Ansprache beim Parkgebet am 11.10.18 über Psalm 41 von Pf. Martn Poguntke

(hier als pdf-Datei)

Liebe Parkgebetsgemeinde,

Der Hambacher Forst darf bis auf Weiteres nicht gerodet werden. Die verbotene Demonstration gegen die Rodung letzten Samstag durfte doch stattfinden. Das sind wunderbare Nachrichten. – Solche würden wir allzu gerne auch einmal im Zusammenhang mit Stuttgart 21 hören. Aber die Mächte, die hinter S21 stehen, scheinen zu verfilzt zu sein, die Politik scheint sich zu sehr mit S21 identifiziert zu haben, sodass kein Gericht es mehr zu wagen scheint, diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten.

Und dennoch stehen wir hier. Und dennoch demonstrieren wir seit 8 Jahren oder noch länger. Und dennoch haben wir nicht vor aufzugeben. Macht das wirklich Sinn?

Der Psalm, den wir eben gebetet haben – Psalm 41 – scheint damit nichts zu tun zu haben. Er ist ja das Gebet eines Kranken.

Aber vielleicht haben Sie schon entdeckt, dass es z.B. bei den Heilungsgeschichten Jesu um viel mehr geht als um körperliche Gebrechen. Jedenfalls weiß ich, dass viele, viele Frauen schon die Heilung der gekrümmten Frau an sich selbst erlebt haben: das Glücksgefühl, endlich aufrecht durchs Leben gehen zu können. Und ich weiß, dass schon viele Menschen nach der Lektüre einer Blindenheilungsgeschichte gesagt haben: Auch mir hat Jesus die Augen geöffnet – für die schönen Dinge des Lebens, für die Not der andern, für Situationen, in denen ich gebraucht werde.

Und so ist es mir nun mit dem Psalm 41 gegangen: Ich habe darin nicht nur die Schwachheit eines körperlich Kranken gelesen. Sondern ich habe darin auch unsere Lage als Widerständler gegen Stuttgart 21 gesehen.

Den ganzen Psalm könnte man auch so lesen: „Wohl dem, der sich der schwachen Schöpfung und der kleinen Pendler und Steuerzahler annimmt. Gott wird ihn nicht preisgeben der Gier seiner Feinde. Seine Feinde fragen: Wann wird er endlich sterben, dieser Widerstand, und vergessen sein? Und der schwache Widerständler stellt fest: Auch meine grünen Freunde, denen ich vertraute, überheben sich jetzt über mich. Du, Gott, aber hältst mich fest und du wirst mir Gelegenheit geben, diese Sache mit meinen Gegnern in Ordnung zubringen – keine Rache, aber ein Sieg der Wahrheit.“

Und auf einmal ist dieses Krankengebet ein Psalm über die Schwachen, die sich selbst auf die Seite der Schwachen stellen. Und damit steht der Psalm mitten im Zentrum dessen, worum es der Bibel und dem Gott, der darin geglaubt wird, geht: die Schwachen.

In der ganzen Bibel wird durchgängig Partei genommen für die Schwachen. Und es werden die Mächtigen kritisiert, wenn sie ihre Macht nicht zum Schutz der Schwachen nutzen. Dieser Grundsatz ist der Ur-Kern der biblischen Erzählungen, wie er schon in den ältesten Erzählungen aus der Nomaden-Zeit Israels zu finden ist.

Nun ist es nicht weiter verwunderlich, wenn schon in der biblischen Urzeit arme Wanderhirten Partei ergriffen für andere arme Wanderhirten. Sie erlebten ja täglich, welche Not es mit sich brachte, wenn einzelne Clan-Chefs nicht mehr zufrieden waren mit dem, was sie täglich vorfanden, sondern mit anderen Sippen Streit um Weiderechte anfingen, Herrschaft ausüben wollten. Die Rechnung zahlten schon damals immer die Kleinen Leute.

Aber diese Ur-Nomaden des Alten Testaments machten auch noch eine andere Erfahrung: Sie spürten tagtäglich, wie angewiesen sie auf Weiden und Wetter waren. Und sie spürten, dass diese ihre Welt von Regeln oder Kräften bestimmt war, die sie weder verstehen noch beeinflussen konnten. – Warum ist alles, wie es ist? Warum ist überhaupt etwas? – Sie spürten: Die Welt birgt ein Geheimnis, das weit über ihr Verstehen hinausging.

Aber sie machten die Erfahrung, dass dieses Geheimnis ein gutes Geheimnis sein musste: denn es ernährte sie, es brachte Jahr für Jahr Sonne und Regen, ließ fruchtbares Gras wachsen und bescherte ihnen erfrischende Oasen. Es musste ein gutes Geheimnis sein, das Geheimnis der Welt. Aber es war auch ein Geheimnis, mit dem man nicht spaßen konnte: Wenn sie mutwillig mit der Natur umgingen, bekamen sie schnell die Folgen zu spüren. Es war nur dann genug für alle da, wenn sich alle auch rücksichtsvoll verhielten.

Und so kamen sie schon vor 3000 Jahren nach und nach zu der Überzeugung, dass das Geheimnis der Welt nicht nur ein Geheimnis war, sondern dass man ein klein wenig von diesem Geheimnis erkennen konnte: Wenn man wachen Auges und wachen Herzens mit dieser Welt und ihren Geschöpfen lebte, dann konnte man aus diesen Erfahrungen gewisse Regelmäßigkeiten gewinnen. Man konnte ganz vorsichtig und mit allen Einschränkungen Aussagen über das Geheimnis der Welt machen, Aussagen über Gott.

So entstanden z.B. die Gebote: Es ist im Sinne des Geheimnisses der Welt, wenn wir uns an diese Regeln halten. Und so entstand der Grundsatz: Bei allem Handeln müssen die Schwachen im Zentrum stehen, ihr Schutz, ihr Recht, ihre Lebensmöglichkeiten. Alle weiteren biblischen Geschichten und Schriften waren im Grunde immer neue Variationen dieses Prinzips.

Das weitere theologische Überlegen kam dann auf den Gedanken: Wenn der Schutz des Schwachen, die Parteinahme für die Ohnmächtigen wirklich eine zentrale Regel Gottes war – war das dann möglicherweise nicht nur eine Regel für das Handeln von uns Menschen, sondern war damit vielleicht auch das Handeln Gottes beschrieben? Wenn es der Welt guttat, dass wir Menschen mit unserem Handeln Partei für die Schwachen ergreifen, musste es dann nicht auch so sein, dass Gott selbst gemäß dieser Regel handelte?

Und tatsächlich: Man konnte die Geschichte Israels so deuten: Auch wenn Gott wohl auch durch einzelne Könige und bewundernswerte Helden wirkte – der eigentliche Weg, wie Gott von Anbeginn an diese gute Schöpfung zu einem guten Ziel bringt, der eigentliche Weg ist: dass Gott durch die Schwachen wirkt. Ohnmächtige Propheten haben Königen ins Wort geredet. Ein kleiner David hat den großen Goliath besiegt. Das Gottvertrauen der hebräischen Sklaven hat den ägyptischen Pharao in die Knie gezwungen.

Durch diese Erfahrung, dass Gott viel eher durch die Kleinen Leute wirkt als durch die Mächtigen, durch diese Erfahrung hat Israel auch seine Erwartung verändert, was der Messias, der erhoffte Erlöser, für einer sein würde: kein mächtiger König auf dem Schlachtross, der alles Übel mit dem Schwert vertilgt, sondern ein einfacher Prediger und Knecht Gottes, der auf einem Esel daherkommt, mit nichts in der Hand als seinem unerschütterlichen Vertrauen auf die heilende und liebende Kraft Gottes. Und diese Kraft verändert bis heute – unscheinbar wie die Hefe im Teig – diese Welt in Gottes Sinn.

Und dieses Wirken Gottes durch die Machtlosen scheint eine so tiefe Wahrheit zu sein, dass es auch gar nichts ausmacht, wenn die Handelnden – verzeihen Sie, ich will Ihnen nicht zu nahe treten – kleine oder große Versager sind, wie Sie und ich. Denn die Macht der Ohnmächtigen ist offenbar das Geheimnis dieser Welt, gewissermaßen ein Wesensmerkmal der Welt, eine Eigenschaft Gottes – eine so tiefe Wahrheit, dass sie in dem Lied vorhin ein „Versprechen“ Gottes genannt wird.

Nicht wegen unserer besonderen Fähigkeiten oder weil wir womöglich moralisch besonders starke Menschen wären, wirkt Gott durch uns. Sondern, wie es in dem Psalm heißt: „Mich in meiner Schlichtheit hältst du fest.“ Manche übersetzen: „Wegen meiner Unschuld“ – gemeint ist aber nicht, dass wir keine Schuld auf uns geladen hätten, sondern dass wir in ehrlicher, unschuldig-schlichter Weise bei der Sache sind.

Wenn ich an unsere ohnmächtigen Erfahrungen mit der gewaltsamen Macht am „Schwarzen Donnerstag“ denke und an all die Ohnmachtserfahrungen, die dem folgten bis heute. Dann denke ich vor dem Hintergrund der biblischen Erkenntnis, dass Gott durch die Ohnmächtigen wirkt: Sie können vielleicht wirklich das Kellerbahnhöfle zu Ende bauen, und sie können vielleicht doch noch den Hambi roden. Aber sie können nicht verhindern, dass hier in Stuttgart und anderswo eine ohnmächtige Gegenmacht entstanden ist, die Teil geworden ist einer weltweiten Bewegung, die nicht von der brüchigen Macht des Geldes gespeist wird, sondern von der Kraft, die hinter dieser Schöpfung steckt und zum Leben drängt, zum wirklichen Leben.

Die Erfahrung dieser Kraft und das Vertrauen in diese Kraft, in diese Macht der Ohnmacht, diesen „Stern, auf den ich schaue“, wie wir gleich singen werden, diesen „Stab, an dem ich geh“ – das wünsche ich weiterhin Ihnen und mir.

Amen.

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