Ansprache zum Parkgebet am 30.7.20 zu Joh 9,2-3 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Seine Jünger fragten ihn: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren worden ist? Jesus antwortete: Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.

Die Jüngerfrage nach der Schuld am Unglück des Blinden bringt auf die sichere Seite: Die Frager haben mit der Sache nichts zu tun. Jesus erklärt aber, dass sie sehr wohl damit zu tun bekommen. Denn an dem Blinden soll das Werk des barmherzigen Gottes erfahrbar werden und die Jünger sollen zu Gottes barmherzigen Händen an dem Blinden werden. Es passiert auch heute noch, dass Passanten einen Menschen mit Behinderung in einem Rollstuhl begaffen, wenn sie aber an einer Treppe um Hilfe gebeten werden, ergreifen sie die Flucht. Diesen Fluchtweg schneidet Jesus ab. Er heilt den Blinden auf wunderbare Weise mit Speichel, den er mit Erde vermischt hat. Heute müssen wir nicht auf solche Wunder warten, es reicht eine Spende bei einer Blindenhilfsorganisation, die in einem armen Land durch Medikamente oder Operationen vor Blindheit rettet oder Unheilbaren zu einer beruflichen Existenz verhilft. So bauen Menschen am Reich des barmherzigen Gottes.

Schon seit jeher ist die Erzählung von dieser Blindenheilung auch im übertragenen Sinn verstanden worden: In der Begegnung mit Jesus wird auch geistige und seelische Blindheit geheilt. Als Jesus bei dem Steuereintreiber Zachäus einkehrt, sieht dieser plötzlich, wonach er bisher gestrebt hat und welches Glück ein Leben unter dem barmherzigen Gott bedeutet. So heißt es in dem Lied „Amazing grace“: „I was blind, but now I see“, ich war blind, aber nun sehe ich. Der Autor John Newton schrieb dieses Lied, nachdem er 1748 als Kapitän eines Sklavenschiffes aus schwerer Seenot gerettet worden war. Er war von da an menschlicher zu Sklaven, gab schließlich seinen Beruf auf, wurde Geistlicher und kämpfte gegen die Sklaverei. Er konnte plötzlich sehen, dass die geschundenen Sklaven eine Herausforderung waren, ein Werkzeug des barmherzigen Gottes zu werden und an seinem Reich mit zu bauen.

Jesu Heilung von geistig-seelischer Blindheit bekommt für mich heute besondere Aktualität angesichts der weltweit verbreiteten neoliberalen Verblendung, alles würde gut, wenn wir nur die mächtigen Konzerne in freien Märkten wirken ließen. Jesus nennt diese Ideologie einen Dienst am Götzen Mammon, der mit dem Glauben an den barmherzigen Gott unvereinbar ist (Mt 6,24). Papst Franziskus bringt es auf den kurzen Nenner: „Diese Wirtschaft tötet!“ Wenn uns Jesus dafür die Augen öffnet, kann es nur noch eine Umkehr geben wie bei Zachäus.

Am brutalsten ist uns das vor Augen geführt worden in der Coronakrise. Eine auf den Mammon fixierte Gesundheitsfürsorge kam nicht auf die Idee, Schutzmasken und Schutzkleidung vor zu halten, obwohl die Pandemie von Fachleuten schon 2013 vorausgesagt wurde. So blieben die Risikogruppen ungeschützt, unabhängig vom Shutdown. Der schwedische Chefvirologe, der auf Herdenimmunität setzte, musste am Ende kleinlaut eingestehen, dass die Gefährdeten nicht geschützt werden konnten. Deutsche Häme darüber ist unangebracht: Im bayrischen Kreis Tirschenreuth, dem Ort des strengsten bayrischen Lockdowns, war die Todesrate vier Mal höher als im schwedischen Durchschnitt, weil für die Beschäftigten in den Pflegeheimen keinerlei Schutzausrüstung zur Verfügung stand und die Betreuten so zwangsläufig angesteckt wurden.

Zugleich wurde uns in der Krise vor Augen geführt, dass besonders Klima schädliche Branchen wie Fernflug- oder Kreuzfahrtreisen überflüssig sind. Auch ständig neue Autos zu kaufen war plötzlich verzichtbar. Die von der Mammonsgier geprägte weltweite Verlagerung von Produktionen in Billiglohnländer brachte plötzlich schmerzhafte Lieferengpässe. Die nach dem Mammon gierenden Schlachtfabrikbesitzer, die Billigarbeitskräften unsägliche Bedingungen zumuten, wurden als Risiko für die Gesamtbevölkerung bewusst. Andererseits wurde offensichtlich, dass die lebensnotwendigen Branchen wie der Lebensmitteleinzelhandel, die Arbeit in Kliniken oder Pflegeheimen gegenüber den Klima schädlichen Industrien unterbezahlt sind.
Für uns Gegner des Projekts Stuttgart 21 sind solche Einsichten in die neoliberale Mammonsgier nicht ganz neu. Hier ist seit 10 Jahren die neoliberale Verblendung besonders mit Händen zu greifen. Die katastrophale Fehleinschätzung der Kanzlerin, an diesem Projekt hinge die Zukunft der deutschen Wirtschaft – gemeint war wohl die Zukunft ihrer neoliberalen Politik, der verhängnisvolle Verzicht auf die Klärung des Katastrophenschutzes und die maßlose Geldverschwendung bei gleichzeitiger Verschlechterung des Bahnverkehrs, all dies setzte voraus, dass die Verantwortlichen nicht nur auf einem, sondern auf beiden Augen blind waren für die Unsinnigkeiten und Gefahren dieses neoliberalen Schlüsselprojekts. Auf kirchlicher Seite fehlte die Sensibilität zu erkennen, dass hier die Warnung Jesu vor dem Mammon zu beherzigen gewesen wäre. Von unserer Kirchenleitung war zu hören, es sei doch nur ein Bahnhof, ohne zu bemerken, dass nur eine schräge Haltestelle gebaut wird, weil das Projekt einer vom Mammon geleiteten Grundstücksspekulation entsprang.

Wir wollen aber nicht beim Jammern stehen bleiben. Wir lassen uns von Jesus die Augen immer wieder öffnen und teilen unserer Umwelt mit, was wir da sehen gelernt haben. Wir haben uns durch den schwarzen Donnerstag nicht einschüchtern lassen und wir lassen uns auch nicht blenden durch die triumphierend gefeierten Baufortschritte. Wir sehen ab, dass das dicke Ende noch nachkommt. Wir müssen keine Angst davor haben, denn wir kennen die Alternative, den Umstieg 21 und lassen die Hoffnung nicht fahren, dass der Mehrheit im Land doch noch die Augen aufgehen. Amen.

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