Ansprache beim Parkgebet am 21.11.2019 von Pfarrer i.R. Martin Poguntke

(hier als pdf-Datei)

Parkgebet am 21.11.2019, Jeremia 32,27

Liebe Parkgebetsgemeinde,

die Zerstörungen durch S21 werden immer größer, die Skandale dahinter werden immer empörender, der Baufortschritt geht immer weiter voran. Und wir demonstrieren und warnen, wir argumentieren und gehen vor Gericht – aber es wendet sich nichts zum Besseren. Wer soll das aushalten? Ein Wunder, wie viele überhaupt von uns immer noch nicht aufgegeben haben, sondern Woche für Woche dabeibleiben!

Dabeibleiben – vielleicht auch trotz des heimlich nagenden Glaubens-Zweifels. Des Zweifels, wieso Gott nicht dreinschlägt und endlich dem ganzen S21-Treiben den Garaus macht. Wieso lässt Gott das alles – und das viele andere weltweite Elend – zu?

Manche von Ihnen nicken wahrscheinlich innerlich und sagen: Ja, ja, die Theodizeefrage, sie lässt einen einfach nicht los. Theos, griechisch: Gott; dikee, griechisch: Gerechtigkeit. Wie können wir von einem gerechten Gott reden, wenn er doch so viel Ungerechtigkeit zulässt?

Viele Antwortversuche auf die Theodizeefrage versuchen Gott zu rechtfertigen mit Vermutungen wie: dass Gott die Menschen vielleicht strafen wolle oder auf die Probe stellen oder zum Nachdenken bringen usw. Aber diese Versuche mögen noch irgendwie angehen, wenn es um eher kleine Ungerechtigkeiten oder Unglücke geht. Wir alle aber wissen von Kriegen, Terroranschlägen, Pogromen, ja, von Auschwitz. Und spätestens da spüren wir: Gott müsste ein unglaublicher Zyniker sein, wenn er mit Auschwitz irgendetwas Positives bezweckt haben sollte. Nein, Auschwitz ist eine Katastrophe, die Gott hätte verhindern müssen, wenn er es gekonnt hätte. Und dann die Frage: Kann das sein, dass Gott Auschwitz nicht verhindern konnte?

Aber dann heißt es in der Losung von heute – in Jeremia 32, Vers 27 – „Siehe, ich, der HERR, bin der Gott allen Fleisches, sollte mir etwas unmöglich sein?“ Ja, wenn Gott nichts unmöglich ist – warum hat er dann Auschwitz nicht verhindert? Eine quälende Frage!

Ich habe lange gebraucht, bis ich es gewagt hatte, einfach mal diesen Gedanken zu denken: Vielleicht ist ja Gott wirklich nicht alles möglich? Vielleicht hat er ja wirklich Grenzen?

Und da ist mir eingefallen: Tatsächlich: Wenn Gott die Liebe ist, dann hat er auch Grenzen, denn ein Gott, der liebt, kann nicht hassen und nicht sinnlos zerstören. Wenn Gott die Liebe ist, dann ist er auch ein Gott, der sich selbst Grenzen setzt, Grenzen der Liebe.

Und dann ist mir die Sintflut-Geschichte eingefallen: Sie beginnt mit einem Gott, der alles kann, der auch alles Leben vernichten kann. Und sie endet mit demselben Gott, der aber verspricht, dass nie wieder Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht usw. vergehen werden, solange die Welt besteht. Was macht dieser Gott anderes als seine despotische Allmacht zu begrenzen? Der Verfasser dieser Geschichte lässt den – zu Anfang despotischen – Gott versprechen, sich an Regeln zu binden, zunächst an die Naturgesetze, aber wohl auch grundsätzlich. Die Noah-Geschichte erscheint mir als eine Geschichte über die Entdeckung, dass Gott sich Grenzen setzt und deshalb einer ist, dem eben doch manches unmöglich ist.

Aber was ist dann mit der Allmacht Gottes? Wir bekennen doch im Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott, den Allmächtigen“. – Was machen wir mit diesem Widerspruch?

Ich glaube, das muss kein Widerspruch sein, wenn wir es so sehen: Gott ist(!) „alle Macht“, es gibt keine Macht außer ihm, aber er hat(!) nicht zu allem die Macht. Gott ist die allesumfassende Kraft, Energie, Ursache – aber diese Ur-Sache hat Grenzen, ist verlässlich, hält Regeln ein, ist kein Tyrann, dem nichts unmöglich wäre.

Ehrlich gesagt: Mir ist deutlich wohler unter einem solchen Gott, als unter einem, der zu allem fähig ist. Ein Schulfreund sagte einmal zu mir: Wenn es das gäbe, an was du glaubst, dann wäre mir himmelangst. Und er hatte recht. Denn ich glaubte damals an einen Gott, der frei, nach Belieben in die Welt eingreifen kann. Ja, da wäre auch mir himmelangst.

Jetzt ist es aber so, dass uns in der ganzen Bibel ein Bild von Gott begegnet, der auf der Seite der Schwachen steht. Und deshalb auch der Glaube: Wo ein Schwacher leidet, da leidet Gott, da leidet der Mittelpunkt der Welt, da leidet der ganze Kosmos. Jesus hat das nicht so ausgedrückt, aber er hat es so gelebt, radikal gelebt. Dafür hat er sich sogar hinrichten lassen, für seine Überzeugung, dass Gott radikal auf der Seite der Leidenden ist.

Gott leidet mit, mit allem Leidenden, so dass man sagen kann: Wo ein Kind missbraucht wird, wird Gott mit-missbraucht. Wo Bomben einen Menschen zerfetzen, da wird Gott mit-zerfetzt. Als Jesus hingerichtet wurde, wurde Gott mit-hingerichtet.

Gott ist nicht Zuschauer oder gar Täter des Elends auf der Welt, sondern – Opfer. Dieser Gott, der sich selbst begrenzt, sodass er keineswegs alles Unheil verhindern kann, dieser Gott erleidet es selbst, dieses Unheil. Gott war nicht der Täter von Auschwitz oder der, der es zuließ, sondern das Opfer.

Und dieser Gott sehnt sich deshalb mit aller leidenden Kreatur – nicht nur den Menschen, auch den Tieren und Pflanzen – nach einer geheilten Welt, in der endlich Frieden in Gerechtigkeit herrscht.

Und mehr noch: Dieser beschränkte Gott, leidet und sehnt sich nicht nur mit, sondern er wird seit Jahrtausenden auch immer als Kraftquelle erlebt. Er ist uns Menschen offenbar nicht nur als Mit-leidender nahe, sondern auch als Mit-tragender. Da kann fast jeder ein Lied davon singen, wie oft er schon in schlimmen Situationen Kraft bekommen hat. Auch der Dichter des Psalms 4, den wir vorhin gebetet haben, scheint diese Erfahrung gemacht zu haben, wenn er schreibt: „der du mich tröstest in Angst“ oder: „Du erfreust mein Herz“ oder: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden“.

Aber – und das ist der zentrale Glaube Jesu – für diesen mit-leidenden und mit-tragenden Gott, der zwar, weil er die Liebe ist, begrenzt ist – aber für diesen Gott gilt, was die heutige Losung sagt: „Siehe, ich, der HERR, bin der Gott allen Fleisches, sollte mir etwas unmöglich sein?“. Denn dieser Gott ist dennoch die große Macht, die einzige Macht, die Macht, die der Welt eine Richtung gibt auf Frieden und Gerechtigkeit hin. Gott ersehnt nicht nur den Schalom, sondern er schafft ihn. Er ist die Kraft, die in der Welt auf so ungewöhnlich sanfte Weise wirkt und eines Tages diese Welt radikal heil machen wird.

Fassen wir’s zusammen: Gott scheint nicht die Macht zu sein, die frei eingreifen kann in die Welt, um alles Böse zu verhindern. Sondern Gott ist wohl – so versuche ich es zu glauben – die Macht, die mit-leidet mit aller leidenden Kreatur; er ist die Macht, die Kraft gibt, das Leiden zu ertragen und zu bekämpfen; und er ist die Macht, die diese Welt verändert und eines Tages zum Schalom führen wird.

Vielleicht können wir es so aushalten, dass Gott nicht dreinschlägt in diese S21-Sauerei, weil sein Weg kein tyrannischer ist, sondern einer der Liebe.

Ein Weg der Liebe, der viele unter uns auch schon immer wieder verändert hat, uns davor bewahrt hat, dass unser Zorn uns menschenverachtend gemacht hat.

Und ein Weg der Liebe, der das Wunder vollbringt, dass wir immer noch nicht zerbrochen sind an der Wucht des S21-Projekts, sondern tapfer standhalten können.

Es ist ein Weg, auf dem wir – und jetzt nehme ich schon das Lied vorweg, das wir nachher singen – ein Weg, auf dem wir immer wieder die wunderbaren Spuren eines Gottes festgestellt haben, der eben nicht dreinschlägt, sondern den sanften Weg der Liebe mit uns geht, der aber durchaus auch – wie es im Lied heißt – „die Herren überflutet“.

Die S21-Herren gehen den Weg des Geldes und der Zerstörung. Achten wir darauf, dass wir den Weg der Schöpfung und des Friedens gehen – aber durchaus bisweilen auch mit der Radikalität des Mannes, der auch mal den Tempel räumte.

Amen.

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