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Das Parkgebet feiert Geburtstag!

Am Donnerstag, 2. August 2018 um 18.15 Uhr bei der Lushausruine ist es so weit!

Das Parkgebet feiert Geburtstag! In den vergangenen 8 Jahren seit August 2010 haben im Schlossgarten weit über 200 Parkgebete stattgefunden – bei jedem Wetter und immer mit ansehnlicher Besucherzahl, um für das Wohl unserer Stadt zu beten und sich auszutauschen.

Herzliche Einladung!
Guntrun Müller-Enßlin und Sylvia Rados

Charly Brown zu Snoopy: „Geburtstage sind herrlich“
Snoopy: „Ja aber wir werden immer älter, zum Schluss sterben wir.“
Charly Brown: „Aber jeder Tag davor ist ein herrlicher Tag.“

Tunnel-Segnung? – Nein, Segen muss der Schöpfung dienen!

Nun hat also am 17. Juli 2018 wieder eine „Segnungsfeier“ in einem S21-Tunnel stattgefunden. Wer immer die beiden evangelischen bzw. katholischen Geistlichen gewesen sein mögen und was immer bei dieser Segenshandlung getan und gesprochen wurde – ich möchte im Folgenden ein paar (hoffentlich) klärende, ganz nüchterne Gedanken zum Segnen beisteuern:

  1. Ein evangelischer Geistlicher kann nicht an der Segnung von Gegenständen (Tunnels, Häuser, Fahnen, Waffen etc.) mitwirken, denn ein auf der Bibel gegründeter Segen kann nur Menschen und ihrem Tun gelten.
  2. Nach evangelischem Verständnis ist Segnen kein magischer Vorgang, bei dem (wie Obelix mit dem Zaubertrank) göttliche oder übernatürliche Kräfte auf Menschen übertragen werden. Geistliche verfügen weder über besondere eigene oder göttliche Kräfte, noch haben sie die Macht, Derartiges herbeizurufen. Veranstaltungen, bei denen solches versucht wird – etwa, indem auf Heiligenfiguren Weihwasser gespritzt wird –, sind aus evangelischer Sicht Aberglaube und Mummenschanz.
  3. Eine Segenshandlung ist vielmehr eine natürliche und rationale seelsorgerliche Zeichenhandlung, durch die wir Menschen die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zusprechen – und aus diesem Erfahren von Zugehörigkeit schöpfen sie die Kraft, um die es beim Segen geht.
  4. Diese Gemeinschaft, in die wir Menschen beim Segnen mit hineinnehmen, ist nicht etwa die Kirche oder gar die örtliche Gemeinde, sondern die Gemeinschaft allen Lebens, der ganzen menschlichen und nicht-menschlichen Schöpfung. Diese weltumspannende Gemeinschaft bezieht ihre lebendige Kraft – körperlich und seelisch – aus der Kraft, aus der die ganze Schöpfung hervorgegangen ist und die bis heute in ihr wirkt und die wir „Gott“ nennen.
  5. Wir Christen verstehen Reden und Wirken Jesu so, dass diese der Schöpfung innewohnende Lebenskraft zugleich die Kraft der Liebe ist. Deshalb heißt Segnen für uns auch immer: Menschen in den Zusammenhang der Liebe mit hineinnehmen.
  6. Weil die Kraft, an der ein Segen teilhaben lässt, also die auf Liebe ausgerichtete Lebenskraft ist, ist die Teilhabe an dieser Kraft immer auch mit dem Auftrag verbunden, ein an dieser Schöpfung orientiertes liebevolles Leben zu führen. Segnung ohne solche Beauftragung ist Missbrauch der Schöpferkraft.
  7. Auch wenn Menschen diesem Auftrag, das Leben und die Schöpfung zu erhalten, nicht gerecht werden – und das sind nach evangelischem Verständnis alle(!) Menschen –, schließen wir sie dennoch ein in die Gemeinschaft des ganzen Lebens. Wir tun das aber nie, ohne ihnen zu sagen, worauf sie die Kraft richten sollen, die sie aus diesem Segen erfahren.
  8. Auch Menschen, die an einem in vielfacher Weise Leben zerstörenden Betrugs-Projekt wie „Stuttgart 21“ mitarbeiten, schließen wir selbstverständlich in diese Gemeinschaft mit ein. Wir tun das aber dann missbräuchlich, wenn wir sie nicht im selben Atemzug auf die Lebensfeindlichkeit ihres Tuns aufmerksam machen und sie ermahnen, ihre Kraft dem Erhalt der Schöpfung und der Gestaltung einer liebevollen Welt zu widmen. Nur dazu darf ihnen die mit dem Segen gemeinte Lebenskraft dienen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass bei der Segnungsfeier den Tunnelarbeitern und allen an diesem verbrecherischen Bauvorhaben Beteiligten deutlich geworden ist, dass sie Gott lästern, wenn sie nicht umkehren von ihrem schändlichen Tun. Das wäre eine im besten Sinne geistliche Wirkung des Segens.

Martin Poguntke, 27.7.18

Herzliche Einladung zur Demo nach Stuttgart: Samstag, 7. Juli, 14 Uhr, vor dem Hauptbahnhof

Wenn Unrecht und Schaden groß sind, darf man nicht dazu schweigen – nur weil man vielleicht nicht mehr die Chance hat, das Unglück zu verhindern.

Es ist geradezu ein staatspolitischer Auftrag:
Wenn große Teile von Politik, Wirtschaft, Justiz und Medien konsequent einen der größten Betrugsfälle der Nachkriegsgeschichte zum Schaden der Bevölkerung in einer konzertierten Aktion „finster entschlossen“ durchziehen wollen, dann muss dagegen protestiert und es müssen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden – selbst wenn eines Tages das Projekt schon fertiggestellt sein sollte.

Dabei gibt es ja eine wunderbare Alternative: UMSTIEG 21 (www.umstieg-21.de). Wenn es „der Politik“ wirklich um die Verkehrssituation in der Region Stuttgart ginge, hätte sie das vor sich hin dümpelnde und Milliarde um Milliarde verschlingende S21 längst gestoppt. Aber ihr geht es vor allem darum, vor Bevölkerung und Wirtschaft nicht einzuknicken. Und deshalb müssen wir den öffentlichen Druck immer und immer wieder aufrecht erhalten.

Deshalb findet am kommenden Samstag wieder eine Demonstration vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof statt – mit interessanten Redner*innen und klasse Musik:

https://www.bei-abriss-aufstand.de/wp-content/uploads/Samstagsdemo_2018-07-07_PlakatA3_v2_450px.jpg

Herzliche Einladung an alle!

Ansprache beim Parkgebet am 14.6.18 zu Jesaia 53,5 und 1. Johannes 4,10 von Pfr. i. R. Gunther Leibbrand

(hier als pdf-Datei)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

Sie wissen, dass ich jedesmal versuche, möglicherweise an das Losungswort aus der hebräischen Bibel und den dazugehörigen Lehrtext aus dem christlichen Neuen Testament anzuknüpfen. Ich nehme also wieder Losung und Lehrtext vom morgigen Freitag, da für den Menschen der Welt, in der diese Texte niedergeschrieben wurden, der neue Tag am Abend des Vortages begann.

Ich lade Sie ein, diese Andacht zu feiern im Wissen um die Notwendigkeit innerer Ruhe, ohne die wir nichts Vernünftiges ausrichten können. Ich spreche damit unsere aufgewühlten Herzen an, aufgewühlt von so vielen künstlich herbeigeführten Fehlentwicklungen. Es könnte ja alles so viel einfacher sein, wenn elementare Regeln, z.B. auch nur das geltende Recht, auch von den Regierenden eingehalten würden.

Natürlich brauchen die Menschen Arbeit!

  • Aber warum nicht zur Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse, sondern zu deren Verschlechterung?
  • Warum werden die Probleme verschwiegen anstatt sie zu benennen und ernst zu nehmen – z.B. hier bei S21 den Brandschutz, die Quellgefahren beim Bauen in Anhydrit; genauso wie z.B. im Straßenverkehr die Schwierigkeiten bei der Abgasreinigung in den Verbrennungsmotoren der Autos? Wohl gemerkt: Nach dem Diesel sind die Benziner dran!
  • Warum lieber tricksen, lügen und betrügen als Herausforderungen zu benennen und notwendige Umorientierungen und Umsteuerungen vorbereiten und angehen?

Unfälle passieren. Wieso aber planerisch nicht sie einrechnen, sodass sie nicht zu Katastrophen werden – und wir von „Staatsverbrechen“ sprechen müssen (Brandschutzexperte Hans-Joachim Keim im „Stern“ vom 7.6.2018 „Katastrophe mit Ansage“, Artikel von Arno Luik https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/stuttgart-21–experten-zum-brandschutz-beim-umstrittenen-grossprojekt-8116488.html)?

Zwei Zitate daraus, (S. 105f.):
„Die modernen ICE-Loks sind rollende Chemiefabriken, wissen das die S21-Macher nicht? Wenn die hochkomplexen Triebköpfe mit ihren Transformatorenölen, Dichtstoffen im Brandfall mit Wasser besprüht werden, entsteht ein unheimlicher Cocktail: unter anderem Senfgas, Phosgen, Blausäure.“

„Die Belüftungsmaschinen, die sie jetzt im Tiefbahnhof einbauen, erzeugen im Brandfall einen Kamineffekt wie der Schmied in der Esse! Sie blasen riesige Mengen Sauerstoff ins Feuer, sodass selbst ein kleiner Brand blitzschnell ein richtiger, ein hochenergetischer Brand wird, das hat dann ganz rasch 1000 Grad. Stellen Sie sich mal vor, da fliehen Tausende… Die Fluchtwege führen nach oben – genau dahin, wo Rauch, Gase am schnellsten hingehen! S21 hat das Potenzial, Europas größtes Krematorium zu werden.“

Anderes Problem:

Wieso den Bahnhofsneubau wie einen Damm quer zum Nesenbach-Talgrund bauen – in der traditionell von Hochwasser bereits am meisten heimgesuchten deutschen Großstadt und das in einer Zeit, in der sich die Tendenz zum zunehmenden Starkregen durch den Klimawandel eindeutig verschärfen wird?

Dr. Christoph Engelhardt kann hierzu auf der 418. Montagsdemonstration am 4.6.18 nur noch sarkastisch bemerken: „Die Stadt [Stuttgart] optimiert am Hauptbahnhof also nicht nur die Wahrscheinlichkeit für einen Schadenseintritt, sondern es wird auch das Schadensvolumen in Milliardenhöhe getrieben.“

Er berichtet von der Prüfung der städtischen Annahmen durch Diplomingenieur Hans Heydemann: Die Leistung der bisherigen Abwasserkanäle nehmen durch die Dükerung unter dem Stuttgart-21-Bahnhofstrog in ihrer Leistung ab. Und fasst zusammen: „Welch ein Wahnwitz, ausgerechnet in Stuttgart – der Stadt mit dem höchsten Risiko und mutmaßlich dem höchst anzunehmenden Schadensvolumen – plant die Stadt den denkbar drastischsten Rückbau der Starkregenvorsorge. Das Tiefbauamt gibt ‚wirtschaftliche Gründe‘ an. Man fragt sich, welche Wirtschaft von diesen Planungen profitieren soll, sind es die Schlamm-Abpumper oder ist es die Bestattungsindustrie? Oder sind es die Autobauer, wenn der öffentliche Verkehr auf Monate stillgelegt wird?“

Und: „Stuttgart 21 bleibt also auch bei der Hochwassergefahr der größte Schildbürgerstreich aller Zeiten!“

(Siehe auch: Dipl. Ing. Hans Heydemann unter Mitwirkung von Dr. Christoph Engelhardt „Überflutungsrisiken durch Stuttgart 21 – Der Tiefbahnhof als „Staumauer“ bei Starkregen“, Juni 2018, Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21
http://www.parkschuetzer.de/assets/termine/2018/Heydemann_zu_S21-Brandschutz_Fluchtreppen.pdf )

Warum machen die demokratisch gewählten Exekutiven in Bund, Land und Stadt so etwas, obwohl sie schon grundgesetzlich zum Schutze von Gesundheit und Leben der in seinem Geltungsbereich lebenden Menschen verpflichtet wären?

Und warum können sie das machen? Eigentlich müssten da die für die Pflege von Recht und Gesetz geschaffenen Organe der Justiz als Dritter Gewalt im Staate davor sein. Warum läuft hier so viel gar nicht so, wie es eigentlich sollte?

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Ansprache beim Parkgebet am 17. Mai 2018 zu Apostelgeschichte 2,1-13 von Pfarrer i.R. Hans-Eberhard Dietrich

hier als pdf-Datei

Das Pfingstwunder (Apostelgeschichte 2, Vers 1–13)
Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander, und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene, in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.
Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

 

1. Der Ausstieg einer aktiven Kämpferin

Liebe Parkgebetsgemeinde,

ihr habt vielleicht gelesen: Helga Stöhr-Strauch, eine Miterfinderin der Montags-Demos und anfangs aktive Streiterin gegen S21 verlässt Stuttgart und zieht weg, auch wegen ihres lungenkranken Mannes. In „einer zu Tode gerittene Stadt“ wolle sie nicht mehr leben.

Ihr tiefster Grund aber ist „die Hilflosigkeit und der Zorn darüber, Energie nicht mehr in Aktion umwandeln zu können“. (Kontext 370)

Nun, wir alle haben wohl auch schon mit den Gedanken gespielt, aus dem Protest auszusteigen, wenn auch nicht wegzugehen, aber sich in die Innerlichkeit zurückzuziehen und vor der Macht des Faktischen zu kapitulieren. Und wenn wir uns so umsehen und die kleine Schar der Protestierer vergleichen mit den früheren Jahren, stellen wir fest: Die meisten haben sich abgefunden und resignieren.

2. Begeisterung die Pfingstgeschichte

Welch einen Kontrast bietet demgegenüber unsere soeben vorgelesene Pfingstgeschichte. Da ist eine bis dahin kleine, verängstigte Schar von Menschen, die sich auch vor der Macht des Faktischen, nämlich die Kreuzigung Jesu, in die Innerlichkeit zurückgezogen haben.

Sie aber werden erfasst: Ein Brausen, ein Sturmwind vom Himmel, Feuerzungen über ihren Köpfen, alle fangen an zu reden von den großen Taten Gottes und die Leute, die sie hören, verstehen sehr gut, was sie da verkündigen. Die einen fragen interessiert, andere aber freilich spotten nur.

Pfingsten, da hatten die Jüngerinnen und Jünger erfahren, wir sind nicht verlassen und allein, wir brauchen uns nicht ängstlich zu verstecken, nein wir können reden von dem, was unsere Herzen erfüllt. Wir spüren den Geist, und erleben
Einsicht und Erkenntnis,
Weisheit und Stärke,
Wahrheit, Rat und Gottesfurcht.

Freilich, wir können über diesen Geist nicht einfach verfügen, er weht wo er will. Um diesen Geist können wir bitten, immer wieder neu.

3. Das wär`s, was wir brauchen: Begeisterung

Die Pfingstgeschichte erinnert uns daran, wie es gehen könnte, das wär`s doch, was wir für unsere Bewegung bräuchten: Begeisterung statt Resignation.

Dürfen wir diese Pfingstgeschichte auf diese Weise für uns in Anspruch nehmen? Pfingsten ist doch die Geburtsgeschichte der Kirche. Diese Begeisterung ist nicht einfach übertragbar, sondern mit der Gründung, mit dem Beginn der Kirche verknüpft.

Gottes Geist begeistert Menschen dafür, die Verkündigung der guten Botschaft in die Welt hineinzutragen. Das allerdings verbindet uns mit ihr. In dieser Tradition stehen wir. Als verfasste Kirche oder Gemeinde vor Ort oder aber so wie wir hier als Parkgebetsgemeinde.

Kirche ist nicht gleichzusetzen einfach mit unserer real vorfindlichen Orts- oder Landeskirche, sondern im ursprünglichen Sinn des Wortes einer Versammlung der Glaubenden. Eine bunt zusammengewürfelte Schar von Menschen. In diesem Sinne sind auch wir hier als Parkgemeinde Kirche, weil hier – wie die Reformatoren später genauer definierten – das Evangelium gepredigt wird. (Die Sakramente spielen freilich bei uns keine Rolle.) Und weiter sagten sie: Wo Gottes Wort ist, da wirkt auch der Heilige Geist.

Wir wollen und brauchen nicht zu sein, eine gesellschaftlich relevante Größe, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Wir bemühen uns nicht wie die Landeskirche um gesellschaftliche Anerkennung, öffentliche Wahrnehmung und Bedeutung.

Aber weil wir das alles nicht sein wollen, brauchen wir auch keine Rücksichten nehmen, müssen wir nicht nach Mehrheiten Ausschau halten oder uns umtreiben lassen von der Angst vor Kirchenaustritten. Wir können ungeschminkt und unzensiert das Evangelium verkündigen und das Beste daran ist: Wir müssen nicht resignieren vor der Macht des Faktischen.

4. Viele haben sich abgefunden mit der Macht des Faktischen

Wie gesagt: Die meisten Menschen in Stuttgart und Umgebung haben sich abgefunden damit, dass gebaut wird. Und wenn wir einmal das Jahr 1995 als den Beginn von S21 mit allem Begleiterscheinungen und Ungeheuerlichkeiten sehen, ist ja in der Zwischenzeit eine ganze Generation herangewachsen, die nichts anderes kennt, als dass eben gebaut wird, sie kann sich diese Stadt gar nicht anders vorstellen und finden es ganz normal, vielleicht sogar in Ordnung.

In der Politik nennt man das die „normative Kraft des Faktischen“. Das ist zwar kein Naturgesetz, es funktioniert aber in vielen Bereichen. Ein ganz banales Beispiel: In den Banken hat mal einer angefangen Krawatte zu tragen. Und alle anderen haben es nachgemacht. Heute tragen die Moderatoren im Fernsehen kaum noch einen Schlips und alle finden das normal.

Am Beispiel der Moral ganz leicht nachvollziehbar. Vor 50 Jahren stand ein Zusammenleben ohne Trauschein noch unter Strafe. Dann aber lebten immer mehr Paare so und langsam bildete sich eine neue Anschauung von Sitte und Anstand heraus.

Als letztes noch ein Negativbeispiel: Diktaturen. Nach Jahren der Unfreiheit und Unterdrückung haben sich die Leute daran gewöhnt und sehen es als normal an.

5. Auf diesen Mechanismus spekulieren die Politiker

Mit dieser normativen Kraft des Faktischen rechnen die Politiker, darauf spekulieren auch die Macher und Betreiber von S21. Man baut einfach und wenn es dann viele Jahre so weitergeht, werden es die Menschen schon akzeptieren. Ganz von allein geht es freilich nicht, man muss noch ein bisschen nachhelfen, am besten mit der Suggestion der Alternativlosigkeit, da ginge es um die Zukunftsfähigkeit des Landes oder Deutschland wird ohne S21 unregierbar, und wie die Sprüche alles heißen mögen. Nicht vergessen dürfen wir, welcher Anpassungsdruck in einer Gesellschaft von der Macht des Faktischen ausgeht. Keiner will ausscheren, alle wollen auf der Seite der Mehrheit und der Sieger stehen.

6. Erst der Protest einer Minderheit stellt die Macht des Faktischen in Frage

Aber wenn wir von Mehrheit sprechen, dann gibt es eben immer auch eine Minderheit, eine gewisse Anzahl von Menschen, die sich eben nicht abfinden, die protestieren, die Kritik üben und auf alle Ungeheuerlichkeiten, Widersprüche und Gefahren hinweisen. Dieser Protest Einzelner stellt die Macht des Faktischen in Frage. Erst diese Kritik macht vielen anderen Menschen bewusst, dass es eben nicht normal, nicht Sitte und Anstand ist, was da gebaut wird. Es macht bewusst, dass es andere Werte gibt, für die es sich lohnt zu kämpfen und sich einzusetzen.

7. Energie in Aktion

Um noch mal unsere Einleitung aufzugreifen: Mancher unter uns kann die Hilflosigkeit nicht mehr aushalten, nichts mehr bewegen zu können. Energie nicht mehr in Aktion umzuwandeln.

Ich frage mich, kann es mehr an Aktion geben als dass wir es fertigbringen, den Protest aufrecht und am Leben zu erhalten? Wir dürfen nicht vergessen, wir sind ja keine Wutbürger, die halt dagegen sind. Vielmehr artikulieren wir einen Protest, der sich aus Sachverstand speist.

Und das ist nicht wenig. Um nur die wichtigsten zu nennen: Der Sachverstand der Ingenieure22 als auch der exzellenten Juristen wie Eisenhardt von Loeper, Dieter Reicherter und viele anderen.

Und die vielen Gutachten, Expertisen von Experten. Die Pressemitteilungen des Aktionsbündnisses, die in der Presse ihren Niederschlag finden, wenn auch nicht immer so wie es sachlich geboten wäre. Und nicht zu vergessen die Fahrten nach Berlin, wenn der Aufsichtsrat tagt. Und auch wir hier im Parkgebet sind ein Teil der vielen Aktionen.

Und dieser geballte Protest wird jeden Montag erneut ausgebreitet und hält in unserem Denken und der Öffentlichkeit gegenüber die Tür offen, dass es auch anders gehen kann.

Wie leicht die Macht des Faktischen sich manchmal wandelt, zeigt folgendes Gedicht, mit dem ich schließen will:

Eine stachelige Raupe sprach zu sich selbst:
Was man ist, das ist man.
Man muss sich annehmen, wie man ist,
mit Haut und Haaren.
Was zählt, ist das Faktische. Alles andere sind Träume.
Meine Lebenserfahrung lässt keinen anderen Schluss zu:
Niemand kann aus seiner Haut.
Als die Raupe das gesagt hatte,
flog neben ihr ein Schmetterling auf.
Es war, als ob Gott gelächelt hätte.

Quelle: Die Macht des Faktischen von Dominik Frey, Baden-Baden, Katholische Kirche. Ein Gedicht des Schriftstellers und Dichters Lindolfo Weingärtner, Die Macht des Faktischen, aus: Einer soll heute dein Nächster sein, Schriftenmissions-Verlag, SWR3 Worte 24MRZ 2015.

Ansprache beim Parkgebet am 19. April 2018 zu 2. Korinther 4,16-18 von Pfarrer Martin Poguntke

hier als pdf-Datei

Liebe Parkgebetsgemeinde!

Eine der Fragen, die mir in letzter Zeit am häufigsten begegnen, ist die Frage: Warum protestiert ihr eigentlich immer noch gegen den Tiefbahnhof, obwohl ihr doch eigentlich keine Hoffnung mehr haben könnt? Warum tut ihr euch das an? Ihr quält euch, macht euch lächerlich, vertut eure Zeit.

Und ich antworte dann – und das werden Sie, liebe Parkgebetler, auch immer wieder sagen –: weil es um viel mehr geht als um einen Bahnhof. Um Demokratie geht es und darum, dass wir zu einem Großbetrug nicht schweigen können. Um das sogenannte „System 21“ geht es: dass es inzwischen weltweit zur Aufgabe der Politik zu gehören scheint, dass sie sinnlose Großprojekte erfindet und zum Schaden der Bevölkerung durchkämpft, um dem Moloch Wirtschaftswachstum Futter geben zu können. Alles das und noch mehr führen wir an, um zu sagen: Es geht bei unserem Protest um viel mehr als um einen Bahnhof.

Aber um wieviel(!) mehr es tatsächlich geht, das ist mir jetzt in den Ostertagen erst deutlicher geworden. Es geht um ein Kernelement unseres christlichen Glaubens, um die Auferstehungsbotschaft. Denn mit unserer Auferstehungshoffnung meinen wir ja nicht diese heilsegoistische Verengung, dass wir selbst – weil uns unser eigenes Leben ja das allerwichtigste ist – nach unserem Tod auf jeden Fall auferstehen müssen. Sondern unsere Auferstehungshoffnung ist ja eine Hoffnung, die wir für die Welt haben, die ganze Menschheit, die ganze Schöpfung.

In dem Predigttext, über den am kommenden Sonntag von den evangelischen Kanzeln gepredigt wird, habe ich etwas gefunden, das uns der Sache ein wenig auf die Spur bringt, der Frage: was das Geheimnis der Welt mit unserem nicht müde werdenden Protest zu tun hat und was unser scheinbar sinnloser Protest mit der Frage nach wirklichem Leben zu tun hat.

Ich lese aus dem 2. Korintherbrief, aus dem 4. Kapitel die letzten drei Verse. Dort schließt Paulus seine Gedanken über das Leiden der dortigen christlichen Gemeinde mit folgenden Worten ab:

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Paulus meint mit dem „Unsichtbaren“, das „ewig“ sei, nicht irgendein – gar esoterisches – Geistreich, das ewig sei. Nein, mit dem „Unsichtbaren“ meint er einfach alles das, was noch nicht sichtbar ist, das, was noch kommt. Also die Neuwerdung der Welt, die unsichtbar am Kommen ist – das ist die „über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit“, wie es in unserem Text heißt, die eine Qualität hat, die er „ewig“ nennt.

Und nun legt Paulus eine erstaunliche These vor. Er behauptet: diese Neuschöpfung komme ausgerechnet aus unseren Niederlagen und Schwächen. Unsere „Trübsal“ – wie es im Text genannt wird – sei kein Zeichen des Niedergangs, sondern im Gegenteil: „Unsere Trübsal … „schafft“ die ewige Herrlichkeit.“ Weiterlesen

Offener Brief an Ministerpräsident Kretschmann

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte auf scharfe Kritik des Theaterregisseurs Claus Peymann am Zustand Stuttgarts hin in seiner Antwort an ihn erneut sein Nichtstun gegenüber S21 mit der Volksabstimmung begründet: Peymann müsse seine Kritik an das Volk wenden, nicht an ihn – er sei demokratisch verpflichtet, S21 zu unterstützen.

Aus diesem Anlass hat die Initiative „TheologInnen gegen S21“ einen Offenen Brief an ihn geschickt, der hiermit zur Kenntnis gegeben sei:

(hier als pdf-Datei)

Offener Brief
Beschädigen Sie nicht weiter die Demokratie!
Entziehen Sie S21 Ihre Unterstützung!

Stuttgart, im März 2018

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,

wir wenden uns an Sie, weil Sie in Ihrer Antwort auf Claus Peymanns Kritik am Zustand Stuttgarts das Nichtstun der Landesregierung und der grünen Partei gegenüber den durch die S21-Bauarbeiten verursachten Zerstörungen einfach damit rechtfertigen, dass Sie aufgrund der Volksabstimmung gezwungen seien, das Projekt zu unterstützen.

Wir wollen dazu nicht schweigen, weil wir uns als Christ/innen mitverantwortlich wissen für Wahrhaftigkeit in der Politik und für ein funktionierendes Staatswesen.

Wir halten Ihre Haltung nicht nur für ein faktenwidriges, nicht hinnehmbares Abwälzen von Verantwortung, sondern wir sind der Auffassung, dass Sie damit der Demokratie in dreierlei Hinsicht schweren Schaden zufügen.

  1. Die Demokratie lebt davon, dass Abstimmungsergebnisse bei neuer Faktenlage grundsätzlich korrigierbar sind. Alles andere würde nicht nur den Abstimmenden geradezu prophetische Fähigkeiten abverlangen, sondern auch die Basis aller demokratischen Abstimmungen ignorieren, dass sie sich nämlich grundsätzlich auf konkrete Situationen und Fakten beziehen und nicht davon unabhängig Ewigkeitswert beanspruchen können.
  2. Die Demokratie lebt vom Streit der Meinungen – gerade der Meinungen von Minderheiten. Die Vorstellung, die Bevölkerung oder eine Partei dürfe nach Abstimmungen nicht mehr in Opposition gegen Mehrheitsmeinungen gehen, sondern müsse sich einer Mehrheitsabstimmung beugen, ist völlig abwegig. Sie stellt das demokratische System auf den Kopf: Es dürfte dann im Parlament nur noch die Mehrheitspartei sitzen, und Bürgerinitiativen und Parteien dürften sich nur noch für Ziele einsetzen, die ohnehin in der Bevölkerung eine Mehrheit haben.

Im Übrigen würde es eine Missachtung des Souveräns – der höchsten Instanz der Demokratie – bedeuten, wenn ausgerechnet dieser freie Souverän, das Volk, von dem alle Gewalt ausgeht, durch Abstimmungen gebunden würde.

Besonders schwer wiegt der Schaden, dass wegen Ihrer Äußerungen eine große Zahl wohlmeinender Bürger es fälschlich für ihre demokratische Pflicht hält, dem Projekt S21 keinen Widerstand mehr entgegen zu bringen.

  1. Die Demokratie lebt davon, dass eine gewählte Regierung für ihr Handeln die politische Verantwortung trägt. Bewusst hat der Gesetzgeber für Volksabstimmungen ein hohes Quorum gesetzt, damit sich Regierungen weder von Minderheiten in ihrem Handeln beeinträchtigen lassen müssen, noch sich hinter solchen Minderheiten verstecken können.

Bei der Volksabstimmung im Jahre 2011 haben aber beide Seiten, die unterlegene und die siegreiche, dieses gesetzliche Quorum nicht erreicht. Damit hat sich durch diese Abstimmung rechtlich nichts geändert. Die Landesregierung bricht deshalb die demokratischen Spielregeln, wenn Sie sich dennoch von dieser Abstimmung abhängig macht und nicht selbst die Verantwortung für ihre Entscheidungen trägt.

Wir fordern deshalb Sie und alle das Projekt S21 unterstützenden Parteien auf, das zu tun, was wir als Bürger/innen von den politischen Akteuren erwarten dürfen: dass sie ihre Entscheidungen selbst verantworten – und zwar ausschließlich auf Basis der gegebenen Fakten. Die wesentlichen Fakten sind aber:

  • Der im Bau befindliche Tiefbahnhof wird deutlich mehr als das Doppelte kosten, gegenüber dem, über den 2011 abgestimmt worden ist.
  • Er wird – im Gegensatz zu dem Bahnhof, über den 2011 abgestimmt worden ist – nicht mehr, sondern weniger Bahnverkehr ermöglichen und deshalb Autoverkehr und CO₂-Ausstoß nicht vermindern, sondern vermehren.
  • Er wird – was den Abstimmenden im Jahr 2011 nicht bekannt sein konnte – voraussichtlich nur eine eingeschränkte Betriebsgenehmigung bekommen, weil er eine sechsmal so hohe Gleisneigung besitzen wird, wie nach Europarecht zulässig ist, und weil der Brandschutz für zu wenig Züge und Fahrgäste ausgelegt ist.

Wir fordern Sie auf, aufgrund der Fakten Ihre Unterstützung für das Projekt schnellstmöglich zu beenden – insbesondere, weil es eine hervorragende Modernisierungsalternative gibt, die billiger, leistungsfähiger und sicherer ist: Umstieg 21 (siehe www.umstieg-21.de).

Kehren Sie um! Beschädigen Sie nicht weiter die Demokratie, die Stadt und den Bahnverkehr!
Einen Fehler zu machen, ist menschlich – ihn nicht zu revidieren, dumm und gefährlich.