Ansprache zum Parkgebet am 31.3.16 zu Jer 38, 14-18 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Und der König Zedekia sandte hin und ließ den Propheten Jeremia zu sich holen. … Und der König sprach zu Jeremia: Ich will dich etwas fragen; verbirg mir nichts! Jeremia sprach zu Zedekia: Sage ich dir etwas, so tötest du mich doch; gebe ich dir einen Rat, so gehorchst du mir nicht. Da schwor der König Zedekia dem Jeremia heimlich und sprach: So wahr der Herr lebt, der uns dieses Leben gegeben hat: ich will dich nicht töten, noch den Männern in die Hände geben, die dir nach dem Leben trachten. Und Jeremia sprach zu Zedekia: So spricht der Herr, …, der Gott Israels, wirst du hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so sollst du am Leben bleiben, und diese Stadt soll nicht verbrannt werden, sondern du und dein Haus sollen am Leben bleiben; wirst du aber nicht hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so wird diese Stadt den Chaldäern in die Hände gegeben und sie werden sie mit Feuer verbrennen, und auch du wirst ihren Händen nicht entrinnen.

Jeremia hat vor militärischen Abenteuern gegen die Großmacht der Babylonier gewarnt. Der König ließ zu, dass die kriegslüsternen Hardliner Jeremia in den Sumpf einer Zisterne warfen, um ihn verhungern zu lassen. Ein afrikanischer Migrant rettet Jeremia. Der König fühlt die Katastrophe näher kommen, lässt Jeremia rufen und erbittet dessen Rat. Jeremia konfrontiert den König mit dessen Beratungsresistenz. Es steht so schlimm um den König, dass er heimlich schwört, seinen kriegstreiberischen Beratern in den Rücken zu fallen und Jeremia wegen seiner schonungslosen Lageanalyse nicht zu verfolgen. Jeremia sagt ihm die unangenehme Wahrheit auf den Kopf zu: Er kann die Stadt und sich selbst samt Familie nur retten, wenn er mit der Großmacht einen Unterwerfungsfrieden schließt. Der König ist zu schwach, um gegen die Militaristen zu handeln. Jerusalem wird erobert und zerstört, die Söhne des Königs vor seinen Augen hingerichtet und der König selbst geblendet nach Babylon in die Gefangenschaft verbracht.

Ich habe diesen biblischen Bericht ausgewählt, weil die Aufsichtsratsmitglieder der DB AG am 15. März beschlossen haben, Gutachten einzuholen zu den Ausstiegskosten und zu ihrer persönlichen Haftung in Sachen Stuttgart 21. Die schonungslose Lageanalyse des Aktionsbündnisses, die allen Aufsichtsräten vor der Sitzung zugegangen ist, und der erneute Strafantrag wegen Untreue gegen die Aufsichtsräte scheinen Wirkung zu zeigen. Sie können offenbar nicht mehr verdrängen, dass es um ihren Kopf geht, wenn der Untreuevorwurf vor Gericht kommt. Ein Richterspruch kann sie nicht nur das Amt, sondern ihre wirtschaftliche Existenz kosten, denn sie haften mit Schadenersatz für veruntreute Gelder. Die Verantwortlichen sehen sich wie einst Zedekia genötigt, um Rat zu fragen, der vermutlich sehr unangenehme Wahrheiten ans Licht bringen wird. Das kann bedeuten, dass das Projekt Stuttgart 21 in einem Stadium angelangt ist, das der Situation Jerusalems entspricht kurz vor dem Fall im Jahr 587 v. Chr..

Es wird jetzt darauf ankommen, ob das Bahnaufsichtsgremium in selbstzerstörerische Beratungsresistenz verfällt oder sich den Ernst der Lage sagen lässt und die Konsequenzen daraus zieht. Jeremia konfrontiert den Zedekia nüchtern: Sage ich dir etwas, so tötest du mich; gebe ich dir einen Rat, so gehorchst du mir nicht. Die militaristische herrschende Kaste in Jerusalem hat einst die Selbstzerstörung gewählt. Das ist auch heute für die herrschende neoliberale Elite nicht auszuschließen. Die Äußerung des Hauptverantwortlichen für Stuttgart 21 im Eisenbahnbundesamt zum fehlenden Nachweis der Ungefährlichkeit der Gleisneigung im geplanten Neubau weist in diese Richtung: Man werde bei der Inbetriebnahme schon eine Lösung finden, und das Bauwerk sei ja auch nur eine Haltestelle. Es ist also auch jetzt nach den Beschlüssen vom 15.3. im Bahnaufsichtsrat noch nicht entschieden, wie die Sache ausgeht. Gefälligkeitsgutachten dürften in der gegenwärtigen Situation sehr schwer zu bekommen sein, aber wir sind in dieser Hinsicht ja Kummer gewohnt. Und selbst wenn der Bahnaufsichtsrat Einsicht zeigen sollte, ist da immer noch die Vertreterin der Alleinaktionärin Bundesrepublik Deutschland, Kanzlerin Merkel. Sie hat ja vor drei Jahren noch aus wahltaktischen Gründen die Verantwortlichen zum Weiterbau drängen lassen. Bahnchef Grube hat seinen Unwillen darüber damals sehr deutlich artikuliert. Er muss inzwischen noch unwilliger sein. Auch hier liegt eine Parallele zum Jerusalem vor 2.600 Jahren vor: Der König wollte wohl auf Jeremia hören, aber die Macht lag bei den Kriegstreibern. Die Bahnaufsichtsräte scheinen dazu zu neigen, ihren Kopf zu retten, aber die wirkliche Macht liegt im Kanzleramt.

Der Widerstand gegen das Milliardengrab Stuttgart 21 muss deshalb eine doppelte Strategie verfolgen. Einerseits muss der Druck auf die Bahnverantwortlichen aufrecht erhalten werden durch die Anklage wegen Untreue. Andererseits muss die Kanzlerin für ihre Verschwendungspolitik belangt werden, etwa durch einen Bundestagsuntersuchungsausschuss zu Stuttgart 21, der zeitlich so terminiert wird, dass er im Wahlkampf 2017 wirkt. Um Kretschmanns Terminologie aufzunehmen: Im Untersuchungsausschuss geht es nicht mehr um Mehrheit, sondern um Wahrheit. Falschaussagen ziehen empfindliche Strafen nach sich. Es muss der Kanzlerin klar gemacht werden, dass ein Festhalten an Stuttgart 21 ihre Chancen verschlechtert, ein Ausstieg verbessert. Mit politischen Kehrtwenden hat sie ja lange Zeit gute Erfahrungen gemacht. Sie wird klug genug sein, einem Untersuchungsausschuss zuvorzukommen durch eine Erlaubnis zum Ausstieg.

Wir haben deshalb derzeit keinen wirklichen Grund zur Resignation. Vielmehr können wir uns durch Propheten wie Jeremia ermutigen lassen, die schonungslosen Analysen den Mächtigen auf den Kopf zuzusagen und unbeirrt das Ende des sinn- und nutzlosen Milliardengrabs Stuttgart 21 zu fordern. Gerade in der jetzigen österlichen Zeit können wir Mut daraus schöpfen, dass die Botschaft Jesu vom Reich des barmherzigen Gottes auch durch den Tod am Kreuz nicht zu beseitigen war, sondern danach noch viel größere Kreise zog. Der Auferstandene schenke uns den Mut zum Berge versetzenden Glauben an ihn und sein Reich. Amen.

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