Ansprache beim Pargebet am 22.10.2020 zu 1. Mose 2,4a–25 von Pf.i.R. Martin Poguntke

Liebe Parkgebets-Gemeinde,

die S21-Baustelle wächst und wächst, und die Erkenntnisse werden immer klarer, wie zerstörerisch das Bauen selbst und vor allem danach die Wirkung des viel zu kleinen Kellerbahnhöfles sein wird. Da fragt man sich: Darf denn der Mensch so tief in die Schöpfung eingreifen? Müssen wir Menschen nicht demütiger sein, uns viel unmerklicher anpassen an diese Schöpfung, damit wir möglichst wenig an ihr verändern?

Ich habe kürzlich in meiner Heimatgemeinde – dem Weltdorf Zizishausen – eine Predigt gehalten (https://www.youtube.com/watch?v=ZfjAKcikdRc), von der ich dachte: Das wäre auch fürs Parkgebet interessant, denn da ist auch diese Frage drin angesprochen. Erlauben Sie mir, dass ich diese Predigt – gekürzt und natürlich schon an einigen Stellen sehr verändert und auf unsere S21-Situation bezogen – heute hier noch einmal vortrage.

Es ist eine Predigt über die sogenannte „zweite Schöpfungserzählung“. Sie steht im 1. Buch Mose, dort ab Kapitel 2, Vers 4b. Die sogenannte „erste“ Schöpfungserzählung steht im Kapitel davor, im 1. Kapitel, ganz am Anfang der Bibel.

In keiner der beiden Geschichten geht es übrigens darum, wie die Welt erschaffen wurde. Sondern in beiden wird anhand einer ausgedachten(!) Erzählung von der Erschaffung der Welt etwas über das Verhältnis zwischen Gott und Mensch gesagt, wie die Autoren es glauben.

Vordergründig erzählt der Text von einer ganz, ganz fernen Vergangenheit, „als Gott der HERR Erde und Himmel machte“. In Wahrheit aber spricht er von der Gegenwart, von unserer Gegenwart, von der Schöpfung, in der wir leben, und von „dem“ Menschen, von uns.

Ein Beispiel: Am Anfang der Geschichte heißt es: „Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, – und kein Mensch war da, der das Land bebaute“. Die Botschaft dieses Satzes ist: Diese Schöpfung, so wie Gott sie haben will, braucht den Menschen. Ohne den Menschen ist sie nicht das, was Gott aus dieser Welt machen will. Gott will keinen Wildwuchs; sondern Gott will eine geordnete Schöpfung, in die der Mensch eingreift. Gott will diese Welt nicht sich selbst überlassen, ihrer Eigengesetzlichkeit oder irgendwelchen Marktgesetzen, sondern Gott will – das ist die Überzeugung unseres Textautors – Gott will, dass wir Menschen diese Welt bebauen, gestalten, verändern.

Also doch Mammutbauprojekte, um die Welt zu gestalten und zu verändern? Sicher nicht. Aber sicher auch nicht diese romantische Vorstellung, dass wir Menschen uns ganz unauffällig in die Natur einfügen sollten, ohne irgendetwas daran zu verändern.

Nein, der Mensch wird in unserem Predigttext gedacht, geradezu als ein Mitarbeiter Gottes an seiner Schöpfung. Der Mensch – ja, so muss man es zuspitzen – der Mensch, geradezu als Mitschöpfer. Wie es vorhin in Psalm 8 hieß: „Wenig niedriger als Gott hast du den Menschen erschaffen“.

Was für eine Größe des Menschen! Und was für eine schier erdrückende Verantwortung: Mitschöpfer zu sein – wer würde nicht erschrecken über eine solch übermenschliche Aufgabe?!

Und noch ein Gedanke gleich im nächsten Vers nach dem von der Erschaffung des Menschen. Da heißt es: „Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.“

Für den Menschen ist dieser Garten da. Gott hat ihn extra für den Menschen angepflanzt, um den Menschen hineinsetzen zu können, damit es ihm gut geht. „Allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen,“ heißt es da. Genuss und Gesundheit – das hat Gott für den Menschen vorgesehen – so glaubt es der Verfasser dieser Erzählung.

Und er schließt mit der Zusammenfassung der Aufgabe, die der Mensch in Gottes Erden-Garten haben sollte: „dass er ihn bebaute und bewahrte“. Diese zwei Aufgaben beschreiben die Rolle des Menschen in der Welt: bebauen und bewahren. Gestalten sollen wir die Welt und erhalten.

Gestalten und erhalten – beides! Eingreifen in die Welt und sie bewahren! Neues schaffen und Altes bewahren! Zerstören und Aufbauen! Ist dann nicht doch irgendwie alles richtig, alles egal? Können wir dann nicht doch machen mit der Welt, was wir wollen – entweder ist es Bebauen oder es ist Bewahren?

Nein, überhaupt nicht. Wenn man den Geist verstanden hat, in dem diese Geschichte geschrieben ist. Wenn hier so schön dargestellt ist, dass Gott den Menschen schuf, dass er den Garten für ihn schuf und dass der Mensch den Garten bebauen und bewahren solle, dann ist damit dreierlei erzählt, das wir immer zugleich bedenken müssen: Wir sind Geschaffene, Versorgte und Beauftragte.

Wir sind – erstens – Geschaffene: Wenn wir vergessen, dass wir uns nicht selbst geschaffen haben, sondern dass uns der Ursprung der Welt geschaffen hat, den wir so ahnungslos Gott nennen, dann werden wir hochmütig, gehen hochmütig und selbstsüchtig mit der Welt um. Es ist aber ein wunderbarer Schatz zu wissen, dass alles, wirklich alles, was wir sind und tun, wir nicht aus uns selbst erarbeitet haben, sondern geschenkt bekommen haben von den Menschen und der Welt um uns her, letzten Endes vom Schöpfer.

Wir sind – zweitens – Versorgte: Wenn wir vergessen, dass diese Schöpfung uns versorgt, dann stehen wir in zweierlei Gefahr: Wir werden sorgenvoll und gierig, wollen aus der Welt herauspressen, was wir herausbekommen können, ohne Rücksicht auf Verluste. Und wir stehen in der Gefahr des Hochmuts, weil wir glauben, wir selbst, unsere Genialität, unser Fleiß, unsere Energie seien es, die die Früchte dieser Welt hervorbringen. Aber wir ernten sie nur. Wo Gott nicht wachsen lässt, schafft der Bauer umsonst.

Und wir sind – drittens – Beauftragte: Wenn wir das vergessen, dann werden wir zu nutzlosen Nutznießern dieser Schöpfung, die diese Welt auf die Dauer zerstören. Die sich anbahnende Klimakatastrophe ist keine Naturkatastrophe, sondern direkte Folge unserer Gier, unserer so unerlösten, suchthaften Gier nach immer mehr. Und auch, dass wir von bislang nur bei Tieren beheimateten Viren befallen werden, liegt daran, dass wir in die Lebensräume der Tiere und in die unberührte Natur immer weiter eindringen.

Beides – Klimakatastrophe und Corona – sind Folgen dessen, wie wir weltweit wirtschaften: Wir halten ein Wirtschaftssystem am Laufen, das immerwährendes Wachstum braucht und nach und nach – wie ein Krebsgeschwür – die ganze Welt zerfrisst.

Unsere Vernunft ist nicht nur etwas wunderbar Erfreuliches, sondern sie hat auch zur Folge, dass wir uns um uns selbst drehen, dass wir selbst Gott sein wollen, so dass wir unseren Schöpfungsauftrag entweder vergessen oder auf den Kopf stellen.

Denn darum geht es, wenn wir die Schöpfung „bebauen und bewahren“:

Dass wir erstens demütig anerkennen, dass wir uns nicht selbst erschaffen haben, sondern irgendwo herkommen und deshalb auch im Respekt vor dem leben sollten, wo wir herkommen. Wer mit einer Gottesvorstellung nichts anfangen kann, denke dabei wenigstens an die Mutter Natur, vor der er Respekt hat.

Dass wir zweitens beglückt und dankbar feststellen, dass uns diese Welt umfassend versorgt mit allem, was Menschen brauchen – und deshalb mit dieser Welt auch entsprechend dankbar und sorgsam umgehen.

Und drittens geht es beim „Bebauen und Bewahren“ darum, dass wir nicht nutzlos wie Fettaugen auf der Welt schwimmen, sondern wahrnehmen, dass wir eine Aufgabe haben in dieser Welt: nämlich für diese Welt zu sorgen.

Und wenn wir diese drei Punkte immer im Herzen haben, dann sehnen wir uns nicht nach einem Leben als Affen auf den Bäumen, sondern als denkende, verantwortungsbewusste und liebesfähige Menschen. Aber wir bauen auch keine gigantomanischen Bauwerke, die zu nichts dienen als aus viel Geld noch mehr Geld zu machen aber keinen Dienst an Mensch und Schöpfung leisten. Wir dürfen große Bahnhöfe bauen, wir dürfen dafür auch Bäume fällen und Wiesen bebauen. Aber nur, wenn es einen guten Gesamtsinn im Sinne der Bewahrung der Schöpfung und dem Wohl der Menschen hat – nicht nur einiger, die daran verdienen wollen.

Dazu versammeln wir uns in Gottesdiensten oder hier zum Parkgebet: um uns aufscheuchen zu lassen von unserem Kreisen um uns selbst und unseren Wohlstand. Niemand von uns kann den Kapitalismus abschaffen, nicht mal S21 verhindern – aber wir können das in Frage stellen und als Götzendienst entlarven.

Dazu hilft uns jede Andacht: dass wir uns immer wieder weg von uns und unseren Götzen, hin auf den Ursprung der Welt, den Schöpfer verweisen lassen. Denn nur in der Rückbindung an den Schöpfer, nur wenn wir immer und immer wieder fragen: Was tut der Welt wirklich gut? Was ist Gottes Wille für diese inzwischen so bedrohte Welt? Nur dann können wir unserer Beauftragung gerecht werden.

Das schenke uns Gott in jeder Andacht neu: dass er uns stärkt und Richtung gibt für unseren Auftrag: die Welt zu bebauen und zu bewahren.

Amen.

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