Ansprache beim Parkgebet am 13.9.18 über Psalm 17 von Pf. i. R. Gunther Leibbrand

(hier als pdf-Datei)

Liebe Parkgemeinde,

aus dem 17. Psalm, den wir vorher miteinander gesprochen und gebetet haben, stammt die Losung für den morgigen Tag:

„Zeige, wie wunderbar deine Güte ist.
Du befreist Menschen, die Zuflucht vor den Widersachern suchen, mit deiner Rechten.“

In unserem Engagement für einen Bahnverkehr für alle Menschen, seien sie auch weniger begütert oder mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen belastet, rufen wir den Höchsten an:
Er möge uns und allen Luft zum Atmen und Raum zum Leben erhalten – auch beim Zugfahren in der Zukunft.

Er möge uns auch die Augen, Ohren und Herzen unserer politischen Gegner erreichen lassen, die uns zunehmend unerreichbar geworden zu sein scheinen. Einige von uns haben 50.000,- Euro gesammelt, um eine ganzseitige Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit unseren Einwendungen erscheinen zu lassen, denen bisher kein Gehör geschenkt wird, obwohl die Deutsche Bahn immer mehr in finanzielle Schieflage gerät und immer weniger Menschen und Waren in die Fläche unseres Landes bringen kann, geschweige denn rechtzeitig.

Wir suchen in unserem Engagement um Gerechtigkeit und Gemeinnutz der Vielen vor Eigennutz der Wenigen die Hilfe dessen, der hier mit dem Namen „Ha Makom“ angesprochen wird: Der, der Platz und Raum zum Leben in Seinem Sinne schafft.

Als „Ha Makom“ wird also hier der Gott Israels angesprochen, weil Er es ist, der dem, der da in Not ist, Platz zum Leben und Luft zum Atmen verschafft. „Ha Makom“ ist einer der verhüllenden Decknamen für den Gott, der sich das unbedeutendste aller Völker, die Hebräer, – was heißen will: die aller Unbedeutendsten – zu Seinem zuerst geliebten Volk erwählt hat: Damit es besser werde in der Welt: Und alle anderen Völker, auch das unsere, sollen sich Segen wünschen im Namen des Gottes dieses Volkes.

Die hebräische Welt ist in dieser Woche in ihr 5779. Jahr seit ihrer Erschaffung eingetreten. Diese Welt will mit ihren Werten einen anderen Weg gehen: Dort soll nicht dem Recht des Stärkeren gehuldigt werden, sondern Maßstab ist das Recht, das dieser Gott gestiftet hat, für ein Leben mit gleichem Recht, der gleichen Ordnung und Freiheit für jeden Menschen. In den ersten 10 Tagen dieses Neuen Jahres will diese Kultur selbstkritisch nachdenken: Wo habe ich diesen Maßstab im vergangenen Jahr missachtet – obwohl ich doch wissen müsste: Er allein ist die Grundlage für ein gutes Leben, auch für mich persönlich!

Diese kulturelle Besonderheit hat die Umwelt beeinflusst, zum einen, – und zum anderen hat das Judentum auch einen langen Zeitraum des Lernens und sich Einlassens auf diesen besonderen Weg gehen müssen: Die Freiheit und das Recht und das Gemeinwohl waren keine Selbstverständlichkeiten, sondern gingen und gehen immer wieder verloren, mussten und müssen in jeder Generation von Neuem gelernt und ergriffen und in die Tat umgesetzt werden.

Das Schlüsselwort für alles das, was Kultur von wilder Natur unterscheidet, ist Gerechtigkeit: Unser Psalm 17 beginnt damit, dass nach Gerechtigkeit geschrien wird, – nicht nur vornehm und zurückhaltend „gerufen“, nein, „geschrien“ wird. Und nicht nach irgendjemandem wird hier geschrien, sondern, es wird nach dem geschrien, der alles geschaffen hat, was ist, und auch was nicht ist.

Sagen wir es in unserem Zusammenhang so:
Ein kultiviertes Bahnverkehrswesen ist nichts Natürliches, sondern ein echtes Kulturprodukt – und deshalb wie alles Kulturelle, höchst gefährdet.

Um im Bilde des Psalms 17 zu bleiben:
Diejenigen, die „Löwen gleich, gierig auf Beute, wie junge Raubtiere in ihren Verstecken lauern“, haben sich vor unser aller Augen auf unser Bahnsystem gestürzt, um es zu privatisieren, also eigentlich: um es der Allgemeinheit wegzunehmen. Denn privatisieren kommt von lat. „privare“, und heißt „rauben, wegnehmen“.

Und die Bürger fürchten diesen Raubtierliberalismus „mehr als den lieben Gott“ – möchte ich etwas schnoddrig sagen. Denn viele unserer Mitbürger haben den Zusammenhang noch nicht verstanden zwischen Gottesfurcht und gutem Leben.

Das ist das Problem, das wir haben. Wir haben ein kulturelles Problem.

Aber es ist, wie alle Probleme, prinzipiell lösbar, wenn wir ehrlich daran gehen. Unter ehrlich verstehe ich: Unter selbstkritischer Einbeziehung unserer eigenen Person. Wir müssen ein Bewusstsein dafür ausbilden, wie Haltungen entstehen und sich verfestigen:

Zuerst sind da die sogenannten „Machtgefälle“ zu nennen, z.B. zur Weitergabe von Fehlinformationen bzw. zum Weglassen der ganzen Wahrheit.

Deshalb: Allein, dass wir hier stehen und unseren Gott anrufen, er möge den Raubtieren mit seinem Schwert entgegentreten und den Ruchlosen aufspießen und uns entkommen lassen, macht uns extrem gefährlich, gibt dieser Versammlung die für uns einerseits skandalöse, aber andererseits auch geradezu würdevolle Einschätzung einer „Gefahrenstufe 5“.

Die Dinge beim Namen zu nennen und investigativ aufzudecken, ist für alle Dunkelmänner und -Frauen unerträglich und gefährdet das Informationsmachtgefälle genauso wie das sonstige Machtgefälle.

Wenn die Judikative genauso wie die Exekutive bestehende Gesetze in Sachen Stuttgart 21 nicht anwenden, dann haben wir ein Demokratie- und Gewaltenteilungsproblem und deshalb eigentlich eine Staatskrise. Das sagt nur niemand außer uns. Also kommt es den Leuten so vor, als sei alles in Ordnung. Aber wir nennen dies beim Namen. Deshalb beten wir den Psalm 17 mit vollem Recht in unserem Zusammenhang.

Die biblisch-jüdische selbstkritische Bearbeitung der eigenen Geschichte ist die kulturelle Leistung, an die alle Menschen guten Willens und bestmöglicher Absicht anknüpfen können.

Deshalbgeht es in Chemnitz und anderswo zuvorderst auch gleich gegen „die Juden“. Die Feinde der Freiheit wissen wohl, woher ihnen wirklich der Wind ins Gesicht bläst.

Der jüdische Gott ist es, der den Herren dieser Welt, zuvorderst den Privatisierern auf allen Gebieten, den Kampf angesagt hat. Ganz klar, dass Er, weil für ihn die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten, seinem ihm schutzbefohlenen hebräischen Volk die Treue hält – und allen an seiner Seite, die sich an Seine Gebote halten und Jerusalem Frieden wünschen.

Unser Problem Stuttgart 21 in diesen kulturellen Zusammenhang gehoben zu haben, war mir zu Beginn des jüdischen Jahres 5779 ein Bedürfnis. Wir wollen uns den Segen dessen wünschen, der seinem Volk Israel zuerst und allen Völkern dieser Welt und auch unserem und nicht zuletzt dem palästinensischen, Platz und Luft zum Atmen schaffen kann.

Er will aber von uns und anderen darum gebeten werden. Nicht weil Er das nötig hätte, sondern weil wir Menschen das nötig haben. Wir machen nur, was wir täglich neu einsehen und auch sagen, dass wir das wollen.

AMEN

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