Parkgebet digital am 28. Januar 2021 von Pfr.i.R. Michael Harr über Lukas 6, 36

(hier als pdf-Datei)
(und hier alle Lieder und Texte dieses Parkgebets)

Jesus Christus spricht.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Lukas 6, Vers 36

Ich möchte noch einen Text von Wolf Biermann anfügen, der uns wohl allen bekannt ist.

Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich

 

Die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 haben uns verändert. Ich will wahrlich nicht so weit gehen zu sagen, dass sie uns zu anderen Menschen gemacht haben, aber sie haben doch das Leben vieler von uns verändert. Das alles ist an unserem Seelenleben nicht spurlos vorübergegangen.

Wir haben vielleicht neu gemerkt, wie sehr wir andere Menschen brauchen – gerade auch dann, wenn wir dem Unrecht und der Korruption entgegentreten wollen. Wir haben an vielen Punkten gemerkt, dass wir gar nicht so machtlos und gegenüber den Mächtigen so hilflos sind, wie wir vielleicht immer dachten. Wir haben neue Freundschaften geschlossen und alte wiederbelebt.

Wir haben auf der anderen Seite auch Gefühle von Wut, Enttäuschung und Verbitterung in uns gespürt. Wir mussten durch dunkle Stunden wie nach der Volksabstimmung und durch Resignation hindurch.

Wir haben gemerkt und erfahren, dass es wahrlich nicht nur um einen Bahnhof geht, sondern auch um unseren Platz in der Stadt, in dieser Welt und wie wir mit den Zuständen in Politik und Gesellschaft umgehen. Und wir haben eben auch gespürt, dass das an unserem Seelenleben nicht spurlos vorübergeht.

Darum wollen wir am Beginn dieses neuen Jahres auf das Bibelwort hören, das uns als Jahreslosung für dieses Jahr gegeben ist. Es ist ein Wort, das uns in der Bergpredigt des Lukas-Evangeliums überliefert ist. Jesus sagt hier: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Ich sehe da erst einmal ein Problem, eine Schwierigkeit. Jesus gibt hier eine Anweisung: Seid barmherzig!, aber geht das denn? Kann man das anordnen? Man kann sagen: Tu dieses oder tu jenes! Hol den Krankenwagen! Spende Geld! Man kann anweisen, dass etwas getan wird, aber kann man auch anweisen, dass sich das Herz ändert? Kann man das so anordnen, dass wir nicht nur anders handeln, sondern auch zu anderen Menschen werden? Da bin ich sicher: „Man“ kann das nicht. Das geht nicht, aber Jesus hat etwas Neues in die Welt gebracht. Das ist sein Geist, das ist das Vorbild seiner Güte und vor allem ist das diese Botschaft, dieses Evangelium: Gott, euer Vater und eure Mutter, ist barmherzig, ist die Liebe, hat ein weites Herz.

Nicht Befehle und Anweisungen oder gar Drohungen und angsteinflößendes Reden von Gott verändern uns, sondern diese Kraft zum Neuen ist in dieser Verkündigung, die Jesus gebracht hat. Er stellt uns Gott neu vor und das kann uns verändern – uns und auch die anderen.

Man hat uns oft als „Wutbürger“ bezeichnet. Sicher nicht immer zu Unrecht! Wie oft haben wir eine Stinkwut gehabt. Als damals der schwarze Donnerstag war, war ich gerade in Berlin, bekam einen Anruf und hörte so, was in Stuttgart lief. Ich stand dann am Zaun vor dem Bundeskanzleramt und habe meine Wut hinausgeschrien. Ich hätte das vorher nicht für möglich gehalten, dass ich so meinen Zorn herauslassen könnte. Ich möchte aber betonen: Wir haben unserer Wut nicht freien Lauf gelassen, auch wenn Provokateure uns genau dazu verleiten sollten.

Wir hatten den langen Atem zum Widerstand gegen Stuttgart 21 nicht aus Wut heraus, sondern weil wir gute Gefühle, weil wir Verantwortung in unseren Herzen haben und hatten. Und das hoffe ich weiterhin, dass weder Wut noch Resignation unsere Herzen erfüllen, sondern der Geist Gottes, der barmherzige und gute Gedanken in uns lebendig werden lässt.

Jesus stellt uns das Vorbild Gottes vor Augen. Vor allem dazu hat er uns seine Gleichnisse wie das vom verlorenen Sohn und von dessen Bruder und Vater erzählt. Er stellt uns Bilder vor Augen, die unsere Herzen bewegen und ansprechen können – unsere Herzen und die Herzen auch der anderen, die Herzen auch derer, die diesen Irrsinn von Stuttgart 21 zu verantworten haben und so vieles andere, was in dieser Welt schlecht und böse läuft.

Vor einigen Tagen kam mir der Gedanke, wie es Donald Trump, dieser Zwittergestalt aus Despoten und Hofnarr, jetzt wohl gehe. Ich hoffe und will dafür beten, dass ihm Gedanken von Einsicht und Reue kommen.

Darum wollen wir bitten für uns und die anderen und auch die, die uns fremd und feindlich sind, dass wir der Kraft der Liebe Gottes vertrauen können – auch in diesem Jahr. Dann kann es für uns ein gesegnetes Jahr mit unserem Gott werden.

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