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Ansprache beim Parkgebet am 29.6.2017 zu 1. Mose 11,1-8 (Ausschnitt) von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die Menschen hatten damals noch eine einzige, allen gemeinsame Sprache. … Sie sagten: „Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt und einen Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann werden wir in aller Welt berühmt. Dieser Bau wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Welt zerstreut werden.“ Der Herr kam vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. Denn er sagte sich: „Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt. Ans Werk! Wir Steigen hinab, und verwirren ihre Sprache, damit keiner mehr den andern versteht!“ So zerstreute sie der Herr über die ganze Erde, und sie mussten ihre Pläne aufgeben.

Auch noch die Bibelübersetzung in heutigem Deutsch von 1982 setzt über die Turmbauerzählung die Überschrift: „Die Menschheit will es mit Gott aufnehmen“. Das ist die klassische Deutung der Erzählung: Die bösen Menschen müssen vom guten Gott in Schach gehalten werden, damit sie nicht allen Unsinn treiben können, der ihnen einfällt. Vor 46 Jahren bekam ich diesen Text zur Auslegung bei meiner Prüfungspredigt zum 2. Examen. Bei der Vorbereitung entdeckte ich, dass das so gar nicht dastand. Die Menschen wollen nicht Gott vom Thron stoßen, sie wollen nur für den Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft miteinander bauen. Alle, die einmal an einem Privathaus, einem Vereinsheim oder einer Kirche gemeinsam gebaut haben, wissen, wie das zusammenschweißt. Das Problem sind hier nicht die solidarisch zusammenarbeitenden Menschen, sondern der sehr menschlich auf seine Macht bedachte Gott, dem die Menschen zu mächtig werden. Das für mich Erschreckende war, dass diese 3000 Jahre alte Gottesvorstellung in meiner gegenwärtigen Kirche die beherrschende war. Sie war seit alters die Rechtfertigung dafür, dass die gute Obrigkeit das böse Volk in Schach halten muss. Ich forderte deshalb die Gemeinde auf, diesem Gottesbild abzusagen und zum barmherzigen Gott Jesu zurückzukehren. Denn dieser hat keine Angst vor zusammen haltenden Menschen, er will ihre Solidarität, er hält sie nicht für grundsätzlich böse, sondern als seine guten Geschöpfe zum Guten fähig. Auch wenn sie gelegentlich Fehler machen, hält er sie für zur Umkehr fähig. Auf diese Predigt hin wurde ich an eine Sonderschule für Verhaltensgestörte versetzt, um dort alles zu unterrichten, nur nicht Religion – ein Beweis, welcher Gott in meiner Kirche herrschte, obwohl dies natürlich geleugnet wurde.

Es ist der Gott der Guten, die bei Rundflügen hoch am Himmel Tiefbahnhöfe beschließen und dann hernieder fahren, um mit Wasserwerfern und Tränengas das böse Volk auseinandertreiben, das solidarisch seine Interessen vertritt. Denn, so sagen sie, wenn es dem Volk gelingt, dieses Großprojekt zu verhindern, dann werden sie alle schönen Großprojekte zu Fall bringen, die ihren Interessen entgegen stehen. Das wäre das Ende unserer demokratisch verbrämten Lobbykratie. Ich will nicht verschweigen, dass diese meine Deutung auch heute noch in meiner Kirche umstritten ist.
Ich fordere aber auch heute noch dazu auf, die Überschrift und den Text der Turmbauerzählung genau zu vergleichen und daraus die Schlüsse für den Weg von uns Christen von heute zu ziehen, auch im Blick auf Projekte wie Stuttgart 21.

Ich mache darauf aufmerksam, dass die Idee für den Bau von Stadt und Turm nicht von einem Feudalherrn oder einem gewählten Stadtparlament ausgeht, sondern einen Basisbeschluss darstellt, der mit nichts als der blanken Kraft der Argumente vorgetragen wird und überzeugt. Weil die Bürger von Babel überzeugt sind, dass die Bauten ihren Interessen dienen, machen sie mit. Auf diese Weise ist die Idee vom Umstieg 21 entstanden: Fachleute aus dem Volk haben sich Gedanken gemacht, was der Bevölkerung von Stuttgart und Umgebung hilfreich sein könnte. Sie wenden sich an die Öffentlichkeit und an die Entscheidungsträger in der repräsentativen Demokratie und der Führung der Deutschen Bahn AG mit nichts als der blanken Macht der Argumente. Nachdem Politik und Bahn AG die hilfreichen Ideen ausgeschlagen haben, wenden sie sich nun an die Staatsanwaltschaft in Berlin und versuchen dort Überzeugungsarbeit zu leisten, um auf diese Weise die Entscheidungsträger in der Politik und der Bahnführung zur Einsicht zu bringen. Sie dienen damit nicht mehr dem Gott der angeblich guten Profiteure, die sich das Land wie Feudalherren unter den Nagel reißen und das böse widerstrebende Volk Mores lehren wollen, sondern dem Gott, der gewaltfrei dem Wohl der Allgemeinheit dienen will.

Indem wir dabei mitmachen, dienen wir dem barmherzigen Gott Jesu, der sehr wohl weiß, dass nicht nur das Volk böse sein kann, sondern auch die Herrschenden, die durch ihre Macht noch viel mehr Böses anrichten können. Das wird in unserer Kirche leider immer wieder vergessen, dass Jesus sagt: „Wie ihr wisst, unterdrücken die Herrscher ihre Völker, und die Großen missbrauchen ihre Macht. Aber so soll es bei euch nicht sein. Wer von Euch etwas Besonderes sein will, soll den anderen dienen, und wer von euch an der Spitze stehen will, soll sich allen unterordnen“ (Mk 10, 42-44). Parteien, die behaupten christlich zu sein, müssten das vor allem beherzigen. Es reicht eben nicht aus, wenn eine Kanzlerin einer sich als christlich bezeichnenden Partei einfach behauptet: „Sie kennen mich, uns allen geht es gut“, dann aber nicht nur in Griechenland, sondern auch im Inland eine Politik der Verarmung betreibt, die immer mehr Menschen betrifft. Auch bei ihrem Lieblingsprojekt Stuttgart 21 muss sie lernen zu fragen, was der Bevölkerung insgesamt dient und nicht nur wenigen Profiteuren. Wenn sie dies verweigert, dann muss die Staatsanwaltschaft angerufen werden, um sie wegen Anstiftung zur Untreue zu belangen. Und sie muss im Wahlkampf zu spüren bekommen, dass die Verschwendung öffentlicher Gelder für die Verschlechterung des Bahnverkehrs abgestraft wird. Wir lassen uns nicht beirren. Unser Glaube an den barmherzigen Gott ruft uns dazu, die Dinge beim Namen zu nennen und mit nichts als der blanken Macht der Argumente Überzeugungsarbeit zu leisten. Der barmherzige Gott schenke uns den Mut und die Kraft dazu. Amen.

Ansprache zum Parkgebet am 11.5.2017 zu Hes 34, 2-10 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

So spricht der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden. Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? … Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern. Ich will ein Ende machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen nicht mehr sich selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen. (Hes 34,2-10 in Auswahl)

Diese Sätze des Propheten Hesekiel vor etwa 2500 Jahren wirken wie eine hochaktuelle Analyse der Verhältnisse unserer Tage. Es ist nur wenige Monate her, dass sich die baden-württembergischen Landtagsabgeordndeten besonders schöne Ruhegehälter beschlossen und sich damit selbst geweidet haben. Aber nur 14 Tage später ist, theologisch gesprochen, der Herr so an die Hirten gegangen, dass sie sich nicht mehr selbst weiden konnten, und das Selbtbedienungsgesetz wieder aufheben mussten. Wie hat der barmherzige Gott, der gute Hirte seiner Herde, dieses Wunder geschafft? Er hat unter seiner Herde eine solche öffentliche Empörung aufkommen lassen, dass die sich selbst weidenden Hirten sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurück besinnen mussten, die Herde zu weiden.

Leider werden die selbstbezogenen Hirten unserer Tage nicht immer so schnell ausgebremst. Wir als Befürwortende des Umstiegs 21 denken hier insbesondere an Roland Pofalla, den ehemaligen Staatssekretär im Kanzleramt. Er hat als willfähriger Erfüllungsgehilfe der Bahnprivatisierung und der Profiteure von Stuttgart 21 der Kanzlerin geholfen, ihr völlig unrentables und vollkommen unsinniges Lieblingsprojekt vor dem Abbruch zu bewahren, indem er 2013 die Bahn-Aufsichtsräte beschwatzte, das Projekt gegen das Aktienrecht und auf die Gefahr der eigenen Schadenshaftung durchzuwinken. Solche Macht haben die selbstbezogenen Hirten aus der Bahnbaubranche, dass sie mit ihrem Lobbyismus die politische Führung auf ihren Kurs bringen und gegen Recht und Gesetz in ihre Tasche wirtschaften können. Das besonders schlimme daran ist, dass die politischen Hirten in vorlaufendem Gehorsam den Interessen dieser Bauhirten dienen, weil sie nach ihrer politischen Karriere von den Konzernhirten hochdotierte Posten erwarten können für ihren vorlaufenden Gehorsam. Das Vorgehen von Roland Pofalla ist ein Musterbeispiel dafür, auch wenn er kürzlich noch nicht gleich Bahnchef werden konnte.

Der barmherzige Gott sieht nicht nur die falschen Hirten in Politik und Wirtschaft, sondern auch die in der Justiz. Die verantwortlichen Staatsanwälte in Berlin, die der Veruntreuung der Bahnaufsichtsräte beim Projekt Stuttgart 21 entgegentreten müssten, weiden bisher nicht die Herde, sondern die Bahnbaukonzerne. Sie sagten zunächst: Die Aufsichtsräte sind zu dumm, um die Untreue zu bemerken. Warum sagen sie so etwas? Sie sind in ihren Herzen gefangen vom Götzen Mammon, der ihnen einflüstert: Wenn die Konzerne, die 30 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung erbringen, gute Geschäfte machen, dann sind auch eure Ruhegehälter als Staatsanwälte sicher. Das stimmt natürlich nicht. Ihre Gehälter wären auch dann sicher, wenn die Milliarden nicht bei Stuttgart 21 veruntreut, sondern vernünftig eingesetzt würden, z. B. für den Umstieg 21. Möglicherweise flüstert ihnen der Mammon auch ein: Wenn ihr euch unterwürfig der herrschenden Politik anpasst, dann steigen eure Aufstiegschancen. Das stimmt natürlich auch nicht, denn wenn sich alle unterwürfig anpassen, gibt es trotzdem nicht mehr höhere Posten. Die entscheidende Frage ist: Wie können die juristischen Hirten von den verlogenen Einflüsterungen des Götzen Mammon befreit werden?

Das ist natürlich nicht so einfach wie bei den Landtagsabgeordneten, die alle vier Jahre wenigstens die wählende Herde fürchten und entsprechende Rücksichten nehmen müssen. Aber auch gegenüber den juristischen Hirten geht es darum, dass die Herde sich nicht vom Götzen Mammon fangen lässt, sondern sein zerstörerisches Treiben skandalisiert und die Mehrheit der Herde überzeugt. So ist es bisher gelungen, beinahe eine Zweidrittelmehrheit zu gewinnen für die Prüfung des Konzepts Umstieg 21. Wir müssen daran erinnern, dass nicht nur die Konzerne selbst, sondern auch diejenigen, die die weiteren 70 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung erbringen, einen öffentlichen Nahverkehr brauchen, der die Mitarbeiter rechtzeitig an den Arbeitsplatz bringt. So kann den konzernhörigen Hirten in der Justiz klar gemacht werden, dass sie mit ihrer bisherigen Weigerung, wegen Untreue zu ermitteln, auch den Konzernen schaden. Nicht zuletzt muss an den Rest von Gewissen und Verstand appelliert werden, den die staatsanwaltlichen Verantwortlichen bei der Unterwerfung unter den Götzen Mammon noch bewahrt haben. Sie müssen durch beharrliche Strafanzeigen daran erinnert werden, wen sie zu weiden haben. Eisenhart von Loeper und Dieter Reicherter haben sich jüngst erneut darum verdient gemacht und die zuständige Staatsanwältin muss nun die Vorwürfe der Untreue gegen verschiedene Bahnverantwortliche prüfen, um sich nicht der Strafvereitelung im Amt schuldig zu machen.

Wir kommen hier regelmäßig zum Parkgebet zusammen, weil wir uns beharrlich weigern, den Einflüsterungen des Mammon zu folgen und damit sein zerstörerisches Werk zu unterstützen. Wir bestärken uns gegenseitig durch Gebete und durch das Hören auf die Botschaft des barmherzigen Gottes darin, die Alternative zum Mammon zu leben. Deshalb bestehen wir darauf, dass die Hirten im Lande der Herde und nicht dem Mammon zu dienen haben. Wenn wir zu verzagen drohen, weil unserem Bemühen wenig Erfolg vergönnt zu sein scheint, dann erinnern wir uns daran, dass schon vor über 2500 Jahren die Propheten Israels diesen Kampf gegen den Mammon gekämpft haben. So kann es auch heute lange währen, bis der barmherzige Gott, der wahre Hirte, zusammen mit der Herde an die falschen selbstbezogenen Hirten gehen wird. Der feste Glaube an den barmherzigen Gott schenke uns die Ausdauer, die falschen Hirten beim Namen zu nennen, ihr Treiben zu skandalisieren und darauf zu pochen, dass sie der Herde zu dienen haben. Amen.

Wir dokumentieren Verstöße gegen das FTG und bringen diese zur Anzeige

Die Deutsche Bahn arbeitet auf den S21-Baustellen seit Jahren regelmäßig auch sonntags – ohne jede Genehmigung. Sie behauptet, sie brauche keine, die Feiertagsarbeit sei mit der grundsätzlichen Genehmigung des Eisenbahnbundesamtes (EBA) mit genehmigt.

Bitte melden Sie eigene Beobachtungen über sonntägliche S21-Arbeiten oder, wenn Sie selbst Anzeige erstatten möchten, an die eMail-Adresse:  ftg2017@web.de

Oder beteiligen Sie sich an dieser Aktion auf der Seite der taz-Bewegung:
http://www.bewegung.taz.de/aktionen/wir-dokumentieren-verstoesse-gegen-das-ftg

In Stuttgart gibt es dazu ein wahrhaftiges Behördenkarussell, das sich munter dreht:

Die Stadt Stuttgart behauptet wahrheitswidrig, dass ihr die Hände gebunden seien und dass sie leider, leider nichts gegen die Verstöße der Bahn und der von ihr beauftragten Unternehmen gegen das Sonn- und Feiertagsgesetz (FTG) unternehmen könne. Sie verweist auf das Eisenbahnbundesamt (EBA), das mit der Planfeststellung auch die Missachtung des FTG genehmigt habe (und wiederholt damit brav, was die Bahn behauptet). Das EBA aber verweist auf das Land und die Stadt, die für Ausnahmegenehmigungen vom FTG zuständig seien. Die Stadt verweist stattdessen zusätzlich noch auf das Freiburger Bergamt, das natürlich nur für die Sprengungen, aber nicht für das FTG zuständig ist. Und so verweist das Bergamt wiederum auf die Stadt. Letztlich verweisen alle auf die Stadt. Aber der Name der Stadt ist Hase: sie weiß von nichts.

Wir werden versuchen, das Behördenkarussell auszubremsen und die Stadt wachzurütteln.

Dabei geht es beim FTG nicht in erster Linie um die Kirche, sondern um den Erhalt der grundgesetzlich garantieren Sonntagsruhe für die gesamte Bevölkerung. Es geht auch nicht nur um Lärmbelästigung, sondern um „öffentlich bemerkbare Arbeiten“ aller Art. Selbst ein Arbeiter, der lautlos die Werkstore öffnet, stellt eine solche „Störung der Sonntagsruhe“ dar – weil der Sonntag für die gesamte Bevölkerung ein „Tag der Arbeitsruhe und der Erhebung“ sein soll, an dem deshalb auch keine arbeitenden Arbeiter zu sehen sein sollen.

Wir haben deshalb auch bereits einen Offenen Brief an Ministerpräsident Kretschmann geschrieben, auf den wir bislang allerdings keinerlei Reaktion bekommen haben.

Wer Informationen über sonntägliche S21-Arbeiten hat oder selbst Anzeige erstatten möchte, wende sich bitte an die eMail-Adresse:  ftg2017@web.de
Es wäre doch wunderbar, wenn die Verwaltung der Stadt Stuttgart in einer Welle von Anzeigen und Beschwerden untergehen und erst wieder auftauchen würde, wenn sie endlich den verfassungswidrigen Sonntagsarbeiten Einhalt gebietet.

Von den Kirchen hat sie für Ausnahmegenehmigungen keine Zustimmung zu erhoffen.

Jedenfalls wenn man die Neujahrsbotschaft des Landesbischofs zum Neuen Jahr zum Maßstab nimmt. Dort schreibt Landesbischof Otfried July u.a.: „Ich sehe mit Sorge auf die Aushöhlung des Sonntagsschutzes durch wirtschaftliche Interessen. Dazu gehören nicht nur die ausufernden verkaufsoffenen Sonntage, sondern zum Beispiel auch der sonntägliche Betrieb einer Großbaustelle wie Stuttgart 21.“ Die Sonn- und Feiertage seien Ruhepunkte, die der Gesellschaft einen Rhythmus geben und den Mehrwert des Lebens jenseits der Arbeit erfahrbar machen, so July weiter. «Diese gemeinsamen Zeiten der Ruhe gehören zum Fundament unserer Werteordnung.»“ (siehe: https://s21-christen-sagen-nein.org/2016/12/30/sonntagsruhe-landesbischof-july-kritisiert-s21-bauarbeiten/)

Siehe auch die aktuelle bundesweite Bewegung zum Sonntagsschutz:
http://www.ekiba.de/html/content/allianz_fuer_den_freien_sonntag.html
http://www.ekd.de/sonntagsruhe/index.html
http://www.allianz-fuer-den-freien-sonntag.de (Link ist möglicherweise gestört)

Ansprache beim Parkgebet am 26.1.2017 zu Lk 18, 40-43 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tun soll? Er antwortete: Herr, dass ich wider sehend werde. Und Jesus sprach zu ihm: Werde wieder sehend! Dein Glaube hat dich gerettet. Und sofort wurde er wieder sehend, und er folgte ihm nach und pries Gott.

Die Heilung des Blinden in Jericho wirkt auf uns heute beim ersten Hören fremd, denn wir wissen von der modernen Medizin, wie Menschen durch Operationen wieder sehen können. Erst beim zweiten Hinsehen wird die Aktualität der Erzählung deutlich. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, wo er nicht auf körperliche, sondern geistige Blindheit treffen wird. Unmittelbar nach der Heilung in Jericho besucht Jesus den Zachäus, der vor Gier blind ist und nicht sieht, dass er sich durch diese Gier selbst durch Isolierung im Ort bestraft. Durch die Begegnung mit Jesus wird er sehend, legt seine schädliche Gier ab und folgt Jesus nach auf dem Weg in das Reich Gottes des fairen Teilens. Aus diesem Blickwinkel wird die Wunderheilung in Jericho plötzlich hochaktuell, denn die schädliche Gier macht heute so blind wie damals und ist hartnäckig verbreitet. Ärztliche Kunst ist so machtlos dagegen, dass es einem Wunder gleichkommt, wenn Menschen davon befreit werden.
Die blinde Gier wurde bei uns epidemisch durch die Machtergreifung des Neoliberalismus. Angeregt durch ihre Heilspropheten Thatcher und Reagan ergriff sie auch unser Land mit der schwarz-gelben Revolte gegen Helmut Schmidt. Unterstützt von Roman Herzog, dem jetzt vielgerühmten Ruckpropagandisten, breitete sie sich weiter aus unter Gerhard Schröder und Angela Merkel, weil ihre großen Heilsversprechen geglaubt wurden. Wenn es den großen Konzernen gut geht, so wurde verkündet, dann wird es allen gut gehen, denn von ihrem Reichtum tropft wie in Sektkaskaden der Wohlstand auf breite Schichten der Bevölkerung herab. Deswegen müssen die fettesten Pferde gefüttert werden, damit für die armen Spatzen viele Rossäpfel abfallen. So wurden den Konzernen blind Opfer gebracht, so genannte zurückhaltende Lohnforderungen, Steuergeschenke, günstige Investitionsbedingungen aus der öffentlichen Hand und die Lobbyisten schrieben die Gesetze. So wurden Abgasmanipulationen gefördert und Bankbetrügereien und Anlagegeschäfte, bei denen nicht gezahlte Steuern erstattet wurden, und vieles anderes mehr. Wir Kritiker des Projekts Stuttgart 21 können die Liste noch stattlich verlängern, die aufzeigt, wie nicht nur die Wahrheit, sondern auch enorme öffentliche Ressourcen auf dem Altar der blinden Gier der Konzerne geopfert werden. Den Gipfel der Blindheit erleben wir derzeit darin, dass die überlegene Lösung des Umstiegskonzepts nicht gesehen werden kann. OB Kuhn sagt, der Umstieg werde noch teurer. OB scheint hier zu stehen für „Ober-Blind“.

Besonders verhängnisvoll wirkt sich aus, dass die wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühle an unseren Universitäten zu 90 % von neoliberal verblendeten Professoren besetzt sind. Eine Generation von ebenso erkrankten Wirtschaftsverantwortlichen wird so nachwachsen. Der US-Professor Roubini, der schon 2004 die Krise von 2008 voraussagte, wurde von der gesamten Zunft verspottet. Der Nobelpreisträger Robert Lucas verkündete dagegen 2003, das Crash-Problem sei für Jahrzehnte gelöst. Als der Crash dann eintrat, gab es kein Umdenken, keine Rückbesinnung auf die wichtigsten modernen Wirtschaftsfachleute wie Adam Smith, Karl Marx oder John Meynard Keynes. Die epidemische Blindheit blieb resistent gegen die erfahrbare Wirklichkeit.

Wir sind hier zum Parkgebet beisammen, weil wir uns nicht anstecken lassen. Deshalb müssen wir vom Verfassungsschutz beobachtet werden, der nicht unsere Verfassung, sondern die neoliberale Lobbykratie und mutmaßliche Mörder wie Böhnhardt und Mundlos oder vielleicht auch Amri schützt. Aber wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir schauen weiter genau hin und nennen die Missstände und Fehlentwicklungen beim Namen. Wir lassen uns nicht beirren, wenn in den USA ein Präsident an die Macht kommt, der als Milliardär messianische Erwartungen auf sich zieht. Es wird sich sehr schnell herausstellen, dass er nicht wirklich helfen wird, sondern nur seinen Reichtum und den seiner Milliardärskollegen mehrt. Er hat die Mehrheit der Wahlmänner, nicht aber die des Volkes hinter sich. Vielleicht brauchen die USA einen Trump, um reif zu werden für einen Bernie Sanders und eine von christlicher Barmherzigkeit getragene friedliche Politik.
Wir jedenfalls wollen uns von Jesus die Augen öffnen lassen und schauen genau hin, wo die Selbstzerstörungskraft des blinden neoliberalen Mammons sichtbar wird. Wenn der großmäulige Milliardär und Präsident Trump von Strafzöllen spricht für Autobauer, die nicht genug Arbeitsplätze in den USA schaffen, kann der angeblich mächtigste Mann der Welt nicht verhindern, dass die Premiumautos weiterhin gekauft werden. Denn diese werden nicht bestellt, weil sie billig sind, sondern gerade weil sie teure Statussymbole darstellen. Dann werden diese Zölle zu Luxussteuern, die er gar nicht wollte, und der Maulheld entzaubert sich als blinder Stammtischredner. Bei seinem Stammtischhorizont ist er auch blind dafür, dass die Beendigung der Handelsabkommen die USA kleiner und dafür China größer macht.

Auch bei Stuttgart 21 schauen wir genau hin, wie die Projektpartner sich über dem Kostenstreit zerfleischen werden. Wir sind gespannt, ob sich Ministerpräsident Kretschmann schließlich doch noch gezwungen sieht, das Bundesverfassungsgericht anzurufen, um die Verfassungswidrigkeit des Schmiergeldes klären zu lassen. Das hat er ja einst auch großmäulig versprochen, um dann das Versprechen ganz schnell auf dem Altar der Macht zu opfern für die grünrote Koalition. Es kann sich also durchaus noch herausstellen, dass der Volksentscheid zwar Käse war, aber noch lange nicht gegessen, sondern allenfalls vergammelt ist.

Wir schauen also nicht auf die großmäuligen scheinbar Mächtigen wie das Kaninchen auf die Schlange. Wir lassen uns von dem Mammonskritiker Jesus den Blick schärfen, der uns für die blinden Blindenführer so gefährlich macht, dass sie den Verfassungsschutz auf uns ansetzen.
Im Blick auf unsere gegenwärtige Weltsituation fällt mir ein Lied ein, das Rudolf Alexander Schröder am Vorabend des 2. Weltkriegs im dunklen NS-Deutschland schrieb (EKG 378, 3+4):
Es mag sein, dass Frevel siegt, wo der Fromme niederliegt; doch nach jedem Unterliegen wirst du den Gerechten sehn lebend aus dem Feuer gehen, neue Kräfte kriegen.
Es mag sein – die Welt ist alt – , Missetat und Missgestalt, sind in ihr gemeine Plagen. Schau dir’s an und stehe fest: nur wer sich nicht schrecken lässt, darf die Krone tragen. Amen.

Sonntagsruhe – Landesbischof July kritisiert S21-Bauarbeiten

„Der Sonntag ist eines der schönsten Geschenke, die Gott uns gemacht hat. Ich sehe mit Sorge auf die Aushöhlung des Sonntagsschutzes durch wirtschaftliche Interessen. Dazu gehören nicht nur die ausufernden verkaufsoffenen Sonntage, sondern zum Beispiel auch der sonntägliche Betrieb einer Großbaustelle wie Stuttgart 21.“

Mit diesen Worten wendet sich der württembergische Landesbischof in seiner „Neujahrsbotschaft 2017“ an die evangelischen ChristInnen. Angesichts der üblichen Leisetreterei der hiesigen Landeskirche ist das ein starkes Votum, mit dem Frank Otfried July die unhaltbare Situation in der Landeshauptstadt geißelt: Seit Jahren – und in letzter Zeit vermehrt – bohrt und sprengt die Bahn auch sonntags und feiertags auf ihren Tunnel-Baustellen.

Behörden spielen Schwarzer Peter

Zahllose Beschwerden und Anzeigen dagegen sind bislang fruchtlos geblieben, weil – vom Rathaus Stuttgart über Polizei, Staatsanwaltschaft und Innenministerium bis hin zum Eisenbahnbundesamt – eine Behörde die Verantwortung auf die andere verschiebt. Und auch zahllose Klagen bei der Kirchenleitung und Bitten an sie, diesem rechtsbrecherischen Treiben entgegenzutreten, sind bislang fruchtlos geblieben.

Sonntag ist für alle da

Nun endlich wird die Landeskirche deutlich: Es kann nicht sein, dass ein Betrieb – und schon gar nicht ein staatlicher wie die Bahn – aus wirtschaftlichen Gründen fortgesetzt das Feiertagsgesetz bricht. Dabei geht es nicht nur um das Interesse der Kirchen am geschützten Sonntag, sondern auch um das Recht der Anwohner auf Ruhe und um das Recht der Arbeitskräfte auf gemeinsame freie Tage.

Bahn unter Druck

Für die Bahn ist das besonders unangenehm, hat sie doch angekündigt, in nächster Zeit im 24-Stunden-7-Tage-Betrieb arbeiten zu wollen, um eine absehbare Verlängerung der Bauzeit und entsprechende zusätzliche Kosten zu sparen. Das wird nun schwieriger.

Der Geist ist aus der Flasche

Da wird es jetzt sicherlich ein paar eilige Telefonate geben, und möglicherweise auch ein paar Dementis. Aber der Geist ist aus der Flasche: Landesweit wird von nun an genau beobachtet, wie die Bahn mit dem Feiertagsgesetz umgeht – und ob sie nun endlich das tut, wovor sie offenbar bislang zurückgeschreckt ist: eine offizielle Genehmigung zu beantragen, bei der dann auch die Landeskirche gehört werden muss. Die aber hat sich nun selbst in Zugzwang gesetzt: Sie kann nun nicht mehr ohne weiteres ihr Einverständnis geben. Und das ist gut so.

Wieder ein Mosaikstein fürs Ziel

Denn alles, was der Bahn bei S21 Schwierigkeiten bereitet, ist hilfreich für unser großes Ziel: Baustopp und Umsteuern auf Modernisierung des Kopfbahnhofs (www.umstieg-21.de).

Danke, Frank Otfried July! Oben bleiben!

http://www.elk-wue.de/news/28122016-zur-sprache-bringen-was-dem-leben-dient/

http://www.focus.de/regional/stuttgart/kirche-bischof-july-sonntag-muss-besonders-geschuetzt-bleiben_id_6415935.htm

Predigt zu Lk 2, 1-14, 26.12.2016 im Stuttgarter Schlosspark von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die himmlischen Scharen über dem Stall von Bethlehem verkünden Frieden. Wie soll das gehen? Die Hoffnung der alttestamentlichen Frommen lag auf dem erhofften Messias, dem von Gott gesalbten König, dessen Regentschaft Frieden bringen sollte. Das konnten die Regierten nur abwarten, selbst dazu beitragen konnten sie nichts. Jesus, das Kind in der Krippe, wird als Erwachsener mit dieser Hoffnung konfrontiert. Aber weder gibt er sich für eine militärische Erhebung gegen die römische Kolonialmacht her noch zaubert er den Frieden für das Volk herbei. Er sammelt Friedensstifter und verspricht ihnen: „Glücklich sein werden die Friedfertigen, denn sie werden Kinder des barmherzigen Gottes genannt werden“ (Mt 5,9). Wie das Reich Gottes nicht von außen in die Welt hereinbrechen wird, sondern aus der Mitte der Jüngerschar heraus wachsen wird (Lk 17,20-21), so kommt auch der Friede nicht wie der winterliche Schnee vom Himmel, sondern aus den Menschen, an denen der barmherzige Gott Wohlgefallen hat. So sagen es die Engel in der Weihnachtsgeschichte (Lk 2,14).

Die Frage, wie Frieden wird, fällt also auf uns, die Fragenden, zurück: Wie werden wir zu friedfertigen Menschen, die dem barmherzigen Gott wohlgefallen? Der Dreh- und Angelpunkt für die Antwort auf diese Frage liegt für mich in dem drastischen Bildwort Jesu vom Balken im eigenen Auge und dem Splitter im Auge des Bruders: „Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken jedoch in deinem Auge nimmst du nicht wahr? … Ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du zusehen, dass du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehst.“ (Mt 7,1-5). Jesus durchkreuzt damit das allseits beliebte Gesellschaftsspiel, von eigenen Fehlern oder Bösartigkeiten abzulenken, indem auf die der anderen gezeigt wird. Verhängnisvoll ist dabei oft, dass das Böse der anderen die Aggression auf dieses Böse rechtfertigt. Je mehr das eigene Böse auf die anderen projiziert und dann noch gewalttätig abgestraft wird, umso mehr entsteht scheinbar gerechtfertigte Gewalttätigkeit. Diesem Unfrieden stiftenden Verhalten setzt Jesus den Bußruf entgegen, mit dem seine Wirksamkeit beginnt (Mk 1,15). Wenn alle zuerst vor der eigenen Türe kehren und sich dann bemühen, die alten Fehler nicht mehr zu begehen, werden sie auch mit den Fehlern der anderen gnädiger umgehen. Das führt zur Solidarität der Sünder, sie ist die Keimzelle für christliche Vergebung und gemeinsamen Neuanfang zum Besseren. So kann Frieden wachsen.

Nicht nur in unseren Familien, Nachbarschaften und Vereinen führt Selbstkritik zum Frieden untereinander, auch in der großen Weltpolitik. Eines der krassesten Negativbeispiele bot der fromme fundamentalistische Christ G.W. Bush. Als Präsident der USA, die große Mengen von Massenvernichtungswaffen besitzen und damit gelegentlich drohenden Gebrauch machen, ließ er verlogenerweise solche dem Irak andichten und nahm dies als Rechtfertigungsgrund, in den Irak einzumarschieren gemeinsam mit anderen willigen Nationen. Auch Deutschland leistete dabei logistische Unterstützung. Der Krieg forderte schätzungsweise eine Million Tote. Die entmachteten Sunniten wurden vom neuen schiitischen Regime so benachteiligt, dass die brutalen IS-Kämpfer leichtes Spiel hatten, als angebliche Retter der benachteiligten Sunniten große Territorien zu erobern und ihr Terrorregime zu installieren. Nun soll z. B. die Stadt Mossul durch gute Truppen von den bösen IS-Terroristen zurück erobert werden und es ist abzusehen, dass es gehen wird wie in Aleppo. So entsteht immer mehr Unfrieden, den wir oft erst bemerken, wenn immer mehr Flüchtlinge bei uns Asyl beantragen.

Auch in diesen furchtbaren Kriegen gilt der Bußruf Jesu, zuerst den Balken im eigenen Auge wahrzunehmen und diesen herauszuziehen. Statt über Flüchtlinge und Abschiebungen zu streiten sollten wir in Deutschland die enorme Waffenproduktion in friedliche Produktion umwandeln. Als Exportnation sollten wir uns eingestehen, wie viele Existenzen etwa unsere Geflügelabfälle in Westafrika vernichten oder wie unsere billigen Kleiderimporte Textilarbeiterinnen in Asien und Lateinamerika in Hunger und Elend treiben. Auch unsere Wirtschaftsmacht tötet, um Papst Franziskus zu zitieren. Statt Waffen sollten wir z.B. solar betriebe Anlagen exportieren, die Meerwasser zu Trinkwasser entsalzen, um in Dürregebieten das Überleben der Selbstversorger zu sichern. Dies könnte unser Beitrag zum Frieden auf Erden sein.
Wenn wir uns auf diese Weise in der Welt profiliert haben, dann können wir auch die so oft beschworene Verantwortung in Krisengebieten übernehmen, nicht mit Soldaten, die sowieso immer schwerer zu rekrutieren sind, sondern als nichtmilitärische humanitäre Vermittler. Frieden stiften ist möglich. So haben einige wenige Christen in Mosambik 1992 nach Jahrzehnten eines brutalen Bürgerkriegs mit einer Million Toten Friedensverhandlungen, einen Waffenstillstand und einen Friedensvertrag ermöglicht, weil sie keinerlei militärische oder wirtschaftliche Macht besaßen, aber auf beiden Seiten humanitäre Hilfe geleistet hatten. In ähnlicher Weise ist ein Friedensprozess in Kolumbien im Gang, weil auch dort eingestanden wird, dass nicht nur die Rebellen, sondern auch die Regierungstruppen mit furchtbarer Grausamkeit gewütet haben. Wenn es den Vermittlern gelingt, auf beiden Seiten die Balken in den eigenen Augen bewusst zu machen, kann Frieden werden.

Wie die Friedensstifter in Mosambik stehen auch wir als Gegner des zerstörerischen Projekts Stuttgart 21 ohne äußere Machtmittel da. Das war und ist bisweilen schmerzhaft, ganz besonders z. B. im Blick auf den „Schwarzen Donnerstag“. Nicht nur dort haben wir die Arroganz der Macht erfahren. Aber diese äußere Machtlosigkeit war die große Chance der Friedensstifter in Mosambik und das ist auch unsere große Chance. Wir stehen mit nichts da als der blanken Macht der Argumente und neuerdings auch mit der Überzeugungskraft der besseren Alternative. Wir vermitteln nicht zwischen Kriegsparteien, sondern zwischen Projektpartnern, die gegen einander prozessieren um höheres Schmiergeld zum Schaden der Bevölkerung. Wir bieten den Zerstrittenen wie in Mosambik die bessere Lösung an. Dies ist unser humanitärer Einsatz, weil unsere Alternative den Menschen in unserer Region wirklich dient. Auf diese gewaltlose Kraft können wir vertrauen. Das Kind in der Krippe ist der extreme Ausdruck von äußerer Machtlosigkeit, aber dieses Kind verändert die Welt, wenn immer mehr Menschen sich auf den Weg in seine Nachfolge machen, wenn sie nicht mehr die eigenen Fehler den anderen andichten und sie dann hassen, sondern umkehren und neu anfangen. So wird an einer besseren Welt, dem Reich des barmherzigen Gottes, gearbeitet. Lassen wir uns an diesem Weihnachtsfest neu Mut dazu machen. So wird Frieden. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 10.11.2016 zu Mk 10, 42-44 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Jesus sprach: Ihr wisst, dass diejenigen, die als Beherrscher der Völker gelten, sie gewaltsam unterwerfen und die Mächtigen ihnen gegenüber ihre Macht missbrauchen. Aber so soll es unter euch nicht sein; sondern wer groß sein will unter euch, der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei der Knecht aller.

Das griechische Wort für „Macht missbrauchen“ kommt nur im neutestamentlichen Griechisch vor, im übrigen griechischen Sprachraum fehlt das Bewusstsein dafür. Aber Jesus, der in der Tradition der gesellschaftskritischen Propheten Israels zu Hause ist, kann die Dinge beim Namen nennen. Der Kaiser in Rom lässt Widerständler am Kreuz zu Tode foltern wie Erdogan die Oppositionellen, und hätte der Kaiser Nagelbomben oder chemische Waffen gehabt wie Assad, er hätte sie eingesetzt. Die römische Politik lebt vom gewaltsamen Niederhalten, vom Machtmissbrauch. Diesem setzt Jesus den rechten Gebrauch der Macht gegenüber. Sie muss zum Dienst an allen genutzt werden.

Das ist eine klare Vorgabe für die Christenheit. Wie ist diese Vorgabe umgesetzt worden? Bis zur konstantinischen Wende, als das Christentum Staatsreligion wurde, durften die Christen in dem römischen Unterdrückerstaat nicht als Beamte oder Soldaten dienen. Als aber das Christentum in Rom an die Macht gekommen war, ging diese Vorgabe Jesu unter. Zwar prangerte Luther den Machtmissbrauch des Papstes am Beispiel des Ablasses an, deshalb feiern wir seit 11 Tagen das Reformationsjubiläum. Aber bereits 1520 missbrauchte Luther selbst das vierte Gebot zur Forderung nach Untertänigkeit im Feudalismus seiner Zeit. Das 4. Gebot fordert die Sorge um die alten Eltern, damit die Jungen später auch lange leben dürfen. Luther schreibt dazu 1520 im Kleinen Katechismus lapidar: „ williger Gehorsam, demütickeit, undertenickeit umb gottis wolgefallen willen“. 1524 missbraucht Luther seine Macht, indem er den anders denkenden Kollegen Karlstadt durch den Fürsten des Landes verweisen lässt, obwohl dessen Frau hochschwanger ist. Nach 1525 werden auf lutherisches Betreiben Mennoniten umgebracht, weil sie sich gegen den Kriegsdienst wehren. So wurden die lutherischen Kirchen zu Duckmäuserkirchen, in denen es unmöglich oder gar tödlich war, den Machtmissbrauch anzuprangern, wie Jesus das vorgelebt hat. Besonders verhängnisvoll wurde, dass die lutherische unausweichliche Forderung nach dem Kriegsdienst in den beiden Weltkriegen zur kirchlichen Kriegshetze geführt hat. Selbst die „Bekennende Kirche“ hat beim Erntedankfest 1939 nicht nur für die Ernte, sondern auch für den schnellen Sieg in Polen gedankt und beten lassen: „Und bitten dich droben, du Lenker der Schlachten, mögst stehen uns fernerhin bei“. Das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ vom Oktober 1945 sprach von der Schuld des deutschen Volkes, nicht von der der lutherischen Kirchen. Es wird höchste Zeit, am Erntedankfest des Jubiläumsjahrs einen Bußgottesdienst zu feiern, der zur Friedensbotschaft Jesu zurückführt. Das wäre die angemessene Reformation des Reformationsjubiläums.

Christen, die sich gegen Stuttgart 21 engagiert haben, waren von Anfang an schwer enttäuscht über die Haltung der Kirchenleitung der Württembergischen Ev. Landeskirche im Konflikt um dieses Großprojekt. Die Prägung der lutherischen Kirchen als Untertanenkirchen dürfte ein Hauptgrund sein für diese Unfähigkeit, den Machtmissbrauch im Rahmen der Durchsetzung dieses unsinnigen Projekts zu benennen. Nicht einmal der Schwarze Donnerstag hat hieran etwas geändert. Immerhin glichen die Szenen im Stuttgarter Schlosspark sehr stark denen im Gezipark von Istanbul. Dort wird in unserem Land von Presse und Regierung sehr wohl wahrgenommen, wie Erdogan seine Macht missbraucht in einer Weise, die dem Vorgehen Hitlers nach dem so genannten „Röhmputsch“ ähnelt. Immerhin bestellte Außenminister Steinmeier den türkischen Botschafter ein, nachdem Erdogan dieser Tage kritische Journalisten und Oppositionspolitiker verhaften ließ. Aber von Seiten lutherischer Kirchen war zum „Schwarzen Donnerstag“ keine nennenswerte Kritik am Machtmissbrauch hier im Schlossgarten zu hören, auch nicht, nachdem die Unrechtmäßigkeit gerichtlich festgestellt war.

Wir sind hier beim Parkgebet zusammen, weil wir nicht bereit sind, uns damit abzufinden. Wir beharren darauf, den Machtmissbrauch im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 anzuprangern. Dabei geht es nicht nur um den „Schwarzen Donnerstag“. Die gesamte herrschende neoliberale Politik, für die Stuttgart 21 ein Schlüsselprojekt darstellt, missbraucht Macht, weil sie nicht mehr allen, sondern nur ein paar wenigen dient zum Schaden der großen Mehrheit. Wie Rom setzt die neoliberale Elite auf die Strategie „Brot und Spiele“. Das Zauberwort für Brot heißt „Arbeitsplätze“, die blutigen Spiele in den römischen Arenen sind ersetzt durch entsprechende Computerspiele, und eine hoch korrupte FIFA macht auch ihren Teil. Mit dem Versprechen von mehr Brot wird bei CETA und ähnlichen Projekten verschleiert, dass es um ein Ermächtigungsgesetz für Konzerne zu deren endgültiger Machtergreifung geht, um einen Staatsstreich. Der Widerstand gegen diese angeblichen Handelsverträge wird mit aller Macht von den Eliten klein geredet und eine Unterzeichnung inszeniert, als ob CETA nun in Kraft wäre. Das ist noch lange nicht ausgemacht. Der Widerstand gegen diesen Staatsstreich ist strukturell vergleichbar dem Widerstand gegen Stuttgart 21. Deshalb ermutigt es uns, dass nicht nur die Wallonen, sondern z. B. auch die Bundesverfassungsrichter erkannt haben, wie CETA unsere Demokratie gefährdet, und Forderungen aufstellen, die die Akteure im internationalen Handel, speziell die marktbeherrschenden Großkonzerne, demokratisch einhegen.

Wir sind durch Jesus selbst aufgerufen, unbeirrt zu fordern, dass die Mächtigen in Wirtschaft und Politik der Allgemeinheit zu dienen haben und nicht umgekehrt. Wir werden uns nicht ablenken lassen durch angebliches Brot und brutale oder sonstige Spiele. Wir sind nicht allein. Und vor allem, wir engagieren uns auf der richtigen Seite, auf der Seite Jesu und seines barmherzigen Vaters.
Amen.

Parkgebet 7. Juli 2016 Hans-Eberhard Dietrich, Pf. i.R.

Matthäus 5 Vers 13-16
Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Liebe Parkgemeinde,
1.
ein Bibeltext aus der Bergpredigt soll heute im Mittelpunkt der Ansprache stehen. Die Bergpredigt steht ja in Verdacht, reine Utopie zu sein. Was da drin steht über Feindesliebe und Sorglosigkeit, über Vergebung und die schmale Pforte, das kann man ja sowieso nicht erfüllen. Und so haben die Christen zu allen Zeiten versucht, diese steilen Forderungen zu entschärfen, zu domestizieren, haushäbig zu machen oder schlicht mit Helmut Schmid zu sprechen: „ Mit der Bergpredigt kann man nicht die Welt regieren.“ (Helmut Schmid auf einem Kirchentag)

Nun, wenn wir heute ein paar Verse hören, dann wollen wir auch nicht die Welt regieren, sondern uns stärken und ermutigen lassen für unser Anliegen im Protest und in der Kritik an S21.
Das kann die Bergpredigt auf alle Fälle, sie will und kann unsere Gesinnung, unser Wertesystem, unsere Ethik beeinflussen, sie will auf unser Herz und Gemüt einwirken und uns mit einer guten, glaubwürdigen Gesinnung füllen, und aus solcher Gesinnung folgt das reche Tun. Und was dann daraus wird, können wir getrost Gott überlassen.

2.
O-Ton Jesu: Ihr meine Jüngerinnen und Jünger, ihr seid das Salz der Erde, das Licht der Welt.
Betrachten wir uns das Salz. Im Altertum war es die einzige Möglichkeit, Speisen haltbar zu machen, also unverzichtbar. Salz wird somit ein Symbol für das göttliche Bewahren.
In gleicher Weise das Licht. Es gibt ja nur wenig Lebewesen auf der Welt, die ohne Licht gedeihen. Und geht es uns nicht auch so: Nach den langen, dunklen Wintertagen, genießen wir es, wenn die Tage länger werden und die Sonne hell scheint und nicht ständig von Wolken verhangen ist. Wir brauchen das Licht. Es will leuchten und erleuchten, aber auch warnen, denken wir an Blinklichter am Auto, die Ampeln an Übergängen, Leuchtbojen auf dem Meer. Licht ist unverzichtbar.

Und jetzt zu uns Christen und unserem Tun in unserer Welt: Unverzichtbar? Braucht man die Christen überhaupt in der Welt? Nehmen wir uns da nicht zu wichtig? In unserem Land sind wir gerade noch 50% der Bevölkerung, Tendenz abnehmend. Und selbst, wenn wir mehr wären, überfordert uns diese Aufgabe nicht? Zugegeben, das ist anspruchsvoll. Aber unser Herr hat sich dabei bestimmt etwas gedacht. Probieren es einfach aus.

3.
Warnen, auf Gefahren aufmerksam machen, vor Verderbnis und Fäulnis schützen, den rechten Weg ausleuchten. Das aber sollen wir nicht für uns im stillen Kämmerlein tun, da vielleicht auch. Sondern im Alltag der Welt, in unserer Umwelt, in der Kommune, in der Lokalpolitik.
Wenn wir uns dann konkret einmischen und uns äußern, dann tönt es uns gleich entgegen: Ihr Christen habt da nichts zu suchen. Hier herrschen eben Zwänge der Politik, Eigengesetzlichkeiten der Wirtschaft. Gleichwohl, wir sehen uns zum Handeln genötigt. Wenn wir uns einmischen, dann sind wir nicht auf uns allein gestellt. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, Maßstäbe und Ethik nicht neu entwickeln. Die Kirchen haben in einer Reihe von Denkschriften vor etlichen Jahren im Hinblick auf politische Entscheidungen, wie z.B. bei Großprojekten, solche Maßstäbe entwickelt und veröffentlicht. Darin drückt sie die Überzeugung aus:
„dass die Predigt des Evangeliums die Welt verändern will und zur Nachfolge auch im Bereich des mitmenschlichen Zusammenlebens aufruft. Zu dieser Nachfolge gehört das Nachdenken und Mitdenken über die Stellung und den Beitrag der Christen in Fragen des öffentlichen Lebens.“ (Denkschrift: Aufgabe und Grenzen kirchlicher Äußerungen zu gesellschaftlichen Fragen. 1970, S. 41. In: Die Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland, 1978, Band 1)
Wenn wir uns dann äußern, muss es freilich sachlich fundiert sein. Wir müssen „die Ursachen, Bedingungen und Auswirkungen wirtschaftlicher und sonstiger Abläufe und Geschehnisse aufdecken,… und scheinbaren Sachzwängen gegenüber die Freiheit des Menschen zu verantwortlichen Entscheidungen ins Spiel zu bringen.“ (a.a.O. S. 55)

Diese Maßstäbe und Werte beanspruchen, nicht nur für den Raum der Kirche, also für die Glaubenden zu gelten. Sie wollen einen Beitrag für den politischen und gesellschaftlichen Diskurs sein, weil die fachlich und sachlich begründet und durchdacht sind. Leider hat unsere Landeskirche oder die Kirche in unserer Stadt nie diese Maßstäbe ins Gespräch gebracht. Aus welchen Gründen auch immer. Damit sind sie aber nicht aus der Welt verschwunden. Sie gelten noch immer.

4.
Ich will zwei solcher Maßstäbe christlichen Handelns nennen,
Erstens: Das Maß aller Dinge ist nicht, was der Mensch kann, was machbar ist, sondern was verantwortbar ist: Verantwortbar gegenüber den Tieren und Pflanzen, der Artenvielfalt und den Ressourcen wie Mineralwasser und Grundwasser.
Machbarkeit.
Am Anfang des Projekts stand eine sogenannte Machbarkeitsstudie, erstellt von der Bahn. Sie kam zum Schluss: S21 ist machbar. Und die Politiker und Betreiber stürzten sich darauf: Dann machen wir das auch. Und Machbarkeit in diesem Horizont bedeutet: Beherrschbar: wir können das schon. Und was nicht beherrschbar ist, da bleibt eben ein Restrisiko, wie beim Brandschutz und den Fluchtwegen.

Zweitens: Wer Entscheidungen treffen muss, bzw. wenn Gremien Entscheidungen treffen müssen, dann müssen sie Alternativen haben und sie auch ehrlich diskutieren. Das wendet sich gegen das unselige „alternativlos“. Sie erinnern sich: Das Unwort des Jahres 2010 hieß alternativlos. Und die Jury, die dieses Wort kürte, definierte es so:

„Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe.“ (Zitat der Jury-Entscheidung)

Beim Prüfen von Alternative muss man vor allem den Maßstab: Bewahrung der Schöpfung ins Spiel bringen. Aus unserer Verantwortung gegenüber der Schöpfung müssen wir ablassen von Machtphantasien über die Natur. Wir müssen die Grenzen unseres Handlungsspielraums und unser eigen Begrenzung anerkennen. Wir müssen Abschied nehmen von dem Glauben an ein unbegrenztes Wachstum und an Fortschritt ohne Ende. Wir müssen uns am Maßstab des Lebens orientieren und an dem, was dem Leben dient.

Zu S21 gab es ja von Anfang an sehr brauchbare Alternativen. Sie wurden alle verworfen. Über die Gründe müssen wir jetzt nicht mehr sprechen, sie sind hinlänglich bekannt.

Jetzt aber haben kluge Köpfe bei den Architekten und Ingenieure und andere eine Alternative entwickelt, nicht Ausstieg, sondern Umstieg und sie wird Stück für Stück einer breiten Öffentlichkeit präsentiert.
Diese Alternative, der sog. Plan B ist leistungsfähiger, ökologischer, umweltfreundlicher. Und vor allem billiger.
Und da muss man ausnahmsweise den Professor Martin recht geben, wenn er schon vor Jahren sagte: „Wenn man für das gleiche Geld mehr bekommt, sollte man sich für das Bessere entscheiden.“ Unser Plan B ist nicht nur billiger, sondern um ein Vielfaches auch besser.

Wenn der Mensch eine bessere Möglichkeit hat, dann ist es ethisch geboten, sie zu ergreifen.
Besser im Sinne von Leistungsfähigkeit, Geld, Ökologie u.v.a.m. Diese Alternative stellt nicht die ökonomischen Interessen einiger weniger Menschen über die ökologischen Bedürfnisse der breiten Mehrheit.

5.
Salz der Erde, Licht der Welt. Das sollen wir Christenmenschen sein. Nicht einfach dem Mainstream folgen, weil es so bequem ist, weil man sich so wohl fühlt, wenn man/frau tut und denkt, was man/frau so tut und denkt. Überfordert sind wir nicht, wenn wir zuerst darauf schauen, was uns schon geschenkt ist. Licht können wir nur sein, soweit wir es empfangen haben. So wie ein Spiegel, einfach reflektiert, nicht aus uns selbst, sondern einfach widerspiegeln, nur weitergeben, was uns der Herr schon gegeben hat. Und wir trauen es ihm zu, dass er uns mit einer solchen Fülle von Leben erfüllt, dass sie ausreicht, weiterzugeben. Die göttliche Fülle, von der wir leben, reicht aus, Licht und Salz zu sein. Ein solches Denken wird ganz andere Kräfte in uns freisetzen, andere Möglichkeiten des Lebens uns eröffnen.
Hinter diesen Möglichkeiten sollen wir nicht zurückbleiben. „Ihr sollt vollkommen sein wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ So heißt es ein paar Verse weiter in der Bergpredigt.

Ihr seid das Salz der Erde.
Ihr seid das Licht der Welt. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Amen

Die Wahrheit wird euch frei machen. Ansprache zu Joh 8,31-32 beim Parkgebet am 23.6.2016 von Friedrich Gehring

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

An Jesus zu glauben heißt nicht, ihn einen lieben guten alten Religionsgründer sein zu lassen, sondern ihm als Jünger nachzufolgen im Kampf um eine gerechtere barmherzige Welt. Auf diesem Weg werden die Nachfolger Jesu die Lüge entlarven und die Wahrheit erkennen. Bezogen auf heute bedeutet dies: Die neoliberale Lüge, der wachsende Reichtum weniger werde zum Wohl aller führen, wird enttarnt als Ungerechtigkeit des Mammons (Lk 16,10) durch die Erkenntnis Jesu: Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen, was er hat (Lk 19,26). Die Erkenntnis dieser Wahrheit wird uns als Nachfolger Jesu frei machen, gerade auch im Blick auf das neoliberale Schlüsselprojekt Stuttgart 21.

Dieses Projekt war von Anfang an auf Lügen angewiesen. Es ist vor über 10 Jahren nur in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen worden, weil bewusst verlogene Kosten genannt wurden. Weitere Kosten- und Leistungslügen haben das Projekt gefördert, um reichen Baukonzernen zu geben und den Bahnkunden und Steuerzahlern zu nehmen. Die grün-rote Regierung hat die Wahrheit im Prospekt zur Volksabstimmung bewusst unterschlagen zugunsten des koalitionären Machterhalts. Und unser so beliebter Ministerpräsident, der jetzt sogar als künftiger Bundespräsident in Betracht kommt, hat als gelernter katholischer Ethiklehrer die Lüge noch hoffähig gemacht durch seine skandalöse Behauptung, in der Demokratie gehe Mehrheit vor Wahrheit. Die Wahrheit Jesu aber erkennt: In der neoliberal verblendeten Scheindemokratie gehen die Interessen von reichen Minderheiten vor dem Wohl der Mehrheit.

Nun zeigt sich allerdings seit einigen Wochen, dass auch die neoliberalen Lügen über Stuttgart 21 zu kurze Beine haben. Volker Kefer will abdanken und das sinkende Schiff verlassen. Er grinst nicht mehr und die Bahn-Aufsichtsräte tun nun plötzlich so, als seien sie von Kefer nicht genügend informiert worden. Das Gegenteil aber ist wahr. Kefer wollte seine Karriere dadurch bauen, dass er den neoliberalen Eliten das in die Tasche log, was sie hören wollten. Die Aufsichtsräte waren im März 2013 von uns Gegnern hinreichend darüber informiert, dass Stuttgart 21 unrentabel ist und nach Aktienrecht nicht weiter geführt werden durfte. Schon damals hätte die Wahrheit sie befreien können. Aber sie haben sich der Kanzlerin angepasst, die in völliger Verblendung immer noch in Stuttgart 21 die Zukunft Deutschlands sah. Nun müsste eigentlich auch ihr dämmern, dass Projekte wie Stuttgart 21 den Niedergang Deutschlands als Techniknation bedeuten. Sie bewundert die schwäbische Hausfrau, weil sie selbst keine ist. Die Wahrheit könnte sie jetzt dazu befreien, den schwäbischen Hausfrauen nachzueifern und als Vertreterin der Alleinaktionärin Bundesrepublik Deutschland das völlig unrentable Projekt so schnell wie möglich abzublasen, um nicht schlechtem Geld nicht noch eine Unmenge gutes nachzuwerfen, was der schwäbischen Hausfrau als klassische Todsünde der Betriebswirtschaft gilt.

Als Gipfel der Absurdität muss es erscheinen, wenn in der Südwestpresse darüber spekuliert wird, ausgerechnet Pofalla könnte Grube beerben. Grube hat sich immerhin schon 2009 beschwert, dass Stuttgart 21 kurz vor seinem Amtsantritt beschlossen wurde. Auch hat er 2013 sehr deutlich erklärt, dass er das Projekt mit dem aktuellen Wissen nicht angefangen hätte. Pofalla aber hat 2013 im Auftrag der Kanzlerin die Aufsichtsräte beschwatzt, gegen das Aktienrecht weitere Gelder in das Projekt zu verschwenden mit Rücksicht auf die Wahlchancen der Kanzlerin. Die Pofalla als Grubes Erben sehen wollen, verweisen darauf, dass er als Vorstand für Wirtschaft, Recht und Regulierung vom Desaster Stuttgart 21 unberührt sei. Das Gegenteil ist wahr. Gerade sofern er für das Recht zuständig ist, steckt er mit seiner Kanzleramtsvergangenheit ganz tief im Schlamassel Stuttgart 21. Wer etwas rachsüchtig eingestellt ist, könnte ihm geradezu gönnen, Grube nachzufolgen und die Suppe Stuttgart 21 auslöffeln zu müssen. Aber dazu wird es ja hoffentlich nicht kommen.

Die Bahnaufsichtsräte wollen sich ja in den nächsten Monaten der von Kefer unterschlagenen Wahrheit nähern. Das muss sie eigentlich frei machen, sich für die Pläne des Aktionsbündnisses zu öffnen, die aus der Katstrophe Stuttgart 21 retten können. Da leuchtet Licht auf am Ende des Tunnels. Das Ende der schrägen Tunnelhaltestelle kann aus dem jetzigen Baustand einen zukunftsfähigen Kopfbahnhof für integrierte Taktfahrpläne machen mit Busbahnhof und Parkplätzen für Fahrräder, Autos und Vermietstationen. Die Bahnverantwortlichen könnten sich als gute schwäbische Hausfrauen profilieren, die Geld sparen für die wirklich wichtigen und guten Projekte wie die Rheintalstrecke, weitere Elektrifizierungen, funktionierende Weichen und pünktlichen Verkehr, Nachtzüge und erweiterten Güterverkehr. Der Mut zur Wahrheit setzt die Kräfte frei, die für das fortgesetzte Lügen und Verdrängen der Wahrheit verschwendet worden sind. Selbst der Stuttgarter Wohnungsbau wird profitieren. Das Immobilienprojekt Stuttgart 21 wird durch den Verzicht auf Stuttgart 21 viele Jahre früher anlaufen, weil die großen Flächen, die durch die Baulogistik blockiert sind, viel früher bebaut werden können. Die Gelder aus dem Rückkauf des Kopfbahnhofgeländes und der Zufahrtsgleise durch die Bahn können für sozialen Wohnungsbau verwendet werden.

Zu alldem kann die Wahrheit frei machen. Wir wollen unbeirrt dafür beten und alles in unserer Kraft stehende dafür tun, dass die Verantwortlichen durch die Wahrheit Jesu befreit werden. Amen.

Ansprache zum Parkgebet am 31.3.16 zu Jer 38, 14-18 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Und der König Zedekia sandte hin und ließ den Propheten Jeremia zu sich holen. … Und der König sprach zu Jeremia: Ich will dich etwas fragen; verbirg mir nichts! Jeremia sprach zu Zedekia: Sage ich dir etwas, so tötest du mich doch; gebe ich dir einen Rat, so gehorchst du mir nicht. Da schwor der König Zedekia dem Jeremia heimlich und sprach: So wahr der Herr lebt, der uns dieses Leben gegeben hat: ich will dich nicht töten, noch den Männern in die Hände geben, die dir nach dem Leben trachten. Und Jeremia sprach zu Zedekia: So spricht der Herr, …, der Gott Israels, wirst du hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so sollst du am Leben bleiben, und diese Stadt soll nicht verbrannt werden, sondern du und dein Haus sollen am Leben bleiben; wirst du aber nicht hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so wird diese Stadt den Chaldäern in die Hände gegeben und sie werden sie mit Feuer verbrennen, und auch du wirst ihren Händen nicht entrinnen.

Jeremia hat vor militärischen Abenteuern gegen die Großmacht der Babylonier gewarnt. Der König ließ zu, dass die kriegslüsternen Hardliner Jeremia in den Sumpf einer Zisterne warfen, um ihn verhungern zu lassen. Ein afrikanischer Migrant rettet Jeremia. Der König fühlt die Katastrophe näher kommen, lässt Jeremia rufen und erbittet dessen Rat. Jeremia konfrontiert den König mit dessen Beratungsresistenz. Es steht so schlimm um den König, dass er heimlich schwört, seinen kriegstreiberischen Beratern in den Rücken zu fallen und Jeremia wegen seiner schonungslosen Lageanalyse nicht zu verfolgen. Jeremia sagt ihm die unangenehme Wahrheit auf den Kopf zu: Er kann die Stadt und sich selbst samt Familie nur retten, wenn er mit der Großmacht einen Unterwerfungsfrieden schließt. Der König ist zu schwach, um gegen die Militaristen zu handeln. Jerusalem wird erobert und zerstört, die Söhne des Königs vor seinen Augen hingerichtet und der König selbst geblendet nach Babylon in die Gefangenschaft verbracht.

Ich habe diesen biblischen Bericht ausgewählt, weil die Aufsichtsratsmitglieder der DB AG am 15. März beschlossen haben, Gutachten einzuholen zu den Ausstiegskosten und zu ihrer persönlichen Haftung in Sachen Stuttgart 21. Die schonungslose Lageanalyse des Aktionsbündnisses, die allen Aufsichtsräten vor der Sitzung zugegangen ist, und der erneute Strafantrag wegen Untreue gegen die Aufsichtsräte scheinen Wirkung zu zeigen. Sie können offenbar nicht mehr verdrängen, dass es um ihren Kopf geht, wenn der Untreuevorwurf vor Gericht kommt. Ein Richterspruch kann sie nicht nur das Amt, sondern ihre wirtschaftliche Existenz kosten, denn sie haften mit Schadenersatz für veruntreute Gelder. Die Verantwortlichen sehen sich wie einst Zedekia genötigt, um Rat zu fragen, der vermutlich sehr unangenehme Wahrheiten ans Licht bringen wird. Das kann bedeuten, dass das Projekt Stuttgart 21 in einem Stadium angelangt ist, das der Situation Jerusalems entspricht kurz vor dem Fall im Jahr 587 v. Chr..

Es wird jetzt darauf ankommen, ob das Bahnaufsichtsgremium in selbstzerstörerische Beratungsresistenz verfällt oder sich den Ernst der Lage sagen lässt und die Konsequenzen daraus zieht. Jeremia konfrontiert den Zedekia nüchtern: Sage ich dir etwas, so tötest du mich; gebe ich dir einen Rat, so gehorchst du mir nicht. Die militaristische herrschende Kaste in Jerusalem hat einst die Selbstzerstörung gewählt. Das ist auch heute für die herrschende neoliberale Elite nicht auszuschließen. Die Äußerung des Hauptverantwortlichen für Stuttgart 21 im Eisenbahnbundesamt zum fehlenden Nachweis der Ungefährlichkeit der Gleisneigung im geplanten Neubau weist in diese Richtung: Man werde bei der Inbetriebnahme schon eine Lösung finden, und das Bauwerk sei ja auch nur eine Haltestelle. Es ist also auch jetzt nach den Beschlüssen vom 15.3. im Bahnaufsichtsrat noch nicht entschieden, wie die Sache ausgeht. Gefälligkeitsgutachten dürften in der gegenwärtigen Situation sehr schwer zu bekommen sein, aber wir sind in dieser Hinsicht ja Kummer gewohnt. Und selbst wenn der Bahnaufsichtsrat Einsicht zeigen sollte, ist da immer noch die Vertreterin der Alleinaktionärin Bundesrepublik Deutschland, Kanzlerin Merkel. Sie hat ja vor drei Jahren noch aus wahltaktischen Gründen die Verantwortlichen zum Weiterbau drängen lassen. Bahnchef Grube hat seinen Unwillen darüber damals sehr deutlich artikuliert. Er muss inzwischen noch unwilliger sein. Auch hier liegt eine Parallele zum Jerusalem vor 2.600 Jahren vor: Der König wollte wohl auf Jeremia hören, aber die Macht lag bei den Kriegstreibern. Die Bahnaufsichtsräte scheinen dazu zu neigen, ihren Kopf zu retten, aber die wirkliche Macht liegt im Kanzleramt.

Der Widerstand gegen das Milliardengrab Stuttgart 21 muss deshalb eine doppelte Strategie verfolgen. Einerseits muss der Druck auf die Bahnverantwortlichen aufrecht erhalten werden durch die Anklage wegen Untreue. Andererseits muss die Kanzlerin für ihre Verschwendungspolitik belangt werden, etwa durch einen Bundestagsuntersuchungsausschuss zu Stuttgart 21, der zeitlich so terminiert wird, dass er im Wahlkampf 2017 wirkt. Um Kretschmanns Terminologie aufzunehmen: Im Untersuchungsausschuss geht es nicht mehr um Mehrheit, sondern um Wahrheit. Falschaussagen ziehen empfindliche Strafen nach sich. Es muss der Kanzlerin klar gemacht werden, dass ein Festhalten an Stuttgart 21 ihre Chancen verschlechtert, ein Ausstieg verbessert. Mit politischen Kehrtwenden hat sie ja lange Zeit gute Erfahrungen gemacht. Sie wird klug genug sein, einem Untersuchungsausschuss zuvorzukommen durch eine Erlaubnis zum Ausstieg.

Wir haben deshalb derzeit keinen wirklichen Grund zur Resignation. Vielmehr können wir uns durch Propheten wie Jeremia ermutigen lassen, die schonungslosen Analysen den Mächtigen auf den Kopf zuzusagen und unbeirrt das Ende des sinn- und nutzlosen Milliardengrabs Stuttgart 21 zu fordern. Gerade in der jetzigen österlichen Zeit können wir Mut daraus schöpfen, dass die Botschaft Jesu vom Reich des barmherzigen Gottes auch durch den Tod am Kreuz nicht zu beseitigen war, sondern danach noch viel größere Kreise zog. Der Auferstandene schenke uns den Mut zum Berge versetzenden Glauben an ihn und sein Reich. Amen.

„Weihnachts-Mut statt Resignation“ Predigt zum Weihnachtsgottesdienst am 26.12.2015 von Pfr. i. R. Eberhard Dietrich

Predigttext: Lukas 2,1-20

Liebe Gemeinde,

1.Mein „Krippenbild“ von Weihnachten
ich weiß nicht wie es Ihnen geht. Aber für mich ist Weihnachten verbunden mit einem vertrauten Krippenbild wie wir es aus der Welt der Kunstgeschichte kennen, ein Bild das auch mein Herz berührt:
Da wird das alltägliche Geschehen der Geburt eines Kindes durch die Worte des Engels qualifiziert:
„Euch ist heute der Heiland geboren“.
Und dann die Botschaft des Engels:
„Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“.
Oder genauer gesagt: Bei diesen Worten ist der Engel nicht mehr allein. Es scheint, als ob diese Botschaft nicht mehr ein Einzelner ausrichten kann. Hier braucht es eine ganze Schar von Engeln, die diese Worte verstärken und vervielfältigen.

Und unten auf der Erde der Stall mit Maria und Joseph, dem Jesuskind und dem Ochsen und dem Esel. Ochs und Esel werden zwar in der Geburtsgeschichte von Lukas und Matthäus nicht erwähnt. Was aber sollten im Stall anderes sein als Tiere? Das haben die Menschen in den ersten Jahrhunderten wohl auch so empfunden als sie in den
sogenannten apokryphen Schriften zum Neuen Testament eine Geschichte erzählten, die so beginnt:
„Maria ging in einen Stall und legte ihren Knaben in eine Krippe und Ochs und Esel beteten ihn an.“ Die Künstler griffen diese Erzählung auf und so wurde sie schon im Mittelalter zum festen Bestandteil der Krippenmalerei.

2.Ochs und Esel – Barmherzigkeit der Tiere mit den Menschen
Wo aber stehen Ochs und Esel? Meist haben die Maler sie so nahe zum Jesuskind gestellt, als ob sie mit dem Hauch ihres Atems das Neugeborene wärmen wollten. Traditionell wird diese Nähe als Anbetung interpretiert.
Aber steckt da nicht genauso die Botschaft drin: Seht, so barmherzig gehen die Tiere mit ihren Mitgeschöpfen, den Menschen um. Ja, Sie haben richtig gehört: Die Tiere gehen barmherzig mit uns Menschen als ihren Mitgeschöpfe um.

Das gefällt mir, weil es eine wichtige Botschaft
erzählt. Diese, nennen wir sie „tierische, kreatürliche Barmherzigkeit“ weist auf eine Wirklichkeit, eine Macht hin, die vor uns liegt, vor allem, was wir tun. Es ist als wollten die Tiere einen Hauch vom verlorenen Paradies in unsere Welt bringen.

3. Was das mit uns den Betrachter macht
Was aber macht das mit uns, wenn wir uns in das Krippenbild hinein versenken, Wir sehen jetzt mit den Augen unseres Herzens eine ganz neue Wahrheit: das Reich Gottes, so wie es dann der Mann aus Nazareth 30 Jahre später als seine Botschaft in die Welt bringt.
Reich Gottes, das ist die Fülle dessen, was wir unbedingt zum Leben brauchen und was unser Leben reich macht: Vertrauen, Vergebung und Neuanfang, Würde und aufrechter Gang und vor allem Mut und die Kraft zum Durchhalten, Weiterzumachen – trotz allem. Mit einem Wort für uns heute:
Weihnachtsmut statt Resignation.

Diesen Mut werden wir brauchen, wenn wir uns jetzt von der Botschaft der Engel anrühren und in Bewegung setzen lassen:
„Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“

4. Frieden auf Erden – die Wirklichkeit heute jedoch ein gestörter Frieden.
Frieden, welch ein großes Wort, über das in diesen Tagen nicht nur in den Kirchen Hilfreiches und Wegweisendes gesagt wird. Wir wollen uns heute Morgen bescheiden und nur einen kleinen Zipfel dieses großen Wortes ergreifen und beschreiben.
Der Frieden im Großen fängt im Kleinen an.
Und da denke ich hier am Ort des Parkgebets, das ja unter dem Motto steht:
Gebet für den Frieden in dieser Stadt.
Frieden, das ist ein gedeihliches Zusammenleben in unserer Stadt, in unserer Bürger- und Zivilgesellschaft. Dieser Frieden wird seit Jahren empfindlich gestört.

Er wird empfindlich gestört, weil es eine kleine Clique von Menschen gibt, die die Macht und das Kapital haben, das Projekt S21 durchpeitschen. Ihre Rücksichtslosigkeit zeigt sich im Umgang mit Bäumen und Tieren, in der Verleugnung von Gefahren für Behinderte, in der Unterminierung und Missachten aller demokratischen Spielregeln. Sie zeigen keine Achtung vor dem Recht, keine Achtung gegenüber allem, was schwach und behindert ist. Für diese Clique ist die ganze Welt nur Spielball in ihren Händen, Verfügungsmasse, womit sie ihren Überfluss und Einfluss vermehren können. Sie meinen, sie hätten Natur und Tieren, ja auch den Mitmenschen gegenüber keinerlei Verpflichtungen.

5. Was können wir tun gegenüber der scheinbaren Übermacht der S21 Befürworter und ihrem Faktenschaffen
Was können wir da tun? Sind wir, liebe Gemeinde nicht überfordert, wenn wir uns dieser Phalanx gegenübersehen? Nun, wir alle sind ja nicht untätig, wir sind – trotz allem – eine beachtliche Bürgerbewegung, die sich S21 entgegenstellt. Wir haben viele gute Gründe und noch mehr gute Ideen, um zu hoffen, dass es bei S21 Wege aus der Sackgasse gibt. Wenn man auf den Tiefbahnhof verzichtet, kann man trotzdem einen leistungsfähigen Bahnknotenpunkt bauen und vor allem Häuser und bezahlbare Wohnungen bauen und gleich damit anfangen. Da muss man nicht erste 10-15 Jahre warten.

Trotzdem erleben wir viele Zeitgenossen, die resigniert haben gegenüber der scheinbaren Macht des Faktenschaffens bei S21.

6. Mut statt Resignation: Schauen wir auf die Hirten.
Schauen wir uns die Hirten in der Weihnachtsgeschichte an. Ihr harter Alltagstrott und ihre prekäre soziale Stellung ließ wenig Hoffnung auf Veränderung zum Guten bei ihnen aufkeimen.

Aber jetzt die Botschaft der Engel „Frieden auf Erden“ und „Euch ist heute der Heiland geboren“, diese Worte setzten sie in Bewegung. Sie schenkte ihnen neuen Mut.
„Als die Engel von ihnen wieder gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide Maria und Josef, dazu das Kind der Krippe“ (Luk. 2 V 15f)

Hier spürt man nichts von Resignation. Da wird die Hoffnung neu entfacht. Und verleiht ihrem Leben geradezu Flügel.
Diese Botschaft erinnerte sie an Gott, den Herrn der Welt. Er hat nicht nur den Kosmos erschaffen. Er überlässt diese Welt nicht einfach sich selbst und ihren zerstörerischen Kräften. Nein, er greift ein und schenkt der Welt den Heiland.
Deshalb: Weihnachts-Mut statt Resignation.

Das wünsche ich mir und uns allem hier heute am Weihnachtsmorgen, Mut, einfach weitermachen. Wir wissen uns auf einem guten Weg und vielleicht gelingt es uns, auch von den anderen ganz, ganz viele mitzunehmen: von den Resignierten,
und – so Gott es will – vielleicht – machen sich sogar welche von den Betreibern und Befürwortern mit uns zusammen auf dem Weg aus der Sackgasse S21 auf dem Weg des Friedens in unserer Stadt.
Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 1.10.2015 zu Psalm 32,1-5 von Pfr. i. R. Eberhard Dietrich

V. 1 Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist.
V. 2 Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Betrug ist.
V. 3 Denn als ich es wollte verschweigen,
verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.
V. 5 Darum bekannte ich dir meine Sünde
und meine Schuld verhehlte ich nicht. Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen.Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünden.
Liebe Parkgemeinde

1.Der Psalm und seine Bedeutung
Wenn ich heute diesen ungewöhnlichen Bibeltext der Ansprache zugrunde lege, will ich ein paar einleitende und erklärende Worte voranschicken. Psalm 32 ist der zweite von sieben „Bußpsalmen“ der Kirche. Er ist in der Lutherbibel überschrieben:
„Vom Segen der Sündenvergebung“.
Der Anfangsvers nimmt uns gleich in diesen Gedanken hinein:
„Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist!
Wohl dem Menschen, dem der HERR die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Betrug ist!“

Zuerst wollte der Beter seine Sünde verschweigen, doch er merkte, wie sich die Sünde wie ein Virus in seinem Körper auswirkte. Und er merkte die Hand Gottes, die schwer auf ihm lag. Wir würden heute sagen: Er hatte ein schlechtes Gewissen.
Das brachte ihn dazu Gott seine Sünde und
Schuld zu bekennen und er erfuhr Vergebung und Befreiung und ein erleichtertes Gewissen. Auf diese Weise ist dieses ganz intime Bekenntnisse der Schuld vor Gott zugleich auch Modell und Vorbild für andere, mit ihrer eigenen Schuld umzugehen.

2.Die öffentliche Dimension ihrer Taten: Störung des Rechtsfriedens. Wer zu den Tätern gehört
Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, wie die Täter vom 30. 9. mit ihrer Schuld vor Gott umgehen oder umgegangen sind. Das würde bedeuten, ihre Schuld einfach auf ihr Privatleben zu beschränken, und damit wäre ihr Tun für die Öffentlichkeit irrelevant.
Das Verhalten der Täter, ihr Tun und Agieren hat den Rechtsfrieden in unserer Bürger und Zivilgesellschaft empfindlich verletzt. Darüber wollen und müssen wir sprechen. An diese persönliche Schuld der Täter wollen wir erinnern.
Täter, um das noch einmal zu wiederholen, das sind für mich die Polizisten auf allen Stufen der Hierarchie, aber auch die Akteure im Hintergrund in der Politik, nicht nur damals vor fünf Jahren, sondern in gleicher Weise bis heute. Keiner der Verantwortlichen hat bis heute ein solches Schuldeingeständnis gemacht.

Was am 30. September 2010 passierte, war kein Tsunami, der über den Schlossgarten hereinbrach. Hier waren Menschen beteiligt. Alles war von langer Hand vorbereitet und geplant. Dabei wurde billigend in Kauf genommen, dass Menschen verletzt wurden, ja vielleicht nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern mit Absicht. Denn warum hat man die Sanitäter nicht in den Schlossgarten gelassen?

Jeder einzelne von den Tätern hätte anders gekonnt.
Der Polizeipräsident hätte den Einsatz abbrechen können.
Die Täter in den Reihen der Polizisten hätten nur ihre Vorschriften beachten müssen.
Die Politiker und Justiz hatten fünf Jahre Zeit, ihre Pflicht zu tun und das Strafrecht anzuwenden.
Aber sie haben es nicht getan. Das ist ihre Schuld.
Was wir fordern und erwarten ist nicht eine oberflächliche Entschuldigung, wie wir es uns im Alltag angewöhnt haben mit den Worten: „Ach Entschuldigung“, eine Floskel, die wir letztlich gar nicht ernst meinen. Oder wie viele sagen: „Schwamm drüber“, so als wenn man früher auf einer Schiefertafel einfach einen Fehler wegwischte.
Wir fordern von den Tätern und Verantwortlichen das Eingeständnis ihrer individuellen Schuld, die Reue und die Bitte um Vergebung bei den Opfern. Erst dann ist Vergebung möglich. Und wir werden nicht müde werden, daran zu erinnern, bis der Rechtsfrieden wieder hergestellt ist.
Es ist unsere Aufgabe, die Gewissen zu schärfen, nicht sie einzulullen. Es ist unsere Aufgabe beharrlich das Unrecht zu benennen
und Vergebung zu verweigern.

3. Warum wir nicht vergessen dürfen
Warum aber soll man Schuld nach so langer Zeit thematisieren und daran erinnern?
Müssen wir uns als Christen nicht für Versöhnung und Vergebung stark machen? Als Christen müssen wir auch mal einen Schlussstrich unter Vergangenes ziehen. In der Tat, das müssen wir. Aber wie wir im Psalm gelernt haben, steht vor der Vergebung und Versöhnung und dem guten Gewissen das Eingeständnis der Schuld. Auch von der Psychologie her wissen wir, dass man Schuld nicht einfach unter den Teppich des Verdrängens und Vergessens kehren darf.

Und ich erinnere an eine kleine Szene aus dem Leidensgeschichte Jesu. Als während des Verhörs vor dem Hohenpriester einer der Soldaten ihn grundlos ins Gesicht schlägt, stellt er ihn zur Rede. „Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich recht geredet, was schlägst du mich? (Joh. 18,23)
Das heißt für mich: Wir dürfen das Unrecht beim Namen nennen und den Täter an seine böse Tat erinnern.

Wenn wir uns gegen das Vergessen aussprechen, dann aus zwei Gründen:
Der Rechtsfrieden muss wieder hergestellt werden. Ein gedeihliches Zusammenleben in unserer Stadt, in unserer Bürger- und Zivilgesellschaft kann es nicht geben, solange offensichtliches Unrecht ungesühnt bleibt, solange Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Wenn wir das Unrecht einfach vergessen, dann rechtfertigen wir die Täter und geben ihnen im Nachhinein Recht und ein gutes Gewissen.

Nicht nur als Christen wissen wir um die unheilvolle Macht des Bösen. Und dieses Böse, diese Schuld muss vergeben werden, erst dann ist ein Neuanfang möglich. Um zu vergeben, muss der Täter seine Schuld einsehen, anerkennen und um Vergebung bitten
und sofern es möglich ist, wieder gut machen und sühnen. Erst dann ist Vergebung keine billige wohlfeile Gnade, so nach dem Motto eines Spötters über den christlichen Glauben der sagte: Der Beruf des lieben Gottes ist es eben zu vergeben. Und er wollte damit wohl sagen: Jetzt können wir Menschen eben tun und lassen, was wir wollen, es hat keine Konsequenzen weder bei Menschen noch bei Gott.

Wir stemmen uns zweitens gegen das Vergessen um der Opfer willen. Das sind wir auch den Opfern gegenüber schuldig. Viele von uns wurden verletzt an Leib und Seele. Wenn wir das Böse einfach vergessen, machen wir sie erneut zu Opfern. Dann nehmen wir ihre Verletzungen nicht ernst und erwarten von ihnen, wenn auch unausgesprochen, das alles einfach wegzustecken.
Wir wollen uns nicht scheuen, das als Unrecht, als Böses zu benennen, auch wenn es vielleicht ein weltlicher Richter anders sieht oder entschuldigt.
Das Tun der Täter ist nicht einfach blindes Geschick oder Schicksal, sondern persönliche Schuld. Sie hätten auch anders gekonnt, wenn sie gewollt hätten. Gestörter Rechtsfrieden ist gestörte Gemeinschaft und die kann nur durch die Gemeinschaft wieder geheilt werden. Nur so ist ein Neuanfang möglich.
4.Gegen alle Selbsttäuschung
Und damit kommen wir zu einem letzten Gedanken unseres Psalmes. „Wohl dem Menschen, in dessen Geist kein Betrug ist.
Wir erleben es gerade im Hinblick auf den Schwarzen Donnerstag, wie gewissenlos Menschen im Umgang mit ihren Mitmenschen sein können. Warum können sie so handeln? Der Psalm spricht von Betrug, Täuschung, wir könnten auch sagen: Ausreden, Rationalisierungen..

Kaschieren von Gewalt. Auskosten von Macht. Ich erinnere an die kleine Szene aus dem Markusevangelium, wo Jesus vor denen warnt, die bei den Menschen als die Herrscher gelten und die ihre Völker nieder halten und ihnen Gewalt antun. (Mk 10,42)

Der Polizeipräsident hat z.B. ein halbes Jahr später in der Hospitalkirche eine Plattform bekommen, sich zu rechtfertigen und er stellte sein Tun unter das Motto: „Wieviel Sicherheit braucht unser Zusammenleben?“
Perverser geht es wohl nicht mehr. Als wenn die Sicherheit für die Stadt von einer friedlichen Schülerdemo gefährdet worden wäre.

Vielleicht werden Menschen erst zu solchen Taten fähig, weil sie sich etwas vormachen, sich selbst betrügen, weil sie Gottes Gebote missachten, ihren Gehorsam gegen Befehle als höchsten Wert ihres Lebens sehen, ihre Karriere nicht gefährden wollen oder einfach feige sind.
Über die Motive der Täter kann man trefflich spekulieren.
Wir aber messen sie an ihren Taten.
Wir wollen nicht mehr aber auch nicht weniger als dass das Unrecht erkannt und gesühnt wird. „Wohl dem Menschen, in dessen Geist kein Betrug ist.“

Ansprache beim Parkgebet am 16.7.2015 zu Lk 12,16-21 von Friedrich Gehring

Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, des Feld hatte wohl getragen. Und der dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nicht, wo ich meine Früchte hin sammle. Und er sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iss und trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und was du gesammelt hast, wem wird es zufallen? So geht es dem, der für sich Schätze sammelt und ist nicht reich vor Gott.

Diese Warnung Jesu aus dem Lukasevangelium spielt auf die Klugheit an, die das Sprichwort formuliert: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“. Wir können von unserem Besitz nichts mitnehmen über unseren Tod hinaus. Die Losung des diesjährigen Kirchentags „auf dass wir klug werden“ meint ursprünglich dasselbe, sie wurde aber aus dem Zusammenhang des 90. Psalms gerissen wo es heißt: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“. Wenn wir unsere Vergänglichkeit bedenken, bekommen wir ein anderes Verhältnis zum materiellen Besitz, das gierige Raffen verliert seinen Sinn. Das wäre die zentrale Botschaft des Kirchentags geworden, wenn man den Zusammenhang des Psalms berücksichtigt hätte. Die Hauptaufgabe des Christentreffens hier in Stuttgart wäre dann die Auseinandersetzung mit dem herrschenden Neoliberalismus geworden.

Dann wäre nicht nur zur Sprache gekommen, dass unser Tod die Gier zur Narretei macht, es wären noch andere Aspekte des närrsichen Raffens in den Blick gekommen. Der neoliberale Mainstream in unserem Land verkündet ja immer wieder voll Stolz und Selbstgefälligkeit, dass wir Exportweltmeister sind, weil wir die Löhne und Lohnnebenkosten niedrig halten und deshalb konkurrenzfähig sind. In großer Überheblichkeit empfiehlt die neoliberale politische Kaste in unserem Land allen möglichen anderen, uns diese Politik nachzumachen. Alle Welt soll an diesem deutschen Lohndumpingunwesen genesen. Speziell den Griechen wurde diese Politik 5 Jahre lang aufgezwängt, obwohl sie stetig in den Abgrund führte. Diese Politik denkt so kurz, so borniert, dass sie nicht merkt, was eine Steigerung der Konkurrenzfähigkeit in Griechenland für Deutschland bedeutet. Wenn die Löhne im griechischen Tourismussektor sinken, steigt dort die Zahl der Gäste aufkosten auch der deutschen Tourismusbranche. Das wird vernachlässigt, weil Deutschland seinen Wohlstand vorrangig aus Industrieproduktion erwirtschaftet. Aber auch die Exportüberschüsse dieser Branche haben eine Haken: Wenn mehr exportiert als importiert wird wie bei uns, müssen sich die Länder verschulden, in die wir exportieren. Das mag eine Weile gutgehen, aber am Ende kommt die Zahlungsunfähigkeit der Importländer, und die Gelder, die wir ihnen geliehen haben, damit sie bei uns kaufen, sind verloren. Unser toller Exportüberschuss macht das eingenommene Geld wieder kaputt.

Ihr Narren, sagt Gott den neoliberalen Wirtschaftsweisen, die den Exportüberschuss preisen. Ihr hättet darauf achten müssen, dass ihr die Importländer auch was verdienen lasst, damit der Handel tatsächlich funktioniert. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist die Weisheit des barmherzigen Gottes gegenüber dem dummen Raffen des Götzen Mammon. Das gilt auch für die Binnenwirtschaft. Wer verkaufen will, der muss die Arbeitnehmer so am Gewinn beteiligen, dass sie die Produkte kaufen können. Lohndrückerei führt den Binnenmarkt in die Rezession.

Wir sind hier im Schlosspark zusammen, um ein besonders dummes Projekt der Gier zu brandmarken. Die gierigen Investoren, die innerstädtisches Bauland für ihre Profite brauchen, haben sich zunächst in die Tasche gelogen, der Tiefbahnhof könne mit dem Geld aus dem Verkauf des Bahngeländes bezahlt werden. Aber auch was wir uns in die Tasche lügen, hat eben kurze Beine. Als die Bahn die Lüge erkannte, hat sie das Projekt S 21 aufgegeben, ließ sich aber durch die Zuzahlungen von Stadt und Land bestechen, doch weiterzumachen. Zu dumm: Jetzt kommt die Zahlung der Stadt vor das Bundesverwaltungsgericht. Bahnchef Grube gab zu, er würde das Projekt mit dem Wissen von 2013 nicht mehr beginnen. Zu dumm: Jetzt wird mehr und mehr nachweisbar, dass die Kanzlerin im März 2013 das unrentable Projekt durchgedrückt hat. Sie schwärmt für die sparsame „Schwäbische Hausfrau“. Zu dumm: Sie ist das Gegenteil davon. Sie hat Stuttgart 21 zur Zukunft Deutschlands erklärt. Zu dumm, Stuttgart 21 wird zum Fiasko, schlimmer als die Elbphilharmonie und der Berliner Flughafen zusammen.
Ihr Narren, sagt der barmherzige Gott, ihr wollt Schätze sammeln und vergesst den wahren Reichtum, der vor dem barmherzigen Gott gilt. Wahrer Reichtum entsteht, wenn das Wohl für alle geschaffen wird. Da muss gefragt werden, was für alle gut ist, welcher Bahnhof der Allgemeinheit dient bei einem positiven Kosten-Nutzen-Faktor. Da kommt es darauf an, dass von den Unternehmensgewinnen im Land alle einen gerechten Lohn empfangen, nicht nur eine kleine Gruppe von Reichen. Und da muss darauf geachtet werden, dass nicht nur einzelne Nationen wirtschaftlich blühen, sondern dass auch in der Völkerwelt gerecht geteilt wird. Das ist Reichtum vor dem barmherzigen Gott. Das bringt wahren Frieden.
Lasst uns deshalb unbeirrt auf den barmherzigen Gott schauen, damit wir wahrhaft klug werden.
Amen.

Pegida in Stuttgart? Nicht mit uns! Für Toleranz und Vielfalt

No-Pegida, StuttgartHerzliche Einladung zu der Kundgebung:
Pegida in Stuttgart? Nicht mit uns!
Für Toleranz und Vielfalt

am Sonntag, 17. Mai, um 13.30 Uhr
zwischen Tübinger Straße und Königsstraße
(Haltestelle Stadtmitte/Rotebühlplatz)
!

PEGIDA unternimmt wieder einmal einen Versuch, in Stuttgart Fuß zu fassen. Für kommenden Sonntag haben sie in Stuttgart eine Kundgebung angemeldet. Dagegen wollen wir protestieren.

Die PEGIDA-Aktionen haben zwar äußerlich Ähnlichkeiten mit den Aktionen gegen Stuttgart 21: Auch sie machen „Montags-Demonstrationen“; auch sie wenden sich gegen eine „Lügenpresse“ und gegen Parteien, die uns verraten.
Dem steht aber eine grundsätzlich andere Ausrichtung gegenüber: Während die PEGIDA-Anhänger nach “unten” treten (gegen Flüchtlinge, Migranten, Muslime), wenden wir uns ganz bewusst und ausschließlich nach “oben”: Wir klagen die politische und wirtschaftliche Elite an.

Es scheint, dass der Protest gegen PEGIDA nicht viel mit unserem Protest gegen Stuttgart 21 zu tun hat.
Aber: Zentraler Grund unseres Protests gegen S21 ist: Durch dieses und unzählige andere politisch aufgeladene Großprojekte werden die Schwächeren der Gesellschaft immer und immer wieder neu zu opfern gemacht. Ob Pendler, Steuerzahler, Geringverdiener, Familien mit Kindern oder Menschen mit Behinderungen – sie sind es, die den Preis zahlen müssen für eine verfehlte Politik.
Und wenn wir gegen PEGIDA demonstrieren, dann genau dagegen: dass auch von ihnen wieder die Schwächeren der Gesellschaft bekämpft und zu Opfern gemacht werden – statt die Täter zu benennen und zu bekämpfen: die Gewinner dieser kapitalistischen Politik, die einzig und allein die finanzielle Verwertbarkeit und den Gewinn derer, die ohnehin schon haben, zum Ziel hat.

Wenn es also in der Bevölkerung berechtigte Abstiegsängste gibt und die Sorge, zu kurz zu kommen, dann sagen wir: Lasst eure Sorgen, Opfer zu werden, nicht an den andern Opfern raus, sondern an den Tätern! Die sind nämlich zwar z.B. mühelos in der Lage, Milliarden dafür einzusetzen, um einen der besten Bahnhöfe Deutschlands zu einem leistungsschwachen Kellerbahnhof mit zahllosen weiteren Risiken zusammenzuschlagen. Sie sehen aber angeblich keine Möglichkeit, dass in einem der reichsten Länder der Welt Flüchtlinge in ausreichender Zahl (verglichen mit vielen armen Ländern, die beschämend viel mehr von ihnen aufnehmen) menschenwürdig und mit Zukunftsperspektive untergebracht und versorgt werden.

Ansprache beim Parkgebet am 5.3.2015 zu Mt 4,8-10 von Friedrich Gehring

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan, denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ (Mt 4,8-10)

Liebe Parkgebetsgemeinde,
wer ist dieser Teufel, der Jesus die Weltherrschaft anbieten kann unter der Bedingung, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten? Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 19.2.2015 von Eberhard Dietrich

1. Einleitung
Liebe Parkgemeinde wir hatten vorhin schon das Thema unseres heutigen Parkgebetes genannt: Die Tiere. Was aber haben die Tiere in unserem Parkgebet verloren? Viele Christen tun sich ja schwer, zum einen überhaupt mit ihrem Verhältnis zu den Tieren und doppelt schwer, den Gedanken zu denken, dass sie mit unserem Glauben etwas zu tun haben sollen. Weiterlesen

Montagsdemo 16.2.2015: Ethikstunde bei Lehrer Kretschmann von Friedrich Gehring

Grüß Gott, liebe Kinder, ihr wundert euch vielleicht, dass der Ministerpräsident am Rosenmontag mit dieser Mütze verkleidet zu euch in den Ethikunterricht kommt, aber wenn ich 2016 nicht wiedergewählt werde, dann muss ich wieder in die Schule, Lehrer sollen ja künftig länger arbeiten. Deshalb wollte ich heute mal probieren, ob ich immer noch spannend unterrichten kann. Das Thema dürft ihr selbst bestimmen. Ja bitte! Lüge und Wahrheit. Das ist ja ein tolles Ethikthema. Wie kommt ihr denn da drauf? Ach, ihr wollt wissen, warum die Leute bei den Montagsdemonstrationen immer „Lügenpack“ schreien? Weiterlesen

Ansprache beim Parkgebet am 22.1.2015 zu Mt 5,43 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Liebe Parkgebetsgemeinde,
kurz vor dem Weihnachtsfest überfielen Taliban eine pakistanische Schule und ermordeten etwa 150 Menschen, vorwiegend Kinder und Jugendliche. In Nordnigeria löschten dieser Tage die Mörder von Boko Haram eine ganze Ortschaft mit 2000 Menschen aus. Die westliche Welt ist entsetzt seit den Mordtaten an 17 Menschen in Paris. Es werden Vorschläge zur Terrorabwehr gemacht. Marine Le Pen von den französischen Nationalisten fordert die Todesstrafe. Sie scheint nicht zu wissen, dass Selbstmordattentäter bei ihren Anschlägen den eigenen Tod in Kauf nehmen. Die deutschen Konservativen rufen erneut nach der Vorratsdatenspeicherung. Sie haben nicht mitbekommen, dass diese in Frankreich praktiziert wird, aber die Morde in Paris nicht verhindert hat. Die EU- Außenminister beraten über eine bessere Zusammenarbeit der Geheimdienste, als wüssten wir nichts über den Verfassungsschutz und den Nationalsozialistischen Untergrund. Ministerpräsident Kretschmann fordert mehr muslimischen Religionsunterricht. Er hat vermutlich nie Ethik bei gewaltbereiten Rechtsradikalen unterrichtet. Als ich vor Jahren in einer solchen Klasse Religionsunterricht hielt, war nicht das Christentum Thema, sondern die Gewalt. Die Schüler waren nicht gewalttätig, weil in der Bibel vom Heiligen Krieg die Rede ist, sondern weil sie Wut angesammelt hatten.

Wie können wir auf die terroristischen Mordtaten als Christen angemessen reagieren? Weiterlesen

„Farbe bekennen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“

Herzliche Einladung zu der Kundgebung
„Farbe bekennen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“
am Montag, 5. Januar, um 17 Uhr auf dem Stuttgarter Schlossplatz!
(angemeldet ist vorsichtshalber eine Kundgebungszeit von 17 bis 20 Uhr).

Diese Kundgebung wurde ganz kurzfristig angesetzt, weil offenbar die PEGIDA-Bewegung nun auch in Stuttgart Fuß fassen will und dazu eine Kundgebung für denselben kommenden Montag, 19 Uhr in Stuttgart plant.

Die PEGIDA-Aktionen haben äußerlich Ähnlichkeiten mit den Aktionen gegen Stuttgart 21: die „Montags-Demonstrationen“ und die Zielrichtung gegen eine „Lügenpresse“ und gegen Parteien, die uns verraten (und damit zwar nicht zu einer offiziell beklagten Politik-Verdrossenheit, aber zu einer Politiker-Verdrossenheit beitragen).

Dem steht aber eine grundsätzlich andere Ausrichtung gegenüber: Weiterlesen

Predigt zu Lk 2, 1-14 am 26.12.2014 im Stuttgarter Schlosspark von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Die himmlischen Scharen über dem Stall von Bethlehem verkünden Frieden. Das war eigentlich nicht nötig, denn es herrschte kein Krieg. Es war Frieden, allerdings ein ganz bestimmter. Es war der so genannte römische Friede. Sein Grundsatz lautete: „Si pacem vis, bellum infer“, zu deutsch: „Wenn du Frieden willst, trag Krieg ins Land“. Diese Definition von Frieden ist geprägt vom Geist römischer Kolonialherrschaft, die Frieden schafft durch das militärische Niederhalten fremder Völker zum Zweck der bestmöglichen wirtschaftlichen Ausbeutung. Diese Friedensvorstellung prägt seit Jahrzehnten auch die Politik der USA und Putin scheint derzeit von den USA zu lernen. Weiterlesen

Damit wir klug werden – Thomas Felder synchronisiert Grube

Wunderbar, wie Thomas Felder hier den echten Worten des Bahnchefs Rüdiger Grube  (Minute 0:57 bis 1:17) verschiedene neue Texte unterlegt!

(Man beachte die originale(!) Lüge, durch S21 würden 100 Hektar Park geschaffen. Denn falsch ist 1., dass durch S21 überhaupt 100 Hektar Fläche frei werden – es sind nur ca. 15 Hektar, denn der Rest könnte auch bei Erhalt des Kopfbahnhofs frei gemacht werden; und falsch ist 2., dass die frei werdende Fläche womöglich komplett zu Park verwandelt werde, denn das allermeiste wird bebaut werden oder ist schon bebaut worden (LBBW; Bücherknast, Müllaneo…), und nur ein ganz kleiner Teil wird zu Park – angeblich 20 Hektar (von denen man ein Gutteil wieder abziehen muss, für an anderer Stelle wegen S21 zerstörtem Park). Wenn’s überhaupt wahr ist, denn eine vertragliche Verpflichtung dafür gibt es nicht – und wer wird City-Flächen mit einem Quadratmeterpreis von mehreren Tausend Euro so mal eben zu Park machen?)

Nach den Worten des methodistischen Pastors Bauder, ein Projekt wie S21 benötige besonders den Segen Gottes (ohne zu fragen, ob ein zerstörerisches Lügenprojekt auf diesen Segen überhaupt hoffen darf), folgt das von Thomas Felder extra zur Kirchentagslosung komponierte Lied „Damit wir klug werden“ zu Bildern von Geistlichen, die das Projekt, die Ausführenden oder die Heilige Barbara segnen, von Projekt-Betreibern und -Bewunderern und von diversen Baustellenansichten. Sehr hörens- und sehenswert!

Mehrheit und Wahrheit – Ansprache bei der 224. Montagsdemonstration am 2. Juni 2014 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Liebe Freundinnen und Freunde des Kopfbahnhofs,
vergangene Woche machten Gerüchte die Runde, der Vorschlag eines Untersuchungsausschusses des Bundestags zu Stuttgart 21 sei ein Alleingang von Bernd Riexinger. Das ist eine unbewiesene Unterstellung, genauso könnte vermutet werden, dass die Ablehnung dieses Untersuchungsausschusses seitens der Grünen ein Alleingang des grünen verkehrspolitischen Sprechers Matthias Gastel sei. Zur Klarstellung möchte ich folgende Tatsachen mitteilen:
Am 25. Februar dieses Jahres wandte ich mich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen das Eisenbahnbundesamt an Bundesverkehrsminister Dobrindt wegen Genehmigung von Stuttgart 21 ohne ausreichenden Brandschutz. Dobrindt ließ mir im Blick auf die Anforderungen an den Brand- und Katastrophenschutz mitteilen: „Soweit diese Regeln noch nicht im Rahmen der Planfeststellung Berücksichtigung finden konnten, ist deren Einhaltung über das Verfahren zur Genehmigung der Inbetriebnahme einer neu erstellten Eisenbahninfrastruktur gewährleistet“. Am 25 März teilte ich der Kanzlerin den Vorgang mit und bat, bei Dobrindt zu bewirken, er möge das Eisenbahnbundesamt zu einem Baustopp für Stuttgart 21 veranlassen. Darüber informierte ich auch die Fraktionsführungen der Opposition. Von den Linken bekam ich keine Antwort, diese war auch nicht nötig, denn die Linke arbeitete zu dieser Zeit bereits an zwei sehr ausführlichen kleinen Anfragen zu Stuttgart 21 mit den notwendigen peinlichen Fragestellungen. Seitens der Grünen wurde ich an Matthias Gastel verwiesen. Aus dessen Büro wurde mir im Blick auf den Brandschutz bei Stuttgart 21 mitgeteilt: „Die Verantwortung dafür liegt allerdings nicht beim Bund sondern bei der DB AG sowie dem Land Baden-Württemberg und seinen Partnern.“ Das klang fast so wie die Antwort aus dem Kanzleramt vom 24. April mit dem Verweis auf Art. 65 GG: „In diesem Rahmen kann die Bundeskanzlerin nach geltendem Verfassungsrecht nicht in die Zuständigkeiten von Bundesminister Dobrindt eingreifen“.
Auf diesem Hintergrund überraschte es mich nicht, dass der Ruf von Bernd Riexinger und Sabine Leidig am 13. Mai nach einem Untersuchungsausschuss bereits am Tag danach seitens der Grünen abgelehnt wurde als unseriöse „Wahlkampfpublicity“. In dieser Situation war für mich die Petition an die Grünen im Bundestag, einem Untersuchungsausschuss zuzustimmen, die konsequente Reaktion. Nach Aussage von Sabine Leidig waren vergangene Woche nun Sondierungsgespräche zwischen Mitgliedern der Oppositionsfraktionen vorgesehen. Dass hier die Petition schon gewirkt hat, will ich nicht behaupten. Der Druck erscheint mir weiterhin notwendig. Deshalb habe ich einen offenen Brief an Ministerpräsident Kretschmann formuliert, der sich auch an die grüne Bundestagsfraktion richtet.
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,
in Ihrem Brief an die Mitbürgerinnen und Mitbürger vom 27.3.2014 behaupten Sie im Zusammenhang der Volksabstimmung vom 27.11.2012 über das S 21-Kündigungsgesetz: „In einer Demokratie entscheidet die Mehrheit und nicht die ‚Wahrheit‘“. Sie räumen dabei ein, dass in der Demokratie über die Wahrheit gestritten werden kann, Sie übergehen aber geflissentlich, dass über die zur Zeit der Volksabstimmung noch strittige Kostenfrage inzwischen nicht mehr gestritten werden muss, weil die damals falsche Kostenbehauptung von der Deutschen Bahn AG inzwischen eingestanden ist. Sie erwähnen die möglicherweise falsche Entscheidung der Schweizer über die Einschränkung der Freizügigkeit, verschweigen aber, dass die Schweizer neu und anders abstimmen können, wenn die Fehlentscheidung als solche erkennbar ist. Eine neue Abstimmung über die inzwischen wahren Kosten von Stuttgart 21 ziehen sie nicht in Betracht. Dadurch machen Sie die Lüge in der Politik zu einem nachhaltig erfolgreichen Instrument. Dies ist ein Skandal, denn ein gelingendes Gemeinwesen kann in unserem Land unmöglich auf einer Kultur der Lüge aufgebaut werden.
Die Verfassung des Landes Baden-Württemberg und die der Bundesrepublik Deutschland sind nach der Zeit des Nationalsozialismus entstanden im Bewusstsein „der Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Der Gott Israels hat seinem Volk durch Mose das achte Gebot gegeben, damit die Gemeinschaft nicht auf Lügen, sondern auf der Wahrheit aufgebaut wird. Sie aber machen mit Ihren skandalösen Aussagen die Lüge in unserem demokratischen Gemeinwesen hoffähig und schaden damit nicht nur Ihrem eigenen, sondern auch dem Ruf Ihrer Partei.
Für eine Umkehr von diesem verhängnisvollen Weg ist es noch nicht zu spät. Sie haben in diesen Tagen die großartige Möglichkeit, Ihre Parteifreunde im Bundestag zu motivieren, der Forderung nach einem Untersuchungsausschuss zum Projekt Stuttgart 21 zuzustimmen. In einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss als einem zentralen Instrument der Demokratie geht es nicht um Mehrheit, sondern um Wahrheit. Die kleine Minderheit der Opposition kann der Regierung mit ihrer überwältigenden Mehrheit Fragen stellen, die sie unter Androhung von Strafe wahrheitsgemäß beantworten muss. Wagen Sie jetzt mehr wahrhaftige Demokratie!
Die Bundesregierung hat kürzlich auf die kleine Anfrage der Fraktion der Linken geantwortet, sie glaube dem Aussichtsrat der Deutschen Bahn AG, das Projekt Stuttgart 21 sei noch wirtschaftlich. Das ist dieselbe Art, in der Sie die Kosten von Stuttgart 21 bei der Volksabstimmung zu einer Glaubensfrage machen wollen. In einem Untersuchungsausschuss wird aber z. B. die Wahrheitsfrage gestellt, wie es dazu kam, dass am 5. März 2013 der Bahnaufsichtsrat bei einer Enthaltung an dem Projekt Stuttgart 21 festgehalten hat, obwohl allen Aufsichtsräten der konkrete Nachweis vorlag, dass die Behauptung der Bahnverantwortlichen falsch war, der Ausstieg komme 70 Mio. Euro teurer als der Bau.
Es liegt jetzt an Ihrer Partei. Sie kann der Bundesregierung den Glauben an die Lüge durchgehen lassen oder sie kann der Wahrheit zum Sieg verhelfen. Auch Ihnen und Ihrer Partei gilt die Verheißung Jesu aus Joh 8, 32: „Die Wahrheit wird euch freimachen!“
Mit freundlichen Grüßen
Friedrich Gehring

„TheologInnen gegen S21“ bei der Stuttgarter Kommunalwahl

Zwei Mitglieder der Initiative „TheologInnen gegen Stuttgart 21“ stehen bei der Kommunalwahl in Stuttgart als KandidatInnen zur Wahl:

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Guntrun Müller-Enßlin kandidiert auf der Liste „Stuttgart – ökologisch – sozial“ (SÖS) auf Platz 6.
Nähere Informationen zur Liste und zu den Zielen sind auf der dortigen Internetseite zu finden:
http://www.s-oe-s.de/kandidaten

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Martin Poguntke kandidiert auf der – auch für Nicht-Parteimitglieder offenen – Liste „DIE LINKE“ (durch eine Ungeschicklichkeit der Sitzungsleitung nur) auf Platz 52.
Nähere Informationen zur Liste und zu den Zielen sind auf der dortigen Internetseite zu finden:
http://www.stuttgart.die-linke-bw.de/index.php?id=6835

Beide werden wärmstens zur Wahl empfohlen! Damit Stuttgart „oben bleibt“…

Brief 1 / Stuttgart 21 und der Kirchentag

In loser Folge wollen wir die in den nächsten Monaten die Vorbereitung und die Durchführung des Stuttgarter Kirchentags aus der Sicht des Widerstandes gegen Stuttgart 21 kommentieren. Hierzu kommt heute „Brief 1 / Stuttgart 21 und der Kirchentag“

Im kommenden Jahr ist der Kirchentag in Stuttgart geplant, der alle zwei Jahre in wechselnden Städten Deutschlands stattfindet und evangelische Christ/innen und andere Mitmenschen aus aller Welt in großer Zahl zusammenführt.

Nun war 2011 eine wesentliche Begründung dafür, die Einladung zum Kirchentag 2015 nach Stuttgart anzunehmen, der massive bürgerschaftliche Protest gegen das Bauprojekt von Stuttgart 21. Diese Begründung wird darum hier wiedergegeben:

„Die Stadt des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentages hat während der zurückliegenden Monate im Streit um das Projekt „Stuttgart 21“ neue Formen offener und öffentlicher Debatte erlebt. Nachhaltiger Protest und zivilgesellschaftliches Engagement haben eine landesweite Diskussion über die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an Entscheidungen in der Demokratie ausgelöst. In diesem Kontext hat der Kirchentag die Einladung nach Stuttgart besonders gern angenommen.“

Uns erscheint es wichtig, dies immer wieder in Erinnerung zu rufen und darauf deutlich hinzuweisen.

Nun ist bemerkenswert, dass es zwar einen vom Landesbischof eingesetzten Lenkungskreis für den Kirchentag gibt, an dem jedoch niemand beteiligt ist, der nach unserer Kenntnis im Widerstand gegen S 21 engagiert ist. Es wurde jedenfalls der christlich motivierte Widerstand, etwa der Theolog/innen gegen S 21“ nicht zu diesem Lenkungskreis eingeladen.

Hingegen wird der Stuttgarter Kirchentag verbunden mit dem evangelikal-pietistischen „Christustag“. Wir haben ja nichts gegen den Christustag, wir sind gegen Stuttgart 21, aber wir fragen schon, wer diese Änderung der Ausrichtung des Stuttgarter Kirchentags von einer bürgerschaftlich-zivilgesellschaftlichen Thematik hin zu einer pietistischen Großveranstaltung zuwege gebracht hat. Ob wir darauf jemals eine Antwort bekommen werden?

Predigt zur „Tunneltaufe“ am 21.3.2014 am Nordbahnhof – von Pfr. i. R. Friedrich Gehring – Was ich als christlicher Pfarrer dort verkündigen würde

Liebe Festgäste,
bei Taufen werden Menschen in die christliche Kirche aufgenommen. Ein Tunnel kann natürlich nicht in die Kirche aufgenommen werden, aber diese Tunneltaufe ist offenbar nötig, um dieses Bauwerk in unsere Gesellschaft aufzunehmen, trotz des Widerstands im Volk.
Für nicht wenige Menschen in unserem Land hat das Bauen an diesem großen Bahnprojekt eine große Verheißung: Es wird Wachstum in unsere Region bringen und damit eine Mehrung unseres Wohlstands. Unsere für die Richtlinien der Politik zuständige Kanzlerin Merkel hat es auf den Punkt gebracht, indem sie mit eben diesem Projekt Stuttgart 21 die Schicksalsfrage verband, ob in Deutschland künftig noch Großprojekte möglich sind oder nicht. In ihrer Sicht entscheidet sich an diesem Bauwerk, vor dessen Teilabschnitt wir hier stehen, die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands.
Ziemlich genau diese Hoffnung verband sich auch mit dem Bau des Atomkraftwerks Kalkar am Niederrhein vor etwa 40 Jahren. Die Atomenergie erschien als der Schlüssel für die Zukunft. So wurde der schnelle Brüter für Milliarden D-Mark gebaut, lieferte aber nie auch nur ein Kilowatt Strom, weil während des Baus erkennbar wurde, dass diese Technologie zu gefährlich war. Heute ist das Atomkraftwerksgelände ein Vergnügungspark. Es ist das große, epochale, bleibende Verdienst unserer Kanzlerin Merkel, dass sie nach der Katastrophe von Fukushima als gelernte Naturwissenschaftlerin die Umkehr aus der Atomindustrie gewagt hat.
Auch beim Projekt Stuttgart 21 haben sich seit der Planung völlig neue Gesichtspunkte ergeben: Es gibt inzwischen Wendezüge, der Tiefbahnhof schafft nicht mehr Züge als der Kopfbahnhof, von den versprochenen Arbeitsplätzen entsteht nur ein Bruchteil, der Grundstücksverkauf bezahlt den Tiefbahnhof mitnichten, das Projekt ist unwirtschaftlich, der Fildertunnel ist nicht schnell genug entrauchbar, der Tiefbahnhof bei Panik zu eng, beide werden bei einem Brand tödliche Fallen. So wird verständlich, dass Papst Franziskus mahnt: „Diese Wirtschaft tötet“. Alles in allem: Die Bahnführung würde mit dem Wissen von 2013 das Projekt nicht mehr beginnen. Kann es so Deutschlands Zukunft sein?
Die zentrale Botschaft Jesu war: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ (Mt 4,17). Buße heißt Umkehr. Wenn wir die Botschaft Jesu ernst nehmen, dann müssen wir immer offen bleiben dafür, einen falschen Weg einzugestehen und neue Wege zu beschreiten, wie wir das bei der Atomkraft tun. So müssen wir offen sein für die Möglichkeit, dass dieser Tunnel, nachdem er fertiggestellt ist, z. B. zum Züchten von Pilzen dient, weil das Projekt Stuttgart 21 zu teuer und zu gefährlich ist, so wie der schnelle Brüter von Kalkar nun als Freizeitpark die Besucher erfreut.
Das Reich des barmherzigen Gottes ist nicht gleichzusetzen mit wirtschaftlichem Wachstum um jeden Preis. Im Reich Gottes geht es um das Wachstum der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit. In diesem Sinne wünsche ich dem Tunnelbauwerk, dessen Beginn wir heute feiern, dass alle Arbeiter an diesem Bau immer einen gerechten Lohn empfangen mögen und ihre Arbeit ohne Unfälle zu Ende bringen können. Amen

Schützenhilfe vom Papst: Der neoliberale Kapitalismus und S21 von Hans-Eberhard Dietrich. 24. Februar 2014

Ein Grund unserer Kritik an S21: Es ist ein Paradebespiel des neoliberalen Kapitalismus
Wir haben auf unserem Blog und in unserem Buch „Stuttgart21 – Christen sagen nein“ in verschiedenen Beiträgen unsere Kritik an S21 damit begründet, dass es ein Paradebeispiel des neoliberalen Kapitalismus ist. Er befriedigt nicht die Bedürfnisse der Menschen, sondern will einzig die Anhäufung des Kapitals in den Händen weniger. Bei dieser Gier ist er blind für die sozialen, ökologischen, volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen und zerstört auf diese Weise letztlich Mensch und Natur.

Wir formulierten in unseren 6 Thesen u.a.:
S21 ist ein Projekt menschlicher Überheblichkeit
Es stellt nicht die Lebensqualität in den Mittelpunkt. Wir verstehen die Klagen der Propheten, ihre Anklagen gegen soziales Unrecht und Jesu Warnung vor dem Mammon als Absage an eine Haltung, mit der in erster Linie materieller Vorteil und Gewinn angestrebt werden. Sie schadet und widerspricht dem aus jüdisch-christlicher Tradition gewonnenen Menschenbild.
S21 bevorzugt die Starken zum Nachteil der Schwachen. Unantastbare Würde ist allen Menschen von Gott zugesprochen. Gleichwohl gilt nach biblischem Zeugnis die „vorrangige Option für die Schwachen“. Nach biblischer Tradition hat sich Gott selbst zum Anwalt der Schwachen gemacht. Deshalb sollen und müssen Christen deren Sache zu der ihren machen. Vorgebliche „Neutralität“ gegenüber Starken und Schwachen stellt sich faktisch auf die Seite der Starken.
Letztlich geht S21 fahrlässig mit der Schöpfung um. Durch die biblische Überlieferung von der Schöpfung, durch die darin enthaltene Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit sehen wir uns in der Verantwortung, zu Schutz und Pflege der Schöpfung aktiv beizutragen.“
Schützenhilfe von Papst Franziskus
Unerwartet und überraschend erhält unsere Kritik Schützenhilfe von Papst Franziskus. „Evangelii gaudium“ ist der Titel des Apostolischen Schreibens, das Papst Franziskus am 24. November 2013 im Verlauf der Heiligen Messe auf dem Petersplatz an 36 ausgewählte Repräsentanten aus 18 Ländern übergeben hat. Vor allem die Kapitalismuskritik hat ein lebhaftes Pressecho ausgelöst.
Wir können diese Kritik in ein paar Schlagworten zusammenfassen:
+ Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung
+ Nein zur neuen Vergötterung des Geldes
+ Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen
+ Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen.
+ Sich der Schwachen annehmen bedeutet heute, die Schöpfung bewahren

Die Schlagworte im Einzelnen:
+Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung
Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situation sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.

+ Nein zur neuen Vergötterung des Geldes
Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.
+ Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen
Ethik wird als zu menschlich angesehen, weil sie das Geld und die Macht relativiert. Man empfindet sie als eine Bedrohung, denn sie verurteilt die Manipulierung und die Degradierung der Person.

+Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen. Das Wachstum in Gerechtigkeit erfordert etwas, das mehr ist als Wirtschaftswachstum, auch wenn es dieses voraussetzt;

+ Sich der Schwachen annehmen bedeutet heute, die Schöpfung bewahren
Es gibt noch andere schwache und schutzlose Wesen, die wirtschaftlichen Interessen oder einer wahllosen Ausnutzung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Ich beziehe mich auf die Gesamtheit der Schöpfung. Wir sind als Menschen nicht bloß Nutznießer, sondern Hüter der anderen Geschöpfe.

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Wer sich für einen ausführlichen Auszug interessiert, hier eine pdf Version. Und im Buchhandel ist die Schrift auch zu erhalten.

(pdf-Datei: Apostolisches Schreiben, Evangelii gaudium)

Ansprache beim Pargebet am 20.2.2014 zu Jak 5,1-6 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Luther hat den Jakobusbrief nicht gemocht, er hat ihn eine stroherne Epistel genannt. Das darf im Blick auf die Reichenschelte des Jakobus nicht wundern. Denn Luther ist nach dem Bauernaufstand von 1525 auf die Seite der reichen Feudalherren getreten. Von diesen wurden die lutherischen Kirchen finanziert, da war es aus mit der Reichenkritik. Unsere lutherischen Kirchen sind bis heute dieser Scheu unterworfen. Der Sprecher der Ev. Landeskirche in Württemberg, Oliver Hoesch, hat im vergangenen Dezember vor laufender Kamera erklärt, die Landeskirche stehe neutral zwischen denen, die bei Stuttgart 21 eine Stellungnahme als zwingend erforderlich ansehen, und denen, die eine solche für verzichtbar halten. Nach den einfachen Gesetzen der Logik bedeutet das aber, dass wenn die Landeskirche keine Stellung bezieht, sie auf der Seite derer steht, die sie für überflüssig halten. Eine Stellungnahme müsste wohl zwangsläufig auch eine Kritik an den Profiteuren von Stuttgart 21 formulieren, die der Reichenschalte des Jakobus sehr nahe käme. Hier herrscht auch heute noch die klassisch lutherische Zurückhaltung.
Wenn wir uns allerdings an Jesus orientieren, dann kommen wir an der Kritik am Reichtum nicht vorbei. Denn nach Jesus kommt eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Reich Gottes (Mk 10,25). Wenn unsere Kirche den gierig Raffenden mit Jakobus zurufen würde: „Heulet über das Elend, das über euch kommen wird“, dann wäre dies zugleich hochaktuell. Wer wie Alice Schwarzer oder Uli Hoeneß Schätze sammelt und dabei noch Steuerverbrechen begeht, dem stünde wohl an zu heulen vor Scham. Dasselbe gilt für diejenigen, die sich an dem so brandgefährlichen wie nutzlosen und zerstörerischen Projekt Stuttgart 21 bereichern wollen. Denn das Geld, das derart dreist abgezogen wird, fehlt anderswo.
Michael Tsokos, Berlins oberster Rechtsmediziner, der regelmäßig zu Tode geprügelte Kinder obduzieren muss, sagt: „In Deutschland sterben Kinder für Geld“ (Frankfurter Rundschau, 5.2.14, S.38f). Aus 20-jähriger Erfahrung stellt er fest, dass Deutschland systematisch beim Kinderschutz versagt. Das hat natürlich auch mit den Mitteln zu tun, die für den Kinderschutz nicht ausgegeben werden. Ich habe verlässliche Information über eine Grundschulklasse im Großraum Stuttgart, in der ein Mädchen ist, deren familiärer sexueller Missbrauch seit über einem Jahr aktenkundig ist. Die Strafanzeige unterbleibt seitens der Familie wegen des faulen familiären Friedens, seitens des Jugendamts wegen Überlastung bzw. mangelnder finanzieller Mittel. Die Klassenlehrerin würde am liebsten Anzeige erstatten, aber dann würden die Eltern vermutlich durch Wegzug oder Umschulung das Kind ihrem Schutz entziehen. Wenn das Jugendamt mit mehr Stellen und mehr Mitteln zur außerfamiliären Unterbringung ausgestattet wäre, müssten weniger Kinder solche Martyrien erleiden. Aber die Millionen, die die Stadt Stuttgart für Stuttgart 21 ausgibt, stehen für einen wirksamen Kinderschutz nicht mehr zur Verfügung. Beim Geldausgeben zeigt sich, dass ihr die reichen Profiteure wichtiger sind als die armen Kinder.
Jakobus wagt es noch, den „ungerechten Mammon“ (Lk 16,9) der Reichen anzuprangern. Er kann sehen, was aus dem Raffen der Gierigen wird: „Euer Reichtum ist verfault, … euer Gold und Silber ist verrostet.“ Natürlich wissen wir alle, dass Gold nicht rostet, aber wir können heute gut verstehen was Jakobus meint. Der Goldpreis ist in enorme Höhen gestiegen, weil die reichen Anleger nicht mehr wussten wohin mit ihrem Geld. Nun ist der Goldpreis 2013 um 30 % gefallen, so „verrostet“ auch Gold. Weil zu viele zu viel gerafft haben, wird Geld anlegen schwierig: Zu viele wollen Zinsen einstecken, immer weniger wollen Zinsen zahlen. Nun ist das Jammern groß. Die Zinsen bleiben hinter der Inflation zurück, Reichtum „verfault“. Wir können auch zusehen, wie das Projekt der reichen Profiteure von Stuttgart 21 verfault. Ursprünglich meinten die bauernschlauen Planer, der Tiefbahnhof wäre aus den Spekulationsgewinnen beim Verkauf des Bahngeländes zu finanzieren. Diese Idee ist längst verrottet. Die gierige Deutsche Bahn AG meinte dann, durch die Sprechklausel die Kosten der Fehlspekulation auf die öffentlichen Haushalte abwälzen zu können. Dann kam überraschend die grün-rote Landesregierung an die Macht und beschloss den Kostendeckel, der auch bei der Volksabstimmung galt, nun ist auch diese geniale Idee verfault. Die kühne Idee des Nesenbachdükers verfault dadurch, dass kein Bauunternehmen diesen verrückten Plan verwirklichen will. Nun denkt man daran, den Tiefbahnhof ins Wasser zu betonieren. Wir dürfen gespannt sein, wann diese Idee verrottet. Die 121 Fäulnisrisiken, die der Fachmann Azer aufgelistet hat, sind nicht dadurch weg, dass Herr Azer nicht mehr Projektleiter ist.
Wir müssen also die Förderer des Projekts Stuttgart 21 nicht beneiden. Vor allem nach dem Volksentscheid wurde versucht, uns Projektgegner als die Verlierer hinzustellen. Jakobus öffnet uns die Augen für die andere Perspektive. Wir werden dabei nicht in Schadenfreude verfallen, aber nüchtern feststellen: „Wohlan nun, ihr Reichen, weinet und heulet über das Elend, das über euch kommen wird“. Als Nachfolger Jesu geben wir die Hoffnung nicht auf, dass die Reichen sich noch rechtzeitig vor ihrem Elend warnen lassen und umkehren. Amen.

Ansprache zum 2. Jahrestag der Parkräumung am 14.2. 2014 von Pfr. i.R. Friedrich Gehring

Als wir im März 2012 einen Trauergottesdienst für den zerstörten mittleren Schlossgarten gehalten haben, wurde uns von Kritikern vorgehalten, dies sei im Vergleich zur Trauer um verstorbene Menschen unangemessen. Es wurde an unserem Verstand gezweifelt und uns eine übertriebene Sensibilität für die 176 Bäume vorgeworfen angesichts weltweiter riesiger Abholzungen und täglicher tausendfacher Tierschlachtungen in Deutschland.

Ich ziehe mir den Schuh, den mir diese Kritiker anbieten, nicht an, sondern reiche ihn zurück: Es ist für mich auffällig, dass dort, wo Tiere auf engstem Raum eingepfercht werden, auch Menschen eingepfercht werden, die für Hungerlöhne diese Tiere schlachten sollen. Wer massenhaft Antibiotika verfüttert, dem ist auch die menschliche Gesundheit egal. Hier ist die mangelnde Sensibilität für das Leid der Tiere gepaart mit der fehlenden Empathie für Mitmenschen. Wer sein Mitgefühl mit der Mitkreatur verdrängt, tut sich auch schwer mit der Einfühlung in den Schmerz seiner Mitmenschen. Wer Tiere und Pflanzen im Schlossgarten der Profitgier weniger opfert, für den sind dann auch Menschen, die in Tunneln ersticken, eine zu vernachlässigende Größe.

Schöpfungsverachtung und Menschenverachtung liegen beim Dienst an dem Götzen Mammon nahe beieinander. Auch bei der Loveparade in Duisburg hat wohl das Interesse an dem Geschäft mit dem Großereignis blind gemacht für die Risiken. Man darf gespannt sein, wann das Eisenbahnbundesamt angeklagt wird für die fahrlässige Genehmigung von Stuttgart 21 ohne ausreichende Berücksichtigung des Brandrisikos.

Wir sind heute zusammen, weil wir unseren Schmerz nicht verdrängen, sondern öffentlich zeigen, und dabei unsere Empathie in fremden Schmerz bewahren. Wir schämen uns nicht unserer öffentlichen Trauer. Unsere Trauer hat nicht das Ziel, den verlorenen Teil des Schlossgartens einfach nur loszulassen. Lange Zeit war in der professionellen Begleitung Trauernder das Loslassenkönnen die hauptsächliche Zielsetzung. Der Theologe und Psychotherapeut Roland Kachler hat als professioneller Trauerbegleiter dieses Ziel lange Zeit verfolgt, bis er seinen 16-jährigen Sohn bei einem Verkehrsunfall verlor und am Grab spürte, dass er zum Loslassen überhaupt nicht bereit war. Er hat über dieser Erfahrung zu einer neuen Praxis der Trauer gefunden, die nicht auf das Abschied nehmen zielt, sondern kreativ an der Beziehung zu dem verlorenen geliebten Menschen arbeitet. Er erlebte, dass er – trotz tiefer Trauer – in seiner Liebe seinem Sohn nahe blieb, dass das gemeinsam Erlebte durch die Erinnerung bewahrt wurde und nicht verloren gehen konnte, dass der geliebte Sohn in seinem Herzen weiter lebendig war. Er konnte sagen: „Du bleibst bei mir in den Bäumen, im Wind und in den Sternen“.

Ich habe den Eindruck, dass wir mit unserem heutigen Gedenken eine sehr ähnliche Erfahrung machen können. In kreativer Weise beleben wir die Erinnerung an den verlorenen Teil unseres wunderschönen Schlossparks. Wir sorgen dafür, dass das Schöne, das wir hier genossen haben, in unserer Erinnerung bewahrt bleibt und uns nicht mehr genommen werden kann. Wenn ein Vater sich seinem verstorbenen Sohn nahe fühlt „in den Bäumen, im Wind und in den Sternen“, dann müsste uns das mit dem verlorenen Teil des Schlossparks auch möglich sein.
Ich kann mir vorstellen, dass für nicht wenige unter uns die Trauer um die Bäume und Tiere hier im Park verbunden ist mit anderen Verlusterfahrungen ihres Lebens. Möge unsere heutige Trauerarbeit uns helfen, ohne zu verdrängen mit anderen Verlusten unseres Lebens ebenso kreativ und heilsam umzugehen im Sinne der Seligpreisung Jesu: „Glückselig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“. Amen.

Ansprache beim Parkgebet am 6.2.2014 zu Mk 10,13-16 von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Anrühren soll Jesus die Kinder, das wünschen sich die Eltern. Wahrscheinlich erhoffen sie sich von der Berührung durch einen heiligen Mann so etwas wie magischen Schutz für ihre Kleinen. Aber Jesus tut etwas, wozu man kein heiliger Mann sein muss: Er umarmt die Kinder. Damit gibt er den Eltern einen Hinweis: So sollen sie mit ihren Kindern umgehen, das macht sie stark fürs Leben. Denn Zärtlichkeit ist Lebenskraft, nicht nur für Kinder: Am vergangenen Sonntag war in der Presse zu lesen, dass in vielen deutsche Städten therapeutische Kuschelgruppen angeboten werden.
Es mag überraschen, diese Szene mit den Kindern bei einem Parkgebet anzubieten, bei dem wir doch eher gesellschaftskritische politische Themen behandeln. Ich möchte aber zeigen, dass diese Szene mehr ist als eine Idylle für Bilder in Kindergärten. Denn Zärtlichkeit ist ein Lebensprinzip, das die konsequenteste Gegenkultur darstellt zur Gewalttätigkeit und Machtausübung. Wenn ich jemandem zärtlich begegne, achte ich in jedem Augenblick darauf, ob meine Berührung meinem Gegenüber angenehm ist, und ich bin sofort bereit zurückzuweichen, wenn dies nicht mehr der Fall ist. Ich biete an, zwinge aber zu nichts. Ich achte ständig auf Einvernehmlichkeit. Zärtlichkeit ist konsequentester Gewaltverzicht.
Wenn ich an jene waffennärrische Lehrerin in Newtown in Connecticut denke, deren Sohn zuerst mit der mütterlichen Waffe seine Mutter erschoss, ehe er in ihrer Schule Amok lief, so kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Mutter zu ihrem Sohn jemals zärtlich war. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass sein Zärtlichkeitsbedürfnis derart frustriert war, dass aus dieser Frustration die Wut wurde, die schließlich in den Amoklauf mündete. Wenn wir solchen grauenhaften Gewaltexzessen junger Menschen vorbeugen wollen, müssen wir ihnen rechtzeitig Zärtlichkeit schenken. Zärtlichkeit beugt Gewalt vor.
Wir werden als Kopfbahnhoffreunde und Gegner des Projekts Stuttgart 21 ja immer wieder Wutbürger genannt. Tatsächlich kann vieles, was wir im Rahmen dieses Bauprojekts erleben, Wut aufkommen lassen. Im Schwäbischen sagen wir gelegentlich: Da geht einem das Messer in der Tasche auf. Es hat keinen Sinn, diese Emotionen zu leugnen oder sie verdrängen zu wollen. Aber ich meine, wir sollten uns von ihnen nicht auffressen lassen. Wir sollten uns besinnen auf die Gegenkultur der Zärtlichkeit, denn sonst können wir so destruktiv werden wie unsere Gegner. Zärtlichkeit ist ein Gegengewicht zu destruktivem Hass und zerstörerischer Machtausübung.
Ich habe viele Jahre lang im Religionsunterricht den Heranwachsenden die Gelegenheit geboten, ihre Geschlechterrollen zu reflektieren. Anhand einer Liste von männlichen und weiblichen Rollenstereotypen konnten sie sich bewusst machen, wo sie selbst standen. Ich gab aber auch die Gelegenheit zu formulieren, was jeweils vom anderen Geschlecht erwartet wurde. Auffälliger Weise haben sehr häufig die jungen Männer geäußert, sie erwarten von ihren Partnerinnen „Sanfte Autorität“. In der Verliebtheit suchen und finden wir ja im geliebten Gegenüber gerade das, was wir selbst nicht haben. Natürlich habe ich den jungen Männern geraten, diese sanfte Autorität nicht nur bei ihren Freundinnen zu suchen, sondern in den eigenen Lebensvollzug zu intergieren, wie Jesus uns das vorlebt.
In der Talkshow von Markus Lanz, die vor Wochen heftige Kritik erfuhr, hat m. E. Sarah Wagenknecht diese „sanfte Autorität“ hervorragend verkörpert. Sie hat mit großer Sachkenntnis kritisch argumentiert, ohne zu verletzen, so konnte sie vorbildlich gelassen bleiben, als ihre Gegner bissig wurden. Ihre beiden männlichen Kontrahenten täten gut daran, in dieser Hinsicht von ihr zu lernen. Denn es kann nicht angehen, dass wir diese Qualität den Frauen zuschieben, während Männer weiter ihre aggressiven Spiele treiben und Virtuosität erstreben im Niedermachen anderer. In unserem Widerstand gegen Stuttgart 21 brauchen wir Frauen und Männer, die sanfte Autoritäten sein können.
In der nächsten Woche steht ein schwieriger Termin an, zu dem wir diese Tugend dringend brauchen. Es jährt sich zum zweiten Mal die Zerstörung im Schlossgarten. Die Erinnerung wird bei vielen unter uns erneut Trauer und Wut auslösen. Das wollen wir nicht verstecken, aber ich denke, wir sollten uns dabei auf die Lebenskraft spendende Zärtlichkeit Jesu besinnen. Wenn unsere Trauer in tröstende Umarmungen mündet, dann werden wir als Frauen und Männer nicht die Destruktivität unserer Gegner nachahmen, sondern die Alternative leben, die Jesus uns anbietet. Dann werden wir die Verheißung der Bergpredigt erfahren (Mt 5,5): Glücklich zu preisen sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Amen.

Weihnachtspredigt zu Mt 10,16 am 26. Dez. 2013 im Stuttgarter Schlossgarten von Pfr. i. R. Friedrich Gehring

Dieses Wort Jesu als Predigttext an Weihnachten anzubieten mag als eine Zumutung erscheinen, denn es passt kaum zu dem, was wir gemeinhin als Weihnachtsstimmung empfinden. Ich möchte dennoch versuchen, diese Zumutung zu rechtfertigen. Wie wir aus dem Neuen Testament wissen (Mt 2,1-15), ist Jesus selbst als wehrloser Neugeborener unter die Wölfe geraten.  Der damalige Leitwolf Herodes ist zutiefst erschrocken, als die Weisen aus dem Morgenland nach dem verheißenen neugeborenen König fragen. Er wittert den Konkurrenten, den er ausschalten zu müssen meint. So ist das Jesuskind selbst schon ein kleines Schaf mitten unter Wölfen.
Aber offensichtlich ist dieses neugeborene Kind nicht nur unter Wölfe geraten. Als die drei Weisen den neugeborenen König gefunden haben, gehorchen sie dem Leitwolf nicht, der ihnen geboten hatte, den Aufenthaltsort des Konkurrenten zu verraten. Sie sind klug und weise genug, um zu bemerken, was Herodes vorhat. Sie erweisen sich als solidarisch mit dem wehrlosen kleinen Schaf, verweigern sich dem Leitwolf und retten damit das Kind vor dem brutalen Machthaber. Auch Leitwölfe wie Herodes bekommen die Grenze ihrer Macht zu spüren, wenn die Schafe zusammenhalten.

Schafe gelten sprichwörtlich als dumm, außerdem sind sie ein Inbegriff von Wehrlosigkeit. Auch das Kind in der Krippe ist solch ein Symbol für ohnmächtiges Ausgeliefertsein. Aber zum Mann herangewachsen fordert dieser neue gewaltlose König das Imperium des römischen Kaisers heraus. Als Herodes seine Agenten und die Pharisäer schickt (Mk 12,13-17), um Jesus in eine Falle zu locken mit der Frage, ob die Israeliten dem Kaiser Steuern zahlen sollen, umgeht Jesus die gestellte Falle: Weder plädiert er dagegen, so kann Herodes ihn nicht zum Staatsfeind machen. Auch plädiert er nicht dafür, so können ihn die Pharisäer nicht zum Volksfeind erklären. Er lässt sich eine Münze zeigen mit dem Bild des Kaisers. Damit sagt er jedem Juden, dass er ein solches Götzenbild nach Moses Gebot gar nicht in der Tasche haben darf (2. Mose 20,4).  Das läuft auf einen Boykott römischen Geldes hinaus. Wenn alle dabei mitmachen, kann der Kaiser den Israeliten auch kein Geld mehr aus der Tasche ziehen, um die Soldaten zu bezahlen, die das Land unterdrücken und ausbeuten helfen sollen.

Das macht diesen wehrlosen Knaben in der Krippe und diesen gewaltlosen neuen König so gefährlich für die Mächtigen seiner Zeit. Er wird die vielen scheinbar wehrlosen Schafe aufrufen, an das Reich des barmherzigen Gottes zu glauben und damit die Herrschaft der Mächtigen zu erschüttern. Er ermuntert die scheinbar dummen und wehrlosen Schafe, das zu entwickeln, was neuerdings Schwarmintelligenz genannt wird. Wenn die Schafe mutig und solidarisch zusammenhalten, dann sind sie kluge Schafe und keinesfalls völlig wehrlos. Deshalb schickt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger eben nicht als dumme und wehrlose Schafe in die Welt der reißenden Wölfe, sondern als kluge und wehrhafte Streiter für die Gerechtigkeit des Reiches Gottes. Wenn wir das ernst nehmen, dann kann dieser Satz von den schlauen Schafen unter den Wölfen ein wahrhaft weihnachtlicher und befreiender Text werden.

Wie kann das konkret aussehen, wenn Schafe befreiende Klugheit zeigen? Es wäre eine spannende Frage an Tierverhaltensforscher, was passieren würde, wenn eine Schafsherde gegen anschleichende Wölfe geschlossen losrennen würde. Ob die Wölfe es sich antun würden, von Schafen mit solcher Schwarmintelligenz überrannt zu werden? Jedenfalls haben vor 150 Jahren die Arbeitnehmer, die als Einzelne ihren unbarmherzig ausbeuterischen Fabrikherren ausgeliefert waren, in dieser Schwarmintelligenz agieren können mit dem Satz: Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Gandhi stand einst in Südafrika mit streikenden Bergwerksarbeitern einer berittenen Polizei gegenüber. Da kam einer auf die Idee, alle sollten sich auf den Boden legen, und die berittene Polizei musste unverrichteter Dinge abziehen. Ich habe das erst verstanden, als mir eine Schülerin, die etwas von Pferden verstand, erklärte, dass Pferde nicht über Menschenleiber laufen können, weil diese zu weich sind und die Pferde allzu leicht stürzen würden. Diese streikenden Arbeiter waren also mit nichts bewaffnet als mir ihren weichen Leibern, aber mit ihrer Schwarmintelligenz waren sie kluge Schafe, die sich erfolgreich gegen die scheinbare Übermacht berittener Polizei zur Wehr setzen konnten.

Ich kann an dieser Stelle nicht unterschlagen, dass die schlauen Schafe am „Schwarzen Donnerstag“ von der Polizei brutal vertrieben worden sind. Der politische Leitwolf wollte schlau sein und seine Mails vernichten. Aber sein schmutziger Trick hat nichts genutzt. Der Leitwolf war nicht schlau genug zu wissen, dass auch ein Leitwolf nicht ankommt gegen die Schwarmintelligenz kluger Schafe. Er ist nicht ungeschoren davongekommen. Mit nichts bewaffnet als mit Stimmzetteln haben die klugen Schafe den Leitwolf sauber verjagt.
Es kommt darauf an, dass wir „ohne Falsch wie die Tauben“ in geduldiger sauberer Überzeugungsarbeit die Schafe schlau machen. Wir lassen uns nicht einschüchtern von denen, die meinen, sie könnten uns für dumm verkaufen. So kann sich die Schwarmintelligenz durchsetzen, die auf den Weg zum Reich des barmherzigen Gottes der Gerechtigkeit führt. Als Christen dürfen wir auf die Klugheit der Schafe vertrauen. Lassen wir uns von dem Kind in der Krippe neu dazu berufen, nicht reißende Wölfe, sondern saubere schlaue Schafe zu sein. Amen.