Ansprache beim Parkgebet am 8. Februar 2018 zu Amos 5, 21–24 von Pfarrer Martin Poguntke

(hier als pdf-Datei)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

in der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 2012 – nächsten Donnerstag ist es 6 Jahre her – haben sie unseren Park endgültig zerstört. Sie haben die herrlichen, teils 200-jährigen Bäume geschreddert, eine Mondlandschaft hinterlassen. Eine böse, unsinnige Aktion, denn erst viel, viel später wurde begonnen mit dem Bau des schlechtesten Bahnhofs Deutschlands. Und die Bauarbeiten gehen zurzeit immer langsamer voran, weil die technischen, rechtlichen und finanziellen Probleme immer größer werden.

Wir haben das alles schon damals geahnt. Und gut drei Wochen später haben wir am Rande dieser Baustellen-Wüste einen Trauer-Gottesdienst gefeiert (https://s21-christen-sagen-nein.org/2012/03/10/trauergottesdienst-am-10-marz-2012-im-schlossgarten/), einen Gottesdienst, der mich noch heute ergreift, wenn ich an unsere damalige Seelenverfassung denke. – Was diesem Gottesdienst damals seine Kraft und Bedeutung gegeben hat, darum soll es heute gehen.

Ich möchte Ihnen dazu ein wenig vom Propheten Amos erzählen.

Amos war – wie alle biblischen Propheten – kein Hellseher, sondern ein Mensch mit „Durchblick“. Ein Mensch, der – weil er einen tiefen Glauben hatte – dem Alltag mehr ansah als die andern. Und so sah er mit seinem buchstäblichen „Durchblick“, wie moralisch verkommen das Israel seiner Zeit geworden war und wie falsch deshalb auch die Gottesdienste waren. Und deshalb wandte er sich mit großer Wortgewalt und schonungsloser Direktheit an seine Zeitgenossen und rief ihnen zu – ich zitiere aus Amos 5, Vers 21 bis 24, dem Predigttext vom vergangenen Sonntag:

So spricht Gott: „Ich hasse eure Feiertage und verurteile sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Die Gottesdienstbesucher waren schockiert. Sie fanden diese Vorwürfe nicht nur empörend, sondern auch völlig unverständlich. Denn ihre Lieder waren ausgesprochen schön – keineswegs „Geplärr“. Und die Harfenmusik, mit der sie begleitet wurden, war kunstvoll und auf hohem Niveau. Auch die Dank- und Speiseopfer, die sie in ihren Gottesdiensten darbrachten, waren keineswegs kritisierenswert.

Und in der Tat, die Kritik, die Amos an diesen Gottesdiensten übte, war auch keine an der Liturgie. Sondern es war eine Kritik an der inneren Haltung ihrer Besucher. Weil die Gottesdienste nämlich eines nicht leisteten: Sie veränderten die Menschen nicht; sie veränderten die Menschen nicht dahin, dass sie ihren Alltag gerechter gestalteten. „Es ströme aber aus den Gottesdiensten das Recht wie Wasser und aus den Andachten die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Das ist der Sinn von Gottesdiensten: dass die Menschen durch sie verändert werden, dass sie dadurch im Alltag gerechter werden. Gottesdienste dienen nicht nur der persönlichen Erbauung, der geistlichen Erholung – das auch. Aber vor allem sollen sie Menschen zum Engagement für Gerechtigkeit führen.

Und das war im damaligen Israel das Problem: Man ging aus den Gottesdiensten heraus, wie man hineingegangen war. Da geschah keine Veränderung.

Unser Glaube ist aber: dass Gott die Kraft ist, die auf Gerechtigkeit in dieser Welt hinwirkt, dass Gott selbst die Gerechtigkeit für die Armen ist. Wenn diese Gerechtigkeit im Gottesdienst nicht vorkommt – dann kommt Gott nicht vor.

Gottesdienst muss nicht nur stärken für den Alltag, sondern er muss den Menschen auch Richtung geben, sie empfindsam machen für die Gerechtigkeitsfragen ihres je eigenen Alltags und sie parteiisch machen für diejenigen, um die es bei biblischer Gerechtigkeit immer geht: parteiisch für Gottes Lieblinge: die Armen und Schwachen.

Der Gottesdienst braucht den Alltag als Ziel, sonst hängt er in der Luft. Und der Alltag braucht den Gottesdienst als Unterbrechung, sonst gehen wir darin unter.

Diesen Zusammenhang haben die Brüder von Taizé wunderbar auf den Punkt gebracht mit der Losung: „Kampf und Kontemplation“. Niemals nur kämpfen, ohne zur Ruhe zu kommen, zum Nachsinnen, zur Kontemplation! Und niemals nur zur Ruhe kommen, ohne den Kampf, für den man Kräfte und Ideen dabei sammelt!

Vielleicht geht es Ihnen auch so, dass Ihnen unsere Sonntagsgottesdienste oft so leer und ja, langweilig, vorkommen. Und vielleicht haben Sie sich auch schon dabei ertappt, dass Sie sehnsüchtig auf die Gospel-Gottesdienste der Schwarzen in Amerika geschaut haben. Da ist was los im Gottesdienst, da ist Leben, da sind die Leute dabei. Müssten wir nicht solche Elemente auch in unsere Gottesdienste aufnehmen, damit sie wieder lebendig werden, ja, dass überhaupt wieder Leute Lust haben zu kommen?

Und dann gehen Leute auf den Pragsattel zu den Gospel-Gottesdiensten der sogenannten „Biblischen Glaubens-Gemeinde“ BGG. Da ist Leben; da wird es keinem langweilig; da wird auch das Gefühl der Menschen angesprochen und nicht nur der Kopf.

Aber Vorsicht: Die Schwarzen in den USA, die solch lebendige Gospel-Gottesdienste feiern, die tun das, weil ihr unterdrückter Alltag, der tägliche amerikanische Rassismus, in ihren Gottesdiensten ganz automatisch gegenwärtig ist. Nicht die Gospel-Gesänge machen den Gottesdienst dort lebendig, sondern die Not der Schwarzen. Jedenfalls dort, wo nicht auch die schwarzen Gemeinden inzwischen zu reaktionären Versammlungen evangelikaler Heils-Egoisten geworden sind.

Würden wir unsere Gottesdienste einfach so mit Gospel-Gesängen und ähnlichen lebendigen Elementen auffrischen, so würden wir das Pferd am Schwanz aufzäumen: Wir würden die Form ändern, statt den Inhalt. Wenn wir aber den Inhalt ändern, verändert sich die Form ganz von selbst, oder sie wird sogar unwichtig – weil einen ja die Sache bewegt, nämlich die Gerechtigkeitsfragen des Alltags. Nicht mehr Emotionalität brauchen wir in den Gottesdiensten, sondern mehr Inhalt, mehr Blick auf die Schwächsten, mehr Blick auf den Machtmissbrauch der Starken und eine Auslegung der Bibeltexte auf diesen Alltag hin und seine Gerechtigkeitsfragen.

Liebe Parkgebets-Gemeinde, das macht, glaube ich, die Qualität unserer Parkgebete aus: nicht in erster Linie, dass hier besonders gute Ansprachen gehalten würden oder hochkarätige Musik gespielt würde – sondern hier sind Leute beieinander, die im Kampf stehen, im Kampf für Gerechtigkeit. Unsere Parkgebete stehen deshalb gar nicht in der Gefahr, einfach bloß der religiösen „Wellness“ zu dienen, sondern wir müssen hier Kraft tanken für einen Alltag, in dem wir uns engagieren. Wir brauchen diese kleinen 14-täglichen „Tankstellen“ für unser Engagement im Alltag.

Gottesdienst aber ohne Sehnsucht nach Gerechtigkeit wird zur religiösen Selbstbestätigung und Selbstberuhigung, wird zur Droge, zum billigen „Opium des Volks“, der Kleinen Leute, die sich echtes Opium nicht leisten können.

So wie ohne unsern ernsthaften Gottesdienst unser Alltag seine Kraft- und Orientierungsquelle verliert, auf dem Weg zur Gerechtigkeit, so verliert ohne unsern mitleidenden Alltag unser Gottesdienst seinen Mittelpunkt: nämlich den von Gott geliebten leidenden Menschen.

Das war es, glaube ich, was unserem Trauergottesdienst damals, vor sechs Jahren, seine Kraft und innere Bedeutsamkeit gegeben hatte: Wir befanden uns alle im Kampf um Gerechtigkeit für Mensch und Natur. Und unsere Trauer um den Verlust des Parks war nicht einfach Sentimentalität von Wohlstandsbürgern, sondern tiefe Erschütterung über das Treiben der Mächtigen. Selten war wohl die Frage der Gerechtigkeit in einem Gottesdienst gegenwärtiger.

So geht Gottesdienst. Nicht dass er professionell inszeniert ist, sondern weil die Menschen erschüttert sind und sich erschüttern lassen von einem ungerechten, bösen Alltag.

Lassen Sie uns diesen Alltag immer wieder in unsere Parkgebete hineintragen! Und lassen Sie uns die Kraft und Richtung, die wir in den Parkgebeten erfahren, immer wieder in unseren Alltag hinaustragen, hinaus in unser Engagement für den geschlagenen Menschen und die geschlagene Natur! So tragen wir Gott in die Welt. So strömt aus unseren Parkgebeten „das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.

Amen.

Eine Antwort zu “Ansprache beim Parkgebet am 8. Februar 2018 zu Amos 5, 21–24 von Pfarrer Martin Poguntke

  1. christabosler@hotmail.com

    ja, das sind wichtige worte,denke aber uns nicht nur stärken sondern auch danach dann handeln,sich einmischen,nicht still bleiben. wer hat in der Eu jetzt zugelassen daß die nächsten bäume gefällt werden.es sind verbrecher,frevler…. wieso kann dort über unseren park entschieden werden,die leben da nicht, ev. mit angestachelt von öttinger?,der hier gehen mußte u. dort nun weiter unheil anrichten. der, wie einige ein christlich im parteinamen hat ,es ausnützt um gutgläubige zu belügen eben null danach handelt. grüße christa

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