Parkgebet am 17.6.2021 mit Pfr. i. R. Friedrich Gehring

(hier die Ansprache als pdf-Datei)
(und hier alle Lieder und Texte dieses Parkgebets)

Ansprache zum Parkgebet am 17.6.21 zu Lk 15, 1-3+7  von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Es kamen allerlei Zöllner und Sünder zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sagten: Dieser nimmt Sünder an und isst mit ihnen. Da sagte er zu ihnen … . Im Himmel wird mehr Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen

Die Schriftgelehrten und Pharisäer sehen es als ihre Aufgabe an, Zöllner und Sünder auszugrenzen. Sie wollen wohl die Sünde brandmarken und auf diese Weise Druck ausüben, damit unsoziales Handeln aufhört. Sie empören sich, dass Jesus den anderen Weg geht. Er versucht die Änderung des schädlichen Verhaltens zu erreichen durch positive Zuwendung. Bei dem Steuereintreiber und Betrüger Zachäus hat Jesus Erfolg (Lk 19,1-10), bei dem so genannten „reichen Jüngling“ nicht, denn dieser geht traurig weg, weil er viele Güter hat, die er nicht an die Armen abgeben will (Mk 10, 17-22). Es fällt mir allerdings auf, dass Jesus mit einer bestimmten Sündergruppe nicht isst: Den Priestern im Tempel, denen er Räuberei vorwirft, macht er öffentlich Randale (Mk 11,15-17). Den Widerspruch kann ich mir nur dadurch erklären, dass die Priester sich als Gerechte ansehen, die einer Umkehr nicht bedürfen. Es fehlt ihnen das Schuldbewusstsein. Auch in der Bevölkerung werden sie wegen ihrer ausbeuterischen Opferforderungen und der Beherrschung des Fleischmarkts nicht als Sünder angesehen. So muss Jesus  zuerst für Schuldeinsicht sorgen, bei ihnen selbst und bei den Ausgebeuteten. Deshalb betont er: Über Selbstgerechte ist im Himmel weniger Freude als über einsichtige umkehrende Sünder. Bei den allgemein verachteten Sünderinnen, den Prostituierten, muss Jesus nicht erst Schuldbewusstsein schaffen. Sie wollen ja selbst gerne umkehren aus diesem belastenden Broterwerb. Anders bei den Männern, die diese Frauen sexuell ausbeuten, ihnen muss er vorhalten: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein (Joh 8,7).  Erst daraufhin lassen sie ihre Steine fallen und kehren um, indem sie weggehen.

Wenn wir im Umgang mit Sünde Jesus nachfolgen, geht es nicht nur darum, wie bei Zachäus nett zu sein zu den Sündern, sondern auch die Sünde zu brandmarken, wo Schuldeinsicht noch fehlt. Wir müssen die Gratwanderung der kritischen Solidarität mit den Sündern versuchen. Das bedeutet, sie nicht einfach bloß auszugrenzen wir die Pharisäer, sondern uns ihnen zuzuwenden, sie als Menschen zu akzeptieren, aber zugleich nicht zu verschweigen, was wir an ihrem Verhalten kritisieren müssen. Diese Gratwanderung kann am besten gelingen, wenn wir den Rat Jesu zur Selbstkritik beherzigen: „Ziehe zuerst den Balken aus dem eigenen Auge, dann magst du zusehen, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst“ (Mt 7, 5). Wenn wir uns unseren eigenen Verfehlungen stellen und bewusst werden, dass wir der Vergebung und der Umkehr bedürfen, dann werden wir gnädiger im Umgang mit Verfehlungen anderer. Auch werden wir überzeugender in unserer Kritik, wenn wir selbstkritisch vorangehen.

Konkret heißt das etwa: Der brasilianische Präsident Bolsonaro wird bei uns vielfach kritisiert, weil er den Tropenwaldholzfällern  freie Hand lässt. Das mit uns ausgehandelte Handelsabkommen Mercosur verschärft aber die Abholzung. Mit mehr Holzverkauf kann Brasilien bei uns mehr einkaufen. Und mit unserem massiven CO2-Ausstoß tragen wir mindestens so sehr zum Klimawandel bei wie die Abholzung des Regenwalds. Wenn wir unsere eigenen Klimasünden einsehen, darf dieses Abkommen nicht in Kraft treten, auch wenn unser Export und damit unser Wohlstand nicht mehr weiter wächst oder zurückgeht. Vielmehr müssen wir von unseren Klimasünden umkehren. Wenn wir bei uns im Kleinen anfangen, unseren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, dann bekommt auch unsere Kritik größere Kraft. Dass die Union und die FDP jetzt den Grünen die Benzinpreiserhöhung in die Schuhe schieben, die von der großen Koalition durch die CO2-Preiserhöhung beschlossen wurde, können wir dann als paradoxen Wahlkampf  brandmarken, und dass die beiden jetzt den armen Mann an der Tankstelle entdecken, als Heuchelei entlarven. Wir können daran erinnern, dass die im Billiglohnsektor arm Gemachten sich ein Auto oft gar nicht leisten leisten können. Wir können Berechtigungsscheine für Treibstoff als sozial gerechte Lösung vorschlagen. Arme ohne Auto könnten diese Scheine versteigern an diejenigen, die sich Spritfresser leisten. Die Älteren unter uns werden sich noch an die Lebensmittelmarken im Mangel nach dem Krieg erinnern. Warum nicht jetzt Benzinmarken als Zahlungsmittel für die Armen, dass Obdachlose an Tankstellen ihre Benzinmarken zu Bargeld machen ohne betteln zu müssen? Das wäre echter sozialer Ausgleich im Sinne Jesu. Denn er fordert uns auf, uns Freunde zu machen mit dem ungerechten Mammon (Lk 16,9). Damit wäre Bundestagswahlkampf zu machen.

Wenn wir zuerst vor der eigenen Tür kehren, wird unsere Kritik glaubwürdiger und überzeugender  denen gegenüber, die sich noch keiner Schuld bewusst sind, wie etwa den Befürwortern von Stuttgart 21. Wir werden nicht wie Jesus im Tempel randalieren, aber dennoch beharrlich dem fehlenden Schuldbewusstsein aufhelfen. Ich war am vergangenen Wochenende bei einem Treffen meiner Abitursklasse in Nellingen, wenige Kilometer vom fertigen Bahnhof Merklingen entfernt.  Immer wieder wurde ich von einzelnen gefragt, was ich von Stuttgart 21 halte. Alle Fragenden meinten resignativ, der Unsinn werde ja nun fertig gebaut. Niemand erinnerte sich an das Kernkraftwerk Kalkar, das für Milliarden erbaut nie in Betrieb ging, weil Beherrschbarkeit des schnellen Brüters im öffentlichen Bewusstsein zu fragwürdig geworden war. Als ich daran erinnerte und von der jüngst eingereichten Klage wegen des fehlenden Rettungskonzepts berichtete, setzte Nachdenklichkeit ein, vor allem auch deswegen, weil ich auf die Umnutzungsideen verweisen konnte. Im Sprichwort heißt es: Steter Tropfen höhlt den Stein. Und Jesus macht uns Mut, auf die menschliche Einsicht zu hoffen. Umkehr ist möglich. Amen.

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