Ansprpache beim Parkgebet am 11. Juli 2019 zu Jesaia 2, Vers 4

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Liebe Parkgebetsgemeinde,

die heutige Tageslosung ist mir eine besondere Freude. Es ist der Jesaia-Vers, der seit Jahrzehnten die Friedensbewegung begleitet: „Der HERR wird zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.“ (Jesaja 2,4)

Das hat es doch wieder mal schön getroffen. Denn nach biblischem Verständnis ist auch unser Kampf gegen S21 wirkliche Friedensarbeit, weil wir auch mit unserem Widerstand hier an dem großen Ziel des Schalom mitarbeiten. Gemeint ist ja in der Bibel mit Schalom nicht nur das Schweigen der Waffen, sondern ein umfassender Friede, auch ein Friede mit der Schöpfung.

Wenn Jesaia die Vision eines großen Friedens hat, bei dem keine Schwerter und Spieße mehr gebraucht werden, sondern sie zu friedlichen Hilfsmitteln wie Pflugscharen und Sicheln umgeschmiedet werden, dann hat er ja eine Veränderung der ganzen Welt-Gesellschaft im Blick: eine Weltgesellschaft, in der auch z.B. Wohnungen nicht mehr gebaut werden, um damit Geld zu verdienen, sondern einfach, um so viel Wohnraum herzustellen wie benötigt wird. Handel wird nicht mehr in der Absicht betrieben, den Konkurrenten zu besiegen, sondern in der Absicht, die Menschen mit den Handelsgütern zu versorgen, die sie brauchen. Und Worte werden nicht mehr wie Schwerter genutzt, um andere zu übertrumpfen oder ihnen wehzutun, sondern als heilsames Mittel der Wahrheitsfindung und der gegenseitigen Hilfe.

Beim Beispiel Worte als Waffen könnten wir ja wirklich viele, viele Beispiele aus dem Kreis der S21-Propagandisten nennen, für die Worte offenbar immer nur eines sind: Waffen zur Durchsetzung des Projekts. Mir ist da kürzlich der Staatssekretär im Bundes-Verkehrsministerium Steffen Bilger aufgefallen. Als der SWR seine Rechercheergebnisse öffentlich gemacht hatte, dass S21 nicht für den Deutschlandtakt geeignet ist, da stellte er sich vors Mikrofon und behauptete einfach: „Das ist alles genau durchgerechnet und von der Bahn überprüft; das wird funktionieren.“ Bei so viel Dreistigkeit bleibt einem die Spucke weg.

Der Prophet Jesaia ist da aber auch nicht naiv und hofft nicht einfach, dass selbst einer wie dieser opportunistische CDU-Politiker es schon noch lernen wird, sondern er sagt: „Der HERR wird viele Völker zurechtweisen“ – so übersetzt Luther – besser übersetzt wäre: „Gott wird Recht sprechen über die Völker und zwischen ihnen“. Und wenn Gott Recht spricht, dann ist kein Streit und Krieg mehr nötig, weil Recht und Wahrheit für jeden erkennbar sind.

Das ist ja eine unserer Hoffnungen, dass auch bei Stuttgart 21 die Wahrheit siegen wird. Aber unsere Erfahrung ist natürlich, dass längst nicht in allen Unrechts-Situationen der Geschichte letztlich die Wahrheit und das Recht gesiegt haben. Und so bezieht sich auch Jesaias Hoffnung nicht auf jeden Einzelfall, sondern auf das gute Ausgehen der Welt als ganzer. Wenn diese ganze unheilvolle Weltgeschichte am Ziel ist – das ist seine Hoffnung –, dann wird keiner mehr einen Grund sehen für Streit und Krieg, sondern Wahrheit und Recht werden offenbar sein.

Das Nachdenken darüber, wie die Welt zu ihrem Friedens-Ziel kommt, nennt man in der Theologie „Eschatologie“ – geschrieben mit SCH, aber S und CH getrennt ausgesprochen: Es-chatologie. Wörtlich übertragen bedeutet Eschato-logie: „Logelei“ (also das Systematisieren) über das „Eschaton“, das Letzte. Und bei diesem Systematisieren der Frage, wie sich biblische Autoren die letzten Dinge – das Ziel der Welt – vorstellen, stößt man auf ganz verschiedene Auffassungen, auf eine ganze Reihe von „Eschatologien“.

Die uns naheliegendste, die „futurische“ Eschatologie denkt das Ziel der Welt am Ende eines langen Zeitstrahls: Eines fernen Tages wird der Schalom kommen und die Welt neu werden.

Aber wenn Jesus z.B. sagt: „das Reich Gottes ist mitten unter euch“, dann vertritt er da eine sogenannte „präsentische“ Eschatologie, eine Eschatologie im Präsens, in der Gegenwart. Und er meint damit: Dieser Schalom wird nicht nur in einer fernen Zukunft wirklich werden, sondern auch jetzt schon, in der Gegenwart.

Zum Beispiel der Augenblick, wenn die Leute, die sich um Jesus geschart haben, um seine Geschichten zu hören, wenn diese Leute gespürt haben, dass sich ihnen einer liebevoll zuwendet. Gar nicht unbedingt, was Jesus da erzählt hat, sondern einfach nur, wie er es getan hat – da war für seine ZuhörerInnen für einen Augenblick oder mehr der Schalom spürbar, die neue Welt, in der die Kleinen Leute angenommen sind.

Diese präsentische Eschatologie, also die Vorstellung, dass der Friede auch in unserer unfriedlichen Gegenwart schon je und dann aufscheinen und wirklich werden kann – diese Vorstellung ist es im Grunde, weshalb ich mich auch jetzt, in unserer Gegenwart, schon bemühe, der Wahrheit, dem Frieden, der Gerechtigkeit, dem Recht zur Geltung zu verhelfen.

Solche Augenblicke des Schalom sind im wahrsten Sinne „entwaffnend“. Wir rüsten dann unsere verbalen Schwerter ab und machen sie als hilfreiche Worte dem Leben dienstbar. Dabei ist der Kampf um die Wahrheit mehr als der Kampf ums Rechthaben. Beim Kampf um die Wahrheit geht es auch darum, die Gegner mitzunehmen auf diesen Weg.

Was für eine Aufgabe! Die S21-Befürworter mitzunehmen auf den Weg der Wahrheit über dieses Skandalprojekt. So wichtig mir das scheint und so sehr mich dieses Ziel berührt, will ich doch auch nicht meine tiefen Zweifel verbergen: Ich weiß einfach nicht, wie wir einen wie Steffen Bilger – und er steht für unzählige andere Opportunisten und Lobbyisten – ich weiß nicht, wie wir ihn mit auf den Weg der Wahrheit nehmen könnten. Er hat einen so klaren Weg hinter sich: Schüler-Union, Junge Union, Vorsitzender der Jungen Union, CDU-Abgeordneter, Staatssekretär. Er hat sich sichtlich in der Partei-Hierarchie hochgebuckelt, sich – so erscheint es mir jedenfalls – sich eigene Überzeugungen abgewöhnt, stattdessen gelernt, das für seine Überzeugungen zu halten, womit er bei den Partei-Oberen punkten kann.

Und so ist es sein CDU-Bezirksverband – dessen Vorsitzender er ist – von dem der Vorstoß ausging, der Deutschen Umwelthilfe die Gemeinnützigkeit abzusprechen, sein Verband ist es, der den Autolobbyisten Matthias Wissmann als Ehrenmitglied führt. Ich weiß einfach nicht, wie wir einen solchen verirrten Menschen mit auf den Weg der Wahrheit nehmen könnten.

Aber vielleicht überfordern wir uns auch mit solchen Zielen. Vielleicht ist es einfach nur notwendig, dass wir bei unserem Kampf gegen das Verbrechen Stuttgart 21 unser menschliches Angesicht nicht verlieren und nicht werden wie unsere Gegner. Auch an der Art und Weise, wie wir kämpfen, soll man sehen, wofür wir kämpfen: für einen Schalom, in dem der Mensch und die ganze belebte Natur im Mittelpunkt stehen, in dem nicht ein abstrakter Mensch im Mittelpunkt steht, sondern der schwache und ohnmächtige Mensch und der Mensch, der sich auf die Seite der Schwachen und Ohnmächtigen stellt.

Wenn wir auch bei unserm Kampf gegen Stuttgart 21 Schwerter zu Pflugscharen machen, muss das nicht heißen, dass wir nur noch Flötentöne verbreiten, sondern es darf auch durchaus eine gewisse Radikalität dazugehören. Jesus hat auch die Tische der Geldwechsler umgeworfen und hat die pseudofrommen Geschäftemacher mit der Peitsche vertrieben. Und Jesus hat auch die Leute nicht vor harten Worten verschont, weder seine Gegner noch seine Jünger. Aber immer war erkennbar, dass auch sein Zorn einer aus Liebe war, aus Liebe zu den Menschen, aus Liebe zu dieser Welt und ihrer guten Zukunft.

Wenn Steffen Bilger das spüren könnte, dass wir ihn nicht als Mensch verachten, sondern dass wir die widerwärtige Rolle verachten, die er in der Politik einnimmt – dann ist schon sehr, sehr viel geschafft, vielleicht mehr, als wir wirklich schaffen können.

Denn nicht nur Steffen Bilger muss befreit werden von dem Ungeist, dem er sich sein Leben lang ausgeliefert hat. Sondern auch wir müssen befreit werden von dem Ungeist, den wir in uns tragen, als Folge von so vielen Verletzungen unseres Lebens. Auch wir sind nicht, wie wir sein sollten. Auch wir brauchen es, dass Gott über und zwischen uns Recht spricht. Damit wir eines Tages es wirklich schaffen: auch unsere oft so harmlos erscheinenden und hübsch verzierten Schwerter zu lebensdienlichen Pflugscharen zu machen.

Dazu segne uns Gott. Amen.

Martin Poguntke

2 Antworten zu “Ansprpache beim Parkgebet am 11. Juli 2019 zu Jesaia 2, Vers 4

  1. friedrichgehring

    Lieber Martin,
    vielen Dank für Deine sehr konkrete und auch selbstkritische Ansprache zu der großartigen Vision von Jesaja. Beim Lesen kam mir die Frage, ob es nicht möglich ist, einen Trickfilm zu machen, der den Deutschlandtakt im Kopfbahnhof vorführt und zeigt, was in der schrägen Haltestelle stattdessen an Wartezeiten anfällt. Das könnte dann nicht nur Steffen Bilger vorgeführt werden.

  2. Danke, lieber Friedrich, für die nette Rückmeldung.
    Den ersten Teil deiner Idee gibt es schon: einen tollen Trickfilm über den Integralen Taktfahrplan im Stuttgarter Kopfbahnhof:

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