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Ansprache beim Parkgebet am 26.1.2017 zu Lk 18, 40-43 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tun soll? Er antwortete: Herr, dass ich wider sehend werde. Und Jesus sprach zu ihm: Werde wieder sehend! Dein Glaube hat dich gerettet. Und sofort wurde er wieder sehend, und er folgte ihm nach und pries Gott.

Die Heilung des Blinden in Jericho wirkt auf uns heute beim ersten Hören fremd, denn wir wissen von der modernen Medizin, wie Menschen durch Operationen wieder sehen können. Erst beim zweiten Hinsehen wird die Aktualität der Erzählung deutlich. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, wo er nicht auf körperliche, sondern geistige Blindheit treffen wird. Unmittelbar nach der Heilung in Jericho besucht Jesus den Zachäus, der vor Gier blind ist und nicht sieht, dass er sich durch diese Gier selbst durch Isolierung im Ort bestraft. Durch die Begegnung mit Jesus wird er sehend, legt seine schädliche Gier ab und folgt Jesus nach auf dem Weg in das Reich Gottes des fairen Teilens. Aus diesem Blickwinkel wird die Wunderheilung in Jericho plötzlich hochaktuell, denn die schädliche Gier macht heute so blind wie damals und ist hartnäckig verbreitet. Ärztliche Kunst ist so machtlos dagegen, dass es einem Wunder gleichkommt, wenn Menschen davon befreit werden.
Die blinde Gier wurde bei uns epidemisch durch die Machtergreifung des Neoliberalismus. Angeregt durch ihre Heilspropheten Thatcher und Reagan ergriff sie auch unser Land mit der schwarz-gelben Revolte gegen Helmut Schmidt. Unterstützt von Roman Herzog, dem jetzt vielgerühmten Ruckpropagandisten, breitete sie sich weiter aus unter Gerhard Schröder und Angela Merkel, weil ihre großen Heilsversprechen geglaubt wurden. Wenn es den großen Konzernen gut geht, so wurde verkündet, dann wird es allen gut gehen, denn von ihrem Reichtum tropft wie in Sektkaskaden der Wohlstand auf breite Schichten der Bevölkerung herab. Deswegen müssen die fettesten Pferde gefüttert werden, damit für die armen Spatzen viele Rossäpfel abfallen. So wurden den Konzernen blind Opfer gebracht, so genannte zurückhaltende Lohnforderungen, Steuergeschenke, günstige Investitionsbedingungen aus der öffentlichen Hand und die Lobbyisten schrieben die Gesetze. So wurden Abgasmanipulationen gefördert und Bankbetrügereien und Anlagegeschäfte, bei denen nicht gezahlte Steuern erstattet wurden, und vieles anderes mehr. Wir Kritiker des Projekts Stuttgart 21 können die Liste noch stattlich verlängern, die aufzeigt, wie nicht nur die Wahrheit, sondern auch enorme öffentliche Ressourcen auf dem Altar der blinden Gier der Konzerne geopfert werden. Den Gipfel der Blindheit erleben wir derzeit darin, dass die überlegene Lösung des Umstiegskonzepts nicht gesehen werden kann. OB Kuhn sagt, der Umstieg werde noch teurer. OB scheint hier zu stehen für „Ober-Blind“.

Besonders verhängnisvoll wirkt sich aus, dass die wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühle an unseren Universitäten zu 90 % von neoliberal verblendeten Professoren besetzt sind. Eine Generation von ebenso erkrankten Wirtschaftsverantwortlichen wird so nachwachsen. Der US-Professor Roubini, der schon 2004 die Krise von 2008 voraussagte, wurde von der gesamten Zunft verspottet. Der Nobelpreisträger Robert Lucas verkündete dagegen 2003, das Crash-Problem sei für Jahrzehnte gelöst. Als der Crash dann eintrat, gab es kein Umdenken, keine Rückbesinnung auf die wichtigsten modernen Wirtschaftsfachleute wie Adam Smith, Karl Marx oder John Meynard Keynes. Die epidemische Blindheit blieb resistent gegen die erfahrbare Wirklichkeit.

Wir sind hier zum Parkgebet beisammen, weil wir uns nicht anstecken lassen. Deshalb müssen wir vom Verfassungsschutz beobachtet werden, der nicht unsere Verfassung, sondern die neoliberale Lobbykratie und mutmaßliche Mörder wie Böhnhardt und Mundlos oder vielleicht auch Amri schützt. Aber wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir schauen weiter genau hin und nennen die Missstände und Fehlentwicklungen beim Namen. Wir lassen uns nicht beirren, wenn in den USA ein Präsident an die Macht kommt, der als Milliardär messianische Erwartungen auf sich zieht. Es wird sich sehr schnell herausstellen, dass er nicht wirklich helfen wird, sondern nur seinen Reichtum und den seiner Milliardärskollegen mehrt. Er hat die Mehrheit der Wahlmänner, nicht aber die des Volkes hinter sich. Vielleicht brauchen die USA einen Trump, um reif zu werden für einen Bernie Sanders und eine von christlicher Barmherzigkeit getragene friedliche Politik.
Wir jedenfalls wollen uns von Jesus die Augen öffnen lassen und schauen genau hin, wo die Selbstzerstörungskraft des blinden neoliberalen Mammons sichtbar wird. Wenn der großmäulige Milliardär und Präsident Trump von Strafzöllen spricht für Autobauer, die nicht genug Arbeitsplätze in den USA schaffen, kann der angeblich mächtigste Mann der Welt nicht verhindern, dass die Premiumautos weiterhin gekauft werden. Denn diese werden nicht bestellt, weil sie billig sind, sondern gerade weil sie teure Statussymbole darstellen. Dann werden diese Zölle zu Luxussteuern, die er gar nicht wollte, und der Maulheld entzaubert sich als blinder Stammtischredner. Bei seinem Stammtischhorizont ist er auch blind dafür, dass die Beendigung der Handelsabkommen die USA kleiner und dafür China größer macht.

Auch bei Stuttgart 21 schauen wir genau hin, wie die Projektpartner sich über dem Kostenstreit zerfleischen werden. Wir sind gespannt, ob sich Ministerpräsident Kretschmann schließlich doch noch gezwungen sieht, das Bundesverfassungsgericht anzurufen, um die Verfassungswidrigkeit des Schmiergeldes klären zu lassen. Das hat er ja einst auch großmäulig versprochen, um dann das Versprechen ganz schnell auf dem Altar der Macht zu opfern für die grünrote Koalition. Es kann sich also durchaus noch herausstellen, dass der Volksentscheid zwar Käse war, aber noch lange nicht gegessen, sondern allenfalls vergammelt ist.

Wir schauen also nicht auf die großmäuligen scheinbar Mächtigen wie das Kaninchen auf die Schlange. Wir lassen uns von dem Mammonskritiker Jesus den Blick schärfen, der uns für die blinden Blindenführer so gefährlich macht, dass sie den Verfassungsschutz auf uns ansetzen.
Im Blick auf unsere gegenwärtige Weltsituation fällt mir ein Lied ein, das Rudolf Alexander Schröder am Vorabend des 2. Weltkriegs im dunklen NS-Deutschland schrieb (EKG 378, 3+4):
Es mag sein, dass Frevel siegt, wo der Fromme niederliegt; doch nach jedem Unterliegen wirst du den Gerechten sehn lebend aus dem Feuer gehen, neue Kräfte kriegen.
Es mag sein – die Welt ist alt – , Missetat und Missgestalt, sind in ihr gemeine Plagen. Schau dir’s an und stehe fest: nur wer sich nicht schrecken lässt, darf die Krone tragen. Amen.

Predigt zu Lk 2, 1-14, 26.12.2016 im Stuttgarter Schlosspark von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die himmlischen Scharen über dem Stall von Bethlehem verkünden Frieden. Wie soll das gehen? Die Hoffnung der alttestamentlichen Frommen lag auf dem erhofften Messias, dem von Gott gesalbten König, dessen Regentschaft Frieden bringen sollte. Das konnten die Regierten nur abwarten, selbst dazu beitragen konnten sie nichts. Jesus, das Kind in der Krippe, wird als Erwachsener mit dieser Hoffnung konfrontiert. Aber weder gibt er sich für eine militärische Erhebung gegen die römische Kolonialmacht her noch zaubert er den Frieden für das Volk herbei. Er sammelt Friedensstifter und verspricht ihnen: „Glücklich sein werden die Friedfertigen, denn sie werden Kinder des barmherzigen Gottes genannt werden“ (Mt 5,9). Wie das Reich Gottes nicht von außen in die Welt hereinbrechen wird, sondern aus der Mitte der Jüngerschar heraus wachsen wird (Lk 17,20-21), so kommt auch der Friede nicht wie der winterliche Schnee vom Himmel, sondern aus den Menschen, an denen der barmherzige Gott Wohlgefallen hat. So sagen es die Engel in der Weihnachtsgeschichte (Lk 2,14).

Die Frage, wie Frieden wird, fällt also auf uns, die Fragenden, zurück: Wie werden wir zu friedfertigen Menschen, die dem barmherzigen Gott wohlgefallen? Der Dreh- und Angelpunkt für die Antwort auf diese Frage liegt für mich in dem drastischen Bildwort Jesu vom Balken im eigenen Auge und dem Splitter im Auge des Bruders: „Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken jedoch in deinem Auge nimmst du nicht wahr? … Ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du zusehen, dass du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehst.“ (Mt 7,1-5). Jesus durchkreuzt damit das allseits beliebte Gesellschaftsspiel, von eigenen Fehlern oder Bösartigkeiten abzulenken, indem auf die der anderen gezeigt wird. Verhängnisvoll ist dabei oft, dass das Böse der anderen die Aggression auf dieses Böse rechtfertigt. Je mehr das eigene Böse auf die anderen projiziert und dann noch gewalttätig abgestraft wird, umso mehr entsteht scheinbar gerechtfertigte Gewalttätigkeit. Diesem Unfrieden stiftenden Verhalten setzt Jesus den Bußruf entgegen, mit dem seine Wirksamkeit beginnt (Mk 1,15). Wenn alle zuerst vor der eigenen Türe kehren und sich dann bemühen, die alten Fehler nicht mehr zu begehen, werden sie auch mit den Fehlern der anderen gnädiger umgehen. Das führt zur Solidarität der Sünder, sie ist die Keimzelle für christliche Vergebung und gemeinsamen Neuanfang zum Besseren. So kann Frieden wachsen.

Nicht nur in unseren Familien, Nachbarschaften und Vereinen führt Selbstkritik zum Frieden untereinander, auch in der großen Weltpolitik. Eines der krassesten Negativbeispiele bot der fromme fundamentalistische Christ G.W. Bush. Als Präsident der USA, die große Mengen von Massenvernichtungswaffen besitzen und damit gelegentlich drohenden Gebrauch machen, ließ er verlogenerweise solche dem Irak andichten und nahm dies als Rechtfertigungsgrund, in den Irak einzumarschieren gemeinsam mit anderen willigen Nationen. Auch Deutschland leistete dabei logistische Unterstützung. Der Krieg forderte schätzungsweise eine Million Tote. Die entmachteten Sunniten wurden vom neuen schiitischen Regime so benachteiligt, dass die brutalen IS-Kämpfer leichtes Spiel hatten, als angebliche Retter der benachteiligten Sunniten große Territorien zu erobern und ihr Terrorregime zu installieren. Nun soll z. B. die Stadt Mossul durch gute Truppen von den bösen IS-Terroristen zurück erobert werden und es ist abzusehen, dass es gehen wird wie in Aleppo. So entsteht immer mehr Unfrieden, den wir oft erst bemerken, wenn immer mehr Flüchtlinge bei uns Asyl beantragen.

Auch in diesen furchtbaren Kriegen gilt der Bußruf Jesu, zuerst den Balken im eigenen Auge wahrzunehmen und diesen herauszuziehen. Statt über Flüchtlinge und Abschiebungen zu streiten sollten wir in Deutschland die enorme Waffenproduktion in friedliche Produktion umwandeln. Als Exportnation sollten wir uns eingestehen, wie viele Existenzen etwa unsere Geflügelabfälle in Westafrika vernichten oder wie unsere billigen Kleiderimporte Textilarbeiterinnen in Asien und Lateinamerika in Hunger und Elend treiben. Auch unsere Wirtschaftsmacht tötet, um Papst Franziskus zu zitieren. Statt Waffen sollten wir z.B. solar betriebe Anlagen exportieren, die Meerwasser zu Trinkwasser entsalzen, um in Dürregebieten das Überleben der Selbstversorger zu sichern. Dies könnte unser Beitrag zum Frieden auf Erden sein.
Wenn wir uns auf diese Weise in der Welt profiliert haben, dann können wir auch die so oft beschworene Verantwortung in Krisengebieten übernehmen, nicht mit Soldaten, die sowieso immer schwerer zu rekrutieren sind, sondern als nichtmilitärische humanitäre Vermittler. Frieden stiften ist möglich. So haben einige wenige Christen in Mosambik 1992 nach Jahrzehnten eines brutalen Bürgerkriegs mit einer Million Toten Friedensverhandlungen, einen Waffenstillstand und einen Friedensvertrag ermöglicht, weil sie keinerlei militärische oder wirtschaftliche Macht besaßen, aber auf beiden Seiten humanitäre Hilfe geleistet hatten. In ähnlicher Weise ist ein Friedensprozess in Kolumbien im Gang, weil auch dort eingestanden wird, dass nicht nur die Rebellen, sondern auch die Regierungstruppen mit furchtbarer Grausamkeit gewütet haben. Wenn es den Vermittlern gelingt, auf beiden Seiten die Balken in den eigenen Augen bewusst zu machen, kann Frieden werden.

Wie die Friedensstifter in Mosambik stehen auch wir als Gegner des zerstörerischen Projekts Stuttgart 21 ohne äußere Machtmittel da. Das war und ist bisweilen schmerzhaft, ganz besonders z. B. im Blick auf den „Schwarzen Donnerstag“. Nicht nur dort haben wir die Arroganz der Macht erfahren. Aber diese äußere Machtlosigkeit war die große Chance der Friedensstifter in Mosambik und das ist auch unsere große Chance. Wir stehen mit nichts da als der blanken Macht der Argumente und neuerdings auch mit der Überzeugungskraft der besseren Alternative. Wir vermitteln nicht zwischen Kriegsparteien, sondern zwischen Projektpartnern, die gegen einander prozessieren um höheres Schmiergeld zum Schaden der Bevölkerung. Wir bieten den Zerstrittenen wie in Mosambik die bessere Lösung an. Dies ist unser humanitärer Einsatz, weil unsere Alternative den Menschen in unserer Region wirklich dient. Auf diese gewaltlose Kraft können wir vertrauen. Das Kind in der Krippe ist der extreme Ausdruck von äußerer Machtlosigkeit, aber dieses Kind verändert die Welt, wenn immer mehr Menschen sich auf den Weg in seine Nachfolge machen, wenn sie nicht mehr die eigenen Fehler den anderen andichten und sie dann hassen, sondern umkehren und neu anfangen. So wird an einer besseren Welt, dem Reich des barmherzigen Gottes, gearbeitet. Lassen wir uns an diesem Weihnachtsfest neu Mut dazu machen. So wird Frieden. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 10.11.2016 zu Mk 10, 42-44 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Jesus sprach: Ihr wisst, dass diejenigen, die als Beherrscher der Völker gelten, sie gewaltsam unterwerfen und die Mächtigen ihnen gegenüber ihre Macht missbrauchen. Aber so soll es unter euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei der Knecht aller.

Das griechische Wort für „Macht missbrauchen“ kommt nur im neutestamentlichen Griechisch vor, im übrigen griechischen Sprachraum fehlt das Bewusstsein dafür. Aber Jesus, der in der Tradition der gesellschaftskritischen Propheten Israels zu Hause ist, kann die Dinge beim Namen nennen. Der Kaiser in Rom lässt Widerständler am Kreuz zu Tode foltern wie Erdogan die Oppositionellen, und hätte der Kaiser Nagelbomben oder chemische Waffen gehabt wie Assad, er hätte sie eingesetzt. Die römische Politik lebt vom gewaltsamen Niederhalten, vom Machtmissbrauch. Diesem setzt Jesus den rechten Gebrauch der Macht gegenüber. Sie muss zum Dienst an allen genutzt werden.

Das ist eine klare Vorgabe für die Christenheit. Wie ist diese Vorgabe umgesetzt worden? Bis zur konstantinischen Wende, als das Christentum Staatsreligion wurde, durften die Christen in dem römischen Unterdrückerstaat nicht als Beamte oder Soldaten dienen. Als aber das Christentum in Rom an die Macht gekommen war, ging diese Vorgabe Jesu unter. Zwar prangerte Luther den Machtmissbrauch des Papstes am Beispiel des Ablasses an, deshalb feiern wir seit 11 Tagen das Reformationsjubiläum. Aber bereits 1520 missbrauchte Luther selbst das vierte Gebot zur Forderung nach Untertänigkeit im Feudalismus seiner Zeit. Das 4. Gebot fordert die Sorge um die alten Eltern, damit die Jungen später auch lange leben dürfen. Luther schreibt dazu 1520 im Kleinen Katechismus lapidar: „ williger Gehorsam, demütickeit, undertenickeit umb gottis wolgefallen willen“. 1524 missbraucht Luther seine Macht, indem er den anders denkenden Kollegen Karlstadt durch den Fürsten des Landes verweisen lässt, obwohl dessen Frau hochschwanger ist. Nach 1525 werden auf lutherisches Betreiben Mennoniten umgebracht, weil sie sich gegen den Kriegsdienst wehren. So wurden die lutherischen Kirchen zu Duckmäuserkirchen, in denen es unmöglich oder gar tödlich war, den Machtmissbrauch anzuprangern, wie Jesus das vorgelebt hat. Besonders verhängnisvoll wurde, dass die lutherische unausweichliche Forderung nach dem Kriegsdienst in den beiden Weltkriegen zur kirchlichen Kriegshetze geführt hat. Selbst die „Bekennende Kirche“ hat beim Erntedankfest 1939 nicht nur für die Ernte, sondern auch für den schnellen Sieg in Polen gedankt und beten lassen: „Und bitten dich droben, du Lenker der Schlachten, mögst stehen uns fernerhin bei“. Das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ vom Oktober 1945 sprach von der Schuld des deutschen Volkes, nicht von der der lutherischen Kirchen. Es wird höchste Zeit, am Erntedankfest des Jubiläumsjahrs einen Bußgottesdienst zu feiern, der zur Friedensbotschaft Jesu zurückführt. Das wäre die angemessene Reformation des Reformationsjubiläums.

Christen, die sich gegen Stuttgart 21 engagiert haben, waren von Anfang an schwer enttäuscht über die Haltung der Kirchenleitung der Württembergischen Ev. Landeskirche im Konflikt um dieses Großprojekt. Die Prägung der lutherischen Kirchen als Untertanenkirchen dürfte ein Hauptgrund sein für diese Unfähigkeit, den Machtmissbrauch im Rahmen der Durchsetzung dieses unsinnigen Projekts zu benennen. Nicht einmal der Schwarze Donnerstag hat hieran etwas geändert. Immerhin glichen die Szenen im Stuttgarter Schlosspark sehr stark denen im Gezipark von Istanbul. Dort wird in unserem Land von Presse und Regierung sehr wohl wahrgenommen, wie Erdogan seine Macht missbraucht in einer Weise, die dem Vorgehen Hitlers nach dem so genannten „Röhmputsch“ ähnelt. Immerhin bestellte Außenminister Steinmeier den türkischen Botschafter ein, nachdem Erdogan dieser Tage kritische Journalisten und Oppositionspolitiker verhaften ließ. Aber von Seiten lutherischer Kirchen war zum „Schwarzen Donnerstag“ keine nennenswerte Kritik am Machtmissbrauch hier im Schlossgarten zu hören, auch nicht, nachdem die Unrechtmäßigkeit gerichtlich festgestellt war.

Wir sind hier beim Parkgebet zusammen, weil wir nicht bereit sind, uns damit abzufinden. Wir beharren darauf, den Machtmissbrauch im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 anzuprangern. Dabei geht es nicht nur um den „Schwarzen Donnerstag“. Die gesamte herrschende neoliberale Politik, für die Stuttgart 21 ein Schlüsselprojekt darstellt, missbraucht Macht, weil sie nicht mehr allen, sondern nur ein paar wenigen dient zum Schaden der großen Mehrheit. Wie Rom setzt die neoliberale Elite auf die Strategie „Brot und Spiele“. Das Zauberwort für Brot heißt „Arbeitsplätze“, die blutigen Spiele in den römischen Arenen sind ersetzt durch entsprechende Computerspiele, und eine hoch korrupte FIFA macht auch ihren Teil. Mit dem Versprechen von mehr Brot wird bei CETA und ähnlichen Projekten verschleiert, dass es um ein Ermächtigungsgesetz für Konzerne zu deren endgültiger Machtergreifung geht, um einen Staatsstreich. Der Widerstand gegen diese angeblichen Handelsverträge wird mit aller Macht von den Eliten klein geredet und eine Unterzeichnung inszeniert, als ob CETA nun in Kraft wäre. Das ist noch lange nicht ausgemacht. Der Widerstand gegen diesen Staatsstreich ist strukturell vergleichbar dem Widerstand gegen Stuttgart 21. Deshalb ermutigt es uns, dass nicht nur die Wallonen, sondern z. B. auch die Bundesverfassungsrichter erkannt haben, wie CETA unsere Demokratie gefährdet, und Forderungen aufstellen, die die Akteure im internationalen Handel, speziell die marktbeherrschenden Großkonzerne, demokratisch einhegen.

Wir sind durch Jesus selbst aufgerufen, unbeirrt zu fordern, dass die Mächtigen in Wirtschaft und Politik der Allgemeinheit zu dienen haben und nicht umgekehrt. Wir werden uns nicht ablenken lassen durch angebliches Brot und brutale oder sonstige Spiele. Wir sind nicht allein. Und vor allem, wir engagieren uns auf der richtigen Seite, auf der Seite Jesu und seines barmherzigen Vaters.
Amen.

Parkgebet 7. Juli 2016 Hans-Eberhard Dietrich, Pf. i.R.

Matthäus 5 Vers 13-16
Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Liebe Parkgemeinde,
1.
ein Bibeltext aus der Bergpredigt soll heute im Mittelpunkt der Ansprache stehen. Die Bergpredigt steht ja in Verdacht, reine Utopie zu sein. Was da drin steht über Feindesliebe und Sorglosigkeit, über Vergebung und die schmale Pforte, das kann man ja sowieso nicht erfüllen. Und so haben die Christen zu allen Zeiten versucht, diese steilen Forderungen zu entschärfen, zu domestizieren, haushäbig zu machen oder schlicht mit Helmut Schmid zu sprechen: „ Mit der Bergpredigt kann man nicht die Welt regieren.“ (Helmut Schmid auf einem Kirchentag)

Nun, wenn wir heute ein paar Verse hören, dann wollen wir auch nicht die Welt regieren, sondern uns stärken und ermutigen lassen für unser Anliegen im Protest und in der Kritik an S21.
Das kann die Bergpredigt auf alle Fälle, sie will und kann unsere Gesinnung, unser Wertesystem, unsere Ethik beeinflussen, sie will auf unser Herz und Gemüt einwirken und uns mit einer guten, glaubwürdigen Gesinnung füllen, und aus solcher Gesinnung folgt das reche Tun. Und was dann daraus wird, können wir getrost Gott überlassen.

2.
O-Ton Jesu: Ihr meine Jüngerinnen und Jünger, ihr seid das Salz der Erde, das Licht der Welt.
Betrachten wir uns das Salz. Im Altertum war es die einzige Möglichkeit, Speisen haltbar zu machen, also unverzichtbar. Salz wird somit ein Symbol für das göttliche Bewahren.
In gleicher Weise das Licht. Es gibt ja nur wenig Lebewesen auf der Welt, die ohne Licht gedeihen. Und geht es uns nicht auch so: Nach den langen, dunklen Wintertagen, genießen wir es, wenn die Tage länger werden und die Sonne hell scheint und nicht ständig von Wolken verhangen ist. Wir brauchen das Licht. Es will leuchten und erleuchten, aber auch warnen, denken wir an Blinklichter am Auto, die Ampeln an Übergängen, Leuchtbojen auf dem Meer. Licht ist unverzichtbar.

Und jetzt zu uns Christen und unserem Tun in unserer Welt: Unverzichtbar? Braucht man die Christen überhaupt in der Welt? Nehmen wir uns da nicht zu wichtig? In unserem Land sind wir gerade noch 50% der Bevölkerung, Tendenz abnehmend. Und selbst, wenn wir mehr wären, überfordert uns diese Aufgabe nicht? Zugegeben, das ist anspruchsvoll. Aber unser Herr hat sich dabei bestimmt etwas gedacht. Probieren es einfach aus.

3.
Warnen, auf Gefahren aufmerksam machen, vor Verderbnis und Fäulnis schützen, den rechten Weg ausleuchten. Das aber sollen wir nicht für uns im stillen Kämmerlein tun, da vielleicht auch. Sondern im Alltag der Welt, in unserer Umwelt, in der Kommune, in der Lokalpolitik.
Wenn wir uns dann konkret einmischen und uns äußern, dann tönt es uns gleich entgegen: Ihr Christen habt da nichts zu suchen. Hier herrschen eben Zwänge der Politik, Eigengesetzlichkeiten der Wirtschaft. Gleichwohl, wir sehen uns zum Handeln genötigt. Wenn wir uns einmischen, dann sind wir nicht auf uns allein gestellt. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, Maßstäbe und Ethik nicht neu entwickeln. Die Kirchen haben in einer Reihe von Denkschriften vor etlichen Jahren im Hinblick auf politische Entscheidungen, wie z.B. bei Großprojekten, solche Maßstäbe entwickelt und veröffentlicht. Darin drückt sie die Überzeugung aus:
„dass die Predigt des Evangeliums die Welt verändern will und zur Nachfolge auch im Bereich des mitmenschlichen Zusammenlebens aufruft. Zu dieser Nachfolge gehört das Nachdenken und Mitdenken über die Stellung und den Beitrag der Christen in Fragen des öffentlichen Lebens.“ (Denkschrift: Aufgabe und Grenzen kirchlicher Äußerungen zu gesellschaftlichen Fragen. 1970, S. 41. In: Die Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland, 1978, Band 1)
Wenn wir uns dann äußern, muss es freilich sachlich fundiert sein. Wir müssen „die Ursachen, Bedingungen und Auswirkungen wirtschaftlicher und sonstiger Abläufe und Geschehnisse aufdecken,… und scheinbaren Sachzwängen gegenüber die Freiheit des Menschen zu verantwortlichen Entscheidungen ins Spiel zu bringen.“ (a.a.O. S. 55)

Diese Maßstäbe und Werte beanspruchen, nicht nur für den Raum der Kirche, also für die Glaubenden zu gelten. Sie wollen einen Beitrag für den politischen und gesellschaftlichen Diskurs sein, weil die fachlich und sachlich begründet und durchdacht sind. Leider hat unsere Landeskirche oder die Kirche in unserer Stadt nie diese Maßstäbe ins Gespräch gebracht. Aus welchen Gründen auch immer. Damit sind sie aber nicht aus der Welt verschwunden. Sie gelten noch immer.

4.
Ich will zwei solcher Maßstäbe christlichen Handelns nennen,
Erstens: Das Maß aller Dinge ist nicht, was der Mensch kann, was machbar ist, sondern was verantwortbar ist: Verantwortbar gegenüber den Tieren und Pflanzen, der Artenvielfalt und den Ressourcen wie Mineralwasser und Grundwasser.
Machbarkeit.
Am Anfang des Projekts stand eine sogenannte Machbarkeitsstudie, erstellt von der Bahn. Sie kam zum Schluss: S21 ist machbar. Und die Politiker und Betreiber stürzten sich darauf: Dann machen wir das auch. Und Machbarkeit in diesem Horizont bedeutet: Beherrschbar: wir können das schon. Und was nicht beherrschbar ist, da bleibt eben ein Restrisiko, wie beim Brandschutz und den Fluchtwegen.

Zweitens: Wer Entscheidungen treffen muss, bzw. wenn Gremien Entscheidungen treffen müssen, dann müssen sie Alternativen haben und sie auch ehrlich diskutieren. Das wendet sich gegen das unselige „alternativlos“. Sie erinnern sich: Das Unwort des Jahres 2010 hieß alternativlos. Und die Jury, die dieses Wort kürte, definierte es so:

„Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe.“ (Zitat der Jury-Entscheidung)

Beim Prüfen von Alternative muss man vor allem den Maßstab: Bewahrung der Schöpfung ins Spiel bringen. Aus unserer Verantwortung gegenüber der Schöpfung müssen wir ablassen von Machtphantasien über die Natur. Wir müssen die Grenzen unseres Handlungsspielraums und unser eigen Begrenzung anerkennen. Wir müssen Abschied nehmen von dem Glauben an ein unbegrenztes Wachstum und an Fortschritt ohne Ende. Wir müssen uns am Maßstab des Lebens orientieren und an dem, was dem Leben dient.

Zu S21 gab es ja von Anfang an sehr brauchbare Alternativen. Sie wurden alle verworfen. Über die Gründe müssen wir jetzt nicht mehr sprechen, sie sind hinlänglich bekannt.

Jetzt aber haben kluge Köpfe bei den Architekten und Ingenieure und andere eine Alternative entwickelt, nicht Ausstieg, sondern Umstieg und sie wird Stück für Stück einer breiten Öffentlichkeit präsentiert.
Diese Alternative, der sog. Plan B ist leistungsfähiger, ökologischer, umweltfreundlicher. Und vor allem billiger.
Und da muss man ausnahmsweise den Professor Martin recht geben, wenn er schon vor Jahren sagte: „Wenn man für das gleiche Geld mehr bekommt, sollte man sich für das Bessere entscheiden.“ Unser Plan B ist nicht nur billiger, sondern um ein Vielfaches auch besser.

Wenn der Mensch eine bessere Möglichkeit hat, dann ist es ethisch geboten, sie zu ergreifen.
Besser im Sinne von Leistungsfähigkeit, Geld, Ökologie u.v.a.m. Diese Alternative stellt nicht die ökonomischen Interessen einiger weniger Menschen über die ökologischen Bedürfnisse der breiten Mehrheit.

5.
Salz der Erde, Licht der Welt. Das sollen wir Christenmenschen sein. Nicht einfach dem Mainstream folgen, weil es so bequem ist, weil man sich so wohl fühlt, wenn man/frau tut und denkt, was man/frau so tut und denkt. Überfordert sind wir nicht, wenn wir zuerst darauf schauen, was uns schon geschenkt ist. Licht können wir nur sein, soweit wir es empfangen haben. So wie ein Spiegel, einfach reflektiert, nicht aus uns selbst, sondern einfach widerspiegeln, nur weitergeben, was uns der Herr schon gegeben hat. Und wir trauen es ihm zu, dass er uns mit einer solchen Fülle von Leben erfüllt, dass sie ausreicht, weiterzugeben. Die göttliche Fülle, von der wir leben, reicht aus, Licht und Salz zu sein. Ein solches Denken wird ganz andere Kräfte in uns freisetzen, andere Möglichkeiten des Lebens uns eröffnen.
Hinter diesen Möglichkeiten sollen wir nicht zurückbleiben. „Ihr sollt vollkommen sein wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ So heißt es ein paar Verse weiter in der Bergpredigt.

Ihr seid das Salz der Erde.
Ihr seid das Licht der Welt. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Amen

Die Wahrheit wird euch frei machen. Ansprache zu Joh 8,31-32 beim Parkgebet am 23.6.2016 von Friedrich Gehring

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

An Jesus zu glauben heißt nicht, ihn einen lieben guten alten Religionsgründer sein zu lassen, sondern ihm als Jünger nachzufolgen im Kampf um eine gerechtere barmherzige Welt. Auf diesem Weg werden die Nachfolger Jesu die Lüge entlarven und die Wahrheit erkennen. Bezogen auf heute bedeutet dies: Die neoliberale Lüge, der wachsende Reichtum weniger werde zum Wohl aller führen, wird enttarnt als Ungerechtigkeit des Mammons (Lk 16,10) durch die Erkenntnis Jesu: Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen, was er hat (Lk 19,26). Die Erkenntnis dieser Wahrheit wird uns als Nachfolger Jesu frei machen, gerade auch im Blick auf das neoliberale Schlüsselprojekt Stuttgart 21.

Dieses Projekt war von Anfang an auf Lügen angewiesen. Es ist vor über 10 Jahren nur in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen worden, weil bewusst verlogene Kosten genannt wurden. Weitere Kosten- und Leistungslügen haben das Projekt gefördert, um reichen Baukonzernen zu geben und den Bahnkunden und Steuerzahlern zu nehmen. Die grün-rote Regierung hat die Wahrheit im Prospekt zur Volksabstimmung bewusst unterschlagen zugunsten des koalitionären Machterhalts. Und unser so beliebter Ministerpräsident, der jetzt sogar als künftiger Bundespräsident in Betracht kommt, hat als gelernter katholischer Ethiklehrer die Lüge noch hoffähig gemacht durch seine skandalöse Behauptung, in der Demokratie gehe Mehrheit vor Wahrheit. Die Wahrheit Jesu aber erkennt: In der neoliberal verblendeten Scheindemokratie gehen die Interessen von reichen Minderheiten vor dem Wohl der Mehrheit.

Nun zeigt sich allerdings seit einigen Wochen, dass auch die neoliberalen Lügen über Stuttgart 21 zu kurze Beine haben. Volker Kefer will abdanken und das sinkende Schiff verlassen. Er grinst nicht mehr und die Bahn-Aufsichtsräte tun nun plötzlich so, als seien sie von Kefer nicht genügend informiert worden. Das Gegenteil aber ist wahr. Kefer wollte seine Karriere dadurch bauen, dass er den neoliberalen Eliten das in die Tasche log, was sie hören wollten. Die Aufsichtsräte waren im März 2013 von uns Gegnern hinreichend darüber informiert, dass Stuttgart 21 unrentabel ist und nach Aktienrecht nicht weiter geführt werden durfte. Schon damals hätte die Wahrheit sie befreien können. Aber sie haben sich der Kanzlerin angepasst, die in völliger Verblendung immer noch in Stuttgart 21 die Zukunft Deutschlands sah. Nun müsste eigentlich auch ihr dämmern, dass Projekte wie Stuttgart 21 den Niedergang Deutschlands als Techniknation bedeuten. Sie bewundert die schwäbische Hausfrau, weil sie selbst keine ist. Die Wahrheit könnte sie jetzt dazu befreien, den schwäbischen Hausfrauen nachzueifern und als Vertreterin der Alleinaktionärin Bundesrepublik Deutschland das völlig unrentable Projekt so schnell wie möglich abzublasen, um nicht schlechtem Geld nicht noch eine Unmenge gutes nachzuwerfen, was der schwäbischen Hausfrau als klassische Todsünde der Betriebswirtschaft gilt.

Als Gipfel der Absurdität muss es erscheinen, wenn in der Südwestpresse darüber spekuliert wird, ausgerechnet Pofalla könnte Grube beerben. Grube hat sich immerhin schon 2009 beschwert, dass Stuttgart 21 kurz vor seinem Amtsantritt beschlossen wurde. Auch hat er 2013 sehr deutlich erklärt, dass er das Projekt mit dem aktuellen Wissen nicht angefangen hätte. Pofalla aber hat 2013 im Auftrag der Kanzlerin die Aufsichtsräte beschwatzt, gegen das Aktienrecht weitere Gelder in das Projekt zu verschwenden mit Rücksicht auf die Wahlchancen der Kanzlerin. Die Pofalla als Grubes Erben sehen wollen, verweisen darauf, dass er als Vorstand für Wirtschaft, Recht und Regulierung vom Desaster Stuttgart 21 unberührt sei. Das Gegenteil ist wahr. Gerade sofern er für das Recht zuständig ist, steckt er mit seiner Kanzleramtsvergangenheit ganz tief im Schlamassel Stuttgart 21. Wer etwas rachsüchtig eingestellt ist, könnte ihm geradezu gönnen, Grube nachzufolgen und die Suppe Stuttgart 21 auslöffeln zu müssen. Aber dazu wird es ja hoffentlich nicht kommen.

Die Bahnaufsichtsräte wollen sich ja in den nächsten Monaten der von Kefer unterschlagenen Wahrheit nähern. Das muss sie eigentlich frei machen, sich für die Pläne des Aktionsbündnisses zu öffnen, die aus der Katstrophe Stuttgart 21 retten können. Da leuchtet Licht auf am Ende des Tunnels. Das Ende der schrägen Tunnelhaltestelle kann aus dem jetzigen Baustand einen zukunftsfähigen Kopfbahnhof für integrierte Taktfahrpläne machen mit Busbahnhof und Parkplätzen für Fahrräder, Autos und Vermietstationen. Die Bahnverantwortlichen könnten sich als gute schwäbische Hausfrauen profilieren, die Geld sparen für die wirklich wichtigen und guten Projekte wie die Rheintalstrecke, weitere Elektrifizierungen, funktionierende Weichen und pünktlichen Verkehr, Nachtzüge und erweiterten Güterverkehr. Der Mut zur Wahrheit setzt die Kräfte frei, die für das fortgesetzte Lügen und Verdrängen der Wahrheit verschwendet worden sind. Selbst der Stuttgarter Wohnungsbau wird profitieren. Das Immobilienprojekt Stuttgart 21 wird durch den Verzicht auf Stuttgart 21 viele Jahre früher anlaufen, weil die großen Flächen, die durch die Baulogistik blockiert sind, viel früher bebaut werden können. Die Gelder aus dem Rückkauf des Kopfbahnhofgeländes und der Zufahrtsgleise durch die Bahn können für sozialen Wohnungsbau verwendet werden.

Zu alldem kann die Wahrheit frei machen. Wir wollen unbeirrt dafür beten und alles in unserer Kraft stehende dafür tun, dass die Verantwortlichen durch die Wahrheit Jesu befreit werden. Amen.

Ansprache zum Parkgebet am 31.3.16 zu Jer 38, 14-18 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Und der König Zedekia sandte hin und ließ den Propheten Jeremia zu sich holen. … Und der König sprach zu Jeremia: Ich will dich etwas fragen; verbirg mir nichts! Jeremia sprach zu Zedekia: Sage ich dir etwas, so tötest du mich doch; gebe ich dir einen Rat, so gehorchst du mir nicht. Da schwor der König Zedekia dem Jeremia heimlich und sprach: So wahr der Herr lebt, der uns dieses Leben gegeben hat: ich will dich nicht töten, noch den Männern in die Hände geben, die dir nach dem Leben trachten. Und Jeremia sprach zu Zedekia: So spricht der Herr, …, der Gott Israels, wirst du hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so sollst du am Leben bleiben, und diese Stadt soll nicht verbrannt werden, sondern du und dein Haus sollen am Leben bleiben; wirst du aber nicht hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so wird diese Stadt den Chaldäern in die Hände gegeben und sie werden sie mit Feuer verbrennen, und auch du wirst ihren Händen nicht entrinnen.

Jeremia hat vor militärischen Abenteuern gegen die Großmacht der Babylonier gewarnt. Der König ließ zu, dass die kriegslüsternen Hardliner Jeremia in den Sumpf einer Zisterne warfen, um ihn verhungern zu lassen. Ein afrikanischer Migrant rettet Jeremia. Der König fühlt die Katastrophe näher kommen, lässt Jeremia rufen und erbittet dessen Rat. Jeremia konfrontiert den König mit dessen Beratungsresistenz. Es steht so schlimm um den König, dass er heimlich schwört, seinen kriegstreiberischen Beratern in den Rücken zu fallen und Jeremia wegen seiner schonungslosen Lageanalyse nicht zu verfolgen. Jeremia sagt ihm die unangenehme Wahrheit auf den Kopf zu: Er kann die Stadt und sich selbst samt Familie nur retten, wenn er mit der Großmacht einen Unterwerfungsfrieden schließt. Der König ist zu schwach, um gegen die Militaristen zu handeln. Jerusalem wird erobert und zerstört, die Söhne des Königs vor seinen Augen hingerichtet und der König selbst geblendet nach Babylon in die Gefangenschaft verbracht.

Ich habe diesen biblischen Bericht ausgewählt, weil die Aufsichtsratsmitglieder der DB AG am 15. März beschlossen haben, Gutachten einzuholen zu den Ausstiegskosten und zu ihrer persönlichen Haftung in Sachen Stuttgart 21. Die schonungslose Lageanalyse des Aktionsbündnisses, die allen Aufsichtsräten vor der Sitzung zugegangen ist, und der erneute Strafantrag wegen Untreue gegen die Aufsichtsräte scheinen Wirkung zu zeigen. Sie können offenbar nicht mehr verdrängen, dass es um ihren Kopf geht, wenn der Untreuevorwurf vor Gericht kommt. Ein Richterspruch kann sie nicht nur das Amt, sondern ihre wirtschaftliche Existenz kosten, denn sie haften mit Schadenersatz für veruntreute Gelder. Die Verantwortlichen sehen sich wie einst Zedekia genötigt, um Rat zu fragen, der vermutlich sehr unangenehme Wahrheiten ans Licht bringen wird. Das kann bedeuten, dass das Projekt Stuttgart 21 in einem Stadium angelangt ist, das der Situation Jerusalems entspricht kurz vor dem Fall im Jahr 587 v. Chr..

Es wird jetzt darauf ankommen, ob das Bahnaufsichtsgremium in selbstzerstörerische Beratungsresistenz verfällt oder sich den Ernst der Lage sagen lässt und die Konsequenzen daraus zieht. Jeremia konfrontiert den Zedekia nüchtern: Sage ich dir etwas, so tötest du mich; gebe ich dir einen Rat, so gehorchst du mir nicht. Die militaristische herrschende Kaste in Jerusalem hat einst die Selbstzerstörung gewählt. Das ist auch heute für die herrschende neoliberale Elite nicht auszuschließen. Die Äußerung des Hauptverantwortlichen für Stuttgart 21 im Eisenbahnbundesamt zum fehlenden Nachweis der Ungefährlichkeit der Gleisneigung im geplanten Neubau weist in diese Richtung: Man werde bei der Inbetriebnahme schon eine Lösung finden, und das Bauwerk sei ja auch nur eine Haltestelle. Es ist also auch jetzt nach den Beschlüssen vom 15.3. im Bahnaufsichtsrat noch nicht entschieden, wie die Sache ausgeht. Gefälligkeitsgutachten dürften in der gegenwärtigen Situation sehr schwer zu bekommen sein, aber wir sind in dieser Hinsicht ja Kummer gewohnt. Und selbst wenn der Bahnaufsichtsrat Einsicht zeigen sollte, ist da immer noch die Vertreterin der Alleinaktionärin Bundesrepublik Deutschland, Kanzlerin Merkel. Sie hat ja vor drei Jahren noch aus wahltaktischen Gründen die Verantwortlichen zum Weiterbau drängen lassen. Bahnchef Grube hat seinen Unwillen darüber damals sehr deutlich artikuliert. Er muss inzwischen noch unwilliger sein. Auch hier liegt eine Parallele zum Jerusalem vor 2.600 Jahren vor: Der König wollte wohl auf Jeremia hören, aber die Macht lag bei den Kriegstreibern. Die Bahnaufsichtsräte scheinen dazu zu neigen, ihren Kopf zu retten, aber die wirkliche Macht liegt im Kanzleramt.

Der Widerstand gegen das Milliardengrab Stuttgart 21 muss deshalb eine doppelte Strategie verfolgen. Einerseits muss der Druck auf die Bahnverantwortlichen aufrecht erhalten werden durch die Anklage wegen Untreue. Andererseits muss die Kanzlerin für ihre Verschwendungspolitik belangt werden, etwa durch einen Bundestagsuntersuchungsausschuss zu Stuttgart 21, der zeitlich so terminiert wird, dass er im Wahlkampf 2017 wirkt. Um Kretschmanns Terminologie aufzunehmen: Im Untersuchungsausschuss geht es nicht mehr um Mehrheit, sondern um Wahrheit. Falschaussagen ziehen empfindliche Strafen nach sich. Es muss der Kanzlerin klar gemacht werden, dass ein Festhalten an Stuttgart 21 ihre Chancen verschlechtert, ein Ausstieg verbessert. Mit politischen Kehrtwenden hat sie ja lange Zeit gute Erfahrungen gemacht. Sie wird klug genug sein, einem Untersuchungsausschuss zuvorzukommen durch eine Erlaubnis zum Ausstieg.

Wir haben deshalb derzeit keinen wirklichen Grund zur Resignation. Vielmehr können wir uns durch Propheten wie Jeremia ermutigen lassen, die schonungslosen Analysen den Mächtigen auf den Kopf zuzusagen und unbeirrt das Ende des sinn- und nutzlosen Milliardengrabs Stuttgart 21 zu fordern. Gerade in der jetzigen österlichen Zeit können wir Mut daraus schöpfen, dass die Botschaft Jesu vom Reich des barmherzigen Gottes auch durch den Tod am Kreuz nicht zu beseitigen war, sondern danach noch viel größere Kreise zog. Der Auferstandene schenke uns den Mut zum Berge versetzenden Glauben an ihn und sein Reich. Amen.

„Weihnachts-Mut statt Resignation“ Predigt zum Weihnachtsgottesdienst am 26.12.2015 von Pfr. i. R. Eberhard Dietrich

Predigttext: Lukas 2,1-20

Liebe Gemeinde,

1.Mein „Krippenbild“ von Weihnachten
ich weiß nicht wie es Ihnen geht. Aber für mich ist Weihnachten verbunden mit einem vertrauten Krippenbild wie wir es aus der Welt der Kunstgeschichte kennen, ein Bild das auch mein Herz berührt:
Da wird das alltägliche Geschehen der Geburt eines Kindes durch die Worte des Engels qualifiziert:
„Euch ist heute der Heiland geboren“.
Und dann die Botschaft des Engels:
„Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“.
Oder genauer gesagt: Bei diesen Worten ist der Engel nicht mehr allein. Es scheint, als ob diese Botschaft nicht mehr ein Einzelner ausrichten kann. Hier braucht es eine ganze Schar von Engeln, die diese Worte verstärken und vervielfältigen.

Und unten auf der Erde der Stall mit Maria und Joseph, dem Jesuskind und dem Ochsen und dem Esel. Ochs und Esel werden zwar in der Geburtsgeschichte von Lukas und Matthäus nicht erwähnt. Was aber sollten im Stall anderes sein als Tiere? Das haben die Menschen in den ersten Jahrhunderten wohl auch so empfunden als sie in den
sogenannten apokryphen Schriften zum Neuen Testament eine Geschichte erzählten, die so beginnt:
„Maria ging in einen Stall und legte ihren Knaben in eine Krippe und Ochs und Esel beteten ihn an.“ Die Künstler griffen diese Erzählung auf und so wurde sie schon im Mittelalter zum festen Bestandteil der Krippenmalerei.

2.Ochs und Esel – Barmherzigkeit der Tiere mit den Menschen
Wo aber stehen Ochs und Esel? Meist haben die Maler sie so nahe zum Jesuskind gestellt, als ob sie mit dem Hauch ihres Atems das Neugeborene wärmen wollten. Traditionell wird diese Nähe als Anbetung interpretiert.
Aber steckt da nicht genauso die Botschaft drin: Seht, so barmherzig gehen die Tiere mit ihren Mitgeschöpfen, den Menschen um. Ja, Sie haben richtig gehört: Die Tiere gehen barmherzig mit uns Menschen als ihren Mitgeschöpfe um.

Das gefällt mir, weil es eine wichtige Botschaft
erzählt. Diese, nennen wir sie „tierische, kreatürliche Barmherzigkeit“ weist auf eine Wirklichkeit, eine Macht hin, die vor uns liegt, vor allem, was wir tun. Es ist als wollten die Tiere einen Hauch vom verlorenen Paradies in unsere Welt bringen.

3. Was das mit uns den Betrachter macht
Was aber macht das mit uns, wenn wir uns in das Krippenbild hinein versenken, Wir sehen jetzt mit den Augen unseres Herzens eine ganz neue Wahrheit: das Reich Gottes, so wie es dann der Mann aus Nazareth 30 Jahre später als seine Botschaft in die Welt bringt.
Reich Gottes, das ist die Fülle dessen, was wir unbedingt zum Leben brauchen und was unser Leben reich macht: Vertrauen, Vergebung und Neuanfang, Würde und aufrechter Gang und vor allem Mut und die Kraft zum Durchhalten, Weiterzumachen – trotz allem. Mit einem Wort für uns heute:
Weihnachtsmut statt Resignation.

Diesen Mut werden wir brauchen, wenn wir uns jetzt von der Botschaft der Engel anrühren und in Bewegung setzen lassen:
„Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“

4. Frieden auf Erden – die Wirklichkeit heute jedoch ein gestörter Frieden.
Frieden, welch ein großes Wort, über das in diesen Tagen nicht nur in den Kirchen Hilfreiches und Wegweisendes gesagt wird. Wir wollen uns heute Morgen bescheiden und nur einen kleinen Zipfel dieses großen Wortes ergreifen und beschreiben.
Der Frieden im Großen fängt im Kleinen an.
Und da denke ich hier am Ort des Parkgebets, das ja unter dem Motto steht:
Gebet für den Frieden in dieser Stadt.
Frieden, das ist ein gedeihliches Zusammenleben in unserer Stadt, in unserer Bürger- und Zivilgesellschaft. Dieser Frieden wird seit Jahren empfindlich gestört.

Er wird empfindlich gestört, weil es eine kleine Clique von Menschen gibt, die die Macht und das Kapital haben, das Projekt S21 durchpeitschen. Ihre Rücksichtslosigkeit zeigt sich im Umgang mit Bäumen und Tieren, in der Verleugnung von Gefahren für Behinderte, in der Unterminierung und Missachten aller demokratischen Spielregeln. Sie zeigen keine Achtung vor dem Recht, keine Achtung gegenüber allem, was schwach und behindert ist. Für diese Clique ist die ganze Welt nur Spielball in ihren Händen, Verfügungsmasse, womit sie ihren Überfluss und Einfluss vermehren können. Sie meinen, sie hätten Natur und Tieren, ja auch den Mitmenschen gegenüber keinerlei Verpflichtungen.

5. Was können wir tun gegenüber der scheinbaren Übermacht der S21 Befürworter und ihrem Faktenschaffen
Was können wir da tun? Sind wir, liebe Gemeinde nicht überfordert, wenn wir uns dieser Phalanx gegenübersehen? Nun, wir alle sind ja nicht untätig, wir sind – trotz allem – eine beachtliche Bürgerbewegung, die sich S21 entgegenstellt. Wir haben viele gute Gründe und noch mehr gute Ideen, um zu hoffen, dass es bei S21 Wege aus der Sackgasse gibt. Wenn man auf den Tiefbahnhof verzichtet, kann man trotzdem einen leistungsfähigen Bahnknotenpunkt bauen und vor allem Häuser und bezahlbare Wohnungen bauen und gleich damit anfangen. Da muss man nicht erste 10-15 Jahre warten.

Trotzdem erleben wir viele Zeitgenossen, die resigniert haben gegenüber der scheinbaren Macht des Faktenschaffens bei S21.

6. Mut statt Resignation: Schauen wir auf die Hirten.
Schauen wir uns die Hirten in der Weihnachtsgeschichte an. Ihr harter Alltagstrott und ihre prekäre soziale Stellung ließ wenig Hoffnung auf Veränderung zum Guten bei ihnen aufkeimen.

Aber jetzt die Botschaft der Engel „Frieden auf Erden“ und „Euch ist heute der Heiland geboren“, diese Worte setzten sie in Bewegung. Sie schenkte ihnen neuen Mut.
„Als die Engel von ihnen wieder gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide Maria und Josef, dazu das Kind der Krippe“ (Luk. 2 V 15f)

Hier spürt man nichts von Resignation. Da wird die Hoffnung neu entfacht. Und verleiht ihrem Leben geradezu Flügel.
Diese Botschaft erinnerte sie an Gott, den Herrn der Welt. Er hat nicht nur den Kosmos erschaffen. Er überlässt diese Welt nicht einfach sich selbst und ihren zerstörerischen Kräften. Nein, er greift ein und schenkt der Welt den Heiland.
Deshalb: Weihnachts-Mut statt Resignation.

Das wünsche ich mir und uns allem hier heute am Weihnachtsmorgen, Mut, einfach weitermachen. Wir wissen uns auf einem guten Weg und vielleicht gelingt es uns, auch von den anderen ganz, ganz viele mitzunehmen: von den Resignierten,
und – so Gott es will – vielleicht – machen sich sogar welche von den Betreibern und Befürwortern mit uns zusammen auf dem Weg aus der Sackgasse S21 auf dem Weg des Friedens in unserer Stadt.
Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 1.10.2015 zu Psalm 32,1-5 von Pfr. i. R. Eberhard Dietrich

V. 1 Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist.
V. 2 Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Betrug ist.
V. 3 Denn als ich es wollte verschweigen,
verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.
V. 5 Darum bekannte ich dir meine Sünde
und meine Schuld verhehlte ich nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen.Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünden.
Liebe Parkgemeinde

1.Der Psalm und seine Bedeutung
Wenn ich heute diesen ungewöhnlichen Bibeltext der Ansprache zugrunde lege, will ich ein paar einleitende und erklärende Worte voranschicken. Psalm 32 ist der zweite von sieben „Bußpsalmen“ der Kirche. Er ist in der Lutherbibel überschrieben:
„Vom Segen der Sündenvergebung“.
Der Anfangsvers nimmt uns gleich in diesen Gedanken hinein:
„Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist!
Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Betrug ist!“

Zuerst wollte der Beter seine Sünde verschweigen, doch er merkte, wie sich die Sünde wie ein Virus in seinem Körper auswirkte. Und er merkte die Hand Gottes, die schwer auf ihm lag. Wir würden heute sagen: Er hatte ein schlechtes Gewissen.
Das brachte ihn dazu Gott seine Sünde und
Schuld zu bekennen und er erfuhr Vergebung und Befreiung und ein erleichtertes Gewissen. Auf diese Weise ist dieses ganz intime Bekenntnisse der Schuld vor Gott zugleich auch Modell und Vorbild für andere, mit ihrer eigenen Schuld umzugehen.

2.Die öffentliche Dimension ihrer Taten: Störung des Rechtsfriedens. Wer zu den Tätern gehört
Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, wie die Täter vom 30. 9. mit ihrer Schuld vor Gott umgehen oder umgegangen sind. Das würde bedeuten, ihre Schuld einfach auf ihr Privatleben zu beschränken, und damit wäre ihr Tun für die Öffentlichkeit irrelevant.
Das Verhalten der Täter, ihr Tun und Agieren hat den Rechtsfrieden in unserer Bürger und Zivilgesellschaft empfindlich verletzt. Darüber wollen und müssen wir sprechen. An diese persönliche Schuld der Täter wollen wir erinnern.
Täter, um das noch einmal zu wiederholen, das sind für mich die Polizisten auf allen Stufen der Hierarchie, aber auch die Akteure im Hintergrund in der Politik, nicht nur damals vor fünf Jahren, sondern in gleicher Weise bis heute. Keiner der Verantwortlichen hat bis heute ein solches Schuldeingeständnis gemacht.

Was am 30. September 2010 passierte, war kein Tsunami, der über den Schlossgarten hereinbrach. Hier waren Menschen beteiligt. Alles war von langer Hand vorbereitet und geplant. Dabei wurde billigend in Kauf genommen, dass Menschen verletzt wurden, ja vielleicht nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern mit Absicht. Denn warum hat man die Sanitäter nicht in den Schlossgarten gelassen?

Jeder einzelne von den Tätern hätte anders gekonnt.
Der Polizeipräsident hätte den Einsatz abbrechen können.
Die Täter in den Reihen der Polizisten hätten nur ihre Vorschriften beachten müssen.
Die Politiker und Justiz hatten fünf Jahre Zeit, ihre Pflicht zu tun und das Strafrecht anzuwenden.
Aber sie haben es nicht getan. Das ist ihre Schuld.
Was wir fordern und erwarten ist nicht eine oberflächliche Entschuldigung, wie wir es uns im Alltag angewöhnt haben mit den Worten: „Ach Entschuldigung“, eine Floskel, die wir letztlich gar nicht ernst meinen. Oder wie viele sagen: „Schwamm drüber“, so als wenn man früher auf einer Schiefertafel einfach einen Fehler wegwischte.
Wir fordern von den Tätern und Verantwortlichen das Eingeständnis ihrer individuellen Schuld, die Reue und die Bitte um Vergebung bei den Opfern. Erst dann ist Vergebung möglich. Und wir werden nicht müde werden, daran zu erinnern, bis der Rechtsfrieden wieder hergestellt ist.
Es ist unsere Aufgabe, die Gewissen zu schärfen, nicht sie einzulullen. Es ist unsere Aufgabe beharrlich das Unrecht zu benennen
und Vergebung zu verweigern.

3. Warum wir nicht vergessen dürfen
Warum aber soll man Schuld nach so langer Zeit thematisieren und daran erinnern?
Müssen wir uns als Christen nicht für Versöhnung und Vergebung stark machen? Als Christen müssen wir auch mal einen Schlussstrich unter Vergangenes ziehen. In der Tat, das müssen wir. Aber wie wir im Psalm gelernt haben, steht vor der Vergebung und Versöhnung und dem guten Gewissen das Eingeständnis der Schuld. Auch von der Psychologie her wissen wir, dass man Schuld nicht einfach unter den Teppich des Verdrängens und Vergessens kehren darf.

Und ich erinnere an eine kleine Szene aus dem Leidensgeschichte Jesu. Als während des Verhörs vor dem Hohenpriester einer der Soldaten ihn grundlos ins Gesicht schlägt, stellt er ihn zur Rede. „Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich recht geredet, was schlägst du mich? (Joh. 18,23)
Das heißt für mich: Wir dürfen das Unrecht beim Namen nennen und den Täter an seine böse Tat erinnern.

Wenn wir uns gegen das Vergessen aussprechen, dann aus zwei Gründen:
Der Rechtsfrieden muss wieder hergestellt werden. Ein gedeihliches Zusammenleben in unserer Stadt, in unserer Bürger- und Zivilgesellschaft kann es nicht geben, solange offensichtliches Unrecht ungesühnt bleibt, solange Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Wenn wir das Unrecht einfach vergessen, dann rechtfertigen wir die Täter und geben ihnen im Nachhinein Recht und ein gutes Gewissen.

Nicht nur als Christen wissen wir um die unheilvolle Macht des Bösen. Und dieses Böse, diese Schuld muss vergeben werden, erst dann ist ein Neuanfang möglich. Um zu vergeben, muss der Täter seine Schuld einsehen, anerkennen und um Vergebung bitten
und sofern es möglich ist, wieder gut machen und sühnen. Erst dann ist Vergebung keine billige wohlfeile Gnade, so nach dem Motto eines Spötters über den christlichen Glauben der sagte: Der Beruf des lieben Gottes ist es eben zu vergeben. Und er wollte damit wohl sagen: Jetzt können wir Menschen eben tun und lassen, was wir wollen, es hat keine Konsequenzen weder bei Menschen noch bei Gott.

Wir stemmen uns zweitens gegen das Vergessen um der Opfer willen. Das sind wir auch den Opfern gegenüber schuldig. Viele von uns wurden verletzt an Leib und Seele. Wenn wir das Böse einfach vergessen, machen wir sie erneut zu Opfern. Dann nehmen wir ihre Verletzungen nicht ernst und erwarten von ihnen, wenn auch unausgesprochen, das alles einfach wegzustecken.
Wir wollen uns nicht scheuen, das als Unrecht, als Böses zu benennen, auch wenn es vielleicht ein weltlicher Richter anders sieht oder entschuldigt.
Das Tun der Täter ist nicht einfach blindes Geschick oder Schicksal, sondern persönliche Schuld. Sie hätten auch anders gekonnt, wenn sie gewollt hätten. Gestörter Rechtsfrieden ist gestörte Gemeinschaft und die kann nur durch die Gemeinschaft wieder geheilt werden. Nur so ist ein Neuanfang möglich.
4.Gegen alle Selbsttäuschung
Und damit kommen wir zu einem letzten Gedanken unseres Psalmes. „Wohl dem Menschen, in dessen Geist kein Betrug ist.
Wir erleben es gerade im Hinblick auf den Schwarzen Donnerstag, wie gewissenlos Menschen im Umgang mit ihren Mitmenschen sein können. Warum können sie so handeln? Der Psalm spricht von Betrug, Täuschung, wir könnten auch sagen: Ausreden, Rationalisierungen..

Kaschieren von Gewalt. Auskosten von Macht. Ich erinnere an die kleine Szene aus dem Markusevangelium, wo Jesus vor denen warnt, die bei den Menschen als die Herrscher gelten und die ihre Völker nieder halten und ihnen Gewalt antun. (Mk 10,42)

Der Polizeipräsident hat z.B. ein halbes Jahr später in der Hospitalkirche eine Plattform bekommen, sich zu rechtfertigen und er stellte sein Tun unter das Motto: „Wieviel Sicherheit braucht unser Zusammenleben?“
Perverser geht es wohl nicht mehr. Als wenn die Sicherheit für die Stadt von einer friedlichen Schülerdemo gefährdet worden wäre.

Vielleicht werden Menschen erst zu solchen Taten fähig, weil sie sich etwas vormachen, sich selbst betrügen, weil sie Gottes Gebote missachten, ihren Gehorsam gegen Befehle als höchsten Wert ihres Lebens sehen, ihre Karriere nicht gefährden wollen oder einfach feige sind.
Über die Motive der Täter kann man trefflich spekulieren.
Wir aber messen sie an ihren Taten.
Wir wollen nicht mehr aber auch nicht weniger als dass das Unrecht erkannt und gesühnt wird. „Wohl dem Menschen, in dessen Geist kein Betrug ist.“

Ansprache beim Parkgebet am 16.7.2015 zu Lk 12,16-21 von Friedrich Gehring

Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, des Feld hatte wohl getragen. Und der dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nicht, wo ich meine Früchte hin sammle. Und er sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iss und trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und was du gesammelt hast, wem wird es zufallen? So geht es dem, der für sich Schätze sammelt und ist nicht reich vor Gott.

Diese Warnung Jesu aus dem Lukasevangelium spielt auf die Klugheit an, die das Sprichwort formuliert: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“. Wir können von unserem Besitz nichts mitnehmen über unseren Tod hinaus. Die Losung des diesjährigen Kirchentags „auf dass wir klug werden“ meint ursprünglich dasselbe, sie wurde aber aus dem Zusammenhang des 90. Psalms gerissen wo es heißt: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“. Wenn wir unsere Vergänglichkeit bedenken, bekommen wir ein anderes Verhältnis zum materiellen Besitz, das gierige Raffen verliert seinen Sinn. Das wäre die zentrale Botschaft des Kirchentags geworden, wenn man den Zusammenhang des Psalms berücksichtigt hätte. Die Hauptaufgabe des Christentreffens hier in Stuttgart wäre dann die Auseinandersetzung mit dem herrschenden Neoliberalismus geworden.

Dann wäre nicht nur zur Sprache gekommen, dass unser Tod die Gier zur Narretei macht, es wären noch andere Aspekte des närrsichen Raffens in den Blick gekommen. Der neoliberale Mainstream in unserem Land verkündet ja immer wieder voll Stolz und Selbstgefälligkeit, dass wir Exportweltmeister sind, weil wir die Löhne und Lohnnebenkosten niedrig halten und deshalb konkurrenzfähig sind. In großer Überheblichkeit empfiehlt die neoliberale politische Kaste in unserem Land allen möglichen anderen, uns diese Politik nachzumachen. Alle Welt soll an diesem deutschen Lohndumpingunwesen genesen. Speziell den Griechen wurde diese Politik 5 Jahre lang aufgezwängt, obwohl sie stetig in den Abgrund führte. Diese Politik denkt so kurz, so borniert, dass sie nicht merkt, was eine Steigerung der Konkurrenzfähigkeit in Griechenland für Deutschland bedeutet. Wenn die Löhne im griechischen Tourismussektor sinken, steigt dort die Zahl der Gäste aufkosten auch der deutschen Tourismusbranche. Das wird vernachlässigt, weil Deutschland seinen Wohlstand vorrangig aus Industrieproduktion erwirtschaftet. Aber auch die Exportüberschüsse dieser Branche haben eine Haken: Wenn mehr exportiert als importiert wird wie bei uns, müssen sich die Länder verschulden, in die wir exportieren. Das mag eine Weile gutgehen, aber am Ende kommt die Zahlungsunfähigkeit der Importländer, und die Gelder, die wir ihnen geliehen haben, damit sie bei uns kaufen, sind verloren. Unser toller Exportüberschuss macht das eingenommene Geld wieder kaputt.

Ihr Narren, sagt Gott den neoliberalen Wirtschaftsweisen, die den Exportüberschuss preisen. Ihr hättet darauf achten müssen, dass ihr die Importländer auch was verdienen lasst, damit der Handel tatsächlich funktioniert. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist die Weisheit des barmherzigen Gottes gegenüber dem dummen Raffen des Götzen Mammon. Das gilt auch für die Binnenwirtschaft. Wer verkaufen will, der muss die Arbeitnehmer so am Gewinn beteiligen, dass sie die Produkte kaufen können. Lohndrückerei führt den Binnenmarkt in die Rezession.

Wir sind hier im Schlosspark zusammen, um ein besonders dummes Projekt der Gier zu brandmarken. Die gierigen Investoren, die innerstädtisches Bauland für ihre Profite brauchen, haben sich zunächst in die Tasche gelogen, der Tiefbahnhof könne mit dem Geld aus dem Verkauf des Bahngeländes bezahlt werden. Aber auch was wir uns in die Tasche lügen, hat eben kurze Beine. Als die Bahn die Lüge erkannte, hat sie das Projekt S 21 aufgegeben, ließ sich aber durch die Zuzahlungen von Stadt und Land bestechen, doch weiterzumachen. Zu dumm: Jetzt kommt die Zahlung der Stadt vor das Bundesverwaltungsgericht. Bahnchef Grube gab zu, er würde das Projekt mit dem Wissen von 2013 nicht mehr beginnen. Zu dumm: Jetzt wird mehr und mehr nachweisbar, dass die Kanzlerin im März 2013 das unrentable Projekt durchgedrückt hat. Sie schwärmt für die sparsame „Schwäbische Hausfrau“. Zu dumm: Sie ist das Gegenteil davon. Sie hat Stuttgart 21 zur Zukunft Deutschlands erklärt. Zu dumm, Stuttgart 21 wird zum Fiasko, schlimmer als die Elbphilharmonie und der Berliner Flughafen zusammen.
Ihr Narren, sagt der barmherzige Gott, ihr wollt Schätze sammeln und vergesst den wahren Reichtum, der vor dem barmherzigen Gott gilt. Wahrer Reichtum entsteht, wenn das Wohl für alle geschaffen wird. Da muss gefragt werden, was für alle gut ist, welcher Bahnhof der Allgemeinheit dient bei einem positiven Kosten-Nutzen-Faktor. Da kommt es darauf an, dass von den Unternehmensgewinnen im Land alle einen gerechten Lohn empfangen, nicht nur eine kleine Gruppe von Reichen. Und da muss darauf geachtet werden, dass nicht nur einzelne Nationen wirtschaftlich blühen, sondern dass auch in der Völkerwelt gerecht geteilt wird. Das ist Reichtum vor dem barmherzigen Gott. Das bringt wahren Frieden.
Lasst uns deshalb unbeirrt auf den barmherzigen Gott schauen, damit wir wahrhaft klug werden.
Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 5.3.2015 zu Mt 4,8-10 von Friedrich Gehring

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan, denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ (Mt 4,8-10)

Liebe Parkgebetsgemeinde,
wer ist dieser Teufel, der Jesus die Weltherrschaft anbieten kann unter der Bedingung, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten? Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 19.2.2015 von Eberhard Dietrich

1. Einleitung
Liebe Parkgemeinde wir hatten vorhin schon das Thema unseres heutigen Parkgebetes genannt: Die Tiere. Was aber haben die Tiere in unserem Parkgebet verloren? Viele Christen tun sich ja schwer, zum einen überhaupt mit ihrem Verhältnis zu den Tieren und doppelt schwer, den Gedanken zu denken, dass sie mit unserem Glauben etwas zu tun haben sollen. Weiterlesen

Montagsdemo 16.2.2015: Ethikstunde bei Lehrer Kretschmann von Friedrich Gehring

Grüß Gott, liebe Kinder, ihr wundert euch vielleicht, dass der Ministerpräsident am Rosenmontag mit dieser Mütze verkleidet zu euch in den Ethikunterricht kommt, aber wenn ich 2016 nicht wiedergewählt werde, dann muss ich wieder in die Schule, Lehrer sollen ja künftig länger arbeiten. Deshalb wollte ich heute mal probieren, ob ich immer noch spannend unterrichten kann. Das Thema dürft ihr selbst bestimmen. Ja bitte! Lüge und Wahrheit. Das ist ja ein tolles Ethikthema. Wie kommt ihr denn da drauf? Ach, ihr wollt wissen, warum die Leute bei den Montagsdemonstrationen immer „Lügenpack“ schreien? Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 22.1.2015 zu Mt 5,43 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Liebe Parkgebetsgemeinde,
kurz vor dem Weihnachtsfest überfielen Taliban eine pakistanische Schule und ermordeten etwa 150 Menschen, vorwiegend Kinder und Jugendliche. In Nordnigeria löschten dieser Tage die Mörder von Boko Haram eine ganze Ortschaft mit 2000 Menschen aus. Die westliche Welt ist entsetzt seit den Mordtaten an 17 Menschen in Paris. Es werden Vorschläge zur Terrorabwehr gemacht. Marine Le Pen von den französischen Nationalisten fordert die Todesstrafe. Sie scheint nicht zu wissen, dass Selbstmordattentäter bei ihren Anschlägen den eigenen Tod in Kauf nehmen. Die deutschen Konservativen rufen erneut nach der Vorratsdatenspeicherung. Sie haben nicht mitbekommen, dass diese in Frankreich praktiziert wird, aber die Morde in Paris nicht verhindert hat. Die EU- Außenminister beraten über eine bessere Zusammenarbeit der Geheimdienste, als wüssten wir nichts über den Verfassungsschutz und den Nationalsozialistischen Untergrund. Ministerpräsident Kretschmann fordert mehr muslimischen Religionsunterricht. Er hat vermutlich nie Ethik bei gewaltbereiten Rechtsradikalen unterrichtet. Als ich vor Jahren in einer solchen Klasse Religionsunterricht hielt, war nicht das Christentum Thema, sondern die Gewalt. Die Schüler waren nicht gewalttätig, weil in der Bibel vom Heiligen Krieg die Rede ist, sondern weil sie Wut angesammelt hatten.

Wie können wir auf die terroristischen Mordtaten als Christen angemessen reagieren? Weiterlesen

Predigt zu Lk 2, 1-14 am 26.12.2014 im Stuttgarter Schlosspark von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die himmlischen Scharen über dem Stall von Bethlehem verkünden Frieden. Das war eigentlich nicht nötig, denn es herrschte kein Krieg. Es war Frieden, allerdings ein ganz bestimmter. Es war der so genannte römische Friede. Sein Grundsatz lautete: „Si pacem vis, bellum infer“, zu deutsch: „Wenn du Frieden willst, trag Krieg ins Land“. Diese Definition von Frieden ist geprägt vom Geist römischer Kolonialherrschaft, die Frieden schafft durch das militärische Niederhalten fremder Völker zum Zweck der bestmöglichen wirtschaftlichen Ausbeutung. Diese Friedensvorstellung prägt seit Jahrzehnten auch die Politik der USA und Putin scheint derzeit von den USA zu lernen. Weiterlesen

Mehrheit und Wahrheit – Ansprache bei der 224. Montagsdemonstration am 2. Juni 2014 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Liebe Freundinnen und Freunde des Kopfbahnhofs,
vergangene Woche machten Gerüchte die Runde, der Vorschlag eines Untersuchungsausschusses des Bundestags zu Stuttgart 21 sei ein Alleingang von Bernd Riexinger. Das ist eine unbewiesene Unterstellung, genauso könnte vermutet werden, dass die Ablehnung dieses Untersuchungsausschusses seitens der Grünen ein Alleingang des grünen verkehrspolitischen Sprechers Matthias Gastel sei. Zur Klarstellung möchte ich folgende Tatsachen mitteilen:
Am 25. Februar dieses Jahres wandte ich mich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen das Eisenbahnbundesamt an Bundesverkehrsminister Dobrindt wegen Genehmigung von Stuttgart 21 ohne ausreichenden Brandschutz. Dobrindt ließ mir im Blick auf die Anforderungen an den Brand- und Katastrophenschutz mitteilen: „Soweit diese Regeln noch nicht im Rahmen der Planfeststellung Berücksichtigung finden konnten, ist deren Einhaltung über das Verfahren zur Genehmigung der Inbetriebnahme einer neu erstellten Eisenbahninfrastruktur gewährleistet“. Am 25 März teilte ich der Kanzlerin den Vorgang mit und bat, bei Dobrindt zu bewirken, er möge das Eisenbahnbundesamt zu einem Baustopp für Stuttgart 21 veranlassen. Darüber informierte ich auch die Fraktionsführungen der Opposition. Von den Linken bekam ich keine Antwort, diese war auch nicht nötig, denn die Linke arbeitete zu dieser Zeit bereits an zwei sehr ausführlichen kleinen Anfragen zu Stuttgart 21 mit den notwendigen peinlichen Fragestellungen. Seitens der Grünen wurde ich an Matthias Gastel verwiesen. Aus dessen Büro wurde mir im Blick auf den Brandschutz bei Stuttgart 21 mitgeteilt: „Die Verantwortung dafür liegt allerdings nicht beim Bund sondern bei der DB AG sowie dem Land Baden-Württemberg und seinen Partnern.“ Das klang fast so wie die Antwort aus dem Kanzleramt vom 24. April mit dem Verweis auf Art. 65 GG: „In diesem Rahmen kann die Bundeskanzlerin nach geltendem Verfassungsrecht nicht in die Zuständigkeiten von Bundesminister Dobrindt eingreifen“.
Auf diesem Hintergrund überraschte es mich nicht, dass der Ruf von Bernd Riexinger und Sabine Leidig am 13. Mai nach einem Untersuchungsausschuss bereits am Tag danach seitens der Grünen abgelehnt wurde als unseriöse „Wahlkampfpublicity“. In dieser Situation war für mich die Petition an die Grünen im Bundestag, einem Untersuchungsausschuss zuzustimmen, die konsequente Reaktion. Nach Aussage von Sabine Leidig waren vergangene Woche nun Sondierungsgespräche zwischen Mitgliedern der Oppositionsfraktionen vorgesehen. Dass hier die Petition schon gewirkt hat, will ich nicht behaupten. Der Druck erscheint mir weiterhin notwendig. Deshalb habe ich einen offenen Brief an Ministerpräsident Kretschmann formuliert, der sich auch an die grüne Bundestagsfraktion richtet.
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,
in Ihrem Brief an die Mitbürgerinnen und Mitbürger vom 27.3.2014 behaupten Sie im Zusammenhang der Volksabstimmung vom 27.11.2012 über das S 21-Kündigungsgesetz: „In einer Demokratie entscheidet die Mehrheit und nicht die ‚Wahrheit‘“. Sie räumen dabei ein, dass in der Demokratie über die Wahrheit gestritten werden kann, Sie übergehen aber geflissentlich, dass über die zur Zeit der Volksabstimmung noch strittige Kostenfrage inzwischen nicht mehr gestritten werden muss, weil die damals falsche Kostenbehauptung von der Deutschen Bahn AG inzwischen eingestanden ist. Sie erwähnen die möglicherweise falsche Entscheidung der Schweizer über die Einschränkung der Freizügigkeit, verschweigen aber, dass die Schweizer neu und anders abstimmen können, wenn die Fehlentscheidung als solche erkennbar ist. Eine neue Abstimmung über die inzwischen wahren Kosten von Stuttgart 21 ziehen sie nicht in Betracht. Dadurch machen Sie die Lüge in der Politik zu einem nachhaltig erfolgreichen Instrument. Dies ist ein Skandal, denn ein gelingendes Gemeinwesen kann in unserem Land unmöglich auf einer Kultur der Lüge aufgebaut werden.
Die Verfassung des Landes Baden-Württemberg und die der Bundesrepublik Deutschland sind nach der Zeit des Nationalsozialismus entstanden im Bewusstsein „der Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Der Gott Israels hat seinem Volk durch Mose das achte Gebot gegeben, damit die Gemeinschaft nicht auf Lügen, sondern auf der Wahrheit aufgebaut wird. Sie aber machen mit Ihren skandalösen Aussagen die Lüge in unserem demokratischen Gemeinwesen hoffähig und schaden damit nicht nur Ihrem eigenen, sondern auch dem Ruf Ihrer Partei.
Für eine Umkehr von diesem verhängnisvollen Weg ist es noch nicht zu spät. Sie haben in diesen Tagen die großartige Möglichkeit, Ihre Parteifreunde im Bundestag zu motivieren, der Forderung nach einem Untersuchungsausschuss zum Projekt Stuttgart 21 zuzustimmen. In einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss als einem zentralen Instrument der Demokratie geht es nicht um Mehrheit, sondern um Wahrheit. Die kleine Minderheit der Opposition kann der Regierung mit ihrer überwältigenden Mehrheit Fragen stellen, die sie unter Androhung von Strafe wahrheitsgemäß beantworten muss. Wagen Sie jetzt mehr wahrhaftige Demokratie!
Die Bundesregierung hat kürzlich auf die kleine Anfrage der Fraktion der Linken geantwortet, sie glaube dem Aussichtsrat der Deutschen Bahn AG, das Projekt Stuttgart 21 sei noch wirtschaftlich. Das ist dieselbe Art, in der Sie die Kosten von Stuttgart 21 bei der Volksabstimmung zu einer Glaubensfrage machen wollen. In einem Untersuchungsausschuss wird aber z. B. die Wahrheitsfrage gestellt, wie es dazu kam, dass am 5. März 2013 der Bahnaufsichtsrat bei einer Enthaltung an dem Projekt Stuttgart 21 festgehalten hat, obwohl allen Aufsichtsräten der konkrete Nachweis vorlag, dass die Behauptung der Bahnverantwortlichen falsch war, der Ausstieg komme 70 Mio. Euro teurer als der Bau.
Es liegt jetzt an Ihrer Partei. Sie kann der Bundesregierung den Glauben an die Lüge durchgehen lassen oder sie kann der Wahrheit zum Sieg verhelfen. Auch Ihnen und Ihrer Partei gilt die Verheißung Jesu aus Joh 8, 32: „Die Wahrheit wird euch freimachen!“
Mit freundlichen Grüßen
Friedrich Gehring

Predigt zur „Tunneltaufe“ am 21.3.2014 am Nordbahnhof – von Pfr. i. R. Friedrich Gehring – Was ich als christlicher Pfarrer dort verkündigen würde

Liebe Festgäste,
bei Taufen werden Menschen in die christliche Kirche aufgenommen. Ein Tunnel kann natürlich nicht in die Kirche aufgenommen werden, aber diese Tunneltaufe ist offenbar nötig, um dieses Bauwerk in unsere Gesellschaft aufzunehmen, trotz des Widerstands im Volk.
Für nicht wenige Menschen in unserem Land hat das Bauen an diesem großen Bahnprojekt eine große Verheißung: Es wird Wachstum in unsere Region bringen und damit eine Mehrung unseres Wohlstands. Unsere für die Richtlinien der Politik zuständige Kanzlerin Merkel hat es auf den Punkt gebracht, indem sie mit eben diesem Projekt Stuttgart 21 die Schicksalsfrage verband, ob in Deutschland künftig noch Großprojekte möglich sind oder nicht. In ihrer Sicht entscheidet sich an diesem Bauwerk, vor dessen Teilabschnitt wir hier stehen, die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands.
Ziemlich genau diese Hoffnung verband sich auch mit dem Bau des Atomkraftwerks Kalkar am Niederrhein vor etwa 40 Jahren. Die Atomenergie erschien als der Schlüssel für die Zukunft. So wurde der schnelle Brüter für Milliarden D-Mark gebaut, lieferte aber nie auch nur ein Kilowatt Strom, weil während des Baus erkennbar wurde, dass diese Technologie zu gefährlich war. Heute ist das Atomkraftwerksgelände ein Vergnügungspark. Es ist das große, epochale, bleibende Verdienst unserer Kanzlerin Merkel, dass sie nach der Katastrophe von Fukushima als gelernte Naturwissenschaftlerin die Umkehr aus der Atomindustrie gewagt hat.
Auch beim Projekt Stuttgart 21 haben sich seit der Planung völlig neue Gesichtspunkte ergeben: Es gibt inzwischen Wendezüge, der Tiefbahnhof schafft nicht mehr Züge als der Kopfbahnhof, von den versprochenen Arbeitsplätzen entsteht nur ein Bruchteil, der Grundstücksverkauf bezahlt den Tiefbahnhof mitnichten, das Projekt ist unwirtschaftlich, der Fildertunnel ist nicht schnell genug entrauchbar, der Tiefbahnhof bei Panik zu eng, beide werden bei einem Brand tödliche Fallen. So wird verständlich, dass Papst Franziskus mahnt: „Diese Wirtschaft tötet“. Alles in allem: Die Bahnführung würde mit dem Wissen von 2013 das Projekt nicht mehr beginnen. Kann es so Deutschlands Zukunft sein?
Die zentrale Botschaft Jesu war: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ (Mt 4,17). Buße heißt Umkehr. Wenn wir die Botschaft Jesu ernst nehmen, dann müssen wir immer offen bleiben dafür, einen falschen Weg einzugestehen und neue Wege zu beschreiten, wie wir das bei der Atomkraft tun. So müssen wir offen sein für die Möglichkeit, dass dieser Tunnel, nachdem er fertiggestellt ist, z. B. zum Züchten von Pilzen dient, weil das Projekt Stuttgart 21 zu teuer und zu gefährlich ist, so wie der schnelle Brüter von Kalkar nun als Freizeitpark die Besucher erfreut.
Das Reich des barmherzigen Gottes ist nicht gleichzusetzen mit wirtschaftlichem Wachstum um jeden Preis. Im Reich Gottes geht es um das Wachstum der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit. In diesem Sinne wünsche ich dem Tunnelbauwerk, dessen Beginn wir heute feiern, dass alle Arbeiter an diesem Bau immer einen gerechten Lohn empfangen mögen und ihre Arbeit ohne Unfälle zu Ende bringen können. Amen

Schützenhilfe vom Papst: Der neoliberale Kapitalismus und S21 von Hans-Eberhard Dietrich. 24. Februar 2014

Ein Grund unserer Kritik an S21: Es ist ein Paradebespiel des neoliberalen Kapitalismus
Wir haben auf unserem Blog und in unserem Buch „Stuttgart21 – Christen sagen nein“ in verschiedenen Beiträgen unsere Kritik an S21 damit begründet, dass es ein Paradebeispiel des neoliberalen Kapitalismus ist. Er befriedigt nicht die Bedürfnisse der Menschen, sondern will einzig die Anhäufung des Kapitals in den Händen weniger. Bei dieser Gier ist er blind für die sozialen, ökologischen, volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen und zerstört auf diese Weise letztlich Mensch und Natur.

Wir formulierten in unseren 6 Thesen u.a.:
S21 ist ein Projekt menschlicher Überheblichkeit
Es stellt nicht die Lebensqualität in den Mittelpunkt. Wir verstehen die Klagen der Propheten, ihre Anklagen gegen soziales Unrecht und Jesu Warnung vor dem Mammon als Absage an eine Haltung, mit der in erster Linie materieller Vorteil und Gewinn angestrebt werden. Sie schadet und widerspricht dem aus jüdisch-christlicher Tradition gewonnenen Menschenbild.
S21 bevorzugt die Starken zum Nachteil der Schwachen. Unantastbare Würde ist allen Menschen von Gott zugesprochen. Gleichwohl gilt nach biblischem Zeugnis die „vorrangige Option für die Schwachen“. Nach biblischer Tradition hat sich Gott selbst zum Anwalt der Schwachen gemacht. Deshalb sollen und müssen Christen deren Sache zu der ihren machen. Vorgebliche „Neutralität“ gegenüber Starken und Schwachen stellt sich faktisch auf die Seite der Starken.
Letztlich geht S21 fahrlässig mit der Schöpfung um. Durch die biblische Überlieferung von der Schöpfung, durch die darin enthaltene Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit sehen wir uns in der Verantwortung, zu Schutz und Pflege der Schöpfung aktiv beizutragen.“
Schützenhilfe von Papst Franziskus
Unerwartet und überraschend erhält unsere Kritik Schützenhilfe von Papst Franziskus. „Evangelii gaudium“ ist der Titel des Apostolischen Schreibens, das Papst Franziskus am 24. November 2013 im Verlauf der Heiligen Messe auf dem Petersplatz an 36 ausgewählte Repräsentanten aus 18 Ländern übergeben hat. Vor allem die Kapitalismuskritik hat ein lebhaftes Pressecho ausgelöst.
Wir können diese Kritik in ein paar Schlagworten zusammenfassen:
+ Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung
+ Nein zur neuen Vergötterung des Geldes
+ Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen
+ Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen.
+ Sich der Schwachen annehmen bedeutet heute, die Schöpfung bewahren

Die Schlagworte im Einzelnen:
+Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung
Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situation sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.

+ Nein zur neuen Vergötterung des Geldes
Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.
+ Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen
Ethik wird als zu menschlich angesehen, weil sie das Geld und die Macht relativiert. Man empfindet sie als eine Bedrohung, denn sie verurteilt die Manipulierung und die Degradierung der Person.

+Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen. Das Wachstum in Gerechtigkeit erfordert etwas, das mehr ist als Wirtschaftswachstum, auch wenn es dieses voraussetzt;

+ Sich der Schwachen annehmen bedeutet heute, die Schöpfung bewahren
Es gibt noch andere schwache und schutzlose Wesen, die wirtschaftlichen Interessen oder einer wahllosen Ausnutzung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Ich beziehe mich auf die Gesamtheit der Schöpfung. Wir sind als Menschen nicht bloß Nutznießer, sondern Hüter der anderen Geschöpfe.

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Wer sich für einen ausführlichen Auszug interessiert, hier eine pdf Version. Und im Buchhandel ist die Schrift auch zu erhalten.

(pdf-Datei: Apostolisches Schreiben, Evangelii gaudium)

Ansprache beim Pargebet am 20.2.2014 zu Jak 5,1-6 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Luther hat den Jakobusbrief nicht gemocht, er hat ihn eine stroherne Epistel genannt. Das darf im Blick auf die Reichenschelte des Jakobus nicht wundern. Denn Luther ist nach dem Bauernaufstand von 1525 auf die Seite der reichen Feudalherren getreten. Von diesen wurden die lutherischen Kirchen finanziert, da war es aus mit der Reichenkritik. Unsere lutherischen Kirchen sind bis heute dieser Scheu unterworfen. Der Sprecher der Ev. Landeskirche in Württemberg, Oliver Hoesch, hat im vergangenen Dezember vor laufender Kamera erklärt, die Landeskirche stehe neutral zwischen denen, die bei Stuttgart 21 eine Stellungnahme als zwingend erforderlich ansehen, und denen, die eine solche für verzichtbar halten. Nach den einfachen Gesetzen der Logik bedeutet das aber, dass wenn die Landeskirche keine Stellung bezieht, sie auf der Seite derer steht, die sie für überflüssig halten. Eine Stellungnahme müsste wohl zwangsläufig auch eine Kritik an den Profiteuren von Stuttgart 21 formulieren, die der Reichenschalte des Jakobus sehr nahe käme. Hier herrscht auch heute noch die klassisch lutherische Zurückhaltung.
Wenn wir uns allerdings an Jesus orientieren, dann kommen wir an der Kritik am Reichtum nicht vorbei. Denn nach Jesus kommt eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Reich Gottes (Mk 10,25). Wenn unsere Kirche den gierig Raffenden mit Jakobus zurufen würde: „Heulet über das Elend, das über euch kommen wird“, dann wäre dies zugleich hochaktuell. Wer wie Alice Schwarzer oder Uli Hoeneß Schätze sammelt und dabei noch Steuerverbrechen begeht, dem stünde wohl an zu heulen vor Scham. Dasselbe gilt für diejenigen, die sich an dem so brandgefährlichen wie nutzlosen und zerstörerischen Projekt Stuttgart 21 bereichern wollen. Denn das Geld, das derart dreist abgezogen wird, fehlt anderswo.
Michael Tsokos, Berlins oberster Rechtsmediziner, der regelmäßig zu Tode geprügelte Kinder obduzieren muss, sagt: „In Deutschland sterben Kinder für Geld“ (Frankfurter Rundschau, 5.2.14, S.38f). Aus 20-jähriger Erfahrung stellt er fest, dass Deutschland systematisch beim Kinderschutz versagt. Das hat natürlich auch mit den Mitteln zu tun, die für den Kinderschutz nicht ausgegeben werden. Ich habe verlässliche Information über eine Grundschulklasse im Großraum Stuttgart, in der ein Mädchen ist, deren familiärer sexueller Missbrauch seit über einem Jahr aktenkundig ist. Die Strafanzeige unterbleibt seitens der Familie wegen des faulen familiären Friedens, seitens des Jugendamts wegen Überlastung bzw. mangelnder finanzieller Mittel. Die Klassenlehrerin würde am liebsten Anzeige erstatten, aber dann würden die Eltern vermutlich durch Wegzug oder Umschulung das Kind ihrem Schutz entziehen. Wenn das Jugendamt mit mehr Stellen und mehr Mitteln zur außerfamiliären Unterbringung ausgestattet wäre, müssten weniger Kinder solche Martyrien erleiden. Aber die Millionen, die die Stadt Stuttgart für Stuttgart 21 ausgibt, stehen für einen wirksamen Kinderschutz nicht mehr zur Verfügung. Beim Geldausgeben zeigt sich, dass ihr die reichen Profiteure wichtiger sind als die armen Kinder.
Jakobus wagt es noch, den „ungerechten Mammon“ (Lk 16,9) der Reichen anzuprangern. Er kann sehen, was aus dem Raffen der Gierigen wird: „Euer Reichtum ist verfault, … euer Gold und Silber ist verrostet.“ Natürlich wissen wir alle, dass Gold nicht rostet, aber wir können heute gut verstehen was Jakobus meint. Der Goldpreis ist in enorme Höhen gestiegen, weil die reichen Anleger nicht mehr wussten wohin mit ihrem Geld. Nun ist der Goldpreis 2013 um 30 % gefallen, so „verrostet“ auch Gold. Weil zu viele zu viel gerafft haben, wird Geld anlegen schwierig: Zu viele wollen Zinsen einstecken, immer weniger wollen Zinsen zahlen. Nun ist das Jammern groß. Die Zinsen bleiben hinter der Inflation zurück, Reichtum „verfault“. Wir können auch zusehen, wie das Projekt der reichen Profiteure von Stuttgart 21 verfault. Ursprünglich meinten die bauernschlauen Planer, der Tiefbahnhof wäre aus den Spekulationsgewinnen beim Verkauf des Bahngeländes zu finanzieren. Diese Idee ist längst verrottet. Die gierige Deutsche Bahn AG meinte dann, durch die Sprechklausel die Kosten der Fehlspekulation auf die öffentlichen Haushalte abwälzen zu können. Dann kam überraschend die grün-rote Landesregierung an die Macht und beschloss den Kostendeckel, der auch bei der Volksabstimmung galt, nun ist auch diese geniale Idee verfault. Die kühne Idee des Nesenbachdükers verfault dadurch, dass kein Bauunternehmen diesen verrückten Plan verwirklichen will. Nun denkt man daran, den Tiefbahnhof ins Wasser zu betonieren. Wir dürfen gespannt sein, wann diese Idee verrottet. Die 121 Fäulnisrisiken, die der Fachmann Azer aufgelistet hat, sind nicht dadurch weg, dass Herr Azer nicht mehr Projektleiter ist.
Wir müssen also die Förderer des Projekts Stuttgart 21 nicht beneiden. Vor allem nach dem Volksentscheid wurde versucht, uns Projektgegner als die Verlierer hinzustellen. Jakobus öffnet uns die Augen für die andere Perspektive. Wir werden dabei nicht in Schadenfreude verfallen, aber nüchtern feststellen: „Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über das Elend, das über euch kommen wird“. Als Nachfolger Jesu geben wir die Hoffnung nicht auf, dass die Reichen sich noch rechtzeitig vor ihrem Elend warnen lassen und umkehren. Amen.

Ansprache zum 2. Jahrestag der Parkräumung am 14.2. 2014 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

Als wir im März 2012 einen Trauergottesdienst für den zerstörten mittleren Schlossgarten gehalten haben, wurde uns von Kritikern vorgehalten, dies sei im Vergleich zur Trauer um verstorbene Menschen unangemessen. Es wurde an unserem Verstand gezweifelt und uns eine übertriebene Sensibilität für die 176 Bäume vorgeworfen angesichts weltweiter riesiger Abholzungen und täglicher tausendfacher Tierschlachtungen in Deutschland.

Ich ziehe mir den Schuh, den mir diese Kritiker anbieten, nicht an, sondern reiche ihn zurück: Es ist für mich auffällig, dass dort, wo Tiere auf engstem Raum eingepfercht werden, auch Menschen eingepfercht werden, die für Hungerlöhne diese Tiere schlachten sollen. Wer massenhaft Antibiotika verfüttert, dem ist auch die menschliche Gesundheit egal. Hier ist die mangelnde Sensibilität für das Leid der Tiere gepaart mit der fehlenden Empathie für Mitmenschen. Wer sein Mitgefühl mit der Mitkreatur verdrängt, tut sich auch schwer mit der Einfühlung in den Schmerz seiner Mitmenschen. Wer Tiere und Pflanzen im Schlossgarten der Profitgier weniger opfert, für den sind dann auch Menschen, die in Tunneln ersticken, eine zu vernachlässigende Größe.

Schöpfungsverachtung und Menschenverachtung liegen beim Dienst an dem Götzen Mammon nahe beieinander. Auch bei der Loveparade in Duisburg hat wohl das Interesse an dem Geschäft mit dem Großereignis blind gemacht für die Risiken. Man darf gespannt sein, wann das Eisenbahnbundesamt angeklagt wird für die fahrlässige Genehmigung von Stuttgart 21 ohne ausreichende Berücksichtigung des Brandrisikos.

Wir sind heute zusammen, weil wir unseren Schmerz nicht verdrängen, sondern öffentlich zeigen, und dabei unsere Empathie in fremden Schmerz bewahren. Wir schämen uns nicht unserer öffentlichen Trauer. Unsere Trauer hat nicht das Ziel, den verlorenen Teil des Schlossgartens einfach nur loszulassen. Lange Zeit war in der professionellen Begleitung Trauernder das Loslassenkönnen die hauptsächliche Zielsetzung. Der Theologe und Psychotherapeut Roland Kachler hat als professioneller Trauerbegleiter dieses Ziel lange Zeit verfolgt, bis er seinen 16-jährigen Sohn bei einem Verkehrsunfall verlor und am Grab spürte, dass er zum Loslassen überhaupt nicht bereit war. Er hat über dieser Erfahrung zu einer neuen Praxis der Trauer gefunden, die nicht auf das Abschied nehmen zielt, sondern kreativ an der Beziehung zu dem verlorenen geliebten Menschen arbeitet. Er erlebte, dass er – trotz tiefer Trauer – in seiner Liebe seinem Sohn nahe blieb, dass das gemeinsam Erlebte durch die Erinnerung bewahrt wurde und nicht verloren gehen konnte, dass der geliebte Sohn in seinem Herzen weiter lebendig war. Er konnte sagen: „Du bleibst bei mir in den Bäumen, im Wind und in den Sternen“.

Ich habe den Eindruck, dass wir mit unserem heutigen Gedenken eine sehr ähnliche Erfahrung machen können. In kreativer Weise beleben wir die Erinnerung an den verlorenen Teil unseres wunderschönen Schlossparks. Wir sorgen dafür, dass das Schöne, das wir hier genossen haben, in unserer Erinnerung bewahrt bleibt und uns nicht mehr genommen werden kann. Wenn ein Vater sich seinem verstorbenen Sohn nahe fühlt „in den Bäumen, im Wind und in den Sternen“, dann müsste uns das mit dem verlorenen Teil des Schlossparks auch möglich sein.
Ich kann mir vorstellen, dass für nicht wenige unter uns die Trauer um die Bäume und Tiere hier im Park verbunden ist mit anderen Verlusterfahrungen ihres Lebens. Möge unsere heutige Trauerarbeit uns helfen, ohne zu verdrängen mit anderen Verlusten unseres Lebens ebenso kreativ und heilsam umzugehen im Sinne der Seligpreisung Jesu: „Glückselig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 6.2.2014 zu Mk 10,13-16 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Anrühren soll Jesus die Kinder, das wünschen sich die Eltern. Wahrscheinlich erhoffen sie sich von der Berührung durch einen heiligen Mann so etwas wie magischen Schutz für ihre Kleinen. Aber Jesus tut etwas, wozu man kein heiliger Mann sein muss: Er umarmt die Kinder. Damit gibt er den Eltern einen Hinweis: So sollen sie mit ihren Kindern umgehen, das macht sie stark fürs Leben. Denn Zärtlichkeit ist Lebenskraft, nicht nur für Kinder: Am vergangenen Sonntag war in der Presse zu lesen, dass in vielen deutsche Städten therapeutische Kuschelgruppen angeboten werden.
Es mag überraschen, diese Szene mit den Kindern bei einem Parkgebet anzubieten, bei dem wir doch eher gesellschaftskritische politische Themen behandeln. Ich möchte aber zeigen, dass diese Szene mehr ist als eine Idylle für Bilder in Kindergärten. Denn Zärtlichkeit ist ein Lebensprinzip, das die konsequenteste Gegenkultur darstellt zur Gewalttätigkeit und Machtausübung. Wenn ich jemandem zärtlich begegne, achte ich in jedem Augenblick darauf, ob meine Berührung meinem Gegenüber angenehm ist, und ich bin sofort bereit zurückzuweichen, wenn dies nicht mehr der Fall ist. Ich biete an, zwinge aber zu nichts. Ich achte ständig auf Einvernehmlichkeit. Zärtlichkeit ist konsequentester Gewaltverzicht.
Wenn ich an jene waffennärrische Lehrerin in Newtown in Connecticut denke, deren Sohn zuerst mit der mütterlichen Waffe seine Mutter erschoss, ehe er in ihrer Schule Amok lief, so kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Mutter zu ihrem Sohn jemals zärtlich war. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass sein Zärtlichkeitsbedürfnis derart frustriert war, dass aus dieser Frustration die Wut wurde, die schließlich in den Amoklauf mündete. Wenn wir solchen grauenhaften Gewaltexzessen junger Menschen vorbeugen wollen, müssen wir ihnen rechtzeitig Zärtlichkeit schenken. Zärtlichkeit beugt Gewalt vor.
Wir werden als Kopfbahnhoffreunde und Gegner des Projekts Stuttgart 21 ja immer wieder Wutbürger genannt. Tatsächlich kann vieles, was wir im Rahmen dieses Bauprojekts erleben, Wut aufkommen lassen. Im Schwäbischen sagen wir gelegentlich: Da geht einem das Messer in der Tasche auf. Es hat keinen Sinn, diese Emotionen zu leugnen oder sie verdrängen zu wollen. Aber ich meine, wir sollten uns von ihnen nicht auffressen lassen. Wir sollten uns besinnen auf die Gegenkultur der Zärtlichkeit, denn sonst können wir so destruktiv werden wie unsere Gegner. Zärtlichkeit ist ein Gegengewicht zu destruktivem Hass und zerstörerischer Machtausübung.
Ich habe viele Jahre lang im Religionsunterricht den Heranwachsenden die Gelegenheit geboten, ihre Geschlechterrollen zu reflektieren. Anhand einer Liste von männlichen und weiblichen Rollenstereotypen konnten sie sich bewusst machen, wo sie selbst standen. Ich gab aber auch die Gelegenheit zu formulieren, was jeweils vom anderen Geschlecht erwartet wurde. Auffälliger Weise haben sehr häufig die jungen Männer geäußert, sie erwarten von ihren Partnerinnen „Sanfte Autorität“. In der Verliebtheit suchen und finden wir ja im geliebten Gegenüber gerade das, was wir selbst nicht haben. Natürlich habe ich den jungen Männern geraten, diese sanfte Autorität nicht nur bei ihren Freundinnen zu suchen, sondern in den eigenen Lebensvollzug zu intergieren, wie Jesus uns das vorlebt.
In der Talkshow von Markus Lanz, die vor Wochen heftige Kritik erfuhr, hat m. E. Sarah Wagenknecht diese „sanfte Autorität“ hervorragend verkörpert. Sie hat mit großer Sachkenntnis kritisch argumentiert, ohne zu verletzen, so konnte sie vorbildlich gelassen bleiben, als ihre Gegner bissig wurden. Ihre beiden männlichen Kontrahenten täten gut daran, in dieser Hinsicht von ihr zu lernen. Denn es kann nicht angehen, dass wir diese Qualität den Frauen zuschieben, während Männer weiter ihre aggressiven Spiele treiben und Virtuosität erstreben im Niedermachen anderer. In unserem Widerstand gegen Stuttgart 21 brauchen wir Frauen und Männer, die sanfte Autoritäten sein können.
In der nächsten Woche steht ein schwieriger Termin an, zu dem wir diese Tugend dringend brauchen. Es jährt sich zum zweiten Mal die Zerstörung im Schlossgarten. Die Erinnerung wird bei vielen unter uns erneut Trauer und Wut auslösen. Das wollen wir nicht verstecken, aber ich denke, wir sollten uns dabei auf die Lebenskraft spendende Zärtlichkeit Jesu besinnen. Wenn unsere Trauer in tröstende Umarmungen mündet, dann werden wir als Frauen und Männer nicht die Destruktivität unserer Gegner nachahmen, sondern die Alternative leben, die Jesus uns anbietet. Dann werden wir die Verheißung der Bergpredigt erfahren (Mt 5,5): Glücklich zu preisen sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Amen.

Weihnachtspredigt zu Mt 10,16 am 26. Dez. 2013 im Stuttgarter Schlossgarten von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Dieses Wort Jesu als Predigttext an Weihnachten anzubieten mag als eine Zumutung erscheinen, denn es passt kaum zu dem, was wir gemeinhin als Weihnachtsstimmung empfinden. Ich möchte dennoch versuchen, diese Zumutung zu rechtfertigen. Wie wir aus dem Neuen Testament wissen (Mt 2,1-15), ist Jesus selbst als wehrloser Neugeborener unter die Wölfe geraten.  Der damalige Leitwolf Herodes ist zutiefst erschrocken, als die Weisen aus dem Morgenland nach dem verheißenen neugeborenen König fragen. Er wittert den Konkurrenten, den er ausschalten zu müssen meint. So ist das Jesuskind selbst schon ein kleines Schaf mitten unter Wölfen.
Aber offensichtlich ist dieses neugeborene Kind nicht nur unter Wölfe geraten. Als die drei Weisen den neugeborenen König gefunden haben, gehorchen sie dem Leitwolf nicht, der ihnen geboten hatte, den Aufenthaltsort des Konkurrenten zu verraten. Sie sind klug und weise genug, um zu bemerken, was Herodes vorhat. Sie erweisen sich als solidarisch mit dem wehrlosen kleinen Schaf, verweigern sich dem Leitwolf und retten damit das Kind vor dem brutalen Machthaber. Auch Leitwölfe wie Herodes bekommen die Grenze ihrer Macht zu spüren, wenn die Schafe zusammenhalten.

Schafe gelten sprichwörtlich als dumm, außerdem sind sie ein Inbegriff von Wehrlosigkeit. Auch das Kind in der Krippe ist solch ein Symbol für ohnmächtiges Ausgeliefertsein. Aber zum Mann herangewachsen fordert dieser neue gewaltlose König das Imperium des römischen Kaisers heraus. Als Herodes seine Agenten und die Pharisäer schickt (Mk 12,13-17), um Jesus in eine Falle zu locken mit der Frage, ob die Israeliten dem Kaiser Steuern zahlen sollen, umgeht Jesus die gestellte Falle: Weder plädiert er dagegen, so kann Herodes ihn nicht zum Staatsfeind machen. Auch plädiert er nicht dafür, so können ihn die Pharisäer nicht zum Volksfeind erklären. Er lässt sich eine Münze zeigen mit dem Bild des Kaisers. Damit sagt er jedem Juden, dass er ein solches Götzenbild nach Moses Gebot gar nicht in der Tasche haben darf (2. Mose 20,4).  Das läuft auf einen Boykott römischen Geldes hinaus. Wenn alle dabei mitmachen, kann der Kaiser den Israeliten auch kein Geld mehr aus der Tasche ziehen, um die Soldaten zu bezahlen, die das Land unterdrücken und ausbeuten helfen sollen.

Das macht diesen wehrlosen Knaben in der Krippe und diesen gewaltlosen neuen König so gefährlich für die Mächtigen seiner Zeit. Er wird die vielen scheinbar wehrlosen Schafe aufrufen, an das Reich des barmherzigen Gottes zu glauben und damit die Herrschaft der Mächtigen zu erschüttern. Er ermuntert die scheinbar dummen und wehrlosen Schafe, das zu entwickeln, was neuerdings Schwarmintelligenz genannt wird. Wenn die Schafe mutig und solidarisch zusammenhalten, dann sind sie kluge Schafe und keinesfalls völlig wehrlos. Deshalb schickt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger eben nicht als dumme und wehrlose Schafe in die Welt der reißenden Wölfe, sondern als kluge und wehrhafte Streiter für die Gerechtigkeit des Reiches Gottes. Wenn wir das ernst nehmen, dann kann dieser Satz von den schlauen Schafen unter den Wölfen ein wahrhaft weihnachtlicher und befreiender Text werden.

Wie kann das konkret aussehen, wenn Schafe befreiende Klugheit zeigen? Es wäre eine spannende Frage an Tierverhaltensforscher, was passieren würde, wenn eine Schafsherde gegen anschleichende Wölfe geschlossen losrennen würde. Ob die Wölfe es sich antun würden, von Schafen mit solcher Schwarmintelligenz überrannt zu werden? Jedenfalls haben vor 150 Jahren die Arbeitnehmer, die als Einzelne ihren unbarmherzig ausbeuterischen Fabrikherren ausgeliefert waren, in dieser Schwarmintelligenz agieren können mit dem Satz: Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Gandhi stand einst in Südafrika mit streikenden Bergwerksarbeitern einer berittenen Polizei gegenüber. Da kam einer auf die Idee, alle sollten sich auf den Boden legen, und die berittene Polizei musste unverrichteter Dinge abziehen. Ich habe das erst verstanden, als mir eine Schülerin, die etwas von Pferden verstand, erklärte, dass Pferde nicht über Menschenleiber laufen können, weil diese zu weich sind und die Pferde allzu leicht stürzen würden. Diese streikenden Arbeiter waren also mit nichts bewaffnet als mir ihren weichen Leibern, aber mit ihrer Schwarmintelligenz waren sie kluge Schafe, die sich erfolgreich gegen die scheinbare Übermacht berittener Polizei zur Wehr setzen konnten.

Ich kann an dieser Stelle nicht unterschlagen, dass die schlauen Schafe am „Schwarzen Donnerstag“ von der Polizei brutal vertrieben worden sind. Der politische Leitwolf wollte schlau sein und seine Mails vernichten. Aber sein schmutziger Trick hat nichts genutzt. Der Leitwolf war nicht schlau genug zu wissen, dass auch ein Leitwolf nicht ankommt gegen die Schwarmintelligenz kluger Schafe. Er ist nicht ungeschoren davongekommen. Mit nichts bewaffnet als mit Stimmzetteln haben die klugen Schafe den Leitwolf sauber verjagt.
Es kommt darauf an, dass wir „ohne Falsch wie die Tauben“ in geduldiger sauberer Überzeugungsarbeit die Schafe schlau machen. Wir lassen uns nicht einschüchtern von denen, die meinen, sie könnten uns für dumm verkaufen. So kann sich die Schwarmintelligenz durchsetzen, die auf den Weg zum Reich des barmherzigen Gottes der Gerechtigkeit führt. Als Christen dürfen wir auf die Klugheit der Schafe vertrauen. Lassen wir uns von dem Kind in der Krippe neu dazu berufen, nicht reißende Wölfe, sondern saubere schlaue Schafe zu sein. Amen.

Ansprache zum Parkgebet am 3.10.2013 zu Mt 5,10 von Pfarrer i. R. Friedrich Gehring

Ein Parkgebet am 3. Oktober muss zwangsläufig an die Friedensgebete in der Leipziger Nicolaikirche erinnern, die der Ursprung der Befreiung von der DDR-Diktatur waren und uns die deutsche Wiedervereinigung schenkten, die wir heute feiern. Anders als bei den Jubelreden dieser Tage hier in Stuttgart muss aber heute im Parkgebet auf eine unrühmliche Parallele hingewiesen werden, die uns hier im Park mit den einstigen Betern in Leipzig verbindet: In der Nicolaikirche war stets ein Mensch von der Stasi dabei, der für die DDR-Überwachungsdiktatur Berichte schrieb. Bei unseren Parkgebeten hier im Schlossgarten müssen wir ebenfalls davon ausgehen, dass jemand vom Verfassungsschutz anwesend ist, um über uns zu berichten. Die Überwachung einer Versammlung von friedlichen christlichen Betern ist normalerweise nur nötig in einer Diktatur. So entsteht die Frage: Welche Diktatur braucht unsere Überwachung? Es ist dieselbe Frage, die wir auch am vergangenen Montag in Erinnerung an den schwarzen Donnerstag stellen mussten: Welche Diktatur braucht einen solchen polizeilichen Gewaltexzess gegen friedliche Demonstranten? Unsere unbeugsame Antwort ist: An die Stelle der Diktatur der DDR-Parteibonzen ist die heutige Diktatur der Lobbyisten getreten mit Baden-Württembergischen Innenministern als ihren willfährigen Erfüllungsgehilfen.
In dieser Situation möchte ich erinnern an die trotzige Seligpreisung Jesu aus Mt 5,10: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Himmelreich.
Ich habe mit dieser Seligpreisung in meinem Leben nicht viel anfangen können, denn ich habe mich zwar gelegentlich gemobbt fühlen müssen, aber mich dabei nicht wirklich als verfolgt betrachtet, weil ich schwerere Verfolgungen überall auf der Welt vor Augen hatte. Auch will ich nicht die Unterschiede zwischen der DDR-Diktatur und der heutigen verwischen: Wenn ich diese Ansprache in der DDR gehalten hätte, dann wäre es möglich gewesen, dass mir angedroht worden wäre, meine Frau würde gelegentlich bei einem Verkehrsunfall umkommen. So weit sind wir heute noch nicht. Das befreit uns allerdings nicht davon, den Anfängen unseres Überwachungsstaats zu wehren. Spätestens seit dem „Schwarzen Donnerstag“ ist die staatliche Verfolgung vor aller Augen, auch dass die Geschädigten wegen ihres Einsatzes für die Gerechtigkeit verfolgt werden. Denn das Projekt Stuttgart 21 ist erwiesenermaßen ein Beitrag dazu, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht: Wenige Profiteure stecken ein, was der Gesamtheit der Steuerzahler und Fahrgäste unnötigerweise aus der Tasche gezogen wird. Genau darum ist es das Lieblingsprojekt von Kanzlerin Merkel, die uns in ihrer neoliberalen Verblendung vorgaukeln will, wenn es auf Kosten der Mehrheit einigen Profiteuren gute gehe, sei das für alle besser. Jesus spricht in solchen Zusammenhängen vom „ungerechten Mammon“ und fordert Gerechtigkeit durch die Rückverteilung von den Reichen zu den Armen: „Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“ (Lk 16,9). Jesus verheißt denen, die ihm darin nachfolgen, das Himmelreich nicht als jenseitiges Wolkenkuckucksheim, sondern als ganz diesseitige Erfüllung der Verheißung des barmherzigen Gottes, dessen „Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden“ (Mt 6,10). Für dieses Himmelreich auf Erden setzen wir uns beim Parkgebet ein.

Deshalb fordern wir, sofern jemand vom Verfassungsschutz anwesend sein sollte, die entsprechenden Personen dazu auf: Machen Sie Ihren Job, berichten Sie Innenminister Gall, dass wir ihm unbeugsam zurufen: Der Horcher an der Wand, hört seine eigne Schand. Wir sind durch Beobachtung nicht einzuschüchtern. Hier bei uns ist zu lernen, wie unsere Verfassung wahrhaft zu schützen ist. Freiheiten, die nicht genutzt werden, gehen verloren. Wir nutzen die Freiheit, uns als kritische Christen zu versammeln, wir verteidigen unsere freiheitliche demokratische Grundordnung vor der völligen Machtergreifung der Lobbydiktatur.
Unseren Kirchenleitungen rufen wir zu: Brechen Sie Ihr Schweigen zu den Gewaltexzessen gegen diejenigen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen. Beziehen Sie Stellung zu dem bisherigen Verteilungsprozess von unten nach oben.
Dem im Wahlkampf gemeinsam angetretenen rot-grünen Bündnis rufen wir zu: Nehmt die gewählte linke Mehrheit im neuen Bundestag an für eine neue Politik, die die schwarz-gelbe Umverteilung zu den reichen Hoteliers und Stromfresserfirmen umkehrt und soziale Gerechtigkeit schafft im Sinne der Botschaft Jesu vom Reich Gottes.
Uns selbst wollen wir ermutigen lassen von der Verheißung Jesu: Glücklich sein werden die, welche um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn Ihnen gehört das Reich des barmherzigen Gottes. Amen

Imaginäres Theologisches Streitgespräch zum Großprojekt Stuttgart 21

Beim 3. Europäischen Forum gegen unnütze und aufgezwungenen Großprojekte stellte Friedrich Gehring im Workshop „Theologie, Kirche und Großprojekte“ das folgende Streitgespräch zur Diskussion:
Moderator : Ich darf zu Beginn die Beteiligten auf dem Podium vorstellen: Zu meiner Rechten sitzt Herr Pfarrer Bückle, er hat sich sehr profiliert zu dem Großprojekt Stuttgart 21 geäußert, in welcher Weise, das werden wir gleich von ihm hören. Ihm gegenüber darf ich Herrn Pfarrer Aufrecht vorstellen, seine Einschätzungen unterscheiden sich stark von den Auffassungen von Pfarrer Bückle, deshalb haben wir ihn eingeladen, damit es ein spannendes Gespräch werden kann. Ich bin Pfarrer Ausgleich, auch mein Name ist gewissermaßen Programm, ich werde versuchen, zwischen den beiden Positionen zu vermitteln, denn Jesus sagt ja: „Selig sind die Friedfertigen“.  So wollen wir auch hier und heute möglichst Konflikte vermeiden. Das sagt Jesus zwar nicht so, aber das ist ja heute die Hauptaufgabe der Kirchen in unserer friedlosen, konfliktreichen Welt. Ich kann mir zu Beginn den Hinweis nicht verkneifen: Sie erleben heute eine Premiere: Noch nie ist es bisher gelungen, zwei Pfarrer mit gegnerischen Positionen zu Stuttgart 21 an einen Tisch zu bringen zu einer theologischen Disputation. Wir dürfen also alle sehr gespannt sein, und ich darf nun Herrn Bückle bitten zu beginnen, denn er war der erste, der sich als Pfarrer zu dem umstrittenen Projekt so geäußert hat, dass es einen öffentlichen Aufschrei gab. Bitteschön, Herr Bückle.
Bückle: Vielen Dank, Herr Ausgleich, für die Einladung. Ich freue mich sehr, endlich einmal zusammenhängend meine theologischen Argumente für Stuttgart 21 vorbringen zu können. Die biblischen Wurzeln meiner Argumente stammen von unserem Apostel Paulus, dem ja gerade die reformatorischen Kirchen so unendlich viel verdanken. Wie wir alle wissen, ist das Projekt Stuttgart 21 in einem vorbildlichen Planungsprozess von allen zuständigen parlamentarischen Gremien beschlossen und schließlich noch durch einen Volksentscheid legitimiert worden. Dass dieser Volksentscheid die Regierungsbeschlüsse bestätigt hat, darf insbesondere in Baden-Württemberg nicht wundern, denn unser christlich geprägtes Musterländle weiß ganz besonders seit der Reformation, dass die Unterordnung unter die Regierung und ihre Beauftragten eine oberste Christenpflicht darstellt, wie wir im wichtigsten Brief des Apostels Paulus, dem Römerbrief, im 13. Kapitel lesen:  „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott“. Da nun dieses Projekt Stuttgart 21 von der Obrigkeit beschlossen ist, darf es im Volk keinen Widerstand mehr gegen den Bau dieses Tiefbahnhofs geben, zumindest in dem Teil des Volks, das sich als christlich versteht.
Aufrecht: Lieber Bruder Bückle, es dürfte sich doch inzwischen herumgesprochen haben, dass Römer 13 ein Einschub von späterer Hand in den Römerbrief des Paulus ist, was am Zusammenhang und an der Begrifflichkeit erkennbar ist, die sonst bei Paulus nie auftaucht. Aber selbst wenn es ein Text aus der Hand des Paulus wäre, so steht dem doch die unmissverständliche Herrschaftskritik Jesu gegenüber, wie wir in Markus 10 lesen, wo Jesus warnt: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der erste sein will, der soll aller Knecht sein“. Wir dürfen also in unserem christlichen Land von einer Regierung erwarten, dass sie dient und das Volk fragt, was ihm dient, bevor ein Großprojekt beschlossen wird. Die Kanzlerin hat selbst die Landtagswahl vom 27. März 2011 zur Volksabstimmung über Stuttgart 21 ausgerufen. Diese Wahl hat dazu geführt, dass die Regierung einen Kostendeckel für das Projekt beschlossen hat. Damit war klar, dass das Projekt nicht mehr finanzierbar ist. Eine im Sinne Jesu dem Volk dienende Regierung hätte damit das Projekt aufgeben müssen. Nun haben wir aber miterleben müssen, dass der Bahnaufsichtsrat weitere Milliarden zugesagt hat, ohne von der Bundesregierung daran gehindert zu werden. Der Bund als Alleinaktionär wäre nach Aktienrecht dazu verpflichtet gewesen. Kurz danach hat Bundesverkehrsminister Ramsauer öffentlich verkündet, dass wenn die Landesregierung sich an den weiteren Kosten nicht beteiligt, das Geld von den Bahnkunden aufgebracht werden muss. Eine dem Volk dienende Regierung sieht anders aus.
Bückle: Sie scheinen zu übersehen, wem die Regierung dient. Sie dient z. B. dem Unternehmer Herrenknecht, der die Bohrmaschinen für die Tunnel liefern darf. Das schafft Arbeitsplätze. Außerdem bezahlt Herr Herrenknecht aus seinen Profiten eine halbe Pfarrstelle. So dient die Regierung nicht nur Herrn Herrenknecht, sondern auch dessen Mitarbeitern und den Mitgliedern seiner Kirchengemeinde.
Aufrecht: Sie scheinen dabei das entscheidende zu übersehen: Im Sinne Jesu müsste die Regierung der Knecht aller sein, nicht nur der von Herrn Herrenknecht und seinen Mitarbeitern. Die Regierung schädigt aber die weit überwiegende Mehrheit dadurch, dass sie Herrn Herrenknecht erlaubt, den Bahnkunden Milliarden aus der Tasche zu ziehen für ein völlig überflüssiges Projekt, das den Bahnverkehr für alle auch noch verschlechtert. Herr Herrenknecht mag sein Geld mit vernünftigen Projekten verdienen, die wirklich sinnvoll sind, aber doch nicht mit einem solchen Unsinnsprojekt, bei dem mit massivster Polizeigewalt der Widerstand aus der Bevölkerung niedergeknüppelt werden muss.
Bückle: Ich kann nicht glauben, dass die Bibel sich widerspricht. Und wenn ich in Röm 13 von der Regierung als der Dienerin Gottes lese, die das Schwert nicht umsonst trägt, sondern gerade als Dienerin Gottes die Bösen strafen muss, dann können sie doch nicht irgend ein anderes Bibelwort dagegen anführen. Die Polizisten hätten ihre Knüppel und Wasserwerfer nicht benutzen müssen, wenn sich die Demonstranten gehorsam entfernt hätten.
Aufrecht: Ich halte ihnen nicht irgendein Bibelwort entgegen, sondern ein Wort Jesu. Er ist von seiner Obrigkeit brutal zu Tode gefoltert worden, das Kreuz war die Strafe für Regimegegner, um alle Kritiker abzuschrecken. Und sie wollen dem Wort und dem Kreuzestod Jesu das angebliche Pauluswort von der Obrigkeit entgegensetzen, die zu Recht Gewalt gegen die Untertanen übt und damit Gott dient?
Bückle: Natürlich! Wie wir alle wissen, hat die römische Obrigkeit durch die Kreuzigung Jesu die Sünden der Welt getilgt. Nicht nur Paulus, Jesus selbst hat von seinen Jüngern Gehorsam gegen den Kaiser gefordert, als er sagte: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, nachzulesen in Mk 12.
Aufrecht: Dieses Jesuswort meint das genaue Gegenteil von Gehorsam. Es geht hier um das Steuern zahlen an den Kaiser. Jesus lässt sich von denen, die ihn aufs Glatteis führen wollen, eine kaiserliche Münze zeigen. Jeder Jude damals wie heute versteht sofort weshalb. Das Bild des Kaiser, der Gott sein will, macht die Münze zu einem Götzenbild, das nach den 10 Geboten kein Jude in die Hand nehmen oder gar in der Tasche tragen darf. Das Wort Jesu: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, bedeutet deshalb einen Boykott römischen Geldes, eine sehr effektive Form des Widerstands und des Ungehorsams gegen den Kaiser, denn ohne kaiserliches Geld kann er das Volk nicht mehr so einfach unterdrücken und ausbeuten. Deshalb musste Jesus als Regimegegner sterben.
Bückle: Sie verstehen es hervorragend, Jesus die Worte im Mund herumzudrehen.
Ausgleich: Bevor wir allzu spitzfindig werden, möchte ich doch daran erinnern, dass wir über das Projekt Stuttgart 21 sprechen wollten. Was hat der Auslegungsstreit zu Mk 12 mit diesem Bahnhof zu tun.
Bückle: Die Gegner können es einfach nicht verwinden, dass sie verloren haben.
Aufrecht: Das ist jetzt aber kein theologisches Argument. Entscheidend ist, dass Jesus zum Kampf gegen Ausbeutung durch die Mächtigen mit friedlichen Mittel aufruft. Stuttgart 21 ist ein krasses Beispiel für die Ausbeutung breiter Schichten der Bevölkerung durch ein paar wenige Profiteure, die von der Regierung freie Hand bekommen. Die neoliberale Politik will uns einreden, das sei gut für alle. Als Christen müssen wir in der Nachfolge Jesu klarmachen, dass dabei die Armen ärmer und die Reichen reicher werden und dass deshalb Widerstand Christenpflicht ist, alles andere wäre Mammonsdient.
Bückle: Es wird ihnen nichts nützen, wenn sie immer nur den Reichtum schlecht machen wollen. Wohlstand ist uns von Gott geschenkt, wir sollten ihm dafür dankbar sein.
Aufrecht: Dann sollten sie aber dazu sagen, was Jesus von den Reichen erwartet. Nehmen sie doch den reichen Mann, dem Jesus rät, all seine Habe zu verkaufen und den Erlös an die Armen zu verteilen, nachzulesen Mk 10,21.  Oder erinnern sie an das Wort Jesu: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“, nachzulesen Lk 16,9; oder an die Warnung Jesu: „Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen“, nachzulesen Mt 6,24.
Ausgleich: Also jetzt habe ich fast den Eindruck, dass die Worte Jesu zu theologischen Totschlagargumenten werden. Dazu habe ich einen hübschen Schwank von Johann Peter Hebel mitgebracht:
In Hertingen, als das Dorf noch rothbergisch war, trifft ein Bauer den Herrn Schulmeister im Felde an.
„Ist’s noch euer Ernst, Schulmeister, was ihr gestern den Kindern zergliedert habt: So dich jemand schlägt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar?“ Der Herr Schulmeister sagt: „Ich kann nichts davon, ich nicht dazu tun.  Es steht im Evangelium“. Also gab ihm der Bauer eine Ohrfeige, und die andere auch, denn er hatte schon lang einen Verdruss auf ihn.
Indem reitet in einer Entfernung der Edelmann vorbei und sein Jäger. „Schau doch nach, Joseph, was die beiden mit einander haben“. Als der Joseph kommt, kommt der Schulmeister, der ein starker Mann war, gab dem Bauern auch zwei Ohrfeigen, und sagte, es steht auch geschrieben: „Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Ein voll gerüttelt und überflüssig Maß wird man in euren Schoß geben“. Und zu dem letzten Sprüchlein gab er ihm noch ein halbes Dutzend drein.
Da kam der Joseph zu seinem Herrn zurück und sagte: „Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr; sie legen einander nur die heilige Schrift aus.“
Merke: man muss die heilige Schrift nicht auslegen, wenn man’s nicht versteht, am allerwenigsten so. Denn der Edelmann ließ den Bauern noch selbige Nacht in den Turm sperren auf 6 Tage, und dem Herrn Schulmeister, der mehr Verstand und Respekt vor der Bibel hätte haben sollen, gab er, als die Winterschule ein Ende hatte, den Abschied.  Soweit Johann Peter Hebel.
Ich denke, wir sollten so viel Respekt vor der Heiligen Schrift haben, dass wir bei einem Bahnhof, auch wenn er umstritten ist, die Bibel außen vor lassen. Wir können bei technischen Entscheidungen nicht so tun, als habe die Bibel eine klare Weisung, was dabei besser oder schlechter, christlicher oder unchristlicher sein könnte. Es muss doch unter Christen immer vor allem darum gehen, dass wir bei Meinungsverschiedenheiten friedlich bleiben und Toleranz gegenüber den anders denkenden üben. Insofern bedanke ich mich bei Ihnen, meinen Gesprächspartnern, dass Sie friedlich und tolerant ihre Argumente ausgetauscht haben und das Projekt Stuttgart 21 nun seinen friedlichen Gang nehmen kann. Und Ihnen allen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.

3. Europäisches Forum gegen unnütze und aufgezwungene Großprojekte: Beitrag der Theolog/Innen/Christ/Innen gegen S21

Friedrich Gehring und Hans-Eberhard Dietrich boten am 27. Juli 2013 im Rahmen des Forums einen Workshop zu dem Thema an:
„Protestantische Kirchen und Großprojekte“.
Mit ihrem Beitrag wollten sie der Frage nachgehen, inwieweit die evangelische Kirche sich zu dem Thema Großprojekte positioniert hat. Sie gingen aus von der Feststellung, dass sich weder die Württembergische Landeskirche noch der Kirchenkreis Stuttgart inhaltlich zu Stuttgart21 geäußert haben.
Das ist umso erstaunlicher, als die Evangelische Kirche in Deutschland sich durchaus in einer Reihe von „Denkschriften“ zu dieser Problematik geäußert hat.
Aus dem Workshop sollen hier zunächst 2 Texte veröffentlicht werden, die den Workshop eröffnet haben:
1. Einleitung
2. Wie die Kirche einen öffentlichen Diskurs anstoßen kann und welche Kriterien die Denkschriften im Hinblick auf Großprojekte entwickelt haben

1. Text: Einleitung
Hans-Eberhard Dietrich
In unserem Workshop wollen uns darüber Gedanken machen ob die Kirche eine Meinung zu Großprojekten hat, haben muss und wenn ja, wie sie Großprojekten steht und sich entsprechend positionieren kann. Wenn sich die Kirche dazu äußert, verlässt sie nach traditioneller Auffassung ihren primären Bereich: Aufgabe sei ja, sich um das Seelenheil der Menschen zu kümmern. Großprojekte aber seien Aufgabe der Politik.
Nun hat sich aber in den letzten Jahrzehnten ein Konsens dazu herausgebildet, dass sich die Kirchen und natürlich auch einzelne Christen durchaus in die Belange der Politik einmischen dürfen, ja vielleicht auch sollen. Allerdings gehen in der Kirche die Meinungen dazu auseinander, wie das im Einzelnen geschehen soll.

Eine Form der Äußerung /Einmischung sind die sog. Denkschriften.
Denkschriften sind eine Form, mit der sich die offizielle Kirche, meist die EKD, zu einem bestimmten Thema äußert, das in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wird.
Sie entstanden in der Nachkriegszeit aus dem Erschrecken darüber, dass die Kirchen gegenüber den Verbrechen des Dritten Reiches versagt hatten. Für die Kirche war nun klar, dass sie eine Mitverantwortung für die Erhaltung und Gestaltung der Welt hat, nicht nur die Sorge um das ewige Heil, sondern auch um das irdische Wohl der Menschen.

Inhaltlich kann man sie so charakterisieren
“Kirchliche Äußerungen zu gesellschaftlichen Fragen wol¬len vom christlichen Glauben her das rechte Wort zur rechten Zeit sagen. Sie machen aufmerksam auf gegenwärtige und ab¬sehbare Herausforderungen und Problemlagen. Sie antworten auf aktuelle Fragen, die von gesamtgesellschaftlicher und po¬litischer Bedeutung sind. Sie versuchen, auch selbst wichtige Fragen zu formulieren, Themen neu ins Bewusstsein zu heben und die Horizonte aufzuzeigen, vor denen Antworten gefun¬den werden können. Sie nehmen Stellung zu divergierenden Positionen im öffentlichen Diskurs, zu widerstreitenden In¬teressen und zu notwendigen Güterabwägungen. (FN 1: Denkschrift: Das rechte Wort zu rechten Zeit. 2008, S. 32.)“

An wen richten sich die Denkschriften?
„Zunächst zielen kirchliche Äußerungen auf eine innerkirchliche Klärung und Besinnung. […] Zum anderen leisten kirchliche Stellungnahmen einen Beitrag zur öffentlichen Diskussion bestimmter Fragen; sie versuchen, die Bewusstseins- und Meinungsbildung zu beeinflussen […] und Denkanstöße zu vermitteln.“ (FN 2: Aufgabe und Grenzen kirchlicher Äußerungen zu gesellschaftlichen Fragen. 1970, S. 45. In: Die Denkschriften der Evangelischen in Deutschland, 1978, Band I.)

Wie ist eine Denkschrift aufgebaut?
Zuerst wird ausführlich und sachlich über ein Problem informiert, dann werden biblisch-theologische Maßstäbe in Erinnerung gerufen und schließlich werden konkrete Handlungsvorschläge abgewogen. Zu beachten ist, dass sich die Denkschriften nicht nur an die innerkirchliche Öffentlichkeit, d.h. an die Glaubenden richtet, sondern an alle Menschen, auch an die Nichtchristen. Deshalb wird auf die sachliche Darstellung der Probleme und die logische, vernünftige Herleitung der Argumente großen Wert gelegt.
„Indem sich kirchliche Äußerungen an den einzelnen Christen wenden, fordern sie ihn auf, seinen Glauben auch im politisch-gesellschaftlichen Bereich zu bewähren.“ (A.a.O., S. 65.)
Wie verbindlich sind Denkschriften?
Die Denkschriften sind keine lehramtliche Äußerungen der Kirche, so wie wir es von der katholischen Kirche her kennen. Sondern die Menschen sollen „diese Denkschriften weder kritiklos hinnehmen noch sich voreilig davon distanzieren, sondern sie in verantwortungsbewusster Auseinandersetzung kritisch prüfen.“ ( Vgl. a.a.O., S. 62)

Welche Themen werden in den Denkschriften aufgegriffen?
Die Zahl der Denkschriften und die Themen sind erstaunlich groß. In der Nachkriegszeit ging es sehr oft um die Schulpolitik, die Landwirtschaft, konfessionsverschiedene Ehen, Ehe und Familie. Vor allem das Thema: Bundeswehr, atomare Bewaffnung, Nachrüstung erregten für Jahrzehnte die Öffentlichkeit.

Welche Kritik wird gegen die Denkschriften vorgebracht?
Gegen die Denkschriften und eine kirchliche Einflussnahme zu gesellschaftlichen Verhältnissen erhob sich immer wieder Protest. Es wurde auf die Eigengesetzlichkeit und die Sachzwänge des politischen, wirtschaftlichen und technischen Geschehens hingewiesen.
Dem widersprach die Kirche mit dem Argument, „dass die Predigt des Evangeliums die Welt verändern und zur Nachfolge auch im Bereich des mitmenschlichen Zusammenlebens aufruft. Zu dieser Nachfolge gehört das Nachdenken und Mitdenken über die Stellung und den Beitrag der Christen in Frage des öffentlichen Lebens.“ (Vgl. a.a.O., S. 41.)

Was sagen Denkschriften zu Großprojekten?
Im Zusammenhang mit anderen Themen, insbesondere mit dem Thema Bewahrung der Schöpfung und politisches Engagement von Christen wird auch eine Reihe von Aussagen zu Großprojekten gemacht. Ihre Aufgabe sieht die Kirche in zwei Bereichen. Ganz allgemein gilt: Ein Schweigen der Kirche oder Neutralität verbietet sich, wenn ihr Schweigen einer Verleugnung ihres Glaubens gleichkommt.

Zunächst aber geht es um das Zustandebringen einer öffentliche Diskussion.
Wenn es jetzt um größere Planungsvorhaben geht, z.B. um Großprojekte, die die Belange der Natur (Schöpfung) berühren und tief in die Lebensverhältnisse der Menschen eingreifen wie z.B. einen Flughafen, ein riesiges Messegelände, Kraftwerke usw. dann muss die Kirche, gemeint ist hier die offizielle Kirche, Fragen stellen und Kriterien für eine Entscheidungsfindung aufstellen und diese Kriterien auch auf ihre Verwirklichung hin überprüfen.
Die Kirche muss zunächst gar nicht konkret Stellung nehmen, oder sich gar für die eine oder andere Seite entscheiden. Ihre Aufgabe ist es, einen gesellschaftlichen Diskurs mit allen Interessierten und Beteiligten anzustoßen und dafür zu sorgen, dass er fair und sachlich ausgetragen wird. Sie muss sich dafür einsetzen, dass solche Vorhaben nicht durchgeführt werden, bevor schwerwiegende Zweifel ausgeräumt sind.

Eine Zusammenfassung von insgesamt sieben solcher Kriterien soll in einem zweiten Schritt dargestellt werden.

Was aber haben wir hier in Stuttgart mit S21 erlebt?
Dieser öffentliche Dialog fand vor Beginn nicht statt. Die Kirche in Stuttgart und in der Landeskirche blieben weitgehend stumm. Die Anregungen der Denkschriften wurden nicht nur von wenigen aufgegriffen.
Eine kontroverse theologische Auseinandersetzung über Stuttgart 21 fand bisher nicht statt.

2. Text
Wie die Kirche einen öffentlichen Diskurs anstoßen kann
und welche Kriterien die Denkschriften im Hinblick auf Großprojekte entwickelt haben
Hans-Eberhard Dietrich

Ein Bereich, der in der Gegenwart besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die Verpflichtung, die Schöpfung zu bewahren. Dieses Thema wurde neben vielen anderen Impulsen durch den Anstoß aus der Ökumene ins Bewusstsein gerückt. Der Ökumenische Rat der Kirchen rief 1983 in Vancouver auf der VI. Vollversammlung seine Mitgliedskirchen auf, in einen konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten.

Wenn es jetzt um größere Planungsvorhaben geht, z.B. um Großprojekte, die die Belange der Natur (Schöpfung) berühren und tief in die Lebensverhältnisse der Menschen eingreifen wie z.B. einen Flughafen, ein riesiges Messegelände, Kraftwerke usw. dann muss die Kirche, gemeint ist hier die offizielle Kirche, Fragen stellen und Kriterien für eine Entscheidungsfindung aufstellen und diese Kriterien auch auf ihre Verwirklichung hin überprüfen.
Die Kirche muss zunächst gar nicht konkret Stellung nehmen, oder sich gar für die eine oder andere Seite entscheiden. Ihre Aufgabe ist es, einen gesellschaftlichen Diskurs mit allen Interessierten und Beteiligten anzustoßen und dafür zu sorgen, dass er fair und sachlich ausgetragen wird. Sie muss sich dafür einsetzen, dass solche Vorhaben nicht durchgeführt werden, bevor schwerwiegende Zweifel ausgeräumt sind.

Fragen für diesen Diskurs könnten z.B. sein: (FN 3:Vgl.: Frieden in Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung. Text des Forums: „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung der Arbeitsgemeinschaft christliche Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West) e.V. Stuttgart 1988, S. 103-106. EKD Texte 27.)
• Gibt es Alternativen, die weniger in die Natur eingreifen? Dann müssen sie ergriffen werden.
• Zieht dieses Vorhaben tiefgreifende, dauerhafte und nicht wiedergutzu¬machende Schäden nach sich?
• Sind die Auswirkungen des Vorhabens in ihrer zeitlichen und räumlichen Erstreckung übersehbar?
• Sind Nebenfolgen so erheblich, dass sie nicht in Kauf genommen werden können?
• Ist die Würde der Menschen und die Artenvielfalt durch dieses Vorhaben bedroht?

Im Folgenden werden aus kirchlichen Denkschriften sieben Kriterien aufgezählt. Sie erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie können aber eine gute Grundlage für einen öffentlichen Diskurs sein.

1. Entscheidungen von großer Tragweite müssen zuvor öffentlich debattiert werden
In der Kirche wird die Überzeugung der Politik geteilt, dass Entscheidungen von großer Tragweite, insbesondere wenn sie tief in die Lebensverhältnisse vieler Menschen und der Natur eingreifen, zuvor auf breiter Grundlage und unter Einbeziehung aller gesellschaftlicher Gruppen samt Bürgerinitiativen diskutiert werden müssen („ was alle angeht, soll auch von allen entschieden werden“) und zwar mit offenem Ausgang und ohne vorherige Festlegungen. (Vgl. a.a.O., S. 105f.)
Großprojekte müssen bei ihrer Planung und Durchführung gewissen Kriterien entsprechen, ehe sie ethisch gerechtfertigt sind.
Beschlüsse, die mit weitreichenden Konsequenzen in die Lebensverhältnisse der Menschen eingreifen, verlangen eine möglichst breite und direkte Zustimmung und eine intensive Beteiligung aller betroffenen Bürger. Besonderes Augenmerk ist bei solchen Entscheidungen auf das Verfahren zu richten, wie sie zustande kommen. (FN 4:Vgl. Denkschrift der EKD: Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie. Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe, 1985, S. 31f.)

2. Bei der Entscheidungsfindung der politischen Entscheidungsträger müssen Bürgerinitiativen einbezogen werden
Dieser Diskurs kann nicht nur innerhalb der Parteien und zwischen ihnen erfolgen, sondern muss auch Bürgerinitiativen mit einbeziehen, weil damit die Chance gegeben ist, dass wirklich alle wichtigen Gesichtspunkte ins Gespräch kommen. (Vgl. a.a.O., S. 31.)

3. Die Prüfung von Alternativen
Ökonomische Interessen dürfen nicht Vorrang vor ökologische Interessen beanspruchen. Wir müssen in Wirtschaft und Politik auf die Überprüfung und Einhaltung folgender Kriterien zu drängen: Umweltverträglichkeit, Sozialverträglichkeit, Generationenverträglichkeit. Schon die Entstehung von Umweltschäden gilt es zu vermeiden. Wir müssen uns am Maßstab des Lebens und dessen, was dem Leben dient, orientieren. (Vgl. FN 1, a.a.O., S. 104f.)

4. Eingriffe in die Natur dürfen nur begrenzt vorgenommen werden
Eingriffe in den Haushalt der Natur sind möglichst sparsam und begrenzt vorzunehmen. Der Natur muss möglichst viel Spielraum für selbstheilende Eigenkräfte belassen werden. (FN 5:Vgl. Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung. Gemeinsame Erklärung des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz 1985, Zi. (37).)

5. Bei Eingriffen in die Natur muss die Kirche theologische Gesichtspunkte, z.B. „Bewahrung der Schöpfung“ und „Ehrfurcht vor allem Leben“ zur Geltung bringen
Wenn es bei Großprojekten um gravierende Eingriffe in die Natur geht, muss die Kirche besonders sorgfältig Alternativen prüfen und gewichtige theologische Gründe wie z.B. „Bewahrung der Schöpfung“ (1. Mose 2, 15) und „Ehrfurcht vor allem Leben“ zur Sprache bringen. (Vgl. FN 1, a..a.O., S. 103f.)

6. Gefahren müssen ernst genommen, vorausschauend abgewogen werden
Dies gilt besonders für langfristige und unumkehrbare Wirkungen. Weil die heute möglichen und erforderlichen Eingriffe aber tiefer in das Gefüge der Umwelt eingreifen, sind Neben- und Folgewirkungen genau abzuwägen. Dies bedeutet nicht den Verzicht auf jegliches Risiko, wohl aber die Einschränkung und Verteilung möglicher Risiken. Wir können nicht darauf bauen, alles werde schon gut gehen. (Vgl. FN 3, a.a.O., Zi (36).)

7. Abwägen von Schaden und Nutzen Ein kurzfristiger Nutzen darf keine langfristigen Schäden verursachen. Fragen der Umkehrbarkeit und der Regenerierbarkeit von Naturgütern sind ebenso mit zu bedenken wie die Interessen der heutigen und der künftigen Generationen. (Vgl. FN 3, a.a.O., Zi (38).)

Wort am Sonntag zum Babylonischen Turmbau am 28.7.2013 in Stuttgart beim 3. Europäischen Forum gegen unnütze aufgezwungene Großprojekte von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die Übersetzung in heutigem Deutsch von 1982, aus der ich eben vom Turmbau in 1. Mose 11 vorgelesen habe, überscheibt die Turmbauerzählung mit den Worten: „Die Menschheit will es mit Gott aufnehmen“. So deutet seit etwa 3000 Jahren eine an Herrschaft interessierte Theologie diesen Bibelabschnitt. Das steht aber nicht im biblischen Text. Die hier beschriebenen Nomaden, die sich niederlassen, um eine Stadt und einen Turm zu bauen, denken dabei überhaupt nicht an Gott, sie wollen nur „in aller Welt berühmt“ und nicht wieder „über die ganze Erde zerstreut werden“. Die Basis der Bevölkerung beschließt hier also vorbildlich ohne die Gängelung durch Behörden, was der Festigung der Gemeinschaft dient. Von Gott ist in der Erzählung erst die Rede, als die Menschen sich erfolgreich ans Werk machen. Das hält dieser Gott nicht aus, die Menschen werden ihm zu mächtig. Wenn das so weiter geht, sagt dieser Gott, dann werden sie „alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt.“ Das kann dieser Gott nicht dulden, er sorgt dafür, dass sie einander nicht mehr verstehen, er zerstreut sie über die ganze Erde, damit sie ihre Pläne aufgeben.
Gegen die übliche Auslegung der Erzählung vom Turmbau zu Babel stelle ich die Frage: Wer ist hier das Problem? Und ich kann nur eine Antwort finden: Die hier dargestellte Vorstellung von Gott schafft die Probleme. Gott verhält sich hier wie ein orientalischer Despot, der eifersüchtig seine Macht verteidigt gegen das gemeinschaftlich starke Volk. Nicht dieses Volk ist gefährlich, sondern dieser Gott. Er hat über Jahrtausende hinweg den Herrschenden als theologische Rechtfertigung gedient für das Prinzip „Teile und herrsche“. Dieser Gott passt gut zum ehemaligen Bahnchef Dürr, der meint, Großprojekte wie Stuttgart 21 müssten dem Volk „überfallartig“ präsentiert werden, um Gegnern keine Chance zu lassen. Dieses Gottes- und Menschenbild leitet wohl auch SPD-Fraktionschef Schmiedel, wenn er behauptet, Gott lege seinen Segen auf das Überrumpelungs-Projekt. Landesbischof July, der dieses Mammonsprojekt der herrschenden Profiteure als Bahnhof hinnimmt, bei dem die Bibel außen vor bleiben könne, muss sich mit dieser Gottesvorstellung und ihren politischen Konsequenzen nicht auseinandersetzen. Ich sehe mich jedoch gezwungen weiter zu fragen: Können wir als Christen dieses Gottesbild vom eifersüchtig herrschenden Despoten und seine politischen Auswirkungen gut heißen? Ich denke, diese Frage zu stellen heißt zugleich, sie zu verneinen.
Denn Jesus stellt uns seinen Gott als den liebenden Vater dar, der seinen Kindern Gutes zutraut, wohl wissend, dass sie auch Fehler machen können, dass sie aber zugleich daraus zu lernen vermögen und von falschen Wegen umkehren können. Im Gleichnis vom barmherzigen Vater in Lk 15, 11 ff zahlt der Vater dem jüngeren Sohn sein Erbe aus, er traut ihm zu, damit vernünftig umzugehen. Als der Sohn durch eine Teuerung alles verliert, was sein Lebensstil vom Erbe übrig gelassen hat, gesteht dieser seinen Misserfolg ein und kehrt zu seinem Vater um, der ihn mit offenen Armen empfängt und ihm einen Neuanfang gewährt. So ist Gott, sagt uns Jesus. Wenn wir das ernst nehmen, dann müssen wir in aller Entschlossenheit dem Gottes- und Menschenbild widerstehen, das bei Managern wie Ex-Bahnchef Dürr Pate steht. Das Volk ist in den Augen des barmherzigen Vaters Jesu nicht grundsätzlich böse und verdient kein grundsätzliches Misstrauen, sowenig die Herrschenden grundsätzlich die Guten sind, die das böse Volk in Schach halten müssen. Das Volk muss aus der Sicht von Jesus nicht überrumpelt werden.
Die Schweiz hat beim Gottharttunnelprojekt vorgeführt, wie die Verantwortungsträger mit dem Volk zusammen Großprojekte vernünftig planen können. Bahnchef Grube hat gezeigt, wie man Fehler eingestehen kann, als er bekannte, mit dem Wissen von 2013 hätte er das Projekt Stuttgart 21 nicht begonnen. Es fehlt jetzt nur noch an der Umkehr von dem als falsch erkannten Weg. Der barmherzige Vater Jesu wartet jederzeit mit offenen Armen auf die Umkehr von uns Menschen, so geben auch wir die Hoffnung nicht auf, dass aus den sattsam bekannten Unsinnigkeiten des Projekts Stuttgart 21 doch noch die Konsequenzen gezogen werden. Unser barmherziger und gnädiger Gott segne die geduldige Überzeugungsarbeit, speziell im Blick auf die kommende Bundestagswahl, damit aus der Erkenntnis der Fehler auch wirksame Umkehr werden kann. Amen.

Zahlmeister Bahnkunde und der Zustand unserer Demokratie aus christlicher Sicht

Die Südwestpresse vom 25.6.2013 berichtete von anstehenden Fahrpreiserhöhungen der Deutschen Bahn AG. Bahnchef Grube begründe diese mit den Kosten der Energiewende. Fairerweise weist die Südwestpresse darauf hin, dass die Bahn bei den Energiewendekosten recht glimpflich davonkommt. Es handelt sich also um eine ganz schlechte Ausrede. Grube meint wohl, die Bahnkunden würden schnell vergessen, was Bundesverkehrsminister Ramsauer nach der großzügigen Freigabe weiterer Milliarden für Stuttgart 21 durch den Bahnaufsichtsrat laut hinausposaunt hat: Wenn die Steuerzahler diese Milliarden nicht zahlen wollen, dann müsste das Geld eben bei den Bahnkunden eingetrieben werden.

Hier erfahren wir einiges über den Zustand unserer parlamentarischen Demokratie. Nachdem die von der Kanzlerin zur Volksabstimmung über Stuttgart 21 ausgerufene Landtagswahl von 2011 zur Deckelung der Kosten seitens des Landes geführt hatte, war die Finanzierung für das Projekt faktisch gescheitert, weil alle wussten, dass die 4,5 Mrd. niemals reichen würden.
Die Volksabstimmung konnte zwar die grün-rote Koalition, aber nicht mehr die Finanzierung von Stuttgart 21 retten. Nun hat der Bahnaufsichtsrat ohne jegliche demokratische Legitimierung und ohne wirksame Kontrolle durch den Alleinaktionär Bund die grün-rote Haushaltsentscheidung als parlamentarisches Königsrecht ausgehebelt, um den Wählern von 2011 dreist in die Tasche zu greifen. Unsere parlamentarische Demokratie mutiert damit zu einer Lobbyherrschaft der Profiteure.

Von christlicher Seite kann diese von einer christlichen Kanzlerin gedeckte dreiste Umverteilung von unten nach oben nicht unwidersprochen bleiben. Denn Jesus fordert immer wieder die umgekehrte Umverteilung von oben nach unten. Er erwartet von Wohlhabenden, ihre Güter an die Armen zu verteilen (Mk 10, 21). „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“, fordert Jesus unmissverständlich (Lk 16,9), weil er noch weiß, was heute vergessen scheint: Der Mammon wird in der Regel den ärmeren Bevölkerungsschichten von den wirtschaftlich Mächtigeren aus der Tasche gezogen, diese Transfers müssen deshalb den Ärmeren zurückzugeben werden. Neben den Bahnfahrpreisen ist gerade die Verteilung der Energiewendekosten ein besonders schreiendes Beispiel für Ungerechtigkeit: Während die Empfänger von Hartz-IV sich die erhöhten Stromkosten vom Mund absparen müssen, werden Großunternehmen mit riesigem Energieverbrauch oder Golfplätze von den Erhöhungen verschont ohne Prüfung ihrer Bedürftigkeit. Das ist Neoliberalismus pur.

In Brasilien ist aus Anlass von Fahrpreiserhöhungen ein breiter Protest entstanden. Welch bewundernswert wache Demokratie! Und was geschieht bei uns? In Brasilien spricht die höchste Repräsentantin des Staats von Korruption, die überwunden werden müsse. Wer nimmt dieses Thema bei uns auf? Wann wird eine deutsche christliche Regierung endlich die Bahn daran hindern, ein derart gefährliches und unrentables Milliardengrab wie Stuttgart 21 zu bauen, von dem Grube selbst sagt, er würde es heute nicht mehr anfangen?

Pfarrer i. R.  Friedrich Gehring, Backnang

Pfr. i. R. Friedrich Gehring: Predigt zu Joh 17, 22-26 beim ökumenischen Gottesdienst am Himmelfahrtsfest 2013 auf der Erlacher Höhe bei Großerlach

Ein großartiger Text für einen ökumenischen Gottesdienst: Wie Gott, der liebende Vater, mit seinem erhöhten Sohn Jesus Christus eins ist, so sollen auch wir als Nachfolger Jesu untereinander einig sein. Damit ist die Frage gestellt: Worin sollen wir Christen trotz der verschiedenen Konfessionen einig sein? Worin liegt das gemeinsame Christliche unserer Kirchen und wie muss sich dieses in der gegenwärtigen Welt zeigen?

Jesus gibt in dieser Abschiedsrede nach Johannes klare Hinweise: Sein himmlischer Vater ist ein Gerechter und ein Liebender, deshalb sollen Liebe und Gerechtigkeit auch unter den Nachfolgern Jesu sichtbar sein, während die Welt diesen gerechten und liebenden Vater nicht kennt. Es wäre schwärmerisch zu behaupten, die Christen seien nicht mehr Teil dieser blinden Welt, aber sie sollen als Teil dieser Welt und in dieser Welt die Alternative der Liebe und der Gerechtigkeit leben, die nicht von dieser Welt ist. Wie kann dies heute konkret geschehen?

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Brandschutz und Profitmaximierung

Leserbrief für die Backnanger Kreiszeitung
(Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel, Herrn Finanzminister Nils Schmid und Herrn Landesbischof Dr. Frank Otfried July zur Kenntnis gegeben)

Wer die Särge der Mutter und ihrer sieben Kinder in Backnang gesehen hat, muss fassungslos sein angesichts des politischen Streits um Rauchmelder, wenn der FDP-Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Rülke im Blick auf die Finanzierung der Kontrolle von Rauchwarnern von einem „bürokratischen Moloch“ spricht (Backnanger Kreiszeitung vom 12.3.2013, S. 5). Es erscheint ihm unzumutbar, z. B. Schornsteinfeger mit dieser Aufgabe zu betrauen, die ohnehin schon Feuerstätten regelmäßig kontrollieren müssen.
Hier zeigt sich die Klientelpolitik, die schon bei den Steuergeschenken an Hoteliers sichtbar war, in einer noch abscheulicheren Variante: Vermögende Investoren sollen ihre Profite maximieren dürfen, Menschenleben sind demgegenüber zu vernachlässigen. Es ist dieselbe Politik, die für das Projekt Stuttgart 21 kämpft, das ohne genehmigungsfähigen Brandschutz genehmigt wurde.
Selbst wenn dort der teuerste Brandschutz finanziert würde, wäre der Tiefbahnhof immer noch sehr viel gefährlicher als der oberirdische Kopfbahnhof. Aber dieser zweitpünktlichste Bahnhof Deutschlands muss weg, damit die Bahn den Spekulationsgewinn einfahren und Investoren auf diesem Gelände satte Profite scheffeln können.
Wenn eine Elektrolok brennt, kann sie schon oberirdisch sehr schwer gelöscht werden, wenn sie in einem Tiefbahnhof brennt, wird sie für die Fahrgäste zu einem tödlichen Inferno. Es bleibt zu hoffen, dass Nils Schmid noch an seine Backnanger Trauerrede denkt, wenn es das nächste Mal um den unsinnigen und brandgefährlichen Tiefbahnhof geht. Vor allem aber sollten die Wähler an die tödlichen Gefahren der schwarz-gelben Klientelpolitik denken, wenn sie im Herbst an die Wahlurnen treten.

Friedrich Gehring, Backnang

Offener Brief an Kanzlerin Merkel vom 14.2.2013

Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin,

Sie haben 2010 im Bundestag erklärt, an Stuttgart 21 entscheide sich die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 27.3.2011 sei die Volksabstimmung über dieses Projekt. Diese Wahl führte dazu, dass die grün-rote Landesregierung hinsichtlich des Projekts eine Kostendeckelung beschlossen hat, wodurch die Finanzierung von Stuttgart 21 nun für die Bahn zum Desaster wird. Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Weitsicht im Blick auf den Volksentscheid gegen Stuttgart 21 bei der Landtagswahl 2011 und ermutige Sie gleichzeitig, den Volksentscheid nun auch anzuerkennen und den Ausstieg aus diesem Projekt durchzusetzen.

Sie haben wiederholt die „schwäbische Hausfrau“ zum Paradigma der Finanzpolitik erklärt. Sie sind in dieser Hinsicht nur dann konsequent und glaubwürdig, wenn Sie nun auch insofern ernst machen mit dem Erweis der Zukunftsfähigkeit Deutschlands am Projekt Stuttgart 21 , dass dieses Großprojekt doch noch auch regierungsamtlich auf seine Rentabilität und volkswirtschaftliche Sinnhaftigkeit hin durchgerechnet werden muss, nachdem bereits seit langem die Unwirtschaftlichkeit und Unsinnigkeit dieses Projekts öffentlich gemacht worden ist. Von der „schwäbsichen Hausfrau“ lernen heißt rechnen lernen.

Mit freundlichen Grüßen

Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Predigt zu Lk 19,1-10 beim Parkgebet am 31.1.2013 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Der Zöllner Zachäus ist ein Steuereintreiber im Dienst des römischen Kaisers, der sich Palästina und dessen Bevölkerung mit militärischer Gewalt unterworfen hat und nun durch Steuern ausbeutet, nicht zuletzt um die Soldaten bezahlen zu können, mit denen er das Volk unterdrückt. Beim Volk ist Zachäus deshalb eine der meist gehassten Persönlichkeiten seiner Zeit. Nicht nur, dass er in dieser Funktion mit dem Unterdrücker zusammenarbeitet und so seinen Lebensunterhalt verdient, er nutzt seine Macht auch noch, um zu betrügen, d. h. mehr in seine Tasche zu wirtschaften als ihm der Kaiser rechtmäßig zugesteht. Für beides hat er sich bewusst entschieden, für den Dienst beim Ausbeuter ebenso wie für den Betrug. Dafür trägt er persönlich die Verantwortung und bezahlt dafür mit Ausgrenzung und Einsamkeit, er muss den Hass seiner Mitmenschen ertragen. Sein Leben in materiellem Wohlstand ist zugleich ein Leben in der sozialen Isolierung. Schon Kinder im Kindergarten oder in der Grundschule können wissen, wie sich so etwas anfühlt.

Aber nun kommt Jesus in seine Nähe. Das ist faszinierend für ihn. Denn Jesus eilt der Ruf voraus, dass er anders ist als die anderen, weil er nicht von einem strafenden, sondern von einem barmherzigen Gott spricht. Weiterlesen