Ansprache beim Parkgebet am 12.9.19 zu Lk 19,41-44 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Und als er näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn es werden Tage über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall gegen dich aufwerfen und dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten bedrängen und dich dem Erdboden gleich machen.

Als Jesus sich Jerusalem nähert, spürt er in prophetischer Weise, dass die Heißsporne, die einen militärischen Aufstand gegen die römische Besatzung von ihm erwarten, auf den Untergang der Stadt hin arbeiten. Bei der Kritik des römischen Machtmissbrauchs nimmt Jesus kein Blatt vor den Mund, aber er empfiehlt keine Gegengewalt, sondern eine Gegenkultur des Dienens (Mk 10, 42-44). Allenfalls befürwortet Jesus gewaltfreien zivilen Widerstand, etwa durch eine Boykott römischen Geldes (Mk 12,13-17), weil die Kaiserbilder auf den Münzen Götzenbilder sind. Jesus wünscht der Stadt auch nicht Feuer vom Himmel, sondern weint über sie, als er das Unheil voraussagt.

Ich bin auf diesen Text gekommen, als ich im Fernsehen den Tübinger Landrat sagen hörte, er habe kein Verständnis dafür, dass der Landesverkehrsminister das Projekt Stuttgart 21 so schlecht rede. Er lese doch von Seiten der Bahn, dass mit S 21 der integrale Deutschlandtakt vollständig möglich sei. Er macht sich damit blind für das Unheil, das mit S 21 auf uns zu kommen kann, wie einst die Eliten in Jerusalem nicht sehen wollten, was sie mit einer militärischen Erhebung anrichten würden. Die Katastrophe trat 40 Jahre später ein: Jerusalem wurde zerstört. Gewiss war das insgesamt schlimmer als das, was uns mit S 21 erwartet, aber immerhin werden auch bei S 21 Menschenleben gefährdet. Dass die Region Stuttgart durch die schräge Untergrundhaltestelle bahntechnisch abgehängt wird, mag demgegenüber weniger wichtig zu sein, aber dass ein CDU-Landrat von Tübingen den verlogenen Heilspropheten der DB AG derart unkritisch glaubt statt sich selbst zu informieren, erscheint mir doch ein Symptom eines noch größeren Unheils.

In den vergangenen Wochen entstand im industriellen Norden unseres Planeten große Empörung über die Brandstifter im Regenwald des Amazonasgebiets. Nur wenige Stimmen machten darauf aufmerksam, dass Europa selbst damit zu tun hat. Durch das Handelsabkommen Mercosur versucht Europa für bessere Absatzmärkte in Südamerika zu sorgen, umgekehrt soll mehr Fleisch von dort in Europa verkauft werden. Das ermutigt, den Regenwald für Rinderzucht und Tierfutter zu nutzen. Die dortigen Fleischkonzerne opfern den Wald und das Klima für ihre Profite. Schlimm. Aber genau das machen auch unsere Konzerne, die immer mehr spritfressende Autos und Flugreisen für mehr Gewinn anbieten, und die Kunden machen mit. Sie machen sich blind für die Klimafolgen wie der Tübinger Landrat für die Folgen von S 21.

Nun sind erfreulicherweise junge Leute zu Freitagsdemonstranten geworden und rütteln Politiker wach. Die Jugendlichen wollen nicht mehr die Augen so zu machen wie die Politiker, die in vorlaufendem Gehorsam von den Profit orientierten Konzernlobbyisten die Gesetze formulieren lassen. Gewiss können diese jungen Leute nicht gleich die Lösungen präsentieren, um die sich selbst ernannte Fachleute wie der FDP-Chef Lindner bisher nicht gekümmert haben. Aber der Erfolg oder das Erlahmen der Bewegung Fridays for Future wird davon abhängen, ob sie rettende Visionen entwickeln sowie Mittel und Wege aufzeigen können, beim Klimawandel gegenzusteuern. Es wird nicht ausreichen sich zu beklagen, dass irgendwer ihnen ihre Zukunft klaut. Nicht nur sie, wir alle, müssen weltweit anschauen, was unterlassen werden muss und was neu anzupacken ist. Dabei werden diese Kinder des reichen Nordens und wir alle gestehen müssen, dass wir verstrickt sind in ein Wirtschaftssystem, das dem Götzen Mammon folgt und nicht dem Gott der Barmherzigkeit. Nur wenn wir global dem Götzen absagen und in unserem Denken und Handeln dem barmherzigen Gott dienen lernen, ist auch für das Klima Rettung in Sicht.
Wenn wir bejammern, dass unser Klima in Mitteleuropa mittelmeerischen Charakter bekommt, dann wirkt das wehleidig, denn in den verdorrenden Gegenden Afrikas uns Asiens steigen die Temperaturen auf 40-50 Grad Celsius. In den kommenden Jahrzehnten werden 700 Millionen Menschen vor dem Verdursten aus den verdorrenden Regionen fliehen müssen, um das nackte Leben zu retten. Der reiche industrielle Norden mit seinen Möglichkeiten muss jetzt dort für ein auskömmliches Leben sorgen. Statt Waffen und luxuriöse Spritfresser zu bauen und den Flugverkehr auszuweiten müssen Bewässerungssysteme entwickelt und gebaut werden, damit z.B. die Sahara fruchtbar und bewaldet wird. Ich stelle mir Windräder vor den leer gefischten Küsten Afrikas vor, die Meerwasser ins Landesinnere pumpen. Dort kann sich die Bevölkerung selbst mit einfachen Mitteln Entsalzungsanlagen bauen, um Trinkwasser zu produzieren, Felder zu bewässern und Wälder aufzuforsten. Preiswerte Parabolrinnen mit wenig Ressourcenverbrauch liefern solaren Strom nach Europa und ersetzen dort fossile Energieträger. Die Jugend im Norden wird dann Arbeitsplätze besetzen, die nicht mehr zerstörend, sondern rettend und barmherzig wirken.

Ein Mosaikstein wird dabei ein Bahnverkehr sein, der Autos weitgehend überflüssig macht. Deshalb muss hier in Stuttgart das Konzept Umstieg 21 verwirklicht werden, damit wir beim Anblick der Stadt künftig nicht mehr weinen müssen wie einst Jesus über Jerusalem. Amen.

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