Ansprache beim Parkgebet am 29.6.2017 zu 1. Mose 11,1-8 (Ausschnitt) von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die Menschen hatten damals noch eine einzige, allen gemeinsame Sprache. … Sie sagten: „Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt und einen Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann werden wir in aller Welt berühmt. Dieser Bau wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Welt zerstreut werden.“ Der Herr kam vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. Denn er sagte sich: „Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt. Ans Werk! Wir Steigen hinab, und verwirren ihre Sprache, damit keiner mehr den andern versteht!“ So zerstreute sie der Herr über die ganze Erde, und sie mussten ihre Pläne aufgeben.

Auch noch die Bibelübersetzung in heutigem Deutsch von 1982 setzt über die Turmbauerzählung die Überschrift: „Die Menschheit will es mit Gott aufnehmen“. Das ist die klassische Deutung der Erzählung: Die bösen Menschen müssen vom guten Gott in Schach gehalten werden, damit sie nicht allen Unsinn treiben können, der ihnen einfällt. Vor 46 Jahren bekam ich diesen Text zur Auslegung bei meiner Prüfungspredigt zum 2. Examen. Bei der Vorbereitung entdeckte ich, dass das so gar nicht dastand. Die Menschen wollen nicht Gott vom Thron stoßen, sie wollen nur für den Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft miteinander bauen. Alle, die einmal an einem Privathaus, einem Vereinsheim oder einer Kirche gemeinsam gebaut haben, wissen, wie das zusammenschweißt. Das Problem sind hier nicht die solidarisch zusammenarbeitenden Menschen, sondern der sehr menschlich auf seine Macht bedachte Gott, dem die Menschen zu mächtig werden. Das für mich Erschreckende war, dass diese 3000 Jahre alte Gottesvorstellung in meiner gegenwärtigen Kirche die beherrschende war. Sie war seit alters die Rechtfertigung dafür, dass die gute Obrigkeit das böse Volk in Schach halten muss. Ich forderte deshalb die Gemeinde auf, diesem Gottesbild abzusagen und zum barmherzigen Gott Jesu zurückzukehren. Denn dieser hat keine Angst vor zusammen haltenden Menschen, er will ihre Solidarität, er hält sie nicht für grundsätzlich böse, sondern als seine guten Geschöpfe zum Guten fähig. Auch wenn sie gelegentlich Fehler machen, hält er sie für zur Umkehr fähig. Auf diese Predigt hin wurde ich an eine Sonderschule für Verhaltensgestörte versetzt, um dort alles zu unterrichten, nur nicht Religion – ein Beweis, welcher Gott in meiner Kirche herrschte, obwohl dies natürlich geleugnet wurde.

Es ist der Gott der Guten, die bei Rundflügen hoch am Himmel Tiefbahnhöfe beschließen und dann hernieder fahren, um mit Wasserwerfern und Tränengas das böse Volk auseinandertreiben, das solidarisch seine Interessen vertritt. Denn, so sagen sie, wenn es dem Volk gelingt, dieses Großprojekt zu verhindern, dann werden sie alle schönen Großprojekte zu Fall bringen, die ihren Interessen entgegen stehen. Das wäre das Ende unserer demokratisch verbrämten Lobbykratie. Ich will nicht verschweigen, dass diese meine Deutung auch heute noch in meiner Kirche umstritten ist.
Ich fordere aber auch heute noch dazu auf, die Überschrift und den Text der Turmbauerzählung genau zu vergleichen und daraus die Schlüsse für den Weg von uns Christen von heute zu ziehen, auch im Blick auf Projekte wie Stuttgart 21.

Ich mache darauf aufmerksam, dass die Idee für den Bau von Stadt und Turm nicht von einem Feudalherrn oder einem gewählten Stadtparlament ausgeht, sondern einen Basisbeschluss darstellt, der mit nichts als der blanken Kraft der Argumente vorgetragen wird und überzeugt. Weil die Bürger von Babel überzeugt sind, dass die Bauten ihren Interessen dienen, machen sie mit. Auf diese Weise ist die Idee vom Umstieg 21 entstanden: Fachleute aus dem Volk haben sich Gedanken gemacht, was der Bevölkerung von Stuttgart und Umgebung hilfreich sein könnte. Sie wenden sich an die Öffentlichkeit und an die Entscheidungsträger in der repräsentativen Demokratie und der Führung der Deutschen Bahn AG mit nichts als der blanken Macht der Argumente. Nachdem Politik und Bahn AG die hilfreichen Ideen ausgeschlagen haben, wenden sie sich nun an die Staatsanwaltschaft in Berlin und versuchen dort Überzeugungsarbeit zu leisten, um auf diese Weise die Entscheidungsträger in der Politik und der Bahnführung zur Einsicht zu bringen. Sie dienen damit nicht mehr dem Gott der angeblich guten Profiteure, die sich das Land wie Feudalherren unter den Nagel reißen und das böse widerstrebende Volk Mores lehren wollen, sondern dem Gott, der gewaltfrei dem Wohl der Allgemeinheit dienen will.

Indem wir dabei mitmachen, dienen wir dem barmherzigen Gott Jesu, der sehr wohl weiß, dass nicht nur das Volk böse sein kann, sondern auch die Herrschenden, die durch ihre Macht noch viel mehr Böses anrichten können. Das wird in unserer Kirche leider immer wieder vergessen, dass Jesus sagt: „Wie ihr wisst, unterdrücken die Herrscher ihre Völker, und die Großen missbrauchen ihre Macht. Aber so soll es bei euch nicht sein. Wer von Euch etwas Besonderes sein will, soll den anderen dienen, und wer von euch an der Spitze stehen will, soll sich allen unterordnen“ (Mk 10, 42-44). Parteien, die behaupten christlich zu sein, müssten das vor allem beherzigen. Es reicht eben nicht aus, wenn eine Kanzlerin einer sich als christlich bezeichnenden Partei einfach behauptet: „Sie kennen mich, uns allen geht es gut“, dann aber nicht nur in Griechenland, sondern auch im Inland eine Politik der Verarmung betreibt, die immer mehr Menschen betrifft. Auch bei ihrem Lieblingsprojekt Stuttgart 21 muss sie lernen zu fragen, was der Bevölkerung insgesamt dient und nicht nur wenigen Profiteuren. Wenn sie dies verweigert, dann muss die Staatsanwaltschaft angerufen werden, um sie wegen Anstiftung zur Untreue zu belangen. Und sie muss im Wahlkampf zu spüren bekommen, dass die Verschwendung öffentlicher Gelder für die Verschlechterung des Bahnverkehrs abgestraft wird. Wir lassen uns nicht beirren. Unser Glaube an den barmherzigen Gott ruft uns dazu, die Dinge beim Namen zu nennen und mit nichts als der blanken Macht der Argumente Überzeugungsarbeit zu leisten. Der barmherzige Gott schenke uns den Mut und die Kraft dazu. Amen.

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2 Antworten zu “Ansprache beim Parkgebet am 29.6.2017 zu 1. Mose 11,1-8 (Ausschnitt) von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

  1. Nein, nein, nein, lieber Friedrich!
    So sehr ich dir dankbar bin für dein großes Engagement gegen das zerstörerische Kellerbahnhöfle – hier muss ich dir heftig widersprechen: Der Dichter der Turmbau-Geschichte hat sehr deutlich das Motiv der Bauherren genannt: Großmannssucht: „damit wir uns einen Namen machen“.
    Du sagst: „Die Menschen wollten nicht Gott vom Thron stoßen“ – was anderes will denn der Verfasser ausdrücken, wenn er schreibt, dass ihr Turm „bis an den Himmel“ reichen sollte? Dieser Ausgangspunkt der Erzählung ist nicht zu bestreiten: Sie wollten sich mit Gott auf eine Stufe stellen.
    Das wird dadurch nicht besser, dass „die Bürger von Babel überzeugt sind, dass die Bauten ihren Interessen dienen“ (seit wann sind die eigenen Interessen der zentrale Maßstab?). Und es wird auch nicht dadurch besser, dass sie dadurch ihren Zusammenhalt stärken wollten (es gibt ziemlich üble Beispiele in der Geschichte, wo Völker ihren Zusammenhalt stärken wollten und dabei keineswegs gut und im Recht waren). Und es wird auch nicht dadurch besser, dass es ein „Basisbeschluss“ war, wie du schreibst. Basisbeschlüsse sind nicht per se besser als Beschlüsse der Mächtigen (weil es nicht nur Schwarm-Intelligenz gibt, sondern auch Schwarm-Dummheit und weil nicht nur die Mächtigen Sünder sind, sondern auch die Menschen an der Basis).
    Um Sünde geht es hier. Und mit Sünde ist in der Bibel bekanntlich nicht die zarteste Versuchung gemeint, seit es Schokolade gibt, sondern, dass der Mensch nach seinen eigenen Maßstäben leben will, sich damit selbst an Gottes Stelle setzen will.
    Das biblische Menschenbild ist: Seit der Mensch (heute würden wir sagen: im Zuge der Evolution) vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, lebt er nicht mehr (wie alle anderen Lebewesen) ganz „automatisch“ schöpfungskonform. Sondern, weil er sich nun (kraft seiner Fähigkeit zur Erkenntnis) auch gegen die Schöpfung wenden kann, muss er darauf achten, dass er sein Leben in ständiger Rückbindung an den Willen des Schöpfers führt.
    Das Jesus-Zitat, das du anführst, macht es deutlich, was mit dieser Rückbindung und dem Willen des Schöpfers gemeint ist: „Wer von euch etwas Besonderes sein will, der soll den andern dienen…“ – und nicht sich selbst einen Namen machen wollen und einen Turm bauen bis an die vermeintliche Wohnung Gottes.
    Jesu Barmherzigkeit besteht nicht darin, dass er den Menschen nicht reinredet und sie machen lässt, was sie wollen. Sondern seine Barmherzigkeit besteht in der Vergebung: dass er sie die Liebe Gottes spüren lässt – gerade auch, wenn sie (als Sünder) tun, was sie wollen. Die Menschen werden gerechtfertigt, nicht ihr Tun.
    Zu keinem Zeitpunkt bestreitet Jesus, dass allein Gott die Macht haben darf und allein ihm die Ehre gebührt. Es ist doch nicht so, dass wir auch Gott die Macht nehmen sollten, weil wir es Menschen (berechtigterweise) zum Vorwurf machen, wenn sie ihre Macht steigern wollen. Sondern umgekehrt: Wir machen Menschen ihre Machtgier (berechtigterweise) zum Vorwurf, weil Gott allein Anspruch auf Macht hat.
    Dieser radikale Unterschied zwischen Gott und Mensch, dass nur das ungreifbare Geheimnis hinter der Welt, die Kraft, die die Welt hervorgebracht hat und zusammenhält, dass nur sie das Recht auf Macht hat (und dass wir Menschen Anspruch auf Macht und Türme und andere Großprojekte nur haben, soweit wir dabei in demütiger Rückbindung an diesen Gott handeln), dieser Unterschied ist zentral für die christliche Theologie.
    Deshalb ist deine Deutung der Turmbau-Geschichte nicht nur „umstritten“, wie du schreibst, sondern sie wird weltweit von keinem einzigen offiziellen Theologen geteilt.

  2. friedrichgehring

    Ja, lieber Martin,
    ich danke Dir für die Mühe Deines ausführlichen Kommentars. Du bist seit 46 Jahren der erste Theologe weltweit, der meine Auslegung der Turmbauerzählung mit Argumenten zu widerlegen versucht. Hier nun meine Gegenargumente:

    1. „Bis an den Himmel“ ist eine geographische Angabe. Wäre Gott gemeint, müsste es heißen: „Bis zum Thron Gottes“. Das liest Du hinein. Du selbst siehst im Himmel „die vermeintliche Wohnung Gottes“.
    2. Sie wollen „berühmt werden“, und zwar „vor aller Welt“, nicht vor Gott, der Bau soll „zusammenhalten“, um „nicht über die ganze Welt zerstreut“ zu werden. Das sind rein innerweltliche Motive, sie haben nichts mit Gott zu tun. Auch dies wird hineingelesen.
    3. Dass diese vorbildliche Basisinitiative Sünde ist, musst Du mit pauschalem Verweis auf „ziemlich üble Beispiele in der Geschichte“ schlecht reden. Dass das Eintreten für Allgemeinwohlinteressen nicht „der zentrale Maßstab“ sein darf, ist das Argument von Profiteuren, die ihre Interessen auf Kosten des Allgemeinwohls verfolgen.
    4. „Das biblische Menschenbild“ ist ein fundamentalistisches Konstrukt, das 1. Mose 2,6-11,8 aus dem biblischen Gesamtzusammenhang reißt und absolut setzt. Es übergeht, das in 1. Mose 1,26-31 völlig gegensätzlich von Gott und dem Menschen die Rede ist. Dort setzt ein vertrauensvoller Gott sein gutes Geschöpf in die Verantwortung für die Schöpfung ein ohne Angst vor einem Machtverlust. Christliche Theologie muss fragen, welche der beiden Sichtweisen zu der von Jesus passt und welche nicht.
    5. Auf dieser Frageebene wird das fundamentalistische Gottes- und Menschenbild als unchristlich erkennbar: Der barmherzige Vater Jesu (Lk 15,11-32, Predigttext am morgigen Sonntag) macht genau das, was Du bestreitest: Er redet seinem jüngeren Sohn eben nicht hinein und lässt ihn machen, was er will. Er hat keine Angst vor Machtverlust und muss seine Söhne nicht durch Sprachenverwirrung kooperationsunfähig machen, sondern fördert die Solidarität der beiden. Er sieht in seinen Kindern nicht die „Schwarm-Dummheit“, die er in Schach halten muss, sondern freut sich über deren Umkehrfähigkeit und hilft zu einem Neuanfang.
    6. Jesus kritisiert die Machtmissbraucher nicht deshalb, weil „Gott allein Anspruch auf Macht hat“, sondern weil sein Vater barmherzig ist und von uns barmherzigen Dienst haben will. Den allein Macht beanspruchenden Gott brauchen die Despoten, die sich als Gottes Diener aufspielen (Röm 13, 1-7). Jesus und seine Nachfolger brauchen ihn nicht.
    7. Auf diesem Hintergrund ist verständlich, warum die „offiziellen Theologen“, von denen Du sprichst, weltweit meine Deutung der Turmbaugeschichte ablehnen („offiziell“ kommt von mittellateinisch „officium“ = Amt, Interesse am Amt ist Interesse an Macht). Mit meiner Deutung habe ich einst mein Pfarramt riskiert. Als ich es dennoch bekam, habe ich meine machtkritische Deutung nicht geopfert.

    In diesem Sinne und mit herzlichem Gruß

    Friedrich

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