Ansprache beim Parkgebet am 22. Februar 2018 zu Matthäus 4,1-11 von Pfarrer i. R. Hans-Eberhard Dietrich

(hier als pdf-Datei zum Herunterladen)

Matthäus 4,1-11
1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.
5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engel deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.
7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.
8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott und ihm allein dienen.
11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Liebe Parkgemeinde

Dreimal tritt der Versucher an Jesus heran, natürlich nur mit dem einen Ziel, ihn von seinem Weg wieder abzubringen, den er soeben in der Taufe am Jordan begonnenen hatte. Jesus wehrt sich mit einem Gotteswort. Aber der Teufel lässt nicht locker, zitiert selber Bibelworte. Sogar dieses wunderbare Psalmwort:

„denn er hat seinen Engel befohlen über dir, dass sie dich auf den Händen tragen“. Der Teufel macht weiter. Erst als Jesus ihn beim Namen nennt, „hinweg von mir Satan“, ihm sozusagen die Maske vom Gesicht reißt, eine sich sehr fromm gebende Maske, das raubt dem Satan die Macht. „Hinweg von mir Satan“, das hat gewirkt, die Macht des Bösen ist gebannt. Der Teufel verlässt Jesus. Engel erscheinen und dienen ihm.

Dieser eine Zug der Versuchungsgeschichte soll uns heute Abend beschäftigen. Das Böse wird beim Namen genannt und seine Macht ist gebannt.
Offensichtlich hat das Böse in der Welt ein großes Interesse daran, unerkannt zu bleiben, namenlos aus dem Dunkel heraus seine Macht auszuüben.

Liebe Parkgemeinde, ich glaube, Sie wissen schon, woran ich denke. Ob das nicht auch für S21 gilt? Mir jedenfalls ist es zu Beginn vor acht Jahren so ergangen. Namenloses Böses, unbegriffene Mächte, die sich da austoben und ihr böses Spiel mit uns treiben. Ich konnte es nicht fassen und ich konnte es mir einfach nicht erklären, warum unsere Gesetze plötzlich nicht mehr gelten sollten (z. B. Denkmalschutz oder der Schutz der Heilquellen), warum der Protest so vieler Tausend Menschen in einer freiheitlichen Demokratie nicht zählt. Warum haben alle guten Argumente nicht gefruchtet?

Aber je mehr ich an Informationen erfuhr, je intensiver ich mich in die Materie einarbeitete, desto mehr konnte ich all diese unbegriffenen Mächte beim Namen nennen. Das wirkte auf mich wie eine große Befreiung.

Dieser persönliche Erkenntnisgewinn war aber nicht möglich ohne die vielen anderen neben mir, die die gleichen Erfahrungen machten. Jetzt endlich konnten wir das Unrecht beim Namen, konnten die Urheber und Macher im Hintergrund auf diese Weise blamieren mit ihren hohlen Phrasen von Fahrzeitverkürzung, der Magistrale Paris–Bratislava, Kapazitätserhöhung, neue Arbeitsplätze usw.

Was sich hierbei abspielt, hat Volker Lösch mal auf den Begriff gebracht:
Das Prinzip Stuttgart 21. Und er beschrieb es so: Hier geht es nicht nur um einen Bahnhof, ob und wie er gebaut werden soll, nicht nur um ein Verkehrsprojekt. Hier werden gesellschaftliche Konfliktfelder ausgetragen: Um nur ein paar zu nennen: Abbau von Demokratie, Kampf gegen unnütze Großprojekte, die Macht des Kapitals und der dahinter stehenden Investoren.

Und wir müssen ergänzen. Letztlich ist das alles Ausfluss, um nicht zu sagen Ausgeburt eines ungezügelten Kapitalismus. Den hat es zwar schon immer gegeben, aber in den letzten Jahrzehnten wird er durch keine staatlichen Gegenmaßnahmen mehr gebremst.

Ich möchte nur einen Zug dieses Kapitalismus nennen und seine direkten Folgen hier in Stuttgart.

Kapitalismus geht nicht ohne Wirtschaftswachstum. Wohin aber soll alles wachsen in einer begrenzten Welt? Das geht nur auf Kosten von Natur und den anderen Lebewesen auf der Welt. Entweder indem man bei ihnen ihren Lebensraum immer mehr einschränkt oder indem man sie – wie es bei den Nutztieren geschieht – in der Massentierhaltung gnadenlos ausbeutet.

Bei S21 wurde und wird ständig neu so viel an Natur und an Lebensraum so vieler Tiere gnadenlos vernichtet. Wir haben das gerade erst beim Rosensteinpark erlebt. Und wie um von der Ungeheuerlichkeit dieses Frevels abzulenken, inszeniert man eine Räuberpistole, oder besser gesagt ein Possenspiel. Und schlimmer als dieses Possenspiel selbst ist die Tatsache, wie viele Leute und vor allem wie die Presse darauf abfährt und kritiklos alles wiedergibt, was die Bahn hier von sich gibt.

Was aber können wir machen? Uns bleibt als Gegenwehr nur, das Böse beim Namen zu nennen, zu sagen, was sich hier abspielt. Damit haben wir es zwar nicht besiegt, aber wir können jetzt ganz anders damit umgehen.

Dieses Böse gibt es nicht ohne die Menschen, die da mitmachen. Viele, weil sie zu einfältig sind, um durchzublicken. Anderen wiederum genügt es, sich einfach im allgemeinen Mainstream treiben zu lassen. Sehr viele aber wissen genau, was sie tun, sie sind Gewinner dieses Systems oder zumindest hoffen sie, auf der Seite der Gewinner zu agieren.

Hier aber wird uns schmerzlich bewusst: In der Öffentlichkeit wird das gar nicht so gesehen, wird das Böse gar nicht als Böses erkannt. Die Mehrheit der Zeitgenossen, empfinden es nicht so, oder sie haben sich schon so daran gewöhnt, dass sie es nicht mehr wahrnehmen.

Hier bei S21 heißt die Maske des Bösen: die Segnungen des Fortschritts, Arbeitsplätze für die Menschen, Stärkung der Wirtschaftskraft der Region, ein grünes, nachhaltiges Projekt oder wie diese hohlen Sprechblasen alle heißen mögen.

Indem wir diese Fratze runterreißen, zeigt sich die zerstörerische Gier dahinter: Naturzerstörung, Demokratieabbau, Ressourcenvergeudung, die Gefahren für Leib und Leben der Menschen, die mit der Bahn fahren müssen usw. usw. Und das alles ohne Not und das alles, obwohl es eine bessere Alternative gibt.

Was können wir noch tun? Wir brauchen bei der Demaskierung des Bösen nicht stehen bleiben. Wir können etwas Besseres an seine Stelle setzen: Umstieg21.

Und wir wissen und glauben an den menschenfreundlichen Gott, der uns ermutigt und die Kraft schenkt, uns hier so einzusetzen. Die Kraft, die uns antreibt, ist das ungeteilte Vertrauen auf Gott, so wie es Jesus in der Versuchungsgeschichte dem Versucher entgegenhält:

„Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ (V. 10)

Wie wird es weitergehen? Mir ist dazu ein Märchen eingefallen, wo die Nennung des Namens eine Rolle spielt. Rumpelstilzchen. Da hat die schöne Müllerstochter in ihrer Not einem kleinen Männchen ihr erstes Kind versprochen, wenn er ihr hilft aus Stroh Gold zu spinnen. Und als sie dann ihr erstes Kind zur Welt bringt, in der Zwischenzeit zur Königin avanciert, da erscheint dieses kleine Männchen und will das Kind.

Auf ihr herzerweichendes Weinen hin hat sie noch eine Chance, wenn sie binnen dreier Tage seinen Namen errät. Sie rät und rät, schickt Boten aus. Und siehe da, einer dieser Boten kommt zurück, erzählt von einem kleinen Männchen hinter einem hohen Berg, wie er um das Feuer tanzt, und immer wieder sagt: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“, und dabei schwingt er den Kochlöffel und freut sich schon auf das Kind der Königin.

Nun, sie wissen, wie es ausgeht. Als die Königin seinen Namen ausspricht: Heißt du etwa Rumpelstilzchen, da reißt er sich vor Wut selbst in Stücke.

Das Böse, das an sich selbst zugrunde geht.

Noch tanzt und stampft das Rumpelstilzchen S21 auf den Boden und freut sich. Wir aber, liebe Parkgemeinde, hoffen alle darauf: S21 geht an sich selber, an seinen Widersprüchen und seiner Überheblichkeit zugrunde.

Amen

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