Ansprache beim Parkgebet am 21.3.2019 zu Jer 38,14-17 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Der König Zedekia aber sandte hin und ließ den Propheten Jeremia zu sich holen … . Und der König sprach zu Jeremia: Ich will dich etwas fragen, verhehle mir nichts. Jeremia antwortete … : Wenn ich es dir sage, wirst du mich da nicht töten lassen? Und wenn ich dir rate, so hörst du ja doch nicht auf mich! Da schwur ihm der König einen Eid: … Ich werde dich nicht töten und dich nicht in die Hände der Männer geben, die dir nach dem Leben trachten. Nun sprach Jeremia zu ihm: So spricht der Herr …: Wenn du dich den Fürsten des Königs von Babel ergibst, so bleibt dein Leben erhalten, und diese Stadt wird nicht verbrannt, und du bleibst mit den Deinen am Leben.

Der König ist hin und her gerissen: Seine kriegslüsternen Berater wollen seinen Aufstand gegen den König von Babel, Jeremia prophezeit die Niederlage mit furchtbaren Konsequenzen. Da sucht der König heimlich das Gespräch mit Jeremia, um von ihm ein Wort des Herrn zu erfahren. Jeremia sagt ihm ehrlich, was er von ihm hält. Trotzdem ist der König so sehr auf ein Wort des Herrn angewiesen, dass er auch im Fall einer unangenehmen Botschaft freies Geleit verspricht.

Ich habe diese biblische Episode ausgewählt, weil ich kürzlich erfahren habe: Der Bahnvorstand führt Gespräche mit dem Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21. Könnte es sein, dass die Bahnchefs ähnlich hin und her gerissen sind wie einst Zedekia? Einerseits hält die Regierung am Weiterbau des Projekts fest, andererseits häufen sich die Katastrophenmeldungen. Es wird alles noch teurer, es geht vieles noch langsamer als geplant wie beim völlig unerwarteten Wassereinbruch bei Obertürkheim, das veruntreute Geld fehlt, um pünktlicher zu werden, die Verschuldung steigt bedrohlich. Das hoch gelobte Signalsystem, das für S 21 unumgänglich ist, macht die Züge noch teurer und lässt noch weniger Verkehr in der Untergrundhaltestelle zu. Die alten Probleme wie der Brandschutz bleiben weiter ungelöst. Und schließlich: Die Staatsanwaltschaft neigt immer mehr dazu, wegen Untreue zu ermitteln. Wie bei Zedekia wird es auch persönlich bedrohlich für die Vorstände. Es ist zwar kein „Wort des Herrn“, das die Vorstände erwarten, vielleicht wollen sie in den Gesprächen auch nur die Gefahren ausloten, die ihnen drohen, aber einen Rat haben die Gesprächsteilnehmer vom Aktionsbündnis schon für sie. Und der heißt: Umstieg 21. Das wäre jedenfalls mein „Wort des Herrn“ für ihre Rettung.

Wie schon Jeremia Zweifel hat, ob Zedekia auf ihn hören wird, so müssen auch wir Zweifel haben, ob die Bahnvorstände für unseren Rat wirklich offen sind. Zedekia wurde einst für seinen Beratungsresistenz schwer bestraft: Nachdem er seine Militärs hat Krieg führen lassen, werden Stadt und Tempel zerstört, er selbst geblendet in die Gefangenschaft nach Babel geführt. Als Befürworter des Umstiegs 21 können wir kein Interesse an der Bestrafung der Beratungsresistenz der Bahnchefs haben, aber gerade deshalb müssen wir ihnen die Konsequenzen besonders deutlich vor Augen führen. Deshalb sind diese Gespräche wichtig, auch falls der Berliner Justizsenator der Staatsanwaltschaft kraft seiner Weisungsbefugnis die Ermittlungen gegen die Vorstände verbietet. Wir müssen weiter warnen vor den Gefahren des ungelösten Katastrophenschutzes, vor den Risiken des Gipskeupers, vor der Bedrohung durch Überschwemmungen und vor den Folgen des Rückbaus des Bahnverkehrs für den wachsenden Autoverkehr.

Genauso müssen wir natürlich auch Überzeugungsarbeit leisten bei beratungsresistenten Politikern. Als Beispiel möchte ich heute den Vorsitzenden des Bundesverkehrsausschusses, Cem Özdemir herausgreifen. Am 11. Februar veröffentlichte die Frankfurter Rundschau ein Interview mit ihm. Seine Aussage, „wir brauchen keine Retroverkehrspolitik“ wurde als Schlagzeile abgedruckt. Er sagte, er wolle nichts vorschreiben, aber es müssten „bessere Angebote“ gemacht werden im Sinne von „Alternativen zum Auto“. Ich nahm die Gelegenheit beim Schopf und erinnerte in einem Leserbrief an Özdemirs feiges Ausweichen in der Sitzung des Verkehrsausschusses, in der Thilo Sarrazin als ehemaliger Finanzvorstand der Bahn aussagte, er habe schon 2001 vor der erkennbaren Unwirtschaftlichkeit des Projekts Stuttgart 21 gewarnt. Ich hielt Özdemir seinen Satz vor:
„Jetzt isch d’Katz scho da Baum nuf“. Er befürwortete damit den Weiterbau, obwohl er das Konzept Umstieg 21 kennen musste. Ich warf ihm vor, den Bahnvorstand nicht gefragt zu haben, wie die Berechnung der Ausstiegskosten aussieht, nach der der Ausstieg teurer werden soll als die Fertigstellung von S 21. Er hätte dabei erfahren können, dass unsinnigerweise ein Rückbau der Strecke Wendlingen – Ulm veranschlagt wurde, den niemand fordert, auch nicht die Erfinder des Umstiegs 21. Er hätte dann bemerken können, dass die Katze noch keineswegs auf dem Baum ist bzw. durchaus heruntergeholt werden kann. Nach dem Abdruck des Leserbriefs mailte ich den Text an Özdemir mit der Versicherung, ich würde den Vorwurf der Feigheit sofort zurücknehmen, wenn er der Ausstiegskostenfrage nachgehe und die Konsequenzen daraus ziehe.

Zwischenzeitlich habe ich erfahren, dass Eisenhart von Loeper die Herausgabe der Berechnung der Ausstiegskosten gerichtlich betreibt. Da könnte sich Özdemir verbünden. Außerdem kam mir zu Ohren, dass der Bahnvorstand zwar kein „Wort des Herrn“, aber ein Wort des Aktionsbündnisses zur Wendlinger Kurve erbeten hat. Ich gehe davon aus, dass es hierbei auch um das Problem geht, was zu tun ist, wenn die Strecke Wendlingen-Ulm Jahre vor der schrägen Untergrundhaltestelle fertig wird. Dann müssen dort für teures Geld leere Züge die Tunnel belüften. Ein Anschluss über Plochingen an den Kopfbahnhof könnte durch normalen Zugverkehr die Lüftung besorgen und wäre eine gute Erfahrung auf dem Weg zum Umstieg 21. Die Bahn hatte die Streckenführung über Plochingen geplant. Es war die Politik im Ländle, die gegen den Bahnwiderstand den Weg über den Flughafen durchdrückte. Mit einer geschickten Wendlinger Kurve käme die ursprüngliche sinnvolle Bahnplanung doch noch zum Zug.

Bei aller Vorsicht hinsichtlich der Motivation der Bahn bei den Gesprächen mit dem Aktionsbündnis besteht Hoffnung, dass die bisherige Beratungsresistenz aus eigenem Bahninteresse überwindbar ist. Als Christen geben wir jedenfalls den Glauben an die Umkehrfähigkeit der Verantwortlichen nicht auf. Amen.

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