Ansprache beim Parkgebet am 21.2.2019 von Pfarrer Martin Poguntke

(hier als pdf-Datei)

„Schöpfungsglaube und Marktwirtschaft“

Liebe Parkgebetsgemeinde,

Ich will heute einmal mit Ihnen darüber nachdenken, was der Glaube an einen Schöpfer denn mit der herrschenden Marktwirtschaft zu tun hat. Nicht von der ethisch-moralischen Seite her, will ich fragen, also nicht von der Frage her, welche Werte dabei betroffen sind. Sondern von der Frage her: Welche grundsätzlichen Aussagen wollten eigentlich die Verfasser der alttestamentlichen Schöpfungserzählungen machen?

Wir stellen dann nämlich etwas Überraschendes fest: Obwohl es damals noch gar keinen Kapitalismus gab und keine Vorstellung von Markwirtschaft, hat das sehr viel zu tun mit eben dieser Marktwirtschaft.

Der Grund, warum sie damals eine Erzählung erstellten, in der ein Schöpfer die Schöpfung erschafft, war ja kein naturwissenschaftlicher. Sie wollten ja nicht beschreiben, auf welche Weise, die Welt erschaffen wurde. Erst recht nicht wollten sie eine bestimmte Vorstellung, wie die Welt erschaffen wurde, zum Glaubensgegenstand erheben, etwa die Vorstellung, die Welt sei in sieben Tagen erschaffen worden.

Nein, vom Wie der Schöpfung, was auf welche Weise entstanden ist – davon wussten sie ja damals noch ungleich weniger als wir, im Grunde gar nichts. Die Erzählung von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen war reine Phantasie. Aber diese Phantasie hat man aufgewandt, um zwei ganz wichtige Dinge damit zum Ausdruck zu bringen: nämlich erstens, dass es einen unaufhebbaren Unterschied gibt zwischen Schöpfer und Schöpfung, und zweitens, dass der Mensch in dieser Schöpfung eine höchst wichtige Rolle hat.

Vielleicht fragen Sie sich nun: Was hat die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Schöpfung mit der Marktwirtschaft zu tun?

Nun, zunächst geht es darum, Schöpfer und Schöpfung radikal zu unterscheiden: Gott ist der Schöpfer – alles Geschaffene ist die Schöpfung. Es besteht ein ganz grundsätzlicher, kategorialer Unterschied zwischen der Schöpfung selbst und ihrem Ursprung. Angebetet, vergöttert werden darf – und darum ging es den Verfassern der Schöpfungserzählungen – nur der Ursprung der Schöpfung, der Schöpfer, nie das Ergebnis der Schöpfung, die Schöpfung selbst oder ein Teil von ihr. Nur der Ursprung der Schöpfung, der Schöpfer, das Geheimnis der Welt ist unantastbar und absolut. Alles Innerweltliche ist relativ.

Und damit ist der Schöpfungsglaube im Kern Ideologiekritik, denn er sagt: Nichts innerhalb der Schöpfung kann für sich unumstößliche Geltung beanspruchen: Nicht die Natur, nicht die Familie, nicht der Staat, nicht die Wirtschaft, keine Ideologie, nichts Innerweltliches darf zu unbedingter Bedeutung erhoben werden, der sich alles Leben unterzuordnen hat.

Und jetzt kommt der Zusammenhang mit der Marktwirtschaft. Denn aus genau diesem Grund erheben Christen auch die Marktwirtschaft nicht zur unhinterfragbaren Grundlage aller Politik. Sie ist kein Gesetz des Schöpfers, wie die Naturgesetze, sondern einfach eine menschliche Idee, die infrage gestellt werden darf und muss, wie alles Menschliche. Wenn wir die Marktwirtschaft nicht ständig hinterfragen würden, sondern als etwas behandeln würden, nach dem sich selbstverständlich alles andere richten muss – dann hieße das: die Marktwirtschaft zu vergöttern. Der „Markt“, die Marktwirtschaft, die Marktgesetze sind aber Erscheinungen innerhalb der Schöpfung und können deshalb keine unumstößliche Geltung für sich beanspruchen.

Die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpfen macht immun gegen innerweltliche Ideologien. Auch das ist gemeint mit dem 1. Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Der zweite Kerngedanke der Schöpfungserzählungen war – ich sagte es schon –: dass der Mensch in dieser Schöpfung eine höchst wichtige Rolle hat. Wir kennen alle die Formulierung in der Schöpfungserzählung: „…füllet die Erde und machet sie euch untertan.“

Wir können die alten Theologen nicht mehr fragen, was sie auf den Gedanken gebracht hat, dass der Mensch in der Schöpfung eine besondere Rolle spielt. Es ist aber anzunehmen, dass es die uralte Erfahrung war, dass wir diese Welt nicht sich selbst überlassen dürfen. Die uralte Erfahrung: Wir Menschen müssen in die Welt ordnend eingreifen, wenn sie zu einem Ort werden soll, in dem nicht nur biologisches Leben möglich ist, sondern Liebe, Friede, Gerechtigkeit. Denn dieser Schalom, dieser große Friede in Liebe und Gerechtigkeit – das war ja schon sehr früh eine theologische Grundkonstante – Schalom war und ist ja das Ziel der Schöpfung.

Und offenbar hatten schon vor zweieinhalbtausend Jahren – lange bevor James Darwin die Gesetzmäßigkeiten der Evolution entdeckte – die Menschen entdeckt, dass sie diese Welt nicht ihrer Eigengesetzlichkeit überlassen dürfen.

Und genau das ist ein weiterer Zusammenhang mit der Marktwirtschaft: Denn die Vertreter der Marktwirtschaft fordern ja, dass man die Wirtschaft oder sogar das ganze gesellschaftliche Leben dem freien Spiel der Kräfte überlässt. Die Marktwirtschaft wird als quasi naturgesetzliches System behandelt, dem alles andere unterworfen wird. Wer den Regeln der Marktwirtschaft widerspricht oder sie eingrenzen will, dem wird ja vorgeworfen, sich gewissermaßen gegen die Grundlagen der Welt zu stellen.

Wenn wir uns aber der Marktwirtschaft unterwerfen, dann versäumen wir es, unsern zentralen Schöpfungsauftrag zu erfüllen, nämlich einzugreifen in das Getriebe der Welt. Wir versäumen es, die Schöpfung ihrer Eigengesetzlichkeit zu entreißen. Wir versäumen es, die Welt selbst zu gestalten, in ihr Schalom zu ermöglichen. Wenn wir uns und die Welt den Marktgesetzen unterwerfen, verfehlen wir unseren „Schöpfungsauftrag“. Nur durch unser Eingreifen in die Welt – natürlich immer in Rückbindung an den Schöpfer – nur durch unser Handeln in der Welt kann der Schalom entstehen.

Wozu die Marktgesetze führen, das können wir beim Projekt S21 schön beobachten: Ob das Projekt mehr Bahnverkehr ermöglicht, ob es die Lebensqualität wirklich erhöht, ob es volkswirtschaftlich sinnvoll ist, ob es ökologisch vertretbar ist – alles das spielt keine Rolle, wenn der Markt Investitionen fordert. Der Markt ist vom Geld bestimmt, je größer, je mehr. Er ist blind für Größen wie Lebensqualität, Gemeinschaft, Liebe. Er kennt nur den Zwang zum sinnfreien Wachstum.

Wenn wir als Christen sagen: „Ich glaube an Gott den Schöpfer“, dann sagen wir aber: Mein Vertrauen setze ich nicht auf Dinge der Welt, sondern auf ihren Ursprung. Und deshalb will ich in die Welt eingreifen, sie gestalten, sie nicht irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten überlassen.

Ich will nicht, dass eine Ideologie oder ein ökonomischer Mechanismus oder eine angebliche quasi-naturgesetzliche Gesetzmäßigkeit über den Gang der Welt bestimmen. Sondern es sollen die Menschen bestimmen – und die sollen sich am Schöpfer orientieren, also am Ganzen und nicht an Teilen des Ganzen.

„Ich glaube an Gott den Schöpfer“ heißt: Ich vertraue darauf, dass die Orientierung am Ganzen, am Schöpfer – und das Eingreifen der Menschen in diesem Sinne – der Welt guttun, ihr Gerechtigkeit und Frieden und Liebe bringen.

In diesem Sinne ist unser Engagement gegen das Investitionsprojekt S21 auch ein Bekenntnisakt. Wir bekennen dabei – ohne Worte, durch protestierendes Handeln – unseren Glauben an den Schöpfer. Deshalb ist unser Protest – selbst, wenn er vielleicht nicht zum Ziel führt – auch als bloßes Bekenntnis ein ganz wesentlicher Beitrag für die Zukunft unserer Region, ja, ich würde sagen, der ganzen Welt.

Deshalb wünsche ich Ihnen und mir: dass dieser Glaube an den Schöpfer uns weiterhin Kraft geben möge zum tätigen Bekenntnis. Amen.

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