinen und Wohneigentümerversammlungen setzt sich das Prinzip der Grüppchenbildung und Kungelei fort. Im Augenblick bekommen wir vorgeführt, dass es so gut wie keine juristische Möglichkeit gibt, eine Exekutive für Fehlverhalten zu belangen. Das gilt für die Polizei (U.A.zum 30.09) wie auch für Kanzler und M.P. (Kohl beharrt heute noch auf seinem Ehrenwort). DIe Opposition bleibt übrig als einzige Instanz, die im Parteienstreit und U.A. Aufklärung einfordern kann. Doch ohne die strengen Maßstäbe der Judikative und unterworfen unter die Mehrheiten im Parlament. Entsprechend mager und erbärmlich sind die Ergebnisse.
      Kennen Sie die Spätzleskonnektion? Im Württembergischen Kunstverein konnte man eine Konnektion-map bestaunen, in welchem Maße die Baden-württembergischen Institutionen von der BW Bank bis zur Stiftung der ECE personell verbandelt sind. Die Ergebnisse, die ein solch verflochtenes System zeitigt, gehen aus seiner Struktur hervor. Ein solches System ist leistungsfähig (Japan zB. funktioniert komplett NUR so), doch es ist fast unkorregierbar und immun gegenüber Kritik von aussen. Es liegt in seiner Natur, dass es früher oder später Fehler produziert. Eklatantes Beispiel ist S21: Es wurde nie vom Bedarf an Infrastruktur ausgegangen. Fluchtpunkt der Planungen war stets die Stadtentwicklung, der HBF MUSSTE unter die Erde, das war Vorgabe. Dieser Mangel bildet sich 1:1 ab in dem Verkehrstechnischen Unsinn, der beim Faktencheck ans Licht kam. Diese Planungskatastrophe ist systemimmanent. Leistungsstarke UND pluralistische, kritikfähige Systeme hätten von vornherein die Verkehrsstruktur der Region und des Landes ins Zentrum gestellt und nicht die über Stuttgart hinaus völlig unwichtige und belanglose Stadtplanung Stuttgarts und schon gar nicht den Wunsch der DB AG, die Erlöse aus den Grundstücksverkäufen für ihre Bilanz zu nutzen. Wie in den letzten Monaten zu bestaunen war, entspricht das Handeln der DB AG generell in keinster Weise dem Bürgerwohl und schon gar nicht dem öffentlichen Auftrag der DB AG.
      Hochnotpeinlich wird es, wenn auch noch Herr Herrenknecht seine unqualifizierten Aussagen live verbreiten und sich durch seine Niveaulosigkeit lächerlich machen darf. Offensichtlich kann er ein Unternehmen führen, doch seine politische Meinung ist nicht beachtenswerter als Ihre oder meine.
      Und als letztes: wenn Herr Späth, meint gleichzeitig bei selbiger Firma leitend angestellt und (politisch) prominenter S21 Befürworter sein zu dürfen – diese Instinktlosigkeit spricht Bände. Auch über die Einstellung derer, die dies einfach so hinnehmen oder auch noch gutheißen.
      Sie haben noch großes Vertrauen in die Redlichkeit und die guten Absichten und die Qualität der Ergebnisse der verantwortlichen Akteure. Ich denke, Sie wissen, dass es sich hierbei um Ihren GLAUBEN handelt, und dieser sehr leicht zerstört werden kann, sollte sich Ihre gesellschaftliche Verortung oder Ihre persönliche Betroffenheit verschieben. Ich kenne z.b. den Herrn links von Herrn Dietrich Wagner seit Jahren. Nicht gut, aber persönlich. Ich erkenne, wie mit den Sicherheitsmängeln im geplanten Tiefbahnhof umgegangen wird. Ich verfolge, mit welchen (wechselnden) Phrasen für S21 geworben wird. Wie die (bekanntwerdende) Leistungsfähigkeit des Systems S21 sinkt und sinkt.
      Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

      Es ist mir leider nicht mehr gegeben, mit dem gleichen Vertrauen wie Sie die Verantwortung, die sich aus meinem bis jetzt angesammelten Wissen ergibt, an die Entscheidungsträger abzugeben, da sie sich in allen Bereichen als inkompetent, vertrauensunwürdig, vor allem als menschlich nicht hinnehmbar erwiesen haben. Auf den Rücken, Augen und Geldbeuteln der Bürger beginnen sie jetzt, Wahlkampf zu betreiben, die im Faktencheck herausgearbeiteten krassen Mängel werden totgeschwiegen. Das Recht auf Demonstrationen immer mehr eingeschränkt durch die Einschüchterung der Veranstalter ( ich habe mir das am Montag eine halbe Stunde lang imHBF angeschaut). Im Sommer 2010 habe ich geglaubt und gefühlt, dass es einen politischen Weg in Stuttgart geben wird. Seit dem 30.09, der aus meiner Sicht unverständlichen Parteinahme Frau Merkels, derVerächtlichmachung und Einschüchterung der Demonstranten, scheint die Stadt- Landes- und Bundesregierung diese Möglichkeit zerstören zu wollen. Der Faktencheck erscheint im nachhinein nur ein kleiner Stolperschritt im konsequenten Vorgehen zu sein.

      • Martin Poguntke

        Danke, lieber Herr Raasch!
        Es tut gut, wenn einer die (korrupten, verfilzten) Dinge einmal so deutlich beim Namen nennt, die seit Jahrzehnten (und eines Tages womöglich endgültig) unser Land und die Welt in den Abgrund reißen – und die das auch deshalb können, weil viel zu viele Menschen naiv den öffentlichen Reden der Verantwortlichen einfach Glauben schenken.
        Christen haben aber nicht das Recht, den Mächtigen zu glauben. Sie haben im Gegenteil – als Ebenbilder Gottes – die Pflicht, selbst zu denken und selbst (im Hören auf Gottes Wort) einzugreifen ins Getriebe der Welt und dazu beizutragen, dass es den Interessen der Mächtigen entrissen wird und nach Gottes Willen in den Dienst der Schwächsten gestellt wird.
        Wo Christen diese Aufgabe nicht wahrnehmen, werden sie der Bestimmung des Menschen, wie wir sie in den Schöpfungserzählungen formuliert finden, nicht gerecht.

      • Sehr geehrter Herr Raasch,
        schon meine berufliche Tätigkeit haben mir immer wieder oft abgrundtiefe Einblicke in das “ eng geknüpfte Netz “ von Politik, Wirtschaft und Interessenverbände gewähren lassen und selbstverständlich gehört überdurschnittlicher Machtwille dazu um eine Position wie Herr Mappus zu erreichen; aber gilt ähnliches nicht für alle Führungspositionen, also auch Geewerkschaftsführeroder gar Landesbischöfe ? Ich bleibe dabei, die Untertzeichner haben ein klares Feindbild, nämlich Mappus & Co. , die ihre eigenen – also9 wohl persönlichen und nicht politischen- Interessen verfolgen, mit Verlaub eine ungeheuerliche Behautung, die weit über das hinausgeht, was man unter politischem Filz versteht. Und dann noch die Grundstücksspekulanten : Wie man dieser Tage lesen konnte, wird auf dem Immobilienmarkt ab 2020 mit einer deutlichen sinkenden Nachfrage gerechnet. Für Grundstücksspekulanten bleibt da wohl nur wenig Raum.
        Ich gebe auch kein Vertrauen an die Entscheidungsträger ab, Bauherr ist die Bahn AG,dessen Vorstände aufgrund umfangreicher Gutachten zu dem Ergebnis kamen, das sich diese Investition rechnet, selbstverständlich nur mit den Subventionen von Bund,Land und Stadt. Es geht hier also nicht um die Übernahme oder Abgabe von Verantwortung sondern um die betriebwirtschaftliche Frage, ob diese Investition auf Dauer rentabel ist.
        Ich stimme Ihnen gerne zu wenn Sie ausführen, für S 21 sei „Fluchtpunkt der Planungen die Stadtentwicklung“ gewesen und nicht so sehr die verkehrstechnischen Verbesserungen; umso unverständlicher erscheint dann, dass sich gerade Stuttgarter Bürger gegen das Projekt wenden.
        Von einer Einschränkung des Demonstrationsrechts kann ich nicht erkennen: Täglich werden durch Sitzblockaden die Bauarbeiten behindert und im Anschluß an die Montagsdemos werden regelmäßig ungenehmigt stundenlang Straßen blockiert und unbeteiligte Verkehrsteilnehmer am rechtzeitige Eintreffen zuhause oder sonstwo gehindert. Die Parkschützer rufen dazu auf, massenweise zum Prozess gegen Gundolf Stocker zu kommen und gegen den Unrechtsstaat, der an dunkle Zeiten erinnert und die Krminalisierung Ihres Wortführers zu demonstrieren. Staatsanwalt und Richterin werden als Handlanger unseres Regiems diskreditiert und müssen durch Wachtmeister vor Handgreiflichkeiten geschützt werden. Einschränkung des Demonstrationrechts ? Wohl eher Mißbrauch.

      • Eric Raasch

        Sehr geehrter Herr Henzler
        es ist eine Wohltat, mit Ihnen zu diskutieren. Sie sind der Zweite (!) Vertreter der Gegenseite, auf den dies zutrifft. Mit einigen Punkten sprechen Sie mir auch aus dem Herzen, gerade z.B. mit der Kritik an den ungenehmigten Umzügen. Allerdings versuche ich noch etwas zu differenzieren zwischen Anlässen, die die Leute zum kochen bringen (z.B. das Aufstellen des Bauzaunes am Nordflügel war so ein Anlass, wo ich ganz klar das Ausschwärmen der Demonstranten in die Stadt als Mittel gutheiße) – gegenüber einem gewohnheitsmäßigen Blockieren des Straßenverkehrs – und wiederum gegenüber einem völlig erwartbaren und angemessenen Blockieren einer gesellschaftsschädigenden Baustelle, die ggf. mit Gewalt (30.09.) vorangetrieben wird. Ich habe im Augenblick nicht die Zeit einen großen Text zu entwerfen, daher kann ich nicht auf alle Punkte, in denen ich mit Ihnen einig bin, eingehen.
        Exemplarisch für die Themen, bei denen ich für Sie dringenden Informationsbedarf sehe, ist Ihr Glaube an die äh Redlichkeit oder auch nur wirtschaftlich korrekte Unternehmenspolitik der Bahn. Ich habe es noch nicht selbst gelesen, aber in der aktuellen ZEITausgabe gibt es ein ganzes Dossier über die DB AG. Ich vermute mal, dass dieser Bericht so gut ist, dass ich behaupten kann, wer das gelesen hat und immernoch glaubt, man dürfte dieses Unternehmen ungestört machen lassen – bei dem wäre ich mit meinem Latein erstmal am Ende.
        Wie gesagt, ich sehe noch einige Einsprüche, die mir auf den Lippen – Tasten – liegen. aber für heute muß ich Schluß machen.
        Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit und vielleicht sieht man sich ja mal unbekannterweise.

  11. Martin Poguntke

    Sehr geehrter Herr Henzler,
    gestern Abend noch hatte ich mich richtig gefreut, dass Sie inhaltliche Argumente zu bringen versuchten.
    Ich hätte Ihnen gerne geschrieben, inwiefern die Tunnelbauten von S21 einen ungleich höheren Aufwand an technischen Vorkehrungen nötig machen als die bisherigen U- und S-Bahn-Tunnels.
    Ich hätte Ihnen gerne geschrieben, warum es ausgesprochen unwahrscheinlich ist, dass im frei werdenden Gleisvorfeld ein „gelungener ökologischer Mix“ entstehen würde, und wodurch sich der Eindruck mehr als „aufdrängt“, dass hier eine „kleine wirtschaftliche und politische Interessengruppe ihre eignen Interessen verfolgt“ und dass – selbst wenn es gelänge, auf dem Gleisvorfeld eine „ökologische Fortentwicklung städtischen Lebens“ zu ermöglichen – der ökologische Preis dafür ungleich höher wäre.
    Ich hätte Ihnen geschrieben, dass die Gegenüberstellung nicht stimmt: S21 schütze und K21 bedrohe das Neckartal.
    Ich hätte Ihnen geschrieben, dass nicht nur für K21, sondern auch für S21 entscheidende Planfeststellungsverfahren noch ausstehen.
    Ich hätte Sie gebeten, noch einmal nachzulesen, welche Leistungsfähigkeit von S21 den Parlamenten vorgegaukelt worden war, als sie darüber abstimmten, und was nach der Schlichtung davon übrig geblieben ist.
    Schließlich hätte ich Sie gebeten, wegen der Vorkommnisse am 30.9 einmal eine Ihnen bekannte Juristin zu fragen, wie eine rechtsstaatliche Güterabwägung zwischen dem Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit und einem erteilten Baurecht angesichts des staatlichen Gewaltmonopols vorzunehmen gewesen wäre und wie ein verhältnismäßiger Polizeieinsatz auszusehen hätte, wenn Kinder und Jugendliche eine „strafrechtlich relevante Sitzblockade“ durchführen.
    Und nachdem ich heute Ihre (allerdings etwas ausweichende) Auseinandersetzung mit Herrn Martells sehr sachlich vorgetragenen Argumenten gelesen hatte, wollte ich immer noch gern Ihnen ein wenig schreiben über Korruption, Spekulanten, die Baupolitik des Stuttgarter Gemeinderats und – „christlichen Frieden“.
    Nachdem ich dann aber lesen musste, dass Sie in Ihrem dritten Kommentar auf einmal erneut und ohne Not Frau Pfarrerin Müller-Enßlin als Person in die sachliche Auseinandersetzung über unsere von mittlerweile 76 Theologen und 280 „Laien“ unterzeichnete „Gemeinsame Erklärung“ hineinziehen wollen, kann ich nicht mehr recht glauben, dass Sie wirklich eine inhaltliche Auseinandersetzung wollen – ja, auch Ihre berechtigte Forderung nach einem „christlichen Frieden“ gerät in ein eigenartiges Licht.
    Es tut mir leid: Auf dieser Ebene möchte ich mich mit Ihnen nicht auseinandersetzen.
    Martin Poguntke

  12. Uwe Brauner

    Leserbrief an das Schwäbische Tagblatt, 7.1.11: Christen gegen S21

    Sehr geehrte Damen und Herrn,
    dies ist ein Leserbrief zu Ihrem Artikel „Gott und S 21“ vom 7.1.11:

    Druckfrisch heraus ist die Absicht des Bundesinnenministeriums, die
    Bürgerbeteiligung bei Großprojekten einzuschränken, indem die öffentliche Erörterung von Großprojekten selbstherrlich ins Ermessen der Behörden gestellt wird und damit nicht mehr verpflichtend ist. Für gott- und weltoffene Gesprächskreise dürfte darum der erste von sechs Punkten aus der Erklärung von Theologinnen und Theologen zu „Stuttgart 21“ (www.S21-christen-sagen-nein.org) besonders interessant sein:
    „S21 ist ein Projekt menschlicher Überheblichkeit. Das Gebot, Gottes Schöpfung zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2,15) schließt menschliche Selbstherrlichkeit aus. Darauf weist die biblische Tradition in vielfältiger Weise hin, beginnend mit der Überlieferung vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11). Für S21 muss ein gigantischer Aufwand an Tunnelbauten und Maßnahmen zum Schutz von Mineral- und Grundwasser betrieben werden, ohne dass dem ein entsprechender zusätzlicher Nutzen gegenüber stünde. Wir setzen uns dafür ein, dass technologischer Fortschritt nicht als Selbstzweck gilt. Komplexe, beim Bau und im Betrieb störanfällige, risikobehaftete Technologien ohne nennenswerten Nutzen lehnen wir ab.“
    Wer diesem Manifest gegen schon bestehende oder von unseren politischen Angestellten diktatorisch geplante haushohe antiplebiszitäre Schutzwälle aus christlicher Perspektive seine Zustimmung geben möchte, richte sie an:
    k21@t-a-f.info.

    Uwe Brauner

  13. Karl Martell

    @Henzler
    Zu danken ist Ihnen, Herr Henzler, dass Sie Ansätze von Differenzierung deutlich werden lassen. Allerdings versuchen Sie, eine kleine, sehr spezielle Parkschützer-Szene als Ausdruck des Ganzen hinzustellen, nach alter sophistischer Methode, „das schwächere Argument zum stärkeren zu machen“.
    Das dient einer vernünftigen Diskussion und damit der Friedensfindung nicht.
    Ich orientiere mich an den Äußerungen und Stellungnahmen, die vom Aktionsbündnis veröffentlicht werden, die bei Demos zur Sprache kommen und – nicht zuletzt – die auf diesem Blog stehen und zur Diskussion gestellt werden.
    Apropos „Befriedung“ und Friede: Zum Frieden trägt nicht unbedingt jemand bei, der unter Weihnachtsglöckchen-Geklingele vom Frieden säuselt. Und zum Unfrieden trägt niemand bei, der eine wohl begründete kritische Position vertritt. Nachdem nunmehr – auf Druck der Kritiker – ein Gutteil der Fakten zu Tage gefördert worden ist, nachdem etliche Themen benannt sind (siehe u.a. Abschlussvotum von Geißler), hinter denen noch sehr deutliche Fragezeichen stehen, nachdem die bisherige Propaganda („bestgeplant“, „Magistrale“, „Geschenk“ u.v.a.m.) verstummt ist, besteht mehr denn je die Möglichkeit, „sine ira et studio“ über das Projekt S21 zu diskutieren.
    Bitte unterstellen Sie denen, die einen – im besten Sinn des Wortes – demokratischen Diskussionsprozess in Gang gebracht haben und ihn fortführen, keine unfriedlichen Absichten. Friede kann nur werden, wenn die Bedingungen zum Frieden stimmen.
    Das wusste schon der Prophet Jeremia: „Sie gieren alle, Klein und Groß, nach unrechtem Gewinn, und gehen mit Lüge um und heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: »Friede! Friede!«, und ist doch nicht Friede. Sie werden mit Schande dastehen, … aber sie wollen sich nicht schämen und wissen nichts von Scham.“ (Jer.6,13f)
    Also: Offenlegung der Fakten, Austausch und Bewertung der Argumente, Wahrnehmung der Grundrechte, das alles ist ein nicht nur legitimer, sondern notwendiger Prozess, um in einer demokratischen Gesellschaft wesentliche Entscheidungen zu treffen. Nur solche Prozesse führen zum Frieden.

  14. harald morun

    als christ ist mir es ein bedürfnis, darauf hinzuweisen, das der tanz um das goldene kalb – endlich beendet werden muss. leben ist die aufgabe der menschen. leben und nicht hetzen und dem run folgen. der gier. denn mehr als satt kann kein mensch werden. das lernen gerade die kohls der 80er jahre- deren zeit abläuft und die sich bald fragen dürfen…. : war es das?

  15. Dietmar Eckoldt

    1968 musste ich in Leipzig mit erleben, wie die denkmalgeschützte Universitätskirche und die Fassade der Universität am Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) gesprengt wurden, um dem Platz und der Stadt ein sozialistisches Gesicht zu geben. Heute muss ein Teil eines denkmalgeschützten Bauwerkes weichen, um Platz für die Immobilien-Spekulanten zu schaffen und um ein höchst gefährliches, ansonsten aber recht unsinniges Tunnelprojekt zu bauen. Das ist das kapitalistische Gegenstück zum damaligen sozialistischen. Als Christ bin ich gegen beides.

  16. Ernst Ziegler

    In Sachen Stuttgart 21 möchte ich zuerst einmal darauf hinweisen,dass es keine Projektgegner sind, die sich gegen das viel zu teure Projekt aussprechen ,sondern kritische Bürger. Kosten,Wirtschaftlichkeit und Nutzen stehen im krassen Missverhältnis zueinander bei S21. Die jetzige Kostenrechnung und Zahlen sind eine reine politische Vorgabe und entspricht nicht der Realität!
    K21 Stufenweise Ausbau,Integrale Taktfahrpläne,und architektonische Neugestaltung der Bahnsteige. Ökonomisch vertretbar-Ökologisch verträglich. Landkreis Esslingen zahlt jährlich bald 2 Millionen !
    Insgesamt muss die Region Stuttgart 100 Mio.Euro zahlen.In vielen Kommunen fehlt aber bereits heute das Geld für viele sinnvolle Massnahmen:KINDERBETREUNG -SCHULSANIERUNGEN-KULTUR-PROGRAMME FÜR DIE JUGEND -UMWELTMASSNAHMEN(KLIMAWANDEL)Der Ausbau
    Der Ausbau des Streckenabschnitt Stuttgart-Wendlingen -Ulm mit Flughafenanbindung und der Modernisierung des Kopfbahnhof K21 wäre mit kalkulierbarem Risiko und überschaubaren Kosten(die hälfte von S21) realisierbar. Das wäre für die Zukunft und Infrastruktur im Land für die Bürger ein Gewinn und Fortschritt in die richtige Richtung.
    Die Befürworter von S21 sollten sich mal ein paar Gedanken machen über diese ungeheuerliche Mehrkosten,Risiko und Umwelt,Klimmawandel?
    Fortschritt ja,aber nicht zu diesem Wahnsinn.

  17. Nathanael Fuchsloch

    Ich habe auf schriftlichen Wege über das Dekanat Beschwerde beim Oberkirchenrat wegen der Aktion „Pfarrerinnen und Pfarrer gegen S21“ eingereicht, da ich finde, dass Sie mit Ihrem Titel die Gesamte Kirche (Pfr.) gegen Stuttgart 21 stellen, was nicht einmal Ansatzweise so ist. Anscheinend haben Sie aus dem dritten Reich die Rolle zwischen Kirche und das Einmischen in die Politik noch nicht ganz begriffen. Darüber hinaus wurde mir gegenüber, in der Nähe Ihres Standes von Passanten geäußert: jetzt sind die Christen und Pfarrer auch schon gegen S21. Wollen Sie Nicht-Christen durch solche Aktionen zum Glauben gewinnen? oder die Kirche zum politischen Kampffeld erklären? ich finde es wirklich fragwürdig wenn „Christen“ vorallem Pfarrer solche Aktionen überhaupt starten. Sie scheinen etwas wohl nicht begriffen zu haben in Sachen „Glauben leben – Menschen für den Glauben gewinnen! so sicherlich nicht!

  18. Ich bin auch Christ und entsetzt über diese Seite, diese hat Nichts mit dem Christentum zu tun.
    Christen sollen doch Rücksicht auf Ihre Nächsten nehmen – das heißt beide Meinungen zu akzeptieren. Ich meine damit nicht, dass man nicht Gegen S21 sein darf – aber lasst da bitte euren Glauben aus dem Spiel, das ist nämlich eine andere Sache. Wenn man die Statements hier liest fragt man sich, ob viele der Autoren überhaupt wissen, was Nächstenliebe heißt – umsetzen tun sie sie zumindest nicht.
    Das hier erinnert mich an religiösen Fanatismus und ist beschämend.

  19. Martin Poguntke

    Lieber linthe, dass Sie so entsetzt sind über diese Seite, scheint mir in erster Linie daran zu liegen, dass Sie viel zu wenig darüber wissen, was es heißt, christlich zu glauben. Was denken Sie, warum Menschen Sonntag für Sonntag in die Kirche gehen, warum Pfarrer/innen 5 Jahre Theologie studieren, warum Schüler/innen 13 Jahre Religionsunterricht haben? Weil der christliche Glaube sich nicht einfach auf „Nächstenliebe“ und eben zu glauben, dass es einen Gott gibt, reduzieren lässt. Christsein ist eine Art zu leben – Luther sagt: ein lebenslanges fromm WERDEN.
    Wir Christen, die wir uns auf dieser Seite zusammen gefunden haben, nehmen für uns nicht in Anspruch, bessere Menschen zu sein als andere. Aber wir wollen – indem wir Verantwortung in der Welt wahrnehmen – mit unserm Leben nach bestem Vermögen antworten auf das, was wir in unserem bisherigen Leben aus dem christlichen Glauben vernommen und verstanden haben.
    Bitte machen Sie sich auf den Weg, mehr vom chrisltichen Glauben zu erfahren, bevor Sie so grundsätzliche Urteile sprechen (z.B. unsere Seite habe mit dem christlichen Glauben nichts zu tun, oder erinnere an Fanatismus). Das steht Ihnen nicht zu, und das haben wir nicht verdient.
    Wenn Sie mehr erfahren wollen, was es heißt, an Christus zu glauben, wenden Sie sich bitte an mich. Ich bin immer gerne bereit zur Auskunft über meinen Glauben.
    Allerdings sollten wir das nicht auf dieser Seite tun. Die ist für den Austausch von Menschen gedacht, die sich mit unseren christlichen Argumenten gegen S21 (wirklich) auseinandersetzen wollen.

  20. F U R C H T B A R , G o t t e s W i l l e hat damit nichts zu tun!
    Gott will N achfolge und Jüngerschaft und will nicht für eure Zwecke instrumenalisiert werden.

    „Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt. Darum rate ich dir: Kaufe von mir Gold, das im Feuer geläutert ist, damit du reich wirst; und kaufe von mir weiße Kleider und zieh sie an, damit du nicht nackt dastehst und dich schämen musst; und kaufe Salbe für deine Augen, damit du sehen kannst.“ (Offenbarung 3,17-18)

  21. Martin Poguntke

    Lieber Herr Haller, Sie sind schon ganz dicht dran: Dieses Offenbarungszitat sagt in unsere Zeit hinein nichts anderes als: Erkennt, dass euer Kreisen um Wirtschaftswachstum und Großinvestitionen „elend und erbärmlich“ ist! Sucht nach Gottes „Gold“, damit ihr menschlich „reich“ werdet!
    Das ist unser Antrieb: S21 ist ein Tanz ums Goldene Kalb. Wir wollen dazu beitragen, dass die Wirtschaft dem Menschen dient und nicht einer toten Geldvermehrung.
    Wissen Sie: Nachfolge, Jüngerschaft ist konkret: Wir werden von Gott nicht gefragt werden: Wieviel Gebete habt ihr gesprochen? o.ä., sondern: Wo habt ihr euren Glauben zur Tat werden lassen und den Schwachen beigestanden? Das wollen wir tun, indem wir das S21-Projekt der Geldgläubigen zu verhindern suchen: uns auf die Seite der Schwachen stellen, der Behinderten, der Berufspendler, der Parkbenutzer, nichtzuletzt der Natur…

  22. Roland Schwarz

    Es ist so einfach die eigene Meinung mit Gottes Willen zu verwechseln. Es ist so verführerisch das Kreuz vor den eigenen Truppen herzutragen. Die Liste der christlichen Verfehlungen ist lang. Stets maßen sich die Menschen an Gottes Willen zu kennen.
    Wenn ihr Menschen zu Gott führen wollt, dann berichtet von Jesus´ Taten. In den alltäglichen Fragen, und dazu zähle ich auch politische Fragen, wird jeder Christ seine eigene Antwort finden. Ich bin Christ und glaube fest daran, dass ich mein Reden, mein Leben und meine Taten in meinem Namen verantworten muss und Gott am jüngsten Tag mein Leben richten wird. Sagt Eure Meinung, aber tut nicht so, als ob diese von Gott autorisiert wäre. Das ist sie nicht.

    • Karl Martell

      @ Roland Schwarz
      Von „Gottes Willen“ ist – theologisch mehr als fragwürdig – in einschlägigen evangelikalen Milieus gern die Rede. Hier nicht. Deshalb ist auch keine Verwechslung zu befürchten.
      „Wird jeder Christ seine eigene Antwort finden“, schreiben Sie. Ja, um Antwort in christlicher Verantwortung geht es. Nicht unverbunden, aufgespalten zwischen individueller Frömmigkeit und „alltäglichen Fragen“. Dass beides miteinander zu tun hat, davon zeugen allerdings „Jesus’ Taten“.

  23. Günter Koch

    Für unsere christliche Pflicht halte ich es, unsere Stimmen zu einem vernehmlichen NEIN gegen dieses uninspirierte Projekt von geltungsbedürftigen und gewinnsüchtigen Gewaltmenschen zu erheben, die nur eins kennen, was einer ihrer Rädelsführer ungeniert propagiert und praktiziert: “Cache in de täsch, is the name of the game”.
    Dazu müssen Christen ein klares NEIN hören lassen!

  24. Pingback: SPD-Minister müssen sich äußern, um Schaden vom Land abzuwenden! | Stuttgart 21 – Christen sagen NEIN

  25. Ich bin selbst Bauingenieur mit mittlerweile beträchtlicher Berufserfahrung (auch schon im Bahnbau). Die Diskussion um Stuttgart 21 habe ich mit Interesse verfolgt. Auch nachdem ich mir die Schlichtungsrunden angesehn hatte, konnte ich mir aber keine wirkliche Meinung zur Qualität oder Notwendigkeit dieses Vorhabens bilden. Ich bin deshalb immer wieder überrascht, dass Andere da offensichtlich viel besser durchblicken. Ob Architekten, Biobauern oder Eskimos gegen S21. Alle wissen ganz genau Bescheid. Nun die Christen also auch (eigentlich bin ich auch katholisch, aber da fehlt mir dann doch noch etwas). Ich finde es offen gesagt etwas merkwürdig, sich in seiner Eigenschaft als Christ gegen S 21 zu äußern.
    Wie würden Sie denn einen Blog „Christen für S21“ finden. Hätte das nicht irgendwie ein Geschmäckle?

  26. Martin Poguntke

    @ Ernst Haft
    Nein, wieso sollte das denn ein Geschmäckle haben, wenn sich ein Block „Christen FÜR S21“ gründen würde. Ich wäre sogar irre gespannt, was da für Argumente kämen. Also, nur Mut! Vielleicht würde das endlich mal eine inhaltiche Auseinandersetzung auf Basis von Fakten ermöglichen.
    Und was den Umstand angeht, dass wir uns als CHRISTEN zu einem Bauprojekt äußern: Bitte lassen sie nicht locker! Lesen Sie auf diesem Block, welch vielfältige Gründe und Argumentationswege hier Christen äußern.
    Sie werden dann entdecken, dass Christen sich nicht nur zu S21 äußern KÖNNEN, sondern MÜSSEN. Nicht, weil Christen die besseren Bauingenieure, Verkehrsplaner etc. wären, sondern weil Christen alle baulichen, verkehrsplanerischen, industriellen, medizinischen etc. Fragen und Antworten ihre Alltags hellwach beobachten (müssen), um zu reagieren, wenn ETHISCHE Fragen dabei auftreten, also Fragen des Umweltschutzes, des Schutes der ärmeren Leute, der (Un-)gerechtigkeit, des (Un-)rechts, der Menschlichkeit etc.
    Christen, die von der Überzeugung getragen sind, dass Gott alle Menschen liebt, haben einfach das innere Bedürnfis, dazu beizutragen, dass diese Liebe im ganzen Alltag dieser Menschen konkret wird – und zwar umso dringender, je mehr diese Menschen der Unterstützung bedürfen und je weniger diese Menschen eigene Chancen dazu haben. „Vorrangige Option für die Schwachen“ nennt man diesen „roten Faden“, der sich durch die ganze Bibel zieht.
    Also: Machen sie Ihrem Decknamen Ehre und nehmen Sie sich mal einen Abend Zeit und stöbern Sie richtig „ernsthaft“ und mit dem Willen, Neues zu erfahren in unserm Internet-Auftritt! Sie werden staunen.

  27. Na gut, dann werde ich mal etwas mehr dazu sagen. Ich orientiere mich an Ihrer gemeinsamen Erklärung:
    Zu 1: Sie behaupten, dass Aufwand und Nutzen in keinem angemessenen Verhältnis stehen. Ich kann das letztendlich nicht beurteilen und ich frage mich woher Sie das wissen wollen. Letztendlich kann das keiner mit Bestimmtheit sagen. Die Gleichung hat zu viele Unbekannte. Deshalb ist so ein Bauvorhaben immer umstritten und über die Realisierung muss letztendlich politisch entschieden werden. Moralische Empörung ist fehl am Platz.
    Zu 2: Hier könnte man Ähnliches sagen. Als etwas scheinheilig empfinde ich die Absage an die „Höher-schneller-weiter-Ideologie“. Wir befinden uns im Wettbewerb, ob wir wollen oder nicht. Wenn wir uns dem nicht stellen, müssen wir in Zukunft viel bescheidener leben. Die wenigsten wollen das.
    Zu 3: Dass der neue Bahnhof die Verkehrssituation in der Stadt verschlechtert ist eine sehr einseitige Sichtweise. Es gibt auf jeden Fall auch Verbesserungen. Ebenso die Darstellung, dass die Grundstücke „Investoren und Spekulanten überlassen“ werden. Das hört sich so an als würde die Stadt die Grundstücke an Geschäftemacher verschenken.
    Zu 4: In Deutschland sind bei jedem Natureingriff Ausgleichsmaßnahmen zwingend vorgeschrieben. Ob hier Schaden und Nutzen in vernünftigem Verhältnis stehen ist wieder nicht objektiv nachweisbar.
    Zu 5: Das ist ein bisschen blauäugig. Bei so einem Bauvorhaben gibt es immer ein Hauen und Stechen. Alle Seiten argumentieren einseitig und es wird getrickst. Kosten werden schön- oder schlechtgerechnet. Von Gegnern und Befürwortern. Das ist immer so und wenn man das ausschließen will kann man überhaupt nie bauen.
    Zu 6: Sie schreiben: “… Andererseits hat die Kirche … die Aufgabe, diesen Staat und seine Handelnden öffentlich zu kritisieren“. Nein! Die Kirche hat die Aufgabe das Wort Gottes zu verkünden. Natürlich kann sie sich auch zu politischen Entscheidungen äußern, aber das ist nicht ihre Aufgabe. Wenn die Kirche sich politisch äußert dann ist dies meist, mit einigem zeitlichen Abstand betrachtet, ziemlich peinlich. Hier wird es ähnlich sein.

    Sie schreiben, dass die Kirche sich zu ethischen Fragen äußern muss. Ein Bahnhof ist aber keine ethische Frage. Es ist vielmehr so, dass beide Seiten (z.Z. aber mehr die Bahnhofsgegner) der jeweils anderen Seite die Verletzung allgemein anerkannter ethischer Grundsätze vorwerfen. Dies ist jeweils nur Mittel zum Zweck. Die Kirche sollte in diesem Spiel nicht mitmachen.

    • Peter Nestrowitsch

      Hervorragend, Herr Haft!

      • @ „Demokrat“ alias „Petet Nestrowitsch“ alias „peter.panowitsch“
        Beiträge, zumal anonyme, die sich in Pöbeleien, absurden Unterstellungen, Beschimpfungen und anderen Niveaulosigkeiten ergehen, werden gelöscht.
        Das hat nichts – wie unterstellt – mit „totalitärer Intoleranz“ zu tun, sondern mit den Regeln, die unter „Wer wir sind“ nachzulesen sind.

  28. Peter Nestrowitsch

    Lieber Herr Martell,
    solange hier ein Herr Schieg schreiben darf: „Weil ich aber eine Mensch bin und nicht Gott, kann ich meine Schriften nur so verteidigen, wie mein Herr Jesus Christus seine Lehre verteidigt hat. Als er vor Hannas über seine Lehre befragt wurde und ein Diener ihm ins Gesicht schlug, hat er gesagt: „Habe ich unrecht geredet, so beweise, dass es unrecht ist“ (Joh 18,23). Anstelle sich als „Diener des Hohepriesters“ zu gerieren, bitte ich Sie darum, unsere Irrtümer zu widerlegen oder in Zukunft zu schweigen.“
    kann ich Ihren Einwand zwar verstehen, muss ihn gleichwohl als undemokratisch ansehen. es kann nicht sein, dass der, der Behauptungen aufstellt, verlangen darf, dass der, der anderer Meinung ist, beweispflichtig bzw. widerlegungpflichtig ist. Diese Auffassung (machen Sie sich ruhig einmal historisch kundig) haben fast alle Diktatoren von links und rechts vertreten, und das scheint mir das Problem an dieser an sich absurden Diskussion um die Petitesse Stuttgarter Bahnhof (angesichts unserer wirklich großen Weltprobleme) zu sein . bitte entschuldigen Sie meine Rechtschteibfehler, ich tippe auf einem Smartphone und bin derzeit im Ausland. Warum ich mich anonymisiere: zunächst wohl aus ähnichem Grund wie Sie, bei mir kommt noch die Angst dazu, persönlich wegen meiner Meinung angegriffen zu werden, wie ich es auf einer öffentlichen Diskussion erleben musste!

    • Karl Martell

      @ „Demokrat“ alias „Petet Nestrowitsch“ alias „peter.panowitsch“
      Immer noch nichts verstanden? Es geht um substanzielle, qualifizierte Argumente, nicht um aus der Luft gegriffene oder gebetsmühlenartig wiederholte oder einfach dämliche „Meinungen“.
      Wie kommen Sie zu der wiederholten Unterstellung, ich würde mich anonymisieren?
      Schauen Sie doch einfach mal bei Wikipedia unter „Troll (Netzkultur)“ nach!

  29. Dietrich, Hans-Eberhard

    Antwort an Herrn Ernst Haft, Beitrag vom 23. August 2011
    Hans-Eberhard Dietrich, Pfarrer

    Sehr geehrter Herr Haft,
    einem Teil Ihres vorletzten Satzes Ihres Beitrags im Blog vom 23. August 2011 stimme ich gern zu: Wir Gegner werfen den Befürwortern von S21 in der Tat „die Verletzung allgemein anerkannter ethischer Grundsätze“ vor. Eine ernsthafte, ethisch fundierte Rechtfertigung durch die Befürworter ist mir nicht bekannt. Hier aber bin ich durchaus lernfähig. Gern hätte ich in Ihrem Beitrag ein paar Argumente für eine ethische Rechtfertigung von S21 gehört.

    Wir Theologen bemühen uns, alle erreichbaren Informationen zu diesem Projekt zusammenzutragen, sie aufgrund ethischer und insbesonderer christlicher Kriterien zu beurteilen und dann unser Urteil zu fällen. So gesehen sind unsere Beiträge im Blog die inhaltliche Füllung unserer sechs Thesen.

    Ich stimme Ihnen aber in keiner Weise zu, dass z.B. das Schaden-Nutzen Verhältnis eines Projekts wie S21 „objektiv nicht nachweisbar“ ist. Eine solche Argumentation läuft doch letztlich darauf hinaus, dass Politik nicht mehr nach rationalen Gesichtspunkten betrieben wird. Allerdings bedarf es hier einiger Mühe, die entsprechenden Fakten zusammenzutragen. So gesehen sind wohl die meisten Gegner von S21 zu Ihrer Verwunderung bestens informiert und begnügen sich nicht mit Allgemeinplätzen und gedankenloser Oberflächlichkeit.

    Wenn man, wie Sie behaupten, letztlich nichts Genaues wissen kann, dann muss man sich freilich, wie es die Politiker heute gerne tun, auf die Floskel zurückziehen, „dass über die Realisierung …letztlich politisch entschieden werden“ muss. Was aber heißt das? Dann wird nicht mehr nach Recht und Gesetz, nach Logik und den besseren Argumenten entschieden, sondern nach Kriterien, die nicht einsehbar sind, man kann auch sagen: Hier herrscht Willkür, so wie Fürstenherrschaft bis in die Neuzeit hinein betrieben wurde. Gegen solche Willkür wurden Gewaltenteilung, Demokratie und der Rechtsstaat als Bollwerk errungen. Für mich ist unser Grundgesetz verbindlich und Verpflichtung, daran zu erinnern und eben nicht „das Hauen und Stechen“ und die „Trickserei“ bei Baumaßnahmen wie ein Naturereignis hinzunehmen.

    Noch ein Wort zu den sogenannten „Ausgleichsmaßnahmen“. Sie spielen damit vermutlich auf die Vernichtung des einzigartigen Biotop des Gleisvorfelds an mit seinen 683 Pflanzen- und Tierarten, die zum Teil auf der Roten Liste stehen. (Städtebauprojekt Stuttgart 21 – Bestandsaufnahme und Bewertung für Belange des Arten- und Biotopenschutzes. Schriftenreihe des Amtes für Umweltschutz – Untersuchungen zur Umwelt. Heft 5. 1997, S. 7) Diese Studie der Stadt Stuttgart gipfelt in dem Satz: „Chancen für eine Ausgleichbarkeit können nur dann gesehen werden, wenn bedeutende Teilflächen (des Gleisvorfeldes A.d.V.) erhalten bleiben.“ Das heißt doch im Klartext: Auch geplante Ausgleichsmaßnahmen können diesen Verlust nicht aufwiegen. Eine Alternative wäre ein Bahnprojekt, das weniger in die Natur eingreift, weniger Natur zerstört. Eine solche Alternative aber wurde öffentlich nie erörtert. Und auch die obige Studie wurde erst bekannt als wichtige Entschlüsse der Stadt zum Bahnhofsbau schon gefällt waren (November 1995).
    Übrigens, um die oben genannte Ausgleichsmaßnahme zu verwirklichen soll ein gut funktionierendes Biotop am Rotenberg zu vernichtet werden.

    Erfreulicherweise hat die Kirche sich zur ethischen Rechtfertigung solcher Baumaßnahmen schon einmal geäußert: „Eingriffe in den Haushalt der Natur sind möglichst sparsam und begrenzt vorzunehmen, selbst wenn unmittelbare Nachteile nicht voraussehbar sind.“…. „Die Umwelt darf zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse herangezogen werden, solange Nachteile und Schäden für Mensch und Natur nicht größer sind als der Nutzen aus dem Gebrauch der Naturgüter….. Die Umwelt ist mit aktiven und notfalls einschneidenden Maßnahmen zu erhalten und zu schützen, solange dadurch nicht gegenwärtig oder zukünftig lebenden Menschen schwerer Schaden zugefügt wird.“
    („Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung.“ Gemeinsame Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1985, S. 27-30.)

  30. Sehr geehrter Herr Dietrich,
    die ethische Begründung für S21 liegt doch auf der Hand: Das Vorhaben verbessert die Verkehrssituation regional und überregional, es verbessert die Umweltverträglichkeit des Bahnverkehrs, schafft Raum für innerstädtische Stadtentwicklung, erhöht somit die Konkurrenzfähigkeit des Standortes Stuttgart, schafft damit Arbeitsplätze und hilft damit unseren Wohlstand auch für die Zukunft zu sichern, damit wir uns den Sozialstaat auch in Zukunft leisten können. Das alles ist selbstverständlich durch umfangreiche Untersuchungen und Berechnungen untermauert. Nur müssen solche Berechnungen zwangsläufig viele Annahmen über zukünftige Entwicklungen beinhalten. Deshalb weiß eben niemand genau, ob die erwarteten Effekte auch wirklich eintreten werden. Zweifel sind immer angebracht. Man kann eben nicht in die Zukunft blicken. Es ist eben nicht so dass man sich nur „die Mühe machen muss die entsprechenden Fakten zusammenzutragen“. Deshalb finde ich es auch so befremdlich, dass Sie offensichtlich ganz genau wissen, dass alle diese Berechnungen der S21 Leute falsch, die der Gegner aber richtig sind.
    Die Leute welche S 21 vorantreiben, werden sicherlich gelegentlich ethische Grundsätze verletzen. (Wie schon gesagt, es geht nicht zimperlich zu.) Aber ich kann beim besten Willen nicht erkennen, dass die S 21-Gegner diesbezüglich in irgendeiner Weise besser sind. Deshalb halte ich auch die vielfach zur Schau gestellte moralische Überheblichkeit für völlig fehl am Platze.
    Ich habe auch überhaupt nicht den Eindruck, dass die meisten S 21-Gegner „bestens informiert“ sind. Ich habe viel mehr den Eindruck, dass die viele S 21-Gegner jegliche Meldung welche in Ihr Bild passt, sofort vorbehaltlos glauben und alles Gegenteilige als Lüge abtun. Das heißt es dann wieder „Lügenpack“, was rein ethisch betrachtet vielleicht auch nicht ganz in Ordnung ist.
    Ich finde das Vorhaben einen Bahnhof ethisch und nach christlichen Kriterien zu beurteilen äußerst merkwürdig. Die ethischen Prinzipien stehen ja nicht in Frage. Ob der Neubau z.B. behindertengerecht ist, ist keine ethische Frage und schon gar keine theologische, sondern eine rein technische. Ob die Natur über Gebühr geschädigt wird ist auch keine ethische oder theologische Frage. Das können Biologen besser beurteilen. usw. usw.
    Welche spezielle Kompetenz allerdings Theologen für die Beurteilung so eines Bauvorhabens einbringen können, erschließt sich mir nicht.

    • Tilmann Fischer

      Also, Herr Haft, Ihre Ausführungen enthalten ein treffliches Beispiel für die Rabulistik der Pro-Seite.
      „[Es stimmt]: Die ethische Begründung für S21 liegt doch auf der Hand : Das Vorhaben verbessert die Verkehrssituation regional und überregional, es verbessert die Umweltverträglichkeit des Bahnverkehrs, … schafft damit Arbeitsplätze …“
      „[Es stimmt aber auch]: Deshalb weiß eben niemand genau, ob die erwarteten Effekte auch wirklich eintreten werden. … Man kann eben nicht in die Zukunft blicken.“
      Fazit: Nix genaues weiß man nicht.
      Hauptsache drauf los bauen, Fakten schaffen, fünf bis 12 Milliarden an öffentlichen Geldern in private Taschen versenken. „Ob die erwarteten Effekte auch wirklich eintreten werden“, interessiert die Macher überhaupt nicht. Einer der Ober-Macher hat sich ja verplappert: „Cash in se täsch …“ Ein zutiefst unethisches und unchristliches Vorgehen !

      • Sehr geehrter Herr Fischer,
        ich seh das auch so. „Nix genaues weiß man nicht.“
        Das ist unbefriedigend. Aber es ist so. Natürlich muss man alles tun, um möglichst viel Klarheit zu schaffen. Deshalb gibt es ja auch kiloschwere Gutachten und hochkomplizierte Computersimulationen. Aber letztendlich verbleibt ein ordentliches Maß an Unsicherheit. Und im Hintegrund gibt es natürlich auch die Interessenlagen der verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen. In dieser Gemengelage wächst dann in einem langjährigen Prozess eine politische Entscheidung.
        Nicht 100% befriedigend, aber so ist es immer. Wie sollte man es sonst machen? Haben Sie eine Idee?

  31. Peter Nestrowitsch

    Verehrter Herr Martell,
    „dämliche Meinungen“ zu anderen Meinungen zu sagen, wie Sie es mir ggü. tun, spricht für eine hohe Streitkultur (q.e.d.)! aber was solls. ich weiß wohl, was ein Netz- Troll ist, Im Gegensatz zu Ihnen weiß ich aber auch, wozu dieser Begriff missbraucht wird. Wenn Sie tatsächlich Karl Martell heissen wie der Hammer aus dem 7 Jahrhundert, der auch als Retter des Abendlandes bezeichnet wird (zuletzt in der „Welt“. dann sorry. Ich hielt es für ein Pseudunym.

  32. Peter Nestrowitsch

    Ich hoffe, Sie können verstehen, dass ich als Nicht- Schwabe Ihren Promi- Status in der S21- Szene nicht kannte und tatsächlich glaubte, es handle sich um ein – gut passendes (Retter des Abendlandes) -Pseudonym… (Scherz).

  33. Martin Poguntke

    Lieber Herr Haft, das finde ich nun doch richtig ärgerlich, dass Sie hier im Brustton der Überzeugung uns Gegner kritisieren und sich wirklich auch nicht im Geringsten informiert zu haben scheinen. Haben Sie nicht die Faktenschlichtung verfolgt? Haben Sie nicht wenigstens einen Teil der vielen Artikel gelesen, die auf unserer Seite über S21 stehen? Wie können Sie denn dann einfach so schreiben „die ethische Begründung für S21 liegt doch auf der Hand: Das Vorhaben verbessert die Verkehrssituation regional und überregional, es verbessert die Umweltverträglichkeit des Bahnverkehrs, schafft Raum für innerstädtische Stadtentwicklung“?

    Die Verkehrssituation wird doch gerade nicht(!) verbessert! Beim Stresstest hat die Bahn doch nur mit Tricks (mit vielen Gleis-Doppelbelegungen – als ob nicht auch der Kopfbahnhof mehr Doppelbelegungen vornehmen könnte –, unter Beschädigung des landesweiten „3-Löwen-Takts“, unter der Annahme, nur in der Spitzenstunde wäre der Verkehr 30% höher als heute – aber nicht davor und danach –, und unter der Annahme, der gegenwärtige Fahrplan sei die „Kapazitätsgrenze“ des Kopfbahnhofs – obwohl er nachweislich viel mehr Züge bewältigen kann) aufzeigen können, dass S21 gerade mal 30 % mehr an Zügen schafft als zurzeit fahren (wohlgemerkt nicht: als zurzeit fahren könnten(!)).
    Und falls Sie mit „überregional“ die Strecke Wendlingen–Ulm meinen: Auf dieser Strecke ist man doch schon auf der alten Strecke vor zehn Jahren 20 Minuten schneller gefahren als heute – nur hat die Bahn sie halt jetzt herunterkommen lassen.

    Und haben Sie nicht mitbekommen, welchen zusätzlichen Energiebedarf es für die Züge bedeutet, wenn sie nicht durchs flache Neckartal nach Wendlingen, sondern auf die Filder rauf und wieder runter fahren müssen. Und haben sie nicht mitbekommen, dass die geplante Neubaustrecke nach Ulm eine viel höhere Scheitelhöhe und viel höhere Steigungen überwinden muss als die bestehende und deshalb natürlich viel mehr Energie erfordert (und genau deshalb auch für Güterzüge vollends unrentabel ist)? Und haben Sie nicht mitbekommen, was es an Energiebedarf bedeutet, einen Tiefbahnhof kontinuierlich zu beleuchten und zu belüften und seine Rolltreppen und Aufzüge zu betreiben?

    Und was die innerstädtische Entwicklung angeht: Finden Sie wirklich, dass 30 ha (nicht 100 ha, wie immer behauptet, weil nämlich 70 ha davon auch ohne Tiefbahnhof freigemacht werden können) teuerster Boden, der also wirklich nur für hoch rentable Wirtschaftsgebäude genutzt werden kann (und nach einem neuen unabhängigen Gutachten nicht 25.000, sondern nur 2.500 Arbeitsplätze bringt), die Stadt Stuttgart so viel konkurrenzfähiger macht, dass man dafür all die genannten Schäden in Kauf nehmen sollte und auch in Kauf nehmen sollte, dass vermutlich für die Läden auf dem neuen Areal einfach die Läden in der Königstraße und Umgebung geschlossen werden (denn wer soll denn die zusätzliche Kaufkraft bringen?)?

    Und schließlich versteigen Sie sich noch zu der Behauptung, es sei keine ethische Frage, ob ein Bahnhof behindertengerecht sei oder nicht, sondern eine technische. Das mag daran liegen, dass Sie Ingenieur sind. Aber verstehen Sie bitte: Eine technische Frage ist es, wie(!) man einen Bahnhof behindertengerecht macht. Eine ethische Frage ist es, ob(!) und dass(!) man ihn behindertengerecht macht. Und da stellen wir mit dem ethischen Argument, dass ein Bahnhof behindertengerechter ist, wenn Behinderte im Notfall ohne fremde Hilfe aus einem Bahnhof gelangen können (wie es beim Kopfbahnhof der Fall ist) unsere Anforderungen an die Techniker, die diese Frage dann technisch zu lösen versuchen sollten.
    Wobei im konkreten Fall S21 sich technisch (wenn Aufzüge im Notfall nicht benutzt werden können) nur die Alternative stellt: entweder eine kurze, steile Rampe, auf der Behinderte zwar schnell genug aus der Gefahrenzone kämen, die aber zu steil ist, um sie ohne fremde Hilfe zu bewältigen, oder eine lange, flachere Rampe, die Behinderte zwar mit eigener Kraft bewältigen können, auf der sie aber zu lange brauchen, um aus der Gefahrenzone zu kommen.

    Also bitte, lieber Herr Haft, treten Sie noch mal einen Schritt zurück! Denken Sie noch einmal in Ruhe nach! Sie werden sehen: Wir suchen uns nicht nur raus, was uns in den Kram passt, sondern wir haben uns seit vielen Monaten (und zum Teil Jahren) sehr gründlich und vielfältig kundig gemacht, weit über unsere eigene Profession hinaus. Das empfehle ich auch Ihnen.

  34. Sehr geehrter Herr Poguntke,
    sollte ich mich wirklich so missverständlich ausgedrückt haben? Ich habe nur die Begründung für S21 wiedergegeben. Ich behaupte nicht, dass diese Begründung stichhaltig ist. Ich behaupte aber auch nicht das Gegenteil. Es ist mir schlicht nicht möglich das zu überblicken. Wenn ein Team von Spezialisten eines international renommierten Ingenieurbüros Wochen benötigt um eine Stresstestsimulation zu bewerten, wie soll ich dann das gesamte Projekt bewerten? Ich kann mir eine Meinung bilden, aber im muss akzeptiere, dass ich letztlich nicht zu einem gesicherten Urteil fähig bin. Wie schon gesagt, die Schlichtungsgespräche habe ich gesehen und ich konnte daraus nicht entnehmen, welche Seite recht hat. (Obgleich die Befürworterseite viel kompetenter und sachlicher war. Aber das beweist noch nichts.)
    Im übrigen habe ich doch den Eindruck, dass Sie nur das als Wahrheit akzeptieren, was Ihnen in den Kram passt. (Dies dann aber vorbehaltlos.) Sie liefern in Ihrem letzten Beitrag ein schönes Beispiel. Sie schreiben, dass es ein neues Gutachten gibt, welches weniger Arbeitsplätze errechnet. Es gibt also 2 Gutachten. Welches ist richtig? Da sage ich „im Brustton der Überzeugung“: Ich weiß es nicht. Sie sagen mit der besonderen ökonomischen Kompetenz des Theologen: Das ersten Gutachten war falsch. Naja, ganz schön selbstbewusst… Zu dem Gutachten sei noch angemerkt, dass das Institut keineswegs unabhängig ist. Zur Wahrheit gehört auch, dass das Gutachten für K21 genauso schlechte Werte ausweist. Und K21 finden Sie ja gut.
    Ich kann überhaupt nicht erkennen, was sie in ihrer Eigenschaft als Theologen zu diesem Thema beitragen können. Es ist eine ethische Frage, ob man einen Bahnhof welche keinen Nutzen bringt mit Steuergeldern finanzieren darf. Für ethische Fragen haben sie eine besondere Kompetenz. Nur ist die hier überhaupt nicht gefordert. In dieser Frage sich nämlich alle einig. Niemand würde sagen, dass man so einen Bahnhof bauen darf. Die entscheidende Frage ist, ob S21 so ein nutzloses Bauwerk ist. Und für die Beantwortung dieser Frage haben sie keine besondere Kompetenz. Das können Ökonomen, Verkehrsplaner, Stadtplaner usw. besser.
    Oder, um bei ihrem Beispiel zu bleiben, niemand zweifelt daran, dass man Behinderten im Notfall die Flucht ermöglichen muss. Die entscheidende Frage ist in wie weit der geplante Bahnhof dies sicher stellt. Das ist eine Frage von Fluchtwegen, Evakuierungsplänen, Notstromversorgungen, Redundanz der Sicherheitstechnik, Ausfallwahrscheinlichkeiten usw. usw. Alles keine theologischen Fragen.
    Ihre ganze Initiative kommt mir vor wie „Bauingenieure gegen das Zölibat“, oder so. Das wäre zwar auch lächerlich, aber immerhin noch harmlos. Ihre Initiative ist aber nicht harmlos. Als Pfarrer haben Sie bei vielen Gläubigen eine besondere Autorität. Daraus erwächst auch eine besondere Verantwortung. Dem werden Sie nicht gerecht, wenn sie sich so dezidiert zu Dingen äußern von denen Sie keine Ahnung haben.

  35. @ „Ernst Haft“
    Sehr geehrter Herr Bauingenieur „Haft“,
    bei gespielter Ahnungslosigkeit („konnte ich mir aber keine wirkliche Meinung zur Qualität oder Notwendigkeit dieses Vorhabens bilden“) lugt Ihre „unwirkliche“ Meinung aus allen Knopflöchern.
    Verstehen kann ich ja, dass ein Bauingenieur abwehrt, wenn mit Hilfe seines Metiers noch einmal zu einer „Großleistung“ angesetzt wird. Dabei erhebliche Risiken in Kauf zu nehmen, gehört wohl leider zu dieser Mentalität.
    In Ländern mit Nachholbedarf mag das noch in gewisser Weise verständlich sein, obwohl ja gerade bei den internationalen Verhandlungen über die Eingrenzung der Klimabelastungen solche Länder zur Mäßigung angehalten werden. In unseren Breiten wenden sich mehr und mehr Menschen ab von der Devise: Wir machen alles, was machbar ist, oder schlichter noch: Weghauen und Hinklotzen.
    Sie haben gelernt, Bestehendes wertzuschätzen, an Bewährtes anzuknüpfen und unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung Vorhandenes mit Augenmaß weiterzuentwickeln. Darin äußert sich ein Verständnis von Geschichte und Kultur, das tief verwurzelt ist in jüdisch-christlicher Tradition.
    Selbstverständlich ist ein solches Verständnis nicht vereinbar mit einer „Höher-schneller-weiter-Ideologie“. Wenn im Zusammenhang von S21 ganz wesentlich mit Fahrzeitverkürzungen – geringen – argumentiert wird, besteht kein Anlass, eine Kritik an solchen Vorstellungen als „scheinheilig“ zu diffamieren. Die Kritik zielt auf Besinnung, auf Umkehr von Irrwegen. Christliche Ethik pur!
    Die Frage, ob „Wettbewerb“, der bei Ihnen vorkommt wie das Wetter („ob wir wollen oder nicht“), nicht auch anders und dennoch erfolgreich gestaltet werden kann, lasse ich hier dahingestellt. Wettbewerb neoliberaler Ausprägung jedenfalls geht zulasten der großen Mehrheit der Menschen, sowohl in unserem Land als vor allem in den Ländern, denen wir unserem Wohlstand zu „verdanken“ haben.
    Wenn die Rede vom „Wettbewerb“ wie in der S21-Propaganda dazu eingesetzt wird, Menschen Ängste einzureden („ihr werdet sonst abgehängt“), ist aus christlicher Ethik deutlicher Widerspruch notwendig.
    Sie schreiben lapidar: „… müssen wir in Zukunft viel bescheidener leben. Die wenigsten wollen das.“ Wenn Sie selbst schon in sokratischer Bescheidenheit „nichts wissen“ im Blick auf S21, so unterstellen Sie doch bitte nicht – sehr wohl wissend -, was die wenigsten wollen bzw. nicht wollen.
    Wollen wahrscheinlich tatsächlich nicht, aber schon jetzt müssen. Weil die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft. Eine Entwicklung, die von beiden Kirchen wiederholt und nachdrücklich, sachkundig und kritisch benannt wurde. Weil die Kirchen da nicht nur Kompetenz besitzen, sondern vor allem eine geschärfte Sensibilität. Gerechtigkeit steht zur Debatte.
    Es geht also um Hingucken, wahrnehmen und wahrhaben, Zusammenhänge erkennen und verstehen, beim Namen nennen, was dringend beim Namen zu nennen ist. Wer nichts sieht oder nicht hinschauen will, soll tatsächlich schweigen.
    Mit „moralischer Empörung“ oder „Überheblichkeit“ – wie Sie unterstellen“ – hat das alles nichts zu tun, allenfalls mit Verantwortung.
    „Ein Bahnhof ist aber keine ethische Frage“, schreiben Sie. Wer hätte auch eine so abwegige Behauptung aufgestellt? Es geht um die Implikationen, den gesellschaftlichen Kontext, um die Bewertung eines Großprojekts, das weitgehend in die Lebenswelt vieler Menschen eingreift.
    Fakten zur Kenntnis nehmen, Zusammenhänge sehen und verstehen, schließlich bewerten, davon lebt Demokratie. Nicht die Demokratie der „Eskimos“ (die müssen ihr Zusammenleben selber regeln), sondern im konkreten Fall die der Menschen in unserem Land.
    Und dass denen nicht nur eine „christliche“ Sichtweise aus dem Konrad-Adenauer-Haus zur Kenntnis gebracht wird, deshalb gibt es die „Christen gegen S21“.
    Übrigens: Den Block „Christen für S21“ gibt es seit langem. Ihm ist ja im Verein mit anderen „Mächten und Gewalten“ – Gott sei’s geklagt – dieses Irrsinnsprojekt zu verdanken.

    PS: Bei der Kritik an S21 geht es – ganz christlich – um Klarheit und Wahrheit, um Transparenz. Vielleicht können Sie sich dieser Kritik wenigstens soweit anschließen, dass Sie auf Anonymität verzichten. Dann werde ich das auch tun.

  36. Martin Poguntke

    Lieber Herr Haft,
    Ja, in der Tat: Sie haben sich so missverständlich ausgedrückt, dass Sie gesagt haben: „Die ethische Begründung von S21 liegt auf der Hand“ und sie dann die einzelnen Begründungen aufgezählt haben. Und nun wollen Sie das nicht so gemeint haben!?
    Nein, so macht es keinen Spaß! Ich glaube, wir sollten unsere Auseinandersetzung nun beenden. Sie verstecken sich immer da hinter Ihrem vermeintlichen Nichtwissen oder Nichtwissen-Können, wo es zu Konsequenzen führen könnte. Wie ein glitschiger Fisch entwinden Sie sich jedes Mal, wenn Ihnen einmal eine Formulierung passiert sein könnte, an der man sie auf etwas behaften könnte. Das ist m.E. unverantwortlich. Wer nicht bereit ist, für etwas zu stehen, kann auch keine Verantwortung übernehmen. Schlimmer: Wir müssten die Demokratie abschaffen und eine Diktatur der Fachleute einführen, wenn alle Menschen nur da mitstimmen wollten, wo sie ausdrücklich vom Fach sind.
    Nein, in einer Demokratie haben die Fachleute die Aufgabe, sich den Laien so verständlich zu machen, dass diesen ein angemessenes Urteil möglich wird. Im Fall von S21 ist dies m.E. ausreichend geschehen. Man muss sich nur eben auch die Mühe machen, sich gründlich damit zu befassen.
    Wenn Sie das z.B. bei der Frage der zu erwartenden Arbeitsplätze getan hätten, dann hätten Sie gewusst, dass ich nicht kraft meiner eigenen „ökonomischen Kompetenz des Theologen“ das neuere Gutachten für gültiger halte als das alte, sondern weil in dem neuen Gutachten – für mich als Laien nachvollziehbar – dargelegt wird, wo das alte von falschen Annahmen ausgegangen ist und man sich verrechnet hat.
    Im Übrigen ist es mit den Arbeitsplätzen, die S21 schaffen würde (zuerst 25.000, dann 12.000 und nun nur noch 2.500) so gegangen, wie mit allen Versprechungen zu S21 („wegen Magistrale unverzichtbar“, „wir werden sonst verkehrlich abgehängt“, „entscheidende Erhöhung der Wirtschaftskraft des Landes“, „doppelte Leistungsfähigkeit“, „100 ha Baugelände“, „ökologischer Musterbahnhof“, „nur geringfügige Eingriffe ins Grundwasser“ usw., usw.): Alles hat sich nach und nach in Luft aufgelöst. Inzwischen ist das einzige Argument, das von Befürwortern noch ernsthaft vorgebracht wird, dass S21 nun mal demokratisch beschlossen sei und Verträge eingehalten werden müssten – abgesehen davon, dass nicht einmal das stimmt, ausgesprochen schlechte Argumente, um mehr als 5 Milliarden zu verbauen.

  37. Sehr geehrter carolus 21,
    es fällt mir schwer auf Ihren Beitrag zu antworten. Es gibt kaum klare Argumentation. Dafür Unterstellungen, Behauptungen, Gemeinplätze. Wie soll man darauf antworten?
    Sie beginnen gleich mit einer Unterstellung: „bei gespielter Ahnungslosigkeit“. Es ist ein Gebot der Fairness so eine (durchaus beleidigende) Unterstellung auch sachlich zu begründen, damit ich die Möglichkeit habe dazu Stellung zu nehmen.
    Und welche Meinung „lugt“ bitte sehr „aus allen Knopflöcher“. Wenn Sie hier konkret werden könnten, könnte ich auch etwas dazu sagen.
    Dass Bauingenieure für Sie kulturlose Gesellen sind, die „Weghauen und Hinklotzen“, ohne Sinn für Geschichte und jüdisch-christlich Tradition mag ja noch angehen. Jeder hat halt sein Weltbild. Aber dass Sie behaupten wir würden einfach so „erhebliche Risiken in Kauf nehmen“ mag ich dann doch nicht so auf mir sitzen lassen. Wir haften nämlich für unsere Arbeit. Ohne teure Berufshaftpflichtversicherung darf ich gar nicht arbeiten. Jede Konstruktion die ich entwerfe und berechne muss ihre Funktionsfähigkeit in der Praxis erweisen. Jeder Fehler zieht unweigerlich Regressansprüche des Auftraggebers nach sich. Wie steht es bei Ihnen? Haften Sie auch für Ihre Arbeit? Übernehmen Sie Verantwortung?
    Warum ich die Absage an die „Höher-schneller-weiter-Ideologie“ für scheinheilig halte, habe ich ja begründet. Es wird nicht ganz klar, welchen Teil meiner Argumentation Sie für falsch halten. Meinen Sie, dass wir nicht im internationalen Wettbewerb stehen? Oder meinen Sie, dass es keine Konsequenzen haben wird, wenn wir uns diesem Wettbewerb nicht stellen? Oder meinen Sie, dass viele Menschen bereit sind eine deutliche Einschränkung ihres Lebensstandards hinzunehmen? Wenn ich Sie recht verstehen meinen sie wohl letzteres. Ja, mag sein dass es solche Leute gibt, aber ich kenne keinen.
    Wenn es eine Initiative „Christen für S21“ gäbe, so würde man diesen Leuten sofort, und völlig zu Recht vorwerfen, dass die die Religion für ihre Ziele missbrauchen. Auch die CDU hat nie mit religiösen Argumenten für S21 geworben. Der Hinweis auf das Konrad-Adenauer-Haus ist deshalb abwegig.
    Sie schreibe bei der S21-Kritik ginge es um „Klarheit und Wahrheit, um Transparenz“. Das heißt dann wohl dass die Befürworter dieses Projektes für Unklarheit, Lüge und Täuschung sind. Das nenne ich moralische Überheblichkeit.

    PS: Wenn Sie wissen wollen wer ich bin, schauen Sie auf diese Seite: ib-riwe.de

  38. Sehr geehrter Herr Poguntke,
    so schwer ist das doch nicht. Ich wurde gefragt wie die ethische Begründung für S21 ist. Ich habe diese wiedergegeben. Ich habe dazugesetzt, dass ich nicht entscheiden kann ob die Begründung wirklich zutreffend ist, weil man eben die Effekte, die der Bahnhof in der Zukunft haben wird nicht mit Sicherheit bestimmen kann und die gesamte Gemengelage eben sehr komplex ist. Das ist das was ich von Anfang an gesagt habe. Ich kann nicht erkenne, dass ich meine Meinung irgendwie ändere oder zu irgendetwas nicht stehen will.
    Dass Sie mich nicht fassen können („wie ein glitschiger Fisch“) liegt vielleicht daran, dass ich einfach Recht habe. Muss nicht sein, kann aber.
    Ich sehe es in der Tat als ein Problem an, dass in der Demokratie Laien letztendlich über eine Sache entscheiden müssen von der sie keine Ahnung haben. Aber ich akzeptiere dies. Es geht nicht anders. Es ist auch völlig in Ordnung und für das Funktionieren der Demokratie unerlässlich, dass sich Bürger gleich welcher Profession in spezielle Probleme einarbeiten um den demokratischen Entscheidungsprozess möglichst kompetent zu befördern.
    Was ich nicht gut finde ist, wenn sich diese Laien dann zu den eigentlichen Experten erklären. Gleichfalls schlecht finde ich, wenn eine eindeutige moralische Einteilung vorgenommen wird. („Wir sind für Klarheit und Wahrheit und die anderen sind das Lügenpack.“) Noch bedenklicher wird es wenn behauptet wird, dass es religiöse Gründe für die Ablehnung eines Projektes gäbe. Ich hab das alles hier schon begründet.
    Noch einmal zum Gutachten über die Arbeitsplätze. Ich hab es nur überflogen. Aber mir fiel auf, dass die Anzahl der Arbeitsplätze reduziert wurde, weil neuerdings geplant ist, mehr Wohnungen im betreffenden Gebiet zu schaffen. Sie hatten mir aber gerade erklärt, dass da nur Wirtschaftsgebäude möglich sind. Um sich wirklich ein einigermaßen fundiertes Urteil zu bilden, müsste man die Ersteller beider Gutachten im Disput hören. Außerdem geht es offensichtlich in dem Gutachten nur um die Arbeitsplätze welche direkt auf der neuen Baufläche entstehen können. Interessant wäre es wie viele Arbeitsplätze durch die Verbesserung der Infrastruktur im gesamten Großraum Stuttgart entstehen. Aber das kann man kaum berechnen.
    Das sich die positiven Effekte welche man sich von S21 verspricht „in Luft aufgelöst haben“, kann ich nicht erkennen. Sie wurden in Zweifel gezogen. Dass ist berechtigt und normal. Bei allem Für und Wider hat der demokratische und rechtsstaatliche Entscheidungsprozess letztendlich zur Baugenehmigung geführt. Das sollte man respektieren.
    Ob die enormen Kosten letztendlich durch den gewonnenen Nutzen gerechtfertigt werden, kann ich nicht entscheiden. Aber das habe ich von Anfang an gesagt. Dass Sie die Kompetenz für eine gesicherte Entscheidung besitzen kann ich auch weiterhin nicht erkennen. Und die Relevanz theologischer Fragen auch nicht.

  39. Tilmann Fischer

    @Axel Riwe alias Ernst Haft
    Sehr geehrter Herr Riwe,
    ich seh das wie Sie. Mir fällt tatsächlich kein anderes Verfahren ein; ich bin kein Politikwissenschaftler, kein Jurist, kein Soziologe (übrigens auch kein Theologe) oder was immer man braucht, um demokratische Entscheidungsprozesse so zu reformieren, dass sie hinterher funktionieren.
    Mir würde es schon genügen, wenn die formalen Entscheidungsprozesse, so wie sie sind, tatsächlich funktionieren, also in dem Sinne, dass es sich wirklich um „repräsentative Demokratie“ handelt und nicht um Lobbykratie.

    Ich stimme Ihnen auch zu, dass bei jeder Planung und der entsprechenden politischen Entscheidung zwangsläufig ein gewisses Maß an Unsicherheit bleibt, ob die erwarteten Effekte auch wirklich eintreten, d.h. ein gewisses Restrisiko.
    Dieses Restrisiko muss aber in einem vernünftigen, wirtschaftlichen Verhältnis zu den aufgewendeten finanziellen Mitteln stehen, da diese ja – im Fall des Ausbleibens der Effekte oder gar des Eintretens negativer Effekte – vernichtet wären.
    Dieses Verhältnis ist bei S21 ein krasses Missverhältnis. Unter der Voraussetzung „Nix genaues weiß man nicht“ oder – wie Sie formulieren – „Die Gleichung hat zu viele Unbekannte“ fünf Milliarden plus x auszugeben, ist aus ethischen Gründen verwerflich. Parlamentarier, die solche Entscheidungen treffen – nicht auf ihre eigene Rechnung, sondern auf Kosten der Allgemeinheit -, handeln verantwortungslos. Pfarrerinnen und Pfarrer, die solche Entscheidungen kritisieren, nehmen die Aufgaben ihres Amtes wahr.
    Das gleiche Problem mag auch bei K21 bestehen; auch hier weiß man nicht mit Bestimmtheit, ob die positiven Effekte wirklich eintreten werden. Da K21 im Unterschied zu S21 modular aufgebaut ist und sich modular realisieren lässt, ist die Gefahr, Geld zu verbrennen, weitaus geringer.

    Ich stimme Ihnen noch in einem weiteren Punkt zu. „Es gibt kiloschwere Gutachten und hochkomplizierte Computersimulationen“ – allerdings. Diese Gutachten und Simulationen, soweit sie von unabhängigen, nicht mit den S21-Machern verbandelten Fachleuten erstellt wurden, stellen dem Tiefbahnhof samt und sonders ein äußerst schlechtes Zeugnis aus (jüngstes Beispiel: das SMA-Audit). Parlamentarier, die nicht Willens oder in der Lage sind, auf den Rat der Experten zu hören und eine politische Entscheidung zu korrigieren, sich statt dessen nur rechthaberisch darauf berufen, dass „der demokratische und rechtsstaatliche Entscheidungsprozess letztendlich zur Baugenehmigung geführt“ hat (so Ernst Haft), handeln aus ethischer Sicht verantwortungslos (und beschädigen damit die parlamentarische Demokratie).
    „Für ethische Fragen haben Theologen eine besondere Kompetenz“ (ebenfalls Ernst Haft). Und genau die ist hier gefordert.

  40. Dietrich, Hans-Eberhard

    Hans-Eberhard Dietrich

    Antwort an Herrn Haft,
    sein Brief an Herrn Poguntke vom 29. August 2011 um 7.44 Uhr

    Sehr geehrter Herr Haft,
    Ihrer Behauptung ist vehement zu widersprechen: „Bei allem Für und Wider hat der demokratische und rechtsstaatliche Entscheidungsprozess letztendlich zur Baugenehmigung geführt. Das sollte man respektieren.“ Wenn man die Frage der demokratischen Legitimation erörtern will, muss man sich eine Fülle von Fakten ins Gedächtnis rufen. Ein Grund der Gegner von S21 liegt genau darin, dass weder die Bürgerschaft noch die politischen Gremien wahrheitsgemäß über Kosten und Risiken informiert, bzw. stellenweise falsch informiert wurden. Wer die Presse in den letzten Wochen aufmerksam verfolgt hat, hat genügend Beweise im Hinblick auf die Kostenentwicklung, die verschwiegenen Gutachten (bis heute hält die Bahn einen Teil der geologischen Informationen auch selbst vor den Baufirmen geheim, die die Tunnelarbeiten ausführen sollen. (Äußerung von DB-Technikvorstand Volker Kefer im Rahmen der Schlichtungsgespräche), die fehlenden Baugenehmigungen. Jüngstes Beispiel: Die Bahn hat überhaupt keine Genehmigung, das Gleichvorfeld abzureißen, ob wohl sie es bisher immer behauptete. (StZ vom 30.8.)

    Ein paar Fakten sei hier in Erinnerung gerufen.

    1. Für eine lebendige Demokratie genügt es nicht, dass die Wähler alle paar Jahre einer Partei ihre Stimme geben und sich dann bis zur nächsten Wahl mit allem kritiklos zufrieden geben. Es genügt auch nicht, dass ein Projekt in parlamentarischen Gremien eine Mehrheit erhält. Für Großprojekte wie S21 reicht eine solche formale Legalität nicht aus.
    Die Kirchen wie auch die Politik fordern bei Großprojekten wie S21 klare Regeln für das Zustandekommen von Beschlüssen. Eines dieser Kriterien ist der offene Diskurs über das Vorhaben, die Veröffentlichung von Vor- und Nachteilen, das Erwägen von Alternativen, ein Diskurs, der von einer breiten Öffentlichkeit nachvollzogen werden kann. Dabei muss es ein Diskurs mit offenem Ausgang sein.
    Genau dieser Meinungsstreit mit offenem Ausgang fand bei S21 nicht statt. Durch den Gemeinderatsbeschluss des Stuttgarter Stadtparlaments vom November 1995 wurden unumkehrbare Fakten gesetzt zu einem Zeitpunkt, ehe das Projekt in allen seinen Einzelheiten, Risiken usw. überhaupt in der Öffentlichkeit bekannt war. (siehe hierzu z.B.: http://www.s21-christen-sagen-nein.org/ Hans-Eberhard Dietrich. Sind die Beschlüsse zu Stuttgart 21 ethisch legitimiert? 13. Juni 2011)

    2. Dieser zweifelhafte Beschluss wird dann zu einer Frage der Rechtsstaatlichkeit hochstilisiert, wenn die Betreiber sagen: „Beschlüsse müssen vollzogen werden, sonst steht der Rechtsstaat auf dem Spiel“. Zu einer lebendigen Demokratie gehört weiterhin: Einmal gefasste Beschlüsse müssen auch korrigiert werden können, vor allem, wenn ihre Verwirklichung erst in vielen Jahren erfolgen soll und sich die Bedingungen geändert haben, die einst zu den Beschlüssen führten. Demokratie bezieht ihre Legitimität auch aus der Veränderbarkeit von Beschlüssen, zumal, wenn sich die Bedingungen ändern“, so Professor Oliver Lepsius, (Oliver Lepsius, Niemand getraut sich an heikle Zukunftsfragen. Der Tagesspiegel 14.8.2011) Weiter schreibt er: „Wer veränderten Mehrheiten und Präferenzen keine Durchsetzungschancen eröffnet, entwertet die Demokratie. … Die Verfassungsordnung erklärt nicht die Rechtsstaatlichkeit zum Maßstab für die Demokratie, sondern zu ihrem Mittel.“

    3. Weiterhin sollte man bedenken: Das Projekt, wie es heute sich der Öffentlichkeit darstellt, wurde so 1995 nie beschlossen. Der Beschluss des Gemeinderats Stuttgart 1995 erfolgte aufgrund einer „Rahmenvereinbarung.“ Sie beinhaltete z.B. nicht den Abriss der Seitenflügel des Bahnhofs, den Abriss der Freitreppe in der großen Eingangshalle des Bahnhofs sowie den Abriss, Teilabriss, Versetzung oder Gefährdung von mehr als einem Dutzend weiterer denkmalgeschützter Bauwerke im Zusammenhang mit dem Bau von S 21 (siehe hierzu: Roland Ostertag, Die entzauberte Stadt, 2008, S. 163f).
    Die Gefährdung des Mineralwassers war in diesem Ausmaß noch gar nicht bekannt, weil die Studien des Amts für Umweltschutz bei der Stadt Stuttgart erst Jahre später erstellt wurden.
    Grundlage dieser rechtlich bindenden „Rahmenvereinbarung“ waren keine konkreten Planungen oder umfassende Untersuchungen, sondern lediglich eine Machbarkeitsstudie (vorgestellt Januar 1995) – nicht eines neutralen Instituts, sondern der Bahn selbst. Aufgrund also einer bloßen Studie der Bauherrin selbst entschieden die Gremien, die eigentlich die Bauherrin zu kontrollieren hätten, ein gigantisches Milliardenprojekt.

    4. Das Projekt wurde vom Stuttgarter Gemeinderat einmal in nichtöffentlicher Sitzung im Umwelt- und Technikausschuss und einmal nichtöffentlich im Verwaltungsausschuss beraten und dort jeweils mehrheitlich beschlossen. Gemeinderat Scheerer (ÖDP) hatte beantragt, den Tagesordnungspunkt um mehrere Monate zu verschieben, die Bürger der Stadt und der Region müssten mehr beteiligt werden. Oberbürgermeister Rommel lehnte eine Vertagung ab mit dem Hinweis, dass die von Stadtrat Scheerer angesprochenen Fragen alle im Raumordnungs- bzw. Planfeststellungverfahren bei der Beratung des Rahmenplans und der Bebauungspläne eingehend behandelt würden. Der Gemeinderat schloss sich dem Votum des OB an. (siehe hierzu: Gemeinderatsprotokoll Nr. 264 vom 30. November 1995. Genau diese Behauptung entsprach nicht der Wahrheit. Denn bei allen angeführten Verfahren konnte nur noch über Verbesserungen innerherb der Pläne vorgebracht, aber keine Grundsatzfragen mehr erörtert werden.

    5. Noch ein Beispiel der verweigerten Bürgerbeteiligung.
    Die Betreiber weisen daraufhin, S21 sei seit 1993 mehr als 180 Mal auf der öffentlichen Tagesordnung im Gemeinderat gestanden. Bei einer Vielzahl von Bürgeranhörungen, Diskussionen und bei der offenen Bürgerbeteiligung hätten sich die Bürger immer wieder in die Planungen einbringen können. Außerdem seien zahlreiche Ideen und kritische Anregungen aufgenommen und umgesetzt worden. Dem aber ist nicht so. Schaut man sich die Chronologie an, so gab es nicht eine Vielzahl von Bürgeranhörungen, sondern nur eine einzige im Jahr 1997. Auch hier durfte der Tiefbahnhof grundsätzlich nicht infrage gestellt werden. Das gleiche gilt auch für die Einwände gegen die Planfeststellungsverfahren in den Jahren nach 2002. (Eine Chronologie der Kritik und des Widerstands gegen Stuttgart 21 siehe: http://www.s21-christen-sagen-nein.org/)
    Vom 4. März bis 3. Juni 1997 führte die Stadt eine „Bürgerbeteiligung“ zum Städtebauprojekt Stuttgart 21 durch. Moderiert wurde sie von der Kommunalentwicklung Baden-Württemberg GmbH (KE). Hier konnten nur Vorschläge und Verbesserungen zu S21 vorgebracht werden. Eine kritische Hinterfragung des ganzen Projekts wurde nicht zugelassen. Kritik konnte geäußert werden, blieb aber folgenlos. „Wir machen hier keine repräsentative Befragung, ob S21 gewollt wird oder nicht“, so der Versammlungsleiter Professor Roland Reschl. Die Bürgerbeteiligung wurde mit dieser Sitzung als beendet erklärt.
    Gegen die öffentlichen Planfeststellungsverfahren (2002-2005) wurden zahlreiche Einwände vorgebracht (es sollen an die10 000 gewesen sein). Diese wurden aber nur insoweit berücksichtigt, als sie nicht das ganze Projekt ablehnten oder durch Alternativen ersetzen wollten. Umweltverbände nahmen ausführlich und grundsätzlich Stellung – vergeblich.

    6. Übrigens waren die Befürworter stolz darauf, dieses Projekt eben nicht demokratisch legitimiert, sondern es als Überraschungscoup gelandet zu haben:
    Am 18. April 1994 stellte Heinz Dürr das Projekt einer staunenden bis entsetzten Öffentlichkeit … vor. Dürr erklärte ein Jahr später mit Stolz: Mit dieser Präsentation „sei ihm ein Überraschungscoup gelungen.“ „Die Art der Präsentation (von S 21) im April war ein überfallartiger Vorgang: Gegner und Skeptiker sind nicht imstande gewesen, die Sache zu zerreden. Ein Musterbeispiel, wie man solche Großprojekte vorstellen muss.“ (Stuttgarter Nachrichten 14.02.1995)
    Die Entscheidungszeiträume bei S21 waren bewusst kurz bemessen, um das Projekt möglichst geräuschlos durchzudrücken. Manfred Rommel, einer der Väter von S21 und bis heute glühender Verfechter, war sich nicht nur bewusst, dass in so kurzer Zeit ein solch komplexes Bauvorhaben gar nicht sachlich und fachlich zu prüfen war, sondern er führte diesen Zeitdruck offensichtlich absichtlich herbei, um der Öffentlichkeit keine Zeit zu lassen, sich mit Vor- und Nachteilen oder Risiken auseinanderzusetzen. Das Trotzki Zitat, mit dem er die Vorstellung von S21 vor dem Regionalparlament im Jahre 1995 beendete, ist in dieser Hinsicht sehr verräterisch: „Hätten wir noch mehr Zeit gehabt, hätten wir noch mehr Fehler gemacht.“ (siehe hierzu Winfried Wolf: „Stuttgart 21“ Hauptbahnhof im Untergrund? 1996, S. 18.)

    Zusammenfassend muss man sagen:
    „In der Gesamtsicht ist deutlich, dass es eben keine demokratische Beschlussfassung zu Stuttgart 21 gab. Als der Gemeinderat, das Land Baden-Württemberg, das Bundesverkehrsministerium und der Aufsichtsrat der Bahn Ende 1995 mit der Zustimmung zur Rahmenvereinbarung eine Grundsatzentscheidung trafen, lag nur eine Machbarkeitsstudie vor, die die Bahn selbst erstellt hatte. Die Entscheidung fiel auf Basis einer Studie, die diejenigen erstellen ließen, die diese Entscheidung herbeiführen wollten – und die im Fall Stuttgart 21 keinerlei eigenes größeres finanzielles Risiko eingehen. Es gab keine Gutachten zu wichtigen Einzelaspekten, keine unabhängige Überprüfung der Machbarkeit und vor allem keinerlei Prüfung von grundlegenden Alternativen. In den folgenden eineinhalb Jahrzehnten befassten sich zwar immer wieder Gremien mit dem Thema. Doch dabei wurden diesen oftmals Gutachten, die inzwischen vorlagen, vorenthalten (so die Gutachten des Schweizer Planungsbüros sma + Partner zum Betriebskonzept von Stuttgart 21 und das geologische Gutachten des Ingenieurbüros Smoltczyk und Partner). Auf allen Ebenen gingen die Entscheider bei ihren Debatten und Beschlüssen von deutlich zu niedrigen Kosten aus. Dabei wurden sie von der Deutschen Bahn AG hinters Licht geführt. Schließlich bezahlt der Bund zwar den größten Teil der S21-Kosten. Doch auf dieser entscheidenden Ebene gab es zu keinem Zeitpunkt eine demokratische Beschlussfassung. Stattdessen entschied allein die Exekutive – die jeweilige Bundesregierung beziehungsweise der jeweilige Bundesverkehrsminister – zugunsten von S21“ (Winfried Wolf, Der schlichte Spruch, S. 57-59. In: Volker Lösch/Gangolf Stocker usw. Kein Stuttgart 21. Oben bleiben. PapyRossa Verlag 2011.)

  41. Sehr geehrter Herr Fischer,
    ich bisschen Übereinstimmung haben wir ja immerhin.
    Sie schreiben, dass das Restrisiko bezüglich der Sinnhaftigkeit von S 21 viel zu hoch ist und deshalb nicht gebaut werden darf. Das ist eine Ermessensfrage. Ich denke die Unsicherheit war bei anderen Vorhaben auch nicht kleiner.
    Über die Unzulänglichkeiten der Entscheidungsprozesse für solche Baumaßnahmen sind wir uns ja einig. Aber immerhin war es bisher so, dass kaum ein Großprojekt realisiert wurde, welches sich später als völlige Fehlinvestition erwiesen hat. Mir fällt jedenfalls keins ein. Und das obwohl sich die jeweiligen Gegner immer ganz sicher waren, dass alle das Vorhaben später verfluchen werden.
    Sie schreiben: „Pfarrerinnen und Pfarrer, die solche Entscheidungen kritisieren, nehmen die Aufgaben ihres Amtes wahr.“ Das ist Unsinn. Pfarrer haben die Aufgabe das Wort Gottes zu verkünden. Damit nehmen sie ihr Amt war. Natürlich können sie auch andere Dinge tun, aber die Aufgabe ihres Amtes ist das dann nicht. Es ist aber bei der evangelischen Kirche auffällig, dass es eine Tendenz gibt die Kirche zu einer Art Greenpeace mit Religionsfolklore zu machen. Eine fatale Entwicklung.
    Immerhin geben Sie zu, dass es bei K21 auch Unwägbarkeiten gibt. Mit so viel Realismus haben Sie bei den S21-Gegenern schon fast ein Alleinstellungsmerkmal. Das der modulare Aufbau von K21 das Risiko minimieren könnte ist sicher richtig. So ein stufenförmiger Aufbau führt aber auch zu Zusatzkosten. Es hat eben alles seine zwei Seiten. Um die Konzepte wirklich vergleichen zu können, müssten auch zwei Projekte vorliegen. K21 ist aber nur eine Idee.
    Sie schreiben: „Diese Gutachten und Simulationen, soweit sie von unabhängigen, nicht mit den S21-Machern verbandelten Fachleuten erstellt wurden, stellen dem Tiefbahnhof samt und sonders ein äußerst schlechtes Zeugnis aus“. Welche unabhängigen Gutachten sollten das denn sein? Es gibt immer einen Auftraggeber, der das Gutachten bezahlt. Es ist auffällig, dass die S21-Gegner jeden Fachmann, der sich für das Projekt ausspricht sofort als abhängig und inkompetent einstufen. Wer sich aber dagegen ausspricht avanciert sofort zum unabhängigen überaus kompetenten Experten. In der Szene der S21-Gegner ist es sehr leicht zum Experten aufzusteigen. Da werden Kaufleute und Psychologen zu renommierten Verkehrsplanern und ein vorbestrafter Polizist zum Rechtsexperten.
    Sie unterstellen den Politikern, dass sie nicht auf den Rat der Experten hören. Dieser Eindruck kommt daher, dass sie eben nur diejenigen als Experten ansehen, die sich gegen S21 aussprechen.
    Dass die ethische Kompetenz der Theologen hier gefordert ist kann ich nicht erkennen. (ich wiederhole mich.) Es gibt keine ethische Frage, die hier zu klären wäre. Alle sind sich einig, dass kein Geld verschwendet werden darf, dass die Eingriffe in die Natur nur so groß wie unbedingt nötig ausfallen dürfen, dass behindertengerecht gebaut werden muss usw. Die Frage ist nur ob S21 diesen ethischen Kriterien in ausreichendem Maße gerecht wird. Diese Frage ist aber keine ethische und schon gar keine theologische.

    • @ „Ernst Haft“
      Wie gut, dass es Zeitgenossen gibt, die klar und unmissverständlich sagen, was Sinn und was Unsinn ist. Die sich nicht scheuen, die Auffassung eines anderen schlicht als Unsinn abzutun. Das fest zementierte Weltbild muss doch stimmen! Wo kämen wir sonst hin?
      Wie beruhigend, dass man hier eine Lektion Gemeinschaftskunde aus dem Lehrplan der 5. Klasse Hauptschule bekommt. Ohne solche Belehrungen wären wir aufgeschmissen.
      Wie klärend, dass den evangelischen Pfarrern, diesen selbstvergessenen Greenpeaceadepten mit Religionsfolklore, endlich einer ins Stammbuch schreibt, was ihre Aufgabe ist. Sollen sich gefälligst ein Beispiel nehmen an ihren Amtsbrüdern mit stramm römischer Blickrichtung. Von dort kommt das Heil.
      Vor allem aber sollen sie das tun, was sie sträflich vernachlässigen, nämlich das Wort Gottes verkündigen.
      Ein leuchtendes Beispiel sei ihnen gegeben:
      „Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.
      Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.
      Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.
      Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen.“ (1.Mose 11, 1-8 i.A.)

      • Wenn ich mal den Turmbau zu Babel weglasse, kann ich Ihnen eigentlich nur zustimmen.
        Ich bin nicht ganz so sicher, ob von der katholischen Kirche das Heil kommt. (so fest zementiert ist mein Weltbild nun auch wieder nicht)
        Aber ansonsten meine ich das alles genau so, wie Sie das aufgeschrieben haben.

        PS: Zitat aus Ihrem letzten Beitrag: „Vielleicht können Sie sich dieser Kritik wenigstens soweit anschließen, dass Sie auf Anonymität verzichten. Dann werde ich das auch tun.“
        Warum tun Sie es nun nicht?

        • @ „Ernst Haft“
          Weil sie’s – außer in einer unscheinbaren Homepage-Adresse in einem Ihrer zahlreichen Einträge – auch nicht tun, sondern bei Ihrem Pseudonym bleiben.
          Und weil Sie zwar Verkündigung fordern, sie aber „weglassen“, wenn sie Ihnen angeboten wird.
          Und weil ich Ihre unangemessenen Beurteilungen (z.B. „Greenpeace mit Religionsfolklore“, „Unsinn“) u.a.m. so daneben finde, dass ich keine Lust mehr habe, darauf einzugehen.
          Adieu!

  42. Sehr geehrter Herr Dietrich,
    die Demokratie hat doch klare, gesetzlich festgelegte Spielregeln. Über die Einhaltung dieser Regeln wacht die Justiz.
    Wenn man also meint Verstöße gegen die demokratischen Regeln entdeckt zu haben, muss man den Rechtsweg beschreiten. Nur die Gerichte können hier entscheiden. Zwar ist nicht sicher gestellt, dass diese in jedem Fall richtig entscheiden (auch im Gericht sitzen nur Menschen), aber es ist der einzig mögliche Weg. Wo kämen wir hin wenn jeder selbst entscheiden könnte was Recht und Gesetz ist?
    Wenn Sie also meinen, dass es hier Verstöße gibt, dann gehen Sie juristisch dagegen vor. Das ist ihre staatsbürgerliche Pflicht.

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