Digitales Parkgebet am 20.5.2021 von Pfr.i.R. Martin Poguntke

Pfingsten und der Turmbau zu Babel

Ansprache über 1. Mose 11, 1–9

(hier als pdf-Datei)
(und hier alle Lieder und Texte dieses Parkgebets)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

Am Sonntag ist Pfingsten, und der Psalm 118, der in württembergischen Gottesdiensten an Pfingsten gebetet wird, jubelt ausgelassen: „Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“ Währenddessen schlägt der Predigttext für dieses Pfingsten ganz andere Töne an. Es ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel, in der die Überheblichkeit der Menschen für die Erbauer des Turms ein böses Ende nimmt. Uns als S21-Gegner*innen liegt diese Geschichte natürlich sehr nahe, haben wir hier doch ein Musterbeispiel für solche Überheblichkeit vor Augen. Nur ist noch nicht klar, ob das Ende des Projekts für die Schuldigen, die Erbauer, böse sein wird oder für die ganze normale Bevölkerung, deren Bahnverkehr wegen S21 auf ein Minimum zusammengestrichen werden würde.

Um diese Turmbau-Geschichte richtig zu verstehen, muss man wissen: Sie ist genauso wenig wie etwa die Noah-Geschichte oder die Geschichte vom Sündenfall eine historische. Sondern all diese Geschichten am Anfang der Bibel sind ja mehr oder weniger frei erfundene Erzählungen, mit denen die Autoren theologische Aussagen über den Menschen und sein Verhältnis zu Gott plastisch machen wollten.

So hatten schon die Theolog*innen im 9. Jahrhundert vor Christus eine verwirrende Beobachtung gemacht, die irgendwie theologisch verarbeitet werden musste: Fast drei Jahrtausende vor dem, was wir heute Ökologie nennen, stellten sie immer und immer wieder fest: Der Mensch gehört irgendwie nicht richtig dazu. Er ist einerseits ein Lebewesen wie alle andern, aber andererseits hat er eine Freiheit und Macht gegenüber der übrigen natürlichen Umwelt wie kein anderes Lebewesen. Er kann fast ohne Einschränkung zerstören und bewahren, behindern und schützen – fast wie Gott. Und so heißt es dann auch in Psalm 8 über den Menschen: Gott hat ihn „wenig niedriger gemacht als Gott“.

Das macht den Menschen zu einem sehr zwiespältigen Wesen: Einerseits ist keiner besser dafür ausgestattet, die Schöpfung zu bewahren. Andererseits hat keiner so viel Macht, eben diese Schöpfung zu zerstören. Tiere haben die Macht zu beidem nicht.

In der Geschichte vom Sündenfall wird das bildhaft so beschrieben: Die Menschen haben vom Baum in der Mitte des Gartens, vom „Baum der Weisheit“ gegessen. Die Schlange hatte ihnen Lust darauf gemacht mit den Worten: „An dem Tage, da ihr von ihm esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“

Im Kern drückt diese Geschichte aus, wie man sich damals vorstellte, warum sich der Mensch aus der Tierwelt erheben und zu diesen ihn so sehr von den Tieren unterscheidenden Eigenschaften kommen konnte – weil er vom Baum der Erkenntnis aß. Wir heute wissen, dass der Mensch in einem Prozess der Evolution aus dem Tierreich entstanden ist. Für uns heute drückt die Sündenfall-Geschichte deshalb genau diesen Übergang aus: wie aus dem Wesen ohne Erkenntnis ein Wesen mit Erkenntnis wurde, also der denkende Mensch, der homo sapiens.

Der Mensch ist zwar noch Teil der Natur, aber zugleich ist er aus ihr herausgefallen, weil er sich bewusst auch gegen sie stellen kann. In diesem Graben zwischen dem Menschen und der übrigen Natur sehen Theolog*innen den Graben zwischen dem Menschen und dem Ganzen, also die Trennung zwischen dem Menschen und Gott, der ja als „das Ganze“ verstanden werden kann.

Der Mensch ist damit unwiderruflich abge-sond-ert, abge-sünd-ert vom Ganzen, von Gott. Und dieses Abge-sond-ert-Sein ist gemeint mit dem so moralisch belasteten Begriff „Sünde“. Hier liegt übrigens der Grund, warum Tiere nicht getauft zu werden brauchen: weil sie nie aus der Schöpfungsordnung gefallen sind, sondern unwissender Teil des gigantischen ökologischen Mobiles sind und bleiben – gar nicht anders können.

War es nun gut oder schlecht, dass aus dem zum Tierreich gehörenden Vor-Menschen der denken-könnende Jetzt-Mensch wurde? Die Philosophen streiten sich darüber. Die Auffassung ist verbreitet, dass der Mensch ein großes Unglück für die Welt ist, weil er sie letztlich zerstören kann und wenig darauf hinweist, dass er es nicht tun wird.

Der jüdisch-christliche Glaube ist dagegen ein Projekt, das die Überzeugung vertritt, dass die große Macht des Menschen, mit der er die Welt zerstören kann, auch die entscheidende Macht sein kann, mit der er die Welt in einen Ort verwandeln kann, an dem es auch der Natur besser geht als zuvor. Paulus spricht vom „ängstlichen Harren der Kreatur auf die Offenbarung der Kinder Gottes“.

Allerdings – und das ist die große Einschränkung, die die jüdischen und christlichen Theolog*innen machen – allerdings kann der Mensch diese positive Wirkung auf die Welt nur haben, wenn er sich in seinem Tun am Ganzen der Welt orientiert und nicht an den Interessen Einzelner, wenn er sich damit faktisch zu einem Werkzeug des Ganzen machen lässt.

Eine der beiden biblischen Erzählungen von der Erschaffung des Menschen drückt das mit der bildhaften Vorstellung aus, dass Gott den Menschen „zu seinem Bilde“ erschaffen hat. Gemeint ist: Du, Mensch, sollst dich hier auf der Welt als Abbild Gottes – des Ganzen – verhalten. Das ist deine Würde, aber auch deine Aufgabe. Du. Mensch, hast einen Auftrag in der Welt: nämlich sie immer im innerlichen Rückfragen nach dem Ganzen zu behandeln, immer zu fragen: Tut das, was ich mache, der Welt als Ganzer gut oder nicht?

Ständige Rückbindung des Menschen an den Schöpfer nennt man das theologisch – nur mit dieser Rückbindung kann der Mensch das sein, wovon die jüdisch-christliche Theologie überzeugt ist: dass der Mensch der Welt ein Segen sein kann. Nur wenn der Mensch in seinem Tun ans Ganze denkt und nicht nur an sich und seine Interessen, nur dann ist die Kraft, die er vom Ursprung der Welt bekommen hat, ein Segen für die Welt.

In der Turmbaugeschichte ist aber genau das nicht der Fall: Hier entscheiden sich die Menschen, einen Turm zu bauen, nicht im Blick auf das Wohl der ganzen Welt, sondern im bloßen Kreisen um ihre eigenen Interessen: Sie wollen sich „einen Namen machen“, wollen nicht „in alle Länder zerstreut“ werden.

Und die Autoren der Geschichte lassen Gott mit der Benennung genau dieser Gefahr antworten, die von der Macht des Menschen ausgehen kann: „Nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.“ Etwas flapsig ausgedrückt: Das haben wir jetzt von der Weisheit des Menschen: dass er zu allem fähig ist.

Natürlich ist die Turmbau-Erzählung keine realistische Erzählung. Wenn die Autoren Gott als letztes Mittel gegen die Selbstherrlichkeit des Menschen die Sprachen verwirren lassen, erweist sich die Geschichte im Grunde als ein vorwissenschaftlicher Versuch, die Vielfalt der menschlichen Sprachen zu erklären. Aber darum geht es ja nicht wirklich, sondern um die theologische Aussage: Des Menschen Weisheit ist auch eine gigantische Gefahr für die Welt.

Warum wird eigentlich über diese Geschichte ausgerechnet an Pfingsten gepredigt? – Weil es in der Pfingstgeschichte passiert, dass Menschen aus aller Herren Länder, mit völlig unterschiedlichen Sprachen das Predigen der Apostel auf dem Marktplatz verstehen. Pfingsten wird hier als eine Art Neuanfang, als ein Ausweg aus der Turmbauerzählung verstanden: Ja, die vielen Sprachen trennen uns Menschen, aber diese Trennung kann überwunden werden; es ist Verständigung über die Sprachgrenzen – und heute würde man ergänzen: und kulturellen Grenzen – hinweg möglich.

Und wodurch wird das möglich? Die Antwort ist: wieder so ein theologisches Wort: durch den Heiligen Geist. Die ersten Christ*innen haben diesen Geist als den Geist von Jesus verstanden. Sie spürten diese Kraft, die da unter ihnen wirkte, und konnten sie nur deuten als die vertraute Kraft aus der Zeit, als ihr Freund Jesus noch mit ihnen zusammen durch die Dörfer gezogen war.

Die christlichen Theolog*innen haben aber inzwischen erkannt, dass wir den Heiligen Geist nicht einfach den Juden wegnehmen und als den Geist Jesu vereinnahmen können – es muss schon unser gemeinsamer Geist sein. Deshalb sehen wir heute: Die Kraft, die die Jünger*innen dazu gebracht hatte, sich über Grenzen hinweg zu verständigen, das war der Geist Gottes. Also der Geist, der die ganze Schöpfung durchdringt.

Und jetzt schließt sich der Kreis: Dieser Geist ist der Geist, der sich am Welt-Ganzen orientiert. Wo Menschen ihr Fühlen, Denken und Handeln am Ganzen ausrichten, da geschieht Verständigung, da kommen die gefährlichen und wunderbaren Fähigkeiten des Menschen zu ihrem für die Welt guten Sinn und Ziel: zur Heilung der menschlichen Beziehungen und der ganzen Schöpfung.

Um noch einmal auf Stuttgart 21 zu sprechen zu kommen: Unser Vorwurf an die Erfinder und Betreiber dieses Großprojektes ist nicht, dass sie die Grenzen der technischen Möglichkeiten ausloten, sondern dass sie das im Interesse einer begrenzten Clique machen: ihrer Wachstums- und Geld-gläubigen Wirtschaftsklientel. Hätten sie auch nur das Ganze der Stadt Stuttgart oder des Bahnverkehrs oder des Landes Baden-Württemberg im Sinn gehabt – sie hätten es nicht beschlossen und würden es nicht durchsetzen.

Im Geist Gottes handeln, im Sinne des pfingstlichen Heiligen Geistes zu handeln, hätte aber noch viel mehr geheißen: Sie hätten fragen müssen: Was richtet das Projekt mit der Schöpfung an, mit dem Klima, dem kleinen in Stuttgart und dem im Umkippen befindlichen Weltklima?

So hätten sie sich als „Abbild Gottes“ verhalten, hätten der Schöpfung gedient, hätten Verständigung ermöglicht zwischen den verwirrten Sprachen der verschiedenen Interessengruppen. Nein, nicht sie hätten das ermöglicht, sondern die Geist-Kraft, die in der Welt wirkt, die wir an Pfingsten feiern und die uns die Hoffnung nicht verlieren lässt, dass „alles anders wird“, wie es im Lied heißt, das wir – ohne Pandemie – jetzt im Park singen würden: „Ich glaube fest, dass alles anders wird.“ Amen.

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