Ansprache beim Parkgebet am 5.12.2019 zu Joh 12,13-14 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Sie nahmen Palmzweige, zogen Jesus entgegen und riefen: „Hosianna, gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn“, der König von Israel. Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben seht: „Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt, reitend auf einem jungen Esel“

Im Advent erinnern wir uns an den Einzug Jesu in Jerusalem. Das Volk schreit seine Hoffnung laut hinaus und streut Palmzweige wie bei der Heimkehr eines siegreichen Feldherrn. Doch Jesus zeigt mit einer ebenso deutlichen Geste, dass er keinen militärischen Aufstand anführen wird gegen die römischen Besatzer. Feldherrn kommen auf Pferden daher, Jesus auf einem jungen schwachen Esel. Jesus empfiehlt einen anderen Umgang mit den römischen Feinden als die militaristischen Heißsporne seiner Zeit. Er predigt und lebt den gewaltfreien zivilen Widerstand durch Boykott des römischen Geldes, das wegen des kaiserlichen Götzenbilds darauf für Juden tabu ist (Mk 12,13-17; /2. Mose 20, 3-4). Dieser Boykott hätte freilich zu einem bescheidenen Leben gezwungen. Heute nennt man das einen kleinen ökologischen Fußabdruck. Was bedeutet das für uns?

Die Weltmacht USA hat heute die Stellung der damaligen Weltmacht Rom. Der Dollar als Weltwährung gibt den USA die Möglichkeit, sich beliebig zu verschulden und neues Geld zu drucken. Wer mit dem Gedanken spielt, den Dollar zu boykottieren und etwa den Euro zur Leitwährung zu machen, dem ergeht es wie Saddam Hussein. Er war einst guter Freund der USA gegen den Erzfeind Iran, obwohl er seine eigene Bevölkerung gelegentlich mit Giftgas mordete. Als er für sein Öl nicht mehr Dollar, sondern Euro haben wollte, wurde er zum US-Feind und mit einem verlogenen Krieg überzogen. Als er gefangen genommen war, bekam er in einem kurzen Prozess die Todesstrafe, damit seine verbrecherische Kumpanei mit den USA nicht bekannt wurde.

Wenn Deutschland heute zu wenig in den USA kauft, folgen Strafzölle auf deutsche Exporte in die USA für diesen unerlaubten Boykott. Gleichzeitig werden von uns mehr Militärausgaben verlangt, um als treue Vasallen dem US-Feudalherren in seinen verlogenen Kriegen um Öl oder andere Rohstoffe beizustehen. Ministerin Kramp-Karrenbauer gibt die treue Vasallin und propagiert eine deutsche Rüstungsindustrie sowie mehr so genannte Verantwortung, d.h. mehr militärische Vasallentreue gegenüber Kaiser Trump. Vergessen scheint der Eselritt Jesu, das C passt tatsächlich nicht mehr zur Leuchtschrift auf der Berliner CDU-Zentrale.

Von einer Partei, die sich christlich nennt, ist zuallererst zu erwarten, dass sie die Atomwaffen aus Büchel ersatzlos wegschaffen lässt, sich in der Nato nur noch an nicht militärischer Konfliktlösung beteiligt und die Bundeswehr zu einer zivilen, allenfalls polizeilichen Entwicklungshilfeorganisation umgestaltet. Ein solcher Umgestaltungsplan ist in der badischen Landeskirche entworfen worden. Im Konflikt zwischen den USA und dem Iran um atomare Bewaffnung muss Deutschland gegen das US-Verbot weiter den Handel mit dem Iran aufrechterhalten, auch wenn die USA deshalb deutsche Firmen beim Handel bestraft. Wie einst zur Zeit Jesu muss beim gewaltfreien zivilen Widerstand ein kleinerer ökologischer Fußabdruck in Kauf genommen werden. Dem Klima wird dies gut tun. Und wir werden die Verheißung Jesu erfahren, dass weniges zu teilen glücklicher macht als vieles zu raffen (Mk 6,30-44).

Ein Konsumboykott im Sinne Jesu kann auch die Konzernherren entmachten, die in der Pyramide der Macht noch über dem plumpen Kaiser Trump stehen. Sie dürfen durch ihre Lobbyisten die Gesetze so schreiben lassen, dass für sie der optimale Profit entsteht. Durch Handelsverträge wie Ceta mit dubiosen Schiedsgerichten wird ihnen ermöglicht, von uns Steuer Zahlenden zusätzlichen Profit zu holen, falls ein Gesetz doch ihre Geschäfte beschneiden sollte. Sie dürfen das alles, weil ihnen in neoliberaler Verblendung die messianische Kompetenz zuerkannt wird, für ständig wachsenden allgemeinen Wohlstand zu sorgen. Wenn wir aber massenhaft mit weniger glücklicher werden, verlieren die mammonshörigen Konzernlenker ihre Macht und die Maske der Wohltäter, weil sie trotz immer mehr digitaler Werbung keinen weiteren sinnlosen Konsum erreichen.
Solche Konsequenzen aus dem Eselritt und dem zivilen Widerstand Jesu haben auch Bedeutung für den Kampf gegen das zerstörerische Unsinnsprojekt Stuttgart 21. Winfried Wolf hat immer wieder akribisch nachgewiesen, wie Autokonzernlenker das Projekt S 21 forciert haben, weil schlechterer Bahnverkehrs angeblich die Autobranche stärkt, die scheinbar für unseren Wohlstand sorgt. Aber in Wirklichkeit macht diese autogerechte Verkehrspolitik mehr Staus und schlechtere Luft. Die jüngere Generation zieht die Konsequenzen: Sie boykottiert zunehmend das Auto, es ist nicht mehr Statussymbol, in der Stadt wird es zum Klotz am Bein, auch das E-Auto. Die SUV-Begeisterung wird mit den älteren SUV-Fans aussterben. Wenn die Auto-Region Stuttgart nicht das Schicksal von Detroit erleiden soll, dann müssen die Autokonzerne und ihre Zulieferer neben den Autos neue Produkte entwickeln, die die Welt wirklich braucht, etwa Bewässerungsanlagen für Dürregebiete, die mit erneuerbaren Energien funktionieren. Statt mit autonomem Fahren für wenige megareiche Kunden muss die Autobranche ihr Geld künftig verdienen etwa mit alternativer Energiegewinnung.

Anders als zur Zeit Jesu können wir solches Umdenken heute nicht nur durch Konsumboykott fördern, sondern auch bei Wahlen. Die neoliberal verblendete große Koalition hat dies bezüglich ja schon einiges Fett ab bekommen. Durch die mutige Wahl der SPD-Basis kann die SPD wieder sozialdemokratisch werden aus der Groko aussteigen und linke Bündnisse suchen. Das deutsche Problem ist freilich, dass aus traditioneller Linkenangst neoliberal Geschädigte nicht selten rechts wählen statt links. Die Thüringer haben nun ein hilfreiches Zeichen gesetzt: Links kann vernünftig regieren. Der rechten Wählerschaft ist nun geduldig zu vermitteln, dass die AfD zwar schreit „Merkel muss weg“, aber dann die neoliberale Politik der Kanzlerin extrem verschärft, wenn sie etwa die Abschaffung der Erbschaftssteuer fordert. Auch wenn es derzeit nicht nach dem Umstieg 21 aussieht, wir müssen unsere Hoffnung nicht aufgeben, dass die Mehrheit im Land der neoliberalen Politik überdrüssig wird, gerade am Beispiel S 21, und bei Wahlen umsteigt. Amen.

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