Ostergottesdienst-digital, am Ostermontag, 13.4.2020 mit Friedrich Gehring, Pfr.i.R.

Dieser Gottesdienst wurde von den Beteiligten – mit ausreichendem Abstand – in einzelnen Teilen (von Jürgen Gangl, dem wir sehr danken) aufgezeichnet und ist hier als Zusamamenschnitt zu sehen:

Für die musikalischen Beiträge herzlichen Dank an Ulrich Ebert von Parkblech!

Die folgende Ansprache zu Lk 24,30-31 von Pfr.i.R. Friedrich Gehring ist hier als pdf zu öffnen.

Als der Mann mit ihnen zu Tische saß, brach er das Brot, sprach das Dankgebet darüber, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihnen die Augen aufgetan und sie erkannten Jesus.

Nach den furchtbaren Erfahrungen der Kreuzigung Jesu verkrochen sich die Jünger. Aber nach dem Sabbat wagen sich die ersten wieder hinaus. Zwei von ihnen wandern in das Dorf Emmaus, treffen einen Fremden, essen mit ihm und erkennen in ihm plötzlich den Auferstandenen. Von da an wird ihnen klar, dass ihnen in allen Notleidenden Jesus selbst begegnet (Mt 25,40). Wenn sie sich ihnen barmherzig zuwenden und ihr Brot mit ihnen teilen, dann bauen sie am Reich Gottes und Jesus ist als der Auferstandene mitten unter ihnen. Mit dieser Kultur des Dienens treten sie in kritische Distanz zum Machtmissbrauch des Kaisers und seiner Statthalter, die Kritiker am Kreuz verstummen lassen wollen (Mk 10, 42-44). 300 Jahre lang werden die Christen eine bisweilen blutig verfolgte Opposition. Sie fallen nicht vor Kaiserbildern nieder  und verweigern den Kriegsdienst für Rom.

Auch unsere Kritik an der Haltestelle Stuttgart 21 hatte ihre Karfreitagserlebnisse, etwa am schwarzen Donnerstag oder bei der verlogenen Volksabstimmung. Nicht wenige haben sich danach verkrochen, aber andere sind doch immer wieder hinausgegangen zu den montäglichen Demonstrationen, zur Mahnwache oder zu den Parkgebeten und haben Widerstand geleistet mit Publikationen oder juristischen Mitteln. So hatte auch unsere Bewegung ihre Ostererlebnisse, etwa als die Gesetzwidrigkeit des Polizeieinsatzes am schwarzen Donnerstag gerichtlich festgestellt wurde. Bei unserem bald zehnjährigen Widerstand mussten wir erkennen, dass wir wie die ersten Christen einem systematischen Machtmissbrauch gegenüberstehen. Es wird zwar nicht mehr an Kreuzen zu Tode gefoltert wie einst, aber unsere neoliberal globalisierte Wirtschaft tötet auf vielfältige Weise, wie Papst Franziskus zurecht anklagt. Und wer die Nachrichten über den Umgang mit dem Widerständler Julian Assange wahrnimmt, ist durchaus an Todesfolter erinnert. Wenn der Machtmissbrauch der Wirtschafts- und Militärmacht USA samt ihrer Vasallen wie Großbritannien öffentlich angeprangert wird, geht man über Leichen wie einst Rom.

Das Osterfest will Mut machen, uns dennoch nicht zu verkriechen, sondern hinauszugehen, nicht zu schweigen, sondern im Widerstand weiter laut zu bleiben. Die Haltestelle ist so etwas wie die Spitze des Eisbergs, ein Pilotprojekt und Versuchsballon der neoliberalen Politik der Kanzlerin, der die Spekulationsgewinne einiger weniger wichtiger sind als die Sicherheit und der Nutzen für die Allgemeinheit. Wir werden nicht müde zu betonen, dass die Haltestelle kein Bahnhof ist, sondern ein gefährliches und schädliches Abfallprodukt einer Grundstücksspekulation.

In der Coronakrise werden derzeit riesige Einschränkungen und der wirtschaftliche Ruin von Millionen auferlegt aus Solidarität mit den Risikogruppen. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an Bahnvorstand Kefer: Er wollte mangels Brandschutz die Risikogruppe der Mobilitäts-Eingeschränkten retten mit Lautsprecherdurchsagen an die anderen aus dem Brand Fliehenden. Wir brandmarken dies als besonders dreistes Beispiel, wie neoliberale Politik über Leichen geht. Wir bieten den Umstieg 21 an als preiswerte Solidarität mit der Risikogruppe unter den Fahrgästen.   Wir lassen dem Bundesverkehrsministerium nicht die Behauptung durchgehen, man beachte die Forderungen des Katastrophenschutzes aus der Tunnelrichtlinie des Eisenbahnbundesamts und werde deren Einhaltung im Rahmen der Inbetriebnahme sicherstellen. Wir erinnern an die Forderung der Richtlinie, dass die Fragen des Katastrophenschutzes aus guten Gründen vor der Planfeststellung zu klären sind, was man im Ministerium offenbar geflissentlich übersieht.

Wir lassen nicht locker, die Strafverfolgungsbehörden an das Aktiengesetz zu erinnern, das unrentable Geschäfte als Untreue bestraft sehen will. Wir rügen einen Ministerpräsidenten, der in einer Demokratie die Mehrheit über die Wahrheit stellt und damit dreiste Lügen hoffähig macht.

Wir lassen die Verantwortlichen bei der Bahn und in der Politik nicht unwidersprochen behaupten, der Deutschlandtakt werde in der Haltestelle prima klappen, sondern wir visualisieren, was auf den 8 Gleisen und den engen Bahnsteigen wirklich passieren wird und was im Kopfbahnhof möglich ist. Wir sagen Politikern, die behaupten, die Katz sei scho da Bom nuff, dass Katzen da aus Eigennutz nicht hocken bleiben und man nur Katzen mit Behinderungen herunterhelfen muss. Wir trauen auch Politikern zu, dass sie so schlau sein können wie Katzen, wenn sie sich von neoliberaler Verblendung befreien und das Konzept Umstieg 21 ansehen. Alle, die unserem Ministerpräsidenten glauben, der Käs sei scho gessa, erinnern wir an das Kernkraftwerk Kalkar, das für Milliarden fertig gestellt wurde, aber nie in Betrieb ging und heute als Vergnügungsparkgelände dient. So kann auch die teure schräge Haltestelle einmal als Mahnmal dienen gegen den Irrsinn neoliberaler Ideologie und Politik.

Die Jünger Jesu haben sich ab Ostern nicht mehr versteckt, sondern weiter am Reich Gottes gebaut und Widerstand geleistet gegen den Machtmissbrauch der Machthaber. Nehmen wir uns sie zum Vorbild. Amen.

Es gibt in christlichen Kirchen den alten Brauch des Osterlachens:

Diejenigen, die glauben, der Deutschlandtakt klappt in der Haltestelle, erinnern mich an folgenden Osterwitz:

Sagt ein Hindu zu einem Christen: „Ihr Christen habt es ja nicht leicht mit dem Glauben an die Auferstehung“. Der Christ gibt zu: „Ja, das ist gewiss nicht einfach, weil vor dem Jüngsten Gericht noch niemand auferstehen kann. Aber ihr Hindus habt es ja auch ganz schön schwer mit dem Glauben an die Wiedergeburt“. Da lacht der Hindu: „Nein, das mit der Wiedergeburt ist nicht schwer, das müssen wir nicht glauben, das ist so“.

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