Ansprache beim Parkgebet am 19. April 2018 zu 2. Korinther 4,16-18 von Pfarrer Martin Poguntke

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Liebe Parkgebetsgemeinde!

Eine der Fragen, die mir in letzter Zeit am häufigsten begegnen, ist die Frage: Warum protestiert ihr eigentlich immer noch gegen den Tiefbahnhof, obwohl ihr doch eigentlich keine Hoffnung mehr haben könnt? Warum tut ihr euch das an? Ihr quält euch, macht euch lächerlich, vertut eure Zeit.

Und ich antworte dann – und das werden Sie, liebe Parkgebetler, auch immer wieder sagen –: weil es um viel mehr geht als um einen Bahnhof. Um Demokratie geht es und darum, dass wir zu einem Großbetrug nicht schweigen können. Um das sogenannte „System 21“ geht es: dass es inzwischen weltweit zur Aufgabe der Politik zu gehören scheint, dass sie sinnlose Großprojekte erfindet und zum Schaden der Bevölkerung durchkämpft, um dem Moloch Wirtschaftswachstum Futter geben zu können. Alles das und noch mehr führen wir an, um zu sagen: Es geht bei unserem Protest um viel mehr als um einen Bahnhof.

Aber um wieviel(!) mehr es tatsächlich geht, das ist mir jetzt in den Ostertagen erst deutlicher geworden. Es geht um ein Kernelement unseres christlichen Glaubens, um die Auferstehungsbotschaft. Denn mit unserer Auferstehungshoffnung meinen wir ja nicht diese heilsegoistische Verengung, dass wir selbst – weil uns unser eigenes Leben ja das allerwichtigste ist – nach unserem Tod auf jeden Fall auferstehen müssen. Sondern unsere Auferstehungshoffnung ist ja eine Hoffnung, die wir für die Welt haben, die ganze Menschheit, die ganze Schöpfung.

In dem Predigttext, über den am kommenden Sonntag von den evangelischen Kanzeln gepredigt wird, habe ich etwas gefunden, das uns der Sache ein wenig auf die Spur bringt, der Frage: was das Geheimnis der Welt mit unserem nicht müde werdenden Protest zu tun hat und was unser scheinbar sinnloser Protest mit der Frage nach wirklichem Leben zu tun hat.

Ich lese aus dem 2. Korintherbrief, aus dem 4. Kapitel die letzten drei Verse. Dort schließt Paulus seine Gedanken über das Leiden der dortigen christlichen Gemeinde mit folgenden Worten ab:

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Paulus meint mit dem „Unsichtbaren“, das „ewig“ sei, nicht irgendein – gar esoterisches – Geistreich, das ewig sei. Nein, mit dem „Unsichtbaren“ meint er einfach alles das, was noch nicht sichtbar ist, das, was noch kommt. Also die Neuwerdung der Welt, die unsichtbar am Kommen ist – das ist die „über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit“, wie es in unserem Text heißt, die eine Qualität hat, die er „ewig“ nennt.

Und nun legt Paulus eine erstaunliche These vor. Er behauptet: diese Neuschöpfung komme ausgerechnet aus unseren Niederlagen und Schwächen. Unsere „Trübsal“ – wie es im Text genannt wird – sei kein Zeichen des Niedergangs, sondern im Gegenteil: „Unsere Trübsal … „schafft“ die ewige Herrlichkeit.“

Irgendwie scheint Paulus es so zu sehen: Das Elend auf der Welt, unsere Niederlagen, unser Scheitern – alles das sieht äußerlich nach Zusammenbruch und Ende aus. Es ist aber in Wahrheit die Quelle von einem Leben, das alles bisher Dagewesene übersteigt.

Irgendwie scheint Paulus die Korinther auffordern zu wollen: Seht doch einmal hinter das Elend, nicht nur auf die Oberfläche! Seht einmal hinter euer Scheitern, nicht nur die vordergründige Niederlage! Seht einmal hinter die Welt, nicht nur die platten Fakten! Fallt doch nicht auf die Oberfläche von alledem herein, auf die Schaumschläger auf der Welt, auf das Theater, das die scheinbaren Sieger veranstalten! Sondern seht doch einmal genau hin! Bemüht euch einmal, mehr zu sehen, als was vor Augen ist!

Ja, ihr nennt das vielleicht unrealistische Träumerei, weil eure verfallenden Seelen vergiftet sind von einer oberflächlichen Welt, die nur das schnelle Glück kennt, den kurzfristigen Erfolg, das mühelos verdiente Geld! Aber lasst euch doch einmal die Augen öffnen für das Geheimnis hinter dem, was der Welt als alles erscheint! Und ihr werdet sehen, mit offenen Augen sehen, was für eine grandiose Herrlichkeit sich da anbahnt. Dagegen ist unsere Trübsal leicht und bloß zeitlich. Aber sie schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.

Wie kommt Paulus zu einer solchen geradezu auf den Kopf gestellten Sicht der Welt?

Das hat für ihn mit Ostern zu tun: Osterglaube – das war für Paulus und für die ersten Christen kein biologisches Wunder, dass etwa Jesus wiederbelebt worden sei, dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen wäre. Sondern für Paulus und für die ersten Christen war die Auferstehung Jesu eine ganz grundsätzliche Erfahrung mit dem Geheimnis der Welt, den „guten Mächten“, von denen wir uns „wunderbar geborgen“ fühlen.

Sie haben nach Ostern entdeckt, dass das Geheimnis der Welt – Gott, die Ursache, der Kern, das Ziel der Welt – dass dieses Geheimnis nicht nur geheim und verborgen ist, sondern, dass ein wenig daran erkennbar geworden ist, nämlich: So wie Jesu Leib verfallen ist, aber neues Leben aus ihm erwachsen ist, mitten unter ihnen, mitten in ihnen – so scheint das mit allem Verfallenden zu gehen. Es scheint das Geheimnis dieser Welt zu sein, dass Leben, wirkliches, ewiges Leben, echte Zukunft direkt aus unserm Leiden entsteht, aus unsern Niederlagen, aus unserm Scheitern, aus dem „schweren Kelch, dem bittern“.

Das ist es, was Paulus den Korinthern und uns begreiflich machen will: Die Auferstehung Jesu war zwar ein beispielloses Einzelereignis, aber eines, das den ganzen Kosmos betrifft. Unsere Auferstehungshoffnung bedeutet im Kern: Aus denen, die zu Opfern der Mächtigen werden, wächst das wirkliche Leben. Das ist das Geheimnis der Welt.

Nicht die scheinbaren Sieger des Kampfes um S21 befinden sich auf der Straße zum gelingenden Leben – sie setzen nur die Zerstörung der Welt und des Lebens fort. Die wahren – österlichen – Sieger dieses Streits sind die Opfer, die bisweilen verzweifelt mit Psalm 13 beten: „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?“ Aber aus ihren Niederlagen entsteht das Leben, das der Welt guttut. In ihrem scheinbaren Untergehen erzeugen sie eine Kultur des Nachdenkens, der Achtsamkeit, des Glaubens an eine andere, lebendige Zukunft, einer Kultur, aus der eben diese Zukunft erwächst. So wie sie damals den Leib Jesu umbringen konnten, daraus aber neues Leben entstanden ist, das weltweit seit zwei Jahrtausenden Menschen Kraft gibt, nicht müde zu werden, sich gegen die tote Welt zu stemmen, trotz aller zeitlichen Trübsal. So können sie diesen Tiefbahnhof zwar vielleicht zu Ende bauen. Aber sie können nicht verhindern, dass aus unserem – an der Oberfläche erfolglosen – Protest dagegen ein Leben entsteht, das in seiner Zukunftsfähigkeit und Lebendigkeit in keinem Verhältnis dazu steht, dass wir den Tiefbahnhof selbst vielleicht nicht verhindern konnten.

Was haben wir schon jetzt für eine neue Kultur geschaffen in Stuttgart, die bundesweit zu Veränderungen und zu Widerstand gegen die toten Machenschaften der sogenannten Realos geführt hat und immer neu führt, ja, die weltweit zum Symbol für Widerstand gegen das Treiben der Mächtigen geworden ist! Wie sichtbar trägt doch unser Leiden den Keim neuen, größeren, wirklichen Lebens in sich!

Aber vielleicht muss man doch ein wenig ein Träumer sein, damit man dieses wunderbare Geheimnis der Welt erkennt, muss einer werden, dessen „innerer Mensch“ „von Tag zu Tag erneuert“ wird.

Gott schenke uns diese Art Träumerei, die sich nicht von oberflächlichem Erfolg und Fortschritt der Welt blenden lässt, sondern tiefer sieht, das Geheimnis erkennt, das in ihr steckt, das österliche Geheimnis, nämlich: dass das wirkliche Leben gerade in unseren Niederlagen wächst, stärker als alles weltweite Elend und Tod. Diese Hoffnung, ja Erwartung, schenke und erhalte uns Gott.

Amen.

2 Antworten zu “Ansprache beim Parkgebet am 19. April 2018 zu 2. Korinther 4,16-18 von Pfarrer Martin Poguntke

  1. Eleonore Müller

    Viele von uns MitstreiterInnen würde übel mitgespielt. Verunglimpfung falsche Anzeigen und Verurteilungen berufliche Nachteile bis hin zum Berufsverbot, und trotzdem blieben wir dabei weil wir uns dem Wahnsinn und der Gewalt nicht beugen wollten. Die Trübsal und Not die die einzelnen Menschen erleiden mussten und immer noch müssen lässt unseren Glauben nur stärker und tiefer werden. Dietrich Bonhoeffer hat uns ein Gebet hinterlassen: von Menschen und Mächten bedrängt und bedroht und dennoch gehalten in Liebe von Gott. Das Glaube ich ganz Fest!

  2. hier ein lesenswerter beitrag zu s21: „5 jahre stuttgart 21“

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