Parkgebet am 19. März 2020 von Jutta Radicke

Liebe Parkgebets-Gemeinde,

aus aktuellem Anlass steht das Leben in Stuttgart, ganz Deutschland und vielen anderen Ländern weitgehend still. Die meisten Läden haben geschlossen. Sportveranstaltungen, selbst Fußball, fallen aus. Ansammlungen von Menschen müssen vermieden werden, um die Weiterverbreitung des Corona-Virus zumindest zu verlangsamen. Das betrifft auch unser Parkgebet, das seit fast zehn Jahren regelmäßig im Mittleren Schlossgarten stattfindet.

Wir haben uns entschlossen, das Parkgebet  wenigstens in sehr eingeschränkter Form digital – weiterzuführen und heißen Sie alle dazu herzlich willkommen, auch wenn wir uns nicht von Angesicht zu Angesicht sehen können.

Momentan können wir Ihnen leider nur Text- und Tondateien zur Verfügung stellen. Wir arbeiten daran, den Internet-Auftritt auszubauen. Schön, dass Sie uns auf diesem Weg begleiten.

Herzlich, Ihr Parkgebets-Team
Stuttgart, am 19.03.2020

(hier die Ansprache als pdf-Datei)

Zu viel Zeit oder zu wenig Zeit?  Jutta Radicke am 19.03.2020

Was ist „normal“? Keine Zeit zu haben. Viel zu tun, man hetzt von einem Termin zum nächsten, weiß kaum, wie man seine Aufgaben bewältigen soll.

Die berufstätige Mutter, die ihr Kind in den Kindi bringt, nebenher noch ihren Haushalt stemmt. Der Firmenchef, der Aufträge heranschaffen muss, Schüler und Studenten, die Stress in der Schule haben und auf Klausuren lernen müssen und vieles mehr. Man hat zu viel Arbeit für zu wenig Zeit.

Das kennen auch wir, die wir uns für einen vernünftigen Bahnverkehr einsetzen, darauf hinweisen, dass Stuttgart 21 weniger Kapazität bietet als der Kopfbahnhof, dass das Brandschutzkonzept völlig untauglich ist. Wir gehen hier zu einer Demo, da zu einem Vortrag, informieren über die Gefahren von Stuttgart 21, setzen uns mit Umstieg 21 dafür ein, schon gebaute Teile des Projektes sinnvoll umzunutzen und Bestehendes auszubauen. Das ist ressourcenschonend. Uns gehen nicht die Ideen aus, wohl aber die Zeit.

Und jetzt – steht das öffentliche Leben fast still. Unis, Schulen und Kitas sind geschlossen, Kinos, Discos, die meisten Läden auch, Großveranstaltungen, selbst beim Fußball, sind verboten, die Montagsdemo gibt es nur noch im Internet.

Was ist geschehen?

Von China aus verbreitet sich ein neuer Krankheitserreger. Er ist in Europa, in Deutschland angekommen. Es gibt schon viele Erkrankte, auch Tote sind zu beklagen. Es gibt noch keine Medikamente gegen diese Krankheit und keine Impfung. Also muss man versuchen, die Infektionsketten zu unterbrechen. Sie alle schauen im Fernsehen Nachrichtensendungen an oder lesen Zeitung. Ich muss hier nicht ins Detail gehen.

Um die Verbreitung des Coronavirus wenigstens zu verlangsamen, dass nicht so viele schwer Erkrankte gleichzeitig auf die Krankenhäuser zukommen, sind weitgehende Maßnahmen ergriffen worden. Einige habe ich schon genannt. Da Schulen und Kitas geschlossen wurden, müssen berufstätige Mütter und Väter alternative Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder finden. Zu den Großeltern dürfen sie sie nicht bringen, denn sie gehören zu den Risikogruppen.

Jetzt wo so viel geschlossen ist, haben plötzlich ganz viele Menschen ganz viel Zeit, denn mit geschlossnen Kinos, Theatern, Fitnessstudios und vielem mehr sind viele Freizeitattraktivitäten weggebrochen.

Wie kann ich die Zeit, die nun im Überfluss vorhanden ist, sinnvoll nutzen?

Das Leben derer, die in häuslicher Quarantäne sind, beschränkt sich auf ihre eigenen vier Wände. Dasselbe gilt für Senioren, auch wenn sie wohlauf sind, denn wegen der Infektionsgefahr dürfen sie keine Besuche mehr bekommen, sich nicht um ihre Enkel kümmern. Es bleiben nur Fernsehen und Bücher. Mal wieder so richtig schmökern, einen Krimi lesen oder sich in einen Gedichtband vertiefen ist schön.

Bisher fehlte für sportliche Betätigung oft die Zeit. Jetzt ist eine gute Gelegenheit, damit anzufangen und etwas für seine Gesundheit zu tun, Joggen, Radfahren, allerdings nicht in der Gruppe. Es eröffnet sich die Chance, mit der engeren Familie mehr zu unternehmen, mal wieder einen Spieleabend anzusetzen.

Viele Schüler und Studenten wollen sich in ihrer unverhofften freien Zeit nützlich machen und haben in den Straßen Zettel aufgehängt, auf denen sie anbieten, für Menschen, die Ihre Wohnung nicht verlassen dürfen, einzukaufen. Eine tolle Sache, eine neue Dimension der Menschlichkeit. Auch wir können uns um Menschen kümmern, die plötzlich nicht mehr aus dem Haus dürfen, natürlich ohne direkte Begegnungen. Wen habe ich schon lange nicht mehr gesehen? Kann ich ihn anrufen oder – ganz altmodisch – ihm einen Brief schreiben?

Andere, Ärzte und Pflegekräfte z.B. haben das gegenteilige Problem. Sie kommen mit ihrer Arbeit kaum nach, arbeiten bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit.

Über unseren akuten Problemen wollen wir die Bedrohung für die Umwelt nicht vergessen. Die Bewegung Fridays for Future wird von jungen Leuten getragen und spricht weite Bevölkerungskreise an, hat in Politik und Gesellschaft ein Umdenken eingeleitet. Wir denken an die Flüchtenden, die auf griechischen Inseln unter menschenunwürdigen Verhältnissen hausen müssen, auch an die an der griechisch-türkischen Grenze und anderswo. Die humanitäre Hilfe muss aufgestockt werden. Städte und Gemeinden haben sich bereit erklärt, Flüchtende aufzunehmen. Das reicht längst noch nicht aus. Politik und Gesellschaft sind auch hier gefordert.

Zurück zu unserer aktuellen Lage. Die Maßnahmen, z.B. Ansammlungen von Personen zu vermeiden, treffen uns als Bewegung hart, aber wir haben Verständnis dafür, weil es hilft, die Verbreitung der Krankheit zumindest zu verlangsamen.

Auf dem Liedblatt sind zwei Strophen des Liedes „Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen“ abgedruckt. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns in dieser schwierigen Zeit begleitet, uns immer wieder Kraft gibt und auch unsere Gemeinschaft untereinander stärkt.

In diesem Sinne freuen wir uns auf ein Wiedersehen mit Ihnen.
Bleiben Sie gesund!

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