Ansprache beim Parkgebet am 27.7.2017 zu Amos 9,7 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

„Seid ihr Kinder Israel mir nicht gleichwie die Mohren?“ spricht der Herr. „Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland geführt und die Philister aus Kaphtor und die Aramäer aus Kir?“

Diese schlichten Fragen aus dem Buch des Propheten Amos stellten 750 v. Chr. eine theologische Revolution dar. Amos nimmt die zentrale Gotteserfahrung der Israeliten auf, die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Diese Erfahrung hatte in Israel zu dem Erwählungsglauben geführt, Gott gebe diesem Volk eine privilegierte Stellung in der Völkerwelt. Daraus hat sich dann der Anspruch entwickelt, andere Völker gering zu schätzen und unterdrücken zu dürfen. Wie auch andere Propheten musste Amos die Erwählungsgläubigen daran erinnern, dass Gott das versklavte Volk Israel befreit hatte mit dem Auftrag, niemals andere zu versklaven. Dass Gott auch andere versklavte Völker befreit und damit der Gott aller Völker ist, war für die Erwählungsgläubigen ein schwerer Schock. Ich denke, wir können das im Blick auf unsere deutsche Geschichte gut nachempfinden: So müssen sich alle, die „Deutschland über alles“ gesungen hatten, nach dem 8. Mai 1945 gefühlt haben.

Ich erinnere an diesen theologischen Wendepunkt im Alten Testament, um unseren Blick über die Probleme mit Stuttgart 21 hinaus auszuweiten. Verglichen mit der Not in den Kriegs- und Hungergebieten der gegenwärtigen Welt erscheint unsere Not mit Stuttgart 21 fast wehleidig. Gewiss gibt es einen Zusammenhang zwischen den Kräften, die Stuttgart 21 am schwarzen Donnerstag mit Mitteln einer Diktatur durchzusetzen versuchten, und den Kräften, die weltweit Krieg und Hunger verursachen. Die neoliberale Gier der Mächtigen in Wirtschaft und Politik hat einst die Polizeigewalt hier in den Schlosspark gebracht, aber noch viel mehr bringt diese Gier Elend und Tod in die Kriegs- und Hungergebiete der gesamten Welt. Jesus bezeichnet diese zerstörerische Macht als den Götzen Mammon. Wer diesem Götzen dient, kann nicht zugleich dem barmherzigen Gott Jesu dienen (Mt 6,24). Und wer dem Gott Jesu dienen will, muss dem Götzen Mammon Widerstand leisten.

Was können wir als kleine Gruppe von Parkgebetsleuten da ausrichten? Ich kann zu dieser Frage nur an die Handvoll Menschen beim Leipziger Friedensgebet nach dem Scheitern des Widerstands gegen die Natonachrüstung im Jahr 1984 erinnern. Aus dieser kleinen Zelle wuchs die christliche Bewegung, die den „Kalten Krieg“ im Zusammenwirken mit dem Atheisten Gorbatschow überwand. Auch wenn die Chancen dieser Entwicklung seit 1989 zu wenig genutzt wurden, so bleibt uns doch nichts anderes übrig, als wie die Handvoll der Betenden von Leipzig unbeirrt die Vision einer barmherzigen und friedlichen Welt festzuhalten, auch in Zeiten von Führungsfiguren wie Trump, Xi Jinping, Putin, Macron, May und Merkel.

Was lässt uns hoffen? Nachdem die lutherischen Kirchen fünf Jahrhunderte hindurch die Verweigerung des Kriegsdiensts verdammten und aktiv Kriegstreiberei begingen, haben sich nun in Württemberg Synode und Kirchenleitung wenigstens verpflichtet, gegen den Export von mörderischen Kleinwaffen und für die Umwandlung von Rüstungsproduktion in friedliche Produktion einzutreten. Ein kleiner Schritt, aber doch ein erstaunlicher, nachdem Württembergs Landesbischof von Keler noch 1983 vor der Landessynode Atomwaffen befürwortete, obwohl er im gleichen Atemzug eingestand, dass sie die Freiheit, die sie angeblich verteidigen, in Wirklichkeit zerstören. Und immerhin ist unsere Landeskirche damit schon etwas weiter als unsere Bundesregierung, die allenfalls Rüstungsausfuhren in die Türkei einschränken will. Unser Gebet muss ergänzt werden durch entschlossene politische Überzeugungsarbeit.

Ich war letzte Woche beim Tag der Schulen in einer Bruchsaler Kaserne. Es waren Schulklassen da, die hautnah Bundeswehr erleben sollten. Ich kam mit Soldaten ins Gespräch. Ich sehe ihre Entscheidung für den Militärdienst kritisch, aber noch kritischer stehe ich der Militärpolitik der Regierung gegenüber. So fragte ich Soldaten, ob sie sich nicht z. B. in Afghanistan verheizt fühlten in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Sie verneinten. Ich erinnerte an den Backnanger Gefreiten Menz, der sich dort als Entwicklungshelfer verstand und wenige Tage vor seiner Rückkehr von einem als Soldat verkleideten Terroristen beim Panzerreinigien erschossen wurde. Ich verwies auf Art. 24 (2) GG, dass Deutschland sich einem „System gegenseitiger kollektiver Sicherheit“ anschließen darf, was 1949 nicht die Nato meinte, die nur Bündnispartner sichert durch brutales Faustrecht. „Kollektive Sicherheit“ denkt an alle möglichen Konfliktpartner, auch an die Taliban und den IS, verwirklicht also Feindesliebe. Dass die Leute vom IS zwar schlimm sind, aber nicht schlimmer als unsere Freunde in Saudi Arabien. Dass der Sieg über den IS im Irak und Syrien nur bedeutet, dass der asymmetrische Krieg der Terroristen nun noch mehr in unser Land kommt. Die Soldaten waren total überrascht von diesen Gedanken, wohl ebenso wie die Israeliten, die zur Zeit des Amos an ihre privilegierende Erwählung glaubten.

Einer rechtfertigte die Kriegseinsätze als demokratisch legitimiert. Ich wandte ein, dass die UNO eine Organisation von fünf Feudalherrschaften ist, die die Welt untereinander aufteilen und einander gewalttätig gewähren lassen. Demokratisch sei allenfalls der Beschluss der 122 Länder, die jüngst die Atomwaffen ächteten. Da fiel beim obersten Offizier für Öffentlichkeitsarbeit der Groschen: „Es müsste also die Vollversammlung entscheiden und nicht der Sicherheitsrat“. Ich bestätigte, dann könnten sie als Soldaten die Weltpolizei sein, die an Recht und Gesetz gebunden ist und die wir brauchen. Am Ende meinte der Offizier, wir sollten im Gespräch bleiben. Er hatte von der Zeit geschwärmt, als die afghanischen Kinder den deutschen Soldaten noch freudig zugewinkt hatten. Beim nächsten Gespräch werde ich versuchen mit ihm zu ergründen, warum sie schließlich nicht mehr gewinkt haben.

Diese kleinen Mühen in der Überzeugungsarbeit können natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den Kriegs- und Hungergebieten weiterhin unsäglich gelitten wird. Das Festhalten an der Vision einer gerechteren und friedlicheren Welt und der Einsatz für eine solche hilft aber, nicht in Resignation zu versinken. Der Gott des Friedens und der Barmherzigkeit schenke uns den Mut und die Ausdauer, in seinem Dienst nicht zu verzagen. Amen.

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